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Full text of "Deutsche Zeitschrift für Geschichtswissenschaft"

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DEUTSCHE ZEITSCHRIFT 



'^'^ FÜR 



GESCHICHTSWISSENSCHAFT 



HERAUSGEGEBEN 



VON 



L- G^ xj I r) r) E- 



SIEBENTER BAND. 
JAHRGANG 1892, BAND I. 




PREIBURG I. B. 1892. 
AKADEMISCHE VERLAGSBUCHHANDLUNG VON J. C. B. MOHR 

(PAUL SIEBECK). 



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L- 




Drock der Unioii Deutsche Verlagsgeaellschaft in Stuttgart 



Inhalt. 



Seite 

AbluuLdliuigen und Kleine MittheüüBgen. 

Die Anfänge Constantin's des Grossen. Von Otto See ck 41—107, 189—281 
Das Deutsche Geistesleben nnter den Ottonen. Von Karl Lam- 
precht 1—40 

Die Statuten des Deutschen Ordens. Von K. Lohroeyer . . 138—142 
Die Handschriften der ,Istorie pistolesi*. Von Ludwig Zde- 

kauer 819—823 

Die Vorgeschichte der Thronrevolution von 1400 in officiOser Dar- 
stellung. Aus dem Nachlasse Jul. Weizs&cker^s . . . 142 — 147 
König Sigmund und Filippo Maria Visconti im Jahre 1413. Von 

Karl Schellhass 323-826 

Die Ungarisch-Russische Allianz von 1482 — 1490. Von Paul 

Karge 826—333 

Nuntiaturberichte aus Deutschland. Von H. Baumgarten. . 333 — 336 
Die Römische Curie und die Bartholomäusnacht Von Martin 

Philippson 108—137 

Znr p&pstlichen Feier der Bartholomäusnacht Von O.Hartwig 341 
Der Fälscher der Briefschaften des Grafen d 'Estrad es aus den 

Jahren 1687 und 1638. Von B. Kindt 147—153 

Fehrbellin. Von Georg Sello 282—818 

Der Struensee^sche Frocess. Von Konrad Maurer .... 886—341 

Erklärung. Von W. BrOcking 153 

Beriohte und BespreohnngeiL 

Neuere Literatur zur Geschichte Frankreichs i. Mittelalter. Von 

A. Molinier 842-375 

(Beilage) Literatur von etwa 1889—1891 zur Geschichte Eng- 
lands 1066 bis 1272. Von F. Liebermann .... El-80 

Nachriohten nnd Notizen. 

Nr. 1-17. Monumenta Germaniae. — 18. Limescommission. — 
19-21. Gomenius-Gesellschaft. — 22-84. Deutsche Provin- 
zialyereine. — 35. Versammlungen im J. 1892. — 86-49. 
Archive^ Bibliotheken und Museen. — 50. Denkmälerschutz. 



IV Inhalt. 

Seite 

— 51. Freiheit historischer Forschung. — 52-56. unter- 

richtsreform in Preussen. — 57, Archäolog. Feriencnrse. — 
58. Ein neuer Grundriss der Weltgeschichte. — 59-63. Biblio- 
graphische Handbücher. — 64-69. Hilfswissenschaftliche 
Handbücher. — 70-74. Zeitschriften. — 75-85. Literatur- 
notizen zur Geschichte Italiens. II. Theil: Territorialge- 
schichte. — 86-88. Preisausschreiben. — 89-96. Persona- 
lien. — 97-104. Todesfalle, u. a. Löher, P. Roth, Freeman, 

Lexer 154—188 

Nr. 107-115. Yersauimlung Deutscher Historiker in München. 

— 115 a. Freiheit historischer Forschung (Nachtrag). — 116. 
Versammlungen. — 117-131. Monumenta Germaniae histo- 
rica. — 132-134. Berliner Akademie. — 135-140. Istituto 
Austriaco di studi storici. — 141. Ungar, historisches 
Institut. — 142. Römisches Institut der Görres-Gesellschaft. 

— 143. Leo-Gesellschaft. — 144-146. Historische Commission 
f. Geschichte der Juden in Deutschland. — 147. Verein 
f. Reformationsgeschichte. — 148-150. Goethe-Gesellschaft. 
151-154. Hansischer Geschichtsverein. — 155-163.^ Gesell- 
schaft für Rheinische Geschichtskunde. — 164-166. Aus- 
wärtige Gesellschaften. — 167-171. Provinzialvereine und 
Provinzialzeitfichriften. — 172-178. Andere Zeitschriften. 
— 179. Handbücher: Langlois u. Stein. — 180-210. Literatur- 
notizen zur ausserdeutschen Geschichte. Bearbeitet von 
G. Sommerfei dt: Alterthum bis zum Ende der Röpiischen 
Weltherrschaft; Christliche Urzeit. — 211-215. Preis- 
ausschreiben. — 216-229. Personalien. — 230-238. Todesfälle 376—416 

Antiquarische Kataloge 188. 416 

Bibliographie zur Dentsohen Gesohiohte. 

Gruppe I-HI, 3 [d. i. bis 1648, das Uebrige s. im folgenden Bande] : 
Literatur von Anfang Juli 1891 bis Ende März 1892. Be- 
arbeitet von Dr. Oscar Mas slow und Dr. Gustav 

Sommerfeldt ♦l-*94 

I. Allgemeines, Nr. 1-79, p. 1-8. — IL Mittelalter, Nr. 80 555, 
p. 8-66. — III, 1-3. Neuzeit, bis zum Westfälischen 
Frieden, Nr. 556-797, p. 66-94. 



Das Deutsche Geistesleben unter den Ottonen. 

Von 

Karl Lampreeht. 

I. 

Die weltgeschichtliche Aufgabe der Fränkischen Monarchie 
der Merowingen und der Karlingen war es gewesen, eine erste 
Einwirkung des antiken und des christlichen Geistes auf die 
Germanische Entwicklung anzubahnen. Zu diesem Zwecke be- 
durfte es keiner eigenartig entwickelten Verfassung dieser Reiche 
im Sinne einer tieferen Organisation des Volkslebens. Sie ist in 
der That auch nur von Karl dem Grossen versucht worden; 
im Allgemeinen hat man sich mit einer Gewalt der Gentral- 
regierung im Sinne der Despotie begnügt 

Allein eine solche Gewalt war ungermanisch und konnte einen 
Theil ihres Rechtes nur aus Römischer Tradition ableiten. So 
hat es schon im Merowingischen Hause nicht an Römischer Re- 
gierungsverfassung unter Germanischer Form gefehlt; wie weit 
sie der Dynastie in's Blut gedrungen, zeigt die entscheidende 
Rolle, welche Frauen während des 6. und 7. Jhs. wiederholt als 
Königinnen in ganz ungermanischer Weise gespielt haben. 

Mit der Stärkung des Kön^thums unter den Earlingen, vol- 
lends mit Annahme des Kaiserthums durch Karl den Grossen 
entfaltete sich der Römisch-absolutistische Zug der Regierung 
noch mehr, wenigstens insofern man das Staatsideal der spät- 
romischen Zeit in dem Gedanken findet, dass innerhalb des Staats- 
gebietes nur Eine wirkende Kraft bestehe, die monarchische Ge- 
walt, die von oben herab, von Einem Mittelpunkte her gleich- 
massig und gleichartig, möglichst ohne Unterscheidung räumlich 
und geschichtlich charakterisirter Gliederungen auf das Ganze 
wirke. Schon PippiA entwickelte neben den alten Volksrechten 

Deutsche ZeUtobr. f. Gesohiehtaw. VII. 1. 1 



2 K. Lamprecht. 

der Stämme das neue, einheitliche Königsrecht zu einem Mittel 
der Centralisation ; Karl der Grosse hatte dann das bewusste 
Streben, die Ungleichheiten des Rechtes zwischen den einzelnen 
Landestheilen überhaupt zu beseitigen. Noch mehr: auch auf 
den übrigen Guliurgebieten sollten unter ihm gleiche Befehle 
überall befolgt, gleiche Fortschritte allenthalben gemacht werden. 
Dieselben Ritualbücher sollten dem Dienst i^Uer Kirchen zu Ghrunde 
liegen, als ausnahmsloser Segen sollte die allgemeine Schul- 
pflicht allen Theilen des Reiches zu Gute kommen. 

Doch wie weit blieb die Wirklichkeit hinter dem Idealbilde 
zurück, dessen ebenmässige Linien dem grossen Kaiser vorschwebten. 
Die Volksrechte, welche nach kaiserlichem Plane zu Gunsten eines 
allgemeinen Reichsrechtes allmählich in den Hintergrund gedrängt 
werden sollten , lebten noch Jahrhunderte fort ; die kaiserlichen 
Verordnungen zerflogen im Sturm des 9. Jahrhunderts wie lose 
Blätter zur Herbstzeit, nicht einmal im Archive des Reiches be- 
fand sich deren vollständige Sammlung. Die Verwaltung, eine 
Zeit lang stramm organisirt, verflel dem schleichenden Gift des 
Lehenswesens — und auch dieses wiederum verbreitete sich nur 
sehr ungleich und in sehr verschiedener Schnelligkeit in den ein- 
zelnen Reichstheilen, am spätesten im Deutschen Osten. 

In Ostfranken überhaupt kam es schon in der zweiten Hälfte 
des 9. Jahrhunderts dazu, dass die Gesetzgebung erstarrte und 
das verwaltungsmässige Schreibwesen der Centralstelle einschlief. 
Die Ottonische Zeit hat beide dann nur in massigen Grenzen 
wieder belebt und erweckt; im Ganzen bestand auch im 10. Jahr- 
hundert keine Staatsverwaltung in unserem Sinne : alles was von 
oben herab geschah, beruhte auf persönlichen Anregungen und 
Kräften. Denn eben darin beruht die Eigenheit des mittelalter- 
lichen Staatswesens vor dem spät classischen wie modernen, dass 
es klare, objective Grenzen staatlicher Wirksamkeit nicht kennt, 
— freilich ihrer auch nicht bedarf, um etwa allzustarken sub- 
jectivistischen Neigungen der Individuen entgegenzutreten, da 
diese noch nicht vorhanden sind. 

Indem sich aber nun die spätkarlingische , noch mehr die 
frühdttonische Periode in Deutschland von den absolutistischen 
Fesseln des üniversalstaates befreite, tauchten aus der Verschüt- 
tung j^ langer Zeiten die Germanischen Grundlagen staatlicher Ver- 
fassung von Neuem empor. Sie alle wiesen auf die Grundlage 
der Stämme: erst mühsam und nur in buhdesstaatlichem Sinne 



r 



Deutsches Geistesleben unter den Ottonen. ^ 

überwanden die Ottonischen Herrscher diese Orundlage und be-^ 
gannen sie durch die weitere des Reiches zu ersetzen. 

Innerhalb der Stamme aber lebte sogar die uralte Anschau- 
ung von dem geschlechtlichen Zusammenhang aller Stammesge- 
nossen und von der natürlichen Begründung alles Rechtes wenigstens 
im Privatrecht noch fort: noch galt der Grundsatz persönlichen 
Rechtes, wonach Jedermann das besondere Recht des Stammes 
genoss, in dem er geboren. Dagegen waren die Erinnerungen 
an den alten Völkerschaftsstaat der Germanischen Urzeit verblasst, 
ja völlig abgestorben ; die Earlingische Verwaltungsthätigkeit und 
die Zunahme der Bevölkerung hatten in gleicher Weise vielfach 
zu Theilungen der Gaue, der alten Völkerschaftsgebiete, und da- 
mit zur Ertötung ihres Sonderlebens geführt. 

Qm so gewaltiger wuchs die Idee einer Gesammtverfassung 
jedes Stammes; gegen Schluss der Karlingenzeit hatte sie in allen 
Stammen, mit Ausnahme der Thüringer und Friesen, zur er- 
neuten Begründung von Herzogthümem von fast durchweg ein- 
heimischen Verfassungsmotiven aus geführt: als politische Ge- 
walten begrüssten die Stämme die Wende des 9. und 10. Jahr- 
hunderts. 

Politische Gewalten blieben die Stämme auch noch im ganzen 
Verlauf des 10. Jahrhunderts und weit darüber hinaus, mochten 
auch die Ottonen bereits es mit Erfolg versuchen , die anfangs 
noch autonomen Herzöge zu sozusagen dynastischen Beamten 
hinabzudrücken. Denn unter den Herzögen blühten trotzdem die 
Landtage der Stämme noch lange in der vollen Selbständigkeit 
altgermanischer Zeiten : wagt doch der Sächsische Landtag sogar 
seinem königlichen Herzog Otto noch zu widersprechen *. Auch 
die gesetzgeberische Freiheit ging den Stämmen noch nicht ver- 
loren; wir besitzen ein Fränkisches Sendrecht der Wenden an 
Main und Rednitz wohl vom J. 930 ^ und die Bairischen Gesetze 
von Ranshofen aus dem Ende des 10. Jahrhunderts. Erst im Laufe des 
11. Jahrhunderts geriethen die alten Volksrechte der Stämme in 
Vergessenheit — , aber auch dann blieben die Stämme noch Träger 
neaer Bildungen des Gewohnheitsrechts so lange, dass sich sogar 
die Stadtrechte des 18. und 14. Jahrhunderts, obwohl gänzlich 



» Widukind 3, 70. 

* Dove, Z. für Kirchenrecht 4, 157 f. Zur Datierung s. Schröder, 
Di RechtBgesch. 8. 682 Anm. 2. 

1* 



4 K. Lamprecht. 

veränderteni Bechtsboden entwachseD, noch nach der Zugehörig- 
keit zu bestimmten Stammen gruppiren. 

In der Verfassung freilich war um diese Zeit die unmittel- 
bare Bedeutung der Stamme schon fast gänzlich beseitigt. Be- 
reits in den späteren Jahren der Ottonen wurde Lothringen in 
zwei Herzogthümer getheilt, in Sachsen das Herzogthura der 
Billunger geschaffen, das dem Stammesumfang nicht mehr ent- 
sprach, endlich Kärnthen, ein Golonialland, zum Herzogthum er- 
hoben. Dem folgten unter Saliern und Staufem eine Fülle wei- 
terer Theilungen und Erhebungen kleinerer Herrschaften zu her- 
zoglicher Würde: fierzogthum und Stammesgebiet entsprachen 
sich seit dem Ende des 12. Jahrhunderts der Regel nach nicht 
mehr. Für die Ausgestaltung des EurfürstencoUegiums in der 
zweiten Hälfte des 13. Jahrhunderts, der wichtigsten verfassungs- 
mässigen Neuschöpfung dieser Zeit, hat dann die Rücksicht auf 
die Vertretung der Stämme nur noch mittelbar Bedeutung gehabt. 

So ist das 10. Jahrhundert die letzte und höchste Blüthe- 
zeit jenes grossen Abschnittes unserer nationalen Entwicklung, 
der sich an das politische Eigenleben der Stamme knüpft. Nur 
langsam hatten diese Stämme sich in den Wellen der Völker- 
wanderung gebildet; erst im 7. Jahrhundert hatten sich ihre 
Herzogthümer überall innerhalb Deutscher Grenzen stärker ent- 
wickelt; nicht vor dem 8. Jahrhundert waren sie des völker- 
schaftlichen Sondergeistes innerhalb ihrer einzelnen Gaue Herr 
geworden. Dann, als ihre grosse Zeit schon zu nahen schien, waren 
sie untergetaucht in der Hochfluth des Earlingischen universal- 
reiches. 

Aber mit nichten waren sie von ihr zerschellt worden oder 
versandet Als das grosse Reich zerfällt und die Sondergewalten 
rechts des Rheines wieder emportauchen, da finden wir sie wohl 
inzwischen verändert und entwickelt, aber weder uniformirt noch 
geknickt. Noch haben wir es mit individuellen, greifbar ver- 
schiedenen Staatsbildungen, wenn auch des gleichen Typus zu 
thun. In Sachsen erscheint der Herzog noch mehr als Gleicher 
unter Gleichen, es giebt keine herzoglichen Hof tage, sondern nur 
Landtage der Grossen zur Regelung der Stammesangelegenheiten ; 
in Baiem dagegen ist der Hoftag zu Regensburg, der Residenz 
des Herzogs, auch Landtag, und späterhin erscheint der Herzog 
als Lehnsherr fast aller Grossen des Stammes. 

Neben dieser Individualisirung der Stammesverfassungen — 



Deutsches Geistesleben unter den Ottonen. 5 

einem Zeichen ihrer noch yoUsaftigen Kraft — herrscht überall 
in gleicher Sicherheit das alte Stammesgefühl ; und bei den 
Sachsen, dem fahrenden Stamm des Reiches, erhebt es sich noch 
zu so sonnigen Höhen stolzer Empfindung, wie nur jemals bei 
den Franken in der Entstehnngszeit des Salischen Rechtes. Äjich 
jetzt noch rühmen sich die Sachsen als das auserwählte, das altedle 
Volk voll Heldenkraft ; als Schrecken aller Nachbarvölker über- 
winden sie ihre Feinde noch altgermanisch mit treuloser List und 
grausamer Härte. Doch höchsten Ursprungs und Tom tapfersten 
Stamm haben sie gleichwohl an Ruhm noch gewonnen, seitdem 
sie durch König Karls Hülfe den Weg des Heiles wandeln ; mit 
der üebertragung des h. Veit aus Fränkischem Boden in ihr 
Land ist über sie die Kraft der Franken und des Ghristenthums 
zugleich gekommen. Derjenige, der uns diese eigenartige Ge- 
schichtsphilosophie aus Sächsischem Gesichtspunkte rermittelt hat, 
ist Widukind, der letzte unserer grossen Stammeshistoriker, ein 
nicht unwürdiger Nachfolger eines Gregor yon Tours und eines 
Paulus Diaconus — ein Sohn seines Stammes, dem es selbst in 
den fruchtbaren Tagen der Gründung des Reiches nicht einfiel, 
etwas Anderes für überliefernswerth zu halten, als die Geschichte 
des Sächsischen Stamms und der Sächsischen Fürsten. 

U. 

Wenn es wahr ist, dass die Fortschritte der geistigen Gultur 
abhängig sind von der jeweiligen Ausgestaltung von Staat und 
Gesellschaft und deren Rückwirkung auf die Entfaltung der Ge- 
sammtpersönlichkeit eines Volkes, so versteht es sich, dass mit 
dem üebergang vom Völkerschaftsstaate der Urzeit zum Stammes- 
staat des 5. bis 10* Jahrhunderts die grössten Wandlungen der 
Germanischen Volksseele und ihrer Gultur erfolgt sein müssen. 
In der That braucht man sich nur die ungeheure Verschiedenheit 
des Taciteischen Staates vom Stammesstaat des 10. Jhs., des 
agrarischen Gommunismus und der gebundenen Geschlechterver- 
fassung der Urzeit von der genossenschaftlichen Ausgestaltung des 
Agrarwesens und der Familie der Ottonenzeit zu vergegenwärtigen, 
um das zu verstehen. Freilich hat zu dem Fortschritt, der durch 
diese Grenzerscheinungen bezeichnet wird, nicht bloss die ein- 
heimisch-immanente Entwicklung, sondern nicht minder die Re- 
ception christlicher und antiker Elemente namentlich seit der Kar- 



^ . K. Lamprecbt. 

liogischeii Renaissance beigetragen. Das gilt sogar für das in 
besonders hohem Grade nationale Gebiet des Rechts. 

Hier hat vielfach erst der Einfluss der classisch-absoluti- 
stischen Strömung unter den Karlingen die starre Gebundenheit dea 
Bechtszwanges gebrochen. Die todte Macht uralter Formeln und 
Formalbr&uche, welche früher das Processrecht völlig beherrschte \ 
ist nun geschwunden. Schon im 9. Jh. ladet der königliche 
Richter die Parteien vor Gericht, nicht mehr der Kläger den Be- 
klagten kraft bindender, unpersönlicher Formel; vom Richter wird 
auch die Verhandlung geleitet, nicht mehr vom unverständlich 
gewordenen Zwang symbolischer Handlungen ; unter den Beweis- 
mitteln wird der Eid persönlicher gestaltet, bei den Zeugen wird 
eine innere Bürgschaft für deren Glaubwürdigkeit gesucht, der 
Beweis durch Urkunden wird angebahnt neben den alten formali- 
stischen Beweisen durch Gottesurtheil ^ und Eide. 

Wurde das Individuum im Processrecht freier gestellt vor- 
nehmlich durch königliche Eingriffe ins Yolksrecht, so verschaffte 
ihm die Fortbildung der Yolksrechte auf Stammesboden grössere 
Freiheit auch als Subject von Rechten. Namentlich wurde auf 
diesem Gebiete der altgermanische Grundsatz der Baarverträge zu 
Gunsten der Selbstbürgschafft des Schuldners allmählich verlassen ^. 
Es waren Fortschritte, die zugleich den rechtlichen Begriff der 
Freiheit zu heben begannen. Der Verlust der Freiheit bei Zah- 
lungsunfähigkeit war wohl anfangs Recht auch noch der Stam- 
mesperiode ^. Doch bald wird die Schuldknechtschaft nicht mehr 
als endgiltige Aufhebung, sondern nur noch als zeitweise Ver- 
pfändung der Freiheit gefasst: die Freiheit erscheint als ein in 
diesem Falle unveräusserliches Eigen des Freigeborenen. Spielten 
aber schon in der Durchbildung einer volleren juristischen Per- 
sönlichkeit des Freien volkswirtschaftliche Momente, so nament- 
lich der Eintritt eines gewissen Verkehrs, mit, so war die unmittel- 
bare Wirkung der agrarischen Entwicklung noch weit bedeutender. 

* S. Lamprecht, Deutsche Geschichte Bd. I, 184 f. 

* Für die Gottesurtheile muss schon Karl der Grosse einschärfen: ut 
oxnnea iudicium Dei credant absqae dubitatione ; Cap. miss. Aquisgr. (809) 
e. 20. LL. Capp. 8. 150. Die Gottesurtheile wurden von der Kirche völlig 
verchristlicht und so gestützt, s. die Ordines iudiciorum Dei bei Z e um e r » 
Formulae S. 599 ff. 

* S. dazu Schröder, Rechtsgesch. S. 283. 

* Wenigstens fQr gerichtliche Strafen, vgl. Richthofe n, LL. 5, 42 
Anm. 45. 



DentBches Geiatealeben unter den Ottonen. 7 

Die Markgenossenschaft selbst der ausgehenden Deutschen Urzeit 
hatte der Regel nach wohl noch in Feldgemeinschaft gelebt : ge-^ 
meinsam hatte man gesät und geemtet, jede besondere wirthschafi;- 
liehe Initiative des Einzelnen war erstickt worden im communi- 
stischen Getriebe des Ausbaus. Wie anders gedieh das Leben der 
Markgenossenschaft des 10. Jahrhunderts ! Schon längst war jeder 
Bauer im privaten Besitze des Orundes und Bodens, den er be* 
stellte ; gemeinsam war nur noch die extensive Nutzung von Weide 
und Wald, von Wasser und Jagdgrund. Zwar galten dabei für 
den Anbau der Felder immer noch die harten, aus der ursprüng- 
lichen Anlage der Flur leicht erklärlichen Gesetze des Flurzwangs: 
alle Bauern desselben Dorfes mussten auf den Aeckem desselben 
Flnrabschnittes das gleiche Korn zu gleicher Zeit säen, zu gleicher 
Zeit ernten, da sie zumeist keinen Weg, der zu ihrem speciellen 
Äcker führte, besassen : allein dieser Flurzwang, an sich immerhin 
noch eine ungemein starke Fessel der wirtschaftlichen Persön- 
lichkeit, war gleichwohl ein unendlicher Fortschritt gegenüber 
dem agranschen Gommunismus der Urzeit. 

und was noch viel mehr besagen wollte : auch auf dem Ge- 
biete des Familien- und Ehelebens waren die Schranken der Vor- 
zeit während der Dauer der Stammesstaaten in vieler Hinsicht 
gefallen. 

In der Urzeit war das Leben nicht bloss des Individuums, 
nein auch noch der Familie aufs engste in dem Schoosse des 
grossen Geschlechtes gebettet gewesen mit seinen Yerwandtschafts- 
ringen bis ins siebente und in fernere Glieder ; noch nicht völlig 
hatte man das S^italter vergessen gehabt, in der das Geschlecht 
einstmals zugleich die einzige kriegerische und staatliche Insti- 
tution des Volkes gewesen K Jetzt dagegen hatten langsame, 
aber grundstürzende Wandlungen die Bedeutung des Geschlechtes 
wenn nicht beseitigt, so doch völlig in den Hintergrund geschoben. 
Nachdem noch für die Besiedlung des Landes in einzelnen Dörfern 
vielfach der genealogische Gesichtspunkt massgebend gewesen 
war, so dass die Dorfgenossen anfangs zugleich Genossen Eines 
Greschlechtes waren, hatte sich an diese Stelle immer mehr der 
locale Gesichtspunkt geschoben. Geschlechts- und Dorfgenossen 
wanderten aus. Fremde wanderten zu, schon im 7. und 8. Jahrh. 
verdunkelten diese Vorgänge die alten geschlechtlichen Beziehungen 
des Zusammenlebens. Im 9. und 10. Jahrh. weiss man fast nichts 



* Vgl. Lamprecht, Deutsche Geschichte Bd. I, 162 ff. 



8 K. Lamprecht. 

mehr davon; die nachbarlichen Beziehungen allein bestimmen 
nunmehr das gegenseitige Yerhältniss der Dorfgenossen : der alte 
geschlechtliche Zusammenhang ist nicht bloss seiner wirthschafb- 
liehen Stützung verlustig gegangen , die wirthschaftliche Entwick- 
lung hat ihn geradezu durchbrochen. 

Noch starker trug das Wirthschafteleben mittelbar, durch 
seine socialen Folgen, zur Zerstörung der alten Geschlechts zu- 
sammenhänge bei. Indem seit dem 6. Jh. immer gewaltiger 
der Unterschied zwischen agrarischem Beichthum und agrarischer 
Ärmuth auftrat mit dem schliesslichen Ergebniss, dass in Karlin- 
gischer Zeit Massen freier Leute in die Abhängigkeit der Orund- 
herren, schliesslich in halbe Unfreiheit geriethen, wurde naturge- 
mäss der verwandtschaftliche Zusammenhang dieser minder Glück- 
lichen gegenüber vollfrei bleibenden Mitgliedern ihres Geschlechts 
gelockert: die alten engen Beziehungen verwandtschaftlichen Zu- 
sammenlebens schwächten sich ab, bis das geschlechtliche Band 
schliesslich völlig gesprengt ward. 

Das alles waren Vorgänge, die der Staat, der alte Feind 
der urgermanischen Geschlechterverfassung, zu fernereu Eingriffen 
benützte und ausweitete. Jetzt erst beginnt er völlig über das 
Geschlecht zu triumphiren als Schützer der öffentlichen Interessen ; 
jetzt erst naht er sich dem Individuum unvermittelt mit seinen 
Ansprüchen und Segnungen . Er beschränkt die Erbfähigkeit der 
Gesippten auf den fünften bis siebenten Grad : sind Erben dieser 
Grade nicht vorhanden, so fällt der Nachlass als erbenlos an den 
Fiscus : jeder über den fünften bis siebenten Grad hinaus reich- 
ende Geschlechtszusammenhang wird unterbunden. Noch mehr; 
die Antheilsfähigkeit der Gesippten an Fehde und Wergeid wird 
auf den dritten und vierten Grad zurückgeschraubt ' ; eine neue 
Verstümmelung der Geschlecht^zusammenhänge ist die Folge. 
Ja darüber hinaus geht noch die Karlingische Gesetzgebung : sie 
sucht neben der Ausdehnung namentlich auch die Functionen 
des Geschlechtsverbandes zu beseitigen. Die Gesammtvormund- 
Schaft des Geschlechts über seine Unmündigen ist ihr zuwider, 
die Eideshilfe der Geschlechtsgenossen weiss sie mit theilweisem 



1 Für Friesen und Sachsen wenigstens ist die Theilnahme des Gre- 
schlechtes am Empfang des Wergeides noch für Earlingische Zeit sicher. 
Hierher wird wohl auch das premium von 120 s. in L. Sax. 14 zu ziehen 
sein; s. SchrOder, Dt. Bechtsgesch. S. 334 Anm. 20 gegen Brunn er 
in Z. f. RechtsG. XVI, 5 ff. 



Deutsches Geistesleben unier den Ottonen. 9 

Erfolg za unterdrücken, selbst gegen die kemhafteste Einrichtung 
alles Gesdilecfatsverbands, gegen die Blutrache, wagt Karl der 
Grosse den Angriff ^ Freilich blieb ^er erfolglos, nicht minder 
wie die umfangreiche Gesetzgebung der Kirche, die vergebens 
nicht bloss den Germanischen Geschlechtsverband, sondern auch 
die Deutschen Vorstellungen von Familie und Ehe überhaupt zu 
Gunsten geistlich-Römischen Rechts zu unterdrücken suchte ^. 

Gleichwohl stand als Ergebniss aller feindlichen Einflüsse 
im 10. Jh. fest, dass die alte Geschlechtsverfassung bis auf 
nnzasammenhängende Ueberreste beseitigt war ; im Sachsenspiegel 
' des 18. Jhs. zeigen sich nur noch geringe und archaische 
Spuren eines Verständnisses für den einst so wichtigen unter- 
schied zwischen Familie und Geschlecht ^. Im Uebrigen hatte 
sich schon seit Karlingischer Zeit aus der Umhüllung des Ge- 
schlechtes die Familie als eigentliche ürzelle des Volkslebens heraus- 
geschält: ihre Verfassung beherrscht von nun ab die persönlichen 
Schicksale unserer Ahnen. 

Doch war die Familie des Stammesstaates noch unendlich 
verschieden von der unserer Zeiten. Schon die Vorgänge bei der 
Begründung ^-ichen von den heutigen noch völlig ab. Bei Thü- 
ringern, Sachsen und Friesen finden sich noch Resterscheinungen 
des Brautkaufes, und überall tritt die Braut noch nicht selbständig, 
als Vertragsschliesserin, in die Ehe, wenn es ihr auch gestattet 
wird, die Zustimmung formlos zu äussern: der eigentlich ver- 
tragschliessende Theil bleibt ihr Vater oder Vormund. In der Ehe 
selbst aber ist der Mann noch Herr in alter Weise; sein ehe- 
herrlicher Schutz erstreckt sich gleichmässig über Frau, Kinder 
und Gesinde, und er ist streng bis zum Recht der Tödtung und Ver- 
knechtung der Kinder sowie des Heirathszwangs gegen die Töchter. 
Dabei hört er keineswegs etwa für die Söhne bei erreichter Voll- 
jährigkeit auf: erst der Sohn, der eigenes Vermögen besitzt, tritt 
aus dem Schutz- und Herrschaftsbereich des Vaters. 

Es hängt das mit der Gonstruction der wirthschaftlichen 
Grundlagen des Familienlebens zusammen. Eine breite ökono- 
mische Basis, die die Individualisirung des Familienvermögens, 
seine Zertheilung in Einzelvermögen der Frau und der Kinder ge- 
stattet, wird immer nur hohen Gulturen angehören. Hierzu waren 

* Doch vgl. für den Misserfolg u. a. Rod. Glaber, Vita Wilhelmi c. 2. 
« Man vgl. noch Vita Adelb. II Mett. c. 16 (1005), dazu Tbietm. 6, c. 21. 

* Vgl. Sachsensp. I, 3 § 8. 



10 K. Lamprecht. 

in den Zeiten des Stammeslebens kaum schüchterne Anfange 
vorhanden : schon deshalb nicht, weil das Familienvermögen, za* 
meist aus Orundeigen bestehend, schon seinerseits wiederum an 
die starren Wirthschaftsvorschriften der markgenössischen Ver- 
fassung gebunden war. 

So war das Familienvermögen durchaus einheitlich und keiner 
Theilung unter Lebenden fähig, ja es ward nicht einmal als im 
Eigenthum der jeweils lebenden Familie oder des Vaters befind- 
lich angesehen, sondern galt gleichsam nur als ein Nutzungs- 
capital, das die Familien der beiderseitigen Oatten zu deren Ge- 
brauch zusammengeschossen hatten: kehrte es doch bei kinder- 
losem Tode der Ehegatten nach seinen ursprüu glichen Bestand - 
theilen in deren beiderseitige Familien zurück. 

In der Familie selbst aber ward es in so hohem Grade als 
fester untheilbarer Stock betrachtet, dass noch in später Zeit 
wenigstens in bäuerlichen und adlichen Kreisen die Söhne als 
gleichberechtigte Erben das elterliche Gut nicht zu theilen, 
sondern in gemeinschaftlicher Wirthschaft, als Ganerben, weiter 
zu nutzen pflegten. 

Nur war freilich schon seit der Zeit der Volksrechte, etwa 
seit Ende des 6. Jhs., in diese engste Gebundenheit Bresche 
gelegt. Man begann für den früheren Todesfall des Mannes das 
Schicksal der überlebenden Frau durch Ausscheidung eines Wit- 
thums sicher zu stellen ; und seit dem 9. Jh. war dieses Witthuni 
bei den Franken schon bis zu einem Drittel des gegenwärtigen 
oder zukünftigen Vermögens des Mannes angewachsen. Man be- 
gann femer neben dem alten obligatorischen Erbrecht doch die 
Möglichkeit einer vertragsmässigen Erbfolge zu entwickeln ; wenn 
sie einstweilen auch nur durch das starke Mittel einer Adoption 
des gemeinten Erben erlangt werden konnte. Aber es waren 
immerhin Anfänge, ihnen folgend sollte etwa um die Mitte des 
12, Jhs. das gesetzliche Warterecht der obligatorischen Erben 
eine erstmalige wesentliche Abschwächung erfahren, bis seit der 
Wende des 12. und 13. Jhs. Testamente mit einem freien Recht 
der Testirung gewöhnlicher werden. 

Indess auch noch die Ehe und Familie des 13. Jhs. ist 
keineswegs unseren heutigen Institutionen schon ähnlich, um wie 
viel weniger Ehe und Familie der Ottonenzeit. Noch galt bei 
aller formellen Ritterlichkeit, welche Frauen gegenüber schon 
die Volksrechte gebieten, eheliche Treue nur als Erfordemiss der 



Deutsches Geistesleben unter den Ottonen. 11 

Gattin ; gesetzliche Anerkennung unehelicher Kinder als nothwen- 
dige Ehrenpflicht des Vaters kennen erst Sitte und Recht des 
13. Jhs. Noch war der Ehemann absoluter Herr über das 
Schicksal der Seinen ; erst in zweiter Linie standen seine Pflichten 
als liebender Vater und Gatte. Dementsprechend war das Schick- 
sal der Frau eng b^renzt, und die Erziehuug der Kinder ver- 
lief in den starren Formen absoluten Gehorsams ^ Nicht die 
freien Triebe der Liebe gaben dem Menschen des 10. Jahrhs. das 
Gepräge, nicht Pietät beherrschte zunächst das sittliche Leben; 
Autorität und Herrschaft waren die wesentlichen Triebkräfte für 
die Ausgestaltung des persönlich-sittlichen Daseins und der Ge- 
seUscbaft. Nur yon diesem Gesichtspunkte aus wird man die 
eigenartige, typische Gebundenheit der Persönlichkeit verstehen, 
wie sie im sittlichen, intellectuellen und ästhetischen wie nicht 
minder im religiösen Dasein der Ottonenzeit uns entgegentritt. 

m. 

Die Sittlichkeit ist nur da individuell, wo sie auf Sponta- 
neität, auf gesunder Anwendung einer hochentwickelten Frei- 
heit des Willens, beruht. In Zeiten niedrigerer Cultur wird sie 
durch Sitte und Recht ersetzt, in noch früheren Perioden durch 
das Recht allein, insofeme noch jeder Grundsatz der Sitte eine 
volle rechtliche Fassung erhält , die ihn in der stricten Form 
eines absoluten Gebotes oder Verbotes erscheinen lässt. 

Das Zeitalter des Deutchen Stammeslebens war schon hinaus 
über eine völlig rechtliche Fassung sittlicher Vorschriften, aber 
noch immer bewahrten seine sittlichen Begriffe eine höchst eigen- 
artige, formale Gebundenheit. 

Als König Heinrich L und König Karl von Westfranken im 
Jahre 921 einen Bund auf dem Rheine bei Bonn schliessen, da 
schwören sie sich gegenseitig durch den Mund ihrer Getreuen: 
Ich werde von heut ab meinem Freunde Freund sein, wie nach 
Recht der Freund seinem Freund sein muss in bestem Wissen 
aod Können, doch nur unter der Bedingung, dass er mir eben- 



* Es braucht wohl kaum gesagt zu werden, dass trotzdem ein glück- 
liches Familienleben, nur in andern als den modernen Formen, möglich 
war. Mit Recht spricht Nitzsoh in seiner Deutschen Geschichte wieder- 
holt Yon dem schönen Familienleben der frühern Liudolfinger. Man vgl. 
namentlich Vita Hathumod. c. 19 und 21. 



12 K* Lamprecht. 

denselben Eid schwören und sein Versprechen halten wird: das 
möge mir Gott helfen und diese heiligen Reliquien. Es li^t 
hier eine reciproke Auffassung gegenseitiger freundschaftlicher 
Beziehungen vor, die äusserlich noch völlig rechtlich gebunden 
erscheint. Es ist nur ein Beispiel fttr die Auffassung sittlicher 
Verpflichtungen während der Stammeszeit überhaupt ^. 

So war die Schenkung des 6. bis 8. Jahrhunderts stets eine 
Vergabung auf eventuelle Rückforderung im Fall der Undank- 
barkeit des Beschenkten ^, sie hatte also thatsächlich ein rechtlich 
gebundenes Verhältniss zwischen Beschenktem und Schenkgeber 
zur Folge; nie war sie ein Ausfluss sittlich völlig freier Regung '. 
Dem entsprechend hält das Deutsche Recht bis tief ins Mittel- 
alter hinein fest an dem Grundsatz der Entgeltlichkeit aller Ver- 
träge : jede an sich noch so unentgelth'che Leistung verlangte, um 
rechtsbeständig zu werden, eine wenn auch noch so unbedeutende 
Gegenleistung im Sinne eines Handgeldes. 

Nirgends ist diese Reciprocität der sittlichen Begriffe klarer 
ausgeprägt und stärker betont, als in der Gonstruction des spe- 
ciell Germanischen Begriffs der Treue. Treue im Sinne des frühen 
Mittelalters ist als einseitige Leistung überhaupt undenkbar: stets 
setzt sie das formell in bestimmtester Weise geregelte Entgegen- 
kommen Dessen voraus, dem Treue geleistet wird. Wir können 
diese doppelte Wirkung des Begriffs noch heute in dem Worte 
,hold^ übersehen. ,Hold^ bedeutet zunächst nach unserem Sprach- 
gebrauch soviel als huldreich von Seiten eines Höherstehenden. 
In der archaischen Formel „hold und getreu" dagegen wird das 
Wort auch noch von den sittlich-rechtlichen Verpflichtungen des 
Niedrigerstehenden angewandt: hier hat sich die doppelte Wen- 
dung des Begriffes hold, entsprechend seiner reciproken Stellung 
im Mittelalter erhalten. 

Bei einer solchen Ausprägung der sittlichen Begriffe liess 
es sich kaum vermeiden, dass der Sprachgebrauch vielfach Wörtern, 

* Man vgl. Thietm. prol., SS, 3, 733: ius fratemi amoris (Liebe nach 
Bruderart); Yita Bald. Leod. c. 21 : humanitatis obsequium; ebd. 23: huma- 
nitatis et honoris officium. Sehr merkwürdig ist der Gebrauch von ius bei 
Richer 1, c. 27--80; 37. 2, 11. 4, 31; 44. 

' Vgl. Brunn er, die Landschenkungen der Merowinger und der Lu- 
dolfinger, Sitzungsberr. der Berliner Ak. III, 1885; sowie Menzel, Ent- 
stehung des Lehnswesens S. 40 f. 

» Man vgl. dazu Cod. Carol. Nr. 26 (763) ; Ep. Carol. Nr. 24 (802—810), 
Jaff^ S. 388; aus späterer Zeit Brun. Bell. Saxon. Prol., SS. 5, 829. 



DeutBches Geistealeben unter den Ottonen. 13 

die ursprünglich rein subjectiv empfundene Anschauungen wie- 
dergaben, objective Bedeutung beilegte. Fast alle wichtigeren 
Lateinischen Bezeichnungen sittlicher Begriffe haben diese Wand- 
lang im frühen Mittelalter durchgemacht : so begann religio nicht 
die religiöse Empfindung oder den Glauben zu bedeuten, sondern 
den geistlichen Stand, fidelitas nicht getreue Gesinnung, sondern 
ein Gefolge von Getreuen, honor nicht innere Ehre, sondern ein 
Lehen, an das sich eine gewisse äussere Würdigung knüpfte, u. 
dgl. mehr ^. Noch näher lag es, dass sittliches Verhalten überhaupt 
nicht so sehr in gewissen inneren Stimmungen oder Dispositionen, 
wie in gewissen äusseren typischen Handlungen gefunden und 
darnach bemessen wurde. Kein König galt im früheren Mittel- 
alter als barmherzig, der nicht in Ausübung barmherziger Werke 
Thränen vergoss, kein Kleriker für bescheiden, der sich nicht 
gegen Beförderungen mit reichlichem Thränenerguss, ja durch 
Flucht und Verstecken wehrte. Tausendmal berichten die Quellen 
Yon diesen und verwandten Zügen; sie gehörten durchaus zur 
geistigen Typik der Zeit; wahre Sittlichkeit war dem Menschen 
des 10. Jahrhunderts ohne sie undenkbar. 



* Es wäre wichtig, wenn das bisher geschichtlich vernachlässigte Ge- 
biet der Deutschen Sittengeschichte Ton dieser Seite (Abwandlung der sitt- 
lichen Begriffe in der Sprache) einmal eingehend bearbeitet würde. £r- 
z&hlnng einiger Gnriosa ist nicht Sittengeschichte. Dem Beweis des im 
Texte Geänsserten mOge hier die folgende Zusammenstellang genügen. 
Amicos regis ist königlicher Rath: Eoepke, Widukind S. 1^8. Für ami- 
citia vgl. Richer 2, c. 29. 8, 81 ; Flod. z. J. 923 ; 931 ; 935 ; 938 ; 946 ; Alp. de div. 
temp. 1, c. 2. 2, 1. 2, 7; ans späterer Zeit s. noch Cod. Udahr. Nr. 88 (1096). Zu 
benedictios. Cod. CaroLNr. 17, Jaf f ^, S. 83 (758—759) ; zubenignitas (=Ga8t- 
g^chenk) £p. Carol. Nr. 11 (796), Jaffö, S.357. Sehr bezeichnend ist Ca- 
ritas, vgl. V. Uodalr. c. 4, SS. 4, 393; Mir. üodalr. c. 12, SS. 4, 421; Mir. s. 
Marci c. 2, SS. 4, 450; Thietm. 7, c. 20; Tr. S^Liboriic. 18; vgl. auch Ennen 
Qn.1, Nr.82,undCardauns, Rhein, ürkk. 12, S.358 (1095—99). Zufami- 
Haritas s. Alp. de div. temp. 1, c. 2; zu fidelitas (Gefolge von Getreuen) Ep. 
Carol. 5 (788), Jaf f e , S. 346; zu fides Richer 4, c. 26. Sehr gewöhnlich ist 
honor als Lehen, z. B. Thietm. 7, c. 21, vgl. Roth, Benef. 432, für das 
10. Jh. Koepke, Widuk. 97. Von kirchlichen Begriffen möchte ich her- 
vorheben pietas (Liebesbeweis) Thietm. 5, c. 9 ; religio (geistlicher Stand, vgl. 
z.B. Ann. Bland, z. J. 1117; religiones Christi Ennen Qn. 2, Nr. 59, 1218); 
virtns Wunder, z. B. Vita Joh. Gorz. Praef., SS. 4, 388. Sehr charakteristisch 
sind sanctitas als Reliqnienschrein (Mir. s. Verenae c. 8), confessio in dem 
Gesta Witig. Vers 451 gebrauchten, auch in Rom von der Confessio 
s. Fetri herkömmlichen Sinne, misericordia als Elappsitz-Console. Zum 
sonstigen objectiven Gebrauch von misericordia s. die oben citirte Stelle 
Cardauns, Rh. Urkk. 12, S. 358 (1095—99). 



14 E. Lamprecbt. 

Eben von diesem Gesichtspunkte juristischer Gonstra6tion 
und formaler Typik der sittlichen Handlungen her erklärt sich 
die Erscheinung, dass sittliche Empfindungen zur Grundlage rein 
verfassungsmässiger Constructiouen gewählt werden konnten. So 
beruht das Verhältniss Karls des Grossen zu den Päpsten auf 
der politischen Fassung des Begriffs der Liebe, der Zusammen- 
hang der spätkarlingischen Reiche auf der verfassungsmässigen 
Ausprägung von Begriffen wie Eintracht, Erbarmen, Verzeihung S 
das ganze Lehenswesen endlich auf der juristischen Bindung des 
Treubegriffs. 

Ist damit die Brücke zur rein juristischen Festlegung sitt- 
licher Begriffe noch nicht abgeschlagen, so bleibt doch bestehen, 
dass die Sitte immerhin nicht mehr mit dem Recht völlig zu- 
sammenfloss, dass sie schon bestand als besonderes Regelungsmittel 
der socialen Beziehungen, wenn sie auch zur Einzelperson als 
solcher, im Sinne eines Mittels individueller sittlicher Vertiefung, 
noch fast kein Verhältniss gewonnen hatte. 

Der formalen Ausprägung aber bedurfte sie, um die noch 
jugendlich starken Regungen der Welt des frühen Mittelalters 
wenigstens einigermassen zu beherrschen. Denn ganz anders noch 
als heutzutage, malte sich die Welt gegenseitiger menschlicher 
Beziehungen in den Köpfen der Ottonischen Gesellschaft. Man 
vergegenwärtige sich nur, dass die rechtliche Handlungsfähigkeit 
bis ins 9. und 10. Jh. hinein bei fast allen Deutschen Stämmen 
mit dem zwölften Jahre eintrat, dass Frauen gelegentlich schon 
mit dem zwölften Jahre heiratheten ^, dass erst die spätere Otto- 
nenzeit ein Bedürfniss fühlte, den Termin bürgerlicher Selbstän- 
digkeit weiter hinauszuschieben. Wie mussten die nach unseren 
Begriffen Erwachsenen empfinden, gewährleisteten sie Kindern 
die volle Freiheit sittlicher Bewegung! 

In der That ist das sittliche Leben dieses Zeitalters noch 
voll jugendlich-unreifen Hastens, voU sprunghaften Thuns, voll 
impulsiven, ja fast nur reflexmässigen Denkens. Politische Ge- 
sinnungswechsel sind überaus häufig ; bisweilen sind sie fast un- 
erklärbar, nicht selten abhängig von angeblich höherer Eingebung, 



^ Trefflich nachgewiesen von Bonrgeois, Cap. de Eiersy, vgl. 
namentlich die allgemeineren Ausführungen S. 207 ff. Noch ein Grund- 
gesetz von Bremen v. J. 1534 heisst die neue Eintracht: Grimm, DWB. 
u. d. W. Eintracht. 

» Thietm. 4, c. 26; vgl. Vita Adelh. c. 2. 



Dentsclies Greistesleben unter den Ottonen. 15 

TOD Träumen und Wundern. Es feblt eine gewisse Öleichmäs- 
sigkeit der moralischen Stimmung; angeblich sittlicher Zwecke 
halber übersehen auch die sittlichsten Naturen der Zeit leicht 
die Unsittlichkeit der angewendeten Mittel; Reliquiendiebstahle 
zur Ehre Oottes \ Urkundenfälschungen zum Yortheil irgend 
eines Heiligen, alle Arten der pia fraus sind alltäglich. Dem ent- 
spricht es, wenn Tadel leicht zum Fluch, wenn Strafe zur brutalen 
Peinigung führt, wenn ungezügelte Sinnlichkeit im Weibe nur noch 
thierische Instincte wahrnimmt und ausbeutet oder verabscheut^ . 

Aber freilich zeitigt die Unausgeglichenheit der moralischen 
Haltung auch die grossen Eigenschaften der Periode. Die Oe- 
sdlscbaft dieser Zeit vertuscht nichts ', sie redet noch in unge- 
brochenen Naturlauten, die gröbsten Laster wurden öffentlich be- 
sprochen ohne Scheu; die zarte Hrotsuit schildert in ihren Dra- 
men Bordellscenen mit liebevollstem Eingehen auf Einzelheiten ^. 
Aber die Gesellschaft ist andererseits keineswegs lüstern, ihre 
Offenheit hat etwas Wahres, sie wirkt bedeutend durch den grossen 
Wurf ihrer Naivität. Es sind ZQge, die dem öffentlichen Leben, 
der Geschichte dieser Zeit noch heroische Färbung verleihen; die 
Leidenschaften öffnen kühn ihr Visier in den Kämpfen um Herr- 
schaft und Reich; und der Sturmwind unserer Epen jagt noch 
über die Felder auch der höchsten politischen Conception. 

Goethe hat einmal als die eigentliche Wurzel höherer Sitt- 
lichkeit die Selbsterkenntniss, als ihr echtes Mittel die Selbstbe- 
herrschung bezeichnet. In der That ist praktische Willensfreiheit 
in unserem Sinne wohl zumeist identisch mit der Bestimmung 
nnseres Willens durch den Verstand, d. h. durch geläuterte sitt- 
liche und gesellschaftliche Vorstellungen. Insofern ist die Sitt- 
lichkeit nicht zum Geringsten mit bedingt durch die Voraussetz- 



f » Pium furtum, Transl. Udalr. c. 5. SS. 4, 428. 

* Yarium enim est et mutabüe animal foemina, Gesta ep. Leod. 2, c. 59 
(vgl. Vergil Aen. 4, 569). Den defectus solitus mentis muliebris erkennt 
sogar eine Frau an, Hrotsuit Prim. Ganderh. 544, vgl. Gesta Odd. 243 ff. 

^' Vgl. Thietm. 2, c. 24, SS. S, 756. Ausgebildet ist die Gabe der Yer- 
stellungi meist nur zu roben, meist arglistig politiscben Zwecken. Hier 
sprach man geradezu von tecnae (xix^ai) : Bicber 4, c. 48. Im übrigen 
war der Ton der Unterhaltung auch in den höchsten Kreisen naiv: 
Richer, 2, c. 51. 

* Man vgl. zur Ausdrucksweise auch den einem Frauenkloster ent- 
stammenden Satz Ann. Quedlinb. z. J. 997 von P. Johann : s. b. Petri apo- 
stoli sedem . . fomicando potius cacca(vit), quam venerando in8(edit). 



16 K« Lamprecht. 

ungen eines entwickelteren Verstandes, durch eine höhere Erkennt- 
niss, also durch Vorgänge und Ermngenschaften der intellectuellen 
Entwicklung. Je freier die Weltkenntniss, um so höher die 
Selbsterkenntniss, um so individueller die Sittlichkeit. 

Nun war der Stand der intellectuellen Durchbildung der 
Gesammtnation auch im Zeitalter der Ottonen noch niedrig genug. 
Sieht man von dem geringen positiven Wissen und Können der 
Menge ab, das z. B. die Multiplication nur erst in der Form 
wiederholter Addition bewältigte, so hatte das Denken an sich 
noch etwas durchaus Oegenständliches, es haftete am Einzelnen. 
Der Gedankeninhalt war noch nicht so gross, dass er einer Re* 
duction durch Verallgemeinerung der concreten Einzelheiten zu 
wissenschaftlichen oder schliesslich philosophischen Begriffen be- 
durft hätte. Es bestand auf dem Gebiete der Erfahrung noch 
keine Enge des Bewusstseius. 

Die Folge war, dass sich das Denken gern in concreten, halb 
dichterischen Formen äusserte. Das geschah sogar in der Um- 
gangssprache unter Anlehnung an die alten symbolischen Formeln 
der urzeitlichen Poesie, die das ganze Mittelalter hindurch 
nicht völlig verloren gingen ^. So wird z. B. der Gedanke, dass 
auch Jünglinge oft sterben, in der Bemerkung wiedergegeben, oft 
werde schon eine Ealbshaut an die Wand gehängt '. Ja noch mehr, 
auch die Sprache selbst hatte noch etwas Bilderreiches, sie strotzte 
gleichsam in den schillernden Farben des Oelbildes, während das 
moderne Deutsch seinen schweren Gedankeninhalt in sparsam 
knapper Federzeichnung birgt: der Gedanke hatte die Pracht der 
Einzelvorstellung noch nicht beseitigt. 

Es war freilich nur eine andere Seite dieses Charakters der 
Sprache, dass sie fast noch keinerlei persönliche, individuelle Hand- 
habung gestattete. Ihre Laut- und Flexionsverhältnisse sind rein 
und unbemessen, die syntaktischen Gesetze gelten ausnahmslos 
und lassen nicht mit sich pactiren: der sprachliche Fortschritt 
vollzieht sich noch nicht durch literarische Einwirkung, sondern 
im Dunkel unmittelbar sprachlichen Bewusstseius der Menge. 



' H. Heine (Ges. Werke 6, 27 ff.) findet sogar den Charakter aller 
mittelalterlichen Poesie im Hinzukommen der esoterischen Bedeutung 
(Symbolik) zur äusseren Darstellnng. s 

» Thietm. 2, c. 21. Man vgl. Richer 2, c. 11 ; Bruno Bell. Sax. c. 125. 
Eben hierher gehOrt die bekannte Frage an Ekkehard von Thüringen: 
Nnm currui tuo quartam deesse non sentis rotam? Thietm. 4, c. 82. 



Deutsches Geistesleben unter den Ottonen. 17 

Dementsprechend schreibt Niemand einen individuellen Stil; auch 
in der Lateinischen Literatur der Zeit ist der Begriff des Stiles 
&st noch unbekannt, so dass es nur ausnahmsweise gelingt, die 
literarische üeberlieferung nach stilistischen Merkmalen mit Be- 
stimmtheit zu sichten. Ja selbst die Satiren und Streitschriften 
des 11. Jhs., Werke verhältnissmässig besonders persönlicher Art, 
haben viel Typisches ; in jedem Tractate gleichviel welchen Ver- 
fassers wiederholt sich dieselbe Diction, fast die gleiche Reihe von 
Ausdrücken, Gedanken und Bildern ^. 

Wie in der Sprache, so hatte man sich auch im Leben und 
noch weniger in der Vergangenheit irgendwie herrschend heimisch 
gemacht. Dieselbe Unfähigkeit, das thatsächli ch Gegebene geistig 
scharf zu fassen und wiederzugeben, begegnet auch hier. Man 
sah gleichsam nur ornamental, liess sich von den äusseren, nur 
in den allgemeinsten Zügen erkannten Umrissen der Dinge ein- 
nehmen und treiben. So fehlte jeder Sinn für Massenerschei- 
nungen, der immer ein Beherrschen von Einzelheiten voraussetzt; 
die unglaublichsten Dinge fabelte man über die Grösse von Heeren, 
die Menge gefallener Krieger, die Ausdehnung von Seuchen, die 
verheerende Kraft grösserer Brände. Für die gewöhnlichsten Vor- 
stellungen auf diesem Gebiete, namentlich Zahlenvorstellungen, 
entwickelten sich geradezu typische Lösungen, die immer und 
immer wieder als für Einzelfälle zutreffend gebraucht werden. 
Namentlich spielen hier einfache Theile und Multipla des grossen 
Hunderts eine Kolle ; zumeist ist in den Quellen des 9. und 10. 
Jahrhs. von Kriegsauszügen zu 30, 40, 60, 120 Tausend die 
Rede«. 

Hilfsmittel, welche für die Richtigstellung solcher typischer 
Anschauungen zeitgenössischer Verhältnisse noch hätten benützt 
werden können, fehlten vielfach für die Vergangenheit, um so 
mehr verfiel man auf diesem Gebiete reinem Autoritätsglauben. 
Wie man im Rechtsgang noch die formellen Beweismittel der 
Gottesurtheile zuliess ', so galt dem geschichtlichen Sinne jede 
Üeberlieferung als unverrückbar heilig * ; und da die ungesichtete 
Tradition eine Fülle von Unwahrscheinlichkeiten enthielt, so 



* Vgl. Helmsdörfer, Wilhelm von Hirschau 8. 27. 

* Zur Frage im Allgemeinen vgl. R. Hirzel in den Yerh. der Sachs. 
<5e8. der Wissensch., Phil.-hist. Cl. 37 (1885), 1—74. 

■ Vgl. Widnk. 2, c. 10; auch 3, c. 32; 65. 

^ Noch das 11. Jb. beweist mit Oitaten. Bernheim, Lehrb. S. 409. 

n«iitiobe Zeltsobr. 1 Oeiohtohtiw. VLI. 1. 2 



18 K. Lamprecht 

mehrte sich zusehends die Lust am Fabuliren. Die apokryphen 
Evangelien gewinnen an Einfluss, bald stehen sie in kaum min- 
derem Ansehen, als die kanonischen Schriften. Die Thaten des 
Aeneas, der ganze Inhalt des Vergilischen Epos erscheint den 
zahlreichen Lesern der Ottonenzeit nicht als Sage, sondern als- 
Geschichte ; das fromme Heldenpathos des Römischen Stammvater» 
entfernte sich ja nicht allzuweit von der Demuth der biblischen 
Heiligen, und Wunder geschahen in heidnischer wie christlicher^ 
in alter wie neuer Legende. 

So fand sich, auf der Grundlage nur rein typischer natio- 
naler Verständnisskraft, doch befruchtet vom Christenglauben und 
classischer Tradition, allmählich eine Neigung fürs Wunderbare, 
ein Heisshunger nach Abenteuern ein, denen die Nation noch 
Jahrhunderte lang schlimme wie gute Stunden verdankt hat. 

Noch geringer, wie der Sinn für das Aeussere des Geschehens,, 
war das Verständniss für das innere Gewebe fremder Charaktere 
entwickelt. Hatten sich früher alle Vorstellungen der Nation 
auf diesem Gebiete in die Ausgestaltung der grossen typischen 
Personen der Heldensage ergossen, so reichte die christliche Kirche 
späterhin in der massiven Ethik der Missionszeit, im Gegensatz 
namentlich von Böse und Gut, dem nationalen Verständniss ein 
nur zu einfaches Schema dar. Bald entwickelte sich weitverbreitet 
der Glaube, jeder Mensch sei von einem guten und schlechtea 
Engel umgeben, der eine vom Herrn gesandt, der das Gute lehrte 
der andere emporgestiegen aus dem schwarzen Abgrund der Hölle, 
mahnend zum Bösen. Sie streiten um des Menschen Herz, das- 
passiv und inhaltslos leidet als Schlachtfeld innerer Kämpfe : nur 
Gottes Gnade, ein dritter, fremder Factor, hilft zu Sieg und Ge- 
lingen. Diese und verwandte Vorstellungen ersticken jedes tiefere 
Verständniss zeitgenössischer Charaktere, sie beherrschen mehr 
oder minder alle Biographien der Zeit, die freilich überhaupt 
nur als Erzeugnisse der Pietät, gleichsam als Ersatz für die unter- 
drückten feierlichen Todtenlieder der Heidenzeit gelten können^ 
nicht als geschichtliche Kunstwerke geistig freier Empfängniss. 
Ja noch mehr: diese Vorstellungen beherrschen und typisiren 
die zeitgenössische Geschichtsschreibung überhaupt; selbst einer 
Hrotsuit von Gandersheim, die allein in diesem Zeitalter sich 
auf die Belebung von Personen im Drama verstand, erscheinen 
die Schicksale des Ottonischen Hauses als Offenbarungen bald 
himmlischer, bald höllischer Eingebung; und Gott und Satan 



Deutsches Geistesleben unter den Ottonen. 19 

kämpfen bei ihr lun die Herrschaft über die einzelnen Träger 
der geschichtlichen Handlung ^. 

Die Anschauungen Hrotsuits, einer hochstehenden, zudem 
vom Hauche classischer Tradition erfassten und geläuterten Frau, 
offeD baren mit einem Schlage die tiefsten Gründe im intellec- 
tuellen Leben der Ottonischen Zeit: noch percipirte man nur 
typisch , indem man entweder die Thatsachen nur ihren äusser- 
steii Eindrücken nach verarbeitete, oder indem man mit einem 
äusserst einfachen, von autoritativer üeberlieferung dargereichten 
Schema an sie heranging: Es ist dieselbe geistige Haltung, die 
auch die aesthetischen Anschauungen des Zeitalters beherrschte. 

i IV. 

Die bildende Kunst der Germanischen Stämme hatte schon 
i in frühen Jahrhunderten den Uebergang von der blossen Band- 
i Ornamentik der Urzeit zu der wild bewegten Thieromamen- 
tik des 6. bis 8. Jahrhunderts bewältigt*. Die classische Re- 
ception des Karlingischen Zeitalters hatte dann diesem Fortschritte 
Halt und Mässigung gegeben: zwar erscheint auch in dieser Pe- 
riode die Germanische Ornamentik nicht weiter, als bis zur ein- 
fachsten typischen Bewältigung des Thierleibes entwickelt, so 
dass nur selten sich individueller dargestellte Thiere, Adler und 
Löwen, Gänse und Hunde als solche unterscheiden lassen, aber 
doch ergeben sich die Formen als reicher in's Einzelne durch- 
gebildet und symmetrischer geordnet. 
I Zugleich aber hatte eine völlig neue Periode nationaler 

Knnstanschauung seit etwa Mitte des 9. Jhs. einzusetzen begonnen : 
an Stelle der alten Thieromamentik trat allmählich, herrlich 
erblühend seit der Wende des 9. und 10. Jhs., die Pflanzenor- 
namentik der Ottonischen Zeit. 

Die tiefere Grundlage dieser Ornamentik ist allerdings noch 
dieselbe wie die der Thieromamentik. Hier wie dort handelt es 
sich um die typische Auffassung der Aussenwelt; hier wie dort 
werden die naturalistischen Formen derselben nur in den äus- 
sersten Umrissen wiedergegeben : wie noch in der Sprache unserer 
Fröhzeit Eiche, Esche, Föhre, Tanne neben der speziellen Baum- 

' Man vgl. z. B. Hrots. Gesta Odd. Vers 163, SS. 4, 318 flF. Für Thietmar 
8. BnchVn, c. 33, auch IV, c.47;48. Aus späterer Zeit bieten die Ann. Corb. 
2. J. 1146, SS. 3, 13, Z. 43, noch eine sehr charakteristische Aeusserung. 

* S. Lamprecht, Deutsche Geschichte Bd. I, S. 334 ff. 

2* 



20 K* Lamprecht. 

art, ^Baum'' überhaupt bedeuten \ wie in der Urzeit die Sprache 
jeder besonderen Bezeichnung ftir einzelne Blumen darbt ' und nur 
das generelle Wort Blume kennt, so stellt auch die Pflanzen- 
omamentik der ausgehenden Stammeszeit keine besonderen Blu- 
men dar, sondern begnügt sich mit der Wiedergabe der typischen 
Einzelheiten jeder Pflanze, des Keims und des Blattes, der Blüthe 
und des Schaftes. 

Der Fortschritt gegenüber der Thierornamentik vollzieht sich 
also noch auf der gemeinsamen Grundlage der typischen Wieder- 
gabe der Aussen weit : diese ist dem ganzen Zeitalter der Stammes- 
cultur gemeinsam. Neu ist nur die Anwendung auf die nicht 
actuelle, scheinbar nic)it belebte Seite der Aussenwelt, auf das 
Pflanzliche. Hatte die aesthetische Anschauung im 6. bis 8. Jh. 
nur das lebendig Bewegte ergriffen, in den folgenden Jahrhunderten 
ging sie zu sinnigerer Betrachtung auch des Ruhenden über. 

Die Wandlung ward wohl theilweise mit durch die Reception 
des Christenthums und die Karlingische Renaissance vermittelt. 
Jetzt ward den Deutschen das Geheimniss der Schrift erschlossen; 
ein neues Feld wichtigen Kunstbetriebes ergab sich in der wür- 
digen Ausstattung der Bücher des christlichen Cultus. Zwar 
zogen auch hier anfangs die ungeschlachten Gestalten der Thier- 
ornamentik ein; die Anfangsbuchstaben, recht eigentlich der 
Standort jeder omamentalen Buchausstattung, wurden zu verrenkten 
Thierleibern gestaltet. Aber das Ungeschickte der Anwendung 
musste doch bald auffallen. Schrift und Inhalt der heiligen 
Bücher mahnten zur Ruhe; so leicht sich Germanische Einbil- 
dungskraft sogar die Buchstaben belebt vorstellte ', so sehen wir 
doch schon gegen Ende des 7. Jhs., wie sich den Initialen hier 
und da Knospen und Blätter ansetzen ^ : so vermittelte die 
Buchornamentik zuerst den Uebergang zur neuen Kunst des 9. 
bis 11. Jhs. 

Auch in ihrer herrlichsten Blüthezeit, in der zweiten Hälfte 

des 10. Jhs., wie später, blieb die Pflanzenornamentik im Wesent- 

• liehen an die Buchausstattung gefesselt , wenngleich sie auch zur 

* Wir verstehen noch heute unter Tann jeden Forst; ahd. tanesil ist 
der Waldesel. 

8 Vgl. Schrader, Sprach vergl. n. Urgesch. S. 173 f. 

' Vom P heisst es in einer Ags. Quelle : Der Kampfheld hat eine lange 
Ruthe mit goldener Spitze, und stets schwingt er sie gegen den grimmen 
Feind: Ebert, Lit.-gesch. 3, 93, 

* Vgl. Bastard Taf. 13. Fürs 8. Jh. vgl. Bastard Taf. 48; 46; 47. 



DentBchea Geistesleben unter den Ottonen. 21 

ornamentalen Ausstattung von Innenräumen und Gewändern \ 
ja in gewissen Uebergängen zur plastischen Verzierung der Ca- 
piiale und sonstigen Zierglieder des neuen Romanischen Stiles ' 
Verwendung fand — überhaupt überallhin drang, wo Deutscher 
Sinn künstlerische Wirkung verlangte. Denn noch ist dieses 
Zeitalter ein voll ornamentales, soweit es nationaler Kräfte allein 
sich rühmt ; nie sind in Deutschland herrlichere Erzeugnisse or- 
namentalen Schaffens zu Tage getreten, als in den grossen Evan- 
geliaren der Ottonischen Zeit, dem Evangeliar von Echternach 
etwa und dem Codex Egberti, wie in den Ritualbüchem König 
Heinrichs IL für Bamberg, welche die Münchener Bibliothek jetzt 
unter ihren hervorragendsten Kostbarkeiten bewahrt. 

Im Laufe des 11. Jhs. begann die Pflanzenomamentik zu 
verfallen, aus der ersten Hälfte des 13. Jhs. liegen die letzten 
Erzeugnisse ihres Geistes vor. 

Inzwischen aber hatte die omamentale Auffassung der Nation 
eine Wendung genommen , die den Uebergang zu der ganz 
anderen Kunst der Staufischen Zeit bezeichnet. In der ornamen- 
talen Plastik namentlich Süddeutschlands und Westfalens ver- 
liess sie mit dem 12. Jh. die alte Typik der Auffassung und ging 
zur Conventionellen Darstellung über. Merkwürdiger Weise er- 
folgte damit den Objecten der Darstellung nach zugleich ein Rück- 
schlag auf das alte Kunstgebiet der Darstellung der Thiere. Aber 
nicht mehr das Thier schlechtweg in seinem Typus als Vogel, 
Vierfüssler oder Schlange ward jetzt in den abenteuerlichen Sculp- 
tnren der Freisinger ünterkirehe oder des Wessobrunner Lettners, 
der Schottenkirche zu Regensburg oder des Basler Münsters ', 
des Doms zu Bamberg oder der Kirche zu Coesfeld dargestellt, 
sondern wohlbekannte, individuelle Formen von Fabelthieren, von 
Drachen und Greifen, wie von einheimischen Thieren, erhielten 
Conventionelle Gestaltung. Es war eine Bewegung, die dann 
noch das ganze Staufische Zeitalter erfüllt hat, ja die in den 
Prachtbauten der Staufischen Herrscher selbst, zu Gelnhausen 



^ Beispiel die Mäntel König Heinrichs II. und seiner Gemahlin Euni- 
gunde in Bamberg. 

* Das Omamentale der Architectur bis z. J. 1000 etwa ist freilich 
im Wesentlichen noch classisch, — Deutsche Ornamentik kommt nur hier 
imd da schüchtern zum Durchbruch, z. B. in Gemrode. 

' Am Basler Münster werden ganze Scenen omamental vorgetragen, 
Tgl. Dohme, Gesch. der Deutschen Baukunst S. 188. 



22 K, Lamprecht. 

und zu Wimpfen am Berge, einen hohen Grad heiterer Grazie 
empfing, bis sie mit dem Eintritt der Gothik allmählich erstarb 
und eine mehr naturalistische Behandlung der Thierwelt einsetzte. 
Doch dauerte es auch dann noch viele Generationen, ehe das Thier- 
Studium jenen fast völligen Naturalismus erreichte, der uns etwa 
aus dem Kaninchen Dürers in der Albertina entgegenleuchtet. 

Und längst vorher schon hatten sich die Romanen in der 
gewaltigen Stimme Bernhards von Clairvaux gegen das Deutsche 
Thiergefasel in den Kirchen, gegen die lächerliche Ungeheuer- 
lichkeit, gegen die deformis formositas und die formosa defor- 
mitas dieses letzten Aufflackerns urgermanischer Kunst ausge- 
sprochen — nicht minder, wie sie um gleiche Zeit die Kraft 
unserer alten Heldenlieder mit den Süssigkeiten ihrer roman- 
haften Epik zu durchsetzen begannen. Doch hatte auch der 
Germanische Heldensang der frühen Stammeszeit inzwischen eine 
Entwicklung durchlebt, welche die Wandlungen der Ornamentik 
in fast völlig ebenmässigem und innerlich verwandtem, ja im 
Grunde identischem Fortgang begleitet. 

Wie die Thierornamentik der Frühzeit des Stammeslebens 
gegen das 9. Jh. verfiel, so neigte sich um diese Zeit das erste 
grosse Zeitalter unseres Heldensanges seinem Ende zu ^. Doch 
ähnlich, wie auf dem Gebiete der bildenden Kunst die ornamen- 
tale Disposition im Allgemeinen erhalten blieb, nur in Aus- 
strahlung auf eine andere weniger actuelle Aussenwelt, auf das 
Pflanzliche, so erhielt sich auf demselben typischen Untergründe 
des Geisteslebens auch die epische Disposition: doch wandte 
auch sie sich vom Actuellen in des Wortes strengster Bedeutung, 
vom Heldenhaften, von den grossen Schicksalen der Nation und 
deren Trägern ab und nahm einen Zug an auf's zuständlich Ru- 
higere, auf die Episoden innerhalb des geschichtlich-nationalen 
Verlaufes. Diese Neigung ward durch das Absterben des alten 
Götterglaubens noch besonders gefördert: denn mm verbot sich 
von selbst ein Ueberschlagen des wild Heroischen in's Mythi- 
sche, wie es eines der wesentlichsten Mittel grosser Wirkung 
im alten Heldensange gewesen war. 

Bereits unter Karl dem Grossen beginnt die neue epische 
Kunst zu blühen, und eins ihrer ältesten Zeugnisse schon, das 
freilich erst mit den Mitteln der modernen Wissenschaft wieder- 



^ S. Lamp recht, Deutsche Geschichte Bd. I. S. 338 ff. 



\J' 



Deutsches Geistesleben unter den Ottonen. 23 

liergestellt worden ist ^, nimmt den charakteristischen Zug ins 
Anekdotenhafte auf. Karl der Grosse hatte den Bruder seiner 
Gemahlin Hildegard, Udalrich, reich mit Lehen begabt. Da starb 
die Königin (783), und König Karl sprach dem Udalrich wegen 
eines Vergehens die Lehen ab. Da rief ihm ein Spielmann zu: 
Nu hab^t Uodalrih firloran erono gilih 
östar enti uuestar, sid irstarp sin sueeter. 
Karl nahm sich das zu Herzen, soll in Thränen ausgebrochen sein 
und gab Udalrich die Lehen zurück. 

Im Zeitalter der Ottonen blühte, ja wucherte dann die neu^ 
Dichtung ; voll hatte sie gesiegt, der alte Heldensang ward hier und 
da geradezu verschmäht '. Kaum eine bedeutendere Persönlichkeit, 
kein wichtigeres Ereigniss gab es, dem nicht ein neues ,Sageliet^ 
epische Werthung verliehen hätte. Ekkehard IV. von St. Gallen, 
der liebenswürdige Chronist, will nichts erzählen vom Verrath 
Erzbischof Hattos an Adalbert dem Babenberger, ,,quoniam vulgo 
coDcinnatur et canitur^; in der Geschichte Graf Konrad Kurzbolts, 
aus dem gegnerischen Hause der Babenberger, übergeht er ab- 
isichtlich viele Einzelheiten, ,,quae de eo cöncinnantur et canuntur' ; 
an einer dritten Stelle endlich tadelt er den Biographen des hei- 
ligen Bischofs Udalrich von Augsburg, weil er vergessen habe 
za erzählen, «quae de eo cöncinnantur vulgo et canuntur'' '. Die 
ganze Ueberlieferung unserer politischen Geschichte in den ersten 
Jahrzehnten des 10. Jhs., ja tief hinein noch in die Tage 
Ottos des Grossen, wie wir sie vornehmlich Widukind verdanken, 
beruht auf Auszügen aus Sageliedern , welche sich der Person 
Hattos von Mainz, der grossen Helden aus den Geschlechtem 
der Konradiner und Babenberger, König Heinrichs I., des Loth- 
ringischen Grafen Inimo und Anderer bemächtigt hatten. Und 
noch tönt hier und da durch das Sallustische Latein Widukinds der 
schwere Schritt des Deutschen Rythmus ; ja selbst da, wo Widu- 
kind aus Eignem schöpft und ein Historiker sein will seiner im 
klarsten Lichte des Tages vor ihm stehenden Zeitgenossen, ver- 
längnet er nicht den Sohn seines Volkes, ergeht sich in episch- 



» Mon. Sangall. 1, c 13, SS. 2, 736 und MüUenhoff , Denkm. Nr. 8; 
vgl. Scherer, Quellen-Forschgn. 12, 14 — 15, sowie MüUenhoff a. a. 
0. S. 288. 

' Alp. de div. temp., prol. 

> Ekkeh. IV casus s. Galli ed. Meyer v. Knonau c. 11; 50; 60. 



24 ^* Lamprecbt. 

Deutschen Wendongen ^ und maU die Helden seines Stamme» 
im Kraftstriche Deutsch-epischer Technik*. 

Ergriff so die neue, zast'ändliche Typik des Deutschen Epo» 
zunächst die geschichtlichen Ereignisse der Zeit, zunächst um 
hervorragende Einzelheiten zu schildern, späterhin, um diese um 
willkürliche Gentren zu neuen grösseren Stoffen zusammenzu- 
ballen und zu verdichten, so wandte sie sich doch auch sofori; 
der Behandlung älterer Stoffe des Heldensanges zu. Diese er- 
hielten dabei, soweit wir zu sehen vermögen, eine völlig verän- 
derte Fassung. Der hastige Zug der Erzählung, der dramatische 
Schwung des Geschehens, das sturmesgleiche Wehen des Vortrags^ 
das Alles fiel hinweg. Nun verweilte man ruhiger beim Einzelnen^ 
die Schilderung trat in ihre Rechte, behaglich wurde mil^etheilt 
aus dem langverjährten Schatze altersgrauer Ueberlieferung : jener 
epische Stil, den wir aus den Homerischen Gedichten kennen, be- 
gann auch bei uns sich zu bilden'. 

und neben dem alten Heldensang in breiter Umformung^ 
nahm die neue Zeit sich des Schwankes an wie der Legende : die 
zustandliche Epik wie die phantastische und willkürliche Erzäh- 
lung fanden von T^g zu Tag sorglichere Pflege. Unter diesen 
geistigen Voraussetzungen scheint auch die Thierfabel in unserem 
Volke Eingang gefunden zu haben ; vornehmlich die Geistlichkeit 
hat sie zunächst verarbeitet. Doch ist die Ecbasis captivi des 
10. Jhs. noch kein eigentliches Thierepos; erst das 12. Jh. hat 
unter ganz anderen geistigen Bedingungen deren gezeitigt^. 

Im Uebrigen war nicht der Klerus, und ebenso wenig der höhere^ 
geistig der Ottonischen Renaissance angehörige Stand der Laien ^ 
im 10. Jh. Pfleger der nationalen Dichtung. Spielleute waren es ^^ 

* Vgl. sofort Widuk. 1, c. 1 : „operurn nostrorum primordia, quibus summi 
Imperatoris [sc. Dei] militum triumphos declarari**. Verwandte Stimmungen 
noch Ann. Qnedlinb. z. J. 1015: der Tod eines Kriegers geschildert mit der 
Wendung «gloriosae mortis pocula degustare** ; vgl. a. a. -0. z. J. 946. 

* Vgl. die Schilderung Wichmanns Widuk. 3, c. 69. Bekannt ist, das» 
Widukind auch die Schilderung der Krönung Ottos I. völlig typisch, nach 
einer vorhandenen Krönungsordnung entwirft: Waitz, Abhh. d. Gott. Ak. 
ffist. phil. Cl. 18, 29. 

8 Das lässt sich aus der epischen Breite des Waltharius manufortis 
(c 980) schliessen, welche nach neueren Forschungen keineswegs als blosser 
Zusatz der Lateinischen Formgebung betrachtet werden darf. 

* Zu der Controverse des Thiermythus vgl. Scherer, Z. f. d. Oesterr. 
Gymnasien 1870 S. 48, Deutsche Studien 1, 341. 

^ Vgl. MüUenhoff, De poesia chorica S. 6. 



Deutsches Geistesleben unter den Ottonen. 25 

die unter den ungünstigen Einwirkungen der antiken Recep- 
tion allein noch die heimischen Schätze der Poesie besassen 
und an ihrem Theile mehrten. Dabei waren sie nicht mehr hoch- 
gemuthe Sänger, wie ihre Vorgänger dereinst an den Höfen der 
Stanunesfürsten und Könige des 6. bis 8. Jhs. : Possenreisser und 
Musikanten, Mimiker vielfach gewöhnlicher Art, lose schweifendes 
Volk waren sie; und die neue Poesie ihrer Schöpfung ist mit 
ihnen vergangen im Wind und Wetter der Landstrasse. 

So sind wir über die ausserordentlichen Wandlungen, die sich 
in der äusseren Formgebung der Dichtung vom 8. bis zum 10. Jh. 
vollzogen, nur wenig unterrichtet. Während sich auf der einen 
Seite noch lange die Praxis der Yerschränkung von Vorstellungen, 
ja ganzen Episoden halt ^ — ähnlich wie in der Pflanzenorna- 
mentik die Vergittenmg pflanzlicher Schäfte noch spät an die 
Bandomamentik der Urzeit erinnert — , während ferner die Al- 
litteration noch vielfach gebraucht wird, machen sich doch lang- 
sam auch neue Arten der Formgebung geltend. Die Erzählung wie 
die Darlegung der Empfindungen wird ohne Verflechtungen breit 
and klar gehandhabt, an die Stelle der AUitteration tritt der Reim. 

Nur schwer lassen sich die Gründe dieser Umwälzung auf- 
klaren. Gefordert wurde der Reim offenbar durch das Beispiel 
der Lateinischen Dichtung , vornehmlich der Sequenz und des 
Hymnus ; Platz geschaffen ward ihm zugleich durch den Verfall 
der altgermanischen chorischen Dichtung. Doch sind das nur 
nebensächliche Momente; in der nationalen Entwicklung selbst 
moss die Aufforderung zu einer auf den Reim führenden Wand- 
lung der dichterischen Formgebung gelegen haben: sonst würde 
der Reim schwerlich so rasch und allseitig, zugleich in der Anek- 
dote und dem ernsten Epos, in Kunstschöpfungen wie in echt 
nationaler Poesie, im Muspilli wie in Otfrids Erist zum Siege 
gelangt sein. 

Vielleicht ist der mehr lyrische, musikalische Charakter des 
Reims für seine schnelle Aufnahme von Bedeutung gewesen. 
Wenigstens lässt es sich nicht verkennen, dass mit der neuen 



> Noch Widukinds Werk ist darnach geordnet; Widukind nennt das 
strictim et per partes scribere. Nicht verstanden von Eoepke, Widukind 
3. 11 ff. Die Verschränkung der Episoden kennt auch Paulus Diaconus in 
der Eist. Langob. ; wie weit sie verbreitet ist, beweist auch die gewöhn- 
liche .Der Seefahrer- betitelte Ags. Dichtung bei Wülker, Bibl. 1,290 ff. 
TgL Ebert, Litgesch. 3, 82. 



26 ^ Lamprecht. 

Epik des 8. bis 11. Jhs. zugleich ein Zug fürs Sinnige, Lyrische, 
ja Sentimentale in unserer Nation entwickelt wird. Sehen Tv^ir 
davon ab, dass sich bei Otfrid (um 870) die ersten lyrischen 
Empfindungen in Deutscher Sprache vorgetragen finden — es 
sind vielleicht nur resignirte Reflexionen der Klosterzelle. Aber 
auch die Art wie Dichter des 10. Jhs. die Pracht der aufgehenden 
Sonne, die stillen Schauer der Morgenröthe, die beseligende Ruhe 
des Abends zu schildern wissen, wenn auch für uns erkennbar 
nur im fremden Gewand Lateinischer Sprache, sie deutet auf einen 
Umschlag, eine neue Wendung der nationalen Stimmung. Doch 
hat sich der neue Sinn zunächst nicht auf dichterischem Gebiete 
geoffenbart ; mit aller Inbrunst, mit sentimentaler Innigkeit und 
schliesslich weltflüchtiger Askese umfasste er vielmehr den bis- 
her nur exoterisch begriffenen Geist des Christenthums und wirkte 
sich aus in einem ersten Zeitalter Deutscher Frömmigkeit. 

V. 

Die Kirche des ausgehenden Imperiums war den Deutschen 
Stämmen mehr gewesen als eine blosse Anstalt zur Befriedigung 
religiöser Bedürfnisse: beim Verfall des Reiches war in sie alle 
höhere geistige Thätigkeit, alles noch zukunftsfrohe Gefühl alter 
Cultur geflüchtet: sie war Ersatz des untergehenden Staates. 
Aber neben dem Römischen Element der staatlichen Aufiassunsr 
barg sie in sich nach der Art ihres Entstehens zugleich ein orien- 
talisches Grundelement und die dauernden Errungenschaften der 
speculativen Begabung der Hellenen ; sie war das einzige Gefass 
der weltgeschichtlichen Ueberlieferung überhaupt. 

So sollte das Deutsche Volk mit der Kirche nicht bloss das 
Christenthum aufnehmen in aller Inbrunst des Glaubens und De- 
rauth der Erkenntniss: es sollte sich auch erfüllen mit den ge- 
läutersten Reliquien alles grossen nationalen Denkens und Schaffens, 
das in den Jahrtausenden vor den Zeiten seiner weltgeschichtlichen 
Mission geblüht und Früchte getragen. 

Es war eine ungeheure Zumuthung an die jugendliche Spann- 
kraft des Germanischen Geistes; Jahrhunderte hindurch hat unser 
Volk von und in dieser Aufgabe gelebt ; die Fieberschauer unserer 
mittelalterlichen politischen Geschichte, Investiturstreit und Stau- 
fische Schicksale, sind vornehmlich durch die Schwierigkeiten 
veranlasst, welche die Aufnahme christlicher und weltgeschicht- 
licher Ideen der Volksseele verursachte. 



Deutsches Geistesleben unter den Ottonen. 27 

Im 8. Jh. war man freilich noch fem von einer innerlichen 
Annahme des Ghriatenthums : schon der tolerante Sinn der Ger- 
manischen Bevölkernngen bis ins 10. Jh. hinein beweist das. 
und noch viel später rauschten und raunten heilige Bäume den 
Willen der alten Götter, umhallten prophetische Stimmen und 
Opfergemurmel die Steinbauten väterlicher Opferstätten, wurden 
Germanische Zaubersprüche gesungen über Feld und Vieh, über 
Webstuhl und Spinnrocken, über Tagesnahrung und heilkräftige 
Wurzeln. 

Doch beginnen schon seit Karls des Grossen Zeit leise Spuren 
einer mehr als änsserlichen Aufnahme des Christenthums wenig- 
stens bei entgegenkommend gestimmten Seelen. Schon die That- 
sache, dass die christliche Uebersetzungsliteratur für Laien seit 
dieser Zeit sich rasch mehrt, kann dahin gedeutet werden. So 
wird schon um die Wende des 8. und 9. Jhs. neben Taufgelöbniss, 
Symbolnm und Vaterunser vornehmlich das Evangelium Matthaei 
ins Deutsche übertragen, das am meisten episch gestimmte aller 
Evangelien, und wohl gleichzeitig beginnt auch die Uebersetzungs- 
literatur der Predigt. Darauf folgt, ebenfalls ganz ein Erzeugniss 
missionirender Bestrebungen , der Heljand vom Jahr etwa 830, 
ein Versuch, das Leben Christi in freier Anlehnung an vorhandene 
Bearbeitungen und Erklärungen der Evangelien in nationalem 
Ton 5CU erzählen: Christus wird zum reichsten aller ringspen- 
denden Könige, denn er begabt mit den Freuden ewigen Lebens, 
die Jünger sind sein Gefolge, Petrus sein besonders bevorzugter 
Schwertdegen ; selbst die Schafhirten bei der Geburt Christi 
werden zu den Pferdehütem Altsachsens. Diesen mehr von aussen 
herangebrachten Zeugnissen christlichen Lebens begannen die 
Germanischen Stämme seit etwa Mitte des 9. Jhs. aus eigenem 
Triebe zu antworten : die Alamannen durch den Mund eines Geist- 
lichen, des Mönches Otfrid von Weissenburg, die Baiern seitens 
jenes Laien, welcher das Muspilli genannte Lied dichtete, die 
Sachsen in den rührenden Familienbekenntnisseu des Agius, des 
Liudolfingischen Mönches von Lammspringe. 

Otfrid dichtete sein Evangelienbuch auf Veranlassung einer 
ehrwürdigen Matrone und einiger Klosterbrüder, er widmete es 
ausser seinem König dem Erzbischof von Mainz, dem Bischof 
von Konstanz und zwei würdigen Brüdern im Kloster des h. Gallus. 
So ist das Gedicht ein kirchliches, ja ein gelehrt kirchliches Ge- 
dicht didaktischen Zweckes. Trocken, wenn auch innigen Tones, 



28 ^' Lamprecht. 

mehr aus frommem GemOth wie dichterischer Intuition geboren 
stellt es den Inhalt der Evangelien in treuer Folge dar — bis 
es, in völliger Abweichung von seinen Lateinischen Vorlagen, in 
der frei erfundenen Darstellung der Wiederkunft Christi und des 
jüngsten Gerichtes endet. 

Der handgreiflich auf einstige Abrechnung im Jenseits 
gerichtete Zug eines schon specifisch Germanischen Glaubens 
spricht aus der Erweiterung. Das wird klar, wenn man siebt, 
wie Muspilli gerade dies Problem behandelt, jenes merkwürdige 
Gedicht, das sich auf den leeren Seiten einer einst im Besitze 
Ludwigs des Deutschen befindlichen Handschrift gefunden. !Es 
spricht vom Schicksal der Seele nach dem Tode. Nachdem die 
Seele den Leib verlassen, streiten sich um sie die Heerschaaren 
des Sternenhimmels und die Gewaltigen des höllischen Pfuhles: 
und bang harrt die Seele des Ausgangs. Da naht das jüngste 
Gericht, eingeleitet durch einen Kampf des Propheten Elias mit 
dem Entchrist. Das Blut des verwundeten Propheten trauft zur 
Erde : da entsteht der Weltbrand : Feuer ergreift Erde und Him- 
mel und Meer; der Mond fällt herab: der Straftag fährt über^s 
Land, die Menschen heimzusuchen — und die Seele harret des 
ürtheils. Des Himmels Drommete ertönt ; der Weltrichter zieht 
zur Wahlstatt; die Engel ziehen über die Lande, die Todten zu 
wecken. Da muss erscheinen Jeder der Menschen: „da soll die 
Hand sprechen, das Haupt sagen, aller Glieder jegliches bis zum 
kleinen Finger, was es Böses that unter den Menschen " 

Zwei Jahrzehnte etwa nach der Niederschrift des Muspilli, 
im J. 864, lag der Sachsenfürst Liudolf im Sterben. In seinen 
letzten Phantasien ringt auch er mit der Vorstellung des jüngsten 
Gerichtes. Schon glaubt er hinabzustürzen in die Tiefe des Ab- 
grundes, da erfasst er mit beiden Händen einen Zweig und wird 
gerettet ; einem Vernichtung kündenden Rufe antwortet er, seine 
Hoffnung stehe auf Gott. Da sieht er einen himmelstrebenden 
Baum mit breitem Gezweige: es ist sein zukünftig Geschlecht: 
herrlich wird es blühen vor aller Welt, Gott wohlgefällig, da3 
Haus der kaiserlichen Ottonen. 

Sehr massiv mischt sich in diesem Erguss einer hochge- 
muthen Germanischen Seele um die Mitte des 9. Jhs. noch Geist- 
liches und Weltliches ; nur das concreteste Erfassen des neuen 
Glaubens erklärt den Zusammenhang dieser religiös-dynastischen 
Vision. 



Deutsches Geistesleben unter den Ottonen. 29 

Wie anders allgemein, wenn auch noch durchaus sinnlich, 
stellen sich dürstende Seelen schon des 10. Jhs. die Seligkeiten 
Tor, die Gott nns im Himmel verheissen. Da giebt es nicht die 
Last schleichenden Oreisenalters, nicht Krankheit noch Schmerz ; 
schon, wie der Herr Christ in seiner Jahre Vollendung *, werden 
alle Leiber dauern ohne Zunahme noch Abnahme: nie wird die 
Zahl der Gerechten gemindert sein, nicht mehr werden sie in 
Furcht leben vor den Listen des Teufels*. 

Schon aus den bisherigen Mittheilungen geht hervor, dass 
den Deutschen dieses Zeitalters jede verstandesgemässe Aufnahme 
der fieilsthatsachen in Bewusstsein und Gemüth völlig ferne lag; 
erkämpfen im Sinne altgermanischen Kraftmenschenthums wollten 
sie die Seeligkeit, unmittelbar, in rückhaltsloser Hingabe an den 
Christengott den Teufel überwinden aus Kraft der Gnade und 
göttlichen Erleuchtung: die Grundanlage ihres Verhaltens zum 
Christenthum ist mystisch. 

Nirgends wohl lernt man die Seelenkämpfe, welche diese 
religiöse Haltung für den Deutschen des 9. his 11. Jhs. mit sich 
brachte, besser kennen, als in der Selbstbiographie Otlohs, jenes 
müden Heiligen, der in unstäter Weltflucht von Kloster zu Klo- 
ster zog, bis er seine Tage zu St. Emmeram in Regensburg gott- 
selig beschloss. Wie oft kommen ihm nicht furchtbare Zweifel, 
wenn er kämpfend und wachend die Kluft nicht zu überbrücken 
vermag, die zwischen dem gemeinen Lauf des Lebens und den 
hohen Forderungen Christi gähnt. Aber nie sind diese Zweifel 
metaphysisch oder dogmatisch substanziirt , noch weniger hilft 
sich Otloh etwa über sie hinweg auf dem Wege rationeller Klä- 
rung. Nur um so heftiger ringt er in Glauben, Kasteiung und 
knirschender Busse : da findet er in innerer Erleuchtung die Ruhe 
des christlichen Gewissens — sie wird ihm gewährt durch ein 
höheres Wort, durch eine innere, völlig concret gedachte Stimme. 
Indem er so von oben her, durch supranaturalistische, aber durch- 
aus real empfundene Hilfe sich kämpfend täglich hindurchrettet 
zum Frieden der Kinder Gottes, entwickelt er aus sich heraus 
immer neu die Möglichkeit festen Wunderglaubens und nie ra- 
stender Askese. 

Wunderglauben und Askese sind die bezeichnendsten Aeus- 
seruDgen des ersten Deutschen Ghristenthums , sie gehören der 

* Vgl. Lamprecht, Deutsche Geschichte Bd. I S. 356. 

* Vita Uodalr. c. 9, SS. 4, 397—8. 



30 K> Lamprecht. 

typischen Erfassung der neuen Lehre in der Schlusszeit des Stam- 
meslebens an, bis sie seit dem 12. Jh. abgelöst werden durch 
die innere Vision sowie die Contemplation und Selbstzucht der 
Mystik. 

Noch Bruder Berhtolt warnt in einer seiner Predigten : wie 
man nicht in den Glanz der Sonne schauen könne, ohne zu er- 
blinden, so solle man nicht den Geheimnissen des Christenglaubens 
nach trachten : wan ez ist den hohen meistern genuoc *. Was hier 
dem Laien des 13. Jhs. gerathen wird, das war noch allgemeine, 
nothwendige Lebensforderung im 10. Jh. Das Zeitalter der Ottonen 
philosophirte noch nicht, am wenigsten religiös; dem glänzend 
begabten Abt Johann v^on Gorze machten schon die dialectlcae 
rationes in Augustins Trinitätslehre eitel Bedenken. Die vernunft- 
gem'ässe Erfassung der christlichen Wahrheiten, zu der man sich 
seit dem Ende des 11. Jhs. berufen glaubte, liegt dem 10. Jh. 
auch in Frankreich noch, um wie viel mehr in Deutschland, völlig 
fern; es herrscht ein greifbarer, unvermittelter Supranaturalismus, 
der sich den christlichen Wahrheiten durch gläubiges Schauen 
im Geiste zu nähern sucht. Die philosophische Betrachtungs- 
weise an sich war nicht unbekannt: die Vergangenheit bot sie 
dar: aber sie wurde abgelehnt. So in der Abendmahlslehre. Hier 
gilt Wein und Brot als wahrhafter Leib Christi, wie der Lehm, 
woraus Adam gebildet, im Menschen wahrhaftige Leibessubstanz 
geworden : im eucharistischen Genüsse wird eine völlig reale Ver- 
einigung des Menschen mit Gott erzielt. 

Soweit sich aber das nationale Denken an die christlichen 
Geheimnisse tastend wagte, durchdrang es sie mit dem altüber- 
lieferten, süssen Schauer symbolischer Vorstellungen. Und diese 
blieben sogar noch in den äusserlichsten Beziehungen der Lehre 
stecken : so errichtet Otloh von Emmeram in seinem Liber de 
tribus quaestionibusein ganzes Gebäude mystisch-biblischer Zahlen- 
theorie, indem er in Dreiheit und Einheit die heilige ürharmonie 
erblickt, darin alles Seiende sich gründet, durchlebt und auflöst ^. 

Verhängnissvoll musste eine solche Geistesrichtung nament- 
lich für die von der Kirche theilweise noch nicht näher definirten 
Vorstellungen vom Himmel und seinen Freuden, von der Hölle 
und vom Fegefeuer sein, um so mehr, als der Germanische Geist 

* Berhtolt 1, c. 52; 53. 

' Vgl, auch Vita üodalr. c. 9, dessen Inhalt die weite Verbreitung der 
Symbolik beweist. 



Deutecfaes Geistesleben unter den Ottonen. 81 

sich, wie wir gesehen, gerade diesen Dingen am meisten zuwandte, 
nnd als die Kirche durch die Ausbildung der Intercessionen und 
Süffragien für die Verstorbenen seit Gregor dem Grossen den 
Ort der Qual und der jenseitigen Freude unmittelbar mit der 
greifbaren Welt der Erscheinungen verknüpft hatte. Nichts gab 
es hier zwischen Himmel und Erde, das die Phantasie nicht zum 
erhebendsten wie quälendsten Schauer erregen konnte. Und wäh- 
rend die früheren Generationen sich mehr mit den milderen Bildern 
von Himmel und Hölle beschäftigten, traten schliesslich Fegfeuer 
nnd Weltende in den Mittelpunkt aller Vorstellung. 

Das Fegfeuer galt bald als Hölle der unter Milderung des 
Urtheils Verdammten, bald als Purgatorlum; an beide Auffas- 
sungen knüpfte sich wildwuchernd eine Reihe phantastischer 
Bilder, deren reife Ernte Dante anheim fiel ^ Die Vorstellungen 
über das Weltende aber verdichteten sich allmählich, unter Ver- 
werfung der etwas nebelhaften Phantasien der Apokalypse zu 
einer wohlgeordneten Reihe plastisch gedachter Vorgänge, in 
denen namentlich das Auftreten des Entchrists eine Rolle spielte. 
Er wird erscheinen, wann der Frankenkönige letzter, der zugleich 
^ Römischer Kaiser sein wird, nach Bekehrung aller Juden frei- 
willig seiner Herrschaft entsagen wird. Das wird der herrlichste 
sein von allen Kaisern, er wird allen Götzendienst abthun, er 
wird alles* Volk unter Christi Namen sammeln, er wird gen Je- 
rusalem wallend und sterbend sein Reich Gott und Gottes Sohne 
auftragen. Dann fährt der Entchrist daher von Babylon, Sohn 
des grausamsten Lüstlings und der gemeinsten Dirne, Ausgeburt 
des Teufels durch Vermittlung der Sünde, ein Nachäffer Christi 
und Verführer der Menschen. Aber sein Reich ist kurz; der 
Erzengel Michael wird ihn tödten und Christus ihn in den Staub 
strecken. Und dann beginnt das Gericht. 

Neben diesen dogmatischen Phantasien wuchert üppig der 
Heiligenglaube. Schon ist eine volle Hierarchie von Heiligen 
begründet und schon erhebt sich über sie alle Maria, die virgo 
ante partum, virgo in partu, virgo post partum, der Stern des 



1 Sehr eigenartig z. B. Vita Ghuonr. Gonst c. 8, SS. 4, 433: Eonrad von 
Konstanz und Ulrich von Augsburg betrachten vom Castell Laufen aus 
den Rheinfall, in den sich der Strom mit furchtbarem Tosen stürzt: ,in 
avinm specie animas nondtun plene purgatas illo tormenti genere cruciari 
per Bpiritom docentur'. 



32 K. Lamprecht. 

Meeres, die Königin der Engel \ Von Sedulius und Fortunat 
besungen, von Radbertus und Ratramnus bis nahe zur Vorstel- 
lung der unbefleckten Empfangniss ihrer Mutter Anna dogmatisch 
verehrt, fand sie im h. Ulrich von Augsburg, dem Patriarchen 
der Ottonischen Bischöfe, einen glühenden Verehrer; überallhin 
drang ihr Cult; schon die Miniaturhandschriften der zweiten 
Hälfte des 10. Jhs. kennen den Bildercyklus des Marienlebens '. 
Indem aber die Heiligen mit ihrem Glänze die höheren Per- 
sonen der Bibel für die Blicke der Laien fast zu verdrängen 
beginnen, wuchert üppig der Reliquiendienst empor mit all seinen 
Wundern " : die neutestamentlichen Zeiten scheinen wieder her- 
beigekommen : alle Welt ist übernatürlicher Kräfte voll*; es 
giebt nichts Unwahrscheinliches mehr ^ ; und der altgermanische 
Fatalismus setzt sich um in die blinde Zuversichten die allgegen- 
wärtige Hilfe des Herrn und seiner Heiligen. 

Und wie der altgermanische Fatalismus den sengenden Krieges- 
eifer 'Unserer urzeitlichen Ahnen erzeugt hatte und nährte , so 
gab der neue, christliche Fatalismus den Deutschen des 10. Jhs. 
das Gepräge furchtbarer Gottesstreiter. In stetem Kampfe lagen 
sie mit dem Unhold der Hölle; besiegen aber liess er sich in 
seiner Wirkung böser Lüste nur durch eine immer grimmiger 
betriebene Askese ®. 

Anfangs hatte man sich im Kampfe gegen den Vater der 
Lüge wohl mit der genauen Befolgung der kirchlichen Sitten- 
vorschriften begnügt, wie sie Bischof und Priester in ihren äus- 
seren Formen aufs Strengste einschärften, ohne Verständniss für 
das Wort Christi, dass er gekommen sei das Gesetz zu erfüllen. 
Aber bald ging man darüber hinaus. In der Fastenzeit waren 



^ Imperatriz angelorum sogar : Brun. Vita Adalb. c. 2. 
^ Vgl. Janitschek, Gesch. der Deutschen Malerei. S. 84. 
3 Vgl. als charakteristisch das 11. Capital de Vita Deod. I. Mett.: De 
aviditate (Deoderici) in perquirendis reliquiis. 

* Die Heiligen haben schon Speciali täten im Wunderwirken, vgl Mir. 
S. Verenae c. 6. Auch bei Nichtheiligen nimmt man in der LebensfQhraog 
gerne Wunder an: Hrotsuit, Gesta Odd. Vers 542. Vgl. VitaBemw. Prol, 
auch aus früherer Zeit Agius, Vita Hathum. Vers 455 ff. 

* Man vgl. Vita S. Gerard. Tüll. c. 10. 

* Es mag ausdrücklich betont sein, dass diese Aflkese somit durchaus 
nicht eine «neue Erscheinungsform" der alten orientalischen Askese ist. 
Das war schon die spätrömische Askese nicht, da sie aus durchaus an- 
deren Motiven hervorging, wie die orientalische. 



Deutsches Geistesleben nnter den Ottonen. 83 

besondere Bussfibusgen althergebracht^ der Gottesdienst wurde 
durch ÜBg und Nacht nicht ausgesetzt, Beten, Psalmgesang und 
Messehören in buntem Wechsel schufen eine nervöse Spannung, 
welche als besonders verdienstlich galt. Bald machten fromme 
Laien zur Regel, was die Kirche als Ausnahme gebot; sie nah- 
men sich in körperliche Pein durch Weigerung des Schlafes, 
durch Yersagung aller geschlechtlichen Anwandlungen, durch 
Yemachlässigung der Körperpflege, durch die schmerzende Klei- 
dung groben Haartuchs, durch Fasten, durch ununterbrochene 
Uebung des Gebets und des Busssanges, wohl gar durch das Ge- 
iQbde des Schweigens und der äusseren Demuth. 

Dabei zogen sich einzelne Fromme so völlig auf sich und 
die üebungen zurück, dass sie sich nicht mehr sicher darüber 
fühlten, ob nicht die Dinge dieser Welt überhaupt nur Vor- 
spiegelungen, Eingebungen des Teufels seien. Das Ende war 
dann Skepsis und Verzweiflung, falls Gott der dürstenden Seele 
nicht drastisch Auswege aus diesem Wirmiss schuf ^ 

Andrerseits brachten einzelne hochbegabte Asketen es wohl 
zu wahrhafter geistiger Versenkung, zur Meditation über die 
Leiden Christi, über die Schönheit Marias, über die Vorzüge eines 
gottgeweihten Lebens. Doch spielte diese Meditation in den 
meisten Fällen mit blossen Antithesen : Christus, der Lenker der 
Welt, in Windeln gewickelt; der Stern thronende in der Krippe; 
sein Antlitz, das Cherubim nicht zu schauen wi^en, besudelt; 
die Hände an's Kreuz geheftet, welche die Welt schufen*: — 
und ferne war sie jedenfalls noch von der weltabscheidenden Con- 
templation der späteren Mystik. 

Was aber die Askese zumeist und bei allen innigen, mittel- 
begabten Naturen wirkte, das war der Sinn der Weltflucht. In 
ihm trafen sich die Frommen des Landes ; hier fanden sie den 
gemeinsamen Schwerpunkt ihrer Kraft; von hier aus wirkten sie 
auf das allgemeine Kirchenthum lösend, befreiend, befruchtend. 

VL 

Das 9. bis 11. Jh. ist in Deutschland das Zeitalter der Klaus- 
ner und Klausnerinnen ' ; nie haben fromme Einsiedel der Kirche 



1 So zeigte Gott der h. Lintbirg an jeder teuflischen Figur in poste- 
rioribas einen schwarzen Flecken; Vita Lintb. c. 29. 

' E o ep k e, Hrotsnit S. 213. 

' Die vita solitaria ist die vita altior: Arnold de S. Emmer. 2, o. 61. 
Sa 4, 572. 

Beat so he Zeittchr. f. GoscbichkBW. VII. 1. 3 



84 ^ Lamprecht. 

mehr Heilige geliefert, von der h. Liutbirg von Halberstadt bis 
zur h. Wiborad von Sanct Gallen und von sanct Humbert von 
Verdun bis zu Günther, dem trotzigen Waldbruder des Boehmi- 
sehen Gebirges. Alle Gegenden, alle Stämme haben damals Ver- 
treter des einsam-asketischen Lebens geliefert, nicht zum wenig- 
sten der letztbekehrte Stamm der Sachsen ^ Hier lebte schon 
in Earlingischer Zeit die h. Liutbirg, bereits vor ihrem Ein- 
schluss in die Zelle durch Fasten und Nachtwachen aufgerieben ; 
der Körper ausserdem zerarbeitet durch der Hände mühsamen 
Fleiss und gleichsam schon erstorben im Hungertod , die Leibes- 
kraft erschlaffend, der lebhafte Gesichtsausdruck in starrende 
Blässe gewandelt, die Haut schlotternd um Knochen und magere 
Muskelmassen: das war der Erfolg ihres nächtlichen Gottes- 
dienstes ^. Nachdem sie aber vom Bischof in ihre Klause ge- 
bannt war, um sie nie, ausser in echter Noth zu verlassen, 
diente sie Gott in unablässiger Meditation, in Gebet und frommer 
Arbeit, und nährte sich nur von Brod, das sie mit Salz und 
Kräutern des Feldes würzte, von Waldbeeren und wilden Aepfeln ; 
nur an Sonn- und Festtagen empfing sie Fische und Hülsen- 
früchte von milder Hand '. Um ein Jahrhundert später aber lebte 
die h. Sisu von Drübeck in Westfalen bei vierundsechzig Jahren 
in ihrer Klause, ohne sie zu verlassen, ohne Kühlung in der Hitze 
des Sommers, fast ohne Feuer in des Winters Kälte; Würmer 
zernagten ihren Körper, die sie sich, fielen sie ab, in frommer 
Wollust wieder ansetzte *. 

Was die Frauen derart in der Nähe bewohnter Orte in stummem 
Dulden suchten, das fanden die Männer zumeist in der melancho- 
lischen Einsamkeit des Urwalds : kein Waldgebirg, das nicht seine 
wunderlichen Heiligen genährt hätte. Da sassen sie, ein Bliduf 
im Wasgenwald, ein Lambert in den Ardennen, fem jedem Ver- 
kehr in unwegsamer Wildniss, dürftig ja kaum bekleidet, ewig 
verhalten in Fasten und Gebet; hell erklang ihr Psalmengesang 
durch das nächtliche Dunkel, und im Wettstreit mit den Vögeln 
des ersten Sonnenstrahls lobten sie den Herrn in der Höhe. 

Aber wie die Weltflucht der Iren und Angelsachsen einst 
umgeschlagen war in ungezügeltem Wanderdrang, wie der früh- 



* S. z. B. Ann. Quedlinb. z. J. 1011; 1013. 
' Vita Liutbirg. c. 11. 

» Vita Liutbirg c. 22. 

* Thietm. 8, c. 6. 



Deutsches Geistesleben unter den Ottonen. 85 

mittelalterliche Mensch unter Fremden noch nicht minder allein 
war als in der starrenden Oede des Urwalds, so bemächtigte sich 
dieser Geister theilweise ein neuer ^ ungeordneter Wandertrieb: 
der h. Wolf gang, in Beichenau erzogen, in Trier und Würzbui^ 
gesegnet thätig, dann Mönch zu Einsiedeln, geht als Missionar 
naich Pannonien, von wo er nur ungern dem Gebot zur Ein- 
nahme des festen Bischofsitzes zu Regensburg Folge leistet; noch 
grossere Wanderer waren der h, Adalbert von Prag, der h. Brun 
von Querfurt — , und über die heimischen frommen Reisen hinaus 
winkte schon gegen Ende des 10. Jhs. immer verlockender die 
grosse Fahrt in's heilige Land zu den Statten, da Gott gelitten ^. 

Das Alles waren Erscheinungen des religiösen Lebens von 
einer Gluth und einem überwallenden Einsatz nationalen Tempe- 
ramentes, die den verfassungsmässigen Leitern der Kirche früh 
zu denken gaben. Erzbischof Brun von Köln, der Bruder des 
grossen Kaisers Otto, hat schliesslich die Reclusen besonders ver- 
schärfter Aufsicht unterworfen. 

Ehe indess solche Massregeln nöthig wurden, hatte die Be- 
wegung geregeltere Bahnen gefanden: sie war in eine gewaltige 
Strömung umgeschlagen zu Gunsten der Reform des mönchischen 
Lebens. 

Nii^ends fasste diese Richtung früher, inniger, reicher Fuss, 
als in Lothringen ^. Mancherlei Gründe trugen hierzu bei : die 
Nähe Frankreichs, wo schon früher als in Deutschland Bestre- 
bungen einer Kirchenreform, vornehmlich von Gluny ausgehend, 
aufgetreten waren ^ ; die alte Gultur des Landes , das die 
kirchliche Ordnung seit Jahrhunderten in sich aufgenommen; 
endUch der neuerliche Verfali gerade der Lothringischen Klöster, 
die vielfach in Laienhände gerathen waren und darum der Gegen- 
wirkung frommer Strömungen doppelt leicht anheimfielen. 

In Niederlothringen war es Gerhard von Brogne, einem 
Kloster des Lütticher Bisthums, der unter dem Schutze des Flan- 
drischen Grafen Arnulf namentlich die Beform der alten Flan- 



^ Bischof Eonrad von Konstanz war dreimal in Jerusalem : Vita Chuonr. 
Ckmst. c. 7. 

' Ueber die Lothringer Reform vgl. meinen mehrfach unbeachtet ge- 
bliebenen Aufsatz in Pick's Monatschrift f. d. Gesch. Westdeutschlands 
7, 91 ff.; 217 ff. 

' Doch hat die Gluniacenserströmung unmittelbar selbst in dieser Pe- 
riode anf Deutschem Beichsboden wohl nur auf St. Evre zu Toul stark 
gewirkt; Dümmler, Otto I. S. 115; Sackur, Cluniacenser 1, 157 ff. 

3* 



36 ^* Lamprecht. 

drischen Abteien durchführte. Bedeutender ist die Oberlothrin- 
gische Elosterreform. Ihr Begründer ist Johann von Gorze, ein 
Romane aus Vandiere an der Mosel. Asketisch und schwärmerisch 
angelegt, lernte er in freigewähltem Mönchthum die strenge 
Richtung des Französischen Elosterlebens zu Verdun kennen^ 
ging dann nach Metz zunächst in der Absicht ein Klausner zu seiii^ 
ward aber schliesslich nach weiteren Fahrten nach Italien die 
Seele und bald auch das äussere Haupt des Klosters Gorze bei 
Metz, das der Bischof Adalbero ihm und einer Reihe verwandter 
Naturen im J. 933 zum Sitze angewiesen hatte. Als Abt von 
Gorze ist er hochbetagt im J. 974 gestorben. 

Von Gorze ergoss sich die Reform in die Klöster der Stadt 
und des Bisthums Metz, in die Sprengel von Toul und Verdun^ 
in die grossen Abteien der Ardennen und theilweis Niederloth- 
ringens. Auch Trier ward unmittelbar, soeben auf selbständigem 
Wege zu verwandten Reformen begriffen, von ihr berührt, ja 
bis nach Köln reichten ihre Einflüsse unter der wohlwollenden 
Förderung des grossen Erzbischofs Brun. Zwischendurch aber re- 
formirten an der Maas und nach Nordfrankreich hinüber, gelegent- 
lich auch in Köln, Schottenmönche, welche den heiteren Sinn 
Irischen Mönchthums wenigstens zum Theil im Feuer continen- 
taler, namentlich Lothringischer Askese gestählt hatten. 

Rechts des Rheins ward die klösterliche Reform nicht mit 
gleichem Eifer gefördert. Ein Versuch des Mainzer Erzbischofs 
Friedrich I. in den ersten Jahren König Ottos I. schlug völlig 
fehl ^ ; die kleinen Klöster scheinen anfangs gehorcht zu haben, 
aber an Fulda und wohl auch an Korvey brachen sich alle Be- 
strebungen des Mainzer Oberhirten: und Friedrich selbst war 
nicht die Persönlichkeit, ernsten Nachdrucks und reinen Herzens 
bei seinem Vorhaben zu beharren. 

In Schwaben knüpfte sich ein Aufschwung des kirchlichen 
Lebens an die prächtige Persönlichkeit des h. Ulrich, der von 
924 bis 973 Bischof von Augsburg war. Schon in den Mannes- 
jahren von tapferer Frömmigkeit — während die Männer vor 
Augsburgs Thoren die Ungaruschiacht schlugen, führte er die 
Frauen der Stadt zum Kampf im Gebet ^ — , neigte er sich als 
Greis immer mehr der asketischen Bewegung zu ; in seineu letzten 
Jahren hat er die Einsamkeit der Klosterzelle ersehnt. Es war 



» Widuk. 2, 0. 37. 

* Vita üodalr. c. 12, SS. 4, 401. 



Deutsches Geistesleben unter den Ottonen. 87 

eine Richtung, die der Elosterreform in Schwaben zu Gute 
kommen musste auch da, wo nicht, wie z. B. in Einsiedehi über 
der Hütte des h. Meinrad, die Reform von fremder Hand ins 
Land getragen ward ^. 

Abgeneigt war man der Reform anfangs in Baiern und Sach- 
sen. Und während Baiem schliesslich zögernd den Impulsen 
von Westen her folgte *, beharrten in Sachsen führende Geister 
noch bis späthin im Versagen: wie Widukind sich schon ab- 
schätzig über die Mainzer Bestrebungen Friedrichs I. äusserte, so hat 
Thietmaryon Merseburg wiederholt seine Missbilligung des geistigen 
Lebens in den reformirten Klöstern bezeugt*. 

Nicht völlig mit Unrecht. Denn die volksthümlichen Formen 
<ler Askese, an sich grobsinnlich, massiv, darum schwer lastend 
auf Gemüth und Körper, waren in den Klöstern vielfach zu 
verfeinerter Peinigung und ungesund erregtem Seelenleben ge- 
steigert worden. 

Vor der Reform hatte unter den Mönchen vielfach ein glück- 
liches Gemeinschaftsleben von harmloser Fröhlichkeit geherrscht. 
Die Regel wurde so genau nicht genommen. In St. Gallen, dessen 
Zustand wir ans den fesselnden Schilderungen seiner Kloster- 
chronik am besten kennen, fand man z. B., dass man an Fast- 
tagen neben Fischen ebensogut Vögel geniessen könne, denn in 
mancher Beziehung hätten Vögel, verglichen mit anderen Thieren, 
doch viel Aehnlichkeit mit Fischen. 

Diese heitere, lebensfreudige Sinnlichkeit verschwand nun. 
An Stelle naiver Bewunderung und unbeirrten Genusses der schö- 
nen Aussenwelt trat der Zweifel über die Berechtigung solcher 
Gefühle. Auch dem gesellschaftlichen Verkehr suchte man sich zu 
entziehen. Es galt nicht mehr als genügend, sich im Fasten der 
Speise, im Nachtwachen des Schlafes zu enthalten ; auch die höheren 
menschlichen Vortheile des Daseins versagte man sich, im Ge- 
bote des Schweigens verzichtete man auf Meinungsaustausch, im 
Gebote der Geduld auf die Aeusserungen des Willens, im Ge- 
bote der Demath auf das Recht des Selbstbewusstseins. 

Und all das in woUIüstig schroflFer, unbeugsamer Weise. 



< Vgl. Odilo Ringholz O.S.B. in den Stud. u. Mitth. ans dem 
Benedict-Cisterz-Orden 1 (1886), S. 50—79 ; 269—292. 

» Vgl. Vita Wolfkangi c. 15, b. auch 22. 

» Vgl. Thietm. VI, c. 15 ; Vü, 10, vgl. auch VIII, 4. Auch in Lothringen 
gab es eine Gegenpartei: Alp. de div. temp. I, c. 16. 



38 E. Lamprecht. 

Bescheidenheit genügte nicht ; man musste sich selbst verwerfen. 
Der Verfasser einer Lebensbeschreibung sagt von sicher »Ich 
armer, dummer Mensch lege weisen Männern hiermit meine 
kleinlichen Pläne vor, wie sie mein dürrer und dürstender Geist 
noch eben hat zusammenreimen können«. Es ist selbstverständ- 
lich, dass ein so fehlerhaftes Verständniss gewisser Tugenden 
zur peinlichsten Selbstbeobachtung, bei schwachen Naturen zur 
Heuchelei, bei starken zum Irrwerden an sich selbst und zur 
Verzweiflung führen musste. 

Dazu das narkotLsirende Hinbringen ganzer Tage und Nächte 
im Gebet, die Erregung visionärer und traumhafter Zustände 
durch asketisches Äderlassen, der Duft von Moder und Leichen, 
den der Beliquiendienst je länger je mehr um sich verbreitete: 
es war nicht anders möglich, als dass das Seelenleben der Mönche 
in nervöser Ekstase erbeben musste. 

Aber das war eben das Ergebniss, das man ersehnte mit 
allen Fibern des geistigen Daseins : nervöser Thränenreiz und 
phantastische Prophezeihungsgabe * galten als höchste Gottes- 
gnaden beseeligter Diener Christi: so vermochte Bischof Wazo 
von Ltittich, als er inthronisirt ward, unter grossem Seuf- 
zen in Zähren auszubrechen, die ihm nicht geringer wie einem 
siebenjährigen Knaben unter der Zuchtruthe des Lehrers zu 
fliessen schienen. 

Es war eine Geistesrichtung, die aus der sinnlich-sicht- 
baren Welt hinausführte in eine übersinnliche, ungekannte, gei- 
stige. Und ihrer ward nur theilhaftig, wer der Gnade des Höchsten 
in asketischem Leben gewürdigt war. Damit ist alles Gewicht 
auf die Berufung von oben her gelegt; nur als Gnadengabe 
Gottes erscheint die Geistesarbeit und der hohe Gedankenzug be- 
deutender Männer. Der Boden der Welt schvirindet unter den 
Füssen, erst mit dem Tode öflfnet sich das Thor des Lebens: 
nicht umsonst entwickelt sich in den Kreisen der Reform eine 
unendlich fruchtbare Dichtung des Sterbens*. 



1 Vita Burch. Prol., SS. 4, 831. Der Autor war Wormser Kleriker, 
aber im geistigen Fahrwasser der Reform. Vgl. Vita Joh. Gorz. Praef. 
SS. 4, 838, Z. 80. 

' Vgl. z. B. Vita Chuonr. Const. c. 9. 

^ Nirgends tritt sie ergreifender und würdiger auf als in der Erzähl 
lung von Hermanns von Reichenau letzten Tagen, die an Piatons Phaidon 
erinnert. Berthold Prol., SS. 5, 268—9. Aus früherer Zeit vgl. Vita Bald. 



Deutsches Geistesleben unter den Ottonen. 39 

Die Todespoesie spricht der Reform als geschichtlicher Er- 
scheinung an sich das Urtheil. Sie war nicht von dieser Welt; 
ihr Leben war hohl, ihr Geistesleben unpersönlich; mit dem Ver- 
hallen des typischen Zeitalters unserer Cultur ist es dahin ge- 
gangen. Doch vorher hat es noch auf die Entwicklung der 
Deutschen Kirche die stärkste Wirkung geübt. 

Im Beginn des 10. Jhs. war sogar das äussere Leben der 
Deutschen Kirche verfallen. Goncilien wurden nicht mehr abge- 
halten, Provinzialsynoden waren selten. Die Achtung der Laien- 
welt vor dem Klerus war fast völlig dahin; ungestraft wurden 
Priester und Bischöfe beraubt, verstümmelt, ermordet ^ 

Dem trat die religiöse Reform entgegen. Ausgehend von 
den Tiefen des Volkslebens, aber organisirt doch zum ersten Male 
in den Klöstern, schuf und erlebte sie zunächst ihre äussere Selbst- 
befreiung, indem sie die wirthschaftliche Lage der von ihr er- 
griffenen Institute wesentlich besserte und ihre verfassungsmässige 
Emancipation vom Einfluss der Bischöfe durch die Deutschen 
Konige, durch Konrad I. schon und Heinrich I., gefördert sah. 
Kaum von dem übermächtigen Einflüsse der Hierarchie ent- 
bunden, ergriff sie aber die Kirchenfürsten selbst mit dem inneren 
Wehen ihres Geistes; die Bischöfe von Metz und Köln vornehm- 
lich waren ihre begeisterten Anhänger, und nicht lange dauerte 
es, bis Mönche der Reform selbst bischöfliche Stühle bestiegen. 
Und nun drang, von oben herab, das neue Leben auch in den 
altkirchlichen Organismus ; die Kathedralstifter wurden Ebenbilder 
reformirter Klöster, der Priesterstand ward von unlauteren Ele- 
menten gereinigt, in seinen frommen Bestandtheilen geläutert und 
erzogen: die Gesammtkirche setzte sich in Einklang mit der 
Thatsache des Erblühens einer erstmaligen national-christlichen 
Frömmigkeit. 

Und höher reckten die begeisterten Freunde der Reform ihre 
Häupter. Sie sahen zum König empor als dem Einiger des Reiches, 
wie einst die Fränkische Reichskirche auf die neuen Imperatoren 
des üniversalstaates ; von ihm erhofften sie Förderung und Hilfe. 
Nicht vergebens. Wie Ottos Bruder Brun ein Anhänger der 



Leod. c. 29, sowie die eigenartige Stelle Ann. Quedlinb. z. J. 1024. Um das Feuer 
der Todesdichtung setzen sich dann, wie Schlacken, eine Fülle von Phra- 
sen an; eineschOne Sammlung derselben giebt Lambert z. J. 1075| SS. 5, 237 
gelegentlich des Todes Annos. 

^ S. Gerdes, Culturgesch. 1, 68. 



40 ^* Lamprecht^ 

Beform aus vollem Herzen war, so gehörte auch Otto der Grosse 
ihr an; nie ist er nnter der Krone gegangen, ohne vorher ge- 
fastet zu haben. 

Der Beform schien das Beich auch in seinen innem welt- 
lichen, in seinen universalen äusseren Beziehungen offen ; innerhalb 
der Kirche schien es fast, als habe sie Kraft genug, die alte 
hierarchische Ordnung zu sprengen : — da trat eine neue geistige 
Erscheinung neben sie, die Ottonische Benaissance. 



Die Anfänge Constantins des Grossen. 

Von 

Otto Seeck. 

Am 1. Mai des Jahres 305 vollzog sich gleichzeitig in Mai- 
land und Nicomedia eine Geremonie, wie das Römerreich noch 
keine gesehen hatte. Freiwillig legten zwei Kaiser die Herrschaft 
nieder und übertragen sie in Frieden auf Nachfolger, die sie 
selbst gewählt und lang erprobt hatten. Seit mehr als hundert 
Jahren hatte kein Herrscher so lange regiert, wie Diocletian und 
Maximian; fast keiner war eines natürlichen Todes gestorben; 
die meisten der sich schnell folgenden Thronwechsel waren durch 
Bürgerkriege eingeleitet worden. Diese harte Zeit der inneren 
Wirren, welche das Reich bis in seine Grundfesten erschüttert 
hatten, schien jetzt abgeschlossen, und freudig blickte man einer 
rahigen Zukunft entgegen. 

Diese Hoffnung sollte sich freilich als trügerisch erweisen; 
doch dass man sie überhaupt hegen konnte, dass ein Herrscher 
sich zwanzig Jahre lang auf dem Thron behauptet und durch 
Adoptionen eine Dynastie gegründet hatte, der niemand die An- 
erkennung versagte, war damals schon ein grosser, verheis- 
sungsvoller Erfolg. Diocletian, dem man ihn zu danken hatte, 
war ein wunderlicher Ideologe, ein grüblerisches Halbgeuie, reich 
an Einfallen, aber arm an Menschenkenntniss und praktischer 
Lebensweisheit, einer von jener Art, aus der heutzutage die ge- 
werbsmässigen Erfinder hervorgehen. Als Rathgeber eines klugen 
nnd selbständigen Fürsten, der sich durch die XJeberfüUe seiner 
geistvollen Ideen anregen zu lassen, aber auch sie zu sichten und 
das unreife auszuscheiden verstand, wäre er trefflich an seinem 
Platze gewesen ; als Kaiser selbst war er seiner Aufgabe, so ernst 
er sie fasste und so pflichtgetreu er sie zu erfüllen strebte, doch 
nicht ganz gewachsen. Aengstlich zugleich und vermessen, jeder 



42 0. Seeck. 

ausgetiftelteo Gefahr scharfsinnig vorbauend und doch immer die 
nächstliegende übersehend, rechthaberisch, aber ewig wechselnd in 
seinen Meinungen und Absichten, hätte er dem Reiche wahrschein- 
lich viel mehr Unheil als Glück gebracht, wenn unter den tausend 
Plänen, die er ausheckte und hastig ins Werk setzte , umgestaltete 
oder wieder verwarf, sich nicht zufällig gerade derjenige, welcher 
die Dauer seiner Herrschaft zu sichern bestimmt war, bis zu 
einem gewissen Grade bewährt hätte. 

Im niedrigsten Stande geboren ^, hatte er sich vom gemeinen 
Soldaten zum Befehlshaber der Leibgarde aufgeschwungen, auch 
schon einmal *das Consulat bekleidet ', als Kaiser Carus auf sei- 
nem Siegeszuge in*s Innere des Perserreiches von einem Blitz- 
strahl erschlagen wurde ^ Die Nachfolge schien gesichert; denn 
der Verstorbene hinterliess zwei erwachsene Söhne, die er schon 
längst zu seinen Mitregenten ernannt hatte. Der ältere, Carinus, 
war im Westen zurückgeblieben, um den Vater dort zu vertreten ; 
der jüngere, Numerianus, begleitete das Heer *. So konnte er 
gleich dessen Treuschwur entgegennehmen und, nachdem der 
Frieden mit den Persem eiligst hergestellt war, es seinem Bruder 
zuführen. Unterwegs wurde er von einem Augenöbel befallen, 
das ihn zwang, zum Schutze vor der blendenden Sonne des Sü- 
dens in geschlossener Sänfte zu reisen. Längere Zeit blieb er so 



» Eutrop. IX 19, 2; Viel Caes. 89, 5; epit. 39, 1; Zonar. XII 81. 
Vor seiner Regierung führte er den Freigelassennamen Diocles. Lact, de 
mort. pers. 9; 19; 29 ; 87; 52; Liban. ad Theod. de sedit. I p. 644 (Reiske). 
Yict. epit. 89, 1. Dieser hat wohl Anlass gegeben, dass man seiner Matter 
und seiner Vaterstadt den Namen Dioclea erfand; denn wie die zweifeln- 
den Angaben des Eutrop zeigen, wusste man von seiner Herkunft nichts 
Genaues. Wahrscheinlich ist er selbst bestrebt gewesen , sie möglichst in 
Dunkel zu hüllen. 

• Zon. XII 80; 81; Vict. Caes. 89, 1; Vit. Carini 13, 1. Gleich nach 
seinem Regierungsantritt Übernahm er nach den Fasten sein zweites Con- 
sulat, muss also schon als Privatmann Consul gewesen sein. Diesen Schluss 
hat auch Syncellus gezogen. 

» Eutrop. IX 18, 1 ; Vict. Caes. 88, 8 ; epit. 88, 8 ; Zon. XII 30 ; Chron. 
Pasch, a. 284 ; Vit. Car. 8. Wenn die letztgenaimte Stelle vermuthen 
lässt, der Kaiser sei durch eine Militärverschwörung umgekommen, so ist 
darauf gar nichts zu geben; solche Andeutungen des notorischen Fälschers, 
welcher die Historia Augusta verfasst hat, besitzen nicht den geringsten 
Quellenwerth* 

* Eutrop. IX 19, 1; Vict. Caes. 88, 2; Zon. XII 80; Vit. Car. 7, 1; 
12, 1 ; 16, 2. EinRescript des Numericmus vom 18. März 284 ist aus Emesa da- 
tirt. Cod. Just. V 52, 2. 



Die Anfänge Constantins des Grossen. 48 

jedem Verkehr mit den Soldaten entzogen, den Oberbefehl führte 
an seiner Statt sein Oardepräfect und Schwiegervater Aper. Als 
man in der Nahe von Nicomedia angelangt war ^, glaubten einige 
zu bemerken, dass ans der Sänfte, die noch immer das Heer be- 
gleitete, Leichengeruch hervordringe; man riss sie auf und fand 
den Kaiser todt ^. Dass Aper der Mörder sei, stand der aufge- 
regten Menge ohne Weiteres fest; keiner dachte an die nahe- 
liegende Möglichkeit, dass Numerian eines natürlichen Todes ge- 
storben sei und sein Schwiegervater dies nur verheimlicht habe, 
damit das führerlose Heer sich nicht zu übereilten Schritten hin- 
reissen lasse. Der Eaisermord war eben so sehr zur Regel ge- 
worden, dass man ihn in einem zweifelhaften Falle wie dieser 
als selbstverständlich betrachtete. Drohend forderte das Heer 
Gericht und Rache für den Sohn des siegreichen Carus. Doch 
auf gesetzlichem Wege war dieser Wunsch nicht so bald zu er- 
füllen, wie die Ungeduld der wilden Massen es erheischte. Denn 
über den Präfecten gab es keinen Richter als den Kaiser, und 
dieser war jetzt in dem fernen Italien ; Monate mussten vergehen, 
ehe man zu ihm gelangte. Und wer wusste, ob nicht Carinus 
mit Aper unter einer Decke spielte: sein Ruf war nicht der 
beste und der Mitregent mochte ihm lästig sein. An angestif- 
teten Hetzern, welche solche Gerüchte verbreiteten und die Auf- 
regung schürten, wird es kaum gefehlt haben. So kam es denn 
wieder einmal zu einer Militarrevolte, wie sie damals zu den all- 
taglichen Erscheinungen gehörten. Um nicht die Rache für den 
einen Sohn des Garns in ungewisse Feme hinausgerückt zu sehen, 
wurde das Heer zum Verräther an dem andern und forderte eine 
neue Kaiserwahl. Seinem Willen gehorsam traten die Offiziere 
zusammen und vereinigten ihre Stimmen, wie natürlich, auf den- 
jenigen, welcher unter ihnen den höchsten Rang bekleidete'. 
Diocietian wusste schnell und summarisch Oericht zu halten, wie 
es der Leidenschaft der Soldatesca entsprach. Als er sich zum 
ersten Mal in kaiserlichem Schmucke dem Heere vorstellte und 



I Zoaim. I 73, 2. « Eutr. IX 18, 2; Vict. Caes. 38, 6; 

epit 38, 4; Zon. XII 80; VitCar. 12. 

8 Vict. Caes. 39, 1 schreibt zwar, Diocietian sei ducum consüio trifm- 
norumque ob sapientiam gewählt worden, aber da er nach Aper die höchste 
Stelle im Heere einnahm, h&tte sich seine Wahl von selbst verstanden, 
auch wenn er nicht für weise gegolten hätte. In dieser Zeit pflegen heid- 
nische Schriftsteller die Weisheit der heidnischen Kaiser zu preisen, christ- 
liche die der christlichen ; solche Zeugnisse haben daher gar keine Bedeutung. 



44 0. Seeck. 

die Zurufe entgegengenommen hatte, durch welche es die Vor- 
wahl der Offiziere bekräftigte, zog er feierlich sein Schwert aus 
der Scheide, erhob es zum leuchtenden Antlitz des Sonnengottes 
und schwur, dass er am Tode Numerian's unschuldig sei und nie 
nach der Krone gestrebt habe. Dann wandte er sich zu Äper, 
der, wie es dem Präfecten zukam, hinter dem Kaiser auf der 
Tribüne stand, und stiess mit dem Rufe: „ Dieser hat den Mord 
angestiftet!* den Verdächtigen kurzweg nieder. Der Jubel der 
zuchtlosen Bande lohnte diese soldatische Justiz ^ 

So bestieg am 17. Nov. 284 * Gajus Valerius Diocletianus 
zu Nicomedia den Thron. Der Zufall, dass kein höherer Militär 
ausser dem angeschuldigten Aper sich bei dem Heere befand, hatte 
ihn erhoben, ein Mord ihm die Weihe gegeben. Und dieselbe 
Rohheit des Rechtsgefühls, welche seine erste Regierungsthat 
kennzeichnet, ist ihm auch weiter treu geblieben. Er war nicht 
grausam aus Lust, wie ein Galigula und Nero — hat er doch 
sogar bei der Christenverfolgung anfangs jedes Blutvergiessen zu 
vermeiden gesucht^ — , aber er scheute auch vor keiner Grau- 
samkeit zurück, wo sie ihm nöthig oder nützlich schien *. Seiner 
soldatischen Vergangenheit entsprechend, die von jeder juristischen 
Bildung unberührt war, blieb seine Justiz immer hart und un- 
erbittlich wie das Standrecht. Als er im J. 301 den thorichten 
Versuch machte, für die Preise alles Verkäuflichen einen Maxi- 
maltarif aufzustellen, setzte er Todesstrafe darauf, wenn jemand 
ein Laib Brod zu theuer verkaufte oder zu hoch bezahlte oder 
auch nur seine Waaren nicht auf den Markt brachte, und that- 
sächlich wurde sie an vielen vollstreckt, bis er selbst sich über- 
zeugte, dass sein Gesetz sich nicht aufrecht erhalten Hess *. Unter 



* Eutrop. IX 20, 1; Vict. Caes. 89, 14; Zon. XII 81. Die Erzählung 
der Vita Garini 13, 2. Diocletians Handeln sei durch eine Weissagung 
bestimmt worden, dass er nach Tödtung eines Ebers auf den Thron ge- 
langen werde, ist an sich nicht unwahrscheinlich ; nur erregt es Verdacht 
dagegen, dass die Fälschungen der Historia Augusta sich mit besonderer 
Vorliebe in Namenspielereien dieser Art bewegen (Dessau, Ueber Zeit 
und Persönlichkeit der Script, bist. Aug., Hermes XXIV S. 384). In Er- 
manglung eines minder bedenklichen Zeugnisses wird man sie daher besser 
auf sich beruhen lassen. 

' Ueber das Datum s. Jahrbb. f. class. Philol. 1889 S. 634. Rhein. 
Mus. XLI S. 169. 

* Lact, de mort. pors. 11; vgl. Euseb. bist. eccl. VIII 4, 4. 

* Lact. 14; 15; Eutrop. IX 23; 26; 27, 1. * CIL. III S. 826; Lact. 7. 



Die Anfänge Constantins des Grossen. 45 

ihm wurde es üblich, bei der Steuereinschätzung die Folter an- 
zuwenden, um Yon den ünterthanen Geständnisse über die Höhe 
ihies Einkommens zu erpressen ^ Gegen seine Feinde hat er 
nicht blind gewüthet, wie Leidenschaftlichkeit seinem Charakter 
überhaupt fremd gewesen zu sein scheint. Nach dem Sturze des 
Carinns hatte er Gerechtigkeitssinn genug, um diejenigen, welche 
ihrem Kaiser treu, seine Gegner gewesen waren, nicht nur un- 
gestraft zu lassen, sondern sogar in ihren Ehren und Würden zu 
bestätigen '. Aber jede Verschwörung, jeden Aufstand, welcher 
später gegen ihn als anerkannten Herrscher ausbrach, hat er in 
Strömen Blutes erstickt ". Die Majestätsprocesse rafften unter ihm 
kaum weniger Opfer hinweg, als unter den schlechtesten seiner 
Vorgänger, ja er soll sogar ganz unverdächtige Männer haben 
hinrichten lassen, nur weil ihr Vermögen ihn zur Confiscation 
reizte. Denn seinen Schatz stetig zu vermehren und sparsam zu 
hüten, war für die Politik des vorsichtigen Kaisers einer der 
Haupigesichtspunkte ^. 

Aber nicht nur Rohheit und Grausamkeit ist das Kennzeichen 
des gewerbsmässigen Soldaten, sondern auch Loyalität. Die Ge- 
wohnheit der Disciplin unterwirft seine Seele noch unbedingter 
als die des Bürgers der Gewalt des einen Mannes, dessen Hand 
über Leben und Tod, über Gunst und Strafe mit unbeschränkter 
Freiheit schaltet. Auch in dieser Zeit hatte der Fahneneid seine 
Macht über die Gemüther nicht ganz verloren. Selbst der Auf- 
stand gegen Garinus, dessen nächstes Ziel doch die Rache für 
den Tod des legitimen Herrschers war, ist ein Beweis dafür. 
Auch Diocletian war zu unbedingter Hingebung an den Allmäch- 
tigen erzogen worden : als er an dessen Stelle trat, schlug sie in 
Selbstvergötterung um. Wenn er anstatt des schlichten Purpurs 
Gewänder und Schuhe, die mit Perlen und Edelsteinen geschmückt 



' Die Anwendung der Folter wird zuerst beim Census des Jahres 306 
munittelbar nach der Abdankung Diocletians erwähnt. Lact. 23; vgl. 7 
m exactionibijs miuriae nan ferendae, 

' Vict Caes. 39, 15 Nach den Fasten behielt Aristobulus das Gon- 
snlat, welches ihm Carinns verliehen hatte, auch unter Diocletian. Vgl. 
Hydat Fast. 285. 

' Eutrop. IX 23; Liban. ad Theod. post reconc. I p. 660; de sedit. 
p. 644; Antioch. p. 824; de yita sua p. 4. 

* Lact de mori pers. 7; 8; Euseb. vit. Const. I 14; Liban. de Con- 
stante et Gonstantio in p. 277 (Reiske). 



46 0. Seeck. 

waren, zam Abzeichen der Kaiserwürde machte^; wenn er sich 
für den Sohn des Jupiter ausgab und danach den erblichen 
Namen Jovius annahm ^ ; wenn er sein Bild neben denen der 
Götter aufstellen und verehren liess " und von allen, die seinem 
Throne nahten, anbetendes Niederknien verlangte ^, so war dies 
mehr als eine Komödie, erdacht um den XJnterthanen die gött- 
liche Weihe des Kaiserthums recht augenscheinlich vorzuführen ; 
es war der Ausdruck seiner eigenen innersten Ueberzeugung. 
Er wusste wohl, dass er jeden Augenblick einem Soldatenaufstande 
zum Opfer fallen könne — die quälende Furcht davor hat seine 
ganze Politik beherrscht — , aber so lange er die Krone trug, 
fühlte und duldete er keine Schranke seiner Macht. Ueber den 
Werth der Metalle * und über das dynastische Gefühl der Sol- 
daten, über die Preise der Lebensmittel und über den Glauben 
seines Volkes glaubte er ebenso unbedingt verfügen zu können, 
wie über Leib und Gut der knechtischen Masse. Fügte sich ihm 
nicht alles, so fuhr er mit Schwert und Folter drein, bis er sich 
an dem Widerstände, nicht der Menschen, sondern der Verhalt- 
nisse so derb den Kopf zerstiess, dass er eine Umkehr als un- 
vermeidlich erkannte. Dann war schnell ein neuer Plan bereit, 
der mit der gleichen grausamen Rücksichtslosigkeit durchgeführt 
wurde, bis er wieder einem neuen Platz machen musste. Symbolisch 
für sein ganzes Begierungssystem ist dasjenige, was uns von seiner 
Bauthätigkeit in Nicomedia berichtet wird". „Ihn erfüllte eine 
unendliche Baulust, verbunden mit einer nicht geringeren Be- 
drückung der Provinzen, welche Arbeiter und Handwerker und Ge- 



' Eutrop. IK 26; Zonar. XII 31; Yict. Caes. 89, 2. Dass Yict. epit. 
35, 5 sowohl diesen Schmuck, als auch das Diadem, welches nach epit. 
41, 14 und nach den MQnsbildnissen erst von Gonstantin eingeführt wurde, 
schon dem Aurelian beüegt, muss ein Versehen sein. Dexm mit der 
liAX divinum verticem claro orbe complectens, welche Eumenius paneg. II 8 
unter den Insignien des Kaiserthums erwähnt, dürfte doch wohl die Strahlen- 
krone gemeint sein. 

« Eumen. paneg. II 4, 7; 18. III 2; 8; 10; 14; 16. IV 10; 16; 18. 
V 4; Lact. 52; CIL. III 3522; 4413; 5325. Eckhel VIII S. 86; 52; 65; 
67 und sonst. 

' Eumen. paneg. in 6; vgl. II 1; 2; 6; Euseb. mart. Palaest 1, 1. 
Vgl. CIL. II[ 710. 

* Eumen. paneg. III 11; Eutr. IX 26; Vict. Caes. 89, 4; Amm. XV 
5, 18; Zon. XII 31. 

* Die Münzpolitik Diocletians und seiner Nachfolger. Zeitschr. f. Nu- 
mism. XVII S. 86. « Lact, de mort. 7. 



Die Anfänge Constantins des Grossen. 47 

spanne, kurz alles« was zur Herstellung der Gebäude nöthig war, 
stellen mussten. Hier eine Markthalle, hier ein Circus, hier eine 
Münzstätte, hier eineWafifenfabrik, hier ein Haus für seine Frau, hier 
für die Tochter. Plötzlich wird ein grosser Theil der Stadt 
niedergerissen ; alles wanderte aus mit Weib und Kind, als wäre 
der Feind in die Mauern gedrungen. Und war dies fertiggestellt 
aus dem Marke der Provinzen, dann hiess es: „Es ist nicht recht 
gemacht; es soll anders gemacht werden. '^ Aufs Neue liess er 
einreissen und verändern, um es dann vielleicht zum zweiten 
Male umzuwerfen*. Und so ging es auf allen andern Gebieten ; 
hat er doch selbst an seiner Titulatur immerfort etwas zu ver- 
werfen und zu verbessern gefunden \ In der ängstlichen Weise, 
die ihm eigen war, unterwarf er seine Pläne oft langen Bespre- 
chungen mit seinen Vertrauten ; doch jeder im hohen Käthe 
wusste, welche Entscheidung der Kaiser wünschte, und stimmte 
danach ^. Aber hätte dies auch anders sein können, zuletzt hätte 
er doch immer nach den wechselnden Eini^Uen des eigenen 
Kopfes gehandelt. 

Lange mochte sein beweglicher Geist über den Schäden des 
Römerreiches gegrübelt und nach Heilmitteln dafür gesucht haben. 



^ In den ersten Monaten seiner Regierung nahm er den Titel Brittan- 
nicus an (CIL. VI 1116; XIV 128), legte ihn aber vor 288 schon wieder 
ab (CIL. III 22), weil der betr. Sieg durch einen Privatmann, nicht durch 
die Kaiser selbst erfochten war (s. unten). Nach dem Vertrage mit den 
Persem im J. 288 (Eumen. paneg. II 7 ; 9 ; 10 ; III 5 ; V 10) nannte er sich 
Persicus (CIL. III 5810; VIII 7003), bald darauf aber schien ihm dieser 
unblutige Siegestitel unter seiner Würde. Denn wenn beide Namen im 
Preisedict (CIL. III S. 824) sich finden, so zeigt hier doch ihre "Wiederholung 
bei den Caesares, dass sie Diocletian erst nach 293 in Folge neuer Siege zum 
zweiten Mal angenommen hat. Auch die Zählung der imperatorischen 
Acclamationen ist in den Inschriften von 292 (CIL. VI 1124) und 294 (In- 
8cr. Helv. 239) eine ganz andere als im Preisedict von 301 ; dort erscheinen 
bis zum 1. März 293 bei Maximian 8, also bei Diocletian, welcher eine 
mehr zählte, 9, während hier nur 6 resp. 7 fQr denselben Zeitraum berech- 
net werden. Der Saracenenkrieg und einer der Germanenkriege, welche 
bis 294 noch in der Titulatur gefeiert worden , sind eben später als zu 
mibedeutend nicht mehr berücksichtigt. Ebenso ist die Zählung der Tribu- 
niciae Potestates des Maximian vor und nach 293 verschieden. Vgl. die 
Erhebung Maximians zum Augustus, Commentationes Woelfflinianae, Leip- 
zig 1891 S. 31 ff. Ueber die fortwährenden Aenderungen in der Münz- 
politik Diocletians s. Zeitschr. f. Numism. XVII S. 36 ff. 

' Lact 11. Seine Aengstlichkeit erwähnt Lact. 7 ; 8 ; 9 ; 10. 



48 0. Seeck. 

ehe er schon als bejahrter Mann zur Herrschaft gelangte ^. Jetzt 
waren alle Recepte fertig — natürlich nur so lange, bis ein 
anderes Heilverfahren beliebt wurde — und mit überstürzender 
Hast wurde dem hilflosen Kranken eine Arznei nach der andern 
in den Mund gezwängt. Oleich die ersten Monate von Diocle- 
tian^s Regierung sahen eine neue Münzordnung ', ein neues Sy- 



^ Ueber das Alter DiocletiaBB besitzen wir nur Eine bestimmte Nach« 
rieht bei Yict. epit. 39, 7: Vixit annos sexaginta octo ex quibua communi 
habiiu ^ope novem egü. Hiemach könnte er bei seiner Thronbesteigung 
nur 38— 39 Jahre alt gewesen sein ; doch sind die Zahlen sehr bedenklich, 
ja die zweite sogar erweislich falsch. Denn nach seiner Abdankung lebte 
der Kaiser nicht beinahe neun, sondern beinahe zwölf Jahre. Eumenius 
(Paneg. III 7) sagt von Diocletian und Maximian: nonforiuüa invobis est 
germanitatis mque ad Imperium sitnüitudo, quaene etiam intervallum vestrae 
vincit aetatis et seniorem iunioremque caritate mutua reddit aequales^ ut tarn 
illud falsa dictum sit, non delectari societate rei*um nisi pares annos. intelle- 
gimus enim, sacratissimi principes, geminum vobis, quamvis dispares sitis 
aetatibuSf inesse consensum. Dies zeigt, dass Diocletian sehr beträchtlich 
älter war, als sein Mitregent. Da er diesen adoptirt hatte, ehe er ihn 
aus seinem Sohne zum Bruder und Mitaugustus erhob, so darf man wohl 
vermuthen, dass der Altersunterschied von 18 Jahren, welchen die Römi- 
schen Gesetze für die Adoption vorschrieben, zwischen ihnen wenigstens 
annähernd vorhanden war. Den Aufstand, welcher im J. 310 den Unter- 
gang Maximians herbeiführte, erklärt Eumenius aus der Thorheit seines 
schon kindisch werdenden Greisenalters (Paneg. VII 15 error iam desipientis 
aetatis, ut tot natus annos gravissimas curas et bellum cimle susciperet). Dies 
hätte keinen Sinn, wenn der Kaiser nicht mindestens das siebzigste Jahr 
zurückgelegt hätte (die Nachricht der epit. 40, 11 aetate interiit sexage- 
narius ist also ebenso wenig glaubwürdig, wie die über das Alter Diode- 
tians). Auch kann er, da er schon als Privatmann an Donau, Euphrat 
und Rhein mit Auszeichnung gekämpft hatte (Paneg. II 2), nach einer so 
reichen kriegerischen Vergangenheit bei seiner Thronbesteigung nicht mehr 
jung gewesen sein. Wir werden daher wohl nicht sehr weit von der Wahr- 
heit abirren, wenn wir uns im J. 284 Maximian etwa als Fünfundvierzig- 
j ährigen, Diocletian als Sechzigjährigen denken. Auch der Abdankungs- 
plan wird erst verständlich, wenn der Kaiser bei seiner Ausführung achtzig, 
nicht wenn er erst fÜnfundfOnfzig Jahre alt war. Eumenius sag^ aus- 
drücklich, dass bei ihrem Rücktritt der eine Herrscher von Alter und 
Krankheit ganz gebrochen (vgl. Eutrop. IX 27, 1), der andere zwar auch 
schon ein Greis, aber noch frisch und rüstig war (Paneg. VI 9 sid tarnen 
utcunque fas fuerit cum principem, quem anni cogerent aut valitudo deficeret, 
receptui canere : te vero, in quo adhuc istae sunt integrae solidaeque vires, hie 
totius corporis vigor, hie imperatorius ardor oculorum, immaturum otium spe- 
rosse miramur). Dies passt vortrefflich auf ein Lebensalter von 80 und 65 
Jahren. 

s Die neue Goldmünze, welche Diocletian einführte, aber schon 286 



r 



Die Anfönge Constantins des Grossen. 4.9 

stein der Mitregentschaffc und Thronfolge, namentlich aber den 
anerhörten Bruch mit einer tausendjährigen Vergangenheit, dass 
Rom aufhörte Residenz und dadurch Mittelpunkt des Reiches zu 
^in. Bald folgten Umgestaltungen der Provinzial Verwaltung ^ 
des Steuer- und DdSlitärwesens und, was ja nicht zu vergessen 
ist, der ganzen Hofetikette ^, fast jede dieser Reformen in meh- 
reren immer wieder verbesserten Äufli^en. Manche seiner Neu- 
erangen waren geistvoll und zweckentsprechend, viele ganz oder 
halb verfehlt, alle von der kühnsten Rücksichtslosigkeit gegen das 
Bestehende. Vor Sitten und Einrichtungen der Vorväter hatte 
Diocletian zwar sehr viel Respect *, namentlich soweit sie schon in 
der Väter 2^iten untergegangen waren. Was im Ersterben war, 
wie die alte Religion, suchte er zu stützen, was verschollen war, 
herzustellen ^ ; aber was noch in vollem Leben bestand , schien 
ihm alles werth, dass es zu Grunde gehe. In den zwanzig Jahren 
seiner R^erung ist das Römische Reich gründlicher umgestaltet 
worden, als in den vorhergegangenen drei Jahrhunderten. 

Denn diese revolutionäre Politik sich überstürzender Neu- 
erangen ist nicht etwa vorübergebraust wie ein Sturm, nur Trüm- 
mer hinter sich zurücklassend. Was Diocletian erbaut hat, krachte 
zwar gleich von Anfang an in allen seinen Fugen und bedurfte 
«mes ununterbrochenen Flickens und Bessems; aber diese bau- 



wieder abschafiFte, um sie durch ein Goldstück von höherem Werthe zu 
ersetzen, ist nicht so selten, dass man glauben könnte, ihre Prägung habe 
nur wenige Monate gedauert (vgl. Zeitschr. f. Nmnism. XVII S. 41). Dazu 
kommt, dass mit dem Namen Maximian^s noch kein Exemplar sicher nach- 
gewiesen ist-, wenn also auch nach der Gewichtsübersicht bei Mommsen 
(Gesch. des Rom. Mflnswesens S. 852) einzelne zu existiren scheinen , sind 
sie doch jedenfalls Üusserst selten. Danach muss die grosse Masse dieser 
Goldstücke vor der Erhebung Maximian's zum Augustus (Anfang 286) ge- 
schlagen sein und folglich ihre Prägung spätestens in den ersten Monaten 
285 begonnen haben. 

^ Auch die Trennung von Militär- und Civilgewalt in den Provinzen 
f&llt in die FrQhzeit Diocietiana, da Eumen. Paneg. II 8 schon im J. 289 iu' 
^kes and duces unterscheidet. 

' Die Adoration der Kaiser wird schon bei ihrer Zusammenkunft in 
Mailand (Winter 288/8Ö) erwähnt, ist also auch in den ersten Jahren Dio- 
detians eingeführt Eumen. paneg. III 11. ' 

• Coli. leg. Rom. et Mos. XV 8,' 2 maximi emm criminis est, retractare, 
amae temd ab antiquiig statuta et deßnäa suum Matum et cursum tenent ae 
pouideiU. Vgl. VI 4. 

* Vgl. Zeitschr. f. Numism. XVII S. 60; 62; 189; U3.. 

I)«iitaehe Zeitoohr. f. Geiofaiohtiw. Yll. 1. 4 



n 



50 0. Seeck. 

fälligen Schöpfungen sind nichtsdestoweniger Jahrhunderte lang- 
aufrecht geblieben, und seine Ideen haben im Romerreiche fort- 
gewirkt, 80 lange es überhaupt noch bestehen sollte. Die Unter- 
thanen seufzten unter seinem Drucke ; aber dennoch blickten 
selbst die verfolgten Christen mit einer gewissen scheuen Ehr- 
furcht zu ihm empor, und sein Andenken blieb hoch gefeiert 
bis auf den heutigen Tag. Die Danerbarkeit seiner hastigen 
Reformen, der Zauber, welchen seine Persönlichkeit auf die Zeit- 
genossen ausübte und der noch jetzt unverstanden fortwirkt, 
hatten ihren letzten Orund darin, dass er ein so vollkommener 
Repräsentant seiner Epoche war, wie keiner ausser dem grossen 
Constantin, der eben darum auch manche Äehnlichkeiten mit ihm 
zeigt. Revolutionen und Bürgerkriege, Pestilenzen und Barbaren- 
einfälle hatten im Römerreiche furchtbar aufgeräumt. Von 
den alten Geschlechtern, welche befähigt und geneigt waren, die 
Traditionen einer früheren, besseren Zeit aufrecht zu erhalten^ 
war in Rom wie in den Provinzen kaum ein verschwindender 
Rest übrig geblieben. Die Nachkommen von Sklaven und Aus- 
ländem waren in ihre Stellen eingerückt, und mit dem neuen 
Blute war ein neuer Sinn zur Herrschaft gelangt. Zwar war 
die Begeisterung für das Alterthum grösser als je zuvor: Lite- 
ratur und Kunst ahmten es sklavisch nach ; die Projectenmacher, 
welche wie Pilze aus der Erde schössen, glaubten ihre verrückten 
Pläne nicht besser empfehlen zu können, als indem sie behaup- 
teten, mit ihnen die vergessene Weisheit der Väter wiederzu- 
bringen; selbst die Kaiser liessen sich gern als Hersteller des 
Alterthums preisen und fast jeder unternahm es, einzelne von dessen 
verschollenen Institutionen zu neuem Leben zu erwecken. Doch 
wie sich von selbst versteht, scheiterten diese Versuche kläglich,, 
imd die gute alte Zeit blieb ein unerreichbares Ideal. Was sich 
aber von ihr noch erhalten hatte, verachtete man, weil es ja 
durch sein XJeberleben zu einem Theil der kläglichen Neuzeit 
geworden war. Das Haus, in dem man gewohnt hatte, war zu- 
sammengestürzt, und eiligst suchte man nicht aus den Trüm- 
mern, sondern über ihnen ein neues Gebäude herzustellen. Jeder 
machte Pläne dazu, die nur in dem Gedanken übereinstimmten,, 
dass alles anders werden müsse, als es zur Zeit war. Eine zügel- 
lose Herrschaft der grauen Theorie, ein radicales ünbekümmert- 
sein um alles Bestehende, ein wildes Experimentiren auf allen 
Gebieten des staatlichen Lebens, ein Ilebermass tief einschneidender 



Die Anfänge Gonstantins des Grossen. 51 

und sicli immer wieder aufhebender Gesetze und Verord- 
nungen ist daher die Signatur des ganzen vierten Jahrhunderts. 
Wenn also Diocletian der erste war, in dem dieser neue Zeit- 
geist seine volle Verkörperung fand, so that er damit nichts an- 
deres, als was alle seine Nachfolger thaten und was seine Zeit- 
genossen von ihrem Kaiser erwarteten und verlangten. Und er 
that es trotz aller Härten und Fehlgriffe mit soviel Geist, dass 
seine Ideen allgemeine Bewunderung fanden und noch ferne Ge- 
schlechter unter ihrem Banne erhielten. Wir, die wir vom 
Standpunkte der Nachwelt aus alle Folgen seines Thuns ttber- 
schauen können, haben ein Recht, ihn streng zu beurtheilen; 
doch sollen wir dabei nie vergessen, dass er den Besten seiner 
Zeit genug gethan hat und aus diesem Grunde für alle Zeiten 
Anerkennung heischen darf. 

Ziele und Wirkungen seiner überhasteten Beformpolitik im 
Einzelnen zu besprechen, ist hier nicht der Ort; wir verweilen nur 
bei seiner Thronfolgeordnung. Die erste und dringendste Auf- 
gabe, welche sich der Herrscher gestellt sah, bestand darin, das 
Zeitalter der Militärrevolten endlich abzuschliessen und eine dau- 
ernde Regierung zu begründen. Der erste Caesar hatte nach 
dem Titel eines erblichen Königs von Rom gestrebt, um so für 
seine Alleinherrschaft den einzig angemessenen und jedermann 
yerständlichen Ausdruck zu schaffen; er war untergegangen, 
weil seine Zeit wohl das Wesen, aber noch nicht den Namen 
der Monarchie ertrug. Hierdurch belehrt, hatte sein Nachfolger 
sie in eine Form gegossen, welche sich scheinbar den republi- 
canischen Institutionen einfügte. Augustus schuf für sich kein 
Amt mit festem, einheitlichem Namen und klar umgrenzten Be- 
fugnissen, wie es Consulat, Dictatur oder auch das Königthum 
waren, sondern er liess sich verschiedene Aemter und Rechte 
fibertragen, von denen kein einziges in der Republik ohne Bei- 
spiel war, die aber freilich in ihrer Gesammtheit ihrem Inhaber 
eine Macht verliehen, welche ihn hoch über alle ordentlichen 
Magistrate erhob. Die Handhabe dazu bot eine Fiction, welche 
in den vorausgegangenen Bürgerkriegen ihre Rechtfertigung fand. 
Man nahm an, der Staat befinde sich im Zustande ungewöhn- 
licher Gefahr, die nur durch eine übermenschliche Kraft abzu- 
wenden sei; eine solche biete sich dar in dem Sohne des Divus 
Julius, der göttlichen Blutes und selbst bestimmt, dereinst unter 
die Götter aufgenommen zu werden, einstweilen von ihnen ge- 

4* 



52 O. Seeck. 

sandt sei, um dem Reiche die Sicherheit wiederzugeben. Za 
diesem Zwecke bedürfe er einer dauernden und überlegenen Stel- 
lung inmitten der wechselnden Magistrate, bis sein hoher Beruf 
erfüllt sei. Es liegt im Wesen dieser Fiction, dass im Princip 
das Kaiserthum nicht erblich, ja nicht einmal lebenslänglich sein 
konnte; denn war die Gefahr vorüber, so hörte seine Berechti- 
gung auf. Augustus übernahm die Gewalt daher auch immer 
nur auf fünf oder zehn Jahre, nach deren Ablauf er regelmässig 
Miene machte, sie niederzul^en, und sich nur durch die Bitten 
von Senat und Volk zu ihrer Weiterführung bestimftien liess. 
Diese Komödie haben sich seine Nachfolger zwar gespart, aber 
wenigstens bei jedem Thronwechsel musste der Theorie nach die 
Frage auftauchen, ob denn die ausserordentliche Nothlage des 
Staates, welche zur Begründung der Eaisergewalt geführt hatte, 
noch fortdauere und ob wieder der ausserordentliche Mann sich 
finden lasse, dem man die Macht zu ihrer üeberwindung anver- 
trauen könne. Formell bestanden alle republicanischen Msigi^ 
strate fort; ihre Functionen hatten rechtlich keine Aendernng 
erfahren : sobald man beim Ableben des Kaisers die Wahl eines 
neuen unterliess, schien also die Republik von selbst wieder da 
zu sein. In dieser Weise ist ihre Erneuerung nach dem Tode 
des Galigula, und zum zweiten Male nach dem des Nero that- 
sächlich versucht worden, und vielen der besseren Kaiser rühmte 
man noch in später Zeit mit Recht oder unrecht nach, sie hätten 
ihre Gewalt niederlegen und die Yolksfreiheit herstellen wollen. 

Zu diesen Theorien stand die Praxis freilich im schroffsten 
Widerspruche. Monarchie und Dynastie sind eben untrennbare 
Begriffe; kaum begann jene sich vorzubereiten, so regte sich in 
den Massen schon das dynastische Gefühl. Caesar hat seine 
Macht als Erbe des Marius empfangen, Augustus als £rbe Cae- 
sars, und später galt unabänderlich, nicht rechtlich formolirt, 
aber stillschweigend anerkannt, der Grundsatz, dass der nächste 
Verwandte des Kaisers auch sein g^ebener Nachfolger sei. Je- 
dem Herrscher, der in Frieden zu seinen Yätem versammelt 
•wurde, ist daher sein civilrechtlicher Erbe, mochte er nach dem 
Blute oder durch Adoption berufen sein, auf dem Throne ge- 
folgt^ ohne dass man doch die Erblichkeit des Kaiserthuma princi- 
piell zugestanden hätte. 

Troisdeni kann man es auch nicht ein Wahlamt nennen; 
denn man wählte nicht dazu einen aus mehreren geeigneten Can- 



Die Anfänge ConBtanÜJU des Grossen. 53 

didaten, wie zum Gonsulat oder zur Pratur. Es war eben über- 
haupt kein einheitliches, gesetzlich dauerndes Amt, das immer 
neu besetzt werden musste, wenn es erledigt war, sondern eine 
Sunune von Aemtern und Würden, die ausserordentlicher Weise 
auf einem Manne um seiner besonderen Verdienste und Fähigkeiten 
willen vereinigt wurden. Mit dem Kaiser starb daher aucb jedes- 
mal das Eaisertlinm, und wenn es in seinem Nachfolger wieder 
auferweckt wurde, so brauchten die Ehren und Befugnisse, welche 
man ihm übertrug, keineswegs genau dieselben zu sein, welche 
sein Vorgänger besessen hatte. Dieser zusammengesetzten Com- 
petenz entsprechend ist auch die Bestellung des Kaisers keine 
einheitliche Handlung, sondern sie zerfällt in eine ganze Reihe 
von Einzelceremonien. Ein besonderer Act verleiht ihm das Pro- 
consulat; dann beräth der Senat seine tribunicische Gewalt, for- 
mulirt das Ausnahmegesetz, durch welches sie ihm übertragen 
werden soll, und definirt in den Paragraphen desselben die 
unterscheidenden Befugnisse, welche der Kaiser vor den wirklichen 
Volkstribmien und den übrigen Beamten voraus hat. Durch einen 
Volksbeschluss wird dies bestätigt; ein zweiter eröjffhet ihm den 
Eintritt in die hohen Priesterthümer, deren Mitglieder ihn dann, 
jedes CoUeg in einer besonderen Sitzung, als ihren Genossen coop-* 
tiren. Hierauf erhebt ihn eine dritte Volksversammlung zum 
Pontifex maximus; noch später, mitunter erst nach Jahren, er- 
theilt ihm der Senat den Titel Vater des Vaterlandes. Der wesent- 
lichste dieser Acte war rechtlich das Gesetz über die tribunicische 
Gewalt, durch welches nach der Auffassung der späteren Juristen 
das Volk seine Souveränität auf den Kaiser übertrug-, an prak- 
tischer Wichtigkeit aber wurde es durch die Verleihung des Pro- 
coDsuIates weit übertroffen. Denn diese gab mit den Provinzen 
zugleich die Heere in seine Hand, und wer die Macht hat, ist 
der Herr, welches immer sein Rechtstitel sein mag. Deshalb 
knüpft dasjenige, was man allenfalls die Kaiserwahl xax' i^oyfy^ 
nennen kann, durchaus an das Proconsulat an, und eben dies 
war das Verhängniss des Römischen Reiches. 

Augustus und seine nächsten Nachfolger haben sich nie Pro- 
consuln genannt, obgleich ihnen das Recht dazu zweifellos zu- 
stand. Sie verschleierten es gern, dass ihre Gewalt auf dem Degen 
beruhte, und stützten sie formell lieber auf ihre bürgerlichen 
Stellunfsfen. Gleichwohl mochten sie die wichtigste ihrer Befug- 
nisse nicht ganz ohne titularen Ausdruck lassen. Sie nannten sich 



54 0. Seeck. 

daher Imperator, was damals ungefähr dasselbe bedeutete, aber 
einerseits prächtiger klang, andererseits minder durchsichtig war. 
Der Feldherr, welcher kraft eigener vom Volke verliehener Macht, 
nicht im Auftrage eines andern, höher Gestellten, einen Sieg er- 
rang, pflegte nach demselben mit diesem Titel begrüsst zu werden ; 
in der l^egel galt er als ein Vorzeichen des künftigen Triumphes. 
In der Republik haben ihn Consuln und Prätoren eben so oft 
erhalten, wie Proconsuln und Proprätoren; jedem, der ein selb- 
ständiges Gommando führte, war er erreichbar. Erfocht dagegen 
ein Unterfeldherr in Stellvertretung seines Vorgesetzten einen 
Sieg, 80 wurde nicht er selbst, sondern sein Auftraggeber Impe- 
rator. Dieser uralte Rechtssatz erklärt sich aus dem frommen 
Sinne der früheren Zeit, welcher das Eriegsglück als göttliche 
Gnade, nicht als Verdienst des Führers anzusehen gewohnt war. 
Da die Auspicien immer bei dem Höchstcommandirenden ruhten, 
so konnte auch nur er es sein, dem die Götter Sieg gewährten, 
nicht das Werkzeug, dessen er sich zufällig bediente. Als nun 
im Anfange des ersten Jahrhunderts alle Provinzen, in denen eine 
nennenswerthe Heeresmacht stand, allmählig den Händen des 
kaiserlichen Proconsuls übergeben und folglich alle Kriege ent- 
weder durch ihn selbst oder in seinem Auftrage und unter seinen 
Auspicien geführt wurden, war er auch der einzige, welcher noch 
Imperator werden konnte. Obgleich dieser Titel unter Augustus 
und Tiberius noch von mehreren senatorischen Proconsuln errungen 
war, wurde er so schon eine Generation später zum eigentlich 
characteristischen Abzeichen der Eaisergewalt, mit Recht, da 
sich nur in ihm die Feldherrnstellung des Herrschers ausdrückte, 
welche der Kern seiner Macht war. 

In der Republik wurde der Imperatorentitel auf zweierlei 
Weise verliehen : entweder der Senat liess in dem Schreiben, durch 
welches er die Siegesbotschaft beantwortete, den Feldherrn damit 
anreden, oder die Soldaten begrüssten ihn damit durch lauten 
Zuruf gleich auf dem Schlachtfelde. Beide Formen galten als 
gleichberechtigt; da es sich hier nur um einen leeren Titel han- 
delte, der dem Beamten kein neues Recht gewährte, schien die 
Concurrenz uugefährlich. Seit Claudius änderte sich dies ; wer 
jetzt durch die imperatorische Acclamation geehrt wurde, dem 
war damit die wichtigste Machtbefugniss der kaiserlichen Gewalt 
beigelegt. Nichtsdestoweniger blieb der alte Rechtssatz bestehen, 
dass Senat und Heer dazu in gleicher Weise competent seien« 



Die Anfänge Gonstantins des Grossen. 55 

Da nnn die Römischen Trappen, welche an der ungeheuren Grenz- 
linie Yon Brittaunien bis zum Nil und Euphrat vertheilt lagen, 
niemals alle zu einem gemeinsamen Wahlact versammelt werden 
konnten, so mnsste jeder Theil des Heeres als Vertreter des 
Ganzen dienen, d. h. jede Soldatenbande von beliebigem Umfange 
durfte sich nach Gutdünken ihren Kaiser machen. Otho wurde 
von dreiundzwanzig Unteroffizieren zum Imperator ausgerufen, 
und doch ist das formelle Recht seiner Erhebung nicht ange- 
zweifelt worden. Usurpatoren im Rechtssinne hat es also auf dem 
Romischen Throne niemals gegeben und niemals geben können; 
denn ohne militärische Unterstützung konnte keiner daran denken, 
nach der Krone zu greifen, und wer eine Anzahl Soldaten für 
sich hatte, konnte immer auch in der vorgeschriebenen Form 
Imperator werden. Ob er später die tribunicische Gewalt, das 
Oberpontificat und die andern Attribute des Kaiserthnms noch 
dazu gewann, hing von seiner Anerkennung in Rom ab. Aber 
selbst wenn diese ihm dauernd versagt blieben, war sein Impe- 
rium darum nicht minder rechtsgiltig ; denn die Bestandtheile der 
Herrschermacht wurden ja alle gesondert verliehen, und das Fehlen 
des einen bildete kein Einderniss für den Besitz des andern. 

Wie bedenklich es war, den Soldaten ein solches Recht zu- 
zugestehen, ist den Kaisern selbst gewiss am wenigsten verborgen 
geblieben; doch forderten die Umstände gebieterisch seine Aner- 
kennung. Denn viele Herrscher, darunter auch mehrere, die eine 
Dynastie gründeten, wie Claudius, Vespasian, Hadrian, Severus, 
waren durch Acclamation des Heeres auf den Thron gelangt. 
Hätten sie oder ihre Nachkommen diese Form der Kaiserwahl 
für ungiltig erklärt, so hätten die einen sich selbst, die andern 
ihre Rechtsvorgänger damit zu Usurpatoren gestempelt. Ueber- 
dies scheint jenes Recht gefährlicher, als es thatsächlich war. 
Denn hatte erst ein Herrscher sich längere Zeit hindurch mit 
Ehren im Besitze der Macht zu erhalten vermocht und hinterliess 
dann bei seinem Ableben legitime Erben, so war das dynastische 
Gefühl der Soldaten immer stark genug, um Usurpationen ent- 
weder ganz auszuschliessen oder im Keime zu ersticken. Nur 
beim Aussterben einer Dynastie führte das militärische Wahl- 
recht, das dann meist von mehreren Heeren zugleich in verschie- 
denem Sinne ausgeübt zu werden pflegte, fast regelmässig zu 
Bürgerkriegen. Als nun gar nach dem Tode Caracallas sich mehr 
als ein halbes Jahrhundert lang kein Kaiser dauernd zu behaup- 



56 0. Seeck. 

ten, geschweige dena eine Dynastie zu gründen vermochte, da 
enthüllte sich jenes thorichte Wahlprincip erst in seiner ganzen 
Furchtbarkeit. Jedem schien jetzt die Herrschaft zugänglich; 
unzählbare Ehrgeizige })efragten heimlich Wahrsager und Zeichen- 
deuter, ob sie ihnen nicht beschieden sei, und stifteten, wenn sie 
die ersehnte Zusage erhielten, Verschwörungen und Morde an.. 
Durch keine eingewurzelte Loyalität mehr gebändigt, machten 
die Truppen jeder Unzufriedenheit, die sich unter ihnen regte^ 
durch eine Kaiserwahl Luft. Noch aus den letzten Jähren Bio- 
cletians wird uns folgende sehr charakteristische Thatsache über- 
liefert '. In Seleucia war eine Gohorte mit Hafenarbeiten be- 
schäftigt, bei welchen die Soldaten nach ihrer Meinung über- 
anstrengt wurden. Flugs riefen sie ihren Tribunen Eugenius 
zum Kaiser aus, bedrohten den Widerstrebenden mit dem Tode 
und kleideten ihn, als er aus Furcht nachgab, in einen Purpur- 
mantel, welcher dem Qötterbilde eines benachbarten Tempels ge- 
raubt wurde. Die erste That der neuen Regierung war, dass 
die umliegenden Dörfer und Landhäuser gründlich ausgeplündert 
wurden und die kühnen Streiter sich an den erbeuteten Wein« 
Yorräthen bis zur Bewusstlosigkeit betranken. Taumelnd zog 
das Kriegsheer, ganze 500 Köpfe stark, nach Antiochia, um für 
seinen Kaiser die Hauptstadt der Provinz zu erobern ; doch machte 
die tapfere Einwohnerschaft noch an demselben Abend dessen 
Herrlichkeit ein Ende, indem sie die Bande in den Strassen der 
Stadt niederhieb. Trotzdem Hess Diocletian sowohl in Seleucia^ 
wo der Aufstand ausgebrochen war, als auch in Antiochia, wo 
er sein Ende gefunden hatte, eine ganze Anzahl der Yomehmsten 
al3 verdächtig hinrichten. Blut genug kostete also auch dieser 
Mummenschanz, obgleich er verhältnissmässig harmlos blieb, und 
wie oft hatte die Zuchtlosigkeit der Soldatesca noch ganz andere 
Folgen. Erhoben doch die Heere das Kaisermachen geradezu 
zum lucrativen Geschäft. Denn da jeder neue Imperator seine 
Wähler unter der Maske eines freiwilligen Geschenkes blank und 
baar bezahlte — oft mit Summen, die für jeden einzelnen Sol* 
daten ein Capital bedeuten mussten — , so lagen recht häufige 
Regierungswechsel im Interesse der Landsknechtschaaren, mochte 
auch das Reich darüber zu Grunde gehen. Jeder Usurpator sah 



* Liban Antioch. I p. 324; ad Theod. de sedit. p. 644; post reconc. 
p. 660. Dass der Aufstand in die letzte Zeit Diocletians fiel, ergibt sich 
aus Euseb. bist. eccl. VII [ 6, 8. 



Die Anfänge Constantms des Grossen. 57 

sich gezwungen, um sein neugebackenes Thronrecht zu sichern, 
die Heere von den Grenzen weg gegen seine Oegenkaiser zu 
fähren. Des gewohnten Schutzes entblösst, wurden so die Pro- 
vinzen den Barbaren zur Beute, und wo diese nicht hinkamen, 
da hausten die Soldaten, welche sich Römer nannten, nicht selten 
schlimmer als Germanen und Sarmaten. Und dazu musste das 
verwüstete Land noch unter furchtbarem Steuerdruck die Summen 
aufbringen, um die Heere zu den ewigen Bürgerkriegen zu ver- 
stärken und durch reiche Geschenke bei guter Laune zu erhalten. 
Man erinnere sich, wie unser Deutschland nach dem dreissigjäh- 
ngen Kri^e aussah, und man wird ein schwaches Bild der Zu- 
stande gewinnen, welche Diocletian bei seiner Thronbesteigung 
vorfand. Auch im Römerreiche waren auf weiten Strecken die 
Einwohner fast ausgerottet ^ , so dass hunderttausende unter- 
worfener Barbaren auf den wüsten Äeckem angesiedelt werden 
konnten *. 

Den Provinzen endlich Ruhe zu schaffen, war jetzt die drin- 
gendste Aufgabe. Die schlechteste Regierung, wenn sie nur dauerte, 
war dem ewigen Wechsel selbst der vorzüglichsten Herrscher 
immer noch vorzuziehen ; kein noch so harter Druck einer ge- 
ordneten Verwaltung konnte so schwer lasten, wie die Morde und 
Plünderungen der stets wiederholten Bürgerkriege. Das Wahl- 
recht der Truppen anzutasten, wagte Diocletian nicht ; denn erstens 
verdankte auch er ihm seine Erhebung und konnte sich nicht 
selbst als illegitim brandmarken; zweitens besassen sie ja doch 
immer die Gewalt und hatten gewiss auch ohne Rechtstitel davon 
Gebrauch gemacht, sobald sich die Gelegenheit darbot. So richtete 
sich denn seine ganze Politik darauf, keinen geeigneten Thron- 
candidaten aufkommen zu lassen. Hochverrathsprocesse und Ju- 
stizmorde allein reichten, so freigiebig er sie auch zur Anwendung 
brachte, für diesen Zweck nicht aus ; er musste zu verhindern 
suchen, dass irgend ein Privatmann sich kriegerischen Ruhm und 
dadurch Ansehen bei den Soldaten schuf, mit andern Worten, der 
Kaiser musste alle nennenswerthen Kriege persönlich führen. 
Natürlich war es nicht ganz zu vermeiden, dass auf den entle- 
genen Grenzgebieten ein unvorhergesehener Barbareneinfall glöck- 



^ Enineii. paneg. IV 18 tot urbes diu süvis öbsitas atqxie hahüatas feris 
instaurari moenibus, incolis freqiientari. Vgl. Y 10. 

* Eumen. paneg. V 1; 8; 9; 21; VII 6; VIII 4. Anon. Vales. 6, 82; 
Eatrop. IX 25, 2; Vict Caes. 39, 43; Euseb. vit. Gonst. IV 6 und sonst. 



58 0. Seeck. 

lieh von einem Feldherrn abgewehrt wurde; doch in solchen 
Fällen erhob es Diocletian zum Princip, den Erfolg seines Unter- 
gebenen zu ignoriren. In den ersten Monaten seiner Regierung 
folgte er noch dem Beispiel aller seiner Vorgänger und legte sich 
nach einem derartigen Siege den Titel Brittannicus bei; später 
aber hat er ihn wieder abgelegt ^ und keinen Siegestitel, keine 
imperatorische Acclamation mehr angenommen, die nicht er selbst 
oder einer seiner Mitregenten erkämpft hatte '. Solche neuen Ehren 



^ Der Titel Brittannicus erscheint auf Inschriften des Jahres 285. CIL. 
VI 1116; XIV 128. Schon 288 ist er erweislich nicht mehr geführt worden 
(CIL. in 22), um dann erst 296 nach der Besiegung des AUectus durch 
Constantius wieder aufzutauchen. 

' Im J. 294 zählte man bei Maximian neun imperatorische Acclama- 
tionen (M o m m se n, Inscr. Helv. 239. Mitthh. d. antiquar. Ges. zu Zürich X 
S. 47); von diesen waren nach CIL. VI 1124 bis zum J. 292 acht erworben. 
Die Kriege, welche zu ihnen Anlass gaben, lassen sich alle noch nach- 
weisen und sind sämmtlich von einem der beiden Kaiser persönlich ge- 
führt: 

I. Sieg Maximians über die Chaibonen und Heruler. Eumen. paneg. 

II 6; m 7. 

II. Sieg Maximians über die Germanen beim Antritt seines ersten Gon- 
sulats (1. Jan. 287) 1. 1. II 6; III 5. 

III. Einfall Maximians in das Ueberrheinische Gebiet (288) l. 1. II 7; 

III 5; 7; 16; VI 8. 

lY. Einfall Diocletians in die Germanischen Lande von Raetien aus 
(289) 1. l. 11 9: III 5; 7; 16. 

Y. Sarmatenkrieg Diocletians 1. 1. III 5; 7; 16. 

VI. Saracenenkrieg Diocletians (290) 1. 1. Dass der Kaiser die beiden 
letzten Kriege selbst führte, ergibt sich aus seinen Aufenthaltsorten im 
J. 290. Am 11. Jan. ist er in Sirmium (Cod. Just. X 3, 4), also in nächster 
Nähe der Gegenden, welche damals von den Sarmaten bewohnt waren. 
Bald darauf finden wir ihn in eiligem Zuge nach dem Orient. Am 27. Febr. 
ist er in Adrianopel, am 3. April in Bjzanz, am 6 Mai in Antiochia, am 
10. Mai in Emesa (Mommsen, Abhh. d. Berl. Akad. 1860 S. 425), am 
26. Mai in Laodicea (Cod. Just. VI 15, 2), mitten in dem Gebiet, welches 
die Saracenen mit ihren Streifzügen heimzusuchen pflegten. 

VII. Zweiter Einfall Maximians in das Ueberrheinische Gebiet (291 
oder 292). Eumen. paneg. V 2; vgl. Jahrbb. f. class. Philol. 1888 S. 718. 

VIII. Der zweite Sarmatenkrieg. welcher nach dem Preisedict (CIL. III 
S. 824) vor der Ernennung der Caesares (1. März 293) ausgefochten wurde. 
Auch diesen dürfte Diocletian persönlich commandirt haben, da er sich 
290 — 293 fortdauernd in den Donaulandschaften aufgehalten hat. (Momm- 
8 e n , Abbh. d. Berl. Akad. 1860 8. 426 if). Ueber die späteren Kriege sind 
die Nachrichten zu unvollständig, als dass man bei jedem einzelnen die 
persönliche Theilnahme eines der vier Kaiser erweisen könnte; doch er- 



Die AniPänge Gonstantins des Grossen. 59 

des Kaisers wurden nämlich im ganzen Reiche durch öffentlichen 
Anschlag bekannt gemacht \ und da bei dieser Gelegenheit ihr 
Anlass nicht verschwiegen werden konnte, so hätten sie, falls 
Diocletian anders verfahren wäre, den Ruhm privater Feldherm 
in allen Städten und, was gefahrlicher war, in allen Feldlagern 
verbreitet. Die ünterthanen und namentlich die Soldaten sollten 
von keinen andern Grossthaten wissen, als von denen ihrer Kaiser ; 
wer sonst das Unglück hatte, siegreich gewesen zu sein, wurde 
gewiss bald vom Heere abberufen oder gar unter irgend einem 
Vorwande aus der Welt geschafft '. So ist es gekommen, dass 
aas dieser wild bewegten Zeit, wo der Kampf fast ununterbrochen 
an allen Grenzen tobte, uns nur zwei Kriege überliefert sind, in 
denen Privatleute hervorragende Erfolge gewannen. Im J. 288 
oder 289 besiegte Constantius, der Präfectus Prätorio Maximians, 
die Franken^, 296 Asclepiodotus, der Präfect des Constantius, 
den Brittannischen Usurpator Allectus ^. Von diesen beiden wurde 
der eine unschädlich gemacht, indem ihn sein Kaiser erst zum 
Schwiegersohn, dann gar zum Mitregenten annahm; der zweite 
verschwindet nach seinem Siege aus der Geschichte ^, Uebrigens 
waren beide als Präfecten an die Person ihrer Herrn gebunden ; 
dass ihnen in Abwesenheit derselben eine Schlacht gelang, war 
also ohne Zweifel ein Zufall, der vielleicht den Herrschern wie 
den Dienern gleich unerwünscht kam. 

gibt sich das Princip aas der besprochenen Reihe klar genug, namentlich 
da der sehr bedeutende Frankensiej^ , welchen Constantius kurz vor 289 
noch als Präfectus Prätorio Maximians erfochten hatte (Eumen. paneg. 
II 11 ; in 7), zu keiner Vermehrung der imperatorischen Acclamationen 
Anlass gegeben hat. Vgl. Eumen. paneg. Y 14 hoc loco venu in mentetn mihi, 
^uam delicata illorum principum fuerit in administranda repMica et adi- 
piscenda laude felicitas, quibus Bomae degentibus triumphi et cognomina de- 
victarum a ducibus suis gentium proveniebant. Hierin liegt doch auch, dass 
dies unter Diocletian abgeschafft war. 
' Lact, de mort. pers. 18. 

* Hierauf bezieht sich wohl Vict. Caes. 39, 46 Valerio paruni honesta 
in amicos fides erat discordiarum sane metu. 

' Eumen. paneg. 11 11. 

* Eutr. IX 22, 2. Vict. Caes. 39, 42. Zonar. XII 31. Eumen paneg. 
V 15 ff. Vgl. Vit. Prob. 22, 3. 

^ Wenn der Fälscher, welcher im Anfang des fünften Jahrhunderts 
die Historia Augusta geschrieben hat (Jahrbb. f. class. Philol. 1890 S. 609), 
den Asclepiodotus als Quelle fUr die Geschichte Diocletians anfuhrt, so ist 
das, wie M o m m s e n (Hermes XXV S. 257) erkannt hat , weiter nichts 
als Schwindel. 



60 O, Seeck. 

Viele Gründe mögen zusammengewirkt haben, dass Die- 
cletian nicht, wie alle seine Vorgänger, seine Residenz in Rom 
nahm. Wahrscheinlich war der entscheidende, dass dem Manne 
von niedriger Geburt und sehr geringer Bildung der stete Ver- 
kehr mit den Yomehmen Herrn Senatoren trotz ihrer Kriecherei 
unbehaglich gewesen wäre '. Freilich wird er dies gewiss keinem 
andern, yielleicht nicht einmal sich selbst eingestanden haben, 
um so mehr als er auch einen zweiten, sehr ostensiblen Grund 
besass. Der oberste Feldherr gehörte an die Grenzen des Reiches, 
in die Mitte seiner Krieger oder doch in ihre Nähe, um jederzeit 
zu Vertheidigung und Angriff bereit zu sein; nicht in dem üp* 
pigen Treiben der Hauptstadt war sein gegebener Platz. Wenn 
er Nicomedia zu seinem bevorzugten Standquartier erhob, so la^ 
dies wohl iu erster Linie daran, dass es zwischen den beiden 
schwer gefährdeten Grenzen der Donau und des Euphrat unge- 
fähr in der Mitte lag. Aber weilte er hier auch gerne, so war 
doch sein Aufenthalt immer nur vorübergehend. Principiell be- 
sass er gar keine Residenz, sondern war immer dort, wo das 
Reich seiner bedurfte. Hatte man den Hof bis dahin Palatium 
genannt, weil auf dem palatinischen Hügel die ständige Woh- 
nung des Kaisers war, so erhielt er jetzt den Namen Gomitatns, 
d. h. Reisebegleitung. Ein stetes Hin- und Herreisen sollte eben 
der normale Zustand des Herrschers werden, damit er überall 
zum Rechten sehen, namentlich aber alle seine Kriege selbst 
fähren könne. 

Dies erkannte Diocletian als gebieterische Nothwendigkeit, 
nur war leider das Kriegführen gerade seine Sache nicht, wie 
sich gleich nach seiner Erhebung zeigte. In der Schlacht, in 
welcher er den neugewonnenen Thron vertheidigen musste, wurde 
er schmählich von Carinus geschlagen; und nur dass dieser im 
Augenblicke des Sieges dem Mordstahl persönlicher Feinde erlag, 
entschied den Kampf schliesslich doch noch zu Gunsten des Usur- 
pators *. Schneller Entschluss und kühnes Beharren sind eben 
die wichtigsten Eigenschaften des Feldherrn ; ein Grübler und 
Pläneschmied, der alle Möglichkeiten ängstlich erwägt und jeden 
Augenblick seine Meinung ändert, wird nie dazu geeignet sein. 
Es ist nicht das geringste Verdienst Diocletians, diese seine Un- 
zulänglichkeit sogleich erkannt zu haben. Er hütete sich fortan, 

* Vgl. Lact, de mori pers. 17. 

* Vict. Caes. 39, 12 ; epit. 38, 8 ; vgl. Zos. I 73. 



Die Anfänge Gonstantins des Grossen. Ql 

sein Prestige in den Augen der Soldaten durch Misserfolge zu 
gefährden. Zwar meinte er mit Recht, auf kriegerische Lorbeeren 
nicht ganz verzichten zu können, doch übernahm er persönlich das 
Commando nur in unbedeutenden Kämpfen, deren Erfolg von vom 
herein feststand; wo ein ernstlicher und gefährlicher Krieg zu 
fuhren war, da Qberliess er ihn immer seinen Werkzeugen ^ 

Aber als solche waren private Feldherm nicht zu brauchen. 
Zeigten sie sich tüchtiger als der Kaiser, so konnte man mit Sicher- 
heit darauf rechnen, dass sie, selbst g^en .ihren Willen, mit dem 
Purpur bekleidet wurden, und eben jetzt erwartete ihn ein 
Kampf, dem er selbst sich nicht gewachsen fühlte, obgleich die 
Gefahr desselben wohl nicht so gross war, wie sie anfangs schien. 
Noch unter Carinus hatten sich in Gallien die schwer bedrückten 
Bauern gegen ihre Gutsherrn erhoben, und wie jeder Aufstand 
sich damals mit dem Kaisemamen zu decken pflegte, so hatten 
auch sie sich zwei Augusti aus ihrer Mitte erwählt, unter dem 
Keltischen Namen der Bagauden, d. h. der Streitbaren, durch- 
streiften grosse und kleine Bauberhaufen das ganze Land, überall 
sengend und mordend ^. Im Keime hätte sich die Bewegung 
leicht unterdrücken lassen; doch da Carinus anfangs durch die 
Usurpation eines Marcus Aurelins Julianus ' und nach deren Nie- 
derwerfung durch den Kampf gegen Diocletian vollauf beschäf- 
tigt war, hatte er sich um Gallien nicht zu kümmern vermocht. 
Unterdessen hatte sich der Aufruhr furchtbar ausgebreitet, und 
falls die Legionen des Rheins die Bauemkaiser anerkannten, was 
nicht geschah, aber jeden Augenblick zu befürchten war, konnte 
er für Diocletians Herrschaft zu einer sehr ernsten Gefahr wer- 
den. In dieser Noth ergriff er den rettenden Gedanken der 



* Die Kriege, welche Diocletian bis 292 befehligt hat, findet man 
S. 58 Anm. 2 aufgezählt. Sie sind alle viel unbedeutender als die von 
Maximian gefOhrten. In der zweiten Hälfte seiner Regierung hat er nur 
die Belagerung von Alexandria persönlich geleitet, welche zwar sehr lang- 
wierig war, aber deren Ausgang keinen Augenblick zweifelhaft sein konnte. 
Mit dem schwierigen Kampf gegen Carausius und dessen Nachfolger be- 
auftragte er zuerst den Maximian, dann den Oonstantius ; der Perserkrieg 
wurde, obgleich er Diocletians Reichstheil in erster Linie anging, doch 
dem Galerius übertragen. 

> Emnen. paneg. II 4; III 5 ; VI 8; £uir. IX 20, 3; Vict. Gaes. 39, 
17; Zon. XU 31. 

• Vict. Caes. 39, 10; epit. 38, 6; 89, 3. Zosim. I 73. Eck hei VII 
8. 521. 



62 0. Seeck. 

Mitregentschaft, der ihm den Thron sichern und zugleich dem 
Reiche ein dauerndes Eaiserthuni wiedererschaffen sollte. 

Diocletian besass keinen Sohn und durfte bei seinem hohen 
Alter auch keinen mehr erwarten; die Gründung einer Dynastie, 
welche für das Reich ein dringendes Bedürfniss war, liess sich 
also nur auf dem Wege der Adoption erreichen. Vollzog er sie 
gleich , so konnte er sich nicht nur einen Thronerben ffir den 
Todesfall, sondern auch einen Helfer und zuverlässigen Feldherm 
bei Lebzeiten schaffen. Hatte es doch schon der erste Augustos 
ebenso gemacht, indem er zuerst dem Agrippa, dann dem Ti- 
berius einen Theil seiner ausserordentlichen Gewalten übertragen 
liess, und viele seiner Nachfolger hatten dieses Beispiel befolgt. 
In der Umgebung Diocletians befand sich ein sehr viel jüngerer 
Mann ^ der Pannonier ^ Marcus. Aurelius Maximianus, der mit 
dem Kaiser das Datum des Geburtstages gemein hatte '. Der 
alte Landsknecht, der, wie alle seines Standes, höchst abergläubisch 
war *, mochte darin einen Wink der Götter sehen, dass ihrer 
beider Schicksal an einander gefesselt sei ^. Auch Maximian war 
aus der Hefe des Volkes durch den Kriegsdienst emporgekommen ^ ; 
auch er war so ungebildet, dass, schon als er Kaiser war, ein 
Lobredner in öffentlicher Festversammlung ihn fragen durfte, ob 
er schon etwas von Hannibal und Scipio gehört habe ^ Im Deb- 
rigen aber besass er gerade die Eigenschaften, welche Diocletian 
an sich vermisste. Eine leidenschaftliche Natur von starker 
Sinnlichkeit ** und wild aufbrausendem Jähzorn *, immer den Im- 
pulsen des Augenblicks nachgebend, ohne viel an die Folgen zu 
denken, war er vielleicht kein Feldherr, aber jedenfalls ein tüch- 
tiger Haudegen, der die Soldaten zu feurigem Angriff und zu 
schneller Verfolgung des Sieges mit sich fortzureissen wusste *®. 



* Eumen. paneg. III 7; VI 9. 

s Eamen. paneg. 11 2; III 3. Vict. epit. 40, 10. 
> Eumen. paneg. lU 1; 2; 19 gemtnus natälis, 

* Lact, de mort. pers. 10; 11 ; Zos. II 10, 5 ; Vict Caes. 89, 48; M ü 1 1 e r, 
frgm. bist. Graec. IV S. 198. 

^ Burckhardt, die Zeit Constantins des GrrosBen. 2. Aufl. S. 41 ff. 
« Eumen. paneg. II 2; Vict. Caes. 39, 17; 26; epit. 40, 10. 
' Eumen. paneg. II 8; Vict, Caes. 89, 17; Eutrop. IX 27, 1; X 3, 2. 
^ Lact, de mort. pers. 8; Vict. epit. 40, 10; Caes. 39, 46; Julian. Caes. 
p. 315 c. 

* Eutrop. IX 27, 1 ; X 1, 3 ; Vict. epit. 40, 10. 

'° Vgl. die Schilderung seiner Eriegstbaten bei Eumen. paneg. n 5 £ 



Die Anfänge Constantins des Grossen. 63 

Dazu hatte er einen Solin Maxen tius, der damals etwa sechs Jahre 

zahlen mochte ^ ; auch nach dem Blute, das in den Augen von 

Volk und Heer immer einen besseren Anspruch begründete, als 

das künstliche Erbrecht der Adoption, schien also in ihm die Port- . 

daaer der Dynastie sicher gestellt. So beschloss denn Diocletian, 

auf diesen Mann seine Zukunftspläne zu gründen. 

Am 1. Apr. 285, nur vier Monate nach der eigenen Thron- 
besteigung des Kaisers ', wurde Maximian auf einem Hügel vor 
den Thoren Nicomedias den Soldaten vorgestellt, mit dem kaiser- 
lichen Purpur bekleidet und von dem Heere als Caesar begrOsst *. 
Es war das der Titel, den seit Hadrian der zur Nachfolge desig- 
nirte Sohn des Herrschers zu führen pflegte ; irgend welche Rechte, 
die schon bei Lebzeiten desselben ausgeübt werden konnten, ver- 
lieh er nicht. Ebea hierauf legte der misstrauische Diocletian das 
höchste Gewicht; ja selbst die nichtssagenden Ehren, welche sonst 
jedem Caesar gewährt worden waren, suchte er dem seinen mög- 
lichst zu verkürzen. Zwar schrieb er auch ihm göttliche Ab- 
stammung zu — wie er sich selbst für einen Jupiterssohn erklärte, 
so sollte jener von Hercules gezeugt sein * — ; doch liess er keine 
Münzen auf seinen Namen schlagen und ernannte ihn nicht, wie 
dies sonst üblich war, für das nächste Jahr zum Consul. Der Crea- 
tur sollte es immer gegenwärtig bleiben, dass nur ein schwacher 
Widerschein des kaiserlichen Glanzes ihre Stirn umstrahle und 
dass sie, nur wenig ober die andern Unterthanen erhoben, ihrem 
Schöpfer unbedingten Gehorsam schuldig sei. Wenn Diocletian 
erwartete, dass ein Mann von brennendem Ehrgeiz und unbeson- 
nener Leidenschaftlichkeit, der über ein starkes und ergebenes 
Heer zu gebieten hatte, sich diese untergeordnete Stellung so 
nahe am Throne dauernd gefallen lasse, so zeugt dies von sehr 
geringer Menschenkenntniss. Kaum hatte Maximian die ersten, 
leichten Siege über die Gallischen Räuberhaufen erfochten, so liess 
er sich von seinen Soldaten zum Imperator ausrufen (Anfang 
28C). Es stand jetzt bei Diocletian, ob er den bisherigen Adop- 

' Eumen. paneg. II 14; vgl. Jahrbb. f clase. Philol. 1890 S. 625. 

« Hydat Fast. 286. vgl. Jahrbb. f. class. Philol. 1889 S. 630. 

' Lact, de mort. 19; Eutrop. IX 20, 3; 22, 1; Amm. XXVII 6, 16; 
CIL. VIII 10227 mit Mommsens Anmerkung. Vgl. Commentationes 
WoelfPlinianae (Leipzig 1891), S. 81. 

* Eumen. paneg. II 1; 2; 4; 7; lü; 13; III 2; 3; 10; 14; 16; IV 8; 
10; 16; 18; V 4; VI 2; 8; 11 ; Lact, de mort. pers. 8; 52; Anon. Vales. 
1, 1 und sonst. 



64 O. Seeck. 

tivsohn als Bruder und gleichberechtigten Mitregeaten anerkeanea 
oder dessen Usurpation durch einen Bürgerkrieg rächen wolle. 
Er war besonnen genug, das erstere vorzuziehen \ aber fast drei 
Jahre lang blieb eine bedenkliche Spannung zwischen den beiden 
Herrschern bestehen, und es schien nicht ausgeschlossen, dass 
sie bei passender Gelegenheit mit den Waffen um die Allein- 
herrschaft streiten könnten ^. 

Diese Gefahr wurde im Winter 288/89 beseitigt. Von Osten 
und Westen kamen die Kaiser in Mailand zusammen und re- 
gelten in friedlichen Besprechungen endgiltig ihr gegenseitiges 
Yerhältniss \ Das Reich wurde nicht etwa zwischen ihnen ge- 
theilt *, sondern alle Gesetze und Verordnungen erschienen unter 
dem Namen beider, und jeder behielt sich vor, auch persönlich 
an jedem Orte einzugreifen, wo seine Anwesenheit nöthig oder 
wGnschenswerth sein könne. So hat Diocletian, gleich nachdem 
er Mailand verlassen hatte, einen Krieg in Rätien geführt^, 
das, wenn eine Theilung stattgefunden hätte, zweifellos zur west- 
lichen Hälfte hätte gehören müssen, und später commandirte 
Maximian gegen die Garpen in Pannonien *, das dem Osten des 



* Dass die officielle Anerkennung als Augustus dem Maximian scboa 
286 gewährt wurde, beweist CIGr. II 2748. 

* Die Erhebung Maximians zum Augustus. Commentationes Woelff- 
linianae S. 81 ff. 

' Eumen. paneg. II 9 ; III 2 ; 4 ; 8 ff. üeber die Zeit der Zusammen- 
kunft s. Jahrbb. f. class. Philol. 1888 S. 717. 

^ Eumen. paneg. II 11 ; 18 ; m 6. 

^ Eumen. paneg. II 9 ; III 7. 

^ Der Garpenkrieg war nach Eumen. paneg. V 5 später) als die Be- 
siegung des Achilleus in Aegypten. Der Beginn von dessen Aufstand wird 
durch das Aufhören von Diocletians Alexandrinischer Prägung bezeichnet, 
welches nach den Jahreszahlen der Münzen zwischen dem 29. Aug. 295 
und dem 28. August 296 eintrat. Eine noch genauere Zeitbestimmung ec* 
gibt sich aus dem Folgenden. Es finden sich von Achilleus gar keine 
Münzen mit seinem uns durch die Historiker überlieferten Namen , wohl 
aber von einem L. Domitius Domitianus, von dem kein (^eschichtachreiber 
etwas weiss. Da auch dieser nur in Alexandria gemünzt hat, auf dessen 
Umkreis sich das Reich des Achilleus beschränkte, hat man ihn längst 
mit letzterem identificirt. Denn dass er in die Zeit Diocletians gehört, 
ergibt sich mit Sicherheit aus der Fabrik der Münzen. Offenbar hat der 
Usurpator seinen Freigelassenennamen Achilleus ebenso mit dem vornehm 
klingenden Römischen vertauscht, wie auch sein Gegner aus einem Diocles 
zum Diocletianus und einer von dessen Nachfolgern aus einem Daja zum 
Maximinus wurde. Es ist ganz natürlich, dass die späteren Historiker, 



Die Anfänge Gonstantins des Grossen. g5 

Reiches zugerechnet wurde. Freilich sollten beide in der Regel 
ihre zeitweiligen Residenzen recht weit von einander aufschlagen, 
damit auch an den entlegensten Grenzen immer ein Kaiser zur 
Hand sei, der bei jeder Kriegsgefahr den Oberbefehl persönlich 
übernehmen könne. Dass, wenn man sich nicht gar zu nahe 
war, auch Collisionen leichter Yermieden wurden, mag unausge- 
sprochen diesen Entschluss mit beeinflusst haben. Die Unter- 
thanen wies man natürlich an, sich mit Appellationen und son- 
stigen Anliegen an denjenigen Kaiser zu wenden , der in ihrer 
Reichshälfte hauste. Obgleich sie beiden in gleicher Weise zu 
Oehorsam verptlichtet waren und eine Theilung principiell aus- 
geschlossen wurde, trat sie so in Justiz und Verwaltung doch 
thatsachlich ein. um die Einheit des Rechts zu wahren, behielt 
sich Diocletian die Gesetzgebung vor ^, doch sollte wich- 
tigen Entschlüssen wohl in der Regel ein Meinungsaustausch 
mit dem Gollegen vorangehen '. Konnte man sich nicht einigen, 



welchen der Thronräuber in gehässigem and verächtlichem Lichte er- 
scheinen musste, diese umtaufe alle ignoriren und ihn einzig bei dem ge- 
meinen Namen nennen, welcher ihm von Geburt zukam. Nur auf diese 
Weise lässt sich die sonst ganz unbegreifliche Thatsache erklären, dass 
von Achill eus, der mehr als sieben Monate lang (Entrop. IX 23) Über die 
leistangsfähigste Prägstätte des Reiches gebot, gar keine Münzen erhalten 
sind und umgekehrt von Domitianus , welcher sich nach seinen Münzen 
geraume Zeit in dem wichtigen Alexandria behauptet haben muss, gar 
keine historischen Berichte. Nun sind alle Münzen des Usurpators aus 
dessen zweitem Regierungsjahr datirt. Daraus folgt, dass sein erstes zu 
kurz war, als dass man darin zur Geldprägung Zeit gefunden hätte, mit 
andern Worten, dass er nicht lange vor dem Aegyptidchen Neujahr des 
29. Aug. 296 den Thron bestiegen haben kann. Da er nun im achten 
Monat seiner Herrschaft besiegt und getödtet wurde, so muss das Ende 
des Krieges gegen ihn ungeföhr in den März 297 fallen, wozu es 
paast, dass ein Gesetz Diocletians vom 31. März aus Alexandria datirt ist 
(Gollat. XY 3). Das Gonsulat fehlt zwar in der Unterschrift, doch wird 
von den Persern, mit denen man seit 288 in Frieden gelebt hatte, als 
von einer feindlichen Nation geredet, wonach das Gesetz nicht lange vor 
dem Beginn des Krieges mit ihnen (297) angesetzt werden kann. Der 
Oarpensieg gehört also frühestens in den April 297, doch wird er schon 
in einer Rede, welche im Sommer desselben Jahres gehalten ist (Jahrbb. f. 
class. Philol. 1888 8. 724), als kurz vorhergegangen erwähnt (Eum. 1. 1. 
proxima iUa rtUna Carparum), womit seine Zeit ganz genau bestimmt ist. 
In dieser Zeit aber muss Galerius schon an der Persischen Grenze gewesen 
•sein, und folglich kann an der Donau nur Maximian den Krieg geführt 
haben. ' Zeitschr. f. Rechtsgesch. X S. 179. 

* Lact, de mort pers. 15 macht es Diocletian zum Vorwurf, dass et vor 

DealMh« Zeltsohr. t QesohlohUw. VII. 1. 5 



l 



66 0. Seeck. 

so entschied die Stimme des älteren Augustus ; im Uebrigen sollten 
sie als vollkommen gleichberechtigt gelten ^. 

Nachdem dem Ehrgeiz Maximians so Genüge geschehen war^ 
bewährte sich die Doppelherrschaft vortrefflich. Er respectirte 
die geistige Ueberlegenheit seines Genossen und zeigte sich ihm 
in jedem Stöcke gehorsam ^. Die Macht Diodetians über ihn 
befestigte sich so sehr, dass dieser später den herrschsüchtigenp 
Mann zweimal zum Niederlegen der Krone vermögen konnte. 
Dazu bewies er in manchem schweren Germanenkriege seine 
militärische Tüchtigkeit und ergänzte so aufs Glücklichste den 
Mangel des älteren Mitregenten. 

Wie Leute seines Schlages pflegen, hatte Diocletian die Nei- 
gung, aus einmaligen Erfahrungen sogleich allgemeine Princi- 
pien abzuleiten. Da durch ein treffliches Zusanunenpassen der 
Charaktere, wie es in der Welt nicht oft vorkommt, sich das 
Doppelregiment bequem für ihn und heilsam für das Reich er- 
wies, so stand es ihm schon nach kurzer Zeit fest, dass dies die 
einzig zweckentsprechende Form des Kaiserthums sei und daher 
verewigt werden müsse. Selbst wenn man dies zugab, wäre doch 
das Angemessenste gewesen, ruhig den Tod des einen Herrschers 
abzuwarten und dann dem andern die Wahl desjenigen Mitre- 
genten, mit dem er sich am Besten vertragen zu können meinte, 
frei zu überlassen. Doch zuwarten und den Dingen ihren natür- 
lichen Lauf lassen war nicht die Art Diodetians, der immer 
selbst die Hand im Spiele haben, alles vorsehen und einrichten 
wollte. Auch war die Furcht nicht ganz unbegründet, dass wenn 
der eine Augustus fern dem andern starb, die Soldaten, der un- 
mittelbaren Aufsicht des Herrscherauges entzogen, einen Usur- 
pator aufstellen könnten, ehe der neue Mitregent ernannt war ^ 
So beschloss denn Diocletian zwei Reservekaiser zu schaffen, die 
in die Lücke, sobald sie entstand, der eine im Westen, der an- 
dere im Osten eintreten sollten. Da ausserdem sich die militä- 
rischen Aufgaben in der letzten Zeit vermehrt hatten, musst« es 
erwünscht sein, wenn man zwei weitere Feldherrn, die nicht Pri- 

dem Beginn der Ghristenverfolgung den Rath des Maximian und Constan^ 
tius nicht eingeholt habe. Dass dies ausdrücklich als Ausnahme hervorge- 
hoben wird, lässt auf die Regel schliessen. 

< Eumen. paneg. II 9; lU 6; 11. 

» Lact, de mort. pers. 8; 18; Vict. Caes. 89, 29; Eutrop. IX 27, Ir 
Julian. Caes. p. 815 B; or. I p. 7 A. 

• Vgl. Lact, de mort pers. 17. 



Die Anfönge Gonstantins des Grossen. g7 

Yatleute und keiner Usurpationsgelüste verdächtig waren, für 
alle Fälle zur Hand hatte. Maximian willigte ein ; hatte er selbst 
doch schon eine Persönlichkeit ausgefunden, die er, falls beim 
Ableben Diocletians sein Sohn noch nicht volljährig war, wahr- 
scheinlich zu seinem Mitregenten ernannt hätte. Auch dies war 
ein Emporkömmling, der auf der gleichen Bildungsstufe stand, 
wie seine Kaiser', Flavius Constantius, ein Mann von stiller 
Pflichttreue und geringem Ehrgeiz, sehr geeignet, jeden Auftrag 
tüchtig und erfolgreich auszuführen und sich zugleich willig 
unterzuordnen. Schon seit Jahren bekleidete er bei Maximian 
die Vertrauensstellung des Gardepräfecten * ; als solcher hatte er 
einen glücklichen Feldzug gegen die Franken geleitet und die Stief- 
tochter seines Herrn, Theodora, zur Oattin erhalten. Diocletian fügte 
ihm einen Genossen von sehr verschiedener Art hinzu, Galerius, 
der jetzt des guten Omens wegen den Namen Maximians an- 
nehmen musste ^. Ein Tropfen barbarischen Blutes floss damals 
wohl in den Adern sämmtlicher Kaiser, doch bei den übrigen 
war dies wenigstens nicht mehr nachzuweisen ; von diesem wusste 
man dagegen, dass erst seine Mutter über die Donaugrenze in 
das Reich eingewandert war, und immer sind die Sitten und An- 
schauungen des civilisirten Römerthums dem Halbbarbaren fremd 
und verhasst gewesen ^. Ungebildet waren auch seine CoUegen, 
aber sie trugen den Forderungen der Zeit doch soweit Rechnung, 
dass sie sich hin und wieder beim Vortrage rhetorischer Prunk- 
stücke mit Anstand langweilten und literarische Talente sogar 
ehrten und beforderten *; Galerius hasste die Schönrednerei, welche 
damals jedem Römer als die höchste Blüte des geistigen Lebens 
erschien, und verfolgte ihre Pfleger *. Mit Recht und Verfassung 
des Rei ches experimentirte Diocletian pietätlos genug ; sein Caesar 
aber erkannte überhaupt kein Recht und keine Verfassung an : 
er sprach es ofien aus, dass nach dem Vorbilde des Perserkönigs 



« Vict Caes. 39, 26; 40, 12. 

> Enmen. paneg. II 11 gut circa te potissimo funguniur officio. Damit 
kann nur die PrSfectur gemeint sein. Der Gursus bonorum des Constan- 
tius , welchen Anon. Yales. 1, 1 gibt, ist also falsch oder doch unvoll- 
ständig. 

' Lact, de mort. pers. 18. 

♦ Lact. L 1. 9 ; 28 ; 27. 

* Den Beweis liefert die Geschichte des Eumenius, Jabrbb. f. class. 
Phüolog. 1888 S. 718 ff. Vgl. Eumen. paneg. IV 5; 19. 

• Lact. 1. L 22. 

5* 



68 0. Seeck. 

auch der Römische Kaiser seine ünterthanen als rechtlose SclaTen 
betrachten müsse, und handelte demgemäss. Vor seinem Kichter- 
stuhle schützte kein Standespriyileg gegen die Tortur oder die- 
jenigen Strafen, welche nach dem Gesetz nur gegen Sclaven und 
Vagabunden anzuwenden waren ^ ; Rechtswissenschaft und Ad^o- 
catur hätte er am liebsten ausgetilgt. Und wie der Kaiser selbst 
sich jede Willkür gestattete , so erlaubte er das Gleiche auch 
den richterlichen Beamten, welche er meist aus den ungebildeten 
Soldaten seines Gefolges ernannte ^. Waren Diocietian und Maxi- 
mian grausam, wo es ihr Vortheil gebot, so ergötzte sich Gale- 
rius in widriger Freude an den Qualen seiner Opfer und war 
erfinderisch darin, sie zu verlängern und zu verschärfen'. In 
seiner Jugend war er Viehhüter gewesen ^, was damals fast gleich- 
bedeutend mit Räuber war, und die zügellose Wildheit dieses 
Standes hat er niemals abgel^. Freilich hatte seine abenteuer- 
liche Vergangenheit auch einen Muth, der sich oft bis zur Toll- 
kühnheit steigerte, in ihm grossgezogen. Noch als Kaiser ist 
er mitunter nur von einzelnen Reitern begleitet personlich 
auf gefahrliche Recognoscirungen ausgezogen, und seine Nieder- 
lage im Beginn des Perserkrieges hatte nur darin ihren Grund, 
dass er mit einem kleinen Heere den weit überlegenen Feind an- 
zugreifen wagte ^. Als er in die Armee eingetreten war, musste 
diese Tapferkeit bald die Augen der Vorgesetzten auf ihn hin- 
lenken; fiel er doch schon durch seine hohe Gestalt und 
aussergewöhnliche Schönheit auf * , welche damals noch nicht, 
wie in späteren Jahren, durch übermässige Dickleibigkeit entstellt 
war ^ . Schnell war er emporgestiegen, um endlich auf den Thron 
selbst berufen zu werden. Masslos im Hasse, wie in seiner aber- 
gläubischen Götterverehrung ^, von rücksichtsloser Herrschsucht 
und starker Energie, unbedenklich bereit, Dankbarkeit, Pflicht 
und Vaterlandsliebe dem egoistischen Interesse seiner Person zu 
opfern , ist er für das Römerreich zum Manne des Verhängnisses 
geworden. Aber gerade Naturen von dieser wilden, thatkräftigen 
Leidenschaftlichkeit scheinen auf den stillen Grüblergeist Dio- 

» Lact. 1. 1. 21. * Lact. L L 22. 

8 Lact. 1. L 21; 22; 28. 

* Vict. epit. 40, 15 ; vgl. Caea. 39, 24. 

» Eutrop. IX 24 ; 25 ; vgl. X 2, 1 ; Vict. epit. 40, 15. 

^ Lact. 1. 1. 9 ; Vict. epit. 40, 15. 

^ Euseb. bist. eccl. VIII 16, 4 ; rit. Conat. I 57, 2 ; Lact. 1. L 9. 

" Lact. L L 11; Ena. hiat. eccl. Vin append. 1. 



Die Anfänge Constantma des Grossen. g9 

cletians eine besondere Anziehungskraft ausgeübt zu haben. Wie 
frfiher Maximian, so adoptirte er jetzt auch dessen kräftigeres 
und roheres Gegenbild, und yermählte Galerius zugleich mit seiner 
Tochter Yaleria, wie ja auch Gonstantius, der jetzt zum Sohne 
seines Mitregenten erhoben wurde, schon vorher dessen Eidam 
gewesen war ^ Nach ihren neuen Vätern erhielt jener den Bei- 
namen Jovius, dieser Herculius '. 

Am 1. März 298 wurden beide den Heeren vorgestellt und 
von ihnen zu Gaesaren ausgerufen \ Durch Schaden klug ge- 
worden, legte ihnen Diocletian nicht mehr die Beschränkungen 
auf, wie seinem ersten Caesar, sondern verlieh ihnen freigiebig alle 
Machtbefugnisse und Ehren, welche sich mit ihrer untergeordneten 
Stellung den Augusti gegenüber irgend noch vertrugen. Sie er- 
hielten das Gonsnlat für das nächste Jahr, das Recht, mit ihrem 
Bilde Münzen zu prägen und die Siegestitel, welche ihre Väter 
künftig erwarben, sich gleichfalls beizulegen; selbst die tribu- 
nicische Gewalt blieb ihnen nicht versagt. Von den älteren 
Kaisern unterschieden sie sich nur durch den Mangel des Au- 
gustustitels , des Oberpontificats und des Imperium ^, d. h. des 
Gommandos unter eigenen Auspicien. Die Heere wollten Diocle- 
tian und Maximian wenigstens rechtlich in ihren Händen behalten, 
wenn auch ihre Gaesaren factisch eben so selbständig an deren 
Spitze standen, wie sie. Die Trennung der Residenzen und die 
damit verbundene Theilung der Verwaltungsbezirke wurde jetzt 
für alle vier Kaiser durchgeführt ^. Gonstantius erhielt die Länder 
westlich der Alpen *, Maximian Italien mit den nordlich angren- 
zenden Provinzen und Africa ^, Galerius die Balkanhalbinsel, im 
Norden bis zur Donau, im Westen bis zu einer Linie, die 



1 Lact. 1. 1. 9; Anon. Yales. 1, 1; Entr. IX 22; Yict Gaes. 89, 24; 
epit. 39, 2; Zon. XU 81; XIII 1; Enmen. paneg. VI 7; 14. 
» Vgl. S. 46 Anm. 2. 

3 Das Datum nennen Enmenins paneg. Y 8; Lact. 35. Das Jahr ergibt 
sich aus der ZSJiInng der tribnnicischen Gewalten im Preisedict CIL. III 
S. 824 und aus CIL. II 1439, einer Inschrift, welche gleich nach der Er- 
hebang der Caesares gesetzt ist and die achte tribunicia Potestas des Ma- 
ximian (293) nennt. 

4 Alles dieses ergibt sich aus ihrer Titulatur in den Inschriften, na- 
mentlich im Preisedict. 

» Lact, de mort. pers. 7; Yict. Caes. 89, 30. 

* Lact, de mort. pers. 16 ; Julian, er. n p. 51 D. 

7 Lact, de mort. pers. 8; 15; Julian. 1. L 



70 0. Seeck, 

sich über Istrien bis in die Nähe von Wien erstreckte ^ ; 
Diocletian behielt sich den Orient mit Aegypten vor ', weil dieser 
Theil des Reiches, nachdem 288 ein Vertrag mit den Persem 
geschlossen war ', die leichtesten militärischen Aufgaben darzu- 
bieten schien. Doch bestanden diese Grenzen nur thatsächlich, 
nicht rechtlich ^ und wurden niemals streng eingehalten, sondern, 
wie das Bedürfniss es forderte, griffen bald die Augusti in die 
Verwaltungsbezirke der Caesares ein, bald commandirten sie diese 
in die ihren. Als Constantius zur Bekämpfung des Brittannischen 
Usurpators Allectus über das Meer ging, nahm Maximian an 
der Rheingreuze Aufstellung, um die Germanen zu beobachten * ; 
als dieser später nach Africa übersetzte, übertrug er seinem Cae- 
sar Italien ^ ; Diocletian, der es noch immer vermied, gefährliche 
Kriege selbst anzuführen, liess Galerius für sich gegen die Perser 
kämpfen ^, und etwa gleichzeitig leitete Maximian in dem Gebiete 
des Galerius den Carpenkrieg ^. Diocletian hat Monate lang in 
den Donauprovinzen residirt ^ und ist zeitweilig selbst in Italien 
gewesen ^^ Der gewöhnliche Aufenthaltsort aber war für ihn 
Nicomedia *\ für Galerius Sirmium **, für Maximian bald Aqui- 
leia ^", bald Mailand **, für Constantius wahrscheinlich Trier. In 
Rom sollte kein Kaiser dauernd wohnen ^*, weil ihm sonst die 
grossen Ueberlieferungen der Stadt vielleicht in den Augen der 

' Lact. 1. 1. 18. « Vict. Caes. 39, 30. 

^ Eumen. paneg. II 7—10; III 5; V 10. 

* Vict. Caes. 39, 30 qua 8 i partito imperio. 

^ Eumen. paneg. V 13. 

° Eumen. paneg. IV 14; vgl. Jahrbb. f. class. Philol. 1888 S. 723. 

^ Lact. 9 ; 21 ; Eumen. paneg. IV 21 ; Eutrop. IX 24 ; X 4, 1 ; Vict. 
Caes* 39, 33; Zon. XII 81; Vit. Carin. 18, 3; Amm. XIV 11, 10; Petr. 
Patr. fragm. 13 (Müller). 

" Vgl. S. 64 Anm. 6. 

° M o m m 8 e n , Abhh. d. Berl. Akad. 1860 S. 436. 

»0 Lact. 17. 

" Lact. 7; 10 ff.; 17 ff. Euaeb. bist eccl. Vm 18; Abb. d. Berl. Akad. 
1860 S. 439 ; 443 ; 445 ; 446. 

" Cod. Just, n 4, 39; V 12, 27; 51, 10; VII 16, 39; VIII 13, 26. Diese 
aus Sirmium datirten Rescripte müssen alle von Galerius herrühren, da 
zu derselben Zeit Diocletian in Nicomedia war. 

" Eumen. paneg. VI 6; Fragm. Vatic. 313. 

" Fragm. Vatic. 292; Consult. 5, 7; Eutrop. IX 27, 2; Zonar. XII 32. 
Vgl. Eumen. paneg. III 11. 

^ Maximian, welcber Italien beberrscbte, ist während seiner ganzen 
Regierung nur zweimal auf kurze Zeit in Rom gewesen. Eumen. paneg. VI 8. 



Die Anf&nge Constantins des Grossen« 71 

Provinzialen ein Uebergewicht über seine Co liegen verlieben hätten. 
Gesetze und Verordnungen wurden mit den Namen aller vier 
Herrseber überschrieben und galten also formell als ihr gemein- 
sames Eigenthum; doch behielt sich den Erlass der ersteren 
auch jetzt Diocletian allein vor, während die letzteren auch den Cae- 
sares gestattet waren *. Jeder der Viere hatte seinen Präfectus 
Prätorio zur Seite * und gebot innerhalb seiner Grenzen so selb- 
ständig, wie es früher die beiden Äugusti gethan hatten; doch 
waren diesen die Gaesares und ausserdem noch Maximian seinem 
älteren CoUegen zum Gehorsam verpflichtet. '. 

Schon damals scheint Diocletian die Absicht gehegt zu haben, 
dass dereinst beide Gaesares gleichzeitig die Oberherrschaft über- 
nehmen sollten. Ob er sie sich in der Form erfüllt dachte, dass 
bei dem Ableben des einen Augustus der andere die Regierung 
niederlege, oder durch eine gleichzeitige Abdankung beider, wie 
sie später eintrat , muss unentschieden bleiben ^. Gonstantius 
ernannte er zum älteren Gaesar und designirte ihn dadurch für 
die Zukunft zum älteren Augustus. Formell Hess sich dies durch 
seine frühere Verwandtschaft mit dem Eaiserhause, vielleicht 
auch durch sein höheres Lebensalter begründen; doch war der 
Zweck jedenfalls, dass auch künftig der Stillere und Bedächtigere 
das entscheidende Wort haben und der feurige Galerius ihm als 
Werkzeug dienen solle. Auch in dieser Beziehung wollte Dio- 
cletian das Verhältniss , welches zwischen ihm und Maximian 

» Zeitschr. f. Rechtsgesch. X S. 177. 

3 Dass den Caesarea der Praefectns Praetorio nicht fehlte, zeigt das 
Beispiel des Constantins. Eutrop. IX 22, 2; Yict. Caes. 89, 42; Zon. XII 81. 
Für die Augnsti bedarf es keines Beweises. 

' Dass Maximinus Daja, nachdem er bereits zum Augustus erhoben 
war, dennoch den Befehlen des älteren Kaisers Galerius den Gehorsam 
nicht yersagen durfte, ist ausdrücklich überliefert. Euseb. hist. eccl. IX 1, 1. 
Ohne Zweifel geht dies bereits auf die Diocletianiscben Einrichtungen zu- 
rück. Vgl. Lact. 15; Julian. Caes. p. 815 A. 

* Das consüium olim inter vos placitum , Ton dem Eumenius (paneg. 
VI 9) in Bezug auf die Abdankung redet, kann sich auf beides beziehen. 
Es beweist nur, dass der Plan einer Abdankung, in welcher Form es immer 
sei, schon lange vor seiner Ausführung gefasst war. Jedenfalls wusste 
man in den Provinzen noch Ende 803 nichts davon, dass die Augusti in 
nächster Zeit zurückzutreten gedächten. Denn bei der Vicennalienfeier 
Diocletians finden wir auf einer Numidischen Inschrift noch Heilswünscbe 
für das folgende Jahrzehnt seiner Herrschaf fc ausgesprochen. CIL. YIIL 4764. 
VgL auch Enmen. paneg. VE 8. 



72 0. Seeck. 

bestand, wenigstens für die nächste Generation aufrecht erhalten 
sehen. 

Und er bildete sich ein, auch für die dritte Generation, ja 
vielleicht gar für die vierte die Nachfolge regeln zu können. 
Besassen doch zwei seiner Gollegen Leibeserben, von denen der 
ältere damals eben das Knabenalter, d. h. nach Römischem Rechte 
das vierzehnte Jahr, hinter sieh gelassen hatte. Mazentius, der 
iSohn Maximians, und Gonstantin, der Sohn des Gonstantius, sollten 
der Ansprüche, welche ihnen ihr Blut verlieh, nicht beraubt wer- 
den ; sie waren zu Gaesaren der künftigen Augusti ausersehen ^. 
Deswegen wurden die Bande, welche sie schon jetzt mit dem 
Kaiserhause verknüpften, durch Verschwägerungen noch fester 
geschürzt. Gleichzeitig mit der Erhebung des Gonstantius und 
Galerius wurde Maxentius mit der Tochter des letzteren, Yaleria 
Maximilla, verheirathet, und Gonstantin verlobte sich mit Fausta^ 
der damals etwa zweijährigen Tochter Maximians ^ Die EnkeU 
welche er sich aus der Ehe des Galerius mit seiner Tochter Va- 
leria versprach, dachte sich Diocletian dann wahrscheinlich ala 
Gaesaren, wenn einst Maxentius und Gonstantin Augusti sein 
würden. 

So schien für die fernste Folgezeit gesorgt zu sein; nur 
waren leider diese schönen Pläne auf die unmögliche Voraus- 
setzung gebaut, dass alle Kaiser sich so gut vertragen würden^ 
wie die derzeitigen Augusti, dass alle jüngeren sich so willige 
unterordneten, wie Maximian es that. Dessen heissblütiger Leicht- 
sinn hatte sich unschwer beherrschen lassen ; doch des Galerius 
wilde Energie unterwarf sich trotz seiner niedrigeren Stellung^ 
den Willen des eigensinnigen, aber immer schwankenden Alten *. 
Der Gaesar hatte 297 die Perser besiegt und zum Frieden ge- 
zwungen, und damit den glänzendsten kriegerischen Erfolg, wel- 
chen die ganze Regierung Diocletians aufzuweisen hatte, mit seinem 
Namen verknüpft *. Im Schmucke des Lorbeers, den er durch 
immer neue Siege über die Donaubarbaren vermehrte und frisch 

' Lact, de mort. pers. 18. 

« Jahrbb. f. clasa. Philol. 1890 S. 625, wo den Belegen noch Ephenu 
epigr. V S. 463 und Julian, er. I p. 7 D hinzuzufügen sind. Vgl. Eumen» 
paneg. V 20 deposcimus^ utliberi nepotesque nostri et siqiM omnibus saeculis 
erit duratura progenies cum vobts, tum etiam m quos educatis atque educa- 
hüis dedicentur. Auch hier ist die £i Wartung, dass die Leibeserben der 
Kaiser ihnen nachfolgen werden, deutlich ausgesprochen. 

» Lact, de mort. perg. 9; 11. * Vgl. S. 70 Anm. 7. 



Die An&3ge ConstantiiiB des Grossen. 73 

erhielt \ populär und bewundert vor allen seinen GoUegen ^, er- 
trug er die Oberherrschaft der Augusti nur mit immer steigen- 
dem Ingrimm, den sein entscheidender Einfluss auf den ältesten 
der Kaiser nicht zu beschwichtigen vermochte. Das Wesen der 
höchsten Macht war ihm nicht genug; er dürstete auch nach 
ihrem Scheine. Wenn er Briefe empfing und in der Anrede 
seinen Caesartitel las, soll er mitunter wüthend ausgerufen haben : 
,Wie lange noch Caesar?** Die mittelbare Abstammung von 
Jupiter, welche ihm als Adoptivsohn des Jovius zugeschrieben 
wurde, genügte ihm nicht mehr; er verbreitete, dass Mars mit 
seiner Mutter, einer Frau niedrigster Herkunft, die zufällig den 
Namen Romula führte, ihn als den zweiten Komulus erzeugt 
habe *. Empfing er selbst von Diocletian nur widerwillig Be- 
fehle, so mochte er sie von dem jüngeren Augustus vollends nicht 
dulden. Aehnliche Naturen harmoniren in der Regel schlechter 
als sehr verschiedene. Die zwei rohen und leicht erregbaren Männer, 
welche beide den gleichen Namen führten, rieben sich, da sie 
zum Unglück benachbarte Gebiete verwalteten und die Berüh- 
rungen zwischen ihnen in Folge dessen sehr häufig sein mussten, 
fortwährend an einander, und zwischen ihnen entwickelte sich 
eine Feindschaft, welche endlich den Oalerius bis zur offenen 
Drohung mit einem Bürgerkriege hinriss *. Noch vermochte Dio- 
cletian zu vermitteln und auszugleichen, doch musste er sich über- 
zeugen, dass es auf die Dauer so nicht weiter gehen könne. Und 
Oalerius drängte heftiger und heftiger, dass die Augusti zurück- 
treten und die Caesares in ihre Stellen einrücken sollten. 

Der alte Kaiser hatte grosse Erfolge errungen, aber noch 

' Lact. 18. Von 298 bis 301 gewann Galerius nach dem Preisedict 
zwei Sarmatensiege (CIL. III S. 824) ; von 301 bis 811 noch drei weitere» 
Euseb. bist. eccl. VIII 17, 8. Einer davon mnss nach Lact. 13 kurz vor 
der Cbristenverfolgung (808) erfochten sein. 

' Vgl. die Urtheile, welche Eutrop. X 2; Yict. Caes. 40» 12; epit. 
40, 15 über ihn fällen. Freilich folgen sie alle drei einer heidnischen 
Quelle, deren Auffassung durch den religiösen Parteistandpunkt bestimmt war. 

• Lact. 9; Vict. epit. 40, 17. Die Münze mit J!far<» patri semper victorij 
welche Cohen unter Maximian 893 verzeichnet, gehOrt jedenfalls dem Ga- 
lerius, da dieselbe Legende und die entsprechenden: Marti patri, Marti 
patri canservatori, Marti patri propugnatori nicht bei Diocletian und Gon- 
stantius, sondern nur bei Severus (Cohen 54 ; 55) und Constantin (Cohen 
857—370) vorkommen, also ausschliesslich bei Kaisern, welche zu der Zeit, 
wo Galerius schon Augustus war, den Thron bestiegen. 

* Lact, de mort. pers. 18. 



74 0. Seeck. 

mehr Enttaiischangen erfahren; überall umgaben ihn die Trüm- 
mer gescheiterter Pläne und Hoffnungen. Eben jetzt tobte die 
Ghristenverfoignng, welche seine letzten Jahre mit Blut und 
Flüchen füllte und doch niemals ihr Ziel erreichen wollte. Er 
war müde und verbittert geworden. Und, was vielleicht den Aus- 
schlag gab, der Abdankungsplan liesc sich in eine so hübsche, 
schematische Form bringen, dass sich aus ihm eine dauernde In- 
stitution, ein allgemeines ßegierungsprincip entwickeln konnte, 
geistreich und spitzfindig, wie es Diocletian liebte. Die Vicen- 
nalien Maximians, das Fest, mit welchem er den Ablauf seines 
zwanzigsten Regierungsjahres feiern sollte, standen nahe bevor ^ : 
schon traf man grosse Vorbereitungen zu den Wettrennen, Thier- 
hetzen und Spielen, die, wie vorher bei der entsprechenden Feier 
Diocletians, einen ganzen Monat ausfüllen sollten '. Liess es sich 
nicht erreichen, dass fortan jeder Kaiser genau zwanzig Jahre 
regierte, zehn als Caesar und zehn als Augustus, um dann bei 
seinen Vicennalien seinem Caesar freiwillig den Platz zu räu- 
men? Dies hätte zwei grosse Yortheile gewährt: erstens hätte 
jeder Herrscher, ehe er zur Vollgewalt gelangte, eine Probezeit 
durchgemacht ; erwies er sich in dieser untauglich, so konnte er 
durch die überlegene Macht der Augusti noch rechtzeitig besei- 
tigt werden. Zweitens sahen die beiden Caesaren — denn die 
Doppelherrschaft sollte natürlich bestehen bleiben — immer in 
erreichbarer, genau bestimmter Zeit das Ziel der höchsten Gewalt 
vor sich und konnten so vor ungeduldiger Neigung zu ihrer 
Usurpation, wie sie Galerius verrathen hatte, bewahrt bleiben, 
und dazu diese prächtig klare Ordnung, diese schöne Harmonie 
wohlgerundeter Zahlen, ganz dazu gemacht, das Herz eines rech- 
nenden Projectenschmiedes zu entzücken ! Gesetzlich liess sich so 
etwas leider nicht einführen, denn der Kaiser stand über dem 
Gesetz und, wenn er nicht wollte, konnte ihn keiner zum Ab- 
danken zwingen. Doch für den Preis des Diadems liess sich Ga- 
lerius mit tausend Freuden zu dem Versprechen bereit finden, 
dass auch er an seinen Vicennalien die Herrschaft niederlegen 
wolle ', und Constantius war fügsam, wie immer. Der schwerste 
Kampf war mit Maximian zu bestehen ^, doch die festgewurzelte 
Autorität des älteren Augustus bewährte sich auch in dieser ge- 

* Euinen. paneg. VI 8; 10; 11. 

» Zeitschr. f. Numism. XII S. 128. » Lact, 20. 

* Eutrop. IX 27, 1: X 2, 3; Vict. Caes. 39, 48. 



Die Anfänge Constantins des Grossen. 75 

fahrlichen Probe. Bei der Vicennalienfeier Diocietians (17. Nov. 
bis 18. Dec. 303) trafen die beiden Kaiser in Rom zusammen \ 
imd Maximian leistete im Tempel des Gapitolinischen Jupiter 
feierlich den Eid, dass er bei seinem bevorstehenden Jubiläum 
dem Thron entsagen wolle '. So blieb denn nur die leichte Auf- 
gabe übrig, künftig jedem Throncandidaten, ehe man ihn zum 
Caesar machte, eidlich die Verpflichtung aufzulegen, dass auch er 
die vorgeschriebene Zeitgrenze einhalten und seinen Nachfolgern 
den gleichen Eid abnehmen wolle. Wie vi«le sich dadurch ge- 
bunden erachten würden, war eine wohl aufzuwerfende Frage, die 
nur dem hoffnungsseligen Diocletian nicht in den Sinn kam. 

Aber der Abdankungsplan bot noch eine andere grössere 
Schwierigkeit. Dass die Augusti unter einander und mit ihren 
Caesares in gutem Einvernehmen stehen mussten, war eine Noth- 
wendigkeit, der sich Diocletian nach den Erfahrungen, die er 
mit den beiden Maximianen gemacht hatte, nicht vei*schliessen 
konnte. Mit Constantins vertrug sich jeder; auch den Constantin, 
dessen feuriges Temperament in harter Schule zur Besonnenheit 
nud Schmiegsamkeit erzogen war, hätte sich Galerius vielleicht 
gefallen lassen : aber Maxentius hatte sich, in stolzer Sicherheit 
auf die erwartete Erbschaft pochend, immer so hochfahrend und 
übermüthig gegen seinen Schwiegervater betragen, dass er diesem 
noch verhasster war als sein Vater ^. Dass ein gedeihliches Zu- 
sammenwirken zwischen dem Sohne und dem erklärten Feinde 
des Maximian nicht möglich sei, konnte Galerius dem alten Kaiser, 
über den er längst zum Tyrannen geworden war, ohne Mühe 
klarmachen. Was aber dem Leibeserben des Augustus recht war, 
musste dem Bastard des Caesar billig sein. Ohne Maximian 
au& Schwerste zu beleidigen, konnte man Constantin nicht die 
Nachfolge übertragen, wenn man Maxentius davon ausschloss. 
So wurde denn wieder ein neuer Grundsatz proclamirt, der auch 
nicht übel klang, nur leider zu dem dynastischen Gefühl der 
Heere sehr übel passte. Nicht nach dem Zufall einer hohen 
Geburt sollten die Caesares bestellt werden, sondern nach freier 



* Lact 17; Zon. XII 32; Eutrop. IX 27, 2; Eumen. paneg. VI 8. Der 
Letstere nennt wohl deshalb das Jahr 804, weil am ersten Januar des- 
selben Maximian sein achtes Gonsulat in Rom antrat, während Diocletian 
die Stadt schon einige Tage früher verlassen hatte. 

* Enmen. paneg. YII 15. 

» Lact 18; 26; Viet epit. 40, 14. 



76 0. Seeck. 

Auswahl unter den Besten, die sich der ältere von den abtreten- 
den Augusti vorbehielt. Im gegebenen Falle bedeutete dies, dass 
Galerius Diocletian als Werkzeug benutzte, um diejenigen Caesa- 
ren, welche ihm genehm waren, seinem Mitregenten zu octroyiren *. 
Vom I, April bis zum 1. Mai 305 wurden mit grossem Prunke 
die Vicennalien Maximians begangen ^. Am Schlusstage des Festes 
versammelte Diocletian, der erst kurz vorher von einer schweren 
Krankheit genesen war ', einen Theil seines Heeres bei Nicome- 
dia am Fusse desselben Hügels, auf dem er einst Maximian den 
Purpur gegeben hatte und wo jetzt zur Erinnerung daran eine 
Statue seines göttlichen Vaters Jupiter errichtet war. Die Ent- 
sagung, zu der er sich freiwillig entschlossen hatte, wurde dem 
machtgewohnten Greise doch nicht leicht. Begleitet von Galerias 
trat er vor seine Soldaten, welche ihm so manchen Sieg erfochten 
hatten, und redete zu ihnen mit Thränen im Auge. Er sei alt, 
schwach und krank geworden und bedürfe nach der schweren 
Regierungsarbeit der Ruhe; jüngere Schultern müssten ihm die 
Last abnehmen. Seine letzte That solle sein, dass er den lang 
erprobten Augusti, welche an sein und seines Mitregenten Stelle 
treten sollten, die Caesares zugeselle. In Heer und Volk zweifelte 
keiner, dass er jetzt Maxentius und Constantin nennen werde * ; 
wenn er in seiner Rede, wie kaum bezweifelt werden kann, scharf 
betont hatte, dass nicht das Blut, sondern die Tugend diese 
Wahl bestimmen müsse, so brauchte man dies nicht zu ihren Un- 
gunsten zu deuten. Aller Augen richteten sich auf den Sohn 
des Constantius, der in der Umgebung des Kaisers der Feier 



1 Anon. Yales. 4, 9 hunc ergo (seil, Severum) et Maximinum Caesares 
Galerius fecit, Constantio (d. Hdschr. Constantino) nihil tale noscente, 

' Zeitschr. f. Numism. XII S. 125. Das Datum der Abdankung bei 
Lact. 19. — Hydat. Fast. 804 setzt es auf den 1. Apr., den Anfangstag der 
Vicennalien. Sein Irrthum ist dadurch erwiesen, dass die stadtrömiBche 
Inschrift CIL. YI 497 dem Constantius und Galerius noch am 14. Apr. 305 
den Gaesarentitel beilegt. Den Ort nennen Lact. 19; Yict. epit. 89, 5 
Eutrop. IX 27, 2; Zonar. XII 82. Ygl. noch Eumen. paneg. YI 8 fiF.; YII 15 
Zos. II 7 ; Yict. Caes. 89, 48 ; Euseb. hist. eccl. YIU 18, 11 ; append. 2 
mart. Palaest. 8, 5; vit. Gonst. I 18. 

' Lact 17 ; Eumen. paneg. YI, 9; Euseb. hist. eccl. YIU 18, 11. 

^ Nach den Beobachtungen des Grafen von Westphalen (Schiller, 
Gesch. d. R5m. Kaiserzeit II S. 167) scheint man in Alexandria schon 
Münzen mit dem Bilde des Constantinus Caesar geschlagen zu haben, ehe 
genauere Nachrichten über die neuernannten Caesaren nach Aegypten ge- 
langt waren. 



Die Anfönge Gonstanüns des Grossen. 77 

beiwohnte. Da hörte mau aus dessen Munde die unbekannten 
Namen Flavius Yalerius Severus und Oalerius Yalerius Maxi- 
minus. Ein erstauntes Murmeln ging durch die Menge: hatten 
etwa Maxentius und Gonstantin ihre Namen ändern müssen, wie 
dies ja auch Oalerius und Diocletian selbst bei ihrer Thronbe- 
steigung gethan hatten ? Dieser Zweifel sollte bald gelöst werden : 
Galerius streckte die Hand rückwärts und zog aus dem Gefolge 
einen Jüngling hervor, den fast Niemand kannte. Es war Daja, 
sein Schwestersohn, welchen er kurz vorher mit leichter Abän- 
derung seines eigenen Namens in Maximinus umbenannt hatte ^ 
Diesen bekleidete Diocletian mit dem Purpur, den er sich selbst 
von den Schultern nahm, und stieg dann herab, um sich in den 
Wagen zu setzen, der ihn zu seinem Ruheplatz nach dem fernen Sa- 
lona bringen sollte*. Der Greis, welcher bis dahin in rastloser Pflicht- 
treue durch die ganze Welt gestreift war, kehrte jetzt an das 
Felsengestade der blauen Ädria zurQck, um dort, wo in der engen 
Zelle einer Sclavin einst seine Wiege gestanden hatte, sein thaten- 
reiches Leben friedlich zu beschliessen. So vollzog sich diese 
denkwürdige Ceremonie nach der Schilderung eines Augenzeugen 
bei Nicomedia; in Mailand, wo an demselben Tage Severus er- 
hoben warde ^, wird sie ähnlich verlaufen sein. 

In der neuen Tetrarchie erhielt dem Namen nach zwar Gon- 
stantius die oberste Stelle^, thatsächlich aber ruhte die höchste 
Gewalt in den Händen des Galerius. Dies prägte sich schon in 
der Vertheilung der Verwaltungsbezirke aus, welche jetzt beliebt 
wurde. Während der älteste Augustus die Gallischen, Spanischen 
und Brittannischen Provinzen, welche er schon vorher regiert hatte, 
auch ferner behielt *, wurde dem Severus zu Italien und Africa, 
welche er aus den Händen des abtretenden Maximian übernahm, 
noch Pannonien hinzugefügt °. Galerius entschädigte sich für 
diese Abtretung, indem er mit Illyricum und Thracien noch die 

' Lact. L 1. 18. 

" Lact 1. 1. 19; Eutr. IX 28; Vict. epit. 39, 6; Zon. XU 32; Hydat. 
Fast 316; Soor. I 2. 

' Eutrop. IX 27, 2; Zon. XII 32; Lact, de mort. pars. 18. 

* Lact. 20; Euaeb. vit. Const. 1 18; CIL. m 578; VI 1130; VIII 1431 , 
10171; IX 5438; 5941 und sonst. 

^ Eutr. X 1, 1 ; 2, 1 ; Zos. U 8, 1 ; Anon. Vales. 3, 5 ; Vict. Gaes. 40, 

« 

1; epit. 40, 1; Zon. Xn,32; Soerat. I 2; alle aus der gleichen Quelle und 
aUe gleich ungenau. 

• Anon. Vales. 4, 9. 



78 0. Seeck. 

Diöcesen Asien und Pontiis vereinigte und dadurch den Beherr- 
scher des Orients, Maximinus Daja, auf die Länder südlich des 
Taurus beschränkte '. So wurde der Caesar des Galerius be- 
trächtlich geschwächt, der des Constantius entsprechend gestärkt 
und zu eventuellem Widerstände gegen seinen Augustus besser 
befähigt. Was aber noch wichtiger war, beide Caesaren waren 
Greaturen des Oalerius; wäre also ein Conflict zwischen ihm und 
seinem Mitkaiser ausgebrochen, so hätte er drei Viertel des Reiches 
auf seiner Seite gehabt '. Ausserdem befand sich der junge 
Constantin an seinem Hofe und konnte, falls es erforderlich war, 
als Geissei gegen seinen Vater benutzt werden *. Dieser war 
sich denn auch über die Sachlage vollkommen klar und hütete sich 
wohl , von seiner nominellen Oberherrschaft irgend welchen * Ge- 
brauch zu machen. Die W^estprovinzen, welche ihm durch seine zwölf- 
jährige Verwaltung lieb und vertraut geworden waren, regierte er 
auch ferner mit der alten Milde * und Pflichttreue^ sehr erfreut, 
dass ihm wenigstens hier kein Mensch mehr dreinzureden hatte; 
was östlich der Alpen vorging, Hess ihn unbekümmert *. 

Die neuen Caesaren waren beide recht unbedeutend und eben 
darum dem herrschsüchtigen Galerius bequem ^. Severus, ein 
Soldat von niederer Herkunft und bäurischen Sitten, wie er selbst, 
war ihm als lustiger, wenn auch oft überlustiger Zechkumpan 
lieb geworden '' ; auf seinen Gehorsam konnte er rechnen. Auch 
von seinem jugendlichen Schwestersohne glaubte er keine Eigen- 
willigkeit befürchten zu müssen, eine Erwartung, die ihn freilich 
täuschen sollte. Maximinus hatte mit seinem Blutsverwandten 



^ Bitbynien nennt unter den Galerius unterworfenen Provinzen Anon. 
Yales. 8, 5. Nach Lact. 36 (vgl. 19) besass Maaiminus vor dem Tode des 
Galerius nur Syrien, d. h. den Orient, und Aegypten (ivt quälis in Syria 
ac Aegypto fuit) und eroberte erst später die Lande bis zum Bosporus, 
dazu. Als Bestätigung kommt hinzu, dass das Toleranzedict des Galerius 
wohl in Nicomedia (Lact. 85) und in der ganzen Asiatischen Diöcese, nicht 
aber in den Ländern publicirt wurde, welche dem Maximinus untergeben 
waren. Euseb. bist. eccl. IX 1, 1. 

• Lact. 20. 

» Lact. 24; Vict. Caes. 40, 2; epit. 41, 2; Anon. Vales. 2, 2; Zon. 
Xn 33 ; Euseb. vit. Const. I 19. 

* Euseb. Vit. Const. I 13 fF. Eutrop. X 1, 2; Liban. epit Jul. I p. 524; 
de Constante et Gonstantio IQ p. 277. 

* Eutrop. X, 1, 2; 2, l; Lact. 20. 

• Lact. 18; 32. 

^ Anon. Yales. 4, 9; Lact. 18. 



Die Anfänge CoDstantins des Grossen. 79 

eine grosse Familienähnlichkeit, die sich aber nur auf die Fehler, 
nicht auch auf die Tugenden zu erstrecken schien. Von der mili- 
tärischen Tüchtigkeit \ dem klaren Zweckbewusstsein, der Herr- 
schaft über die Gemüther der Menschen, welche dem Qalerius 
eigen waren, hat er niemals Proben abgelegt ; doch an Leiden- 
schafUichkeit und Herrschgier, an Selbstsucht und Grausamkeit 
stand er nicht hinter ihm zurück. Galerius war dem Bechern 
nicht abhold ' ; Maximinus betrank sich fast taglich bis zur Sinn- 
losigkeit und musste zuletzt auf Bitte seines Präfecten die Be- 
stimmung treffen, dass kein Befehl, den er nach dem Abendessen 
gebe, auszuführen sei '. Der Glaubenseifer seines Oheims ver- 
zerrte sich in ihm zur Garricatur : das Martern und Hinschlachten 
der Christen betrieb er mit wahrer Begeisterung *. Eben so feige 
wie abergläubisch, war er immer von Wahrsagern und Zeichen- 
deutem umgeben und wagte kaum das unbedeutendste Unter- 
nehmen, ehe er sich durch sie über den Ausgang vergewissert 
hattet Die Pflichten gegen die Götter erfüllte er mit ängst- 
licher Sorgfalt, weil er Furcht vor ihnen hegte ; doch eine Pflicht 
gegen den Wohlthäter, der ihn auf den Thron erhoben hatte, 
oder gegen die seiner Obhut vertrauten Unterthanen hat er nie 
gekannt. Hastig zutappend griff er nach allem, was seine Be- 
gierde reizte, mochten es fremde Weiber oder fremde Provinzen 
sein; doch stiess er auf gefährlichen Widerstand, so verlor er 
alsbald den Muth und die Besonnenheit. Ein Mensch wie dieser 
taugte ebenso wenig zum Dienen, wie zum Herrschen. Er ge- 
horchte dem Galerius, so lange er ihn zu fürchten hatte, und 
lehnte sich gegen ihn auf, sobald er dessen Macht gebrochen sah. 
Sie selbst zu erschüttern, war er freilich nicht der Mann; dies 
blieb den beiden Kaisersöhnen vorbehalten, die bisher das Ziel 
der höchsten Gewalt dicht vor sich gesehen hatten und sich nun 
plötzlich bequemen sollten, anspruchslos in die Masse der Unter- 
thanen zurückzutreten. Dies Opfer war zu schwer für zwei so 
feurige und hochstrebende Jünglinge; aber selbst wenn sie es 
hätten bringen wollen, wäre ihnen dies kaum möglich gewesen. 



' Lact. 19. • Anon. Vales. 4, 9. 

' Anon. Yales. 4, 11; dass hier nach Galerius der zweite Name Ma- 
ximmus ausgefallen ist, beweisen die Parallelstellen bei Yict. epit. 40, 18 ff. 
und Enseb. bist eccL YIII 14, 11. 

« Enseb. mart. Palaest. 4, 1; 8; bist. eccL IX 1, 1 und sonst. 

* Enseb. bist. eccl. YIII 14, 8 ; vit Const. I 58. 



80 0. Seeck. 

Denn das Heer, welches sich zwölf Jahre lang gewöhnt hatte, 
in ihnen seine künftigen Herrscher zu sehen, erkannte auch jetzt 
noch die Rechte ihres Blutes an und blickte grollend auf die 
neuen Caesaren, die ihm als Thronr'äuber an seinen echten Prinzen 
erschienen ^ Sobald irgend ein Anlass die Unzufriedenheit zum 
Ausbruch brachte, konnte man sicher sein, dass Gonstantin oder 
Maxentius oder alle beide zu Kaisern ausgerufen wurden. War 
dies aber einmal geschehen, so mussten sie, selbst wider ihr^i 
Willen, den Purpur nehmen. Denn wer sich in jener Zeit den 
Herrschern als gefahrlicher Nebenbuhler erwiesen hatte, der war 
unrettbar dem Beile des Henkers verfallen, wenn er nicht die 
Macht, welche ihn schützen konnte, zu behaupten verstand. Diese 
Gefahr ist Galerius nicht verborgen geblieben. Um ihr vorzu- 
beugen, hatte er dem Maxentius in der Nähe von Rom, weit 
entfernt von jeder nennenswerthen Truppenmacht, seinen Wohn- 
sitz angewiesen *, und Gonstantin behielt er in seiner eigenen Unoi- 
gebung, wo er ihn stets beobachten und, falls es noththat, un- 
schädlich machen konnte. 

Da kamen Briefe des Gonstantius mit der Bitte, ihm seinen 
Sohn, den er seit langen Jahren nicht mehr gesehen hatte, end- 
lich zurückzusenden '. Dieser berechtigte Wunsch des Vaters, 
der als ältester Augustus hätte befehlen können, liess sich nicht 
abschlagen, und schweren Herzens musste sich Galerius entschlies- 
sen, dem gefahrlichen Menschen die Reise zu gestatten. Gonstantin 
erreichte seinen Vater, als dieser eben in Boulogne zur Ueber- 
fahrt nach Brittannien bereit stand ^. Die Picten und Sooten 
waren wieder einmal aus den Gebirgen des Nordens in den Rö- 
mischen Theil der Insel eingefallen, und zu ihrer Abwehr schien 
die Anwesenheit des Kaisers erwünscht. So bot sich Gonstantin 
Gelegenheit, die frische Wagelust, welche er in den Sarmaten- 
kriegen des Galerius schon oft gezeigt hatte ^ , auch im Ange- 



1 Lact, de mort. pars. 25 müites, quibus invitis ignoH Caesarea erantfacU. 

•CIL. XIV 2825; 2826. 

' Lact 24. Die Geschichte von dem Unbrauchbarmachen der Post ist 
wahrscheinlich von Lactanz erfanden und diesem von Anon. Yales. 2, 4; 
Yict. Caes. 40, 2; epii 41, 2; Zos. II 8, 3 mit mannigfachen Entstellungen 
und Zusätzen nacherzählt. Denn dass alle vier eine gemeinsame Quelle 
benützt haben, welche ihrerseits von Lactanz nicht ganz unabhängig war, 
lässt sich auch sonst nachweisen. Auch Euseb. vit. Gonst. I 20 hat zweifellos 
den Lactanz gekannt ^ Anon. Yales. 2, 4; Eumen. paneg. YU 7. 

^ Anon. Yales. 2, 3; Zon. Xn 38; Eumen. paneg. YU 3. 



Die Anfänge Gonstantins des Grossen. gl 

sieht des BrittanDischen Heeres zu bewähren und die Anhäng- 
lichkeit der Soldaten, welche dem Sohne ihres Kaisers auch ohne- 
dies sicher war, noch durch Thaten zu befestigen. Kaum war 
der Sieg gewonnen und das Heer in das alte Legionslager von 
York zurückgefQhrt, so wurde Conetantius, der schon lange 
kränkelte ^ Tom Tode ereilt '. Seinem Erben fiel die Krone in 
den Schooss, ohne dass er die Hand danach auszustrecken brauchte. 
Der Jüngling ^, welcher durch die Kaiser wähl vom 25. Juli 
306 ^ dazu berufen wurde, in dem gewaltigen Drama , das sich 
jetzt abspielen sollte, die erste Rolle zu übernehmen, ist später 
von der Geschichte mit dem Beinamen des Grossen geehrt worden, 
den sie nur sehr wenigen ihrer Helden und fast keinem mit Unrecht 
verliehen hat. Dürfen wir ihr ürtheil über Constantin auch heute 
noch bestätigen? Wohl hat er eine gewaltige Kraft uneigennützig in 
den Dienst eines idealen Reichsgedankens gestellt; aber dieses 
Ideal war das Himgespinnst eines Ändern, welches niemals ge- 
deihliche Verwirklichung finden konnte. Wohl war er einer 
jener wenigen Feldherm, die nie besiegt worden sind; doch die 
Vortheile, welche der Soldat errang, wusste der Politiker nicht 
immer auszunutzen. Aber mag das Menschliche und Kleine an 
ihm die grossen Eigenschaften auch vielleicht überwogen haben, 
er ist es doch gewesen, der in dem C bristen thum die Macht der 
Zukunft, wenn nicht klar erkannte, so doch instinctiv ahnte, 
und dieses Eine muss für Vieles zählen. Wer es vermocht hat, 
Jahrhunderten ihre Bahnen vorzuweisen, der darf den Grossen 
der Geschichte beigezälilt werden, auch wenn die entscheidende 
That vielleicht aus einer Auffassung der Religion entsprang, die 
uns heute kindlich erscheint. 



» Lact 20. 

s Eumen. paneg. YII 7; Anon. Yales. 2, 4; Eutrop. X 1, 3; 2, 2; 
Yict. Caes. 40, 4; Zon. XII 88; Euseb. hißt. eccl. VIII 13, 12. 

s Für die folgende Charakteristik Gonstantins sind die Hauptquelle 
natQrlich seine Thaten, wie sie weiter unten zu berichten sein werden. 
Soweit einzelne Zfige direct überliefert sind, ist in den Anmerkungen auf 
die Belegstellen verwiesen. Die Urkunden der Yita Constantini habe ich 
nicht benutzt , weil ich sie mit Grivellucci (Della fede storica di 
Ensebio, Livomo 1888) fast alle (eine unbedeutende Ausnahme IV 85) für 
gefälscht oder doch für sehr zweifelhaft halte. Die Schlüsse, welche sich 
ans den echten Urkunden ergeben, hat zum grössten Theil schon Seuf- 
f e r t (Gonstantins Gesetze und das Ghristenthum, Würzburg 1891) gezogen. 

« CIL. I S. 346; 347; Hjdat. Fast 306; 885; Socrat. I 2. 

Deutsche Zeitacbr. f. Oeschichtsw. YIT. 1. 6 



82 0. Seeck. 

Flavias Valerius Constantinus war als unehelicher Sohn * 
zu Naissus ^, dem heutigen Nisch in Serbien , am 27. Febmar ' 
um das Jahr 280 geboren ^, also bei seiner Thronbesteigung 
etwa fünfundzwanzig Jahre alt. Seine Mutter Helena war Gast- 
wirthin gewesen, als sie Constantius, damals noch ein einfacher 
Of&cier,[ auf einer seiner Reisen kennen lernte ^ und zu wilder 
Ehe mit sich nahm. Ein Yerhaltniss dieser Art galt bei einem 
Weibe niederen Standes keineswegs für schimpflich. Nach Recht 
und Volksanscbauung wurde ihre Frauenehre dadurch nicht ver- 
letzt; war doch Untreue der Concubine, wie die der ehelichen 

> Zosim. II 8, 2; 9, 1 ; Zon. XIII 1; Hieron. chron. 2322. Vgl. Liban 
epit. I p. 524; Chron. Pasch, a. 804. 

* Firm. Matern. I 4; Anon. Yales. 2, 2; Steph. Byz. b. v. Näi'oadg- 

* CIL. I S. 379. 

* Ueber das Alter Constantins gehen die Quellen in höchst auffälliger 
Weise auseinander. Nach Vict. Caes. 41, 15 starb er mit 62 Jahren, nach 
epit. 41, 15 mit 63, nach Euseb. vit. Const. I 5 ; 7—8; lY 53 mit 64, nach 
Zonar. XÜI 4 mit 65, nach Eutrop (X 8, 2), dem Hieronymus folgt, mit 
66 Jahren. Wie die aus niedrigem Stande hervorgegangenen Kaiser jener 
Zeit die Umstände ihrer Geburt überhaupt in Dunkel zu hüllen liebten 
(vgl. S. 42 Anm. 1), so scheint auch das Jahr derselben bei Constantin, 
wie bei Diocletian und Maximian (vgl. S. 48 Anm. 1), den Zeitgenossen 
unbekannt geblieben zu sein. Denn dass jene Altersangaben sämmtlich 
falsch sind, ergibt sich aus folgenden Zeugnissen : 1) Nach Eumen. paneg. 
VI 6 war Constantin bei seiner Verlobung mit Fausta, die nicht vor der 
Erhebung seines Vaters zum Caesar (293) stattgefunden haben kann, noch 
ein Knabe, und nach dem Römischen Rechte begann die Mannbarkeit schon 
mit dem vollendeten vierzehnten Jahre. 2) Als Constantin mit Diocletian 
durch Palästina zog, stand er eben auf der Grenzscheide zwischen Knabe 
und Jüngling. Dies bezeugt Eusebius (vit. Const. I 19), der ihn da- 
mals selbst gesehn hatte. Nach den Unterschriften der Verordnungen, 
durch welche wir über die Aufenthaltsorte Diocletians unterrichtet sind 
(M o m m s e n , Abhh. d. Berl. Akad. 1860 S. 448), mit diese Reise frühe- 
stens in das Jahr 295. 3) Mehrere Zeitgenossen geben an, dass der 
Kaiser in aussergewöhnlich jugendlichem Alter den Thron bestieg (Naz. 
paneg. X 16 inito principatu, adhuc aevi immaturus, sed tarn maturus im- 
perio. Firm. Mat. I 4 a ^mo aetatis gradu imperii gubernacula retwens. 
Eumen. paneg. VI 5; 9; 13; VU 3; 17; 21; Lact diy. instit. I 1, 14). 
Dies passt kaum noch, wenn er damals schon das sechsundzwanzigste Jahr 
vollendet hatte, geschweige denn wenn er schon 30 — 84 Jahre alt war. 
Ich habe daher seine Geburt auf das J. 280 gesetzt, aber nur um eine 
runde Zahl zu wählen; sie kann auch ein bis zwei Jahre später fallen. 
In der Zeitschr. f. wissensch. Theol. XXX DI S. 68 bin ich durch zu gprosse 
Rücksichtnahme auf Eusebius noch zu einem früheren Ansatz gelangt. 

^ Ambros. de obit. Theod. 42; vgl Anon. Vales. 2, 2; Zos. II .8, 2; 9, 2. 



Die Anfänge Gonstantins des Grossen. g3 

(jattio, sogar gesetzlich strafbar. Ihre Kinder waren freilich 
Bastarde, doch scheint es, dass Constantius sie später heirathete ' 
and seinen Sohn durch kaiserliches Rescript legitimiren liess. 
Jedenfalls ist die Rechtmässigkeit seiner Erbfolge auch von seinen 
Gegnern niemals angefochten worden. Bei den Soldaten vollends 
schadete ihm seine uneheliche Geburt nicht das geringste. Ihnen 
allen war ja eine Heirath gesetzlich untersagt, und da die 
festen Standquartiere, welche sie nur mit Unterbrechung der 
Eri^^üge ihre ganze Dienstzeit hindurch zu bewohnen pflegten, 
ihnen ein Familienleben sehr wohl gestatteten, so standen die 
meisten im Goncubinat und sahen die Kinder, welche solchen 
Verbindungen entsprangen, durchaus als rechte Erben an. Dass 
sie nur durch Testament oder kaiserliches Privileg die Rechts- 
nachfolge ihrer Väter antreten konnten, that jener Anschauung 
gewiss keinen Abbruch. Vielleicht hätte das Legitimitätsgefühl 
der Soldaten die Söhne, welche dem Constantius von der Stief- 
tochter Maximians geboren waren, um ihrer vornehmen Mutter 
willen bevorzugt, wenn sie damals nicht in zartem Knabenalter 
gestanden hätten. Da aber nur ein Mann sich auf dem schwer- 
bedrohten Throne behaupten konnte, musste das Heer in Con- 
stantin den einzig möglichen Nachfolger seines Vaters sehen. 

Gegen seine Mutter, die ihm bis fast an sein Lebensende 
erhalten blieb * , hat der grosse Kaiser stets eine rührende Pietät 
bewiesen. Gewiss hätte ihm keiner einen Vorwurf daraus machen 
können, wenn er die niedrig geborene Frau vor den Augen der Welt 
verborgen und schonend in ihr Dunkel zurückgewiesen hätte. 
Statt dessen hat er ihr unzählige Statuen errichtet und errichten 
lassen ', Münzen mit ihrem Bilde geschlagen ^ und Städte nach 
ihrem Namen benannt ^. An seinem Hofe spielte sie die erste 
Bolle *, und als sie durch ihren Sohn zum Christenthum bekehrt 
worden war ^, wurde ihr namentlich die Aufgabe zugetheilt, in 

' Als Gattin des Constantius wird sie bezeichnet Anon. Yales. 1, 1; 
Eutrop. X 2, 2; Yict Caes. 89, 25; epit. 89, 2; Zon. XII 81; 88; XUI 1; 
CIL X 517 ; 1488. 

* Enseb. vit. Const. m 46. 

* CIL. VI 1184—36; VÜI 1688; IX 2446; X 517; 1488; 1484 und sonst. 

* Euseb. Vit Const III 47, 2; Cohen VII>, S. 98. 

» Enseb. vit. Const. IV 61, 1; EU,eron. chron. 2848; Chron. Pasch, ad a. 
827; Sozom. 11 2. 

* Ueber den Einflosi, welchen man ihr anschrieb, vgl. Zos. ü 29, 2; 
Vici epit 41, 12 ; Euseb. vit Const m 47. 

^ Euseb. Vit Const HI 47, 2. 

6* 



84 0. Seeck. 

den Werken der Frömmigkeit und Mildthätigkeit den Kaiser zu 
vertreten ^ Freilich hätte Gonstantin, der auf den Olanz seines 
Hofes grossen Werth legte, sie kaum in dieser Weise hervor- 
treten lassen, wenn sie nicht verstanden hätte, die Pflichten der 
Repräsentation mit Tact und Würde zu erfüllen. Dass die ehe- 
malige 6astwirthin sich einer solchen Aufgabe gewachsen zeigte^ 
ist kein geringes Zeugniss für die geistige Bedeutung dieser Frau. 
Es ist eine alte Wahrheit, dass jede Epoche sich die Ta- 
lente gebiert , deren sie am meisten bedarf. Als das Römer- 
reich nur noch durch die Faust eines Soldaten zusammenzuhalten 
war, trat in Gonstantin die vollkommenste Verkörperung des 
Soldatenthums an seine Spitze. Die eigenthümlichen Tugenden 
und Fehler jenes Standes, aus dem er hervorgegangen war, zeigt 
er in der seltensten Reinheit ausgeprägt. Er war keck und 
schneidig, leicht zu begeistern und immer zu hitzigem Drein- 
fahren bereit, aber zugleich in strenger Disciplin geschult, sein 
Interesse und seine Neigung dem Wohle des Oanzen unterzu- 
ordnen. Die strotzende Kraft, welche seine hohe Gestalt er- 
füllte ', machte ihm die Aufregung der 6efahr zur höchsten 
Lust. Als Jüngling hat er zum Vergnügen gegen Löwen ge- 
kämpft ' und einst an der Donau vor den Augen des Kaisers 
und seines Heeres einen tapfern Sarmaten im Zweikampfe be- 
standen ^. Auch in den Schlachten seiner späteren Jahre hat er 
selten oder nie das kalte Blut bewahrt, um ruhig vom Feld- 
hermhügel aus die Entscheidung zu leiten; wo die Gefahr am 
grössten war, da stürmte er selbst an der Spitze seiner Truppen 
in deu Feind hinein, theilte Wunden aus und empfing sie ^. Bei 
einem Feldzuge gegen die Barbaren der Rheingrenze ging er 
einmal mit nur zwei Begleitern bis dicht an das feindliche Lager 
und knüpfte unerkannt ein Gespräch mit den Germanischen 
Kriegern an ^. Es war der Reiz des Abenteuerlichen, für den 
seine lebhafte Phantasie nur zu empfanglich war, welcher ihn 
zu einem so seltsamen Wagestück getrieben hatte. Seine Krieg- 
führung war immer die der schnellen Offensive. In kühnem 



* Euaeb. vit. Const. III 41 ff. 

* Euseb. Vit. Const. I 19, 2; III 10, 4; IV 53. 

' Lact, de mort. pars. 24; Zon. XII 88; Praxag. bei Phot. bibl. 62. 

* Anon. Vales. 2, 8; Eumen. paneg. VII 3; Zon. XII 38. 

^ Eumen. paneg. IX 9; Nazar. paneg. X 26; Anon. Vales. 5, 24. 
^ Nazar. paneg. X 18. 



Die Anfinge Constantins des Grossen. 85 

Ansturm rannte er die Macht des Gegners nieder, in hurtiger 
Verfolgung liess er ihm keine Zeit, wieder zu Athem zu kom- 
men. Selbst wo es ihm möglich war, mit einigem Zeitverlust 
bedeatende Streitkräfte zusammenzuziehen, hat er doch mitunter 
nur eine kleine Schaar gegen weit überlegene Heere ins Feld 
gefuhrt, weil TJeberraschen des Feindes und höchste Beweglich* 
keit der Truppe seinem kriegerischen Genius besser zusagte, als 
die sichrere, aber langsamere Wirkung grosser, schwerfälliger 
Massen. So hat er fast immer in der Minderheit gefochten, 
aber niemals ist er besiegt worden ^. Denn den Geist tollkühner 
Si^eszuversicht, welcher ihn selbst b^«eelte, wusste er auch jedem 
Gemeinen einzuflössen, und wo der Eaib. ^orsönlich keine Ge- 
fahr und Strapaze scheute, konnte er auch » '^en Truppen 
die höchsten Leistungen beanspruchen ^ Im tix. .rlager aufge- 
zogen, beherrschte er das Technische des Kriegsdienstes bis zur 
Vollendung. Der vorzügliche Drill seiner Soldaten gestattete ihm, 
ihnen auf dem Schlachtfelde die schwierigsten Manöver zuzu- 
muihen, und eine eiserne Disciplin machte sie in seinen Händen 
zu willenlosen Werkzeugen. Hat er es doch fertig gebracht, 
Städte, welche im Sturm genommen waren, vor jeder Plünderung 
zu schützen ^, und das in einem Zeiteiter, wo die Zuchtlosigkeit 
der Soldatesca jeden Augenblick in Meutereien ausbrach. 

Die Kehrseite der Tapferkeit ist der Leichteinn. Wer mit 
jeder Gefahr fertig zu werden meint, wird künftigen Gefahren 
flicht ängstlich vorbauen, ja sie mitunter selbst heraufbeschwören. 
Dies war auch Gonstentins Fehler : für seine Person ist er nie 
besorgt gewesen, und auch was dem Reiche drohte, hat er nicht 
immer vorgesehen und rechtzeitig abgewandt. Politischen Theo- 
rien zu Liebe hat er die Macht derjenigen , welche einst 
seine Gegner werden sollten , in thörichter Uneigennützigkeit 
gross gezogen und seine eigene über die Massen geschwächt. 
Eine sanguinische Vertrauensseligkeit bestinmite sein Verhalten, 
wie zu den feindselig lauernden Mitregenten, so auch zu seiner 
schmeichelnden Umgebung. Von den Rathschlägen seiner Günst- 
linge war er in hohem Grade abhängig ^, ja sogar seine Kamraer- 



I Euseb. vit Const I 6. 

* Eumen. paneg. IX 21 ; Nazar. paneg. X 19 ; Eutr. X 3, 2. 

* Eomen. paneg. IX 6 : tibi licnit clementiam tuis victoribus imperare. 

* Dies kann es doch nur bedeuten, wenn Eutrop. (X 7, 2) an ihm die 
docUüas seinen Freunden gegenüber rühmt. 



86 0. Seeck. 

diener sollen eine verhängnissTolle Macht über ihn ausgeübt 
haben ^ . Dass er oft unwürdige zu den höchsten Ebrenstellen 
befördert und die Provinzen schutzlos ihrer Raubgier preisg^eben 
habe, mussten auch seine parteiischsten Bewunderer zugestehen '. 
Entdeckte er dann, dass er getauscht war, so fuhr er mit dop* 
peltem Grimme auf, und manchmal gelang es wohl auch der 
Verläumdung, den leichtgläubigen Kaiser gegen einen unschul- 
digen aufzureizen ^. So sind viele , welche einst für seine 
Freunde gegolten hatten, dem Schwerte des Henkers zum Opfer 
gefallen ^, ja selbst sein edler Sohn Crispus wurde leichtsinnig 
auf einen Verdacht hin getödtet ^. Gleichwohl lag ihm nichts 
femer, als die misstrauische Furcht des Tyrannen; es gibt dafür 
keinen bessern Beweis, als dass er alle Angeberei, namentlich 
die anonyme, mit den härtesten Strafen belegte ^ und sogar die 
gesetzliche Anklage auf Majestätsverbrechen , welche sich nickt 
wohl verbieten liess, durch sehr wirksame Abschreckungsmittel zu 
hindern suchte ^. 

Vor allem machte sich Gonstantins Mangel an vorschauender 
Klugheit in seiner Finanzverwaltung geltend. Auch darin war 
er der flotte Officier, dass er auf das Geld keinen Werth legte 
und niemals mit dem, was er hatte , auszukommen verstand ^. 
Gewiss war es des höchsten Lobes werth, wenn der Kaiser sich 
öffentlich zu dem Grundsatze bekannte, dass das Interesse der Pri- 
vaten dem des Fiscus vorgehen müsse * , doch hatte diese Gesinnung 
auch ihre Kehrseite. Selbst fröhlichen Gemüthes, liebte er es. Fröh- 
liche zu machen, und streute daher mit vollen Händen Geschenke*^ 

* Dies beruht zwar nur auf einer sehr schlechten Quelle (Vit. Alex. 
Sev. 67, 1), aber das Schelten des Licinius über die Eunuchen (Vict epit 
41, 10), welches doch wohl auf die Günstlinge seines verhassten Mit- 
regenten gemünzt war, scheint die Nachricht zu bestätigen. 

* Euseb. Vit Const. IV 80; 31 ; 54; Vict Caes. 41, 20; Amm. XVI 8, 12. 
> Eunap. vit. Aedes, p. 28 ed. Wyttenbach. 

* Eutrop. X 6, 8; 7, 2; vgl. Cod. Theod. IX 1, 4. 

* Zeitschr. f. wissensch. Theol. XXXIII S. 66. 

* Cod. Theod. IX 84, 1—5; X 10, 1-8. 
' Ephem. epigr. VII S. 417. 

» Vict. epit. 41, 16; Zon. XIU 4; Julian, or. I p. SB. 

» Cod. Theod. X 15, 2. 

<o Julian. Caes. p. 885B; Euseb. vit Const. I 9; 48; lU 1, 7; 16; 22; 
IV 1; 4; 7, 8; 22, 2; 49; bist eccl. X 9, 8; Cod. Theod. X 1, 2; & 1-8; 
Eumen. paneg. VII 16; 18; 22; IX 15; Nazar. paneg. X 88; Anon Vales. 
6, 80; Zos. II 88, 1; Eutr. X 7, 2; Vict. Caes. 40, 15; epit 41, 16. Eine 



Die AnflLnge Gonstantins des Grossen. g7 

und Steuererlasse ^ aus. Dazu verschlang der Prunk seines 
Hofes * , später auch die prächtigen Kirchenbauten im ganzen 
Reiche ' , endlich die Ausschmückung seiner neuen Haupt- 
stadt ^ ungeheure Sonmien. Der Silber- und Goldschmuck der 
Qotterbilder, welcher überall zusammengesucht und massenhaft 
eingeschmolzen wurde ^, wirkte nur wie ein Tropfen auf den 
heissen Stein, und der wohlwollende Mann, welcher keinem Bit- 
tenden Kein zu sagen vermochte ^, musste den geleerten Seckel 
durch harten Steuerdruck aus den Taschen seiner Unterthanen 
wieder füUen \ Am Schlüsse seiner Regierung zwang ihn diese 
unverbesserliche Verschwendungssucht sogar zu einer Verschlech- 
terung des Geldes , obgleich er schon in seinen ersten Jahren 
hatte erproben können, wie zweischneidig und wenig wirksam 
dieses Hilfsmittel war ®. 

Die Schuld daran tnig neben jenem gutmüthigen Leicht- 
sinn vor allem die Eitelkeit', welche ja bekanntlich auch eine 
echt militärische Untugend ist. Denn freilich setzte nichts die 
Schmeichelzungen stärker in Bewegung als unb^renzte Frei- 
giebigkeit, und sich rühmen und bewundern zu lassen, war dem 
Kaiser Bedürfniss *®. Schon durch seine Erscheinung wollte er 
wirken und verwendete daher keine geringe Sorgfalt auf den 



Goldmünze Constantins (Cohen 816) trägt die Aufschrift: liberalitas XI 
imp. IUI coa. p. p. Da der Kaiser schon 812 consül II, und Anfang 811 
Imperator V war (Euseb. hist. eccl. YIU 17, 4), so muss sie spätestens 810 
geschlagen sein. Also in weniger als fQnf Jahren hatten schon eilf grosse 
Geldspenden an Constantins Soldaten stattgefunden. 

» Eumen. paneg. VIII 10 ff ; Euseb. vit Const IV 2; Vict. Caes, 41, 19. 

' Gegen diesen richtet sich der Tadel der rgvfpi^t welchen Julian in 
seinen Caesares bis zum Ueberdmss wiederholt. 

« Euseb. laud Const 9, 18 ff.; 11, 2; 17, 4 ff.; 18, 4; vit. Const.! 42, 
2; II 45; m 1, 4; 29 ff.; 58; IV 45 ff.; 58 ff. 

^ Anon. Vales 6, 80; Zos. II 82, 1; Hieron. chron. 2846. 

• Enseb. vit. Const. III 54. 

• Euseb. Vit. Const IV 1 ; 4. Gesetze , wie Cod. Theod. I 2, 2 ; 8 ; 
II 6, 1 beweisen, dass Constantin sich manchmal zu Gunsten einzelner 
Bittsteller Verordnungen ablocken Hess, welche mit dem Recht im Wider- 
sprach standen und ihn selbst später reuten. 

' Zos. II 88, Iff.; Vict Caes. 41, 20; Zon. XIÜ 4 
» Zeitschr. f. Numism. XVII S. 129 ff. 

• Zos. II 88, 1 T^ yoQ aawxlav fy/elxo (piXotifilav. 

» Vict Caes. 40, 15; epit 41, 13; Eunap. vit. Aedes, p. 22 ed. Wyt- 
tenbach. 



88 0. Seeck. 

Schmuck derselben ^. Es ist charakteristisch dafür, dass er der 
Schöpfer einer neuen Mode wurde; nachdem zweihundert Jahre 
lang jeder Römer den Vollbart getragen hatte, liess er sich zu* 
erst wieder das Gesicht rasiren, was natürlich allgemeine Nachah- 
mung fand. Seine Lobredner wurden nicht müde, in der geschmack- 
losesten Weise die Schönheit ihres Herrn zu rühmen ' , weil sie wohl 
wussten, dass er gerade für dieses Lob sehr empfanglich war. 
Freilich suchte er auch nicht minder durch 6eist zu glänzen. 
Epigranuuatische Bemerkungen Ton ihm wurden vielfach im 
Publikum weiter erzählt ' , und seine scharfe Zunge verletzte 
oft*, weil er, nach dem Sprichwort, lieber einen Freund, als 
einen Witz verlor. Das Kind des Lagers hatte sich in der Ju- 
geüd nur eine sehr massige Bildung aneignen können, und dieser 
Mangel liess sich im späteren Leben nicht mehr ganz beseitigen *. 
Aber da seine Zeit den Buhm des Literaten und Redners über 
die Gebühr hochschätzte, suchte Constantin auch auf diesem Ge- 
biete Lorbeeren zu pflücken. Es war ihm nicht genug, in gross- 
artiger Weise den Maecenas zu spielen, Dichter, Redner und Phi- 
losophen um seine Person zu versammeln und mit Geld und 
Ehren zu überschütten ^ : er selbst wollte als Schöngeist gelten. 
Er las, schrieb und declamirte daher mit unermüdlichem Eifer ^ 
und hat in seinen späteren Jahren oft den Hof durch endlose 
Predigten gelangweilt, welche mindestens ebenso sehr bestimmt 



» Vgl. Julian. Caes. p. 335 B. 

* Eumen. paneg. VI 6; VII16 ff.; 21; IX 7; 19; Nazar. paneg. X 29; 
34; Euseb. vit Const I 19; HI 10; IV 53. 

» Müll er, Pragm. bist. Graec. IV S. 199; Vict. epit. 41, 13. 

* Vict. epit. 41, 16. 

^ Anon. Vales. 2, 2 litteris "minus instructus. 

^ Dem Redner Eumenius gewährte er ausgedehnte Steuerbefreiungen 
für seine Vaterstadt (Paneg. VII). Dem Porphyrius Optatianus dankte er 
für die Widmung seiner höchst geschmacklosen Gedichte durch Rückbe- 
rufung aus dem Exil (Hier, chron. 2345) und ein äusserst huldreiches 
Handschreiben, dessen Inhalt freilich zeigt, dass der Kaiser von der Poesie 
sehr wenig verstand. Auch von Eusebius nahm er Widmungen an und 
belohnte sie durch bewundernde Briefe (vit. Const. IV 88 ff.; 46). Den 
Lactanz scheint er veranlasst zu haben , von seinen Divinae Institutiones, 
die schon früher erschienen waren, eine zweite Ausgabe zu veranstalten 
und diese dem Kaiser zu dediciren. üeber sein Verhältniss zu dem Phi- 
losophen Sopatros vgl. Eunap. vit. Aedes, p. 21 (ed. Wyttenbach). 

T Eutrop. X 7, 2; Vict. epit. 41, 14; Zon. XIII 4; Euseb. vit. Const. 
I 19, 2; IV 29; 55; Porph. Opt. praef. 6. 



r 



Die Anfänge Constantins des Grossen. 89 

waren, die Redekunst des Kaisers zur Schau zu stellen, wie seine 
Umgebung in christlicher Gesinnung zu befestigen ^. 

Am schlimmsten machte sich sein Mangel an Bildung auf 
dem juristischen Gebiete bemerkbar. Soweit seine Gesetzgebung 
Fragen der Volkswirthschaft oder der Verwaltung regelt, zeugt 
sie von practischem Scharfblick; aber wo. sie das Civil- oder 
Criminalrecht umgestalten will, ist sie fast immer unzureichend 
und verletzt ofl die elementarsten Regeln der Hechts Wissenschaft ^. 
Dieselbe Leidenschaftlichkeit, welche die kühne Kriegführung 
Constantins beseelte, zeigte sich auch in einem unbesonnenen Drein- 
fahren mit Edicten und Verordnungen, sobald die Erfahrung 
einen kleinen üebelstand im geltenden Rechte biossiegte. In der 
Regel waren sie überhastet und unreif und bedurften immer 
neuer Ergänzungen und Umgestaltungen, so dass die Ueberpro- 
duction an Gesetzen in ganz unglaublichem Maasse anwuchs. 
Wir besitzen Fragmente von beinahe dreihundert Gesetzen Con- 
stantins, und doch ist die Zahl derjenigen, welche er wirklich 
erlassen hat , damit noch lange nicht erschöpft ^. Die Pietät 
gegen das Ueberlieferte, welche der echten Bildung eigen zu sein 
pflegt, kannte er ebenso wenig, wie sein Vorgänger *. Nur darin 
unterscheidet sich seine Gesetzgebung von der Diocletians, dass 
sie vielleicht etwas weniger durch Speculationen und Theorien, 

^ Euseb. vit. Const. IV 29; 55. Was Eusebius hier schildert, sind 
Declamationen , welche vor einem geladenen Publikum (ovvsxdlsi fiev 
aixdg) vom Kaiser gehalten wurden, genau wie die Sophisten der Zeit sie 
vorzutragen pflegten. Uebrigens waren sie nach den Worten des Bio- 
graphen : el Si ntj Xiyovn d^eoloylag avxo^ nagi^xot xaigöq nicht alle erbau- 
lichen Inhalts, sondern zum grossen Theil reine Prunk- und üebungs- 
reden. Dies beweist auch die Ueberschrift des Capitels 29: ).oyoYQa(plai 
xcd huSel^eiq vnb Kwvaxavxivov. Denn inlSsi^ig ist bekanntlich der tech- 
nische Ausdruck für das rhetorische Prunkstück. 

' Cod. Theod. XI 39, 1 hebt den selbstverständlichen Rechtssatz : pe- 
tUori incumbit probatio thatsächlich auf. III 5, 6 schreibt eine verschiedene 
Behandlung der Brautgeschenke vor, je nachdem die Verlobten einander 
geküsst haben oder nicht. IX 8, 1 wird dem Tutor der Beweis auferlegt, 
dass er die Keuschheit seines Mündels nicht angetastet habe. HI 16, 1 wird 
einer Frau, von der sich ihr Mann ohne hinreichende Gründe geschieden 
hat, das Recht gegeben, in das von ihr verlassene Haus einzubrechen und 
ihrer Nachfolgerin die ganze Mitgift wegzunehmen. Diese Blüthenlese 
Hesse sich noch beträchtlich vermehren. 

" Vgl Eutrop. X 8, 1. 

* Julian schalt ihn novatar turhatorque ijriscai^m legutn et moris anti- 
guüm recepti Amm. XXI 10, 8. 



90 0. Seeck. 

häufiger durch das unmittelbare practische Bedürfniss, oft frei- 
lich auch durch persönliche Impulse bestimmt wird. Ungerecht 
war Constantin nicht; von willkührlichen Hinrichtungen und 
Gonfiscationen, wie sie bei den anderen Kaisern jener Zeit an der 
Tagesordnung waren, weiss seine Geschichte trotz seiner steten 
Finanznöthe nichts zu erzählen ; wohl aber fehlte ihm das ge- 
schulte Rechtsgefühl , welches auch den geständigen Ver- 
brecher der schützenden Formen des Processes nicht zu berauben 
gestattet. Wo er von der Schuld überzeugt war, schien ihm eine 
Untersuchung überflüssig, und ob der Henker oder der Meuchel- 
mörder das ürtheil vollzog, betrachtete er als eine gieichgiltige 
Formfrage. Im Feldlager aufgewachsen und von Jugend auf au 
Blut und Wunden gewöhnt, hatte er das Mitleid früh verlernt. 
Unter dem Einfluss des Christenthums hat er später zwar reich- 
lich Almosen gespendet * , das Loos der Gefangenen möglichst 
zu erleichtern gesucht * und für Wittwen und Waisen nach 
Kräften Sorge getragen ^ ; doch war dies alles ihm nur religiöse 
Pflicht, nicht Bedürfniss des menschlichen Empfindens. Wenn 
Flehende zu seinen Füssen lagen und auf seine erregbare Phan- 
tasie durch rhetorische Schilderungen ihres Elends zu wirken 
wussten, so konnte er nach der Art nervöser und sanguinischer 
Naturen wohl Thränen der Rührung vergiessen *. Und doch 
hatten Menschenleben für ihn keinen Werth; gefangene Bar- 
baren hat er, nur um die Feinde zu schrecken und die Schau- 
lust des Pöbels zu befriedigen, ohne Bedenken wilden Bestien 
vorgeworfen ^ oder unter furchtbaren Martern hinrichten lassen *, 
und sein Strafrecht war ebenso hart und grausam, wie das Dio- 
cletians und all der folgenden Soldatenkaiser ^. Gleichwohl hat 
er sich nie mit einem Morde befleckt, zu dem er nicht nach dem 
Rechte jener Epoche und der Stimme seines eigenen Gewissens 
befugt gewesen wäre, und mitunter hat er geschont, wo er hätte 
hinrichten dürfen, ja vielleicht müssen. 

> Euseb. Vit. Const. I 43; III 58, 4; IV 28. 

* Cod. Theod. IX 3, 1 ; 2 ; XI 7, 3. 

» Euseb. Vit. Const. I 43; Cod. Theod. I 22, 2; III 80, 1—5; IX 21, 4 
§ 1;42, 1. 

* Eumen. paneg. VIII 9. 

* Eumen. paneg. VII 12; IX 28; Eutrop. X 8, 2. 

^ Eumen. paneg. VII 10; 11, Nazar. paneg. X 16. 
' Eutrop. X 8, 1. Der Codex Theodosianus bietet dazu auf jeder 
Seite Bestätigungen. 



Die Anfönge Gonetantins des Grossen. 91 

Denn was den Charakter dieses merkwürdigen Mannes vor 
allem auszeichnete, war ein tiefgewurzeltes Pflichtgefühl und ein 
religiöses Empfinden, das freilich die Farbe seiner Zeit und 
seines rohen Standes an sich trug, darum aber nicht minder 
ernst und fromm war. Gleicb den meisten grossen Eriegshelden 
vertraute Constantin blindlings seinem Olücke; wie aber fast 
alle Menschen seiner Epoche von der Deisidämonie in einer 
oder der andern Form beherrscht wurden \ so hüllte sich auch 
sein Fatalismus in ein religiöses Oewand. Nach einigem Tasten 
und Schwanken entwickelte sich in ihm die Ueberzeugüng, dass 
er das erwählte Rüstzeug des höchsten Oottes sei, berufen dessen 
Feinde auszutilgen und sein Reich auf Erden zu verbreiten. Es 
war der klarste Ausdruck derselben, wenn er sich später in sei- 
nem Palaste auf einem grossen Oemälde darstellen Hess, wie er 
den alten Drachen unter die Füsse trat und mit der Lanze durch- 
bohrte *. Auf andern Bildnissen war er in der Stellung eines 
Betenden gemalt, und viele seiner Münzen zeigen ihn mit zum 
Himmel gerichteten Augen '. Durch Träume und Visionen, welche 

' ' Die Modernen sehen in Constantin einen Vertreter des „aufgeklärten 
DespoÜsmiis* nach dem Muster Napoleons oder Friedrichs des Grossen; 
merkwürdiger Weise hat aber keiner den Beweis für erforderlich gehalten, 
dass eine solche Geistesrichtung zu seiner Zeit Überhaupt möglich war. 
Man weise mir einen einzigen Menschen des vierten Jahrhunderts nach, 
der nicht abergläubisch gewesen wäre, und ich will mich der herrschenden 
Meinung bereitwilligst anschliesson. 

* Euseb. Vit. Const. HI 3. 

' Dass viele Münzbildnisse Constantins aus seiner späteren Zeit sich 
durch die Stellung des Kopfes und der Augen sowohl von denen aller an- 
dern Kaiser als auch von seinen eigenen aus früherer Zeit sehr sichtbar 
unterscheiden, ist wohlbekannte Thatsache (Abbildungen bei Cohen VII ' 
S. 240; 256; 311 ; Z. f. Numism. VI Tafel I u. sonst). Wie die Christen diese 
neue Form des Bildnisses aufifassten , zeigt Euseb. vit. Const. IV 15, und 
diese Deutung ist so natürlich, dass sie in einem Zeitalter lebhafter reli- 
giöser Erregung sich jedermann von selbst aufdrängen musste. Dass Con- 
stantin sie nicht beabsichtigt habe, ist also eine höchst unwahrscheinliche 
Annahme, die sich ireilich ebenso wenig widerlegen wie beweisen lässt. 
Alle Aeussemngen seiner religiösen Gresinnung finden die Modernen zwei- 
deutig, weil sie sie zweideutig finden wollen. Zu diesem Zwecke ist 
sogar das Monogramm Christi zu einem Symbol des Sonnencultus ge- 
stempelt worden. Constantins Zeitgenossen dagegen haben von jener 
Zweideutigkeit nie etwas bemerkt , sondern Christen wie Heiden sind sich 
über die Stellungnahme des Kaisers in dem Streite der Religionen voll- 
kommen klar gewesen. Die Vertreter des entschiedenen Heidenthums, 
Julian, Eunapius, Zosimus, verfolgen ihn daher mit dem ausgesprochensten 



92 0. Seeck. 

seine leicht erregten Nerven ihm vorspiegelten, meinte er in 
persönlichem Verkehr mit seinem hohen Schutzherm zu stehen *, 
und die Geistlichkeit bestärkte ihn eifrig in diesem Olauben, 
nicht nur weil er ihr vortheilhaft war, sondern auch weil sie 
selbst ihn redlich theilte. 

An der Wirklichkeit des Ghristengottes zu zweifeln, hatten 
die Heiden keinen Grund, da ja in ihrem Pantheon, das aus 
den Götterkreisen unzähliger Völkerschaften zusammengesetzt war, 
ein Gott mehr sehr gut Platz finden konnte. Nicht dass sie 
ihn anbeteten, wurde den Christen zum Vorwurf gemacht, son- 
dern dass sie über seinem Cultus diejenige Religion, welche die 
Weisheit der Väter eingeführt hatte, gänzlich vernachlässigten. 
Und andererseits leugnete kaum ein christlicher Bischof, dass 
Apoll die Zukunft verkündigen könne und Asklepios wunderbare 
Heilungen vollbringe, so gut wie die Gebeine der Märtyrer. Sie 
galten ihm eben als böse Dämonen, deren Gewalt zwar hinter 
der des höchsten Gottes weit zurückstehe, aber an sich keines- 

Hasse, wie ihn die christlichen Schriftsteller nicht genug zu preisen wissen. 
Hat er doch sogar in Gesetzen sich nicht vor der öffentlichen Er- 
klärung gescheut , dass bei Verleihung gewisser Privilegien an einzelne 
Orte das christliche Bekenntniss der Bewohner ftir ihn bestimmend ge- 
wesen sei (Hermes XXII S. 817; andere ähnliche Fälle bei Euseb. vit. Const. 
lY 37 ; 88). Eine unzweideutigere Parteinahme ist doch kaum möglich. 
Die vielbesprochene Inschrift von Hispellum (Henzen 5580) beweist nichts 
dagegen. Denn wie aus dem ganzen Zusammenhange hervorgeht, ist das 
Templum Plaviae Gentis weiter nichts, als ein Versammlungslocal für 
die neu eingesetzten Spiele, und in der Stiftungsurkunde verbittet sich der 
Kaiser ausdrücklich, dass das Gebäude durch irgend welche heidnischen 
Gulthandlungen befleckt werde (ne aedis nostro nomini dedicata cuiusquatn 
contagtosae superstitionis fraudibus polluatur). Wie man selbst an dieser 
Clausel hat deuteln können, ist mir ganz unverständlich. 

' Eumen. paneg. IX 2 : habes profecto aUgwod cum illa mente ' dxoinoy 
Constantine, secretum, quae delegata nostri dis mtnoribus cura uni se tibi 
dignatur ostendere. Dies ist von einem Heiden gesagt, aber von einem 
solchen, der sehr genau wusste, was Gonstantin gern hörte. Es zeigt da- 
her, wie sich der Kaiser selbst sein Verhältniss zur Gottheit dachte, nur 
dass dessen Auffassung den religiösen Anschauungen des Redners gemäss 
aus dem Christlichen in's Heidnische übersetzt ist. Wir haben also hier 
und entsprechend bei Nazarius (paneg. X 16) eine voUgiltige Bestätigung 
für die Angaben der christlichen Schriftsteller (Lact, de mort. pers. 44; 
Euseb. laud. Const. 11, 1; 18, 1; vit. Const. 147; II 12), deren ZeugniSs an 
sich ja verdächtig sein könnte. Auch die Gründung Constantinopels wurde 
durch ein Traumgesicht beeinflusst, was nicht nur Sozomenus II 8, sondern 
auch der Kaiser selbst (Cod. Theod. XIII 5, 7 iubente deo) bezeugt 



Die Anfänge Constantins des Grossen. 98 

■ 

w^ Yerachtlich sei. Also nicht ob ihre Gottheiten existirten, 
war Gegenstand des Streites zwischen den beiden religiösen Par* 
teien, sondern nur ob der einheitliche Christengott oder die heid- 
nische Göttervielheit ihren Anhängern mehr Heil und Segen 
gewähren, ihren Feinden mehr schaden könnten. Sehr wenige 
auserlesene Köpfe, welche sich hoch über das geistige Mittelmass 
erhoben, mochten yielleicht anders denken : für die grosse Masse 
lag in jener Machtfrage die Entscheidung. Eunapius und ihm 
folgend Zosimus bewiesen aus der Geschichte, dass seit der Staat 
sich der neuen Religion zugewandt habe, der Zorn der vernach- 
lässigten Götter alles Unheil über ihn heraufbeschwöre und dass 
der Christengott es nicht abzuwenden vermöge. Orosius führte 
den Gegenbeweis, dass schon unter der Herrschaft des Heiden- 
thums Blut und Thränen im Uebermass geflossen seien und 
also auch Jupiter und seine Genossen ihren Getreuen nicht das 
erwartete Glück verliehen hätten. Lactanz und Eusebius stellten 
dar, wie alle Verfolger der Christen trotz ihrer abergläubischen 
Gött-erverehrung ein schreckliches Ende genommen hätten, und 
noch von vielen andern wurde das Argument der Macht auf 
beiden Seiten wieder und wieder in^s Feld geführt. Gerade 
dieses Beweismittel musste auf einen Soldaten und Herrscher 
ganz besondere Wirkung ausüben. lieber den Aberglauben 
des Landsknechts, welcher sich durch Amulette kugelfest macht 
und bald durch Gebete, bald durch Teufelsbeschwörungen das 
Glück an seine Fahnen heftet, war Constantin ebenso wenig er- 
haben, wie alle andern Soldaten kaiser seiner Zeit. So hat er 
spater durch das Monogramm Christi seinen Helm gegen Hieb 
und Stich gefestigt ^ und in sein Diadem und den Zügel seines 
Rosses Nägel vom heiligen Kreuz einfügen lassen ^. Dass man 
durch Zauberei das Wetter machen könne, glaubte er fest; zu 
guten Zwecken hat er es ausdrücklich gestattet ^, und einen seiner 
Günstlinge liess er hinrichten, weil er angeblich durch solche 
Künste die Komzufuhr nach Constantinopel gehemmt hatte ^. 
Es ist daher kein Zufall, dass er nach langem Schwanken seine 
Entscheidung zu Gunsten des Christenthums gerade in dem Augen- 



' Enseb. vit. Gonst. I 81. Die Wahrheit dieser Angabe wird durch 
mehrere Münzen bestätigt, welche das Monogramm am Helm deutlich zeigen. 
' Ambros. de obit. Theod. 47. 
« Cod. Theod. IX 16, 8. 
* Ennap. vit. Aedes, p. 23. 



l 



94 0. Seeck. 

blicke traf, wo ihm durch den Sieg über Maxentius die üeber- 

macht des Christengottes über die heidnischen Dämonen, deren 

Hilfe sein Gegner angerufen hatte, unzweideutig erwiesen schien. 

Die Modernen schreiben den üebertritt Constantins meist 

weltlichen Bücksichten zu , insofern mit Recht , als Sieg und 

Erdenglück, welche er von der Qunst seines Gottes erwartete, 

ja freilich weltliche Vortheile sind. Doch wer da meint, er habe 

die Religion als Mittel der Politik ausnutzen wollen, befindet 

sich gewiss im Irrthum. Ausser ihren Gebeten, deren Zauber- 

j Wirkung man damals allerdings sehr hoch anschlug, hatten die 

f Christen jener Zeit nichts zu bieten, was die Macht eines Kaisers 

wesentlich hätte vermehren können. Die technischen Namen, 

r mit denen die Heiden von ihnen benannt wurden, waren pagani 

und gefitiles, d. h. Bauern und Barbaren. Damit sind die Kreise 
bezeichnet, in welchen die alte Religion trotz einzelner christ- 
licher Eindringlinge sich noch am unvermischtesten behauptet 
hatte. In der beweglichen städtischen Bevölkerung übte die Lust 
am Neuen und Fremden eine grössere Wirkung aus; die halb- 
verstandenen Schlagworte der Griechischen Philosophie waren 
auch in die Massen gedrungen und hatten Zweifel an den alten 
Göttern wachgerufen, so dass hier der Boden für -das Christen- 
thum wohl vorbereitet war und es überall schnell Wurzeln fasste. 
Dagegen bildeten die Bauern damals, wie noch heute, das con- 
servativste Element des Reiches; sie hingen an ihren Göttern, 
weil ihre Väter, so lange man denken konnte, sie ebenso verehrt 
hatten, und verhielten sich gegen das Christenthum ablehnend, 
weil es etwas Neues war. Und zu den Barbaren jenseit der 
Reichsgrenzen hatten sich bis dahin nur wenige Glaubensboten 
gewagt, und diese wenigen waren an den meisten Stellen gleich- 
falls auf die Vorurtheile von Bauern gestossen. Bauern und 
Barbaren aber waren es, welche Kaiser erheben und stürzen 
konnten ; denn aus ihnen setzten sich die Heere damals fast aus- 
schliesslich zusammen \ Auch der hohe Adel des Senats, wel- 



' Wie wenig zahlreich die Christen sowohl unter den Soldaten selbst 
als auch in denjenigen Theilen der Bevölkerung waren, welche für Aus- 
hebung und Werbung in Betracht kamen, ergibt sich am deutlichsten 
aus der bekannten Thatsache, dass zuerst Diocletian, dann Licinius sie 
vom Militärdienst ausschliessen konnten. Gewiss hätten beide sich vor 
einer solchen Massregel gehütet, wenn eine nennenswerthe Yermindenmg 
des Heeres dadurch eingetreten wäre. 



Die Anfänge Constantins des Grossen. 95 

eher durch seinen weitverbreiteten Grundbesitz in allen Provinzen 
Einfluss besass, hielt noch zum allergrössten Theil an der alten 
Religion fest, und ebenso die meisten Vertreter der Wissenschaft; 
und Literatur, da sie mit dem Glauben des Homer und Yergil 
auch das Verständniss ihrer Werke gefährdet meinten und durch 
den Hass der Christen gegen die Künste der Rhetorik die Wur- 
zeln ihres eigenen Ansehens untergraben sahen. Also fast alles, 
was im Reiche durch Bildung oder Geburt, Besitz oder Tapfer- 
keit Macht und Einfluss hatte, gehörte in seiner grossen Masse 
zur Partei des Heidenthums. Dem gegenüber stand nur ein Theil 
des stadtischen Pöbels und des Mittelstandes, der damals politisch 
so gut wie gar nichts bedeutete. Und diese ärmliche Schaar 
war noch dazu durch Diocletians Verfolgung von allen Elementen 
gereinigt, welche den Trieb in sich fühlten, etwas in der Welt 
vorzustellen. Der treugebliehene Rest lebte nur in der Hoffnung 
auf das Jenseits und kümmerte sich principiell nicht um die 
Politik. Wohl hielten die Christen eng zusammen, soweit sie 
nicht durch das Sectenwesen getrennt waren; wohl bildeten sie 
einen Staat im Staat, aber nicht um diesen zu beherrschen, son- 
dern nur um sich jeder Berührung mit ihm möglichst zu ent- 
ziehen. Welche Stütze seiner Macht konnten diese weltvergessen- 
den Heiligen einem Kaiser wohl gewähren ? Wahrlich es gehörte 
der Heldenmuth und das Gottvertrauen eines Constantin dazu, 
um diese Gemeinschaft der mächtigen Hilfe vorzuziehen, welche 
die Anhänger des Heidenthums darbieten konnten. 

Freilich war die Gefahr ihrer Gegnerschaft nicht ganz so 
gross, wie es auf den ersten Blick scheinen könnte. Zwar Adel 
und Literatur hatten *im Christenthum längst ihren Feind er- 
kannt, und wo sie keine Lauscher fürchteten, werden sie bitter 
über den Kaiser geschmäht haben, welcher die Pöbelreligion zu 
der seinen gemacht hatte ^ Denn dass er in einer Zeit so scharf 
ausgesprochener religiöser Gegensätze zwischen beiden Glaubens- 
lehren habe durchlaviren können, ohne dass ihre Bekenner recht 
merkten, welcher er eigentlich angehöre, ist eine höchst naive 
Anschauung. Aber des ohnmächtigen Zornes der vornehmen und 
gebildeten Heiden konnte der despotische Herrscher lachen, so 
lange er seiner Soldaten sicher war. Der unschuldige Barbar 
aber sah in Christus und seinem hohen Vater wahrscheinlich nur 
zwei neue Götter, denen er neben Wodan und Jupiter, Mithras 

* Enseb. laud. Gonet. 11, 8. 



96 0. Seeck« 

und Serapis gern ihren Platz einräumte. Erschien ihr opferloser 
Dienst ihm neu und seltsam, so that dies nichts zur Sache; 
mussten doch dem Germanen die Römischen und Syrischen, Per- 
sischen und Aegyptischen Culte, welche das vielsprachige Lager 
erfüllten, nicht minder fremdartig sein. Wenn jene neuen Götter 
nur das Heer zum Siege führten! So schützte die unendliche 
Toleranz des Heidenthums den Kaiser vor seinen Soldaten. Dass 
der Ghristengott all ihren alten Göttern den Tod geschworen« 
habe, wussten sie wohl kaum ; jedenfalls durften sie nicht daran 
erinnert werden. Wenn man die Ehrlichkeit von Gonstantins 
Religionswechsel bezweifelt hat, weil er die heidnischen Bräuche 
auch weiter duldete, ja zum Theil selbst mitmachte \ so verkennt 
man die Zwangslage, in welcher der Kaiser sich befand. Als er 
nach dem Sturze des Licinius sich seiner Herrschaft sicher fQhlte, 
da verschwanden die Götterbilder von den Münzen, mit welchen 
er seine Söldner bezahlen musste ^, und endlich schritt er sogar 
zu einem Verbot der heidnischen Gulthandlungen *, das er frei- 
lich niemals in vollem Ernste durchzuführen wagte. 

Die Eltern Gonstantins waren beide Heiden gewesen, doch 
scheinen sie von dem Einfluss des Christenthums, der damals ja 
schon die niedrigsten und die höchsten Kreise durchdrang, nicht 
unberührt geblieben zu sein. Als Diocletians Verfolgungsedict 
erging, liess sich Gonstantins wohl zum Niederreissen der Kir- 
chen bereit finden, aber die Bekenner der neuen Religion an 



' Zo8. U 29, 3. 

^ Auf den Münzen derjenigen Gaesaren, welche erst nach dem Sturze 
des Licinius ernannt warden, Constantius, Gonstans, Dalmatius und Han- 
nibalianus, fehlen die Götterbilder, auf denen der früheren, Grispus und 
Gonstantinus , kommen sie noch mitunter vor. Vgl. Brieger, Zeitschr. 
f. Eirchengesch. lY S. 176. Auch Zosimus 11 29 setzt den Umschlag in 
Gonstantins Religionspolitik in die Zeit nach der Besiegung seines letzten 
Gegenkaisers. 

» Euseb. laud. Const. 8; vit. Const. U 44; 45; lÜ 55—58; IV 23; 25. 
Diese Angaben des Eusebius hätten nicht angezweifelt werden dürfen, da 
sie God. Theod. XVI 10 , 2 die vollste Bestätigung finden. Die Privi- 
legirung der sacerdotaJea und flamines perpetui (God. Theod. XII 5, 2) ist 
kein Gegenbeweis, denn diese waren weiter nichts als die Vorsitzenden 
der Provinciallandtage. Ursprünglich hatte ihnen zwar auch die Besorgung 
des Eaisercultus obgelegen, aber auch als diese Functionen längst aufgehört 
hatten, behielten sie den priesterlichen Titel aus alter Gewohnheit bei. 
Es finden sich daher Sacerdotalen und Flamines, die sich in ihren In- 
schriften ausdrücklich Christen nennen. Schnitze, ZKG. VII S. 869. 



I 



Die Anföjige Coiutaiiidns des Grossen. 97 

Leib und Leben zu strafen, unterliess er ^ trotz der Befehle seines 
Angostus und seiner sonst immer bewährten Fügsamkeit. Gon- 
sfcantin eröffnete seine Regierung damit, dass er in seinem Reichs- 
theil den Christen volle Toleranz gewährte '. Doch blieb er 
selbst einstweilen noch dem alten Glauben treu ', bis das be- 
rühmte Traumgesicht und die ihm folgende Schlacht an der 
MUvischen Brücke ihn völlig bekehrten. 

So weit es ihm seine Herrscherpflicht gestattete, hat er sich 
seitdem stets als treuen Sohn der Kirche bewährt und nie den 
Versuch gemacht, sich zum Herrn derselben aufzuschwingen, ob- 
gleich ihm dies leicht genug geworden wäre. Die Bischöfe 
waren durch die lange Verfolgung so mürbe gemacht, dass sie 
um den Preis gesetzlicher Duldung jeden Eingriff des Kaisers 
ertragen hätten; ja als sie dessen freundliche Gesinnung sahen, 
forderten sie seine Einmischung in die innern Angelegenheiten 
der Kirche sogar selbst heraus. Nach der streitigen Bischofswahl 
in Karthago, welche zu dem Donatistischen Schisma Anlass gab, 
fahrte die unterlegene Partei bei Constantin Klage, und auch ihre 
G^ner wagten seinen Richterspruch nicht zurückzuweisen ^. Aber 
der weltliche Herrscher hielt sich strenger an die Satzungen 
des geistlichen Rechts als dessen berufene Vertreter und wies 
die Entscheidung einer Synode zu. Wieder appellirten die Dona- 
tisten an ihn, xmd wieder berief er eine zweite grössere Synode, 
welche den Spruch der ersten prüfen sollte. Erst als zum dritten 
Male seine Macht angerufen wurde, griff er persönlich in den 
Streit ein, aber nur um die Beschlüsse der beiden Synoden ein- 
fach zu bestätigen. Es galt bei den Christen damaliger Zeit 
für sündlich, wenn Mitglieder der Gemeinde gegen einander vor 
den Vertretern der Staatsgewalt Processe führten. Ans diesem 
Grunde verlieh Constantin den Bischöfen die Befugnisse von Gi- 
vilrichtern und untersagte jede Appellation von ihren Entschei- 

^ Lact, de mort pers. 15. Anders Euseb. bist. eccl. YIII 18, 18; ap- 
peud. 4; vit. Gonst. I 18. 

* Lact, de mort. pers. 24; divin. inst I 1, 18. Die zuletzt angeführte 
Stelle ist zwar ein Einschiebsel, aber ein solches , das Lactanz selbst bei 
der zweiten Ausgabe seines Werkes gemacht hat. In dieser Ueberzengung 
hat mich Brandt (Sitzungsber. d. Wiener Akad. 1889 u. 1890) nur befestigt. 

8 Eomen. paneg. VII 21. 

^ Quellen und Urkunden über die An^knge des Donatismus. Zeitschr. 
f. Kirchengesch. X 8. 504. 

DaatMha ZeiUchx. C OesotUcbksw. VII. 1. 7 



4 



^ 



98 0. Seeck. 

düngen an den Kaiser oder dessen Stellvertreter^. Gewiss war 
dies nicht der Weg, um sich die Kirche dienstbar zu machen. 
Was das Vorgehen des Herrschers bestimmte, waren eben die 
Lehren des Christen thums, denen er von ganzem Herzen anhing, 
nicht der Vortheil der weltlichen Gewalten. 

Wohl hat Constantin Bischöfe und Geistliche verbannt, aber 
einerseits vollzog er damit nur die Beschlüsse der Synoden, an- 
dererseits war es für die öffentliche Ruhe und Sicherheit noth- 
wendig. Es ist bezeichnend dafür, dass sein Vorgehen gegen 
Athanasius nicht durch dessen Lehre bestimmt wurde, sondern 
durch die Anklage seiner Gegner, der Bischof habe den Aie- 
xandrinischen Pöbel veranlassen wollen, die nach Constantinopel 
bestimmten Eomschiffe zurückzuhalten '. Wo Gegenbischöfe vor- 
handen waren, da kam es regelmässig zu Tumulten und Strassen- 
kämpfen, nach denen mitunter hunderte von Leichen das Pflaster 
bedeckten. Hier Ruhe zu stiften, war die Pflicht jeder geord- 
neten Staatsgewalt, und eine mildere Form Hess sich wahrhaftig- 
nicht flnden, als wenn der Kaiser das eine der streitenden Par- 
teihäupter aus der Stadt, in welcher es seine Knittelarmee be- 
sass, an einen Ort verwies, wo es keinen Aufruhr entzünden 
konnte. Denn niemals hat Constantin dissentirende Geistliche 
auf wüste Inseln oder nach Strafkolonien verbannt, sondern er 
bestimmte ihnen immer ganz behagliche Wohnsitze, die sich von 
ihrer ursprünglichen Heimath nur dadurch unterschieden, das» 
sie ungefährlich waren. 

Als der Kaiser durch den ersten Krieg gegen Licinius Italien 
endgiltig erobert hatte, betheiligte er sich persönlich an der Sy- 
node zu Arles *; als der Orient in seine Gewalt gekommen war,, 
an dem Concil von Nicaa. So eröffnete er in beiden Reichs- 
hälften seine Herrschaft damit, dass er sich den erstaunten Un- 
terthanen in der Mitte seiner Bischöfe und als Theilnehmer an 
deren Beschlüssen vorstellte *. Dies war für die Ausbreitung 

* Const Sirm. 1. Der vollständige Text bei Schulte, Festschr. zum 
50jährigen Doctorjubiläum Windscheids. Bonn 1888. Die Echtheit dieser 
Urkunde steht über jedem Zweifel. 

* Äthan, apol. c. Arian. 9. 

» Euseb. Vit. Const. I 44 ; vgl. Zeitschr. f. Kirchengeschichte X S. 507. 

* Euseb. vit. Const. DI 1, 5; 17, 2 in dem angeblichen Brief e Constantins 
an die Bischöfe: aitdg dh xa^aneQ elq i^ {>fjiibv itvyxtxvov cvfJOtaQoxv' ov 
yoQ OQVTioaiixriv av, itp^ (p fidXiaxa x'O^^Q^o, ow^egancjv vfiitsQog neipvxeyai. 
Die Urkunde ist zwar gefölscht, doch zeigt sie, in welchem Sinne die 



Die Anfäsge Constantins des Grossen. 99 

des Christenthams von höchster Bedeutung, da alle zweifelhaften 
Heiden durch das Beispiel ihres Herrschers fortgerissen werden 
niDSsten, und jedenfalls war dies der einzige Zweck, welcher Gon- 
stantin zu so ostensibler Anerkennung der neuen Religion ver- 
anlasste. Denn hätte er durch die Concilien die Kirche be- 
herrschen wollen, so wäre er gewiss nicht allen übrigen Bischofs- 
versammlungen fem geblieben. Ueberdies war ein Organ wie 
die ökumenischen Synoden, das alle zehn Jahre höchstens einmal 
in Wirksamkeit trat, zu einem dauernden und consequenten Ein- 
greifen in die kirchlichen Angelegenheiten ganz ungeeignet. 
Dazu hätte es ständiger vom Kaiser ernannter Aufsichtsbeamten 
bedurft, denen die Mehrzahl der Bischöfe, durch die vorherge- 
gangene Verfolgung eingeschüchtert, gewiss nicht den Gehorsam 
versagt hätte. Aber an die Schöpfung solcher Institutionen, 
welche die Zügel des geistlichen Regiments fest in seine Hand 
gelegt hätten, hat Constantin niemals gedacht. Er strebte als 
demüthiger Gatechumene nach der Gnade des Herrn, nicht nach 
der Herrschaft über seine Kirche. 

Der Beistand der heidnischen Dämonen Hess sich durch 
reiche Opfer und Gelübde erkaufen ; der Ghristengott aber stellte 
an seine Gläubigen sittliche Anforderungen, und Gonstantin war 
eifrig bemüht, ihnen genug zu thun. Die Moral des damaligen 
Ghristenthums gipfelte in der Verherrlichung der Askese und 
einer überstrengen Verurtheilung aller Fleiscfaessünden. Dass 
auch Constantin sich ihr anschloss, zeigt die Aufhebung aller 
rechtlichen Nachtheile, mit denen Augustus die Ehe- und Kinder- 
losen bestraft hatte \ sowie eine lange Reihe der strengsten 
Gesetze, durch welche er die Sittlichkeitsvergehen mit grau- 
samer Härte auszurotten suchte ^. Auch hat er sich nicht 
gescheut, die Gattin und den ältesten Sohn, auf welchem die 
Hoffnung des Reiches beruhte, dem Henker zu übergeben, weil 
sie des Ehebruchs verdächtig waren und sowohl die Bibel als 



Zeitgenossen die Theilnahme Constantins an den Concilien auffassten und 
ohne Zweifel auch auffassen sollten. 

» Cod. Theod. VIII 16; Euseb. vit. Const. IV 26. 

« Cod. Theod. I 22, 1 ; II 17, 1 § 1 ; III 16, 1; IV 6, 2; 3; 8, 7; 11, 
1; 5; IX 1, 1; 7, 2; 8, 1; 9, 1; 24, 1 ; 38, 1; XII 1, 6; XV 8, 1; Cod. 
Just. V 26. Alle diese Gesetze suchen in der einen oder anderen Weise 
die Sittlichkeit zu fordern, und die liste dürfte kaum noch vollständig 
sein. 



r«. 



1 



100 0. Seeck. 

auch sein eigenes Recht bestimmte, dass das untreue Weib and 
ihr Verführer des Todes sterben müssten K Wie sein feuriges 
Temperament erwarten lässt, war er für weibliche Reize durch- 
aus nicht unempfänglich. Munkelte man doch sogar, dass sein 
Günstling Optatus, der vom grammatischen Lehrer zum Patri- 
cius und Gonsul (334) aufstieg, diese erstaunliche Carriere dem 
Einfluss seiner schönen Frau verdanke '. Trotzdem ist seine 
Keuschheit immer unbefleckt geblieben ', und keine Tugend hat 
er fester seinen Söhnen eingeprägt ^, wie auch er selbst sie durch 
die Erziehung seiner Eltern überkommen zu haben scheint. 
Denn wenn diese den Verlobten der Eaisertochter, als er kaum 
die Kinderschuhe ausgetreten hatte, zur wilden Ehe mit einer 
gewissen Minervina veranlassten ^, so kann der Zweck kaum ein 
anderer gewesen sein, als ihn vor jugendlichen Verirrungen, 
welche das Heidenthum kaum als Verirrungen betrachtete, in 
christlichem Sinne zu bewahren ®. Und die Sittenlehre des neuen 
Glaubens, welche Constantin eingeprägt war, noch ehe er sich 
ihm völlig zugewandt hatte, beobachtete er auch sonst, so weit er 
eben konnte. Hat doch der unbezwingliche Kriegsheld sogar 
aUe Kriege vermieden, die ihm nicht aufgedrungen wurden '. 
Seinen feindlichen Mitkaisern gegenüber ist er bis zur äussersten 
Grenze der Nachgiebigkeit gegangen, ehe er den hingeworfenen 
Handschuh aufnahm, und wenn er strategisch auch stets die 
Offensive ergriff, so ist er politisch doch jedes Mal der Ange- 



^ Zos. n 29, 2; Eutrop. X 6, 3; Hydat. fast a. 326; Sozom. I 5; Vict. 
Caes. 41, 10; epit. 41, 11; Zon. XIII 2; Apoll. Sid. epist. V 8; Job. Mo- 
nach. vit. S. Artem. 45; Philoat. II 4. Vgl. Zeitschr. f. wissensch. Theol. 
XXXni S. 68. Theo!. Literaturblatt. 1890 S. 18. 

' Liban. pro Thalassio II p. 402 (Beiske). 

' Eumen. paneg. VI 4; IX 4; 7; Nazar. paneg. X 5; 9; 34; Euseb. 
laud. Const. 5. 

* Amm. XXI 16, 6 von Constantius II: per spatta vüae longissima in- 
pendio castus, ut nee amaro ministro saltem suspiciane tenus posset redargut, 
quod crimen, etiam si non invenit, malignüas fingit in »ummarum licentia 
potestatum. Nichtsdestoweniger glich Constantius auch darin seineD:Lyater, 
dass er von weiblichen Einflüssen sehr abhängig war. 

^ AIb Concubine bezeicbnen die Minervina Zosim. II 20, 2 ; Yict. epit. 
41, 4; Zon. XIII 2. 

** Eumen. paneg. VI 4. 

^ Euseb. vit. Const. I 46. Dies Zeugniss würde allerdings nicht viel 
bedeuten, wenn es nicht die später zu erzählenden Tbatsachen im Tollsten 
Masse bestätigten. 



Die Anfänge Constantins des Grossen. IQl 

griffene gewesen. Die Pflichten der Verwandtschaft erfüllte er 
treulich nicht nur gegen Helena, sondern auch gegen seine Stief- 
mutter Theodora und deren Descendenz \ obgleich ihre Söhne 
ihm die gefahrlichsten Nebenbuhler hätten werden können ; denn 
den feigen Argwohn des Sultanismus , welcher in jedem Spross 
des Herrscherblutes einen Feind wittert, hat Constantins kühne 
Seele nie gekannt. Mildthätigkeit, die nach dem Worte der Ver- 
heissung den Himmel erschloss, war seinem freigiebigen Sinne 
natürlich^. Beherzigte er doch keinen Bibelspruch freudiger, 
als denjenigen, welcher gebiete, sich Freunde mit dem ungerechten 
Mammon zu machen '. Auch seine Gesetzgebung ist reich an 
Bestimmungen zu Gunsten der Gefangenen *, der Wittwen und 
Waisen *; die Freilassung der Sclaven sucht sie zu befördern *, die 
ausgesetzten Kinder dem Tode zu entreissen ^. In seiner heid- 
nischen Jugend hatte er sich daran ergötzt, gefangene Barbaren 
gegen wilde Thiere kämpfen zu lassen; später nahm er selbst 
an den viel menschlicheren Gladiatorenspielen Anstoss, suchte 
sie nach Möglichkeit zu hindern und verbot es, Verbrecher dazu 
zu verurtheilen ®. Auch den Feinden zu verzeihen, hat er sich 
oft bemüht ^, soweit das Interesse des Reiches es eben zuliess. 
Denn dass die christliche Sittenlehre in ihrer damaligen Strenge, 
nach der sogar die Hinrichtung eines Verbrechers als Sünde gegen 
das fünfte Gebot verdammt wurde, sich mit den Aufgaben eines 
Herrschers nicht ganz vereinigen Hess, hat Gonstantin zu seinem 



• Mit Theodoras Bildniss hat er Münzen schlagen lassen, wie mit dem 
seiner leiblichen Mutter. Seine Brüder lebten an seinem Hofe und wurden 
zu den hOchsen Aemtem erhoben. Tillemont, Gonstantin art 85. Ihre 
Söhne sollten bekanntlich an seiner Nachfolge Theil haben. 

• Enseb. vit. Const. I 43; III 58, 4; IV 28. 

3 Eutrop. X 7, 2 adfectator itisti amoris, qu€m omni sibi et liberalitate 
et docüüate quaenoU, Enseb. vit. Const. I 9. Vgl. S. 87 Anm. 1. 

• Cod. Theod. IX 3, 1; 2; XI 7, 8. 

• Cod. Theod. I 22, 2; III 30, 1—5; IX 21, 4 § 1; 42, 1; Euseb. vit. 
Const. I 43, 2. 

• Cod. Theod. n 8, 1; IV 7, 1; 8, 5; 6; V 6, 1. Dass auch in dem 
Gesetze über das Züchtignngsrecht des Herrn seinen Sclaven gegenüber 
(Cod. Theod. IX 12, 1 ; 2), welches auf den ersten Blick sehr hart erscheint, 
doch eine Milderang des geltenden Rechtes lag, hat Senffert S. 13 
gezeigt 

' Cod. Theod. V 7, 1; 8, 1; XI 27. 

• Enseb. vit. Const. IV 25; Cod. Theod. XV 12, 1. 

• Vict Caes. 41, 8. 



102 0. Seeck. 

Schmerze freilich einsehen müssen. Da die Taufe alle Sünden, 
welche vorher begangen waren, abwusch und nur die späteren 
den strengen Christen für unverzeihlich galten, hat er ihre Voll- 
ziehung an sich in naiver Schlauheit bis zu seiner Todesstunde 
^ verschoben ^. Aber obgleich er als Catechumene sich eine etwas 

\ laxere Moral gestatten zu können meinte, hat er sich doch sorgfältig 

■ 

gehütet, die Strafe des Herrn gegen sich heraufzubeschwören, 
und deshalb nicht mehr gesündigt, als er nach seiner üeberzeu- 
gung sündigen musste. Denn die Pflichten gegen das Reich hat 
er immer noch über seine religiösen Pflichten gestellt, so ernst 
er diese auch auffasste. 

Als er kaum zum Jüngling erwachsen war, hatte ihn Dio- 
* cletian an seinen Hof berufen * und ihm eine militärische Stel- 

lung übertragen, die für sein Alter recht ansehnlich war '. Dann 
war er in der Umgebung des alten Kaisers bis zu dessen Ab- 
dankung durch die Provinzen des Reiches gezogen *• Dem lau- 
nischen Greise gegenüber wird die Stellung des Kaisersohnes, der 
zum Thronerben bestimmt, aber noch nicht officiell als solcher 
anerkannt war, und durch jede Unbesonnenheit seiner Anwart- 
schaft verlustig gehen konnte, wahrlich keine leichte gewesen 
sein. Er musste schweigen und sich bücken lernen, damit er 
die stolzen Entwürfe, welche seine junge Brust verschloss, dereinst 
zur Ausführung bringen könne; strenge Selbstbeherrschung bän- 
digte seinen heftigen Sinn. Doch sein langjähriger Verkehr mit 
Diocletian hatte noch eine andere Folge gehabt. Der Alte hatte 
seine Regierungsgrundsätze mit seinem künftigen Nachfolger ge- 
wiss oft besprochen, und die Worte des gedankenreichen Greises 
konnten nicht ohne Einfluss auf den werdenden Herrschergeist 
sein. Schien doch sein System trotz vieler Mängel im Einzelnen 
sich bewährt zu haben, indem es dem Reiche nach unendlichen 
Wirren eine dauernde Regierung verschafft hatte, und gerade 
das Schematische desselben konnte dem unreifen Kopfe eines 

1 Euseb. yit. Gonst. lY 62; Hieron. chron. 2353; Ambros. de ob. 
Theod. 40 : cui licet baptismatis gratia in uHünis constituto omnia peccata 
cUmiserit etc. 

> Euseb. Vit. Gonst. I 12; 19;Praxag. bei Phot. bibL 62. 

' Eumen. paneg. VI 5; Lact, de mort. pers. 18; Euseb. vit Gonst. 1 19. 

* Anon. Yales. 2, 2; Lact, de mort. pers. 18; 19; Euseb. vit. Gonst 
I 19. Sein Besuch von Memphis, wahrscheinlich während des Aegyptischen 
Aufstandes. Euseb. or. ad. sanct. coet. 16, 2. Anwesenheit in Nicomedia im 
J. 303. 1. 1. 25, 2. 



Die Anfänge Constantins des Grossen. 103 

Jünglings wohl imponiren. Der Ausschluss der Leibeserben, wel- 
chen der Sohn des Gonstantius aus naheliegenden Gründen nicht 
hätte billigen können, war ja damals in den politischen Kate- 
chismus des alten Kaisers noch nicht aufgenommen, so dass Con- 
stantin ihn in allen seinen Hauptpunkten zu dem seinigen machen 
konnte. Mit vollem Bewusstsein und klarer Absicht wurde er 
in allem ausser der Religionspolitik ^ der Fortsetzer Diocletians. 
Auch er hat seine Kriege entweder persönlich geführt oder durch 
seine Caesaren, nicht durch private Feldherm, führen lassen ; 
auch er hat Rom fast nur besucht, um dort Triumphe oder 
Jubiläen zu feiern, und fünfundzwanzig Jahre lang seinen Auf- 
enthaltsort fortwährend gewechselt ', wozu freilich die Unrast 
seiner lebhaften Natur gewiss ebensoviel beigetragen hat, wie 
seine Ueberzeugung von der Trefflichkeit des Systems. Als er 
dann endlich im Alter sich eine feste Residenz gründete, da 
wählte er dazu einen Ort, der von Nicomedia nur wenige Meilen 
entfernt war und die Vortheile der Lage, welche Diocletian zur Be- 
vorzugung dieser Stadt veranlasst hatten, ganz ebenso, nur noch 
in erhöhtem Masse darbot. Sich schon bei Lebzeiten unter die 
Götter aufnehmen zu lassen, wie sein Vorgänger es gethan hatte, 
war dem Christen freilich versagt; dafür schmückte er sich zu- 
erst mit dem Diadem ' , dem Abzeichen des orientalischen König- 
thums, nach dessen Staatsrecht die Unterthanen Eigenthum des 
Herrschers und dessen Macht über sie eine unbeschränkte war. 
Im wesentlichen behielt er also das Diocletianische Princip bei, 
nur dass er an die Stelle des Gottes den allmächtigen Menschen 
setzte, was praktisch dasselbe bedeutete. Auch die Mitregent- 
schaft als solche erschien ihm heilsam, ja unentbehrlich, nament- 
lich da es nur durch sie möglich war, die Thronfolge von den 
Launen der Soldatesca, welche im verflossenen Jahrhundert das 
Reich in so schwere Wirren gestürzt hatten, dauernd zu emanci- 
piren. Ihr Wahlrecht gesetzlich abzuschaffen, hielt zwar auch er für 
gefahrlich xmd wirkungslos, doch hoffte er, wie Diocletian, es auf 



* Auf diese bezieht sich wohl der Tadel des Nazarius (paneg. X 4) 
gegen Diocletian, den Erzieher Constantins. 

a Ueber die Aufenthaltsorte Constantins vgl. Zeitschr. f. Rechtsgesch. 
X S. 182 ff. 

'^^V' Yict. epit. 41, 14. Die Richtigkeit dieser Nachricht bestätigen die 
Münzen, welche bei den Bildnissen Constantins zuerst das Diadem zeigen. 
Vgl Euseb.^laud. Consfc. 5, 6. 



104 0. Seeck. 

dem Wege des Gewohnheitsrechtes allmählich zur leeren Formalität 
herabdrücken zu können, wie dieses ja mit der Volks- und Senats- 
wahl thatsächlich längst geschehen war. Denn der fruchtbarste Sat^ 
des ganzen Systems, dass die Thronfolge in erster Linie nicht durch 
das Heer, sondern durch den Willen des ältesten Augustus zu ordnen 
sei, war auch ihm zur Olaubensregel geworden. Diese Anhäng- 
lichkeit an die Ideen seines politischen Lehrers sollte der verhäng- 
nissvoUe Irrthum seines Lebens werden ; er hinderte ihn in der 
Jugend, die Früchte seines Glücks und seiner Thaten unbe- 
kümmert einzuheimsen; er machte noch seinen letzten Willen 
für das Reich zum Unheil. Aber was Constantin einmal als 
recht erkannt zu haben meinte, daran hielt er sich mit einer 
Zähigkeit, die durch keine Erfahrung ganz zu bekehren war, und 
am festesten hafteten in ihm die Principien, welche er noch als 
halber Knabe in sich aufgenommen hatte. 

Die Versuchung, ihnen zuwider zu handeln, trat gleich nach 
dem Tode seines Vaters verführerisch an ihn heran. Es hätte 
nur eines Winkes bedurft, und er wäre von den Truppen zum 
Kaiser ausgerufen worden; doch war mit Sicherheit vorauszu- 
sehen, dass damit die Aera der Bürgerkriege, welcher Diocletian 
ein Ende bereitet hatte, sogleich von neuem begann. Vor dieser 
Verantwortung scheute Constantin zurück. Zwar gedachte er 
wohl kaum auf das Kaiserthum ganz zu verzichten; denn wer 
zum Herrscher das Zeug hat, ist immer herrschsüchtig und muss 
es sein, weil er sonst seinen Beruf verfehlen würde; für den 
äussersten Nothfall mochte er also wohl auf die treuen Soldaten 
seines Vaters bauen. Doch so lange sich ihm die Möglichkeit 
bot, mit Aufrechterhaltung von Diocletians System Kaiser zit 
werden, hielt er an ihr fest. Er reizte daher Galerius nicht durch 
den Zwang der vollendeten Thatsache, sondern hielt sich einst- 
weilen vor dem Heere verborgen und sandte einen Brief an die 
anerkannten Herrscher ab, in dem er einfach den Tod des Con- 
stantius meldete und nur die bescheidene Frage hinzufügte, was 
jetzt seine Herrn und Kaiser über das Reich beschliessen wollten '. 

Die Soldaten waren nicht so geduldig, die Antwort abzuwarten. 
Namentlich ein Alamannenhäuptling namens Erocus, der für den 
Brittannischen Feldzug die Hilfstruppen seines Volkes hatte her- 
beiführen müssen und neue Wirren im Römerreiche nicht un- 



* Eumen. paneg. VII 8. 



Die Anfänge Constantins des Grossen. 105 

gern sehen moclite, soll für den Kaisersohn gewühlt haben '. 
Als dieser, nachdem er eine Zeitlang das Sterbehaus seines Va- 
ters nicht verlassen hatte, den ersten Ansritt wagte, warfen ihm 
die Soldaten, sobald sie ihn erblickten, ein Purpurgewand über * 
und begrüssten ihn mit dem Augustustitel ^ Wahrscheinlich 
war es nicht Verstellung, wenn er seinem Rosse die Sporen gab 
und dem Andrang der Menge zu entfliehen versuchte ^ ; der ver- 
frühte Ausbruch ihrer Loyalität mochte ihm wirklich unbequem 
sein. Aber da das Geschehene nicht ungeschehen zu machen 
war, blieb ihm nichts weiter übrig, als auch darüber an Gtalerius 
zu berichten und dessen Anerkennung zu erbitten. Bis der Be- 
scheid des Augnstus kam, traf er schnell und energisch seine 
Vorkehrungen, um sich für alle Fälle den Besitz von Gallien 
und Spanien zu sichern. Ein Frankeneinfall gewährte ihm den 
willkommenen Anlass, sein Heer aufs Festland zurückzuführen 
und der neugewonnenen Krone sogleich im Kampfe gegen den 
barbarischen Landesfeind ihre erste Weihe zu geben ^. Nach 
einem raschen und glänzenden Siege liess er die Truppen in Gal- 
lien ihre Quartiere aufschlagen und begab sich selbst in den 
Süden der Diöcese, um in nächster Nähe der Alpenpässe die 
Nachrichten aus dem Osten schnell empfangen zu können und 
für jede Eventualität vorbereitet zu sein •. 

Das» der Tod des kränklichen Constantius in nicht zn langer 
Zeit eintreten werde, hatte Galerius erwartet und schon einen 
Nachfolger bereit gehabt. Es war dies Licinianus Licinius, sein 
alter Freund und Kampfgenosse , der ihm im Perserkriege we- 



» Vict. epit. 41, 3. 

* Enmen. paneg. VII 8. 

' Enmen. paneg. Vi 5 : Lact, de mort. pers. 25. Dass Constantin znm 
Caesar ausgerufen sei, beruht nur auf späteren und ungenauen Nach- 
richten. Anon. Vales. 2, 4; Zos. II 9, 1. 

* Enmen. paneg. VII 8. Wäre es seine Absicht gewesen, von den 
Trappen znm Kaiser ausgerufen zu werden, so hätte er sich ihnen doch wohl 
feierlich auf dem Suggestns vorgestellt und durch zweideutige Reden auf 
Bie einzuwirken gesucht. Wie das zu machen war, zeigt das Beispiel 
Gftlhas. Dass er bei seinem ersten öffentlichen Erscheinen einfach durch 
die Soldaten hinritt, sich ihnen also in einer Situation zeigte, die zum 
Ueberwerfen des Purpurs und den sonstigen Geremonien so ungeeignet 
wie möglich war, spricht entschieden gegen ehrgeizige Absichten. 

* Enmen paneg. VI 4; VII 10; Nazar. paneg. X 16; Eutrop. X 8, 2. 

* Zeitschr. f. Numismatik XVÜ S. 48. 



4 



106 0. Seeck. 

senÜiche Dienste geleistet hatte und dessen Erhebung zum Caesar 
im J. 305 nur deshalb unterblieben war, weil die Adoption eines 
gleichalterigen, wenn nicht gar älteren Mannes nicht nur den Gesetzen 
widersprach, sondern auch den Spott des Publikums wachzurufen 
drohte. Er hatte daher beschlossen, ihn mit üeberspringung der 
Gaesarenwürde zum Augustus zu machen, sobald die Stelle seines 
Gollegen freigeworden sei \ Die Nachrichten ans Brittannien 
zerstörten diesen Plan ; denn um seinetwillen einen Btirgerkri^ 
zu entfachen, konnte Galerius nicht wagen. Wusste er doch 
nur zu gut, dass seine eigenen Soldaten die Zurücksetzung der 
beiden Kaisersöhne als ein Unrecht betrachteten und namentlich 
Cons tantin, der in ihrer Mitte die ersten Proben seines jugend- 
lichen Heldensinnes abgelegt hatte, liebten und bewunderten '. 
Mit einem Heere, das mindestens widerwillig in den Kampf ging, 
vielleicht sogar auf Abfall sann, Hessen sich die siegreichen und 
zuversichtlichen Legionen von Gallien und Brittannien nicht be- 
zwingen. So machte denn Galerius nach einigem Besinnen gute 
Miene zum bösen Spiel. Er übersandte selbst dem Constantin 
ein Purpurgewand und Hess sein Bildniss in den Lagercapellen 
neben dem der andern drei Kaiser aufstellen. Nur verlangte er, dass 
das jüngste Mitglied des HerrschercoUeginms sich mit dem Cae- 
sarentitel begnüge und die Würde des zweiten Angiistus dem 
Severus überlasse'. 

Ohne jede Gefahr für sich selbst hätte Constantin dies An- 
sinnen zurückweisen und die Kaisergewalt in dem vollen Umfange, 
wie sie das Heer ihm angetragen hatte, behaupten können. Die- 
selben Gründe, welche dem Galerius seine Anerkennung als Caesar 
abzwangen, hätten ihn auch zu grösseren Zugeständnissen ge- 
nöthigt. Dies musste Constantin, der erst kürzlich im Donau- 
heer gefochten hatte und die Stimmung desselben kannte, sehr 
genau wissen. Und er brauchte sich nicht einmal formell gegen 
den älteren Augustus aufzulehnen , wenn er dessen Forderung 
nicht nachgab. Denn mit leichter Mühe hätte er Werkzeuge 
finden können, um das Heer in Gallien zu tumultuarischen Kund- 
gebungen gegen die Rangminderung seines Kaisers zu veranlassen, 
und falls er sich darauf berief, dass die Soldaten ihm den Ge- 



1 Lact, de mort. pere. 20; Zob. II 11; Eutrop. X 4, 1 ; Yict. Caes. 
4ü, 8; Soor. I 2. 

' Lact de mort. pars. 18; 19; 24; Anon. Vales. 2, 8. 
' Lact, de mort. pers. 25. 



Die Anfönge Constantins des Grossen. 107 

horsam nicht gestatteten, was konnte Galerius dagegen thun? 
Aber selbst wenn dieser es wagte, mit seiner Anerkennung grol- 
lend zurückzuhalten, so wurde damit nicht einmal die Legitimität, 
geschweige denn die Machtstellung Constantins angetastet. Waren 
doch Diocletian, Carus, Probus , Aurelian und fast alle übrigen 
Kaiser des jüngst yerflossenen Jahrhunderts, denen der Staat 
noch immer göttliche Verehrung erwies, durch das Heer auf den 
Thron gelangt. Das Wahlrecht desselben war nie gesetzlich 
beseitigt worden, sondern nur persönliche Verabredungen inner- 
halb des HerrschercoUegiums hatten das Ziel verfolgt, jene ge- 
fahrliche Befugniss allmählich ihrer Wirksamkeit zu entkleiden. 
Wenn Constantin, der nicht, wie Oaleriiis und seine Caesaren, 
dnrch ein Versprechen gebunden war, den unmassgeblichen 
Wünschen Diocletians seine Zustimmung versagte, wer konnte 
ihn deshalb tadeln? Aber diese Wünsche lagen im Interesse 
des Reiches : wer sich gegen den Willen des ältesten Augustus 
auf den Willen der Soldaten berief, der hinderte das Mitregent- 
schaftssjstem, in dem auch Constantin die Panacee gegen künf- 
tige Bürgerkriege zu sehen meinte, sich in den Anschauungen 
von Volk und Heer zum Gewohnheitsrecht auszubilden, und dies 
musste vor allem vermieden werden. Nicht seiner augenblick- 
lichen Sicherheit, sondern einem Princip, das ihm für die Folge- 
zeit den Frieden des Reiches zu gewährleisten schien, brachte 
Constantin das Opfer und liess sich aus der zweiten Stelle im 
Uerrschercollegiam in die letzte zurückweisen ^ 

Diese grossherzige Entsagung sollte ihren Zweck nicht er- 
reichen. Kaum war sie ausgesprochen, so brach ein Sturm los, 
der das ganze schön ausgeklügelte System hinwegfegte. 

* Enmen. paneg. VI 5; VII 9. 

(Schluss folgt.) 



i 



Die Römische Curie und die Bartholomäusnacht. 

Von 

i 

i . M. Philippsoii. 

■^ 1 

Die früher so vielfach und in entgegengesetzter^ Sinne erörterte 
Frage der Vorgeschichte der Bartholomäusnacht scheint endlich 
in zweifelloser Weise entschieden. Nach den bekannten Arbeiten 
II. de la Ferridre's, EJr. Marcks* und B. Billigeres üfer die Zusammen- 
kunft von Bayonne, A. Ph. von Segesser's trttef Ludw. Pfyffer 
und seine Zeit, und^ramal Hermann Baumgarten^s „Vorgeschichte* 
sowie 9 Nachtrag zur Geschichte der Bartholomäusnacht" kann 
es als erwiesen betrachtet werden, dass, so oft auch Katharina 
von Medici der jener Zeit geläufige Oedanke nahe gelegt wor- 
den war, sich der Häupter der Hugenotten durch Meuchelmord zu 
entledigen, sie doch stets vor dessen Ausführung zurückschreckte, 
und dass nur augenblickliche Erwl^ngen ernstester Art sie zu 
dem verbrecherischen Beschlüsse des Blutbades veranlasst haben \ 
Viele Zweifelnde sind durch diese Darlegungen überzeugt worden; 
auch der kürzlich verstorbene Kervyn de Lettenhove, der noch 
1883 sich in einem Vortrage vor der Brüsseler Akademie unsicher 
über die Frage der Prämeditation ausgesprochen hatte, erklärte 
sich im folgenden Jahre gegen die letztere, im zweiten Bande 
seiner Huguenots et öueux. 

Indess fehlte noch ein wichtiges Glied in der Kette der Be- 
weise, herrschte über einen bedeutsamen Punkt fast völliges Dunkel. 
Baumgarten sagt darüber in seinem ,yNachtrage' (Hist.Zeitschr., 
N. F., Bd. XIV S. 389): „Die Berichte der Nuntien und Legaten 
der Curie sind uns, mit wenigen fragmentarischen Ausnahmen, 

' Mit Genugthuung darf ich darauf hinweisen, dass ich schon vor und 
gleichzeitig mit jenen Schriftstellem, im Athenaeum beige, 1881, Nr. 14, 
sowie in meinem »Westeuropa im Zeitalter Philipps II., Abth. II S. 120 ff. 
255 ff., mit ähnlichen Schlüssen zu gleichen Ergebnissen gelangt bin. 



Die Römische Curie und die Bartholomäusnacht. 109 

terra incognita. Ehe man diese peinliche Lücke nicht aus- 
gefüllt hat, kann die Forschung über die verhängnissvolle Streit- 
fn^ nicht für abgeschlossen gelten. ** Ich bin im Stande, diesem 
Mangel abzuhelfen und das von dem bewährten Historiker noch 
Yermisste Material beizubringen , aus dem Vaticanischen Archive 
selbst, das die hochherzige Liberalität des jetzt regierenden Papstes 
den Forschem geöfihet hat. Ausserdem fand ich weitere Auf- 
I Schlüsse in dem Venezianischen Staatsarchive. Freilich fehlen hier 
bekanntlich seit alter Zeit die Originaldepeschen der Gesandten in 
Frankreich aus dem Jahre 1572 (stilo Veneto, d. h, März 1572 
bis Ende Febr. 1573) ; indess diese Lücke ist im wesentlichen 
auszufüllen aus den Deliberazioni del Senato, sowie aus den An- 
nali, einer officiellen handschriftlichen Sammlung, die, nach Schrift 
und Orthographie zu urtheilen, noch im 16. Jh. von den wich- 
tigsten Depeschen und Berathungen verfasst wurde und beide 
theils auszüglich theils geradezu wörtlich wiedergiebt. Einiges 
davon hat William Martin (La Saint-Barthelemj devant le 
Senat de Venise, Paris 1872) veröfiPentlicht, aber meist Unwesent- 
liches; seine dürftigen Auszüge beginnen erst mit dem 22. Au- 
gust 1572. Aus beiden Quellen, den Vaticanischen Actenstücken 
wie denen der Frari, ergeben sich die Stellung und die Anschau- 
ungen des päpstlichen Hofes in Betreff der Bartholomäusnacht 
bis zur Evidenz. Auch andere wichtige Resultate, die ein helles 
Licht auf die Haltung der massgebenden Persönlichkeiten in jener 
grossen Tragödie werfen, lassen sich aas den erwähnten diplo- 
matischen Actenstücken gewinnen. 

Seit dem Beginne der Herrschaft Katharinas von Medici 
h^te die Römische Curie lebhaftes Misstrauen gegen alles, was 
dem Französischen Hofe nahe stand. Als im Herbste 1561 die 
R^entin die Frage der Rückgabe Navarras an dessen Titular- 
konig anregte, beschloss das Colleg der Cardinäle auf diesen 
Gegenstand nicht einzugehen, in Rücksicht auf den katholischen 
Eiler des Königs von Spanien und die religiöse Gleichgültigkeit 
der Französischen Regierung ^ Selbst der Cardinal von Bourbon, 
80 gut katholisch derselbe sonst war, blieb nicht von dieser Un- 
gunst verschont. Der Papst, schreibt Cardinal Borromeo am 
16. Februar 1562 an den Legaten in Frankreich , den Cardinal 
von Ferrara, hatte die Absicht gehegt, die Legation und damit 



* Vatican. Archiv, Nunziatura di Germania, Bd. 4. 



I 



110 M. Philippson. 

die Statthalterschaft yod Avignon dem Cardinal von BourboD 
zu übertragen. Aber er unterliess es, in Anbetracht der Gefahren 
dieser traurigen Zeiten, wo die Ketzerei alles zu ergreifen droht, 
lind weil „der Cardinal von Bourbon eine schwache Persönlich- 
keit ist und sich selbst nicht zu regieren vermag" ^ Wahrlich, 
ein scharfes ürtheil über einen Mann, den ein Menschenalter 
später die eifrig katholische Partei als Karl X. auf den Fran- 
zösischen Thron berufen hat ! Pius IV. trug auch keinerlei Be- 
denken, selbst einen Aufstand gegen die Königin-Mutter zu be- 
günstigen, als diese, nach dem Blutbade von Vassj, Miene machte, 
sich auf die Seite Conde^s, der Hugenotten und der Gemässigten 
zu schlagen. Am 2. Juni 1562 ging an Ferrara die Weisung 
ab: „Eure erlauchte Herrlichkeit mögen dem Herzog von Guise, 
dem Connetable und dem Marschall St. Andr^, — den bekannten 
„Triumvim*, — sowie den andern guten Katholiken sagen, dass, 
wena die Dinge von der Königin nicht in die angemessene Rich- 
tung gelenkt, das heisst alle Ketzer durchweg fortgejagt werden, 
ohne ein Pflästerchen aufzulegen und zwei Religionen zu dulden, 
Se. Heiligkeit bereit ist, mit aller ihrer Kraft diejenigen zu be- 
günstigen und zu unterstützen, die gute Katholiken sein wollen, 
und unter denen, wie wir wissen, die genannten Herren die 
hervorragendsten sind" *. 

Nur gezwungen traten damals Katharina und der junge 
Karl IK. zu den katholischen Eiferern hinüber. Die letzteren 
täuschten sich darüber nicht und wussten ihnen wenig Dank fdr 
ihre Haltung. „Seit meiner Kindheit **, schreibt noch 1572 ans 
Paris der Pater Panicarola, ,,habe ich die Königin-Mutter öffent- 
lich eine Begünstigerin der Ketzerei nennen hören. Sie und ihr 
Sohn waren so weit gediehen, dass man im Zweifel sich befand, 
ob sie nicht selbst Ketzer wären* ". Es ist eine höchst bezeichnende 
Thatsache, welche die von Marcks gewonnenen Ergebnisse be- 
kräftigt, dass die berühmte Zusammenkunft von Bajonne zwischen 
dem Französischen Hofe sowie der Königin von Spanien und dem 



^ «Essendo il Car^« di Bourbon persona debole e di poco govemo per 
se stesso" ; ebendaselbst. ^ Ebendaselbst. 

3 Yatican. Arch., Armar. 64, vol. 31 ; Copia d^una lettera del Padre 
Panicarola, da Parigi, 26. d'agosto 1572: ,11 Re et la madre, come 
V. S. sa, erano vennti a tale, che si dnbitava, se fossero hereticL Et io 
da fanciullo ho sentito publicamente nominare la Regina fomentatrice 
d'heresie". 



Die Komische Curie und die Bartholomäusnacht. Hl 

Herzoge Yon Alba, im Juni 1565, nichts an der Abneigung der 
leitenden katholischen Kreise gegen Katharina änderte. Dieselben 
mossten sich bald überzeugen, dass die Versprechungen, welche 
die Regentin ihnen nothgedrnngen in Bayonne gemacht hatte, 
keineswegs ernstlich gemeint waren. Papst Pius V. beklagt sich, 
am 17. August 1566, bitter gegen seinen Nuntius in Frankreich, 
den Bischof von Ceneda, über die Königin-Mutter. Sie umgiebt 
sich fast ausschliesslich mit Ketzern und verleiht denselben zahl- 
reiche kirchliche Pfründen; die Ketzer dürfen sich ungestraft 
alle Verbrechen gestatten, während sie die Katholiken für die 
geringsten Vergehen auf das schärfste züchtigt ; sie bezahlt regel- 
mässig die Führer der Ketzer mit dem Oelde, das die Franzo- 
sische Geistlichkeit ihr gewährt hat. Ja, sie heuchelt nur Furcht 
vor den Häretikern, um dieselben begünstigen und ihnen allerlei 
Zugeständnisse machen zu können. — Aehnliche Vorwürfe spricht 
der eifrige Papst in einem gleichzeitigen Schreiben an Katharina 
selbst aus und fordert sie auf, sich nicht mehr durch Worte, son- 
dern durch fromme und katholische Aufführung zu rechtfertigen ^ 

Das letztere geschah aber nicht, wenigstens nicht nach der 
Auffassung Pius' V. Derselbe hegte noch im Frühjahr 1567 die 
Besorgniss, Karl IX. möchte sich zum Protestautismus bekehren 
und eine Deutsche Prinzessin lutherischen Glaubens heirathen ^. 

Um so erfreuter war Pius über die Nachricht von dem ver- 
fehlten Ueberfall des Königs und seiner Mutter durch die Huge- 
notten, in Meaux, am 27. September 1567. Gleichzeitig mit 
dieser Kunde langte in Rom eine Bitte der Französischen Regie- 
rung um sofortige Hülfeleistung an. Der Papst zeigte sich auch 
geneigt, Beistand zu gewähren, aber nur unter der Bedingung, 
dass Katharina und Karl künftighin nach innen wie nach aussen 
eine streng katholische Politik verfolgten. Er schrieb ganz ein- 
fach dem Französischen Hofe die zu nehmenden Massregeln bis 
in's einzelnste vor. Am 16. October dictirte er selber folgende 
chiffrirte Instruction für den Nimtius in Frankreich : „Ihr werdet 
heimlich Sr. Allerchristlichsten Majestät zu wissen thun, sie solle 
kein Vertrauen auf den Kanzler [L'Hospital] setzen, da er keinen 
guten Rath geben wird; sie solle dem Herrn von Montmorency 
die Waffen aus der Hand nehmen und sich auch nicht auf den 



^ Vatican. Arch. , Brevia Pii V» , fol. 135. 139. 

' Das., Nunziatora di Spagna, yoI. 1 ; Card. Alessandrino an den Erz- 
bisch. ▼. Rossano, Nuntius in Spanien, 27. Aprü 1567. 



112 M. Philippaon. 

Gonnetable yerlassen , weil in ihm das Fleisch stärker ist als 
Christus ^ Ebenso scheint es uns, — abgesehen yon den Haupt- 
leuten, die wir ihr in unserem Briefe genannt haben, und andern, 
die uns unterstützen werden, — dass Se. Majestät die Würde 
des Oberbefehls ihrem erlauchtesten ältesten Bruder übertragen 
i müsse. Sagt Ihrer Majestät der Königin-Mutter, dass sie sich 

T ein männliches Herz fassen solle und aus ihrem Haushalt sämmt- 

liehe Hugenotten, Männer und Weiber, fortjagen müsse, da alle, 
so viele ihrer sind, Spione sind der Rebellen gegen Ihre Maje- 
stäten. Ihr werdet ihr ferner noch sagen, dass diejenigen, die 
I sie bewogen, den Cardinal von Lothringen fortzuschicken, sie 

schlecht berathen haben; dass, wenn sie sich der Hülfe des 
Katholischen Königs bedient und auch wir sie unterstützen, sie 
voll Vertrauens sein kann, und dass, wenn sie ausharrt mit männ- 
lichem Muthe, alle Dinge sich aufs beste gestalten werden. Nor 
muss sie, wie gesagt, ausdauernden und männlichen Muthes sein, 
weil anders, wenn sie sich auf diejenigen yerlässt, die ihrem Gott 
ungetreu sind, man binnen kurzem den völligen Untergang und 
Zerfall ihres erlauchten Hauses und jenes Reiches [Frankreich] 
erleben wird. Obwohl wir in unserem Briefe nur von dreitausend 
Fusssoldaten sprechen, werden wir uns bemühen, bis zu sechs- 
tausend zu senden ; Ihre Majestäten könnten vier- bis fünftausend von 
dem Herrn Herzog von Alba erbitten, der ihnen dreitausend Deutsche 
und zweitausend Spanier zu geben vermöchte, die zusammen mit den 
Italienern, die wir senden würden, und die der Herzog von Sa- 
voyen stellen kann, sich nicht vor der gleichen Anzahl Feinde 
fürchten würden, da sie ein Herz wie Löwen haben werden gegen 
die Hugenotten; abgesehen davon, dass Gott seine Religion und 
die Gerechtigkeit beschützen wird. Nur möge sie sich hüten, 
sich nicht zu einem Vergleich oder einer Bepfiasterung herbei- 
zulassen, denn das hiesse eine Schlange am eigenen Busen nähren 
und vom Regen in die Traufe kommen*.* 

Indess zu seinem grossen Kummer musste der Papst bald 
erfahren, dass sein altes Misstrauen gegründeter gewesen war, 
als seine Hoffnungen. Von irgend einer Frucht der 



^ Bezieht sich auf den umstand, dass der Connetable trotz seiner eifrig 
katholischen Gesinnung stets seine Galvinischen Neffen Colignj u. Andelot 
begünstigt hat. 

^ Vatican. Arch., Francia, Bd. 282: Minute di lettere al Nuntio di 
Francia, dal 1567 al 1687. 



Die Römische Curie und die Bartholomäusnacht. 113 

angeblichen Bayonner Verabredungen ist nichts 
zu merken. »Wir förchten", schreibt Pias V. am 25. De- 
cember 1567 an seinen Nuntius in Frankreich, „ dass die Versöh- 
nung zwischen Ihren Majestäten und dem Prinzen von Conde 
sich YoUziehen wird, da die Frau Regen tin niemals mit Aufrich- 
tigkeit gegen Gott und die katholische Religion verfahren ist 
noch jetzt verfahren wird und mehr auf ihre eigene List als auf 
die göttliche Hülfe vertraut" *. 

Die Curie hatte also nicht die mindeste Kunde von einem 
zwischen Katharina und den Spaniern seit Bayonne verabredeten 
Anschlage gegen die Hugenotten, und doch, hätte ein solcher 
bestanden , wäre sie davon sicherlich unterrichtet worden. Ebenso 
wenig meinte jene oder Philipp 11. in dem Religionsfrieden von 
St Germain-en-Laje (Aug. 1570) eine den Ketzern gestellte Falle 
zu sehen, unmittelbar nach dem Abschlüsse dieses Vertrages 
wird der Nuntius beauftragt, dem Könige und seiner Mutter eine 
lange Reihe von Vorwürfen auszusprechen •. Wir wählen unter 
letzteren nur zwei aus, wegen der höchst charakteristischen Ant- 
worten, welche die Angeklagten gaben, und die die wahren Gründe 
und Ziele des Friedensschlusses deutlich darthun. Der Nuntius 
berichtet: , Neuntens sagte ich ihnen, wie die Welt wohl weiss, 
dass, als der Friede zu Stande kam, der Admiral keine Kräfte 
mehr hatte, ruinirt und aller Hoffnung auf irgend eine Hülfe 
ans Deutschland berauht war; woraus man nur schliessen kann, 
dass die Königin, sehr übel berathen, ihn habe retten und be- 
wahren wollen, mit irgend einem geheimen Plan ihrerseits. Hie- 
rauf wollte der König selber antworten und duldete nicht, dass 
die Mutter spräche. Er sagte also, dass Se. Heiligkeit schlecht 
unterrichtet sei, denn erstens sei der Admiral sehr stark gewesen 
und habe aus Deutschland beträchtliche Unterstützung erhalten, und 
zweitens wäre er, der König, sehr schwach, weil er von [mehreren] 
Katholiken in seiner Umgebung verrathen worden, die mehr ihre 
eigenen Interressen und die Zerrüttung des Reiches im Auge 
gehabt, als den Dienst Gottes und des Königs, und die danach 
strebten, ihn schwach zu erhalten. Da er, ohne Geldmittel, 
den Krieg fortzusetzen , sich entschlossen hatte , alle Güter der 
Hugenotten und Empörer einzuziehen, hätten vielmehr eben diese 

' Ebendaselbst. 

' Rom, Biblioteca Barberina, Cod. ms. L. I, 73, fol. 205—211. 

Dvatflohe ZeUiehr. f. Gesohiehfcsw. V[[. 1. 8 



l 



114 M. Philippson. 

Katholiken in seiner Umgebung ihn daran verhindert. So habe er 
erkannt, dass er von allen Seiten meuchlings bedroht sei, und 
habe aus Verzweiflung den schimpflichen Frieden geschlossen^ 
zu welchem ihm alle Katholiken, die er bei sich gehabt, gerathen 
hätten, so sehr er auch anfänglich demselben abgeneigt gewesen.* 
Diese Darstellung Karls IK. entspricht im Grossen und Ganzen 
dem wahren Verlaufe der Dinge und beweist, dass er nicht daran 
dachte, den Vertrag yon St. Germain dem Papste vertraulich als 
Schlinge und Fallstrick für die Hugenotten zu schildern. — »Elf- 
tens", fährt der Nuntius fort, „sagte ich der Königin, dass im 
ganzen man ihr die Schuld an allen Uebeln beimesse, die daa 
unglückliche Reich zu dulden gehabt, und dass man ihr so viele 
schlimme Dinge nachsage, dass es unmöglich ist sie zu glauben.^ 
Der König und seine Mutter versicherten darauf dem Prälaten : 
„Se. Heiligkeit möge überzeugt sein, dass es im Reiche mehr 
Privatinteressen und Feindschaften als Ketzerei gebe, und dass 
man sich von.der einen und der andern Seite lediglich darum streite 
und die Namen Katholiken oder Papisten und Hugenotten nur 
angenommen habe, wie einst die der Weifen und der Ghibellinen!" 
Einige Uebertreibung abgerechnet, stimmt auch diese Behauptung 
mit dem wahren Sachverhalte überein. Wir werden sehen, dass 
bald ein Nuntius selber zu der gleichen Ueberzeugung gelangte : 
katholische wie protestantische Grosse liessen sich ausschliesslich 
von ihren persönlichen Absichten bestimmen. 

Ebenso wenig, wie der Papst, erklärte sich Philipp IL von 
Spanien mit einem Vertrage einverstanden, den er doch höchlichst 
gebilligt haben würde, wenn derselbe ihm Hoifhung auf baldige 
Vernichtung der Ketzer gewährt hätte. »Der Friede in Frank- 
reich", schreibt am 7. Sept. 1570 der Erzbischof von Rossano^ 
Nuntius in Spanien, „verursacht Sr. Majestät (Philipp IL) höchstes 
Missfallen und Verdacht. Als der Französische Gesandte ihm 
Mittheilung von jenem machte, setzte er hinzu, er habe den Auf- 
trag, sich darüber mit Sr. Majestät zu freuen. Der König hiess 
ihn aber, an den AUerchristlichsten König zu schreiben, dass er 
— Philipp — sich nur freue, denselben stets gut, liebevoll und 
brüderlich berathen und ihm nach Möglichkeit Hülfe geleistet 
und in Aussicht gestellt zu haben; über den Frieden dagegen 
könne er lediglich Kummer empfinden, gerade aus Liebe zu jenem, 
da er glaube, dass dieser Friede dem Dienste und Willen Gottes 
sowie dem Interesse jenes Königs entgegen und seinem Reiche 



Die Römische Curie und die Bartholomäusnacht. 115 

schädlich sei ^^ In der That rieth Philipp dem Papste ab, seine 
Truppen, wie es der Französische Hof wünschte, damit die Huge- 
notten keinen Vorwand zum Bruche hätten, aus Avignon zu 
ziehen; vielmehr sagte der König Yon Spanien, „wenn daraus 
folgte, dass jener Gott so missfällige Friede in Stücke ginge, 
würde das nur eine Wohlthat sein' '. 

Katharina wie Karl IX. waren von solchen Anschauungen 
weit entfernt und hegten nur den einen Wunsch: den Frieden 
zu erhalten und damit die völlige Zerrüttung und Auflösung 
ihres Reiches zu verhindern. Sie boten alles auf, um die stets 
wieder auflodernden Feindseligkeiten zwischen den verschiedenen 
Parteien niederzuhalten und auszugleichen *. Vorzüglich fürch- 
teten sie die Hugenotten: diejenigen unter den letzteren, die 
sich dazu herbei Hessen, an den Hof zu gehen, sahen sich dort 
vorzüglich aufgenommen und behandelt. „Man merkt, dass Se. 
Majestät sich bemüht, jede Gelegenheit zu vermeiden, die eine 
Ursache zum Bruche geben könnte *. * 

Mit Ingrimm mussten die Freunde Spaniens und Roms, ja 
alle guten Kathcdiken wahrnehmen, dass Karl IX. geradezu in 
das Hugenottische Fahrwasser hinein steuerte. Er unterstützte 
den Aufstand in den Niederlanden und berief schliesslich, im 
September 1571, den Leiter der Französischen Reformirten, Co- 
ligny, nach Blois an den Hof, wo derselbe bald des Königs ver- 
trautester und einfiussreichster Rathgeber wurde. Es ward leb- 
haft über den Äbschluss einer Heirath zwischen der Schwester 
des Königs, Margarethe von Valois, und dem ketzerischen Hein- 
rich von Navarra unterhandelt. Philipp IL wurde von keiner 
Seite dahin aufgeklärt, dass diese Ereignisse nur dazu dienen 
sollten, die Hugenotten anzulocken und zu blenden, um dieselben 
nachher desto sicherer zu verderben. Vielmehr betrachtete er die 
Heranziehung des Admirals und die beabsichtigte Vermählung 
mit vielem Verdachte und rüstete sich zur Abwehr etwaiger Feind- 
seligkeiten *. Die Heirath zwischen dem Bourbon und der Valois 



^ Vatican. Arch., Nunziatura di Spagna, Bd. 4. 
' Rossano an Card. Rusticucci, 26. Nov. 1570; ebendaselbst. 
3 Dep. Alvise Contarinis an den Senat von Venedig, 26. Okt. 1570; 
Venedig, Archiv der Frari, Francia, VIL 

* Dep. desselben v. 8. Nov. 1570; ebendaselbst. 

* Chiffr. Dep. Rossanos v. 9. Sept. 1571 ; Vatic. Arch., Nunz. di Spagna, 
Bd. 5: .Sapendo io che questoaboccamentoetparentadosomniamenteBOspet- 

8* 



i 



11g M. Pbilippson. 

wurde nicht als ein wohl überlegter Plan des Französischen Hofes 
aufgefasst, 8k)ndern als ein Zugeständniss, das dieser den Hugenotten 
mache, welche die wahren Urheber dieses Projectes seien K Schon 
im November 1571 machte man sich in Madrid mit dem Gedanken 
vertraut, dass der Admiral Frankreich in einen Krieg mit Spanien 
verwickehi werde ». 

Die Curie hegte nicht mindere Besorgnisse. Im Januar des 
entscheidungsreichen Jahres 1572 musste deshalb der vertraute 
Nepot Pius^ V., Cardinal Alessandrino, von Spanien nach Frank- 
reich reisen, um hier an Stelle des Ketzers Heinrich einen Por- 
tugiesischen Prinzen als Gatten Margarethens von V^alois vorzu- 
schlagen und ausserdem Frankreich zu einer freundlichen Stellung 
zu der gegen die Türken geschlossenen Spanisch-Italienischen 
Liga zu veranlassen. Die Geschichte dieser L^ation ist von 
Gar ^ und besonders von Baumgarten ^ allzu erschöpfend behandelt 
worden, als dass wir sie an dieser Stelle noch einmal erzählen 
sollten. Hier mögen nur einige neue Beweise für die Thatsache 
beigebracht werden, dass der letztgenannte Historiker völlig im 
Rechte ist, wenn er die Annahme des ehemaligen Directors der 
Venezianischen Archive verwirft, als ob Alessandrino blutige 
Massregeln gegen die Ketzer beantragt und deren Ausführung 
von Katharina und Karl IX. zugesichert erhalten habe. 

Die Venezianischen Gesandten in Rom, Paolo Tiepolo und 
Giovanni Soranzo, wissen, dass der Legat bestimmt sei, Frank- 
reich zum Eintritt in die Liga gegen die Türkei zu bewegen : 
eine Bemühung, deren Erfolg sie von vom herein als sehr un- 
wahrscheinlich bezeichnen ^. In der That war, vor der Ankunft 
Alessandrino's in Frankreich, der Nuntius schon glücklich, von 
Katharina wenigstens das Versprechen zu erhalten, sie werde 
den Frieden mit Spanien nicht brechen. Das wurde also bereits 
als ein sehr erfreuliches Ergebniss betrachtet. Ausserdem brachte 
der Nuntius auch die Heirathsangelegenheit Navarra*s zur Sprache 



to80 qoi, et il Re ne stark geloso et 4 la mira di ogni cosa, mi d parao 
bene di prevenire*. 

' Dep. desselben vom Beginne des Dezember 1571; ebendaselbst. 

* Dep. desselben, 16. Nov. 1571 (ebendas.): ,Qai si stä con sospetto 
grandissimo, perche ben s'intende che rAlmirante non dorme, et ä la fine 
ogni disegno sarä, indirizzato contra li stati del Re Gat<»'. 

' La Strage di San Bartolomeo (Venedig 1872), S. 41 ff. 

* Vor d. Bartholomäusnacht, S. 118 ff. 

» Dep. vom 19. Jan. 1572; Venedig, Prari, Roma, Vni. 



Die Römische Curie und die Baitholomäasnacht. 117 

und yersicherie beide Majestäten, dass sie fQr dieselbe niemals 
den erforderlichen Dispens vom Papste erhalten würden ^ Nun 
hätte es ja nahe gelegen, dass der König oder seine Mutter dem 
Nuntius oder doch bald darauf dem Legaten einen Wink Yon 
der beabsichtigten Ausnutzung der Hochzeitsfeierlichkeiten zum 
Verderben der Hugenotten gegeben und damit den ersehnten 
Dispens erlangt hätten. Das geschah aber keineswegs: ein hin- 
reichender Beweis, dass die Herrscher einen solchen Plan noch 
keineswegs gefasst hatten. Als ausschlaggebende Thatsache aber 
erscheint uns, dass der Herzog von Gnise und sein Bruder Mayenne 
sich der Republik Venedig erboten, derselben gegen die Türken 
Beistand zu leisten, und zwar Mayenne mit nicht weniger als 
zweitausend Mann ausgesuchter Infanterie '. Niemals würden die 
Guise sich aus Frankreich haben entfernen wollen, niemals Ma- 
yenne dieses Vorhaben wirklich ausgeführt haben, wenn sie vom 
Hofe nur einen Wink erhalten hätten, dass man ihres Armes 
g^en die heimischen Ketzer bedürfe. 

Am 7. Februar traf der Legat Alessandrino in Blois ein. 
Er sah nunmehr eine neue, eine dritte Aufgabe vor sich : den 
Abschluss des Vertheidigungsbündnisses zu yerhindern, das Eng- 
land soeben der Französischen R^erung angeboten hatte ^. Aber 
auch damit wurde er zurückgewiesen. ;,Ich habe die Dinge an diesem 
Hofe in so übler Verfassung gefunden*, schreibt er am 22. Fe- 
bruar an Rossano, „dass ich schliesslich^ trotz aller möglichen 
Bemüh angen meinerseits, abreise, ohne irgend etwas yon dem, 
was ich gewünscht, erreicht zu haben* *. Das einzige, aber 
auch sehr unzuverlässige Ergebniss seiner Anstrengungen waren 
neue Friedensversicherungen des Französischen Königs und seiner 
Mutter, sowie die Behauptung, das ßündniss mit England habe 
keinen andern Zweck als den, die gute Nachbarschaft mit diesem 
Reiche aufrecht zu erhalten ^. 



' Dep. Sigismondo Gavalli's, Yenezian. Gesaiidten in Frankreich, vom 
25. Jan. 1572; Yened., Frari, Francia, YIL 

» Dep. desB. v. 1. Febr. 1572; ebendaselbst. — BeschluBs des Yenezian. 
Senates v. 25. März 1572; Yened., Frari, Deliberationi del Senate, Secreta, 
vol. 78. 

' Depeschen Gavalli*8 v. 9. 16. Febr., a a. 0. 

* Rom, Yatic. Arch., Nunz. Spagna, Bd. 6; vgl. Gachard, Compta 
rendn de la commission royale d*histoire, III, 11, S. 78. 

* Alessandrino an Philipp II, Rom, 80. März (Rom, Bibl. Corsini, 
33 624) : «Ho volnto dar conto anco aY. W^ di quello che ho riportatodi 



i 



118 M. Philippson. 

Die Ereignisse der nächsten Monate machten es wahrschein- 
lich, dass auch dieses einzige Zugeständniss Karls IX. an den 
päpstlichen Gesandten ein leeres Wort bleiben würde. Im Be- 
ginne des April wurden die letzten Schwierigkeiten, die noch der 
Navarrischen Heirath entgegen standen, beseitigt, am 19. des- 
selben Monats das Bündniss mit England unterzeichnet. Als 
wenige Tage darauf die Wassergeusen durch die Wegnahme 
Briels den Aufstand gegen die Spanische Herrschaft in den Nie- 
derlanden wieder begannen, Hess sich Karl, allerdings gegen den 
Willen seiner Mutter und seines Bruders von Anjou, durch die 
Hugenotten und den Grafen Ludwig von Nassau auf die Seite 
der Geusen ziehen; die von Philipp Strozzi in La Rochelle und 
anderen Häfen ausgerüstete Armada schien zum Angriff auf die 
Niederlande bestimmt zu sein. In Madrid erwartete man jeden 
Tag von einem Einfall Hugenottischer Streitkräfte in jene Pro- 
vinzen TU hören ^. Einen gewaltigen Eindruck brachte dann in 
Paris die Nachricht von der Einnahme von Mons und Valen- 
ciennes durch Graf Ludwig, unter thätiger Beihülfe seiner Fran- 
zosischen Glaubensbrüder, hervor. ,So viel ich glaube", schreibt 
am 28. Mai Sigismondo Cavalli aus Paris, „wird die Folge dieser 
Ereignisse sein, dass der AUerchristlichste König den Krieg be- 
ginnen wird, weil die Gelegenheit und der Anreiz durch alle 
diejenigen, die gegenwärtig seine Umgebung bilden, ihn zu schleu- 
nigen Beschlüssen veranlassen werden. Hier spricht man von 
diesem Kriege so öffentlich und mit solcher Freude, dass es ihnen 
jetzt erscheint, als sei ganz Flandern in ihrem Besitze" ^. Es 
gab also damals in der Französischen Hauptstadt eine mächtige 
Kriegspartei, und zwar nicht nur unter den Hugenotten, und sie 
glaubte der Zustimmung des Monarchen sicher zu sein. 

Ueberall hin verbreitete sich die Besorgniss, man stehe kurz 
vor dem Ausbruche eines grossen Europäischen Krieges. In Ye- 

Francia nella parte che puo toccare il servitio della M. \^ et delli staii 
Buoi, et d che la K^ di quel Rö m'assicorö con parola Regia, che da lai 
non sarebbe mai fatta cosa, laquale poiesse impedire il progresso dell* ini- 
presa della Lega; et che la Regina madre medesima mi affermö, che se 
bene con Jnghilterra havevon quelle MM^ trättato lega et confederatione 
cio era stato non a danno d'altri et particularmente della M*^ Y., ma solo 
per conservatione d*una buona vicinanza. Ho voluto che la M^V. sappia 
hora tntto questo*. 

' Auszug aus der Depesche des Venezian. Gesandten in Spanien, 
17. Mai 1572; Yened., Frari, Annali, 1572. ' Ebendaselbst. 



Die Römische Curie und die Bartholomäusnacht. 119 

nedig geriisth der sonst so ruhige und gleichmüthige Senat in 
lebhafte Aufregung. Die Gesandten in Rom wurden beauftragt, 
den Papst zu bitten, er möge verhindern, dass die Ereignisse in 
9 Flandern' einen allgemeinen Kampf herbeiführten, , indem er 
den Mächten zum Frieden rathe, sie dazu ermahne und sogar 
mit seiner wohl verdienten Autorität zwinge. Und weil die 
Herausforderung (le offese) zumal von Seiten Frankreichs zu 
ffirchten ist, müssen die grössten und wirksamsten Anstrengungen 
(o£^cii) bei dem AUerchristlichsten Könige gemacht werden*. 
Gleichzeitig erhielten die Venezianischen Gesandten bei Karl IX. 
und dessen Schwiegervater, dem Kaiser, die Anweisung, ebenfalls 
nach Kräften zu Gunsten des Friedens thätig zu sein (12. Juni) ^ 
Frankreich schien nach Vorwänden zum Kriege zu suchen. 
Es beklagte sich in Rom über die Drohungen, die Alba gegen die 
Französische Regierung ausgestossen habe, und die einer Kriegsan- 
kündigong um so ähnlicher sähen, als ja der Allerchristlichste 
Konig nicht verhindern könne, dass einige seiner Hugenottischen 
Unterthanen nach Flandern zögen. , Dieses unglaubliche Schrift- 
stück", sagen die Venezianischen Gesandten in Rom, „ — denn 
was könnte Spanien unter den gegenwärtigen Umständen dringen- 
der wünschen, als den Frieden? — hat zu der Vermuthung An- 
lass gegeben, dass die Franzosen einen Gh*und suchen, um den 
Katholischen König zu bekämpfen und ihm die Schuld daran 
beizumessen ^.* Der Französische Botschafter in Madrid musste 
sich gleichfalls über die feindseligen Reden Albas beschweren, 
mit dem heuchlerischen Hinzufügen, dass sein König dringend 
die Brüderschaft (fratelanza) mit dem Spanischen Herrscher zu 
bewahren wünsche ^. In Spanien war man von dem baldigen 
Ausbruche des Krieges fest überzeugt. Philipp befahl Don Juan 
d^Austria, der mit seiner Flotte, zum Auslaufen gegen die Tür- 
ken bereit, in Messina lag ^, nicht nach der Levante abzufahren, 
vielmehr, wäre dies schon geschehen, sofort nach Messina zurück- 
zukehren, „denn er habe gehört, dass man in Frankreich grosse 
Kriegsrüstungen veranstalte, in der Absicht, die Staaten Sr. 
Majestät anzugreifen, sobald die Flotte gegen die Türken unter 



^ Yened., Frari, Roma, Deliberationi del Senato, Nr. 5, u. Annali, 1572. 

• A. a. : Annali. 

' Amb. in Ispagna, 18. Juni ; ebendaselbst. 

* Dep. Leonardo Contarini's, Venezian. Greaandten bei Don Juan; 
ebendaselbst. 



i 



120 M, Philippson. 

Segel gegangen sei* ^ Nicht nur gegen die Niederlande, son- 
dern auch gegen die Spanischen Provinzen in Italien schienen 
sich die Pläne der Franzosen zu richten ^. König Philipp traute 
deren fortwährenden friedlichen Versicherungen durchaus nicht 
Er war besonders aufgebracht über ihr Bündniss mit „dieser 
ketzerischen und verfolgungssüchtigen Königin von England'^ 
wie er sich dem Nuntius gegenüber ausdrückte, — aus Aerger, 
dass Elisabeth die Französische Allianz der ihr so oft angebotenen 
Spanischen vorgezogen habe ^ Die Spanischen Staatsmänner und 
Generale theilten durchaus die Befürchtungen ihres Hofes. Don 
Juan sagte öffentlich : wenn sein Monarch seine Streitkräfte 
zur Vertheidigung der eigenen Länder gegen Frankreich ver- 
wende, so heisse das nicht, die Liga gegen die Türken brechen. 
Er erklärte sich mit dem Beschlüsse des Königs völlig einver- 
standen ^. 

In Rom war inzwischen auf Pius V. ein neuer Papst, Gre- 
gor XIIL, gefolgt. Derselbe sowie die Gardinäle waren von der 
Nachricht der Einbehaltung der Spanischen Flotte auf das tie&ie 
betroffen; sie brachen darüber in Thränen aus. Gregor flehte 
den Katholischen König an, vierzig oder doch dreissig oder selbst 
nur fünfundzwanzig Galeeren gegen die Türken zu senden, zum 
Zeichen seines guten Willens ; die Franzosen würden achtzig bis 
neunzig Spanische Kriegsschiffe ebenso fürchten, wie hundert- 
undzwanzig ^. Noch Ende Juni 1572 hatte also der Papst ebenso 
wenig wie der König von Spanien die mindeste Vorstellung von 
einem gegen die Hugenotten gerichteten Plane des Französischen 
Herrschers und seiner Mutter ; und doch hätte ein einziges Wort 
des Französischen Gesandten über die Existenz einer solchen 
Absicht genügt, um den Papst wie den König aus Gegnern zu 
Freunden zu machen. Dies Wort wurde nicht gesprochen^ 
offenbar weil das Project noch nicht existirte. 

Gregor XIIL hielt die Sachlage für so bedrohlich, dass er 



1 Card, von Como an Rossano, 26. Juni; Vatican. Arch., Nunz. 
Spagna, Nr. 2. 

s Froveditor del Mar in Messina an den Senat, 26. Juni ; Venedig, a. a. O. 

' Rossano an den Card, von Como» 28. Juni; Vatic. Arch., Niuiz. 
Spagna, 5. 

^ Froveditor del Mar an Senat, 20. Juni ; Vened., Annali 1572. — De- 
liberationi del Senato, Nr. 5: 28. Juni. 

^ Como an Rossano. 26. Juni ; Vatic. Arch., Nunz. Spagna, Nr. 2. — Dep. 
der Venezian. Gesandten in Rom, 26. Juni; Venedig, a. a. 0. 



Die Römische Curie und die Bartholomäusnacht. 121 

Msgr. Salviati, der personlich der Königin -Mutter nahe stand, 
nach Paris sandte, um dort im Interesse des Friedens zu wirken 
(Mitte Juni ^). Ebenso ging er den Kaiser um dessen Einmisch- 
ung in versöhnlichem Sinne an und schickte Msgr. Ormanetto, 
Bischof von Padua, als ausserordentlichen Nuntius nach Spanien, 
aiun dem Katholischen Könige zu zeigen und ihn zu überzeugen, 
wie sehr der Friede und die Ruhe zwischen den christlichen 
Fürsten dem Dienste Gottes und der Staaten Sr. Majestät ent- 
spreche* '. 

So lagen die Dinge bedrohlich genug, und es kann kaum 
zweifelhaft sein, dass, wenn die Angelegenheiten der Reformirten 
in den Niederlanden sich günstig gestaltet hätten, Frankreich 
ihnen offenen Beistand geleistet haben würde. Bis zu diesem 
Augenblick sieht man nicht, dass Katharina von Medici hierin 
wesentlich anderer Gesinnung gewesen wäre, als ihr Sohn, und 
wir haben erfahren, dass der Krieg mit Spanien damals selbst 
in dem gut katholischen Paris sehr volksthümlich war. Indess 
nun trat eine Reihe von Ereignissen ein, welche die Situation 
sehr zum Nachtheil der Galvinisten veränderten. Albas Truppen 
eroberten Yalenciennes mit Leichtigkeit wieder, Ludwig von Nas- 
sau wurde auf die Yertheidigung von Mons zurückgeworfen: an 
eine weitere Ausdehnung seiner Machtsphäre in den Niederlan- 
den war nicht zu denken. England erklärte, sich jeder Eroberung 
Niederländischen Gebietes durch Frankreich widersetzen zu müssen, 
und versagte dadurch der Kriegspolitik des letzteren den gehofften 
Lohn von vorn herein. Dann starb plötzlich, am 9. Juni 1572, 
Johanna von Navarra, diese überzeugungstreue und thatkräftige 
Frau, welche die Seele der Hugenottischen Partei in Frankreich 
gewesen war und sie nicht nur mit ihrem Rathe und ihrem 
feurigen Muthe sondern auch mit reichlichen Geldmitteln gefor- 
dert hatte. Die Protestanten waren tief niedergeschlagen, ihre 
Gegner jubelten ^. 

* Dep. der Venez. Ges. in Rom, 14. Juni; Venedig, a. a. 0, — Delib. 
Senato, Nr. 5: 21. Jnni. 

' Entwürfe zur Instruction an Salviati, 22. 80. Juni; Born, Vatic. 
Arch., Nr. 283. 

' Der Bischof Gaiazzo, Nuntius in Paris bis zur Ankunft Sal- 
Tiatis, triumphirt in seinem Berichte vom 28. Juni (Born, Vatic. Arch., 
Nunz. Spagna, 2) über ,1a morte di quella femina di Navarra con la 
quäle si eon tagliate le piu vive radici di questa mala pianta et si sono 
in gran parte sviate quelle male mercantie, che tutte si mercantavano 



122 M. Philippson. 

Seit diesen Niederlagen der Reforrairten, also seit Mitte 
Juni 1572, hielten Katbarina und die Französischen Katholiken 
jede Kriegspolitik für schädlich, sahen in einer solchen nur eine 
Zettelnng und selbstsüchtige Bestrebung der Hugenotten. Die 
Lage ist also die folgende : Coligny und seine Freunde bestürmen 
unter Verheissungen und Drohungen den jungen König mit dem 
Verlangen kriegerischen Vorgehens gegen Spanien; Katharina 
dagegen, Anjou und alle altgläubigen Grossen fordern Aufrecht- 
erhaltung des Friedens. Karl IX. neigt sich bald der einen, bald 
der andern Partei zu. Im ganzen scheint die Friedenspartei die 
beste Aussicht zu haben. — Der König sowie seine Familie und 
Umgebung schworen den Nuntien Gaiazzo und Salviati zu, dass 
sie nicht daran dächten, die Freundschaft mit Spanien zu brechen, 
und dass die einzige Gefahr in dem Misstrauen und Verdacht 
bestände, welche dessen Minister ganz offen gegen Frankreich 
an den Tag legten. Die Führer der Friedenspartei waren Ka- 
tharina und ihr Lieblingssohn Anjou ^. Die Königin liess sogar 
in Rom schon die Bedingungen erörtern, unter denen Frankreich 
der Liga gegen die Türken beitreten könne ^. Wirklich war 
die Curie beruhigt und glaubte jede Gefahr beseitigt '. 

Der Cardinal von Lothringen, der sich damals in Rom auf- 
hielt, fasste die Dinge nicht so optimistisch auf. Die Königin- 
Mutter und der junge Herzog yon Guise, sagte er, werden den 

nella sua malabotega; detta morte che d stata opera della mano di Die, 
in tempo che quella empia femina, parendoli di esser nel suo regno, si 
preparava ogni di k maggiori mali, ha in gran parte ammortiti gli animi 
di questi tristi, principalmente del Admiraglio. E morta in mano di lor 
MM^, in potere delle quali son rimasti ancho una figlia et un figlio che 
haveva, che sara in mano di esse MM*^ di conservarli, si potranno, amici 
et fideli, ö di non lassarli andare, ne inimici di Dio, ne nimici del Re; 
et sia pur sicura Y. S. Rma. che non ^ mancato di ricordarseli*. 

,Hora, per che con Tordine che ho di N. S"^ di dover fare qnesti of- 
ficij, ho ancho Tordine di dar aviso ä V. S. Bma. della bona volanta che 
si fosse ritratta di dette MM'^, accio che ella havesse potuto certificame 
S. M. Gat<^, li ho scritto tutta questa historia*. 

^ Depeschen Gaiazzo s u. Salviatis aus der zweiten Hälfte des Juni 
1572; Rom. Vatic, Nunz. Francia, 5. 

' Dep. der Venezian. Gesandten in Rom, 12. Juli; Gar, S. 106. 

' Man lässt Ormanetto nach Spanien abgehen, .sehen fin* hora per li 
avisi che da piu parti si hanno che tali suspetti et gelosie siano assai 
cessate, per li effetti che si sono veduti in Fiandra". Instr. an Salviati, 
Y. 30. Juni (Rom, Vatic, Francia Nr. 283). Die Instruction kommt noch 
mehrmals, in bestimmten Ausdrücken, auf die letztere Thatsache zurück. 



Die Römische Curie und die Bartholomäusnacht 123 

Konig dem Frieden geneigt erhalten. Frankreich bedarf des 
letztem dnrchaus, aber die jungen Leute fühlen das Bedürfniss 
sich zu tummeln. „Ich halte für gewiss, dass der AUerchrist- 
lichste König nicht losschlagen wird, ausser in dem Falle, dass 
acht bis zehn Niederländische Bezirke (terre) sich ihm ergeben 
würden ; dann freilich weiss ich nicht, welchen Einfiuss auf einen 
Herrscher der Wunsch, seine Staaten zu vergrössern, üben 
fnochte ^. * — Sollte selbst der Cardinal von Lothringen nicht in 
den famosen Plan einer Ermordung der Hugenotten eingeweiht 
gewesen sein, dass er immer noch eine Hugenottische Politik 
seines Königs für möglich hielt? 

Entsprechend war die Stimmung am Spanischen Hofe: ru- 
higer, aber durchaus nicht zuversichtlich. „ Worauf es ankommt ''f 
schreibt am 12. Juli Rossano an den Cardinal von Como, „ist 
der Zweifel, den man hier hegt, ob der König von Frankreich, 
wennschon er sich nicht dem Kriege mit einem so mächtigen 
Herrscher aussetzen möchte, nicht doch suchen wird, sich die 
Hugenotten und, zugleich mit England, auch die Flandrischen 
Empörer geneigt zu erhalten, indem er ihnen Ho£Fnungen macht 
und zugleich die Augen dazu schliesst, dass sie so heimlich wie 
möglich Kriegsleute und andere Unterstützungen aus seinem 
Reiche beziehen, um darauf seine Beschlüsse in Oemässheit des 
Erfolges, den jene haben werden, zu fassen; und ob er nicht 
ebenfalls geneigt sein wird, auch den Türken für sich zu ge- 
winnen *." Indem Philipp den Dogen von Venedig seiner ver- 
söhnlichen Gesinnung versicherte, fügte er dennoch hinzu : er müsse 
sich gegen die Drohungen Uebelwollender rüsten, um seine Staaten 
zu beschützen '. Er gab den dringenden Wünschen des Papstes 
und der Venezianer insoweit nach, als er Mitte Juli den grössten 
Theil der Flotte Don Juan 's gegen die Türken abgehen liess; 
allein nur unter der Bemerkung: «obwohl die Niederlande in 
ebenso argem und vielleicht schlimmerm Zustande sich befinden, 
als früher, und die Verdachtsgründe gegen Frankreich keines- 
wegs verschwunden sind" *. 

Das war auch die Meinung des Senates von Venedig. 
Er hielt es nicht für überflüssig, besondere Gesandte nach 

^ Venezian. Gesandte in Rom, 28. Juni, Vened., Frari, Annali 1572. 

> Rom, Vatic, Nunz. Spagna 5. 

' 30. Juni, Vened., Frari, Annali 1572. 

* Dep. des Venezian. Gesandten in Spanien, v. 15. Juli; ebendaselbst. 



124 M. PMlippson. 

Frankreich und Spanien abzuordnen, um dort für den Frieden 
thätig zu sein \ und auch den Kaiser noch einmal um seine In- 
tervention in gleichem Sinne zu ersuchen '. 

Ja, es wuchsen die Besorgnisse wegen eines möglichen 
Bruches seit Beginn des Jali wieder von Tag zu Tage. So zu- 
gänglich die beiden Nuntien in Frankreich den Versicherungen 
des dortigen Hofes waren, sie konnten sich doch der üeberzen- 
gung nicht verschliessen, dass die Hugenotten noch einen grossen 
Einfluss auf den König besassen, und dass sie ihn mit allem 
Nachdruck zu Gunsten der Kriegspolitik ausübten. Das Haupt- 
mittel, dessen sie sich hierbei bedienten, war, dass sie Karl IX. 
überredeten, die Verweigerung des päpstlichen Dispenses für die 
Navarrische Heirath sei lediglich eine Folge Spanischer Intriguen, 
die darauf berechnet seien, Unzufriedenheit und Bürgerkrieg in 
Frankreich zu verewigen ^. Wirklich lehnte es Karl entschieden 
ab, die kampfeslustigen unter den Französischen Protestanten 
an der Ueberschreitung der Niederländischen Grenze zu verhin- 
dern ; er dürfe ihren Zorn nicht erregen, da er ja erst vor kurzem 
gezwungen gewesen sei, mit seiner ganzen Macht vor ihnen zu capi- 
tuliren ^. Noch bedrohlicher klang es, wenn Salviati seine üeber- 
zeugung aussprach, der König schone auch deshalb die Hugenotten, 
um sich ihrer bedienen zu können für den Fall eines Augriffes seitens 
des Herzogs von Alba, ;, nachdem derselbe so starke Streitkräfte 
zusammen gebracht, was freilich von ihm ausgehend mehr Ver- 
dacht erregt, als es bei irgend einem andern Elegierer der Nie- 
derlande der Fall sein würde, wegen der höchst anmassenden 
Worte, die er, wie man berichtet, geäussert hat, sogar gegen 
den Französischen Geschäftsträger, der bei ihm residirt' ^. 

> Senat an die Gesandten in Rom» 6. Juli; Vened., Frari, Roma, De- 
liberationi Senate, Nr. 5. — Gar, S. 102—106. 

' Instr. an den Venezian. Gesandten bei dem Kaiser, 7. Juli; Vened.» 
Frari, Deliberationi Senate, Secreta, Nr. 78. 

8 Ghiffr. Dep. Salviati's , v. 6. Juli (Rom , Vatic. , Nunz. Francia 5) : 
„Questi che in tutto modo vorrebbono guerra, hanno con stratagemma 
cercato persuadere, il Re Catholico essere tanto male affetto verso il Re 
Ohr"*®, che per ruina del Regno et mantenimento delle guerre civilis pro- 
hibisse che N^ Sig<>' non dia la dispensa al Principe di Navarra, easendo 
seco di molta auttoritä. Dal che argumentano qui, che esso Re Gat~ per 
modi indiretti procura di nuocere ä questo Re, perche debbi egli restare 
di offenderlo in Fiandra, porgendoseli si bnona occasione*^. 

* Ebendaselbst, u. Salviati an Rossano, 6. Juli ; Rom, Nunz. Spagna, 2. 

* Dep. Salviati's, 8, Juli; Rom, Vatic, Nunz. Francia, 5. 



Die Kömische Curie und- die Bartholomäus nacht. 125 

Die ganze Sachlage und die Beweggründe, die jede der 
massgebenden Persönlichkeiten am Französischen Hofe leiteten, 
geht aus einer sehr merkwürdigen Depesche des trefflich unter- 
richteten Venezianischen Gesandten in Paris, vom 12. Juli, hervor : 

.Erlauchtester Fürst! Herr von Montmorency ist aus Eng- 
land zurückgekehrt, nachdem die dortige Königin den Eid auf 
das Bündniss geleistet hat. Er hat mit ihr noch anderweitige 
geheime Unterredungen wegen der Flandrischen Angelegenheit 
gehabt, indem Montmorency wünschte, dass darüber einige Fest- 
setzungen in das Bündniss aufgenommen würden und letzteres 
sich zu einem offensiven gestaltete ; aber die Königin [Elisabeth] 
zeigte dafür keine Neigung. Was nun die kriegerischen Ange- 
legenheiten hier betrifft, so hat mir eine recht gut unterrichtete 
Person gesagt, dass, wenn nicht etwas Wichtiges und Unvorher- 
gesehenes eintritt, der Allerchristlichste König in diesem Jahre 
nicht offen auftreten wird, da er glaubt, die Gelegenheit, die man 
ihm nahe gelegt hatte, in Flandern grosse Fortschritte zu machen, 
sei entflohen, indem er sieht, dass der Aufstand der dortigen Be- 
völkerung sich nicht derartig ausdehnt, wie man annahm, dass 
die Hülfe aus Deutschland gering und langsam ist, und die 
Engländer nicht kraftig einschreiten wollen und dagegen der 
Herzog von Alba baldigst in^s Feld rücken wird. Aus diesen 
Gründen schrieb also die Königin-Mutter an den Papst einen 
ganz eigenhändigen Brief, in dem sie ihn versichert, dass sie 
niemals die ersten sein werden, mit dem Könige von Spanien 
Krieg zu beginnen; auch hat sie in dieser Stadt Proclamationen 
gegen diejenigen, die nach Flandern ziehen würden, veröffentlichen 
lassen, wie sie von dem Spanischen Gesandten aufgefordert wor- 
den war. Aber unter dem Vorwande, dass sie die Hugenotten 
nicht verhindern könnten, sich dorthin zu begeben, werden sie 
den Kampf weiter gehen lassen, ohne sich hinein zu mischen*^ ^ 



* Vened., Frari, Annali, 1572: „Ser»o Pr». E retornato d'Inghelterra 
Mona, di Momoransi, fatto da quella regina il Juramento della lega, con 
la qual ha havato altri ragionamenti secreti sopra le cose di Fiandra, 
desideraiido Momoransi che si facesse alcuni capituli k parte dalla lega, 
et venivano ad entrar anco nella offensiva, ma la regina non se ne h de- 

mostrata inclinata . Quanto alle cose della guerra da questa parte, nii 

^ detto da persona che sä assai, che se non succede maggior novitä, il Be 
ehr'"*' per qnest'anno non si scoprira, perche gli pars sia fugita qneir 
occassione che gli era data ad intender di poter f ar gran progresso nella 
Fiandra, vedendo che le soUevationi di quei populi non procedono inanzi 



126 M. Philippson. 

Die officielle und die officiöse Politik des Französischen Hofes 
standen durchaus mit einander im Widerspruche. Während Mitte 
Juli sich der Eronrath, mit der Mehrheit der Anwesenden, zu 
Gunsten des Friedens entschied \ überschritt am 16. Genlis, der 
Vertraute Colignys, nach zahlreichen geheimen Conferenzen mit 
dem Könige und offenbar mit dessen Billigung, an der Spitze 
einer bedeutenden Truppenzahl die Niederländische Grenze, um 
Mojis zu entsetzen. Vom Gelingen seines Unternehmens hing 
für Frankreich die Entscheidung ab, ob Krieg oder Friede, und 
Salviati musste eingestehen, er fürchte, man sei mit ihm nicht 
aufrichtig verfahren. Die Hugenotten, fährt er fort, geben sich 
unglaubliche Mühe, den König in einen Kampf mit Spanien zu 
verwickeln, und erzählen überall, der Krieg sei sicher, in der 
Absicht, dadurch wirklich den Bruch zwischen beiden Ländern 
herbeizuführen. Kürzlich, als der König sich zurückgezogen und 
entkleidet hatte, um sich zu Bette zu legen, indem er behauptete, 
schlafen zu wollen, liess er nichts desto weniger den Admiral 
kommen und unterhandelte mit ihm eine sehr lange Zeit (per 
lunghissimo spatio di tempo). „Ich bin überzeugt**, sagt Salviati, 
;;man hat Strozzi in der Absicht entsandt, den Grafen Ludwig 
zu unterstützen, sobald man sehen wird, dass er die Oberhand 
behält; und wenn das Gegentheil eintritt, so meine ich, wird er 
eine Spazierfahrt machen (darä una volta), indem er ein wenig 
in das Meer hinaus segelt und dann zurückkehrt. Aus allem 
dem schliesse ich, dass, um den Frieden zu bewahren, die An- 
gelegenheiten des Herzogs [Alba] gut gehen müssen; aber ich 
möchte sie wiederum nicht derart glänzend sehen, dass sie den 
Leuten hier Argwohn einflössen, wenn Alba allzu mächtig oder 
ungebührlich hochfahrend würde, denn dann hegte ich aus ent- 
gegengesetztem Grunde Besorgniss für den Frieden *. " 

Diese Aeusserungen des*Nuntius stimmen so sehr mit allem 

come si credeva, et li soccorsi d'Alemani pochi et tardi, gi^Jnglesi non 
voler moversi gagliardamente, et airincontro 11 Duca d'Alva dover presto 
esser üin campagna. Per questi rispetti dunque la Regina madre scrisse 
al Papa una lettera tutta di sua mano, securandolo che loro mal sarano 
prinai ä romper guerra al Be di Spagna, et in questa citta ha fatto far 
li proclama contra quei che andarono in Fiandra, come fu ricercata dalF 
amb' di Spagna. Ma sotto ombra di non poter impedir che non vi va- 
dano grugonoti, lassarano per hora correr la guerra senza porvi mano.* 

* Dep. Salviati's, 16. Juli; Rom, Vatic, Nunz. Francia, 5. 

* Dep. desselben v. 21, Juli; ebendaselbst. 



Die Komische Curie und die BartholomäusDacht. 127 

flberein, was wir sonst von der Sachlage am Französischen Hofe 
wissen, dass wir sie als YöUig zutreffend erachten können. 

Jedenfalls dachte Katharina am 21. Juli noch nicht an eine 
Niedermetzelung der Hugenotten. Sie sagte damals zu Cavalli: 
,Wenn auch der König, mein Sohn, und ich solcher Gesinnung 
sind, — den Frieden mit Spanien aufrecht zu erhalten, — so 
können wir doch nicht dazu schreiten, iKöpfe ab- 
zuschlagen und zu hängen, wie die Spanier es 
wünschten, da die unruhigen Leute dadurch 
eher erbittert als abgeschreckt werden; denn 
Flandern befindet sich in den gegenwärtigen Unruhen hauptsäch- 
lich, weil der Herzog von Alba mit der Hinrichtung so vieler 
Menschen jenes Volk auf das Höchste erzürnt hat ^^ 

Ich stehe nicht an, diese Aeusserung Katharinens, in einem sol- 
chen Momente an einen zuverlässigen und gut katholischen Diploma- 
maten gethan, für einen der wichtigsten Beiträge zur Vorgeschichte 
der Bartholomäusnacht zu halten. So konnte eine Frau nicht 
sprechen, die schon seit langer Zeit sich mit dem Gedanken ver- 
traut gemacht hatte, das Beispiel Alba^s nachzuahmen und noch 
weit zu überbieten. 

In ihrem eigenhändigen Briefe an Gregor XIU., von welchem 
Salviati sprach, hat sie lediglich die friedlichen Absichten ihres 
Sohnes betont, — sonst nichts ^. Der Papst dankte ihr für diese 
versöhnlichen Versicherungen, aber auch sein Schreiben deutet 
in nichts an, dass ihm weitergehende Pläne Katharinens bekannt 
seien '. Ebenso meldet der die Geschäfte führende Cardinal von 
Gomo an Salviati: „Unserm Herrn [dem Papst] gefällt sehr, dass 
Eure Herrlichkeit in allen Ihren Briefen durchaus nicht am 
Frieden verzweifelt und vielmehr an denselben glaubt, obwohl 
er Umtriebe bemerkt, die den beiden Mächten Eifersucht ein- 
flössen". Der Nuntius wird ermahnt, alles was in seinen Kräften 
steht zu thun , um diesen Intriguen die Spitze abzubrechen ^. 

* Vened. Frari, Annali, 1572: «La Regina-madre mi disse di piu, che 
86 ben il Re sno figlolo et lei hayevano questo animo, non potevano pcro 
Tenir ä tagliar teste et appicare che li Spagnoli vorrebbono, perche piu 
se esacerbi che si spaventi la gente inquieta, retroyandosi la Fiandra 
nelli presenti moti principalmente per haver il Duea d'Alva esacerbato 
qnei populi con la morte de tanti". 

* Rom, Yatie., Nunz. Spagna, 3: Como an Rossano, 23. Juli. 

^ Daselbst, Francia, Nr. 283; das Breve ist vom 23. Juli datirt. • 
« Ebendaselbst, 28. Juli 



i 



128 M. Phüippson. 

Nun aber wurden die Hugenotten von einem Schlage be- 
troflFen, der nicht nur ihren Hoffnungen in Betreff der Nieder- 
lande ein jähes Ende bereitete, sondern auch ihre Stellung in 
Frankreich auf das emstlichste bedrohte und wirklich, in letzter 
Folge, das Gemetzel der Bartholomäusnacht herbeigeführt hat. 
Am 17. Juli Abends ward die ganze Schaar Oenlis^ von Don Pa- 
drique de Toledo, einem Sohne Albas, theils niedergehauen theils 
gefangen genommen. Die Katholiken in Paris triumphirten. 
,ylch sehe*^, schreibt Salviati am 22., ^^dass die Niederlage der 
Hugenotten, die nach Mons zogen, der Erhaltung des Friedens 
unendlich nützen wird*. Und am 23. : „Obwohl weder der König 
noch die Frau Regentin hier sind, ist dennoch von gestern Abend 
bis jetzt genug erreicht worden, und zwar mehr durch mich, als 
durch andere. Man hatte mit Sr. AUerchristlichsten Majesi».t 
verhandelt, dass sie den Schutz der Franzosen, die sich als Ge- 
fangene in der Hand des Herzogs von Alba befinden, übernehme 
und alle Anstrengungen mache, um sie frei zu bekommen. Aber 
es ist dagegen so viel erlangt, dass es mir sicher und gewiss zu 
sein scheint, der König zeige mit Wort und Geberde, er sei 
über die Niederlage erfreut. Diese Aufrührer werden Geduld 
haben und unter sich trauern müssen, wenn Gott sie züchtigt' ^. 

Der Plan der Hugenottischen Partei, die bis dahin das Ohr 
des Königs gehabt, war folgender gewesen. Genlis sollte in Ge- 
meinschaft mit dem Prinzen von Oranien die Aufhebung der 
Belagerung von Mons bewirken. Andrerseits sollte Strozzi, dessen 
schlecht ausgerüstete Flotte eben nur zum Transport dienen 
konnte, königliche Truppen nach den Niederlanden bringen und 
mit ihnen gegen Alba zu Felde ziehen. Jetzt aber ist alles ver- 
ändert, da die Hugenotten durch die Niederlage gewaltig an 
Ansehen verloren und ihre Gegner Muth gefasst haben. Von 
Strozzi's Abfahrt ist wieder alles still geworden. „Die Kegentin 
hält sich entfernt, indem sie wahrscheinlich damit besonders 
zeigen will, dass sie sich nicht dort zu befinden Lust hat, wo noch 
über den Krieg verhandelt wird, den sie für den Ruin des Königs 
hält". Katharina trat also mit ihrer Gegnerschaft wider den 
Krieg erst in dem Augenblick deutlich hervor, wo die Niederlage 
Genlis' die Ueberlegenheit der Spanischen Waffen aller Welt be- 
wiesen hatte. Ein wahrer Trost war für die Friedenspartei, dass 



ChiflPrirte Depeschen Salviatra: Rom, Vatic, Nunz. Prancia, 5. 



Die Römische Curie und die Bartholomäusnacht 129 

der König seine Mutter durch einen Curier nach Paris berief 
und diese ihre sofortige Rückkehr zusagte. Von dieser Friedens- 
partei hatte übrigens der Nuntius eine sehr üble Meinung. Graf 
Retz und dessen Freunde, sagt er, «ziehen den Bürgerkrieg Yor, 
da sie wissen, dass, wenn man jetzt mit Spanien bricht, nicht 
ihnen alle grossen Aemter zufallen werden; denn ein jeder 
l&sst sich nur von seinem Interesse leiten' ^ 
Salyiati war also auch zu der Anschauung gelangt, die Karl EL 
and dessen Mutter schou unmittelbar nach dem Frieden yoq 
St. Germain ausgesprochen hatten: dass der religiöse Zwist 
weit mehr aus persönlichem Ehrgeiz, als aus verschiedener Ueber- 
zeugung hervorgehe ^ 

Die schleunige Rückkehr Katharinens erwies sich als dringend 
nothwendig. Der Admiral, der klar erkannte, dass die Stunde 
der Entscheidung gekommen sei, gab sich alle erdenkliche Mühe, 
den König doch noch zu kriegerischem Entschlüsse zu be*^ 
wegen; und wirklich hatte er lange nächtliche Zusammenkünfte 
mit den vier Staatssecretaren, was nicht ohne Zustimmung des 
Herrschers geschehen konnte. Die Dinge logen also noch miss- 
lich genug für die Erhaltung des Friedens: allein der Nuntius 
sachte die Regentin sogleich nach ihrer Ankunft in Paris auf und 
dieser gelang es in der That, den König umzustimmen, der schon 
bereit gewesen war, sich auf Abenteuer einzulassen. Aber so sehr 
Salviati auch mit dem augenblicklichen Verhalten Katharinens zn*- 
frieden war, er machte sich über die Beweggründe, die allein sie da*- 
bei leiteten, keine Illusionen. Es handelte sich für sie darum, erstens 
einen Kampf zu vermeiden, den sie unter den damaligen Verhält- 
nissen für verderblich hielt, und zweitens die Herrschaft über ihren 
Sohn, den König, nicht endgiltig an den Admiral zu verlieren. 
<, Aber andrerseits', meint der Nontius, „glaube ich zu bemerken, 
dass selbst diese Frau anders denkt als unser Herr [der Papst] ; 
denn sobald sie sich in der Regierung befestigt sieht und die 
Angelegenheiten des Reiches wie ihre eigenen behandelt, freut 
sie sich der Widrigkeiten Andrer wegen des Machtzuwachses, 
der für sie daraus erfolgt, und hält es für eine vortreffliche 
Sache, dass die Unruhen in den Niederlanden fortdauern und 
dieses Land sich zu Grunde richtet. Daraus folgt, dass sie, unter 

1 Chiffi:. Dep. desselben, v. 1. Aug.; ebendaselbst: nciascono moven- 
dosi per sno inteiresse*. 
"* 8. oben Seite 114. 

BtatMh« Zoitiohr. f. OeMhlohtsw. VIL 1. 9 



130 M. Philippson. 

dem Namen von Hugenotten, Franzosen nach Flandern gehen 
lassen und die Spanier mit Flottenausrüstungen und andern ähn- 
lichen Dingen schrecken wird. Zugleich wird sie frei- 
lich dem Admiral auf die Hände sehen, der , sich 
stützend auf das Ansehen, das er durch die bisherigen Erfolge 
erlangt hat, zu viel fordert, und sie wird ihm, wenn er 
es so weiter treibt, auf die Finger klopfen. Es 
ist erstaunlich, wie wenig diese Leute auf irgend etwas andere» 
geben, als auf ihre eigenen Angelegenheiten, wo es sich um ihr 
Interesse handelt'' ^ 

Diese Depesche erweckt eine hohe Vorstellung von den vor- 
züglichen staatsmännischen Gaben Salviati's. Er schildert im 
voraus die ganze Politik, wie, trotz der Episode der Bartholo- 
mäusnacht, Frankreich sie weiterhin den Niederlanden gegenüber 
verfolgt hat. Für unsere besondere Aufgabe ist sehr wichtig, das» 
der Nuntius, ungeachtet seiner augenblicklichen Intimität mit seiner 
erlauchten Verwandten, nichts von einer grundsätzlichen Feind- 
schaft Katharinens gegen die Hugenotten weiss. Vielmehr aus per- 
sönlichem momentanen Interesse ist sie dem Admiral feind- 
lich, und hier, am 5. August 1572, finden wir die erste Spur 
eines von der Königin-Mutter gegen Goligny beabsichtigten At- 
tentates, — freilich noch in bedingter Form. 

Auch von anderer Seite wurde dem Papste gemeldet, und 
zwar in eingehenderer Weise , dass es lediglich der Dazwischen- 
kunft Katharinens zu danken war, wenn der König davon ab- 
gehalten worden, sofort den Krieg an Spanien zu erklären. (Jre- 



^ Ghiffr. Dep. Salviatrs, v. 5. Aug., a. a. 0.: «Ma per un'altro verso- 
mi par vedere questa donna havere anche lei pensieri diversi da N. S**«, 
perche vedendosi stabilita nel govemo, et trattando li affari del Begno 
come 0068 proprio, gode de travagli d'altri per la grandezza che in lei ne- 
risulta, havendo per cosa buona, che seguitino li nimori di Fiandra, 
guastandosi il paese che per non esser buono come questo di Francia, 
Dio sä quando si raasetteria mai piu. - - - Di qui awerrä, che lascerä 
andare de Francesi in Fiandra sotto nome di Ugonotti, et darä gelosia 
d*annate et d^altre cose simili; nel medesimo tempo havendo gli occhi ä 
le mani deV Ammiraglio, che fondatosi ne la riputatione acquistataai per 
rispetto del seguito ne vuol troppo et lei gli darä (quando altro avvenga) 
Bu le unghie, intendendo questi intrighi si eccellentemente, tanto promet- 
tendosi del sno ingegno et forze del Begno» et per tanti versi incaminando 
le cose dl li fini propostosi, che d cosa da stupire tanto poco capitale- 
fanno d^altro che de le cose proprio dove si tratta del suo interesse*. 



Die Bömische Curie und die Baiiholomänsnacbt. 131 

gor XIU. beauftragt demgemäss Salviati, der Königin in den 
lebhaftesten Ausdrücken zu danken und sie anzuflehen, dass sie 
nicht nachlasse, über ihren Sohn zu wachen, »der, in seiner Ju* 
gend und geringen Erfahrung der Dinge dieser Welt, durch die 
List und den Trug der Bösen überredet und in seinen Unter- 
gang gezogen werden könnte*. So möge sie den Frieden be- 
wahren, ,zu ihrem ewigen Ruhme und zum Nutzen des Sohnes'' ^ 
Selbst noch am 25. August, einen Tag nach der 
Bartholomäusnacht, weiss der Papst nichts 
von einem Plane Katharinens gegen die Huge- 
notten. Vielmehr wäre er sehr zufrieden, wenn der Friede 
erhalten bliebe, und lässt den Franzosen versichern, dass Phi- 
lipp II. seinerseits nicht an Krieg denke ^. 

Das war auch die Stimmung der Curie am 11. August gewesen : 
sie hoffte, dass wenigstens das Aergste vermieden, der Friede äusser- 
lich bewahrt werde. Da traf eine Nachricht ein, die selbst dieses 
wieder in Frage stellte : es wurde dem Papste gemeldet * , dass 
»der Allerchristlichste König eine Aushebung von Schweizern und 
andern Kriegsleuten veranstalte. Obwohl von Französischer 
Seite gesagt und behauptet werde, dieselben seien nur zur Ver- 
theidigung bestimmt, werde doch ohne Zweifel entweder sofort 
oder in kurzer Zeit aus diesen Dingen ein kriegerischer Bruch 
hervorgehen". Der Papst und seine Umgebung wurden von un- 
geheurer Angst erfasst. Sie fürchteten, »alle Bemühungen der 
Nuntien und Legaten, alle Zusagen und Yerheissungen der Könige 
würden nicht im Stande sein, das furchtbare Unheil eines Krieges 
zwischen den beiden katholischen Grossmächten zu verhüten''. 
In seiner Aufregung befahl der heil. Vater, dass der Nuntius 
in Venedig sofort eine geheime Audienz bei dem Senate ver- 
lange, demselben die Sache darthue und ihn besonders auf die 
,von Tag zu Tage wachsende Kriegsgefahr*' aufmerksam mache. 
Gregor schlug vor, dass er, Venedig und Maximilian IL gemein- 

* Como an Salviati, 25. Aug. ; Rom, Vatic, Francia, Nr. 283. 

' Ders. an dens., 11. Ang ; ebendaselbst. 

' Vened., Frari, Annali, 1572, 22. Aug.; Verlesung eines ßriefes des 
Card, von Como v. 16. Aug.: ,et specialmente il Re Chr"« far una levata 
di Svizzeri et altre genti da guerra, dalle quäl cose se ben da loro si dice 
et pretende che siano solo k defensione, nascira senza dubio 6 adesso 6 
intra poco tempo una rottura di guerra, - - - et dubitando S. S*^ cbe 
grofficij gia mandati k fare per li soi nontij et le bone risposte et pro- 
messe havute sopra do non siano bastanti k divertir un tal male etc.'. 

9* 



132 M. Philippson. 

schaftlich den beiden Königen das förmliche Versprechen abfor- 
derten, den Frieden nicht zu schädigen, und denjenigen, der sein 
Gelöbniss brechen würde, mit einem gemeinsamen Angriffe be- 
drohten ^. 

Also unmittelbar vor der Bartholomäusnacht hatte die Curie 
80 wenig eine Vorahnung dieses Ereignisses, dass sie den Krieg 
zwischen Frankreich und Spanien und damit den Sieg der Huge- 
notten für unmittelbar bevorstehend hielt. Damit ist die Schuld- 
losigkeit des Papstes an der Bluthochzeit unwiderleglich er- 
wiesen, das Nichtvorhandensein einer langen Prämeditation sei- 
tens der Franzosischen R^erung noch wahrscheinlicher gemacht 

Während der Papst derart verzagte, hatte sich in Frankreich 
die Wendung schon vorbereitet. Die katholischen Führer in Paris, 
und an ihrer Spitze die Königin-Mutter, hatten den ihnen soeben 
als blosse Möglichkeit vorschwebenden Plan, sich des Admirals 
zu entledigen, mit Bestimmtheit gefasst; denn nur so, meinten 
sie, könne der Friede und zugleich der massgebende Einfluss 
Katharinens gewahrt werden. Niemand wurde von dem Projecte 
unterrichtet, als Salviati, der Verwandte der Begentin, und auch 
dieser nur unter der Bedingung, das Mitgetheilte vor Jedermann, 
selbst vor dem Papste, geheim zu halten. Er begnügte sich also, 
am 11. August Como zu melden, dass er lange mit der Königin 
und dem Cardinal von Bourbon über die gegenwärtige Lage ver- 
handelt habe: «schliesslich darf ich hoffen, dass unser Herrgott 
mir die Gnade erweisen möchte, Ihnen eines Tages etwas zu 
schreiben, was Sr. Heiligkeit wohl zur Freude und Befriedigung 
gereichen wird* *. 

Salviati blieb seiner Zusage der Geheimhaltung derart ge- 
treu, dass wir leider während der nächsten Tage durch ihn nichts 
von der weitem Entwicklung des Mordplanes erfahren. Der 
Cardinal von Como machte deshalb später dem Nuntius lebhafte 
Vorwürfe. „Eure Herrlichkeit", schreibt er ihm am 8. Sep- 
tember, 9 zeigt in Ihren Briefen , dass Sie die Anzettelung (il 
maneggio) dieser gegen die Hugenotten verübten That längst vor 
dem Ereignisse gekannt haben; indess es wäre gut gewesen. 



* Ebendaselbst: Sitzung des Senates v. 22. Aug. — Weder Gar noch 
Martin kennen dieses überaus wichtige Aktenstück. 

' Born, Yatic, Nunz. Francia, 5 : «sperando alla fine che il N'« Sr« 
Iddio mi debba conceder gratia di potergli scriver un giomo qualche cosa 
da reccare ä S. B'^^' allegrezza e contento*^ 



Die Hömische Curie und die Bartliolomänsnacht. 133 

wenn Sie nnsem Herrn seiner Zeit davon unterrichtet hätten, 
denn dazn werden die ChifiFern gegeben, dass man die noch ganz 
geheimen Dinge den Fürsten mittheilen kann, was Ihnen für 
etwaige künftige Fälle zur Nachachtnng dienen möge' ^ In 
der That begnügte sich Salviati, am 18. zu melden, dass die 
Spanier aach gegen ihn* Misstrauen hegten und von ihm Übel 
sprachen. Erst an dem yerhängnissvoUen 24. August, als eine 
Geheimhaltung nicht mehr nöthig war, fügt er seinem Berichte 
über die Metzelei die Bemerkung hinzu: „Es ist sicher, dass viele 
die That vorher wussten, da ich Ihnen sagen kann, dass, als ich 
am Morgen des 21. mit dem Kardinal von Bourbon und dem 
Herrn von Montpensier zusammen war, ich sah, dass sie so ver- 
traulich über das, was nun erfolgen müsste, sich unterhielten, 
dass ich im Innern ganz verwirrt wurde und erkannte, der An- 
schliß gehe tüchtig voran, auch eher an dem guten Erfolge 
zweifelte, als sonst [am guten Willen] ** '. 

Aus diesen Worten des Nuntius möchte so viel erhellen, 
dass die eifrig katholische Partei schon am Vorabende des Mord- 
anschlages auf den Admiral weiter gehende Pläne gegen die Hu- 
genotten in's Auge gefasst hatte und darüber eifrig berieth. Es 
ist das eine Thatsache, die bisher wenig beachtet worden ist. Da- 
gegen kann Katharina von Medici solche Absicht auch damals 
noch nicht gehegt haben ; sonst würde Salviati nicht von ihr in 
eben derselben Depesche die bekannte Aeussemng haben thun 
können: „Wenn der Schuss den Admiral sofort getödtet hätte 
(am 22.), kann ich mich nicht entschliessen zu glauben, dass so 
viel auf einmal vollbracht worden wäre^ '. 

Wir haben gesehen , dass vor dem Eintreffen der Depesche 
des Nuntius vom 11. August die Curie keinerlei Kenntniss von 
dem einen und dem andern Unternehmen gehabt hatte, um so 
lebhafter war in Rom die Befriedigung über das Geschehene ; und 

* Rom, Vatic, Francia, Nr. 283. 

* Das., Nnnz. Francia, 5. — Diese merkwürdige Stelle, die The ine r 
(I, 829) auffallender Weise weggelassen hat, lautet: ,,Che molti siano con- 
sapevoli del fatto, ö necessario, potendogli dire che a' 21 la mattina, es- 
aendo col Gard*^ di Bourbon et Mens«»' di Monpensierii videi che ragione- 
vano si domesticamente di quelle che doveva seguire, che in me mede- 
simo restando confuso , conobi che la pratica andava gagliarda, et piü 
tosto disperai di buon fine che altrimenti". Sie war schon abgedruckt bei 
Mackintosh, History of England IT, 355. 

' Vor und nach diesem Satze ist von der Begentin die Rede, er be- 
zieht sich also offenbar auf sie; Theiner I, 328. 



134 ^' Pbilippson. 

^war nicht, wie man hat behaupten wollen, über die Vereitelung der 
angeblichen Hugenottischen Verschwörung gegen Karl IX, an 
die Niemand im Ernst glaubte, sondern über die Vernichtung 
der Ketzer. Am 5. September vor Tagesanbruch langte die Nach- 
richt in Rom an. Sofort liess der Cardinal von Como den Papst 
wecken, „um. ihn von der Spannung zu ^befreien, und damit er 
sich an der so wunderbaren Gnade erhebe, die unter seinem Pon- 
tificat Gott der Christenheit gewährte. An jenem Morgen', fährt 
Como am 8. September in seinem Berichte an Salviati fort, „war 
Consistorium , um dem Legaten Cardinal Orsini das Kreuz zu 
geben und ihn zu entsenden. Aber da Se. Heiligkeit dem heil. 
Collegium eine so glückliche Nachricht mitzutheilen wünschte, 
liess sie öffentlich die Depeschen demselben vorlesen. Seine Hei- 
ligkeit sprach dann über deren Inhalt und zog den Schluss, dass 
man in diesen von so vielen Umwälzungen betroffenen Zeiten 
gar keine bessere und grossartigere Kunde hätte wünschen kön- 
nen; und dass es überdiess schiene, als ob Gott begänne, das 
Auge seiner Barmherzigkeit auf uns zu wenden. Se. Heiligkeit 
und das Collegium waren höchst befriedigt und voll Freude bei 
der Verlesung dieser Nachricht. Noch an demselben Morgen, 
nachdem das Consistorium und die Uebergabe des Kreuzes an 
den Legaten beendet waren, begab sich Se. Beiligkeit mit dem 
ganzen CardinalcoUegium nach der Kirche des heil. Marcus, um 
das Tedeum singen zu lassen und Gott für eine so glückliche, 
dem christlichen Volke geschenkte Gnade zu danken. Auch heute 
morgen ist Se. Heiligkeit in Procession zur Kirche des heil. Lud- 
wig gegangen , wo eine feierliche Messe zum selben Behufe ab- 
gehalten wurde, und in nächster Woche wird er ein feierliches 
Jubiläum veröffentlichen". — Uebrigens begnügte sich der Papst 
nicht mit diesen Freudenbezeugungen über das Geschehene; er 
forderte vielmehr für die Zukunft die völlige Ausrottung des 
Protestantismus in Frankreich. „Se. Heiligkeit unterlässt nicht, 
Gott zu bitten und ihn bitten zu lassen, dass er den AUerchrist- 
lichsten König ganz dahin stimme, auf dem von Sr. Göttlichen 
Majestät ihm eröffneten Wege weiter zu wandeln und das König- 
reich Frankreich gänzlich von der Hugenottischen Pest zu säu- 
bern und zu reinigen" ^ Der König solle, so lässt ihm der Papst 



* Rom , Vatic, Francia, Nr. 288, 1572 : ,,Per6 ancor che fasse di notte, 
le mandai subito ä S. S^ per levarla di suspensione, et perche si conso- 
lasse in cosi singular gratia concessa da Dio ä tatta la Christianitä sotto 



Die Römische Curie und die Bartholomäusnacht. 135 

sagen, das Friedensedict von St. Germain, das die Glaubensfrei- 
heit zugesteht, aufheben, und Gregor ist entrfistet, dass das nicht 
bereits geschehen ist. ^Aber es bleibt uns eine Hoffnung, dass 
das Feuerwerk von selbst an allen Orten um sich greifen wird, 
wie wir denn schon einige Andeutung von dem haben, was in 
Lyon und in Ronen geschehen ist' ^. 

Am 22. September beauftragt der Papst den Nuntius, da- 
hin zu arbeiten, dass der König, seine Mutter, sein Bruder Anjou 
und alle katholischen Herren fortfahren mögen, „das Franzö- 
sische Reich von so pestilenzialischem Saamen zu reinigen*. Er 
selber betet beständig zu diesem Behufe und hat allen Christen 
befohlen, in gleichem Sinne zu beten ^. 



il sno Pontificato. £ra quella mattina Concistoro per dar la croce et 
•espedir il Cardinale Orsino Legato; per6 volendo S. S^ participar al 
sacro Collegio una nuova si felice, fece leggere publicamente le lottere 
istesse, ragionando poi S. S^ sopra il tenor di quelle, con concludere che 
non si poteva desiderar nuoya migUore ne maggiore in questi tempi pieni 
di tante turbulentie, et che pur pare che Dio cominci ä. voltar gli occhi 
de la sua misericordia sopra di noi. S. S^ et tutto il collegio si come restö 
consolatissimo et pieno di allegrezza alla lettura di questo awiso, [desi- 
deraya le lottere di YS. piu piene , piu distinte et piu particolari, essenda 
materia questa che meritava essere scritta da lei molto distintamente et 
con quelle considerationi che sono in simil fatto , trattando del origine 
di questi pensieri, del modo che si sono condotti ad effetto, con consiglio 
et partecipatione di chi, et che effetti se ne possono sperare in servitio di Dio 
secondo il giudizio di lei, che d snl fatto.] D%e8e eingeklammerte Stelle ist als 
zu lang, später gestrichen und durch die folgenden Worte ersetzt worden: k dire 
il yero haveria desiderato le lottere un p6 piu piene, tanto piu che da 
infiniti altri la cosa si h intesa molto piu larga et piu distinta. 11 che 
non ho voluto tacergli per Famor ch^io le porto. — Quella istessa mattina 
finito il Concistoro et la ceremonia di dar la croce al Legato, S. S^ con 
tutto il colleggio de Car" andö nella chiesa di S. Marco ä far cantare 
il Te Deum et ringratiar Dio di tan felice gratia concessa al populo 
christiano ; ne resta S. B"*^ di pregarlo et farlo pregare ä disponere in- 
teramente il Re chrmo. d. voler caminare per la strada apertagli da S. 
D. M*^, et totalmente nettare et purgare il Regno di Francia da la pesta 
Ugonottica. Et pur questa mattina S. S^^ d andata in processione alla 
chiesa di S. Luigi, dove si d celebrata messa solenne per Teffetto istesso, 
et la settimskna ROguente publicara un solenne Jubileo del quäle si man- 
dara copia k YS., stampato che sia^*. 

' Ebendaselbst: „Ma una speranza ci resta che la girandola habbia 
fatto da se in ogni luogo, havendosi giä un p6 d'odore di quel che s'^ 
fatto in Lione et in Rohano*'. 

s Gomo an Salyiati, 22. Sept.; a. a. 0. 



186 M. Philippson. 

Wie im Innern, so sollte auch nach Anssen Frankreich eine 
eminent kirchliche Politik treiben und sich mit Spanien znr Zer- 
störung des Eetzerthums in ganz Europa verbinden. Gregor er- 
mahnte Karl IX., eine tüchtige Armee von Schweizern zu bil- 
den, um dem Herzoge von Alba bei Ausrottung der Rebellen 
und Abtrünnigen in den Niederlanden beizustehen. Dies herbei- 
zuführen, war die hauptsächliche Aufgabe des Legaten Orsini^ 
der überdies die Verbindung zwischen Frankreich und Spanien 
durch eine Vermählung Anjou^s mit einer Infantin fester knüpfen 
sollte \ 

Solche Hoffnungen zerfielen freilich bald in nichts. Da das 
Haus Lothringen Miene machte, die Bartholomäusnacht für seine 
eigenen Interessen auszunützen und die massgebende Stellung 
einzunehmen, die vordem Coligny besessen hatte, wandte Katharina 
sich von den eifrigen Katholiken ab und der Familie Bourbon 
zu. Selbst gegen den Papst fasste sie Argwohn , als ob der- 
selbe zu ausschliesslich unter dem Einflüsse des Cardinais von 
Lothringen stehe, der damals dauernd in Rom weilte. Dazu trai 
bald von neuem die traditionelle Gegnerschaft und das alte Miss- 
trauen zwischen Frankreich und Spanien in den Vordergrund: 
alle Früchte der Bartholomäusnacht gingen verloren, und dieses un- 
geheure Verbrechen schien ganz umsonst begangen worden zu sein. 

Der Legat musste das zu seinem Schaden erfahren. In seiner 
ersten geschäftlichen Audienz bei dem Könige und dessen Mutter 
(Auf. Dez. 1572) bat und ermahnte er Karl IK. , «dass, da es 
weder Gott noch Sr. Majestät zum Nutzen gereiche, jener ver- 
fluchten Secte wieder Raum zu geben , er alle seine Gedanken 
darauf wenden möge, sie von Grund aus zu vernichten , indem 
er sich der Worte erinnere, die er unserm Herrn [dem Papste] 
durch den Nuntius habe schreiben lassen, nämlich dass es binnen 
weniger Tage auch nicht einen einzigen Hugenotten mehr im 
Reiche geben dürfe". Der König antwortete hierauf ausweichend: 
eben daran arbeite er; seine Mutter aber forderte den Legaten, 
in höflicher Umschreibung, auf, baldmöglichst wieder abzu- 
reisen '. Orsini musste zu seinem Kummer wahrnehmen, dass er 
selber der Französischen Regierung verdächtig, diese dem Spa- 



' Como an Salviati, 8. Sept.; a. a. 0. — Depeschen Salviati's vom 
Nov. 1572; Nunz. Francia, 5. 

* Dep. Orsinis, 7. Dez.; Vatic, Nunz. Francia, 5. — Depeschen Sal- 
viati^s vom Dez. 1572, Jan. 1578; daselbst, 5. 6. 



Die Römische Curie und die Bartholomäusnacht. 187 

nischen Herrscher feindlich gesinnt und an ein Französisches 
Bündniss mit dem letztern nicht zu denken sei. Er verliess des- 
halb Paris bereits am 18. Januar 1573, ohne auch nur den min- 
desten Erfolg verzeichnen zu können. 

Ich glaube, dass die hier erwähnten Actenstücke zu einer 
Reihe bestimmter Schlussfolgerangen berechtigen. Die Curie 
unterhielt kein Einverständniss mit den Veranstaltern der Bar- 
tholomäusnacht, von der sie vorher nicht einmal Kenntniss er- 
langte. Katharina von Medici ihrerseits hat erst nach der Nieder- 
lage Genlis^ entschieden gegen Goligny Partei genonmien. Auch 
dann dachte sie zunächst nur daran, den Admiral aus dem Wege 
zu räumen. Sie fasste diesen Plan spätestens am 11. August 1572. 
Die Führer der eifrig katholischen Partei knüpften hieran sofort 
die Absicht, den Mordanschlag auch auf andere Hugenotten aus- 
zudehnen, Katharina aber entschloss sich hierzu erst, nachdem das 
erste Attentat auf das Leben Coligny^s misslungen und sie von 
der Rache desselben und der Hugenotten bedroht war. Die 
Curie empfand grosse Oenugthuung über die Vernichtung der 
Ketzer, ermahnte die Französischen Herrscher, mit derselben bis 
zur Zerstörung des ganzen Hugenottenwesens fortzufahren , und 
suchte das Geschehene zur Herstellung eines katholischen Ten- 
denzbündnisses zwischen Spanien und Frankreich zu benutzen; ihre 
Bemühungen scheiterten indess an der religiösen Qleichgiltigkeit 
Katharinens. — Die Anforderungen des weltlichen Interesses 
Frankreichs haben dasselbe bald wieder an die Spitze aller Gegner 
des Katholischen Königs gestellt und es zur Freundschaft mit 
den auswärtigen Protestanten gezwungen: ein Widerspruch zwi- 
schen der äussern und innern Politik des Hauses Valois, der 
sich immer von neuem geltend macht und in dieser wie in jener 
stets seine Kraft lähmt. Die Französischen Herrscher des sechs- 
zehnten Jahrhunderts schwanken beständig zwischen der Be- 
kämpfung des Protestantismus im Innern ihres Staates und der 
Begünstigung der neugläubigen Elemente im Auslande. Eine 
solche Gombination Hess sich aber nie völlig durchführen : eines 
hinderte immer das andere, und so vermochten jene Herrscher 
weder über die Habsburger noch über die Französischen Refor- 
mirten jemals bleibenden Vortheil zu erringen. 



Kleine Mittheilungen. 



Die Statuten des Deutschen Ordens. Darck die mnstergiltige 
und musterhaft gelungene neue Ausgabe der Deutschordensstatuten ^ 
hat sich Max Perlbach den aufrichtigen und gerechten Dank vor- 
zugsweise derer erworben, die sich mit der mittelalterlichen Geschichte 
Altpreussens zu beschäftigen haben. Der ausreichenden Untersuchung, 
der endgiltigen Entscheidung von Fragen nachzugehen, welche gleich 
den hier in Betracht kommenden an und für sich selbst doch ganz 
und gar ausserhalb der „Preussischen* Geschichte liegen, dazu ge- 
hören langwierige Studien , welchen sich nicht leicht jemand von uns 
zu unterziehen im Stande und in der Lage ist. Wenn wir, wie der 
Verfasser thatsächlich richtig bemerkt, stets die Deutsche Fassung 
der Ordensstatuten herangezogen haben, so liegt das zunächst gewiss 
bei Allen daran, dass die Ausgaben dieser neuer, handlicher und leichter 
zugänglich sind, natürlich aber — und von mir selbst darf ich es 
bestimmt versichern — auch daran, dass aus der Preussischen Zeit des 
Ordens nur Deutsche Redactionen als für uns in Betracht kommend 
vorliegen, und dass die ältere der beiden durch den Druck bekannt 
gemachten Deutschen Fassungen einer Zeit angehört, in welcher die 
in den Statuten ausgeprägten Verwaltungsgrundsätze des Deutschen 
Ordens in Wesen und Hauptsache für alle Zeit festgelegt waren. 
Hierin konnte mich denn auch die Ansicht, welche ich mir über die 
zeitliche Folge der Lateinischen und der Deutschen Fassung nicht 
eben durch kritische Untersuchung , sondern lediglich auf Grund ge- 
wisser allgemeinen Verhältnisse gebildet hatte, nicht irre machen : für 
mich wenigstens stand der Altersvorrang der Lateinischen Statuten 
schon desshalb ziemlich ausser Frage, weil in der Uebergangszeit aus 
dem 12. in das 13. Jahrhundert in Deutschland noch nirgends, und noch 
weniger gewiss in der Deutschen Kolonie Palästinas amtliche Schrift- 
stücke in der Volkssprache abgefasst wurden, vollends nicht, wenn 
sie kirchliche Institute betrafen. — Für diese Frage kommt aber 



' VgL Bibliogr. »90, 3736 b. 



Die Statuten des Deutschen Ordens (K. Lohmeyer). 139 

der Verfasser in dem zweiten Abschnitt seiner Einleitung auf Grund 
einer, wie mir scheint, durchschlagenden Beweisführung zu folgenden 
genaueren Ergebnissen. Für den „Prolog^, dessen Inhalt im Wesent- 
lichen die Geschichte der Gründung des Ordens bildet, „ist die La- 
teinische Redaction die ursprüngliche'' ; und ganz ebenso verhält es 
sich mit der „Eegel*', demjenigen Theile der Statuten, welcher „die allen 
Orden gemeinsamen Grundlagen (die drei Mönchsgelübde), die Pflege 
der Kranken und die Observanzen des gemeinsamen Lebens enthält^, 
sowie mit dem letzten Theile, den. „ Gewohnheiten', welche „die Verfas- 
sung des Ordens, seine hierarchische Gliederung und die Befugnisse 
der einzelnen Beamten in Krieg und Frieden aufzählen^; bei dem die 
„Gesetze^ genannten dritten Theile dagegen, welcher „Ausführungen 
zu den einzelnen Punkten der EegeP enthält, lässt sich der Alters- 
Torrang des Lateinischen nicht für alle Capitel zwingend erweisen. Als 
Quellen für den ältesten Hauptstock ergeben sich schon hierbei die 
Templerstatuten (die der Johanniter nur für einen kleinen Abschnitt), 
die Regel der Augustiner und weit mehr noch die der Dominicaner, 
deren Brevier der Deutschorden, wenn auch mit einigen passend und 
zweckmässig erscheinenden Aenderungen, schon vor 1244 annahm. . 
Dass die Statuten die heute vorliegende Gesammtform nicht etwa 
vom ersten Augenblick, von der Stiftung selbst ab gehabt hätten, 
noch auch nur hätten haben können, wusste man wohl längst, auch 
hatte die immerhin oberflächliche Betrachtung bisher erkennen lassen, 
dass sie schon in den ersten Jahrzehnten eine Reihe von Zusätzen, 
hauptsächlich durch Aufnahme von Capitelsbeschlüssen und päpstlichen 
Verordnungen, erhalten hatten, für welche zum Theil die Zeitbestim- 
mungen klar vor Augen liegen; wir wussten endlich auch, dass der 
Hochmeister Konrad v. Erlichshausen im Jahre 1442 eine Durchsicht 
und neue Bearbeitung der Statuten hat vornehmen lassen. Aber welche 
Wandlungen dieselben in den zwischen der ersten Abfassung und 
dieser Neubearbeitung liegenden drittehalb Jahrhunderten erfahren 
haben, darüber hat uns eingehend und zuverlässig doch erst Perlbach 
in dem vorliegenden Werke belehrt. Und diese Arbeit ist wahrlich 
keine leichte und einfache gewesen, da die Handschriften in der An- 
ordnung der Einzelheiten vielfach voneinander abweichen, in Reihen- 
folge, Abtheilung und Zählung der einzelnen Capitel häufig nicht mit- 
einander übereinstimmen — hat doch bisweilen, was eine Handschrift 
in den Gesetzen bringt, eine andere in den Gewohnheiten. 

Im dritten Abschnitt der Einleitung, welcher mit einer quellen- 
mässigen Darstellung der Entstehung des Deutschen Ordens beginnt, 
wird zunächst auch der historische Beweis dafür erbracht, dass die 
Regel zuerst auf Grund der Templerstatuten zusammengestellt sein 
muss, von denen gleich bei der Umwandlung des mönchischen Kranken- 
pflegestifts der Deutschen in einen geistlichen Ritterorden (März 1198) 



' I 



140 Kleine Mittheiluogen. 

dem neaen Meister ein Exemplar tiberreicht wurde. Darauf werden 
die zahlreichen päpstlichen Privilegien der ersten Zeit aufgereiht. Um 
Alles, was aus diesen letzteren, aus den gewiss ebenfalls zahlreichen 
ergänzenden Capitelsbeschltissen sowie zuletzt aus den gottesdienstlichen 
Bestimmungen der die Augustinerregel verdrängenden Dominicaner- 
regel aufzunehmen nöthig schien, gehörig einfügen und das Ganze 
in eine neue übersichtliche Ordnung bringen zu können, Hess sich der 
Orden eine päpstliche Ermächtigung zur Umarbeitung seiner bisherigen 
Statuten ertheilen. Diese, also die erste Umarbeitung, muss, nachdem 
Papst Innocenz lY. unter dem 9. Februar 1244 seine Einwilligung ge- 
geben hatte, unmittelbar darauf erfolgt sein und zwar, wie wenigstens 
Perlbach wahrscheinlich zu machen versucht, unter der Mitwirkung 
des in der Nordischen Mission, ganz besonders aber gerade damals 
bei der kirchlichen Einrichtung des jungen Preussischen Ordensstaates 
entscheidend thätigen Cardinalbischofs Wilhelm von Sabina. Wenige 
Jahre später, um 1251, werden auch bereits die beiden anderen 
Haupttheile der Statuten, die Gesetze und die Gewohnheiten, gelegent- 
lich erwähnt, und wenigstens bei den letzteren lässt es sich leichter er- 
weisen, dass sie kurz vorher ebenfalls unter Anlehnung an die Templer- 
statuten, jedoch an ihren Französischen Text, entstanden und mit Zu- 
sätzen ausgestattet sein müssen. Bei den Gesetzen dagegen treten, 
da sie in fünf schärfer geschiedene Gruppen zerfallen, einer solchen 
Untersuchung zwar grössere Schwierigkeiten in den Weg, doch ergiebt 
sich auch hier im Ganzen unbestreitbar, dass ihre allmähliche Entstehung* 
und Zusammenfügung den mittleren Jahrzehnten des 13. Jahrhunderts 
angehören. Am Schlüsse einer aus der Bailei Koblenz stammenden 
Deutschen Handschrift hat der Schreiber selbst den 1. October 1264 
als den Tag der Vollendung seiner Arbeit angegeben: vorher also 
müssen die Statuten ihre für lange Zeit giltige Form erhalten haben. 
Weiterhin hat man sich dann zwei Jahrhunderte hindurch damit be- 
gnügt, Capitelsbeschlüsse und andere Verordnungen, von denen mehrere 
als „Gesetze^ einzelner Hochmeister bezeichnet zu werden pflegen, 
anzuhängen, ohne sie systematisch einzufügen. 

Obgleich Perlbach für seine Ausgabe von der Neubearbeitung aus 
dem Jahre 1442 und von allen späteren, auf ihr beruhenden Ab- 
schriften absehen zu dürfen geglaubt hat, so haben ihm doch noch 
nicht weniger als 33 Handschriften zu Gebote gestanden: 4 Latei- 
nische, 23 „Deutsche'' (eine Niederrheinische, eine Oesterreichische, 
eine Oberdeutsche, die übrigen Mitteldeutsch), eine Niederdeutsche, 
4 Holländische, endlich umfangreiche Bruchstücke einer Französischen. 
Sie alle werden im ersten Capitel der Einleitung sehr ausführlich be- 
schrieben. Ueber die vorliegende „Altfranzösische Uebersetzung" handelt 
H. Suchier im letzten, sechsten Capitel (S. LIX) und verweist dort 
Sprache und Schrift in die Mitte des 14. Jahrhunderts. 



Die Statuten des Deutschen Ordens (E. Lohmejer). 141 

Die Ausgabe des Textes der Statuten selbst ist so eingerichtet, 
dass man mit einem einzigen Blick immer die fünf sprachlich ver- 
schiedenen Fassungen übersehen kann : auf dem obem (grossem) Theil 
der linken Qnartseite steht in der ersten Spalte der Lateinische, in 
der zweiten der Französische Text, auf der rechten ebenso vertheilt 
der Holländische und der Mitteldeutsche, am Fnss beider Seiten end- 
lich der Niederdeutsche Text. Die abweiclienden Lesarten der ver- 
schiedenen (Lateinischen, Holländischen und Deutschen) Handschriften, 
soweit ihre Angabe dem Herausgeber nöthig erschien, haben aller- 
dings bei dieser Anordnung unter dem Texte selbst keinen Platz mehr 
finden können und sind darum hinterher (S. 169—242) besonders zu- 
sammengestellt, wodurch freilich ihre volle Verwerthung fast bis zur 
Unmöglichkeit erschwert ist. 

Wie der Herausgeber dem Abdruck der Statuten selbst den Fest- 
kalender des Deutschen Ordens hat vorangehen lassen (S. 1 — 12), so 
lässt er hinter demselben zunächst einige andere, ebenfalls in ritueller 
Beziehung wichtige Stücke, welche gewöhnlich auch in den Statuten- 
bandschriften Aufnahme gefunden haben, nachfolgen (S. 119 — 133): die 
„Vigilie*, eine „Aufzählung derjenigen Feste, an denen das Todtenamt 
gehalten wurde", die „Yenien', das sind „sehr eingehende Vorschriften 
über die beim Gottesdienst zu beobachtenden Eniebengungen", das 
mehrfach sogar unter die Gesetze gestellte Aufnahmeritual, endlich 
unter der Bezeichnung das „Gebet^ eine Reihe von „Bestimmungen 
über diejenigen Personen, für welche der Orden Gebete zu sprechen 
haf. Darauf folgt (S. 134--158), von einigen Oapitelsbeschlüssen 
des 13. Jahrhunderts eingeleitet, „die Gesetzgebung der Hochmeister 
im Abendlande^ , jene unter den Namen verschiedener Hochmeister 
bekannten „Gesetze^, die mit Burchard von Schwanden (1289) be- 
ginnen , und abgesehen von einem Capitelsbeschluss rituellen Inhalts 
aus dem Jahre 1422 (Gesetze Pauls v. Russdorf), mit Winrich v. 
Eniprode abschliessend — „Als Anhang lässt der Herausgeber, um 
seine eigenen Worte zu gebrauchen, S. 159 — 166 einige in den ver- 
schiedenen Handschriften der Ordensstatuten befindliche Stücke folgen, 
welche mit den Statuten selbst in mehr oder weniger enger Verbin- 
dung stehen* : die schon mehrfach abgedruckte Narratio de primor- 
düs ordinis Theutonici, die Visitationsurkunde Eberhards von Sayn 
(für Preussen) vom Jahre 1251, Livländische Visitationsstatuten vom 



^ um IrrthÜmem vorzubeugen, sei wenigstens hier erwähnt, dass die 
in dieser Reihe aufgenommenen Gesetze Werners v. Orseln nicht zu ver- 
wechseln sind mit den unter seinem Namen genannten „Statuten'^, die 
unter der Regierung Pauls v. Russdorf der Deutschmeister zur Begründung 
gewisser neuen Ansprfldie vorbrachte, und welche auch Perlbach für 
untergeschoben erklärt. 



142 Kleine Mittheilungen. 

9. October 1334, das Strafgesetzbach (einen Theil „derOesetze'') „in 
recht ungelenken Lateinischen Hexametern'' , endlich noch drei auf 
den Kalender bezügliche kleinere Stticke. üeber diese sämmtlichen 
Zusätze, die Beilagen zu den Statuten selbst und den Inhalt des An- 
hangs, handelt genauer das vierte Capitel der Einleitung. — Wie 
nicht anders zu erwarten, schliessen die hochverdienstliche Arbeit 
mehrere Vei*zeichnisse ab: Namen- und Sachregister, fünf nach den 
Sprachen — Lateinisch, Französisch, Holländisch, Deutsch und Nieder- 
deutsch — vertheilte Wörterverzeichnisse (S. 257 — 348) und eine 
Concordanz der Ausgaben. 

Dass unter der recht bedeutenden Literatur, welche uns das 
Jahr 1890 für die Geschichte Altpreussens gebracht hat, Perlbach's 
Ordensstatuten und Tschackert's Urkundenbuch mit seinem darstellen- 
den Einleitungsbande obenan stehen, dürfte unbestreitbar sein; mag 
es aber auch noch so bedenklich sein zwei Arbeiten von so ganz 
verschiedener Art miteinander in Vergleich zu stellen, so möchte ich 
doch kaum Bedenken tragen dem hier besprochenen Buche wenigstens 
in methodischer Beziehung die Palme zuzusprechen. 

K. Lohmeyer. 



Die Vorgeschichte der Thronreyolntion von 1400 in ofÄ- 
ciöser Darstellung. (Aus dem Nachlasse Julius Weizsäcke r^s). 
Im 3. Bande dieser Zeitschrift wurde pag. 135 ff. ein Bruchstück aus 
J. Weizsäcker's unvollendet gebliebener Arbeit über die Pfälzischen 
Thronbestrebungen unter K. Wenzel abgedruckt. Jenem ersten Bei- 
trag hätte sich dieser zweite sogleich anschliessen sollen; durch Schuld 
des Herausgebers aber ist er bis heute liegen geblieben. Zur Orien- 
tirung des Lesers ist es nun doppelt nöthig, aus der wirklichen Vor- 
geschichte des Thronwechsels von 1400, mit der sich die frühere Mit- 
theilnng beschäftigte, einige Momente in Erinnerung zu rufen. 

Es handelt sich besonders um die Stellung Kursachsens. Den 
Kurfürsten von Mainz, Köln und Pfalz war es zwar im Juni 1399 
gelungen, Budolf von Sachsen für ihr gegen Wenzel gerichtetes Bünd- 
niss vom 11. April desselben Jahres zu gewinnen; auf dem Mainzer 
Tage vom September aber, wo der Trierer Erzbischof diesem Knr- 
verein beitrat und man deutlicher den Absetzungsplan vorbereitete, 
war Kursachsen nur durch Gesandte vertreten. Diese waren 
offenbar nicht berechtigt, selbständig weiter vorzugehen. Alle vom 
Mainzer Tage datirten Urkunden und Briefe sind deshalb ohne Kur- 
sachsen ausgestellt, und dem wichtigen dort verhandelten Abkommen 
versagte der Kurfürst auch nachträglich seine Zustimmung. Es ist 
das der Vertrag zwischen den fünf Kurfürsten und zehn andern 
Fürsten, die sich zur Wahl eines Königs aus dem Kreise von fünf 
näher bezeichneten Häusern verbinden. Die Urkunden dieses Ver- 
trages vom 19. Sept. 1399, dem alle übrigen Theilnehmer schon zu- 
gestimmt hatten, sind in Folge der Weigerung Sachsens nie ausge- 
tauscht worden. Grund der Weigerung war offenbar das Fehlen 
Sachsens in der Liste der candidirenden Häuser. Erst nachträglich. 



Die Vorgeschichte der Thronrevalution von 1400 (J. Weizsäcker). 143 

auf einem Frankfurter Tage im Februar 1400, hat man den Kur- 
fürsten durch Aufnahme in die Candidatenliste wieder gewonnen ; da- 
mals erst ist der so abgeänderte Vertrag, und zwar mit einer klei- 
neren Zahl von Fürsten, abgeschlossen worden. Der Kurfürst erschien 
in Folge dessen auf dem neuen Frankfurter Tage vom Mai und Juni, 
wo man mit dem Absetzungs- und Neuwahlsplan endlich in die Oeffent- 
lichkeit trat; sogleich aber erfolgte dort auch sein endgiltiger Bruch 
mit der Partei der Eheinischen Kurfürsten, wohl als er sah, dass Eu- 
prechts Erhebung beschlossene Sache sei. 

Mit diesen wirklichen Vorgängen nun steht die officiöse — ja 
man darf sagen officielle — Darstellung der Wahlgeschichte, die von 
Pfälzisch-königlicher Seite verbreitet wurde, wie W. im Folgenden 
zeigt, in einem höchst bemerkenswerthen Widerspruch. Es handelt 
sich dabei nicht um blosse Ungenauigkeiten sondern um eine kecke 
bewusste Geschichtsfälschung, begangen unmittelbar nach den Ereig- 
nissen zur Förderung politischer Zwecke. 

W. selbst bezeichnet diese Aufdeckung einer halb diplomatischen 
halb publicistischen Lüge als „Kritik der falschen Darstellung, als ob 
Sachsen gar nicht candidirt hätte (gegen Sobernheim)", und er no- 
tirte sich auf dem ersten Blatte des Manuscriptes , dass das Ganze 
gganz neu gefunden^ sei. Das wenige, was an dem Text geändert 
wurde, ist mit eckigen Klammem bezeichnet. In der Anmerkung 1 
auf pag. 146 verwies W. auf „die Partie wo von dem Nichterschei- 
nen Sachsens gehandelt vnrd^. Damit ist ganz sicher das früher mit- 
getheilte Bruchstück gemeint. 

Es ist dies nun leider das Letzte, was aus des Dahingeschiedenen 
Kachlass unverändert an die Oeffentlichkeit kommen kann. Die beiden: 
Abhandlungen, die ich in meinem Nachruf Bd. 2 p. 338 erwähnte, 
sind seitdem in den Abhandlungen der Berliner Akad. und in der 
Histor. Zeitschrift (vgl. Bibliogr. '90, 1021 a und 3102) erschienen. Die 
Concepte zur Geschichte der Pfälzischen Thronbestrebungen und zur 
Geschichte Euprechts entziehen sich nach W.'s. Grundsätzen durchaus 
der Publication. In Eeinschrift liegt nur noch eine „Erzählung von 
Herzog Friedrichs Tod* vor ; sie behandelt den Ueberfall von Fritzlar, 
wo Herzog Friedrich von Braunschweig auf der Heimreise vom Frank- 
furter Tage am 5. Juni 1400 erschlagen wurde, und erörtert beson- 
ders die sich daran knüpfende Schuldfrage sowie die Ausbildung einer 
sagenhaften Tradition. Der Gegenstand ist, seit W. ihn untersuchte, 
mehrfach behandelt worden; seine Ausführungen bestätigen in der 
Hauptsache nur das wohl schon feststehende Ergebniss, enthalten aber 
in Nebenpunkten so viel Eigenthümliches , dass der Abdruck noch 
immer lohnen wird. Nur bedürfen sie einer genauen Durchsicht und 
Ergänzung, eben mit Eücksicht auf die neuere Literatur. Hoffentlich 
gelange ich bald dazu, den Lesern dieser Zeitschrift die Abhandlung 
vorzulegen und damit selbst ein Thema wieder aufzunehmen, das vor 
bald vierzehn Jahren die ersten näheren Beziehungen des jungen Stu- 
denten zum Herausgeber der Deutschen Eeichstagsacten knüpfte. [L. Q.] 

Dass der projectirte oder vorbereitete Vertrag der Kurfürsten mit 

andern Fürsten zu Mainz am 19. Sept. 1399 auch wirklich endgiltig 

abgeschlossen worden sei, hat K. Euprecht wenige Tage nach seiner 

Wahl in aller Form behauptet. Am 30. Aug. 1400 nämlich haben 

drei Bevollmächtigte von ihm den Frankfurter Eath zu seinem sofor- 



144 Kleine Mittheilungen. 

tigen Einlass in die Stadt zu bewegen gesucht, und sie haben dabei 
als Belagstücke für die vollbrachte Thronveränderung die Absetzungs- 
und die Wahlurkunde schriftlich überreicht, ausserdem aber noch ver- 
schiedene andere damit zusammenhängende Urkunden mündlich vor- 
getragen ^ Unter den letzteren befand sich der Vertrag, in welchem 
Erzbischof Wernher von Trier dem kurfürstlichen Bunde am 15. Sept. 
beitritt', und eben die beiden Documente, worin sich die vier Rhei- 
nischen Eurförsten [und Kursachsen *] am 19. Sept. mit den zehn 
Fürsten verbinden zur Wahl eines neuen Königs«, also die sämmt- 
lichen Verträge des Mainzer Fürstentags ^. Somit verwendet K. Ru- 
precht diese drei Stücke officiell als definitive Urkunden. Eine solche 
war nun zwar der Vertrag mit Wernher, nicht aber die beiden an- 
dern Documente, und es wird eine falsche Vorstellung von diesen 
erweckt und soll erweckt werden. 

Im Frankfurter Stadtarchive findet sich eine ausführliche Notiz ^ 
welche aus einer blossen Aufzählung einer Reihe von Urkunden be- 
steht. Der Zweck, zu welchem sie gemacht ist, wird nicht angegeben; 
sie gehört aber in diesen Zusammenhang der Dinge, und stimmt in 
Zahl und Ordnung der Stücke im wesentlichen überein mit der Auf- 
zählung der, wie wir sahen, dem Frankfurter Rathe vorgelesenen 
Documente. Sie beginnt daher auch mit den drei ersten jener vor- 
.gelesenen. Der Wortlaut lässt gar nicht zweifeln, dass das Verzeich- 
niss der letzteren hier mitbenutzt ist ', Es ist so gut wie sicher, 
dass die erwähnte ausfuhrliche Notiz irgend einen amtlichen Cha- 
rakter trägt, vielleicht war sie für eine Rathssitzung in Frankfurt 
bestimmt, und, was uns hier interessirt, der kurfürstlich-fürstliche 
Bund vom Sept. 1399 ist auch hier als ein perfect gewordener be- 
handelt, und von den Frankfurtern, denen er von Ruprechts Bevoll- 
mächtigten vorgelesen war, als solcher betrachtet worden, und diese 
ihre Meinung beruht auf jener mündlichen Mittheilung von Seiten der 
Beauftragten des Königs. Es fragt sich nun, ob der neue König einen 



1 RTA. 4, 151, 28 und 152, 1, in Nr. 186. 

* RTA. 3 Nr. 57; Nr. 56 war nicht nöthig, wenn man dem Frank- 
furter Rathe die Nr. 57 [bei W. heisst es 56, offenbar durch Schreibfehler] 
bekannt gab, und Nr. 58 ist nur die lat. Fassung von Nr. 57. 

* [Fehlt bei W., ist aber fraglos zu ergänzen.] 

* RTA. 3 Nr. 59 und 60. 

^ Nr. 60, datirt von Mainz 1399, aber ohne Tag. 

* RTA. 8 Nr. 218. 

^ Die Inhaltsangaben der einzelnen Stücke in der Frankfurter Notiz 
sind meist kürzer , aber doch geht RTA« 3 Nr. 218 auch wieder über die 
Angaben von RTA. 4 Nr. 186 hinaus, wie Nr. 218 Art. IV und VII 
über Nr. 186 Art. 7 und 10, vgl. auch Art. VIII, der in Nr. 136 gar nicht 
vorkommt. 



Die Yorgeschichte der Throorevolatdon von 1400 (J. Weizsäcker). 145 

besondern Zweck damit verfolgt hat, dass er das Project vom 19. Sept. 
als wirklich ausgeführt, als abgeschlossenen Vertrag hinstellte. 

Sein Notar Matthias Sobemheim gibt ans darüber Aufschlnss wider 
Willen. Er berichtet dem Strassbnrger Stadtschreiber Wemher 
Spatzinger brieflich^ von dem Bond der Kurftirsten, den diese mit 
sehr vielen andern Fürsten geschlossen hätten a. Er nennt die Letz- 
teren nicht mit Namen, weil es sich sonst gezeigt hätte, dass es gar 
nicht sehr viele andere Fürsten waren/, denn urkundlich sind es nur 
zehn s. Aber er bezeichnet das Yerhältniss als einen vollkommen fer- 
tigen Bund^ Der Bericht Sobernheim's zeigt aber auch noch andere 
üngenauigkeiten. Schon in den vorhergehenden Worten hat er den 
vorausgegangenen Bund der Kurfürsten ganz zusammengedrängt auf 
den blossen Marburger Tag vom Juni 1399 und von dem Bopparder 
Tag des April gar nichts gesagt. Das mag blosses Streben nach 
Kürze sein. Aber nicht so unschuldig ist das Folgende. Der Bund 
vom 19. Sept. 1399 ist nämlich bei Sobemheim der einzige Act zwi- 
schen Kurfürsten und Fürsten, seit zwischen ihnen von der Absetzung 
<les Königs ausdrücklich iind in officieller Urkunde die Rede war bis 
zur Absetzung selbst, und in ihm ist so sehr alles zusammengefasst, 
dass der Frankfurter Tag vom Nov. 1399 und der andre vom Febr. 
1400 gar nicht zur Erwähnung gebracht werden. Dies hat aber zur 
Folge, dass von der Verkündung der Candidaturföhigkeit Sachsens, 
die auf dem Februar-Tage 1400 urkundlich gemacht wurde '^, keine 
Spur übrig bleibt. Denn nur der Bund vom 19. Sept. 1399 wird er- 
wähnt, wo die Candidaturfähigkeit Sachsens gerade nicht anerkannt 
war. Diese Sächsische Frage soll also aus der Geschichte jener Tage 
ausgestrichen werden. Dass Budolf von Sachsen unzufrieden gewesen 
mit dieser Ausschliessung seines Hauses von der passiven Wahlfähig- 
keit, unzufrieden mit der darin liegenden Ausschliessung auch seiner 
Person, dass er deshalb den Bund vom Sept. 1399 nicht ratificirte, 
dass es ihm dann gelang sein Haus doch noch unter die wählbaren 
aufgenommen zu sehen, das wird vor den Frankfurtern verborgen ge- 
halten. Es sieht nun aus und soll so aussehen, als ob Rudolf von 
Sachsen, indem er den Bund vom Sept. annahm, der seine Candidatur 
nicht enthielt, von vornherein auf diese verzichtet hätte. Am liebsten 
hätte Sobemheim wohl gesagt, Rudolf sei damals im September per- 
sönlich dabei gewesen um zu verzichten. Da es aber aller Welt be- 
kannt sein musste, dass er ausgeblieben war, so wird die Thätigkeit 
seiner Procuratoren in einer ganz auffälligen Weise hervorgehoben : 

^ RTA. 3 Nr. 231. s Qnamplures alios principes. 

» RTA. 3 Nr. 59 und 60. * Colligaverunt se. 

» RTA. 3 Nr. 106; und wiederholt zu Frankfurt 1. Juni 1400 Nr. 144. 
* RTA. 3,288,29 Nr. 281 : dux Saxonie per suos procuratores ejus plena 
mandata, procuratorium et sigillum habentes. 

Dsatsoh« Z«itsohr. f. Qeschlohlaw. VII. 1. 10 



146 ' Kleine MitibeUungen. 

sie hatten, so heisst es, unbeschränkte Aufträge, hatten Vollmacht und 
Siegel ihres Herrn, und so ist also schon damals von Rudolf durch 
sie sein Verzicht In aller Form ratificirt worden. Dies ist aber un- 
möglich richtig, wenn ihre Vollmachten damals doch nicht einmal 
ausreichten, um auch nur Eurtrier in den kurfürstlichen Bund aufzu- 
nehmen ^ Somit ist also der Frankfurter Bath getäuscht worden hin- 
sichtlich der Vorgänge des September, und, wenn man ihm die Ur- 
kunden der Absetzung und Neuwahl schriftlich gab, so hat man ihm 
die Yom Sept. 1399 doch ,nur mündlich mitgetheilt, damit der Betrug 
nicht allzu leicht entdeckt werden konnte. Es ist natürlich darauf 
gerechnet, dass die Frankfurter jene Vorgänge nicht kannten, und 
die Heimlichkeit, mit der die Dinge behandelt worden waren, erklärt 
das ^ Aber nicht bloss diese Eine Stadt wurde in solcher Weise be- 
lehrt, der königliche Notar Matthias Sobernheim sorgte durch seinen Brief 
an den Stadtschreiber Wemher Spatzinger ^ dafür, dass auch in Strass- 
burg die Hergänge so aufgefasst wurden, und so geschah es gewiss 
auch anderwärts , und er hat es sicher im Auftrag des neuen Königs 
gethan. Aber wenn Spatzinger seine Darstellung als eine ungeschmückte 
und kunstlose bezeichnet^, so ist sie in Wirklichkeit das gerade 
Gegentheil davon, wohl überdacht und hergerichtet. Es war die offi- 
cielle Auffassung, wie man sie verbreitet wünschte und wirklich ver- 
breitete. 

Damit hängt dann die Art zusammen, wie Sobernheim den Frank- 
furter Tag vom Mai und Juni 1400 erzählt. Da der Kurfürst von 
Sachsen im Sept. 1399 zu Mainz auf die Candidatur verzichtet haben 
sollte, redet er von dieser natürlich kein Wort, obschon sie eben in 
Frankfurt so offen hervortrat, dass sein Abfall von der Verschwörung 
erfolgte und sich durch seine Abreise manifestirte. Auch dieser Ab- 
fall und die verdriessliche Abreise werden nicht erwähnt, alles muss 
verschwiegen werden was dahin gehört. Bei der nach der letzteren 
erfolgenden Einladung nach Oberlahnstein wird daher ausser den vier 
Rheinischen Kurfürsten, die in Wirklichkeit die Citation allein aus- 
gaben, auch Sachsen noch betheiligt, denn es sind bei Sobernheim 
fünf Kurfürsten '^, welche die Citation ausgeben. So entsteht nun der 



^ Siebe [in dieser Zeitschrift 8, 137]. 

s Eönigshofen in Hegers Ausgabe St. Chr. 8, 496: und gingent die 
kurfüraten also heimeliche zu rote, das die andern herren und aller stett« 
botten nüt wustent, werumb sü do werent oder was men tSn wolte. 

3 RTA- 3 Nr. 281. 

* Ibid. : licet istam dem vobis rüdem et grossam informacionemf peto 
mich! Bon imputare pro male. 

* RTAi 3, 288, 33 — 289, 5 : venenint q^uinque — , tractarunt ibi — , de- 
creverunt - - - , citavemnt et vocaverunt eciam suis patentibns literis 
ducem Saxonie • - -. 



Die Yorgeschicbte der Thronreyolntion von 1400 (J. Weizsäcker). 147 

ganz wunderliche Widersprach, dass Eadolf mit den übrigen zusammen- 
geht in dieser Citation, also dieselbe nicht bloss an Wenzel und Jobst 
sondern anch an sich selbst gerichtet haben müsste. Durch alles 
dies soll aber eben die Gandidatnr Ruprechtes als die einzige und 
durch keine Gegencandidatur beschränkte hervortreten. Und wie stellt 
dieser sich beim weiteren Hergang dazu in Sobernheim's Schilderung ? 
Er ist natürlich an allem unschuldig, er will diese Candidatur gar 
nicht, sondern die Kurfürsten bitten ihn flehentlich er möge um Gottes 
willen und um seines eigenen Seelenheils willen die Last der Regie- 
rung auf sich nehmen und zu seiner Wahl zustimmen, sie wüssten 
keinen Rechtschaffenern und Braveren als ihn. Er selbst sieht den 
elenden Zustand des Reichs, dem kaum je mehr zu helfen sei. Er 
überlegt sich, in welche traurige Lage seine Pfalz kommen müsste, 
wenn deren Kräfte dabei völlig aufgerieben würden, und wie er selbst 
zeitlebens keinen ruhigen Tag mehr vor sich sähe. Aber er kann 
dem gewaltigen Eindrack der unaufhörlichen Bitten der drei Erz- 
bischöfe schliesslich nicht mehr widerstehen, er fürchtet den Zorn des 
Allmächtigen wenn er nicht annähme, er geht in sich, und in der Hoffnung 
auf den Beistand des Allerhöchsten erklärt er die Zustimmung zu 
seiner Erwählnng, worauf^ natürlich die drei geistlichen Kurfürsten 
sich gewaltig freuen und Absetzung und Erwählung vor sich geht. 
Die gewöhnliche Weigerang des gewählten Königs tritt also auch 
hier auf, aber hier sogar noch vor der Absetzung des Vorgängers, 
und sie hat hier noch ihre besondere Färbung: da Ruprecht auf dem 
Weg der Revolution zur Krone gelangte, so muss auch dieser Vor- 
wurf hinweggeräumt werden, denn er hat, wie es hier dargestellt 
wird, zuvor nichts davon gewusst; dass es ihm gilt, hat es sich vorher 
gar nicht überlegen, noch weniger also es betreiben können, er ist 
kein eigensüchtiger Verschwörer sondern erfährt erst jetzt von seiner 
Zukunft, fugt sich bloss den zwingenden Umständen, die ihn von jeder 
gemeinen Schuld freisprechen und ihm nur die schwere Last auf- 
legen, dass er sich für die Rettung des Reichs opfert. Das gehört 
aueh zur ofüciellen Auffassung, wie man sie verbreitet wünschte und 
wirklich verbreitete. 

Der Fälscher der Briefschaften des Grafen d'Estrades aus 
den Jahren 16^7 und 88. In neuester Zeit hat F. Salomon in 
einer kleinen Schrift: „Frankreichs Beziehungen zu dem Schottischen 
Aufstand 1637—40. Mit einem £xcurs über die Fälschung der Briefe 
des Grafen d'Estrades* Bertin, Speyer A Peters. 1890" * die vor ihm 



1 [W. conrigirte yWorftber^S wohl ohne die zweite Hälfte des Satzes 
zu beachten.] 

« Vgl. Nachrr. '91, Nr. 61 c. 

10* 



148 Kleine Mittheilungen. 

von Ranke% AveneP und G o 11 ' behandelte Frage der gefälsch- 
ten Briefe des Grafen d'Estrades — denen znfolge Richelieu, ans Er- 
bitterang gegen das Englische Königshaus, besonders die Königin, 
Ende 1637 durch Estrades Verbindungen mit den aufständischen 
Schotten angeknüpft haben soll — wieder aufgenommen, ohne jedoch 
seine Vorgänger im wesentlichen überholt zu haben. Ich glaube nun, 
die bisher noch nicht erkannte Person des Fälschers und die ebenso- 
wenig erkannte Tendenz der Fälschung aufzeigen zu können. 

Es giebt eine unanfechtbare Ueberlieferung, die auf den Verfasser 
der Briefe ^ hinweist; auch innere Gründe lassen, wie unten gezeigt 
werden wird, denselben errathen. Die Ueberlieferung findet sich in 
den Memoiren der Frau von Motteville. Diese Dame liebt es zuweilen 
in ihren trefflichen unparteiischen Memoiren den Lauf der Erzählung 
durch Excurse zu unterbrechen : so hat sie in die von ihr aufgezeich- 
neten Denkwürdigkeiten des Jahres 1644^ einen Eäckblick auf die 
Revolutionen in England seit Heinrich VIII eingeschoben. Dieser 
beruht auf den Angaben der Englischen Königin, die 1644 an den 
Französischen Hof kaüi und die Motteville sich zu ihrer Vertrauten 
auserkor. Ihm angefügt ist ein Abschnitt „Quelques particularit^s de 
la n^gociation du comte d'Estrades en Angleterre, en Tann^e 1637 
[so!]^, verfasst auf Grund der Instruction und Briefe Richelieu's an 
Estrades, sowie des Antwortschreibens des letzteren (Lettres, Memo- 
ires a. a. 0. p. 1 f.), welche auf die aus der Luft gegriffene Mission 
des Grafen nach London Bezug haben. Estrades hat sie der Me- 
moirenschreiberin selbst vorgelegt laut ihrer bestimmten unanfecht- 
baren Angabe. Estrades ist, wie auch andere Staatsmänner, 
wiederholt Gewährsmann der Motteville ^ gewesen. In dem Aus- 
zuge , den die Motteville von den genannten Briefschaften des 
Grafen giebt, sind manche Wendungen aus den Falsificaten direct 
übernommen, so dass jeder Verdacht ausgeschlossen ist. Aber das 
wichtigste aus den Briefen des Grafen d'Estrades hat ihr Auszug 
nicht: von den Verbindungen, die den Lettres zufolge Richelieu durch 
den Grafen mit den aufständischen Schotten 1637 anknüpfte, fehlt 
jedes Wort darin'. Dieses ist um so auffälliger, als die Dame 



* Sämmtliche Werke XXI p. 141 f. 

' Lettres, instractions diplomatiques et papiers d*^tat du cardinal de 
Richelieu, hrsg. von Avenel, Y p. 885 f.; VIII p. 135 f. 

> Revue bistorique III, 283 f. ; IV, 278 f. 

^ Lettres, Memoires et N^gociations de Monsieur le Comte d^Estrades. 
London 1748. I p. 1 f. Ich citire nach dieser Ausgabe. 

^ Collection des memoires etc. hrsg. von Petitot. Ser. IL T. 37 p. 89 f. 

• Collect, des m^m. a. a. 0. XXXVÜI p. 211 ; XLI p. 148 f. ; 177. 

^ Irrthümlich ist die Auffassung von Salomon a. a. 0. p. 85. Ich 
kann hier nicht näher darauf eingehen. 



Der Fälscher der Briefschaften d^Estrades (B. Eindt). 149 

kurz zuvor ' von den Verhandlungen , die der frühere Französische 
Gesandte in London, Seneterre, seit 1635 mit den rebellirenden 
Schotten im Auftrage Bichelien's pflog, erzählt und die Conferenzen 
des Grafen d^Estrades mit den Schotten, wie sie in seinen Lettres 
erwähnt werden, der Motteville ein neuer Beweis für die Urheber- 
schaft und Theilnahme Richelieu*s am Schottischen Aufstande, welche 
die Königin von England, die Motteville; und eine verbreitete 
Tradition ' als gewiss annahmen, sein mussten. 

M'"''. de Motteville hat die Briefe des Grafen d'Estrades in der 
älteren, ursprünglichen Fassung, wie sie neuerdings von Salomon * in 
den Egerton Papers aufgefunden und veröffentlicht worden ist, ge- 
lesen. In dieser fehlen die Abschnitte der Briefe , welche die Unter- 
handlungen des Grafen mit den Schotten und die beabsichtigte Sen- 
dung des Almosenier von Richelieu, Ghambres, nach London zur Fort- 
setzung der Verhandlungen enthalten, gänzlich. Diese Bedaction hat 
der Fälscher derBriefe, natürlich Est rades selber, 
der Motteville gezeigt. Die vage Tradition einer Feindschaft Eiche- 
lieu*s gegen das Englische Königshaus bestand, ohne Beweise. Diese 
hat in ihrer Unsicherheit Estrades in seine [ursprüngliche] Fälschung 
hineingebracht: wir sehen hier den Cardinal voll Erbitterung gegen 
die Englische Königsfamilie, aber von einem thätlichen Vorgehen des 
Ministers verlautet nichts ^. Sah man doch in allen Wirren ausser- 
halb Frankreichs die Hand des gewaltigen Gardinais. 

Die Fälschungen des Grafen scheinen auch noch anderen Be- 
kannten von ihm vorgelegen zu haben. Joachim Wicquefort zeigt 
in seiner, „Histoire des Frovinces-Unies des Fais-Bas^ ^ eine detail- 
lirte Kenntniss der Vorgänge, die sich bei der angeblichen Gesandt- 
schaft des Grafen d'Estrades in London ereignet haben; sie deckt 
sich mit dem Inhalt der Egerton-Redaction der Briefe: von den mit 
den Schotten angesponnenen Verhandlungen weiss er, wie die Motte- 
ville, nichts. Wicquefort ist der vertraute Freund von Estrades 
gewesen: sollte nicht dieser selbst sein Gewährsmann gewesen sein? 

Sir William Temple hat in seinen Memoiren ^ einen Bericht über 
die Sendung des Grafen d'Estrades nach London 1637, der mit seinen 



» Collect, des mdm. a. a. 0. XXXVIII p. 93. 
' VgL Salomon a. a. 0. p. 7 f. 
3 Salomon p. 44. 

* Zwei spätere Stellen in den Lettres (auf p. 57 u. p. 61) weisen auch 
darauf hin, dass in den gefälschten Lettres von 1637 und Anfang 1638 
ursprünglich nichts von einer beabsichtigten Verbindung Richelieus mit 
den Schotten gestanden hat 

^ Hrsg. von Lenting, Amsterdam 1861. I p. 49. 

• Memoirs of the Life etc. of Sir William Temple. London 1770. 
II, 544 flF. 



150 Kleine Mittheüungen. 

gefälschten Briefen übereinstimmt und von der durch Estrades einge- 
leiteten Verbindung Bichelieu's mit den Schotten nichts weiss. Er 
hat seine Angaben von einer „noble family*'. Dies könnte die Fa- 
milie des Grafen d'Estrades sein, mit dem Temple oft, in Aachen, 
im Haag und auf dem Congresse zu Nymwegen in Verkehr gestanden 
hat. Aber der Name des Grafen wird nicht genannt; überdies bringt 
Estrades bei Temple a. a. 0. dem Cardinal Bichelieu persönlich die 
Antwort des Englischen Königs, was eine Abweichung von den Let- 
tres ist. Er mag also die Tradition aus zweiter Hand erhalten haben. 

M»«. de Mottevüle hat von Estrades selbst Kenntniss vom In- 
halte der Lettres erhalten, Wicquefort und Temple haben entweder 
Estrades selbst zum Gewährsmann oder aus einer ihm nahe stehenden 
Quelle geschöpft; der bekannte Genealogist Clairambault hat die 
Briefe in einem Inventar verzeichnet und wahrscheinlich selbst bei 
dem Grafen gesehen ^ : wird noch jemand zweifeln, dass die Fälschung 
von Estrades selbst ausgegangen ist? 

Zweck der Fälschung ist die Selbstverherrlichung des eitlen 
Estrades '. Die Instruction Richelieu's an Estrades für seine Sendung 
nach London hebt an: «La confiance que j'ai dans la capacit^, 

fid61it^ et afifection de Mr. le comte d'Estrades *'. Estrades 

hatte überhaupt keine Proben seiner diplomatischen Fähigkeit an 
den Tag legen können, da er bis jetzt nur im Feldlager, in unter- 
geordneter Stellung, gedient hatte. Aber der grosse Staatsmann soll 
in Estrades, seinem ehemaligen Pagen ^ das diplomatische Genie na- 
türlich erkannt haben, ehe er sich überhaupt bewährte. In dem fol- 
genden Briefe erzählt Estrades von der Gesandtschaft beim Englischen 
Eönigshofe: hier ist alles ans einem unfreiwilligen Aufenthalt, den 
Estr. — auf seiner ersten diplomatischen Sendung nach dem Haag 
begriffen — vom Sturme verschlagen in London nehmen musste, 
herausgesponnen. Darauf lässt Estrades (seinen Lettres nach), zur 
Belohnung für den Erfolg seines Londoner Aufenthalts sich nach 
dem Haag schicken. Seine Mission im Haag ist, seinen Briefen nach 
zu urtheilen, eine diplomatische Ruhmesthat gewesen; nach den au- 
thentischen, bisher zu wenig beachteten, Actenstücken bei Avenel a. 
a. 0. Vin p. 325 f. ein Misserfolg. Estrades ist vom Januar bis 
April 1638 zwischen dem Haag und Euel, der Residenz Richelieu's, 
hin- und hergeschickt worden. Richelieu ist mit dem Erfolge seiner 
Sendung wenig zufrieden gewesen (man sehe die ungnädige Instruc- 
tion bei Avenel Vin p. 327). Es glückte dem Grafen d'Estrades 



* Avenel a. a. 0. V p. 885 f. 

^ Ein sehr characteristischer Zug hierfür bei 6 oll, RH IV p. 287^. 
Auch Temple deutet etwas Aehnliches in seinen Memoiren an. 
'Avenel Vül p. 134. 



Der Fälscher der Briefechafben d^EsIrades (B. Eindt). 151 

nicht, schliesslich mit einer beledigenden Antwort des Prinzen von 
Oranien nach Frankreich zurückzukehren. Eine persönliche Schuld 
traf dabei Estrades nicht , wie wir nach dem Zeugniss, das ihm der 
berühmte Holländische Staatsmann d' Aerssens ausstellt ' , urtheilen 
müssen ; um so mehr mag seine Eitelkeit sich verletzt gefühlt haben. 
In den gemischten Briefen von Estrades treten nun die eigentlichen 
Pranzösisdien Gesandten in London und im Haag, Belli^vre und 
Estampes, ganz hinter Estrades zurück: die authentischen Brief- 
schaften Richelieu's bei Avenel a. a. 0. ergeben, dass ersterer seit 
Ende 1637 ausschliesslich die Verhandlungen Frankreichs mit Eng- 
land leitete und ebenso Estampes der Hauptleiter der Französischen 
Politik in den Generalstaaten 1637 und in den folgenden Jahren ge- 
wesen ist, dem Estrades nur als Beihilfe überwiesen war. Letzterer 
aber tischt uns in seinen Lettres die wundersamsten Dinge auf: in 
seinen Unterhandlungen mit dem Prinzen von Oranien über den im 
Frühjahr 1638 zu eröffnenden Feldzug Frankreichs und Hollands gegen 
die Spanischen Niederlande bewilligt er erst nach langer Verzögerung 
dem Prinzen etwas, das sofort zu conoediren ihn sowohl die gefälschte 
Instruction in den Lettres p. 11 wie die authentische bei Avenel VII 
p. 781 anwies. Und dafür erhält er von Richelieu das Lob : „On ne 
pent mieux servir le Eoi que vous faites et vous voas etes si bien 
conduit pres de M. le Prince d'Orange que je vous t^moigne avec 
joye la satisfaction que j'en ai*'! 1200000 L. Subsidiengelder waren 
dem Prinzen von Oranien in dem Anftings December 16S7 von Voss- 
bergen in Paris abgeschlossenen Vertrage * s^tens Frankreich schon 
zugestanden worden: Estrades händigt in seinen Lettres (p. 17) auf 
Befehl Ludwigs XIII 1000000 L. als jährliche Subsidie dem Prinzen 
ein und wird ausserdem ermächtigt, 200000 L. (im ganzen sind es 
also 1 200 000) dem Prinzen zur Werbung von 4 Regimentern zu be- 
willigen. Komisch ist es, wenn der bekannte Staatssecretär Cha- 
vlgny in einem Rencontre mit seinem Oollegen Sublet des Noyers den 
diplomatischen Neuling um seine Fürsprache bei Richelieu angeht. 
Estrades versichert ihn derselben natürlich und zwar in so selbst- 
bewussten Ausdrücken, dass wir einen merkwürdigen Begriff von dem 
Verhältniss Richelieu^s zu Estrades bekommen müssten, wenn nicht die 
inhaltlichen Ungereimtheiten die Briefe schon längst als späteres 
Machwerk erwiesen hätten ^. 



^ Archives ou OoTrespoudance in^dite de la Maison d'Orange^^NaMau, 
hrsg. von Groen van Prinsterer. Ser. IL T. III p. 117. 

2 Revue historique m p. 292. Der Vertrag bei Aitsema, Historia 
Pacis p. 214. 

* Der hier erwähnte Zwist Chavignj's und Noyers* mag auf Wahrheit 
beruhen, wie ja viel Wahres in die Briefe hineingearbeitet ist: et stimmt 



n 



152 Kleine MittheiluDgen. 

Die Schlüsse, die sich ans dieser Untersuchung für die anderen 
Briefe des Grafen d'Estrades ans den nächsten Jahren, die Goll mit 
Recht verdächtigt hat, ziehen lassen, sind leicht Man wird in ihnen 
viele wahre Thatsachen in gleicher Weise wie in den hier besproche- 
nen behandelt and den Grafen in ähnlicher Weise herausgestrichen 
finden '. Es liegt eine Fälschung vor, deren systematische Mache wir 
noch an einzelnen Stellen aufdecken können, wie später vieUeicht von 
mir gezeigt werden wird. 

Die Frage, wann die Zusätze der ersten Briefe zu der ursprüng- 
lichen Redaction entstanden sind, ist nicht mit Gewissheit zu beant- 
worten. Unwahrscheinlich ist, dass Estrades, der die ursprüngliche 
Fassung seinen Bekannten mittheilte, selbst später die Znsätze fabri- 
cirt haben sollte. Man findet bei den Geschichtsschreibern vor 1718^ 
in welchem Jahr die erste Ausgabe der Briefe von 1637 und den fol- 
genden Jahren erschien , keine Spur, die auf eine Kenntniss dieser 
Stellen in den Briefen hinwiese. Die Publication der Briefschaften 
von Estrades im Jahre 1718 hat wahrscheinlich politischen Zwecken 
gedient *; erst um diese Zeit scheinen die Zusätze entstanden zusein. 
Die Hand des ungeschickten Interpolators ist noch an einer Stelle 
erkennbar. In der Ausgabe von 1718 heisst es in dem Briefe Riebe- 
lieu's vom 2. Dec. 1637 : „Je profiteray de Tavis que vous me donn^s 
pour TEcosse , et feray partir >dans peu de joursc Tabb^ Ghambre^ 

mon aumosnier, qui est Ecossois de nation ^. In der Ausgabe 

von 1743 fehlt „dans peu de jours" ; aus richtigem Gefühl hat der 
Interpolator diese Worte gestrichen, denn Chambres war erst 1639 
in England ^. Wenn diese Worte fehlten, konnte ein chronologischer 
Widerspruch in den Briefen nicht gefunden werden, da Chambres 
später wirklich nach England gekommen ist. Aber es macht doch 
einen sonderbaren Eindruck, wenn Richelieu sich in Drohungen gegen 



vorzüglich zu dem Character des letzteren (vgl. Gorrespondance de Henri 
d'Escoubleau de Sourdis I. Einl. p. 46). — Zu den Actenstücken bei Avenel 
und Prinsterer halte man noch einen Brief des Marschall Ghätillon an 
Aerssens bei Le Yassor, Histoire du r^gne de Louis XIII. IX p. 507 f. 

' Revue historique IV p. 825. Wie Estrades seine Kenntniss von po- 
litischen Vorgängen für seine Fälschungen verwertbete, zeigt recht deut- 
lich die gemischte Instruction vom 5. Dec. 1638. Hier giebt er an, von 
Richelieu beauftragt zu sein, den Pater Monod, den Beichtvater der Her- 
zogin von Savoyen, zu verhaften, während nach einer authentischen In- 
struction Richelieu 's vom 6. Dec. (A venel VIII p. 849) dem Cardinal La 
Valette, wie selbstverständlich, dieser Auftrag wird. Man sieht, wie 
Estrades, der wahrscheinlich die Instruction vom 6. Dec. überbracht und 
von ihrem Inhalt Kenntniss gewonnen hat, sie zu seiner Fälschung benutzt. 

* Salomon a. a. 0. p. 47 f. 

s Ebendaselbst p. 13. 



Der Ffilscber der Biiefschaften d'Estrades (B. Eindt). 153 

das EogliBche Herrscherpaar („On connoitra bientdt qu^on ne me 
doit m^priser^ *) ergeht, Vorkehnuigeii trifft, um seine Bache in's 
Werk zu setzen, und doch seine Bachepläne noch Jahre lang hinaus- 
schiebt. Benno Kindt. 

Erklärung. In meiner Arbeit „Die Französische Politik Papst 
Leo's IX. Ein Beitrag zur Geschichte des Papstthums im 11. Jahr- 
hundert (Stuttg. 1891)* finden sich zwei Stellen — auf p. 6, dort, 
wo ich von den Beziehungen des Erzbischofs Halinard von Lyon zu 
Leo IX. spreche, und p. 1, nt. 2, wo ich die Nachricht des Ghron. 
S. Ben. Yon der Berufung sämmtlicher Bischöfe , Galliens" zu der 
ersten Bömischen Synode Leo's IX. widerlege, — , deren erste sich 
im Gedankengange ganz mit einer, den gleichen Gegenstand behan- 
delnden Stelle in Brucker's Werk „L'Alsace et T^glise au temps du 
pape Saint L6on IX. (Strassburg & Paris 1889),« T. L p. 230, deckt, 
und deren zweite sich im Gedankengange mit einer anderen Stelle 
bei Brucker a. a. 0. p. 246 wenigstens theil weise berührt. Brück er^s 
Werk ist 1889 erschienen, meine Arbeit im Herbste 1891. Um daher 
einer falschen Deutung, so weit es noch in meiner Macht liegt, bei 
Zeiten yorzubeugen, sehe ich mich zu folgender Erklärung veranlasst: 

1) jene beiden Stellen in meiner Arbeit finden sich so, wie sie 
jetzt gedruckt vorliegen, auch in den bereits früher einmal im Au- 
gust 1889 — zu einer Zeit, wo ich von Brucker's Werk überhaupt 
noch keine Eenntniss haben konnte, — als Berliner Dissertation ge- 
druckten beiden ersten Capiteln meiner Arbeit auf p. 10 f. u. p. 11, nt. 2. 

2) Meine Arbeit ist, von kleinen unwesentlichen Aenderungen ab- 
gesehen, so im Drucke erschienen, wie sie im Dezember 1888 im 
Manuscripte vollendet war (vgl. hierzu Vorwort p. III). Infolge der 
Ungunst äusserer Verhältnisse ist mir Brucker's Werk, das beiläufig 
für die von mir behandelten Dinge nichts wesentlich Neues beibringt, 
erst zugegangen, als meine Arbeit schon im Buchhandel erschienen 
war, so dass ich es nicht mehr habe berücksichtigen können. Damit 
erledigt sich auch Pfister's Tadel in der „Bevue critique" vom 11. Ja- 
nuar 1892, dass ich Brucker nicht citirte. 

Die Uebereinstimmung zwischen Brucker und mir ist also eine 
rein zuföllige, die sich aus dem behandelten Stoffe von selbst ergibt. 

Wiesbaden, März 1892. 

W. Bröcking. 



^ Nach A y ene Ts Angabe (a. a. 0. V p. 889) finden sich noch mehrere 
geringfügige Abweichungen zwischen den Texten von 1718 und 1748. Da 
mir die Ausgabe von 1718 nicht zur Hand ist, kann ich über die Ab- 
weichungen nicht urtheilen. Die oben behandelte ist jedoch nicht gering- 
fügig. Jedenfalls wird das Ergebniss meiner Untersuchung davon nicht 
berOhrt. 



Nachrichten und Notizen. 



MoBiimenta Germantae histoiioa« Der Reichstag genehmigte eine 
im Etat des Reichsamts des Innern für das Etatsjahr 1892/93 beantragte 
Erhöhung der für die Monumenta bestimmten Summe von 49,500 M. auf 
60,000 M. Anlass zu dieser Vorlage bot der Reichsregierung ein von dem 
Vorsitzenden der Centraldirection Geh. Rath Prof. Dr. E. Dümmler 
im Juni 1891 erstatteter Bericht über denStand der Arbeiten. 
Derselbe gibt zunächst einen Ueberblick über die Leistungen der Ges. 
für ältere Dt. G. -künde — die wir bei unseren Lesern als bekannt vor- 
aussetzen dürfen. [1 

Dann heisst es weiter: Erwägt man, dass unter der früheren Leitung 
von P e r t z durchschnittlich nur alle 2 Jahre 1 Folioband erschienen ist, 
seit 1875 dagegen jährlich mindestens 2 Quartbände , dass femer nun- 
mehr alle fünf von Hause aus geplanten Abtheilungen in Betrieb gesetzt 
worden sind, so wird man eine den gesteigerten Mitteln entsprechende 
Steigerung der Arbeiten anerkennen müssen. Daneben mag noch bemerkt 
werden, dass durch den Fortschritt der Wissenschaft stetig auch die An- 
sprüche an die Güte derselben, an die streng philologische Methode sich 
erhöhen. [2 

Es darf hier noch daran erinnert werden, dass der Ges. von anderen 
Seiten einige Unterstützung und Erleichterung in ihren Bestrebungen zu 
Theil geworden ist. Die von der histor. Commission in München vor- 
trefPlich herausgegebenen Dt. Reichstagsacten seit König Wenzel, die Urkk. 
der Hansatage und die Dt. Städtechroniken haben sie in dankenswerthe- 
ster Weise für das spätere MA. entlastet. Die von der Preuss. A. -Ver- 
waltung veröff. Eaiserurkk. in Abbildungen gestatten, in den Diplomata 
der Monumenta Germaniae von allen bildl. Darstellungen der ürkk. ab- 
zusehen und in den Einleitungen vieles kürzer zu fassen. Endlich sind 
von den vielen landschaftl. Quellensammlungen, die dem Vorbilde der 
Mon. nachgefolgt sind, manche, wie z. B. die Scriptores rer. Prussicarum 
oder Silesiacarum so gediegen in ihrer Ausführung, dass man für die 
beiden letzten Jhh. des MA., in denen das Reich so ganz zurücktritt, ihnen 
vielleicht manches wird Überlassen können. {S 

Wenn ich hiemit kurz angedeutet habe, was bisher geschaffen worden 
ist, so erscheint die Summe davon, so stattlich sie auch an sich sein mag, 
doch als unzulänglich gegenüber dem Vielen, was noch weiter geschehen 
muss, um den Arbeitsplan in allen seinen Theilen zu verwirklichen. 
Hievon habe ich durch die Beilage a (s. unten Nr. 10 — 16) ein über- 



Moniunenta Germaniae historica. 155 

dchtlicliee Bild zn g^ben Tersacht. Zur Erl&nienmg der ungemeinen Fülle 
welche die Quellen unseres MA. aufzuweisen haben, möge darauf hinge- 
wiesen werden, dass das Dt. Königthum in seiner höchsten Machtentfal- 
tung sich über Burgund und Italien erstreckte und vorübergehend auch 
Polen und Ungarn in Abhängigkeit hielt Von einer nationalen Ab- 
schliessung im Gebiete der Quellen, wie etwa in England oder Spanien, 
kann daher bei uns nicht die Rede sein und die Weltstellung des Rom. 
Reichs muss sich nothwendig auch in den Mon. Germ, wiederspiegeln, 
anderen Völkern zu Nutze, unserer Vergangenheit zur Ehre. [4 

Wenn das Deutsche Reich es als seine Aufgabe und Ehrenpflicht an* 
erkannt hat, die grossartige Schöpfung des Frh. vom Stein, welche lange 
Jahre gleichsam um ihren Bestand zu kämpfen hatte, endlich auf eine 
feste und gesicherte Grundlage zu stellen und sie zugleich mit ihrer Ver- 
legung in die Reichshauptstadt reichlicher auszustatten, so hat der Erfolg, 
der Yomehmlich der einsichtsvollen Leitung von G. W a i t z verdankt wird, 
diese Massregel vollauf gerechtfertigt und die vorher aufgeführten Ziffern 
zeigen deutlich, welchen Aufschwung das Unternehmen seit 1875 ge- 
nommen hat. [5 

Indessen so überaus dankenswerth die Fürsorge der Hohen Reichs- 
regierung erscheint, zumal auch in dem Sinne, dass die Bewilligung un- 
serer Mittel nicht an eine bestimmte Zeitdauer gebunden ist, sondern der 
gewaltigen Arbeit für lange Jahre freien Spielraum lässt, so müssen wir 
deunoch eine Erhöhung unserer Geldmittel für nothwendig erklären. Es 
sei die allgemeine Bemerkung gestattet, dass bei dem Sinken des Geld- 
werthes die scheinbar gleiche Summe nach einer Reihe von Jahren nicht 
mehr die gleiche ist, dass die Besoldungen der Mitarbeiter, zumal der 
älteren, sich beständig etwas steigern, dass der Aufenthalt in manchen 
Städten, deren Hss., weil sie nie versandt werden, nur durch Reisende zu 
benutzen sind, wie London und Rom, sich gleichfalls vertheuert hat. Hatte 
schon der letzte Voranschlag ergeben , dass das Gleichgewicht zwischen 
Einnahmen und Ausgaben nur durch Aufschub von zwei früher oder später 
unentbehrlichen Reisen und durch Verkürzung der Forderungen für die 
Auctores antiquissimi erreicht werden konnte, die auf die nächsten Jahre 
gewälzt werden mussten, so zeigt der Bericht Über das letzte Jahr die 
unvermeidliche Gefahr eines Fehlbetrages für das laufende, die wir durch 
Entlassung von Mitarbeitern und Hemmung begonnener Arbeiten ver- 
ringem mussten. Die nämlichen Gründe aber, die unsre jetzige Verlegen- 
heit hervorgerufen haben, nämlich dass einerseits die Ueberschüsse der 
ersten Jahre vollständig verbraucht sind, andererseits von den früher in 
Auftrag gegebenen Arbeiten mehrere gleichzeitig fertig geworden sind, 
wirken auch für die nächsten Jahre noch fort und drohen unsre Bedräng- 
niss zu steigern, ohne dass dies in Verwunderung setzen könnte. [6 

Dennoch drängt gerade der jetzige Zeitpunkt dazu, lange Versäumtes 
nachzuholen. In der Abtheilung Diplomata sind die Urkk. des Karoling. 
Hauses vorläufig übergangen worden, zum Theil wegen der dafür erfor- 
derlichen sehr kostspieligen Reisen in das Ausland, und bilden somit 
fortdauernd eine der empfindlichsten Lücken, da auf ihnen das Urk.- 



1 



156 Nachrichten und Notizen Nr. 7—14. 

wegen der Deutschen Könige ganz und gar beruht. Dazu kommt, dass 
für diese Aufgabe eben jetzt ein vorzüglicher Bearbeiter in Wien zu ge- 
winnen wäre. Es wäre ewig zu beklagen, wenn wir uns die dort zur Ver- 
fügung stehende Kraft entgehen liessen, zumal da das von Sickel be- 
gründete Institut für Oesterr. G.-forschung in Wien der Ausgangspunkt 
und Sitz aller neueren Epoche machenden Forschungen auf diesem diplo- 
mat. Gebiete ist, in welchem Deutschland unbestritten den ersten Rang 
einnimmt. Mit einer jährlichen Erhöhung unsrer Mittel um 5—6000 M. 
könnten wir einen derartigen Auftrag ertheilen, ohne diese nicht. [7 

Eine zweite Forderung aber tritt ausserdem noch gebieterisch an uns 
heran, nämlich die Erneuerung der älteren vergrififenen Bände der Mo- 
numenta Germaniae. Ebenso wie es bereits mit einigen Bänden der Le- 
ges geschehen ist, bedürfen auch die älteren Bände der Scriptores eines 
verbessernden Neudruckes, der, je weiter sie der Zeit nach zurückliegen, 
desto gründlicher umgestalten muss, theils weil nicht wenige wichtige 
Hss. erst in den letzten Jahrzehnten entdeckt worden sind, theils und vor 
allem, weil durch zahlreiche Untersuchungen die Forschung auf diesem 
Gebiete weit über jene ersten Ausgaben hinausgeschritten ist, die ihr den 
Antrieb gaben. Hier liegt also ein grosses, schwer zu übersehendes Ar- 
beitsfeld vor uns, das, wenn es gleichzeitig mit den Karolinger-Urkunden 
bebaut werden sollte, eine Verdoppelung der vorerwähnten Zulage von 6 
auf 12—15,000 M. erheischen würde. [8 

Indem wir hiemit den obwaltenden Schwierigkeiten gegenüber unsre 
Wünsche auf das bescheidenste Mass herabgestimmt, unsere Bedürfnisse 
so niedrig wie möglich veranschlagt zu haben glauben, hoffe ich um so 
mehr, dass man die sachliche Nothwendigkeit dieser Anträge anerkennen 
werde. In einem Augenblicke, in welchem von allerhöchster Stelle herab 
die Pflicht betont wird, mehr als je die Dt. Geschichte in das Fleisch und 
Blut der Jugend übergehen zu lassen, dürfte es nicht unpassend sein, für 
die Quellen derselben und ihre von allen Nationen bewunderte Ausgabe 
eine etwas reichere Bewilligung zu erbitten. Wollte man die Leistungen 
und Erfolge der Ges. für ältere Dt G.kunde nur nach den stattlichen 
Bänden abschätzen, welche sie in langer Reihe unter ihrem Namen hat 
drucken lassen, so würde man sie weit unterschätzen, denn mit diesen 
Bänden hängt alles zusammen, was die neuere Forschung im Dt. MA. 
Staunenswerthes erarbeitet hat. Sind sie doch die granitenen Grundlagen, 
auf welchen alle Bauwerke neuerer Darstellung beruhen und sich bisweilen 
zu vielbewunderter Höhe erheben. [9 

An den Bericht schliesst sich in der Beilage zum Etat noch die fol- 
gende Uebersicht über die weiteren noch ausstehenden Aufgaben: 

I. Auctoreaantiquissimiiai:^, Uebergang aus der Römischen 
in die Germanische Zeit, noch 3V2 Bände, nämlich Glaudiani opera ed. 
B i r t (fast vollendet), Cassiodori Variae ed. M o m m s e n (schon weit fort- 
geschritten) , Chronica minora, älteste Chroniken von Prosper an ed. 
M m m s e n noch 1 Vt Bände (im Druck). [10 

II. Scriptores. a) Scriptares rer. Merow. ed. Kruse h, noch 2 
Bände mit Merow. Heiligenleben in Vorbereitung; b) Gesta Fontif, Bofn. 



Monumenta Germaniae historica. 157 

nebst den übrigen Quellen zur G. der Päpste bis 1800, ungefähr 4 Bände, 
vorläufig zurQckgeatellt ; c) Libelli de lue imperatofwn et pontificum, Schrr. 
üb. d. Investiturstreit, noch ein 2., abschliessender Band unter der Presse; 
d) Scriptores rer. Sicularum, G. -Schreiber des Normannenreichs in Sicilien, 
1 Band; e) G.-schreiber der Stauf. Zeit, namentlich ItalieniBche Qn. und 
kleinere Dt. Denkmäler bis IBOO, zur Vollendung der Folioausgabe, 5— 6 Bände 
zum Theii im Druck oder in Vorbereitung durch Prof. Holder-Egger^ 
f) Dt. Chroniken des spateren MA., davon jetzt 3 Bände von Germanisten 
bearb. im Druck, wozu noch 8^10 kommen könnten; g) Geschichtschreiber 
der beiden letzten JhJi. d. MA., sind mit Ausnahme weniger Fortsetzungen 
[älterer Werke] noch unberührt geblieben. Wenn auch die zahlreichen 
und oft geringwerthigen Chroniken dieser Zeit nur in engerer Auswahl 
aufzunehmen wären, würden sich 20 — 30 Bände leicht mit ihnen füllen 
lassen, ohne den Stoff zu erschöpfen. [11 

in. Leg es, a) Die Volksrechte, d.h. die Gesetzgebung der German. 
Reiche der Völkerwanderung bis auf Karl d. Gr. herab, erfordern noch 
4Va Bände, von denen einer (Leges Burgundionum) sich im Druck, einer 
sich in Vorbereitung befindet; b) Die Gesetzgebung der Frank. Könige 
(Capitularien) unter Anschluss der Synoden und mit Einschluss der Fäl- 
schungen des sogen. Benedictus Levita, erfordert noch 3'/« Bände, von 
denen 2, von Dr. Bretholz u. Krause bearbeitet , im Druck sind; 
c) Die Gesetzgebung des Dt. Beichs bis auf die Gold. Bulle Karls IV., 3 Bände 
in Bearbeitung durch Prof. Weiland; d) Placita, d. h. Gerichtaverhand- 
lungen von der Merowingischen Zeit an, 1 — 2 Bände durch Dr. Hübner 
vorbereitet; e) Die Dt. Stadtrechte bis 1300, von Prof. Frensdorff 
vorbereitet, der Umfang schwer zu bestimmen, doch wird man mindestens 
5—6 Bände rechnen dürfen. [12 

rV. Diplomata (d.h. Kaiser- und Königsurkk. mit Ausschluss aller an- 
deren): a) Die Zeit der Karolinger (751 — 911), auf 3 Bände zu veran- 
schlagen, vorläufig übergangen und ganz besonders dringend ; b) Für das 
von Prof. V. Sickel bearbeitete 10, Jahrhundert (bis 1002) fehlt noch 
1 Halbband, bis 1892 zu erwarten; c) Der Zeitraum von Heinrich II. bis 
Heinrich VI., d. h. bis gegen Ende des 12. Jahrhunderts, von Prof. B r e s s - 
lau übernommen, dürfte etwa 8 Bände füllen; d) Das 13, Jahrhundert 
wird allein fast denselben Umfang beanspruchen, wie das 11. u. 12. zu- 
sammen. [18 

V. Epistolae. a) Das Begistrum Gregorii, d. h. die Briefe und 
Erlasse des P. Gregor I. (590—604), durch den Tod des Dr. Ewald, 
der nur einen Halbband vollendet hatte , unterbrochen , von Dr. H a r t - 
mann in Wien fortgesetzt und wieder im Druck, erfordert noch l'/t 
Bände; b) Die Zeit der Merowinger, 1 Band, zum grossen Theil von Dr. 
Gundlach bearbeitet, wird noch 1891 erscheinen; c) Die Zeit der Ka- 
rolinger, in Vorbereitung, erfordert mindestens 3 Bände ; d) Von 911 — llOü 
werden etwa 2 Bände gebraucht ; e) Begesta pontif. Bomanorum des 13. 
Jh., aus besonderen Gründen vorweg genommen und von Dr. Roden- 
berg herausgegeben, gelangen mit dem 3. Bande bis 1892 zum Ende, 
f) Seit dem 13. Jahrhundert ist die Zahl der Briefsammlungen und Brief- 



158 Nachrichten und Noidzen Nr. 14—20. 

steller eine so erdrückend grosse, dase selbst bei strenger Auswahl eine 
Reihe von Bänden zu erh eblichem Nutzen fOr die Wissenschaft damit zu 
ffillen wäre. [U 

YI. Aniiquitates. a) Poetae latini aevi Carolini erfordern zunächst 
noch einen starken Halbband, durch Dr. Barster und 'i raube bear- 
beitet, der im Druck befindlich ist; sehr wünschenswerth wären dann 
noch 2 weitere Bände, um mindestens bis 1100 zu gelangen; b) Necro- 
logia Germanme, TodtenbÜcher mit Einschluss der Yerbrüderungsbücher, 
die zweite Hälfte des 2. Bandes durch Dr. Herzberg-Fränkel in 
Wien im Druck ; mit etwa 5 Bänden Hesse sich diese besds. für die Ger- 
manisten wichtige Sammlung zum Abschluss führen ; c) Kataloge der 
Bibll. und Schatzverzeichnisse des MA. , ein Band wäre sehr willkommen, 
nicht minder eine Sammlung der Inschriften , geographischen Aufzeich- 
nungen u. s. w. [16 

VII. H an dausgaben (Scriptores rerum Germanicarum) einzelner 
besds. wichtiger und gangbarer Quellen, sowie das Neue Archiv als 
Organ der Ges. werden ihren ungestörten Fortgang haben müssen. [16 

Im Etat selbst sind diese Erwägungen folgendermassen zusammen- 
gefasst und durch Angaben über die jetzige Verwendung der Mittel er- 
gänzt: Von der bisherigen Gesammtdotation des Unternehmens im Betrage 
von 49,500 Mark entfallen auf: Gehalt und Wohnungsgeldzuschuss des 
Vorsitzenden der Centr.-dir. (9900-f 1200 M.) 11,100 M., desgl. des etats- 
mässigen Mitgliedes der Centr.-dir. (4500-|-900 M.) 5400 M. , allgem. Ver- 
waltungskosten (Localmiethe u. s. w.) 3000 M., Summe =19,500 M. , so 
dass für die den einzelnen Abthh. zugewiesenen sachlichen Aufgaben, so- 
weit dieselben nicht (wie dies insbesondere in der Hauptabth., den Scrip- 
tores, der Fall) von dem Vorsitzenden und dem genannten Mitgliede er- 
füllt werden, ein Betrag von 30,000 M. übrig bleibt Dieser Betrag (zu- 
züglich eines aus dem Vorjahre verbliebenen Cassenrestes von 600 M.) ist 
in dem Special-Etat des Unternehmens für das Jahr 1891/92 in der Weise 
vertheilt, dass für die einzelnen Abtbh. folgende Beträge ausgesetzt sind : 
1. Auctores antiquissimi 5000 M., 2. Scriptores (ausschliesslich der oben 
erwähnten Gehälter) 5900 M., 3. Leges 7900 M., 4. Diplomata 5500 M., 
5. Epistolae 8000 M„ 6. Antiquitates 2000 M., 7. Neues Archiv 1300 M., 
Summe =: 30,600 M. Schon jetzt sind die Abthh. Auctores antiq., Scrip- 
tores und Epistolae darauf angewiesen, die Deckung bereits erwachsener 
Forderungen (an Honoraren u. s. w.) auf den nächsten Etat zu verschieben 
oder nothwendige Ausgaben (für Reisen etc.) wegen mangelnder Deckung 
zu unterlassen. Ferner lässt sich eine Erweiterung der Arbeiten der Ab- 
theilung Diplomata durch Inangriffnahme der Bearbeitung der Earolinger- 
Urkk., für welche eine hervorragende Kraft zur Verfügung steht, nicht 
länger von der Hand weisen. Bienach erscheint — auch wenn die in der 
anliegenden Denkschrift femer erwähnte Neubearbeitung der älteren 
Bände der Scriptores vorerst zurückgestellt wird — eine Erhöhung des 
für die Arbeiten der Abthh. bestimmten Betrages von 80,000 M. anf 
40,000 M. erforderlich, woraus sich eine Erhöhung der Gesammtdotation 
auf den Betrag von rund 60,000 M. ergibt. [Auf das Dt. Reich entfallen 



Monumenta Germaniae bistorica; Limea-Commission. X59 

von diesem Eetrag nur 54,000 M., da der Best von 6000 M. durch den 
J.-beitr. der k. u. k. Oeeterr.>Ung. Regierung gedeckt wird.] [17 

Limes-dojamiwi^n. Den Vorschlägen der Beidelberger Conferenz (s. 
'91, Nr. 20—24) hat die Beichsregierung Folge gegeben, indem sie in den 
Entwurf des Reichshanshalts die Summe von 40,000 M. als erste Rate 
eines Betrages von 200,000 M. zur Erforschung des Limes einsetzte. Die 
Forderung wurde von einer Denkscbrift begleitet, deren Inhalt sich im 
wesentlicben mit den früher mitgetbeilten Heidelberger Beschlüssen deckt. 
In der Budgetcommission wurde allerdings die Forderung abgelehnt, da 
derartige wissenschaftliche Aufgaben Sache der Einzelstaaten seien, im 
Plenum aber ist die Bewilligung erfolgt. Am 7. Apr. werden im Dienst- 
gebäude des Reichsamts des Innern zu Berlin die Vertreter der betheiligten 
Staaten zusammenkommen, nämlich Geh. Oberreg.-Rath A 1 1 h o f f , Prof. 
Mommsen (Berl. Akad.)> Major v. Leszcynski (Grosser Gen.-stab), 
Oberst v. Cohausen (Wiesbaden), Landesdir. Klein (Düsseldorf), 
Geh. Beg.-Rath Nissen, (Bonn), Geb. Rath v. Brunn (Münch. Akad.), 
Gen.-Major Popp (München), Prof. von Herzog (Tübingen), Finanzrath 
Paulus (Stuttgart) , Geh. Hofrath Wagner (Karlsruhe) , Hofrath 
Zangemeister (Heidelberg) , Kreisrichter C o n r a d y (Miltenberg), 
Oberschulrath S o 1 d a n (Darmstadt) u. Fr. K o f 1 e r (Darmstadt). Sie 
werden die Arbeitspläne vereinbaren und die Personalfragen hinsichtlich 
der 2 Directoren der Limescommission erledigen. Die Arbeiten auf dem 
Terrain werden dann voraussichtlich bald beginnen können. — Eine wenig 
erfreuliche Episode in den Verhandlungen bildeten die AngrifiTe eines Ab- 
geordneten auf Mommsen, wegen seines Verhaltens zu den Arbeiten 
Y. Gohausen's und Miller 's. Mommsen antwortete darauf mit begreif- 
licher Schärfe in der Nation Bd. 9 pag. 271 f. V^l. dazu auch Momm- 
sen's Brief in AZtg Nr. 88. [IS 

Die Comenivs-GeBellgehaft^ über deren Begründung wir '91, Nr. 200 
zum erstenmale berichteten, hat am 9. u. 10. Oct. 1891 in Berlin eine 
vorbereitende Versammlung abgehalten, die von mehr als 60 Personen be- 
sacht war. Die Leitung der Geschäfte wurde einstweilen einem aus 27 Mit- 
gliedern und ebensovielen Stellvertretern bestehenden Qesammtvorstand 
übertragen. Dieser setzte einen Vollziehungs- und einen Redactions-Aus- 
schuss nieder. Im Herbst soll die eigentliche constituirende Versamm- 
lung abgehalten werden. Den dort zu beschliessenden Statuten sind die 
„Vereinbajungen" zu Grunde zu legen, deren Inhalt ein dem Bericht bei- 
gegebener Vortrag A.-Rath Kell er 's erläutert. [19 

Die historisch-wissenschaftlichen Publicationen, 
die diesem Zwecke dienen sollen, erwähnten wir schon in der früheren 
Notiz. Es wurde nun auf der Vorversammlung beschlossen , mit der Ges. f. 
Dt Schul-G, in Fühlung zu bleiben; dagegen erschien eine Verschmel- 
zuBg der ,iMonatshefte'' mit den „ Mittheilungen ** dieser Gesellschaft 
nicht angezeigt. Das 1. Heft der Monatshefte wurde Ende März an die 
Mitglieder versandt — Auch eine Comenius-AussteUung in Ber- 
lin ist für den Herbst 1892 geplant, deren Vorbereitung einem besonderen 



160 Nachrichten und Notizen Nr. 21 — 28. 

Fach-Ausflchuss übertragen wurde. — Endlich w&hlte der Vorstand einen 
FestauBBchuss, der die Feier des Gomenius-Jubiläums in verschie- 
denen Städten anregen soll. — In Böhmen hat man von Czechischer 
Seite die Feier zu einem nationalen Feste zu gestalten gesucht, wogegen 
dann die Regierung mehrfach eingeschritten ist, während in Prenssen 
die Schulen angewiesen wurden, auf die Bedeutung des Tages aufmerksam 
zu machen. [80 

Im Anschluss daran sei noch kurz auf ein von der Gomenius-Ges. un- 
abhängiges kleineres Unternehmen , die Gomenius-Studien, hinge- 
wiesen (Znaim , Foumier u. Haberler), dessen 1. Heft einen Vortrag von A. 
G a 8 t e n s , ^Was muss uns veranlassen, das Jahr 1892 und das Andenken 
von A. Gomenius festlich zu begehen?*, dessen 2. Heft eine Biographie 
des Gomenius von A. Vrbka enthält. Im übrigen s. künftig in Biblio- 
graphie, Gruppe III, 3. [21 

Dentsohe Proylnzialvereine« lieber die Thätigkeit des Vereins 
für die Geschichte Berlins (s. '90, 24 u. '91, 118) wurde in der 
Hauptversammlung am 28. Jan. 1892 Bericht erstattet Der V. gab im 
letzten J. heraus: 1. Protokolle der Gen.-vers. des Ges-V. der Dt. G.- u. 
Alth.-Vereine zu Schwerin ; u. 2. E. F r i e d e 1 , Zur G. der Nicolai'schen 
Buchhandlung u. des Hauses Brüderstr. 18 in Berlin. Der Bibliothek ist 
ein neuer Raum zugewiesen worden, der vorzugsweise zur Aufbewahrung 
der Karten- und Bildersammlung dient. Hauptsächlich durch ein grosses 
Vermächtniss der ehedem sehr berühmten Bühnenkünstlerin Gharlotte 
Hagn venu. Baronin v. Oven ist das Vermögen der Louis-Schneider-Stif- 
tung sehr bedeutend gestiegen, nämlich von c. 19,000 auf fast 49,000 M. 
Gelegentlich der Vorstandswahl am 14. Nov. 1891 traten Meinungs- 
verschiedenheiten innerhalb des Vorstandes zu Tage, die zum Austritte 
einiger Mitglieder , darunter des 1. Vorsitzenden Stadtrath E. Friedel 
führten. Der Streit erregte ziemliches Aufsehen in der Tagespresse und 
veranlasste einige Erklärungen. Nach den Ersatzwahlen vom 28. Jan. 
sind nun erster Vorsitzender Geh. A.-Rath Reuter, zweiter Amtsrichter 
Dr. Böringuier (gegen den sich die Opposition eines Theiles der Mit- 
glieder gerichtet hatte), dritter Architekt WalH, Schriftführer Prof. 
M u r e t , Hauptschriftwart Dr. Brendicke. Letzterer übernahm auch 
die zuletzt von Beringuier geführte Redaction der MVGBerlins. — Trotz 
dieser Vorkommnisse ist übrigens die Mitgliederzahl (c. 600) bereits wieder 
im Steigen begriffen. [22 

Mit dem Austritt einiger eifriger Mitglieder des VG Berlins scheint 
eine Neugründung zusammenzuhängen , von der neuerdings gemeldet wird. 
Am 7. Febr. fand nämlich unter dem Vorsitz von Stadtrath E. Friedel 
im Berliner Rathhause eine Versammlung statt zur Gründung einer Ge- 
sellschaft für Heim athkunde der Provinz Branden- 
bürg. Es wurde ein Ausschuss niedergesetzt, der einen Statutenentwurf 
ausarbeitete. [28 

Die Alter thumsg es ellschaft su Inst er hur g , welche seit 
ihrer Gründung (1880) auf c. 160 Mitglieder angewachsen ist, besitzt eine 
Sammlung von Funden aus der Preuss. Heidenzeit, eine Bibl. u. e. Münz- 



GomeniuB-GesellBchaft ; Dt. Provinzialvereine. Igl 

Sammlung. Eine Zeitschrift, von der 2 Hefte erschienen, musste wegen 
Mangels an Mitteln vorläufig wieder eingehen, doch ist jetzt Aussicht auf 
baldige Fortsetzung Torhanden. Gegenwärtig wird die ganze Kraft der 
Ges. durch die beabsichtigte Herausgabe eines Urkk.-buchs des ehem. 
Hauptamts Insterburg in Anspruch genommen. Hievon sind jetzt 2 starke 
Bände von Abschrr. aus dem Königsberger A. fertig. [24 

Die 1838 gestiftete Gesellschaft für Schleswig- Holst ein- 
Lauenburgische Geschichte zählt etwa 200 Mitglieder. Sie publidrt 
Jedes Jahr einen Band ihrer Z. (Bd. 21, red. von A. W e t z e 1 s. Bibliogr. '91, 
3648) : zu den ersten 20 Bänden derselben lässt sie durch Dr. K. F r i e s e ein 
Register anfertigen. Mit finanz. Unterstützung von Seiten des Prov.- 
Landtags und der Direction der Fonds der adeligen Stifter u. Klöster gibt 
-die Ges. die Schlesw.-Holst-Lauenb. Regesten u. Urkk. heraus (s. Bibliogr. 
^91, 3651); bis einschliessl. Bd. III, Lfg. 7 bearbeitete sie Prof. P. Hasse; 
nach dessen Ernennung zum Lübecker Senatssecretär übernahm Prof. W. 
S c h u m die Redaction dieses Unternehmens. Die im Besitz der Ges. 
befindliche Urkk. -sammig umfasst 385 Nrr. ; die im Schriftenaustausch 
(mit 186 Corporationen) eingehenden Druckschriften giebt sie theils an die 
Üniy.-Bibl., theils an die provincialsiAnd. Bibl. in Kiel ab. Präsident ist 
z. Z. Landesdir. y. Ahlefeld, Yicepräs. Prof. Dr. K. Jansen, Kassier 
Buchhändler H. Eckardt, Secretär Bibliothekar Dr. A. W e t z e 1. [25 

Der Bist Verein für den Niederrhein hat seit unserem 
letzten Bericht ('90, 29) Heft 49—58 der AnnHYNiederrh. herausge- 
geben und Hauptversammlungen in Xanten, Brühl, Siegburg, Köln, Bonn 
und Düren abgehalten. Die Redaction der Annalen, die bis zum 50. Bande 
in den Händen Stadtarchivars R Pick lag, ist auf Hm. L. Ko r th über- 
gegangen. Das Y.-Yermögen hat sich neuerdings vermehrt; zum Vor- 
stände gehören z. Zeit ausser den von uns schon genannten Herren noch 
C ar d a u n s (Köln), S c h r ö r s und L o e r s c h (Bonn). [26 

In der ersten der genannten Versammlungen wurde durch Dr. Liese- 
gang die Herausgabe eines ma. Urkk.-buches für den Niederrhein an- 
geregt, in denen zu Siegburg u. Bonn durch Hm. Korth, den Geh.-R 
Hü ff er lebhaft unterstützte, die Inventarisirung der kleineren Archive 
innerhalb des V.-Gebietes. Dieser Gedanke wurde dann auf der letzten 
Versammlung in Düren (Oct. ^91) durch Dr. Hansen wieder aufge- 
nommen und soll weiter verfolgt werden. Der Verein unterstützt schon 
die von Hm. Korth ausgeführte Ordnung und Veröffentlichung der über- 
aus werthvoUen Archivalien des Grafen von Mirbach-Harff. [27 

In Bonn sprach femer Geh.-B. S chaaffhausen über den Schutz d. 
geschtl. Denkmäler und empfahl gesetzl. Bestimmungen folgenden In- 
halts: 1. Die Ausfuhr von Alth.-funden in^s Ausland muss verboten wer- 
den; 2. Gräber dürfen nur im Interesse der Wissenschaft geöffnet werden ; 
3. Wichtige Denkmale müssen, um ihre Erhaltung zu sichern, als National- 
-eigenthum bezeichnet werden. [28 

Der Histor, Verein für das Grosshzgth, Hessen in Darm- 
stadt besteht s. Zeit aus c. 420 Mitgliedern ; Vorsitzender ist A.-Director 
Deatsohe Zeitsohr. f. Oaiohiobttw. VlI. 1. 11 



182 Nacbricbten und Notizen Nr. 29*86. 

Frh. Schenk zu Schweinsberg, Secretär 6ymii.-lehrer Dr. A n - 
t h e 8. In den beiden letzten Jahren erschienen auf Kosten des V. r 
Qaartalblätter fftr d. Grosshzgth. Hessen (1890: 4 Hefte, 1891:N. 
F. 1—4), Grecelius Oberhess. Wörterbuch, Lief. 1, hrsg. y. M. Ri eger , 
Adamy, Die Frank. Thorhalle zu Lorsch. Von dem A. f. Bess. G. soll 
eine neue Folge beginnen. Redacteur der Quartalblätter ist Hofbiblio- 
thekar Dr. G. N i c k. [29 

Am 21. Dec. 1891 hielt der Hiator. Verein in Dillingen seine 
Gen.-versammlung. Dem Yorstandsbericht ist zu entnehmen, dass die 
Ausgrabungen in Schretzheim, Gundelfingen, Wittislingen, und im Ried 
mit Erfolg fortgesetzt, in Faimingen neue Anhaltspunkte für die ehemals 
Ober die Donau führende Römerbrücke gewonnen und das Gräberfeld in 
Wittislingen durch Seminarlehrer Emerich in Lauingen topographisch 
aufgenommen wurde. Der Y. zählte 288 Mitglieder u. ernannte Director 
Lindenschmitt in Mainz u. Gen.-major Popp in München wegen 
ihrer Yerdienste um die prähist. Forschung zu Ehrenmitgliedern. Die 
Münzsammlung wurde im abgelaufenen Jahre um 144 Stück, die Biblio- 
thek um 157 Hände bereichert- |80 

Carnuntum- Verein. Die Keltische und später Römische Nieder- 
lassung Carnuntum bei Petronell u Dt.- Altenburg zwischen Wien und Press- 
burg hat erst in den beiden letzten Jahrzehnten die Aufmerksamkeit auf 
sich gezogen, welche diese reiche Fundstätte verdient. Im J. 1885 kam 
in Wien ein Y. zu Stande, dessen Aufgabe sein sollte, Carnuntum syste- 
matisch aufzudecken. (Jährl. Beitrag 5 fl. Präsident: A. v. Arneth, 
Stellvertr. : N. D u m b a, Wissenschaft!. Secretär : E. Bormann, Ad- 
ministr. Secretär :E.Schmiedel, Gassier : A. £ h r e n f e 1 d.) Der Staat 
u. das Land Niederösterreich steuern nicht unbedeutende Summen bei. [81 

Yon dem ganzen Complex ist kaum der 150. Theil ausgegraben. Eine 
üebersicht über die erfreulichen Resultate der bisherigen Arbeiten findet 
sich in dem von Prof. J. W. Kubitschek und Dr. S. Frankfurter 
bearbeiteten »Führer durch Carnuntum* (mit Karte u. 47 Illustr. Wien, 
Lechner. 1891. 86 p.). Das zweite Quinquennium seines Bestehens hat der 
Y. dann mit Grabungen am Heidenthor und im Dolichenium verheissungs- 
voll inaugurirt. Ein ausführlicher Bericht über diese Grabungen sowie 
über die sehr interessanten Entdeckungen, die Landgerichtsrath S c h m i e - 
del am »Quadenthor« (östl. v. Dt. -Altenbur<?; gemacht hat, wird in den 
Archl.-epigr. M. a. Oesterreich-Ungam erfolgen. [K.] [82 

Die in Nr. 18 von uns erwähnte Petition des Nordböhm, Ex- 
c uraionsclubs , der Prager Landtag möge gewisse histor. Zwecke 
auf Landeskosten fördern, blieb erfolglos. Dagegen scheint sich die G e- 
sellschaft zur Förderung Dt, Wissenschaf t, Kunst u. 
Literatur in Böhmen^ deren Gründung wir zugleich mittheilten, 
kräftig entwickeln zu wollen. Die Ges. soll ein Gegengewicht gegen die 
Czech. Ak. d. Wiss. sein. Sie beruht ganz auf privater Unterstützung, u. 
zerflÜlt, ihrem Namen entsprechend, in 8 Abtheilungen, jede mit corre- 
spondirenden Mitgliedern. Stellvertretender Yorsitzender ist der Histo- 
riker Dr. L. Sohle singe r. Im Laufe des Jahres 1891 vereinnahmte 



Dt. ProTinüalyereine; YerBammlungen. 163 

die Ges. , wie der JB besagt, reichlich 25,000 Gulden, von denen gegen 
6000 zu Preisen fOr wissenschafll. Leistungen verwandt wurden. Seitdem 
fiel der Ges. Anfang Januar ein Legat von 100,000 fl. zu. Ausserdem hat 
sie sich soeben an den Böhmischen Landtag mit der Bitte gewandt, ihr 
(wie schon der Gzech. Akademie) eine Subvention von jährlich 20,000 fl. 
zu gewähren. Voraussichtlich wird daraufhin eine Bewilligung von 4000 fl. 
stattfinden. — In dem Verein /. G. d. Deutschen in Bö hm en 
hat der anderweitig stark in Anspruch genommene Dr. Schlesinger 
die Redaction der Mittheilungen niedergelegt. Herausgeber sind 
jetzt Dr. G. Bier mann und W. Hieke. [88 

In Berlin besteht seit dem Sommer 1891 ein Y. ffir Bücherzeichenkde., 
Ex'lihriS' Ver tin. Vorsitzender ist F. W a r n e c k e, Schriftführer 
Kanzleirath G. A. Seyler. Im Oct. erschien das 1. Heft der V.-Z.: Ex- 
libris, Z. f. Bücherzeichen, Bibl.-kde. u. Gelehrten-G. (Görlitz, Starke in 
Comm. 4°. ä Hft. 16 p.). Neben einigen Zeichen der Anerkennung hat 
der £x-libris-V. auch bereits nicht ganz unverdienten Spott über sich er- 
gehen lassen müssen in einer feinen Satire , die G. Steinhausen in 
Ggw. 41, 141 veröffentUchte. [J. Str.] [84 

Yersaniiilvngen im J. 1892 : Verein für Reformations-G. zu 
Ostern in Hannover; der Hansische G.-Y. Pfingsten in Braunschweig, 
die Anthropologen- Versammlung vom 5. — 8. August in Ulm ; die 
Görresgesellschaft um dieselbe Zeit in Breslau ; der 11. Internat; 
Congress für prähistor. Archäologie u. Anthropologie v. 13. — 20. 
Aug. in Moskau (vgl. dazu den Artikel in der Beil zur AZtgNr. 54 und 
die Notiz über freundlichere Haltung anderer Kreise ebd. 74); der Ge- 
sa m m t v e r e i n d. Dt. G.- u. Alth -Vereine Ende Aug. od. Anfang Sept. 
wahrscheinlich in Münster; dieComenius- Ges. (s. oben Nr. 19 — 21) etwa 
im October oder Anfang November in Berlin; der Amerikanis ten- 
Congress vom 7 — 11. Oct. in dem Convent S. Maria de la Babida in d. 
Prov. Huelva in Spanien (derselbe wird natürlich aus Anlass der Cen- 
tenarfeier der Entdeckung Amerika's besonders festlich werden; von da- 
mit zusammenhängenden Veranstaltungen erwähnen wir eine vom 12. Sept. 
bis 31. Dec. in Madrid stattfindende Ausstellung). [85 

Arehive^ Bibliotheken^ Mvseen« In dieser Z. wurde schon zweimal 
des zerstreuten Archivs der Familie de la Oardie gedacht, aus 
dem vielleicht wichtige Materialien auch für Deutsche Gesch. zu gewinnen 
seien (s. 1, 172 f. u. 8, 265). Ein Zufall hat jetzt verloren gegangene 
Bestandtheile desselben an's Licht gebracht, die freilich für die durch 
Höhlbaum in dieser Zeitschrift angeregte Frage nach dem Verbleib 
der Thum^schen Papiere nichts auszutragen scheinen. In der Univ.- 
Bibl, zu Dorpat wurde nämlich durch den Cand. dipl. B. Cordt 
ein wichtiger Hss.-fund gemacht. Derselbe besteht aus 2 Theilen: 
1) dem Best des A. der alten Schwed. Univ. Dorpat (Senatsprotokolle aus 
d. 17. Jh. u. Rechnungsbücher); und 2) Papieren, die dem de la Gardie*- 
schen Archive entstammen: etwa 600 Actenstücke, hauptsächl. Briefe 

11 • 



X64 Nachrichten und Notizen Nr. 36—48. 

Gustav AdolpVs, Schwedischer Generäle u. Staatsmänner an Jacob de la 
Gardie und Correspondenzen des Gfn. Joh. Oxenstiema. [86 

In Berlin bildete sich eine Liter aturarchiv-G es ellschafty 
deren Zweck es ist, eine Sammelstätte für handschriftl. Denkmäler der 
Dt. Lit. in ihrem weitesten Umfange zu schaffen. Zu diesem Zwecke will 
sie die nachgelassenen Hss. u. ßriefe Dt. Schriftsteller u. Gelehrter als 
Eigenthum erwerben oder doch als Deposita übernehmen, um sie ihrer- 
seits der kgl. Bibliothek in Berlin in Verwahrung zu geben. Femer be- 
absichtigt die Gesellschaft, auf kleinere Sammlimgen dieses Inhalts auf- 
merksam zu machen und Verzeichnisse davon zu veröffentlichen. Näheres 
enthalten die Statuten, welche im Druck erschienen sind, und ein Cir- 
cular, worin zum Beitritt aufgefordert wird (J.-beitrag 10 M.); Secretär 
der Ges., an den Angebote und Zuschriften zu richten sind, ist Dr. H. 
M e i s n e r , kgl. Bibliothekar, in Berlin NW Philippstr. 6. [87 

Man wird der Ges. Erfolg wanschen dürfen, soweit sie die in ihr 
liegende Gentralisirungs -Tendenz nicht übertreibt; denn in vielen Fällen 
wird man den literar. Nachlass eines Schriftstellers gleich dem archiva- 
lischen Niederschlag eigenartiger historischer Entwicklungen nicht ohne 
Schaden von dem heimischen Boden loslösen und in eine centralisirte 
Sammlung überführen. Daneben wäre noch zu berücksichtigen, dass we- 
nigstens für einen grossen Theil der neueren Literaturgeschichte schon 
eine andere, in mancher Hinsicht vielleicht geeignetere, Centralstelle in 
dem Goethe-Archiv zu Weimar gegeben ist. [87a 

Karl Immermann^s Nachlass wurde von dem Biographen 
des Dichters R. Fellner im Einverständniss mit I.'s Tochter, Frau Greh.- 
Rath Geffcken, dem G o ethe- Schiller • Ar ehiv in Weimar über- 
wiesen. [88 

Das Kreisarchiv in München, bisher im „alten Hof" unter- 
gebracht, ist kürzlich in ein eigenes neuerrichtetes Gebäude an der 
Himbselstr. Übergesiedelt. Die Benützungs- und Amtsräumlichkeiten be- 
finden sich im Interesse der Feuersicherheit im Nebenhause. [89 

Bei der Zerstörung von Meiringen ist das dortige Archiv er- 
halten geblieben, wie unsere Erkundigungen, veranlasst durch eine unbe- 
antwortet gebliebene Anfrage in der Schweizer. Rundschau ('91, IV, 242), 
ergeben haben. [89a 

In der SBWAk Bd. 121 Nr. 9 begann H. Schenk 1 mit der Ver- 
öffentlichung einer Bibliotheca patrum latinorum Britannica, die etwa 4000 
Hss. Englis eher Bibliotheken verzeichnen soll, allerdings , wie 
schon der Titel andeutet, nur wenig eigentlich Historisches. Eine ge- 
nauere Notiz bringt das GBl f. Biblw. '91 , 516 f. — Eine ähnliche Fu- 
blication ist für Spanische Bibliotheken, ebenfalls auf Veran- 
lassung der Wiener Ak. von R. Beer zu erwarten. Der Verf. hat etwa 
2000 Hss. in nahezu 80 Bibll. u. Archiven untersucht. [40 

Der Strassburger Priv.-doc. Dr. Ed. Thrämer hat die Hss. der 
Moskauer Bibliotheken u. Archive eingehender Untersuchung 
unterzogen und z. Th. katalogisirt. Die Ergebnisse seiner Forschung wird 
er in einer Publication, ,Aus Moskauer Bibliotheken" , zusammenfassen, 



ArchiTe, Bibliotheken, Museen. 165 

deren wichtigster Theil die Beschreibung der von ihm im Moskauer Reichs- 
A. entdeckten Griech. u. Lat. Hss. zu werden verspricht. [41 

Italienische Archive und Bibliotheken, Dem Staats- 
archiv zu Florenz ist durch Schenkung das sehr reichhaltige Fa- 
milien- A. der G e r c h i einverleibt worden. [42 

Es besteht Aussicht darauf, dass das Lateranensische Archiv 
der Dataria im Laufe des Jahres der Forschung zugänglich gemacht wer- 
den wird. Nach Beendigung der jetzigen Erweiterungsbauten hofft man 
die Codices aus dem Lateran in das Yaticanische Archiv über- 
fahren zu können. [48 

Die im Vatican neu eingerichtete Nachschlagebibliothek 
(über die wir '91, 261 berichteten) wird voraussichtlich erst im Herbst 
geöffnet werden. Ein Erlass des Gardin albibliothekars Gapecelatro 
vom 5. Dec. 1891 enthielt die erfreuliche Mittheilung, dass diese Bibl. auch 
den Archivbenutzem bequem zugänglich sein werde. [43a 

Eine Statistik aller Italienischen Bibliotheken ist im Auf- 
trage des Ministeriums von dem Präfecten der Lauren ziana in Florenz, 
G. Biagi bearbeitet worden. Zwei Hefte davon sind schon mit der Gazetta 
nfficiale ausgegeben worden (mit Nr. 8 v. 12. Jan. u. Nr. 157 v. 7 Juni 
*91). Der Verf. behält sich vor, das reichhaltige gesammelte Material 
später wissenschaftl. Zwecken u. eingehender Verwendung besser dienst- 
bar zu machen. — Die Veröffentlichung der Hss. -Kataloge , besds. von 
Florenz, schreitet rüstig vor, s. unsere Bibliographie in Gruppe I, 2. [44 

Deutsche Museen. Das Germanische Museum in 
Nürnberg gab seinen 37. Jahresbericht aus. der die gedeihliche Weiter- 
entwickelung der grossen Sammlungen bezeugt. Zur Deckung der Kosten 
der Sulkowski'schen Sammlung gewährte u a. die Bair. Staatsregierung 
einen ausserord. Beitrag von 20 000 M. — Die Direction wünscht die Hilfe 
des Publicams besds. zur? Beschaffung der jetzt so rasch verschwinden- 
den Volkstrachten. — Ueber die Neubesetzung der Director-Stelle wird 
wohl die Plingstconferenz des Verwaltungsausschusses entscheiden. Die 
Blättermeldung, dass Prof. M. Heyne in Götüngen berufen worden sei, 
bestätigt sich nicht. [4& 

Im vorigen Jahrgang berichteten wir unter Nr. 143 von den üebel- 
ständen, welche die jetzigen Raumverhältnisse im Bairischen Na- 
tionalmuseum zu München mit sich bringen. Der als noth- 
wendig bezeichnete Neubau ist jetzt gesichert, nachdem eine Besichtigung 
d. Gebäudes durch Abgeordnete diese von der Unhaltbarkeit der gegen- 
wärtigen Zustände überzeugte. — Auch in Darmstadt soll aus Staats- 
mitteln ein neues Museum erbaut werden. [46 

Der kürzlich verstorbene Elsäss. Alterthumsforscher Generalvicar Dr. 
Jos. AI. Straub hinterliess seiner Vaterstadt Strassburg eme 
reiche Sammlung meist ma. Denkmäler. Mit der Inventarisirung ist der 
Director des Kunstgewerbemuseums Prof. Dr. A. Schiicker be- 
schäftigt. [47 

Am 9. Dec, dem Geburtstage Winke Im ann's, wurde in Halle das ar- 
chäolog. Museum, ein zur Univ. gehöriges Institut, eröffnet. [48 



166 Nachrichten und Notizen Nr. 49— 51b. 

Eine Sammlung zur Geschichte der Münchener Kunst ist 
durch eine im Frühjahr 1889 von der Münch. Eünstler-Grenossenschaft ein- 
gesetzten Histor. Commission unter- Vorsitz des Frh. v. Gederström 
angelegt worden. Sie wird jetzt von Zeit zu Zeit theilweise zugänglich 
gemacht werden, später aber im künftigen Künstlerhause untergebracht 
werden. Ihren Inhalt bilden der Regel nach nicht sowohl ausgeführte 
Kunstwerke als vielmehr Entwürfe, Skizzenbücher, femer Briefe u. dgl. [49 

Denkmälersehiitz« In der Sitzung des Preuss. Abgeordnetenhauses 
V. 15. März wurden bei der Etatsberathung gelegentlich des Postens für 
Bewachung u. Unterhaltung von Denkmälern und Alterthümem die von 
der Preuss. Regierung geplanten neuen Massnahmen kurz berührt. Man 
will eine Organisation wesentlich auf provinzialer Grundlage schaffen, 
ohne zu centralisiren. Der Staat soll indessen eine finanzielle Unter- 
stützung gewähren. — Man vergleiche zu der Frage die Beschlüsse des 
Gesammtvereins, über die wir 1890 Nr. 236 berichteten, ferner die An- 
regung des Karlsruher Alth.-V. ('91, 893) u. die Vorschläge Geh.-R. Schaaff- 
hausen's (oben Nr. 28). [50 

Die Freiheit historischer Forschung. In Cassel hat sich kürzlich 
ein Process abgespielt, der wohl die Aufmerksamkeit der Fachgenossen 
beanspruchen darf; denn so fem der Anlass auch der strengwissenschaft- 
lichen Arbeit liegen mag, es kamen dabei doch die Existenzbedingungen 
unbefangener historischer Forschung in Frage. In den .Hess. Blättern*' war 
ein Artikel .Deutsch und Preussisch" erschienen, der eine sehr preussen- 
feindlich gefärbte Betrachtung über die Brandenburg.-Preuss. Geschichte 
von 1648 bis 1868 enthielt. Der Redacteur Hr. W. H o p f in Melsungen 
wurde deshalb wegen Majestätsbeleidigung und Verächtlichmachung von 
Staatseinrichtungen angeklagt. Die Majestätsbeleidigung wurde darin 
gefunden, dass die Preussischen Monarchen, die Vorfahren des jetzigen 
Kaisers, beleidigt würden; die Staatseinrichtung des Preuss. Königthums 
sollte dadurch verächtlich gemacht sein, dass der Artikel erdichtete oder 
entstellte Thatsachen über die Vergangenheit des Preussischen Staates und 
den Charakter der Preussischen Politik behaupte. Das Landgericht lehnte 
die Eröffnung des Hauptverfahre ns ab, das Oberlandesgericht aber verfügte 
dieselbe, obschon es sich um eine historische Betrachtung handelt, die nur 
bis zum Jahr 1863 reicht und den Kaiser oder die heutigen Staatsein- 
richtungen gar nicht, auch nicht mit versteckten Anspielungen, berührt. 
Das Gericht trat nun in eine Prüfung der Einzelheiten des Artikels ein 
und vernahm als Sachverständigen Prof. R. Koser in Bonn. Prof. Koser 
bezeichnete einige Einzelangaben als unzutreffend und erklärte, in Be- 
zug auf die Gesammtauffassung des Artikels und die Beleuchtung des 
Einzelnen auf dem entgegengesetzten Standpunkt zu stehen. Auf Grund 
der Beweisaufnahme und dieses Gutachtens beantragte der Staats- 
anwalt 4 Monate Gefängniss, der Vertheidiger Freisprechung. Das Ge- 
richt setzte die Verkündigung des Urtheils um mehrere Tage aus und 
entschied dann auf Freisprechung, hauptsächlich da die bona fides des 
Angeklagten nicht zu bezweifeln sei, da auch nicht wissentlich falsche 
Thatsachen behauptet seien und die Widerlegung einer falschen histo- 



Denkmälerschutz ; Freiheit historischer Forschung. 167 

rischen Anfifassang nicht Sache des Strafrichters, sondern der wissenschaft- 
lichen Erörterung sei. Die Staatsanwaltschaft hat Revision beim Reichs- 
gericht eingelegt. [51 

Der Versuch, einer historischen Erörterung mit dem Strafgesetzbuch 
zu begegnen, ist also einstweilen missglückt; aber der Angriff ist von 
den Gerichten und der öffentlichen Meinung doch nicht so entschieden zu- 
rückgewiesen worden, dass eine Wiederholung, vielleicht mit besserem 
Erfolge, ausgeschlossen w&re und dass uns nicht die Verpflichtung obläge, 
an einem Orte, wo die Interessen historischer Forschung vertreten werden' 
sollen, die Frage zur Sprache zu bringen. Auch auf die Gefahr hin, dass 
wir damit der Mehrzahl unserer Leser etwas sehr üeberflüssiges zu thun 
scheinen! Man darf freilich die Bedeutung des Anlasses nicht über- 
treiben. Im Augenblick (das soll gern zugegeben werden) ist die Wahr- 
scheinlichkeit einer ernsten Beeinträchtigung wissenschaftlicher Forschung 
sehr gering , und von uns Stubengelehrten , die wir mit unseren Edi- 
tionen und anderen unverfänglichen Aufgaben beschäftigt sind, werden sich 
vollends gar viele für die Frage nicht erwärmen können, da es sich ja 
<loch um einen ,1 Zeitungsartikel* und zwar um einen offenbar . agitato- 
risch*' gehaltenen Aufsatz, nicht um eine rein wissenschaftliche Leistung 
handelt. Die Bedeutung des Unterschiedes soll nicht bestritten werden, 
4iber der Einwand trifft die Sache nicht ; denn principiell bleibt die Frage 
-dieselbe, solange der Zeitungsartikel sich darauf beschränkt, die Auf- 
fassung des Autors von historischen Dingen zu entwickeln. Die Frage 
an sich ist auch rein theoretisch von grossem Interesse [51a 

Wenn man die indirecte, historische Kritik staatlicher Einrichtungen 
mit dem Strafgesetz bedroht , so legt man der Geschichtswissenschaft ge- 
rade dort, wo sie sich mit lebendigen Interessen am nächsten berührt und 
•der grössten Freiheit bedarf, die engsten Fesseln an, und wenn Bestim- 
mungen, deren Zweck es ist, die bestehenden öffentlichen Institutionen vor 
Yerunglimpfung im politischen Kampf zu schützen, erst einmal auf histo- 
rische Betrachtungen angewendet werden, so kann das leicht zu den un- 
geheuerlichsten Gonsequenzen führen. Dieselben Kriterien wie auf jenen 
Artikel wären unter Umständen auch auf ein wissenschaftliches Buch an- 
wendbar. Hat Treitschke's Deutsche Geschichte nicht agitatorisch ge- 
wirkt? hat er nicht Vorfahren heute regierender Bundesfürsten beleidigt, 
Tiiclit Staatseinrichtungen Deutscher Klein- und Mittelstaaten verächt- 
lich gemacht? Und könnte man nicht manche protestantische histo- 
rische Schrift wegen Beschimpfung der katholischen Kirche, manche ka- 
tholische wegen Beschimpfung der protestantischen verklagen — von den 
historischen Publicationen atheistischer und kirchenfeindlicher Autoren, 
die auf das Motto ,^crasez Tinfäme^ gestimmt sind, ganz abgesehen? Es 
wäre auch in hohem Masse geföhrlich, wenn man sich dabei beruhigen 
wollte, dass im Sinne des Gerichtsspruches die historische Auffassung 
freigegeben ist, während die „erdichteten oder entstellten Thatsachen* 
•das Kriterium der Strafbarkeit bilden würden ; denn vielfach ist ja eben 
noch die Feststellung der Thatsachen die Aufgabe der Forschung, und in 
wissenschaftlichen Polemiken sieht gar oft der Eine Entstellungen und 
Erdichtungen, wo für den Andern sonnenklare Thatsächlichkeit besteht. 



168 Nachrichten und Notizen Nr. 51b— 56. 

Das Bedenkliche dieser Unterscheidung wird man vielleicht am besten 
empfinden, wenn man sich in die Stellung des Sachverständigen versetzt, 
der als amtlicher Vertreter seiner Wissenschaft durch die Straf process- 
Ordnung zur Abgabe eines Gutachtens verpflichtet ist. Vielleicht fühlt er 
sich in sehr scharfem Gegensatz zum Angeklagten und würde, zu einer 
literar. Kritik aufgefordert, dessen Arbeit auTs schärfste yerurtheilen, ihr 
auch Entstellung der Thatsachen nachweisen. Nun aber ist er in der 
peinlichen Lage, dass jede erheblichere Unrichtigkeit, die er pflichtgemäss 
nach seiner Ueberzeugung constatirt, eine ganz andere Bedeutung erhält 
und den Grund zu einer schweren Bestrafung abgeben kann. Nicht jedem 
wird es gelingen, dabei mit der Erfüllung seiner Pflicht die gewissenhafte- 
und vorsichtige Zurückhaltung zu vereinigen, die sich in diesem Fall» 
augenscheinlich Prof. Koser auferlegt hat. [51b 

Besonders bedenklich ist der Versuch, den Begriff der Majestäts* 
beleidigung auf solche historische Betrachtungen anzuwenden. Ist es doch 
Ende der 70er Jahre schon geglückt, das Vergehen der ^indirecten Ma- 
jestätsbeleidigung'' in die Rechtssprechung einzuführen , und sind dann 
doch in der That gar keine Grenzen mehr zu ziehen. Logischer Weise 
könnte man dann sehr wohl nicht nur verstorbene Mitglieder des 
Herrscherhauses, sondern auch andere historische Persönlichkeiten, Ein- 
richtungen und Gesinnungen, die dem regierenden Monarchen anerkannter- 
massen sympathisch sind, unter den Schutz dieses Paragraphen stellen. 
Betont doch der Eröffnungsbeschluss gegen Hm. Hopf in diesem Sinne, das» 
die angegriffenen Preuss. Könige „von Sr. Majestät hochgeschätzter Herrscher*^ 
sind. Man wird allerdings, so scheint es uns, zugeben müssen (und das macht 
die Frage theoretisch besonders interessant), dass solche Gonsequenzen 
an sich durchaus nicht widersinnig sind. Wenn man dieselben im all- 
gemeinen nicht zieht, so hat sich eben die Wissenschaft hier von der 
Handhabung der Gesetze Zugeständnisse erzwungen, die mit dem in 
der Gesetzgebung sonst noch fortwirkenden Geist vergangener Zeiten im 
Widerspruch stehen. Die Forderung der Freiheit wissenschaftlicher For- 
schung ist heute so mächtig, dass die Rechtsprechung sich ihr anbequemt. 
Wie das bei Erörterung nationalökonomischer und philosoph. -theologi- 
scher Fragen geschieht, so beansprucht es auch die Historie. [51e 

ünterriehtoreforiii In Prevssen« Die neuen Lehrpläne und Lehrauf- 
gaben wurden im MSrzheft des CBl f. die ges. Unterr.-Verwaltg. publicirt* 
Wir finden in den Lebrplänen für sämmtliche Schulen die Rubrik „Deutsch 
und Geschichtserz ählungen*, statt wie bisher „Deutsch* schlecht- 
hin. Dieser Unterrichtsgegenstand gewinnt in den unteren Classen einige 
Lehrstunden, die z. Th. bei „Geschichte u. PJrdkde.** wieder eingebracht 
werden. In Sexta sind für „Deutsch u. G.-erzählgn.** 4, in Quinta u. Quarta 
je 3 Wochenstunden bestimmt, so dass der Unterricht im Deutschen auf 
dem Gymnasium im Ganzen 5 Stunden gewinnt; dafür fallen bei „G. u. 
Erdkde.** im Ganzen 2 Wochenstunden weg. Bei den Realgymnasien er- 
gibt sich während des ganzen 9jähr. Cursus eine Mehrung von 1 Wochen- 
stunde bei ersteren und e. Minderung von 2 Wocbenstunden bei letzteren 
Lehrgegenständen: Dt, G. u. Erdkde. haben demnach am Real-gymn. mit 
den „G.-erzählgn." 1 Wochenstunde weniger als vorher ohne diese Zu- 



Freiheit histor. Forschung; Unterrichtsreform in Preossen. 169 

that. Hingegen betrilgt bei den Oberrealschulen die Gesammtmehrung 
2 Stunden (Dt + 4, 6. u. Erdkde. — 2). [52 

In den ,Lehrauf gaben' ist zunächst von Wichtigkeit, dass die alte 
G. auch in den unteren Classen nicht, wie zu fQrchten war, ganz zurück- 
gedrängt ist. Bilden doch in Quinta die «Erzäblgn. aus der sagenhaften 
Vor-G. der Griechen u. ROmer' den einzigen Gegenstand des G.- Unter- 
richts. [58 

Aus den „methodischen Bemerkungen' zu den neuen Lehrplänen möchten 
wir folgenden Passus hervorheben: 

„Besonders sicheren Tact und grosse Umsicht in der Auswahl und 
Behandlung des einschlägigen Stoffes erheischt die für Untersecunda und 
Oberprima geforderte Belehrung über wir thschaftl. u. gesellschaftl. 
Fragen in ihrem Yerhältniss zur Gegenwart. Je mehr hiebei jede 
Tendenz vermieden, vielmehr der cesammte Unterricht von ethischem und 
ffeschtl. Geiste durchdrungen und gegenüber den socialen Forderungen 
der Jetztzeit auf die geschichtl. Entwicklung d. Verhältnisses der Stände 
untereinander und der Lage des arbeitenden Standes insbes. in objectiver 
Darstellung hingewiesen, der stetige Fortschritt zum Besseren und aie Ver- 
derblichkeit aller gewaltsamen Versuche der Aenderung socialer Ordnungen 
aufgezeigt wird : um so eher wird bei dem gesunden Sinn unserer Jugend 
es gelingen, dieselbe zu einem Urtheil über das Verhängnissvolle gewisser 
socialer Bestrebungen der Gegenwart zu befähigen. 

Indem an der Band der G. die socialpolit. Massnahmen der Europäi- 
schen Culturstaaten in den beiden letzten Jhh. vor Augen geführt werden, 
ist der Uebergang zur Darstellung der Verdienste unseres Herrscherhauses 
auf diesem Gebiet bis in die neueste Zeit herab von selbst gegeben. 

Selbstverständlich ist, dass solche Belehrungen in Untersecunda der 
Stufe entsprechend knapp und mehr thatsächlich, in Oberprima aber aus- 
gedehnter und mehr pragmatisch zu behandeln sind.' [54 

Diese ein wenig geschraubten Bemerkungen scheinen uns ein Gom- 
promiss darzustellen zwischen dem von aussen wirkenden Anstoss zu ein- 
schneidenden Aenderungen und der Widerstandskraft einer noch lebendi- 
gen Tradition. Ueber die ursprünglich sehr deutlich auftretende Absicht, 
den Unterricht direct politisch verwerthen zu wollen, haben wir uns 
früher zur Genüge ausgesprochen (s. '90 , 262—8 u. '91 , 219-41). Diese 
Absicht hat sich offenbar erhebliche Milderungen gefallen lassen müssen: 
im Interesse der Schule hat man sich dessen erinnert, dass der G.-Unter- 
richt jede Tendenz zu vermeiden, dass er, von geschichtlichem Geiste durch- 
drungen , objectiv darzustellen hat. Immerhin blickt der ursprüngliche 
Gedanke noch durch. Ob er von wesentlicher Bedeutung für den Inhalt 
des Unterrichts werden wird, hängt von den ausführenden Organen ab; 
denn es fragt sich, wie man im Einzelnen die Pragmatik auslegen soll; 
die methodischen Bemerkungen sind in diesem Punkte recht unklar. Bis auf 
weiteres aber wird man wohl annehmen dürfen, dass der Ansturm einer 
politisch tendenziösen Reform vorläufig abgeschlagen wurde, die Wider- 
standskraft des wissenschaftlichen Geistes aber unter dem Einfluss der 
Zeitereignisse gewachsen ist. [55 

Im Anschluss hieran verdient noch eine Notiz Erwähnung, die zur Zeit 
der letzten Versammlung der Reichsschulcommission (Mitte Sept. in 
München) durch die Blätter ging : »Wie man hört, beabsichtigt die Preuss. 
Hegierung auf die directe Veranlassung des Kaisers in der Maturitäts- 



170 Nachrichten and Notizen Nr. 56 — 59. 

Prüfung am Gymnasium die Geschichte und das Französische zu streidien. 
- - - Diese Frage hat die Reichsschulcommission nicht beschäftigt, da sie 
hierfür als nicht competent erachtet wurde **. Die Notiz ist ohne Wider- 
spruch geblieben, aber es scheint, als sei die Absicht wenigstens vor- 
läufig fallen gelassen worden. Sollte es Ernst damit werden, so müsste 
diese Reform die Kritik der Fachleute aufs schärfste herausfordern. 
Es ist ja kaum eine Frage, dass das ganze Examenswesen sehr der Be- 
formen und der Einschränkung bedarf. So lange aber ein Examen be- 
steht, wird die Ausscheidung eines einzelnen Lehrgegenstandes zur Ver- 
nachlässigung desselben, mindestens seitens der Schüler, führen. Das 
Examen ist auch gerade in der Geschichte verhältnissmässig unbed^ik- 
lich. Zwar kann schwerlich dabei constatirt werden, ob der Schüler von 
historischer Auffassungsweise und historischem Zusammenhange eine rechte 
Vorstellung hat, aber daneben ist doch ein Gerippe historischer Daten 
unentbehrlich. Werden nur die Forderungen hier auf das Nothwendige 
beschränkt, so ist die Aneignung des Stoffes ohne Ueberlastung des Ge- 
dächtnisses sehr leicht möglich, die Prüfung aber eine verhältnissmässig 
leichte und zuverlässige. — Es scheint uns, dass dem Gedanken eine miss- 
verstandene Vorliebe für die ,Culturgeschichte'' zu Grunde liegt, die man 
im Examen nicht so leicht abfragen kann und für die man die festen 
Daten der politischen Geschichte glaubt entbehren zu können: Es würde 
die Gefahr naheliegen, dass der Unterricht dann vor lauter unbestimmten 
Allgemeinheiten u. lauter Pragmatismus den festen Boden des Thatsäch- 
lichen unter den Füssen verlöre. Gerade im Interesse einer verständigen 
Ausbildung der culturgescbichtlichen Seite des Unterrichts, mit der ge- 
wiss die ganze jüngere Generation auf das lebhafteste sympathisirt, wäre 
es zu bedauern, wenn man durch solche Fehler wie die Beseitigung des 
Examens und übertriebene Missachtung der „Jahreszahlen* den Gegnern 
jeglicher Neuerung in die Hände arbeitete [56 

Archäologische Feriencur se. (s. '91, 221f.) finden in diesen 
Osterferien ausser in Berlin (20. — 28. Apr.) und Trier auch in München 
(19,-24. Apr.) und in Dresden (19.-23. Apr.) statt; die in München (für 
16 Baierische Gymnasiallehrer) leiten Geh.-Rath H. v. Brunn u. Prof. A. 
F 1 a s c h aus Erlangen ; die in Dresden Geh. Hofrath J. Overbeck, 
Prof. G. Treu, Prof. Th. Schreiber u. Dr. P. Hermann. [57 

Ein Grnndriss der ffelt-G. v. der Qnelleiikiinde für Historiker, 
Lehrer, Examinanden und andere Gebildete ist soeben von Dr. Karl 
W a 1 c k e r , Docent der Staatswiss. an der Univ. Leipzig , veröffentlicht 
worden (Karlsruhe, Macklot. 10 M.). Auf 804, spatiös gedruckten Seiten 
unternimmt es der Verf. das auf dem Titelblatt gegebene Versprechen 
einzulösen. Was zunächst die Quellenkunde anlangt, so will er keines- 
wegs „ein vollständiges Verzeichnis s aller besseren Schriften* geben, 
aber nach welchem Princip er ausgewählt hat, bleibt unklar und, was er 
bietet, schrumpft bei näherer Betrachtung auf die allgemein üblichen 
Citate zusammen. Kurze krit. Bemerkungen über die aufgeführten Bücher 
bilden nicht einmal die Begel. Nur eines wird etwas ausführlicher be- 
handelt: »Zum Gebrauche für Gymnasiallehrer", sagt W. in seiner Vor- 



Unterricht; Archäolog. Feriencurse; Handbücher. X7i 

rede, die u. a. auch Mittheilungen über seinen Bildungsgang enthält, 
„habe ich auf S. 291 ein ziemlich ausführliches Yerzeichniss der wich- 
tigsten falschen Angaben des 0. Weber'schen Lehrbuchs der Welt-G. 
g^eben". — Wie in der Quellenkunde so beschränkt sich der Autor 
auch in der Darstellung darauf, .eine passende Auswahl** unter den ,in- 
teressanten Thatsachen* zu treffen; vor allem will er »solche That- 
sachen anführen, welche für die G. der verschiedenen Seiten des Volks- 
lebens besds. wichtig und charakteristisch sind". In der Einleitung 
(pag. 1 f.) legt Walcker — dessen frühere, nationalökon. Schriften 
übrigens nicht ungünstig beurtheilt. worden sind — seine Ansichten 
über objective 6.-scbreibung dar. Diese sind dilettantisch und er- 
klären einigermassen die Eigenheiten des Buches selbst. Es ist eine 
Compilation, nicht immer nach den besten Autoritäten, mit beständigen 
Hinweisen auf die Gegenwart und massenhaften Tiraden Über die ver- 
schiedenartigsten actuellen Fragen, vor allen Philippiken gegen den Ul- 
tramontanismus und Lobpreisungen des Protestantismus u. der — meist 
damit im Zusammenhang genannten -> modernen Gultur. Das 5. Buch, 
betitelt ,Die Bilanz u. die Entwicklungsgesetze der Welt-G." (p. 261—73), 
bringt Bemerkungen über das moderne Völkerrecht, die Zukunft des Ka- 
iholicismus, die conetitutionelle Monarchie, Handelskammerberichte, Press- 
freiheit, Duellgebote, kurzum de omnibus rebus et de quibusdam aliis. 
In einem Excurs „Zur socialpolit. Entwicklungs-G. seit 1889" klärt d. 
Verf. seine Leser u. a. darüber auf, dass der seit dem Erfurter Parteitage 
d. Socialdemokratie bestehende Unterschied zwischen den sog. Alten und 
den sogen. Jungen sich „nicht nothwendig auf das Lebensalter* beziehe. 
Das ganze Werk ist eigentlich nicht ein historisches, sondern ein poli- 
tisches und für diejenigen am allerwenigsten geeignet, für die es laut 
Titel bestimmt sein soll. — Geradezu schrecklich ist oft die Schreibweise 
des Autors. Ein Beispiel diene statt vieler zum Beleg: ,1809 unternahm 
Staps, ein Jüngling aus der Gegend von Naumburg, einen erfolglosen 
Attentatsversuch gegen Napoleon, der 1809 seine kinderlose Ehe mit Jo- 
sephinen trennen Hess und Marie Luise, eine Tochter Franzis I., 1810 hei- 
rathete, die ihm 1811 einen Sohn gebar, der anfangs König von Rom, 
später, seit 1817 Herzog von Reicfastadt betitelt wurde, 1882 in Schön- 
bnmn bei Wien starb **. — Die mitgetheilten Proben werden genügen, um 
den Fachmann vor diesem neuesten „Grundriss der Welt-G. ** zu warnen. 
Vermuthlich aber wird er gleich uns es doch erstaunlich finden, dass 
ein solches Buch von einem Docenten einer Deutschen Hochschule dem 
wissenschaftlich gebildeten Publicum einer verwandten Disciplin ange- 
boten wird. [J. Str.] [68 

Bibliographisches» Als 8. Beiheft zum GBl f. Biblw. erschien bei 
Harrassowitz in Leipzig ein Supplementband zu Hain 's Reperto* 
rium bibl.iographicum, bearb« v. E. B u r g e r (427 p. 16 M.). 
In Zweckentsprechender u«, wie es scheint, durchaus zuverlässiger Weise 
sind hierin 4*Begister hergestellt, welche die Benützung des Hauptwerkes 
ausserordentlich erleichtem, nämlich 1) Index typographorum saec. 15. 
cum Serie librorum ab iis impressorum; 2) Libri cum nota anni sine in- 



172 Nachrichten und Notizen Nr. 59—66. 

dicio loci et typographi ; 3) Libri indicio anni loci et typographi destitnti ; 
u. 4) Index urbium cum serie typographorum et librorum. [69 

Von der Bibliotheca Belgica, deren Inhalt in Bd. IV unserer 
Zeitschrift pag 388 f. von sachkundiger Feder in Kürze geschildert wurde, 
sind 1891 die Lfgn. 104—107 erschienen: sie enthalten den Index topogr. 
und die Titel der ersten 17 Bde. [60 

Die gesammte in Baskischer Sprache erschienene Literatur versucht 
Jul. Yinson, Prof. am Pariser Oriental. Seminar, in seinem Essai 
d*une bibliogr. de la langue basque zu verzeichnen (Paris 
Maisonneuve. xlviij479 p. 30 fr.). Das Werk ist jedenfalls eine wissen- 
schaftlich werthvoUe Arbeit. Die Büchertitel sind von bibliograph. Be- 
merkungen begleitet; Einleitung u. Register machen den Stoff dem Be- 
nutzer zugänglicher und ein Anhang bringt Facsimiles von Büchertiteln. 
Die Vollständigkeit können wir natürlich nicht controUiren. [61 

In Spanien erscheint unter der Redaction von Frentaura u. Os- 
sorio ein Diccionario biograf. intemacional del siglo 19 (Bd. I: A — D. 
Madrid, Murillo. 918 p.). [62 

W. S. K a r c V und M. N. M a z a e v geben in ihrem Versuch 
eines Wörterbuchs der Pseudonyme Russischer Schrift- 
steller: Opyt slovarja psevdonimov russkich pisatelej (Petersburg 1891) 
ein sehr werthvolles Nachschlagewerk, das mehr als 4000 Namen be- 
sonders aus der neueren Russischen Literatur enthält. 



Hilfswlssenschaftliche HandbOcher. M- P r o u 's neueste Publication 
(Manuel de paleographie : recueil de fac- similes d*äcritures 
— vgl. Bibliogr. *91, 4076) ist eine ausgezeichnete Ergänzung zu seinem 
schon in Bd. III ('90, Nr. 132) näher besprochenen Handbuch: auf 12 
graphischen Tafeln gibt er dem Lernenden eine Anzahl von Beispielen 
zur Einübung der dort gelehrten paläographischen Theorie. Der hier ge- 
botene Uebungsstoff dürfte, dank der geschickten Auswahl in den repro- 
ducirten Originalen, für den Anfang völlig ausreichend sein. Der Schüler 
lernt auf den wenigen Tafeln die wichtigsten Schriften kennen; gleich 
das erste Stück a. d. J. 1114 ist in 3 verschiedenen Schriftarten ge- 
schrieben, 5 Tafeln bieten je 2 Reproductionen. Die Transscriptionen sind 
mit kurzen orientirenden Nachrichten über Art und Herkunft des ent- 
sprechenden Schriftstücks versehen. Besonders angenehm für den Unter- 
richt ist gegenüber so vielen andern paläogr. Hilfsmitteln die grosse Hand- 
lichkeit des Formats. [J. Str.] [64 

Das Handbuch von Scott and Davey, A guide to the col- 
lector ofhist. documents, literary mss. and autogr. letters etc. 
(Lond., Davey. xvj218 p. u. 153 Tafeln) wendet sich in erster Linie an 
Sammler und Liebhaber und bringt desshalb vor allem Vorschriften, die 
es ermöglichen sollen, sich vor Fälschungen zu schützen. Dabei fällt 
natürlich auch für den wissenschaftl. Benutzer manches ab, und besonders 
werden ihm die Tafeln dienen können: Facsimiles v. Richard IL bis auf 
Kdw. Young , Wasserzeichen aus d. 14. — 17. Jahrh , etc. ; verbunden ist 
damit sogar eine Art Cursus d. Paläographie. Freilich ist alles fast ganz 



Bibliogr. u. hilfewissenschaftl. Handbücher. 173 

aaf Britannica beschränkt. Die finanziellen Mittel des Publicums, an das 
sich die Autoren zunächst wenden, gestatteten dem Verleger eine selbst 
fOr Engl. Verhältnisse besonders schöne Ausstattung. [65 

Das Erscheinen einer neuen Bearbeitung des chronologischen Hand- 
buchs von H. Grotefend unter dem Titel Zeitrechnungdes Deut- 
schen Mittelalters und der Neuzeit haben wir schon in 
Bd. IV, 223 (Nachrr. '90, 185) angekündigt Der 1. Band liegt nun vor in 
der Stärke von etwa 22 Bogen in 4P (vgl. Bibliogr. Nr. 4085). Derselbe 
enthält, wie wir schon mittheilen konnten, das Glossar und die systemat. 
Tafeln sammt den 35 Osterkalendern u. einer Tabelle der Jahreskenn- 
zeichen. Für den 2. Band sind das Heiligen verzeichniss , Reg^ntentafeln 
der Kaiser u. Päpste, eine Tafel der Finsternisse und die Diöcesan- u. 
Ordenskalender reservirt. Zu bedauern ist, dass die systematische Ein- 
leitung ganz weggefallen ist und der Studirende sich nun die Einführung 
in das System aus dem Glossar zusammensuchen muss. Die Brauchbar- 
keit des Buches beim Studium besds. für den Selbstunterricht wird da- 
durch entschieden beeinträchtigt, während doch der praktische Vortheil 
einer alphabetischen Anordnung für Nachschlagezwecke auch durch kurze 
Hinweise des Glossars auf den systemat. Theil zu erreichen gewesen wäre. 
Andererseits wünscht man sich nun mit dem Glossar auch schon das Heiligen- 
verzeichniss vereinigt, um wirklich alles in einem einzigen Alphabet bei- 
sammen zu haben. Man ist dafür jetzt auf den 2. Band angewiesen, dessen 
Hauptbestandtheil, die DiÖcesankalender, man für den Handgebrauch sehr 
wohl würde entbehren können. Damit wären unsere Bedenken gegen die 
Disposition des Stoffes erledigt, und wir können im übrigen um so rück- 
haltloser die grosse Fülle des Gebotenen und die grossen Verbesserungen 
gegenüber der 1. Auflage anerkennen. Der Hauptzuwachs steckt im Glossar, 
das unter manchem Schlagwoi-te eine sichere Fülle von Detailangaben 
bringt. Der Verfasser hat dafür im Verlauf der Jahre unverdrossen ein 
grosses Material selbst durchgearbeitet und sorgfältig die Beiträge be- 
nutzt, die ihm von Fachgenossen zuflössen. Es war dem Referenten eine 
freudige Üeberraschung, hier halb vergessene alte Bekannte wieder anzu- 
treffen, imd so wird es manchem Benutzer gegangen sein. — Aber auch 
die Tafeln sind bedeutend erweitert worden. Neu hinzugekommen sind 
besondere Tafeln Über Sonnencyclus, Concurrenten, Mondalter der Monats- 
ersten, Lunarbuchstaben, Jüdische u. Muhamedanische Zeitrechnung; die 
Tafeln über Epakten etc. u. der immerwährende Kalender sind durch Be- 
rücksichtigung der Epakten neuen Stils erweitert, die frühere Zusammen- 
stellung von Goldner Zahl, Indiction, Concurrenten u. Epakten v. 800—1500 
ist mit der Ostertafel von 500—2000 vereinigt und beide sind, noch durch 
zahlreiche andere Angaben vermehrt, zu einer umfangreichen Tabelle der 
Jahreskennzeichen v. J. 300 bis 2000 angewachsen. Wesentlich verbessert 
ist der Bevolutionskalender, und auch die 35 Kalender sind mit Heiligen- 
tagen u. Sonntagsbezeichnungen reichlicher ausgestattet. Ueber die im 
Titel begrenzte Aufgabe greift das Buch, wie man sieht, mit dem Muha- 
med. u. dem Jüd. Kalender noch hinaus. Hoffentlich folgt recht bald der 
2. Band, da der erste für sich allein doch unter einer Unvollständigkeit 
leidet, die man an einem Handbuch besonders schmerzlich empfindet. Ist 



174 Nachrichten und Notizen Nr. 66—75. 

das Werk erst ToUeDdet, so wird gewiss keine andere Nation ein gleich 
trefiPliches Nachschlagewerk ftir chronolog. Fragen aufzuweisen haben. [60 

Das Genealog. Handbuch bürgerlicher Familien, 
dessen 1. Bd. 1889 bei Mahler in Gharlottenburg erschien (s. Bibliogr. 
*89, 4431), ist nach l&ngeren Verhandlungen ein Unternehmen des V. 
Herold in Berlin geworden. £ine Gommission desselben, nur aus bürgerl. 
Mitgliedern bestehend, übt sowohl die Redaction als das Verlagsrecht 
aus, und hat aus eigenen Mitteln den Fortgang finanziell gesichert. [67 

P.-B. Gheusi(Norb. Lorödan), Le blasen h^raldique (vgl. Bi- 
bliogr. Nr. 4129). Im Plan des ganzen Buches lag es, die für den strengen 
Hera]diker willkürlich erscheinenden Veränderungen seit der Renaissance- 
zeit unbesprochen zu lassen. Mit dem Namen «Armorial* bezeichnet der 
Autor ein Register von c. 750 Figuren mit erläuterndem Text; dadurch 
wii'd nicht allein das Auffinden des richtigen Wappens zu einem gege- 
benen Namen, sondern auch das Auffinden eines gesuchten Namens zu 
einem bekannten Wappen ermöglicht. Noch weiter gehenden Ansprüchen 
können die anderen ausgezeichneten Indices genügen. Das Werk lässt 
sich daher dem Forscher empfehlen, obwohl es sich, wie schon die Aus- 
stattung bezeugt, zunächst an den Liebhaber wendet. Frankreich gegen- 
über sind freilich alle andern Länder mehr als zu kurz gekommen. Es 
wäre vielleicht besser gewesen, sie gänzlich auszuschliessen als sie so 
lückenhaft zu behandeln. Um nur eines anzuführen: selbst von den 
souveränen Dt. Fürstengeschlechtern vermissen wir die Mehrzahl, noch 
schlechter ist der jetzt landsässige Dt. Adel weggekommen. [J. Str.] [68 

Aus dem Gebiet der Hilfswissenschaften verzeichnet unsere Biblio- 
graphie im letzten Heft des vorigen Jahrganges eine verhältnissmässig 
beträchtliche Anzahl von Handbüchern, auf die wir z. Th. wohl noch 
zurückkommen werden. Für Paläographie vgl. dort Nrr. 4073 
bis 78: ein Werk über alte Spanische Schrift, ein Schwed. u. ein Fran- 
zös. Buch über Schriften der Neuzeit, und ausser Prou's oben erwähnter 
Publication noch ein allgemeines Lehrbuch (zugleich der Diplomatik) von 
R e u s e n s , sowie ein Werk über Miniaturen von Molinie r. — Dass 
die Eaiserurkunden in Abbildungen zum Abschluss kamen, sei auch 
hier nochmals erwähnt. — Für Chronologie ist neben Grotefend zu 
erwähnen das speciellere Werk von L e c h n e r (Bibliogr. Nr. 4086) , für 
Numismatik ausser dem vielfach als recht brauchbar gelobten 
Lehrbuch von Dannenberg und dem uns ferner liegenden leichteren 
Handbuch von Ambrosoli auch der Anfang eines grösseren Werks 
von E n g e 1 u. S e r r u r e (s. Bibliogr. Nr. 4106—8). — Endlich sind 
auch für Heraldik einige derartige Titel zu verzeichnen : knappe 
Leitföden von Warnecke (schon in 5. Aufl.) und von Keller, so- 
wie neben dem oben besprochenen Französ. Handbuch von G h e u s i 
noch ein üppig ausgestattetes Englisches Werk von Woodward u. 
B u r n e 1 1 (s. Bibliogr. Nr. 4125-29). [69 

Zeitschriften. In der Redaction des H i s t o r. Jahrbuchs ist Dr. 
A. Meister, bisher in Rom, an die Stelle von Dr. J. Weiss (jetzt fürstl. 



BilffiwisBenschaftl. Bandbücher; Zeitschriften. 175 

Archivar in Wallerstein) getreten. ~ Dr. J. Hansen übernahm an Stelle 
Prof. Höhlbaam's die Herausgabe der Mittheilungen aus dem 
S t a d t - A. Ton Köln und trat an Stelle Prof. Lamprecht's in die Redac- 
tion der Westdeutschen Zeitschrift ein. Mitherausgeber der 
Zeitschrift für Kirchen- G. (neben Brieger) ist seit kurzem Priv.- 
Doc. Dr. B. Boss in Marburg. — Dr. 0. H a r n a c k ist aus der Red. d. 
Preuss. Jahrbücher ausgeschieden u. nach Rom übergesiedelt. [70 

Im Verlage von Buchner in Bamberg erscheint von 1892 an eine neue 
Zeitschrift unter dem Titel : Studien zur Gült ur- u. Lit.-6eschichte 
Altbayerns hrsg. von Prof. Dr. E. v. Reinhardstüttner; alljähr- 
lich anfangs Oct. wird ein etwa 80 Bogen starker Band ausgegeben wer- 
den. — Der Herausgeber dieser Z. ist aus der Redaction des Jahrbuchs 
für Münchner Geschichte au^eschieden. [71 

In Vorbereitung befindet sich ein Organ f. Byzantin. Studien : By- 
zantinische Zeitschrift, hrsg. von E. Erumbacher (Leipzig, 
Teubner, jährlich 4 Hefte zu je 9 — 10 Bogen ; ä Jg. 20 M.). Es ist beab- 
sichtigt, jedes Heft in 8 Abthh. zu gliedern, von welchen die erste selbst- 
slAndige Artikel, die zweite eingehende krit. Besprechungen, die dritte 
eine vollständige, von kurzen orientirenden Notizen begleitete Bibliographie 
enthalten soll. In der Regel sollen nur Artikel in Deutscher oder Fran- 
zösischer Sprache zugelassen werden. Die Münch. Akademie gedenkt dieses 
Unternehmen finanziell zu unterstützen. [72 

Die Deutsche Literaturzeitung war Anfang 1892 aus dem 
Verlage von Spemann in den von Rosenbaum u. Hart übergegangen und 
wurde bis Ende März von R. Lüwenfeld in Berlin redigirt; seit diesem 
Zeitpunkte erscheint sie bei Walther u. Apolant unter der Redaction von 
Dr. P. Hinneberg. — I>ie Redaction des Literar. Gentral- 
b 1 a 1 1 8 wurde nach dem Tode seines Begründers Prof. Fr. Zarncke 
im vorigen Herbst von dessen Sohn, Prof. Ed. Zarncke, übernommen. 
— Herausgeber des Ausland ist seit dem 1. Jan. Prof S. Günther in 
München (an Stelle von Dr. E. von den Steinen). — Erwähnt sei noch, dass 
Unsere Zeit, zuletzt herausgegeben von F. Bienemann mit demSchluss 
ihres 85. Jg. eingegangen ist und dass die Redaction der Blätter f. 
liter. Unterhaltung von Dr. Bienemann auf Dr E. Beine- 
m a n n übergegangen ist. [78 

Die Redaction der Revue historique gab im Febr. 1892 ein Re- 
gister über das Quinquennium 1886—90 aus (176 p.); dasselbe gleicht 
in der Anlage vollkommen den vorhergegangenen. — Auch zudenComptes 
r e n d u 8 der Acad. dessciences morales etpolitiques er- 
schien ein Register, das bis Bd. 180 (Jg. 1888) reicht. Paris, Ficard. 5 fr. [74 

Literatur zur ausBerdeatscben Geschichte. 

It&lieii. Die Abtheilungen Allgemeines, Neueste|Zeit , Bildungs-, Li- 
teratur- und Eunstgeschichte s. im letzten Heft des vorigen [Jahrgangs. 
Das Yerlagsjahr 1891 wurde ausgelassen. 

Piemont und Savoyen. a) Bd. II— III von M anno 's Biblio- 
grafia storica degli stati della monarchia di Savoia führten wir in Bib- 
liogr. '91, 3991 auf. Als Separatabdruck aus dem 4. Bande (pag. 263—313) 



176 Nachrichten und Notizen Nr. 75-78. 

liegt uns vor die Bibliografia di Ghamb^rj. Torino, Paravia. 55 p. — 

b) C a r u 1 1 i , Storia della monarchia piemont. durante la revoluzione franc. 
TorinOy Boux. — c) D. r s i , 11 teatro in dialetto piemontese : primi passi 
(marzo 1859—62). Milano, Ciyelli. 93 p. 2 L. — d) G. P a r i s , Les chants 
populaires du Piemont (Sep. a. Joum. d. sav. 1889.) Paris, Bouillon. 4°. 
39 p. — e) Le Laudi de Piemonte, raccolte e publ. da F. Gabotto 
e D. Orei. I (Scelta d. curiositä etc. d. s. 13 — 17) Bologna, dall *Acqua. 
zzl24 p. 4 L. 50. — f) G. Filippi, II matrimonio di Bona di Savoia 
con Gal. Mar. Sforza 30 p. [ohne Verlagsort]. — g) [J. Malaguzzi], 
La battaglia di S. Quintino e le relazioni fra la r. casa di Savoia e Pie- 
monte e la casa d'Este sec. i docc. d. arch. di stato in Modena. Modena, 
Soliani. 4°. xxij 108p. — h) C. Manfroni, Nuovi docc. intorno alla 
legaz. d. Card. Aldobrandini in Francia (1600—1) tratti d. arch. Vatic. 
(A. della soc. rom. d. stör. patr. 13, 102—50) — l)St. Davari, Fed. Gonzaga 
e la famiglia Paleologa d. Monferrato 1515—33. Genova, Sordo-Muti. 107 p. 

— k) C. G i p 1 1 a , Di Rozone vescovo d' Asti e di alcuni docc. ined. che 
lo riguardono. (Sep. a. Mem. d. acc. di Torino, Bd. 42.) Torino, Clausen. 
4®. 44 p. — 1) G. C 1 a r e 1 1 a , Gli Alfieri e il vesc. d'Asti Baldr. Mala- 
baila 1349—54. (Atti d. acc. di Torino 26, disp. 14-15) — m) Wir be- 
richtigen noch, dass Gais de Pierlas (Nachrr. *90, Nr. 200 1.) nicht bei 
Bocca in Turin erschien. Gedruckt ist das Buch in Genua, Sordo-Muti. 

— Vgl. Bibliographie '90. 4223; 24. '91, 539. 675. 738. 1104. 1448; 
91. 1800. 2045. 2259; 79 e. 2522. 3986 h; 87-91 u. die Verweisungen hinter 
'91, 3994. (75 

Ligurien. a) C. D e s i m o n i , Ai reg. di leti pontif. riguard. la 
Liguria [649-1187]. (Atti d. soc. Lig. 19, 463-85.) — b) Annali ge- 
novesi di Gaffaro e dei suoi continuatori, s. Bibliogr. Nr. 315. — 

c) B. Veroggio, Genova ed i bombardimenti da mare. Glenova, Sordo- 
Muti. 256 p. — d) L. S t a f f e 1 1 i , La congiura d. Fiesco e la corte 
di Toscana; docc. ined. (Sep. a. Atti d. soc. lig. 23, fasc. 2). Genova, 
Sordo-Muti. 4°. 72 p. — e). G. F i 1 i p p i , Una contesa tra Genova e Sa- 
vona n. s. 15. (Giorn. lig. 17, 337—68 ; auch sep.). — f) Ag. Bruno, 
Gli antichi archiv! d. comune di Savona. Savona, Bertolotto. 87 p. 3 L. 

— g) Ott. Varaldo, Serie d. podestä di Savona su docc. degli arch. 
d. Savona e di Genova, 1529—1606. Savona, Bertolotto. 41 p. — Vgl. 
Bibliogr. '91, 503—5. 736. 1579. 1626. 2279 e; n. [76 

G. Garo, Die Verfassung Genua 's zur Zeit d. Podestat's 
(1190-1257). — Strassburger Diss. 1891. 169 p. Gerade für Genua 
ist das Material für eine Verf. -Gesch. der hier behandelt-en Zeit reichlicher 
vorhanden und bequemer zugänglich, als für andere Städte. Die Ürkk. 
liegen in sorgsamen Editionen vor und an chronistischem Material fehlt 
es nicht. Unter solchen Umständen hängt die Bewältigung der Aufgabe 
von dem Masse an Fleiss, Umsicht und Erfahrung ab , Über welches der 
Forschende verfügt. An ersterem hat es dem Verf., einem Schüler Bress- 
lau's, gewiss nicht gefehlt; auszusetzen aber haben wir, dass auf die in- 
neren Verhältnisse der Stadt und des Gebietes ein zu einseitiges Gewicht 
gelegt, die Rückwirkung der äusseren Verwickelungen dagegen nicht ganz 
genügend berücksichtigt ist. Weit mehr noch als geg«n die Grafen von 



Literatumotizen: Italien. 177 

Lavagna (p. 12) richtete sich die Befestigung von Porto Venere gegen das 
stets feindliche Pisa. Erst p. 17 wird diese Bedeutung Porto Yenere^s 
flüchtig gestreift und erst zum J. 1172 werden die E&mpfe mit Pisa er- 
wähnt, während doch schon viele Jahrzehnte vorher das Ringen mit jener 
Stadt um den vorwaltenden Einfluss auf Sardinien und Gorsica den 
Hauptinhalt der Politik Grenua^s bildete. — Zur eigentlichen Yerf.-Qesch. 
wäre eine Auffassung des Ausdrucks «Uli qui brevia habent* (p. 85) rich- 
tig zu stellen. Als solche werden nämlich zugleich die Wahlmänner für 
die PodestärWahl bezeichnet. Dies bedeutet, dass jene Wablherren 
die brevia, die Formulare der vom Podestä zu leistenden Eidschwüre 
aufbewahren, nicht, wie Verf. meint, dass sie unter dem Eid 
stehen, die Wahl rechtlich zu vollziehen. — In dem , den Finanzen 
gewidmeten Gapitel hätten die Einnahmequellen klarer und eingehender 
dargelegt sein können, wozu das Material im lib. jurium in ürkk. der 

2. Hälfte des 12. Jahrhunderts reichlicher vorhanden ist als es benutzt 
wurde. Die Einnahmen aus Yermiethung von Wechselbänken, die in Ge- 
nua früher begegnet als irgendwo sonst, findet sich z. B. nicht erwähnt. 

— Trotz dieser kleinen Ausstellungen ist die Arbeit als eine recht verdienst- 
liche anzuerkennen. R. D — n. [77 

Lombardei (mit Mantua). a) G. Yidari, Frammenti cronistor. 
deir agro ticinese. Yol. I — lU. 2. ed. Pavia, Fusi. zvj541; 411; 419 p. ä 

3. L. — b) A c t a eccles. Mediolanensis ab ejus initio usque ad nostram 
aetatem publ. da A. R a 1 1 i. fasc. 1—20. Milano, Ferraris. 4^ col. 1 — 1598. 

— e) G. Rosa, Tradizioni e costumi lombardi. Bergamo, Gattaneo. 107 p. 

— d) A. Butti, J fattori d. republ. Ambrosiana 1447—49. Yercelli, 
dell' Erra. 40 p. — e)Bentii Alexandrini de Mediol. civitate 
opuscnl. ex chronico ejusdem excerpt [ed.] L. A. Ferrai (Bull. d. istit. 
stör. it. 9,15—86). — f) A« Schwarz, Mailands Bedeutung als Handels- 
stadt. ProgrJKöln I. H. 4". 83 p. m. 2 Ktn.; 53 p. — g) Y. Forcell a, 
Iscrizioni etc. di Milano. (s. '89, 155 i u. '90, 201c). Y: Porta nuova; 
append. 450 p. 22 L. - Yl— YIII : Gimiteri. xüj389 ; 541 ; 461 p. 16 ; 26 ; 25 L. 

— h) A. Luzio e R. Renier, Delle relazioni di Isab. d'Este Gonzaga 
«on Lod. e Beatr. Sforza (A. stör. lomb. 7, 74 ff. ; 346—99). — i) F. L o d i, 
Sommario d. stör, di Voghera fino al 1814. Yoghera, Gatti. 803 p. 8 L. 

— k) A. 8. G a V a g n a , L'agro vogherese, memor. sparse di stör. patr. 
11— m. Gasorate Primo, Rossi. 708; 30; 575; 80 p. — 1) P. Saglio, 
Kotizie stör, di Broni dai primi tempi ai tempi nostri. 2 Bde. Broni, 
Borghi. 1890. 265; 388 p. 2 u. 3 L. — m) Mit I, 9—10 u. H, 5-9, (10 
Taf. ä disp. 2 L. 50) ist : Y. B a r e 1 1 i , Monumenti comaschi abge- 
schlossen. — ii)H.v. Schullern zu Schrattenhofen, Genea- 
logie u. G. d. Fam. Calini in Brescia (Jb. d. Ges. Adler XEX/XX, 69-78) 

— o) A. Yalentini, I Mss. d. collez. Di Rosa. Brescia, Apollonio 
4^ 61 p. ^ p— q) L. Zerbi, I fortilizi di Monza prima d. a. 1825 (A 
stör. lomb. 8, 796 — 840) — , La signora di Monza n. stör. etc. (Sep a. A 
stör, lomb.) Milano, Prato. 85 p. Ygl. Bibliogr. '90, 2785. 2810; 14; 61 
62. '91, 411; 80; 46; 56; 57. 732. 1185; 86. 1545; 85c. 2279k; o. 2323d; 
49 c. 2985 c. 3954 u. die Yerweisungen nach '91, 3994. [78 

Deattoho ZeUiohr. t Gotohlcbtiw. Yil. 1. 12 



178 Nachrichten und Notizen Nr. 79—88. 

VenetietL a) Ueber eine glücklich wieder vereinigte Hs. v. Star 
tuti delle arti in Venezia s. Ateneo reneto 14, 796. — b) £. Bertanza 
eV. Lazzarini, II dialetto veneziano fino alla morte di Dante. Ye* 
nezia, CompositorL zivSS p. — e) E. L e n t z , Das Verh&ltniss Venedigs zu 
Byzanz nach d. Fall d. Ezarchats bis z. Ausg. d. 9. Jhrh. J. Diss. Berlin, 
Mayer. 68 p. IL. — d) F. M i a r i , II nuovo patriziato ven. depo la ser* 
rata d. magg. c<m8. e le guexre di Gandia e du Morea. Venezia, Visentini. 
1891. 8^ 94 p. — e) S. Bumor, Bibliografia d. cittä e prov. di Vi- 
cenza I. Vicenza, 8. Giuseppe. x712 p. 6 L. — f) P. de Nolhac e 
A. Solerti, U viaggio in Italia di Enrico III. re di Francia e le feste 
a Venezia, Ferrara, Mantova e Torino. Torino, Roux. 848 p. 5 L. — 
g) It. R a n 1 i c h , La caduta dei Carraresi, sign, di Padova etc. Padova, 
Drucker. 186 p. — Vgl. Bibliogr. '90, 2815. 4235-^29. '91, 486. 2297 p; t. 
2822k. 2489 e. 2524. 8112 w. 8914. 8986b~f; i; k. 8992; 94 u. die Ver- 
weisungen hinter '91, 8994. [79 

Emilia (Parma, Modena, Borna gna) a)R. di Serag n a, 
Sopra la nobiltä decurionale parmigiana [TJrkk. v. 1607]. (Boll. uff. d. con- 
sulta arald. 1, 54—7.) — b— d) F. G e r e 1 1 i , II conte Lodov. II. Pico ; me- 
morie. (Sep. a. Atti e mem. etc. per Modena VI.) 54 p. — Eleonora di 
Paolo d. Gonte Gio. Franc. 11. Pico contessa di Roddi (Atti e mem. etc» 
5, 289 — 384) — Delle chiese, dei conventi etc. della Mirandola (s. 
'90, 201 p.) IT. (Schi.) 240 p. — e) P. Fahre, Sur un ms. nouveau du 
chron. Ricobaldo de Ferrare. (CR 19, 878- 84.) — f ) A. L. G a n d i n i , 
Saggio d. usi etc. d. corte di Ferrara al tempo di Nicolö III. (Atti e mem. 
etc. di Romagna 9, fasc. 8). — g) I discorsi di A. R o m e i , preceduti da 
uno studio di A. Solerti su Ferrara e la corte estense n. seconda 
metä d. sec. 16. Gittä di Gastello, Lapi. czxxj286. p. 7 L. — b) L. Olivi, 
Del matrim. d. Nicolö III. d'Este con Gigliola figlia d. F. Nov. da Carrara 
(Atti e mem. etc. Modenesi 5, 885—76). i)L. Balduzzi, L'istru- 
mento finale etc. pel passagio di Ferrara etc. alla Ghiesa 1598 (Atti & 
mem. etc. di Romagna 9, 80—110) — k) A. G a u d e n z i , Gli statuti d. 
Bocietä d'armi d. popolo di Bologna (Bull. d. ist. stör. it. 8, 7 — 74) — 
1) G. Malagola, L'archivio govemat. d. republica di 8. Marino rior- 
dinato e descritto. Bologna, Fava. 1891. 844 p._Vg]. Bibliogr. '90, 2818. 
8290. '91, 1585 c. 2270 n. 2970. 8986 a. [80 

T 8 c an a etc. a) P. A. Bigazzi, Firenze e contomi; manuale 
bibliogr. e biogr. d. princip. opere e scritture sulla stör. etc. d. cittd. 
(s. Nachrr.Nr.289f.) fasc. 1. Firenze, Giardelli. 1892. p. 1—82. 1 L. 50. — 
b) V. Piskorsky, Francesko Ferruri i ego vremja etc. [Franc. Fer- 
rucci u. 8. Zeit. Darstellg. d. letzten Kampfes d. Stadt Florenz um ihre 
pol. Freiheit 1527-80] Kiew , Kusnerew ; xl92 p. — c) Le consulte d. 
republ. fiorentina, publ. da A. Gherardi (s. '89, 60 e; 156a. 283a.) 
fasc. 13-19. p. 481-527 u. 1-282. ä 4 L. — d) L. A. F e r r a i , Lorenzino de* 
Medici e la societd. cortigiana d. Cinquecento (Bibl. scient.-letter.) Milano, 
HoepU. XVJ485 p. 5 L. — e) G. P a o 1 i , ün registro d. Balia di Siena n. 
Bibl. Palat. di Firenze. Firenze, Gellini 1891. S^'. 16 p. (Sep. a. A. stör. It. 
vin). — f) G. Paoli, I ,Monti" o fazioni n. republ. di Siena. (N. An- 
toi. 84, 401^22). — g) L. Zdekaner, De ordinamentis populi Pistoiensis 



Literatnrnotizeii : Italieii. 179 

saec. 18 (a. '90, 202 1). Florentia, Cellini. 4^ 80 p. — h) P. d e 1 G i u d i c e, 
Sagli statnti di Pistoia pnbl. da L. Zdekaner (Bendiconti del r. ist. lomb. 
24, fasc. 5). — I) L. Z d e k a u e r , Riordinamento d. pergamene neir 
arch d. comune di Pistoia (A. stör. ital. 7, 881—85). — k) Angekün- 
digt wird von demselben die Publication v. Statnti piü aatichi d. co- 
mune di Siena — zunächst des Gonstituto, das bald nach der Schlacht 
bei Montaperti redigirt wurde. — l)Statuti et ordini di Monte Ca- 
•tello, contado di Pisa, publ. da G. Eimer. Bologna, dalFAcqua. 
Ixxxiijl86 p. 7 L. — m) Ganti popolari Pisani, racc. e annotati da A. 
Giannini. Pisa, tip. Galileiana. 100 p. — n) Lettere ined. di P. 
de Paoli, ed. G. Livi (s. '90, 202 p.) II: Lettere varie (A. stör. it. 6, 
267-806). - Vgl. Bibliogr. '90, 2848; 51; 68. 2921. '91, 75. 892. 526. 
607; 10. 729. 1105. 1539. 1606; 7; 58; 59. 2046. 8717 e. [gl 

Aus den Schätzen des Gapitel-Archivs von Arezzo, zu 
welchem bekanntlich auch der sehr bedeutsame Bestand der Abtei 8. Flora 
e Lucilla gehört, sollen demnächst die wichtigsten Urkunden im Zusammen- 
hange publicirt werden. Das meiste daraus ist allerdings bereits an vielen 
Stellen zerstreut (so bei Muratori, üghelli, Fiorentini-lf ansi , Kena-Gamici 
u. a.) gedruckt, doch bleibt manches wesentliche noch der kfinftigen Yer- 
Offentlichung vorbehalten. Dieselbe wird im Auftrage der Florentiner 
Deput. di storia p. durch üb. Pasqui in Arezzo erfolgen. Die 
Arbeit ist bereits druckfertig, doch dürfte noch einige Zeit bis zur Yer- 
öfifentlichung verstreichen, weil die der ältesten Florentiner Municipal- 
urkunden, bearb. von S a n t i n i , noch vorangehen soll. Letztere Arbeit 
ist übrigens schon seit Jahren im Druck fertig gestellt. B. D. [82 

Kirchenstaat (Marken TJnibrien m. Born), a) Gronache d. cittä 
di Perugia, ed. da A. P abrett i. III: 1508—79. Torino, Selbstv. 1890. 
xij218 p. — b)A. Fabretti, Sulla condizione d. Ebrei in Perugia, 
sec. 18—17; docc. Torino, Selbstv. 91 p. — c) F. Ermini, Storia d. 
cittä di Foligno I [bis z. 8. Jh.]. Foligno, Artigianelli. 160 p. 1 L. 25. — d) L. 
F u m i , Orvieto ; note stör, e biogr. Gastello , Lapi. 229 p. — e) Statuti 
e regesti d. opera di S. Maria d'Orvieto; racc. e pubbl. da L. F u m i. 
(Beil. zu Bd. 11 u. 12 der Studi e doc. di stör, e diritto ; zugleich in Bibl. 
stor.-giurid.) 1; 160 p. 18 fol. — f) L. Duchesne, Les r^gions de 
Rome au MA. (Melanges d'archl. et d'hist. 10, 126-49; 225—50). — 
g) F. Gregorovius, G. d. Stadt Rom etc. 4. Aufl. Bd. IV. — h) Fa- 
rn i 1 i a e ad Romanam nobilit. redintegratae vel admissae post editam 
constitutionem [1846 beginnend, mitg. aus e. selten geword. Druck v. 
1848]. (Boll. uffic. d. consulta arald. 1, 58—78). — i)F. Gerasoli, 
Censimento d. popolazione di Roma d. anno 1600 — 1789. (Studi e docc. di 
stör, e dir. 12, 178—99.) — k)0. Tommasini, Preparazione d. Co- 
dex dipl. urbis Romae; relaz. (Bull. d. ist. stör. 9, 7-14.) — 1) D. Gnoli, 
Ün giudizio di lesa romanitä sotto Leone X., aggiuntevi le orazioni di G. 
Mellini e di G. Longolio. Roma , tip. d. Gam. d. deput. 8^ 
vi 65 p. — m) G. Ro docana chi, Le St-Siöge et les juife, s. Bibliogr. 
'91, 2991. — n) E. C e 1 a n i , La venuta di Borso d'Este in Roma l'a. 
1471. (Sep. a. A. d. soc. rom. XIII) Roma, Forzani. 92 p. — o) G To- 

12* 



180 Nachrichten and Notizen Nr. 83—90. 

massetti, Della Campagna romana. cont. (A. d. soc. rom. di stör, 
patr. 14, 87-125.). — p) ^- S o m b a r t, La Campagna romana, etc, 
trad. di F. C. Jacobi. Torino, Loescher. 212 p. 4 L. — q) F. Passeri, Lo 
Statute di Campagnano d. sec. 13. (A. d. soc rom. d. stör. patr. 14, 5—85). 

— r) B. Ambrosi de Magistris, Storia di Anagni. I. Anagni, Ap- 
pollini. 1889 [factisch '91]. xvij373 p. mit niustr. — Vgl. BibHogr. '90, 2820; 
65. 2938; 59. 3050. 3500. 3782. '91, 71. 179. 232; 34; 39. 412. 1364. 1484. 
1629; 67. 2264; 75. Zur G. d. Papstthums s. Bibliogr. Gruppe lY, 3 u. 
die Verweisungen dort. [88 

Unter- Italien: Kgr. Neapel, a) G. P a n s a , Bibliografia 
stör, degli Abruzzi; terzo supplem. a. bibliot. stor.-tipogr. d. Abruzzi di 
C. M. R i c c i o. Lanciano, Carabba. 403 p. 8 L. — b) N. F a r a g I i a , 
Saggio di corografia abruzzese (A. stör. nap. 16, 140 — 56 etc.; 717-42;. 

— c) V. de Bartholomaeis, Bicerche abruzzesi (Bull. d. ist. stör. it. 
8, 75 — 173). — d) A. Per ella, L'antico Sannio e Tattuale prov. di Mo- 
lise. 1. Isemia, De Matteis. 639 p. 5 L. — e) Bindi's Monumenti d. 
Abruzzi wurden von Winkelmann in GGA 91, 41 — 47 recensirt, u. zwar 
günstiger als bei uns Bd. 3, p. 419. — f) G. Pansa e P. Piccirilli^ 
Elenco cronol. d. pergamene etc. pert. all' arch. d. pia casa di Sulmona. 
Lanciano, Carabba zxijl75 p. 10 L. — g) G. d. B., Istoria del regno di 
Napoli d. 1040—1458 (A. stör. nap. 16, 174—200 etc.; 773-831). — h) C. 
C o n t e , La civiltä di Napoli, testificata con monum. etc. L Napoli, Gi- 
annini. 1890. 492 p. — i) L. A m a b i 1 e , II tumulto napol. d. a. 1510. 
contro la S. Inquis. (Atti d. acc. Pontaniana 19, 9—53). — k) L. Con- 
f o r t i , Bepubblica napol. e l'anarchia regia (1799). Avellino , Pergola. 
xi289 p. 4 L. — 1) M. B o s 8 i , Nuova luce resultante dai veri fatti awen. 
in Napoli pochi anni prima del 1799: Firenze, Barbara. 400 p. 8 L. — 
m) Codex dipl. Cajetanus ed. cura monachorum S. Bened. II. Monte 
Cassino, Selbstv. 4» 480 p. 5 Abb. — n)C. Turletti, Storia di Sa- 
vigUano (s. Nachrr. '89, 232 h) III. fasc. 17—25; p. 465-720; 928-960. — 
o) D. Spanö Bolani, Storia di Beggio di Calabria IL Beggio, Angelo. 
xzxij471 u. 253 p. — p) P. B a t i f f o 1 , La chronique de Tavema et les 
fausses d^cr^tales de Gatanzaro, ä propos du registre de Calixte n. (BQH 
51, 235—44). — q) G. Palmieri, Lottere alla duchessa di Bari. (Spi- 
eil. Vat 1, 15-32; 290-329; 493-530.) - Vgl. Bibliogr. '90, 2817. 3729. 
4097 a. '91, 243. 311. 421. 1537; 38. 2258; 60; 61; 70 k. [84 

Sicilien. a) E. A. F r e e m a n , The histoiy of Sicilj from the 
earliest times. I^IIL Oxford, Clarendon Press. xxxvj609; xx5^; xxxy750 
p. ä 21 sh. [Diese 3 Bde. ausschliesslich Alterthnm]. — b) L. Fulci, 
SuUe decime, con rig. spec. a Sicilia, Messina, Saja e A. 440 p. 8 L. 

— o)LCarini, Aneddoti sicil. 3. serie. (A. stör, sicil. 15, 111 — 39.) 

— d) A. Heskel, Die Historia Sicula des Anonymus Vatic. u. d. Gau- 
fredus Malaterra; Beitrag z. Qn.kunde f. d. G. Unterital. u. Sicil. im 11. 
Jahrh. Kieler Diss. 98 p. — e) Vin c. Cordova, Le origini d. cittä di 
Aidone e il suo Statute. Boma, Forzani. 186 p. — f) A. Sansone, 
Gli awenimenti del 1837 in Sicilia. Palermo, Statute. 1890. xi402 p. 8. L. 

— Vgl. Bibliogr. '90, 3113. '91, 400. 1469. 2270 o. [85 



Literatnmotizen: Italien. Preisausschreiben; Personalien. IgX 

Prelflavtiriibeii und Stipendieii* Die Rubenow-Stiftung 
konnte dem einzigen Bearbeiter der 1886 gestellten histor. Aufgabe (s. 
*89, 64) den Preis nicht ertheilen. Für die rechtshistor. Aufgabe war 
Überhaupt keine Bewerbung eingegangen. Die jetzt gestellten Aufgaben 
(die erste ist eine Wiederholung der nicht gelösten) sind nun folgende: 

1. Greschichte d. öffentl. Meinung in Preussen u. spec. in Berlin 1795 — 1806; 

2. Die Entwickig. des Dt. Eirchenstaatsrechts im 16. Jh.; 8. Erit. Unter- 
suchung der G.-werke des Thomas Eantzow und auf (}rund derselben 
Herstellung einer krit. Textausgabe der beiden Hochdt. Bearbeitgn. der 
Pommer^schen Chronik ; 4. Entwickig. der Landwirthsch. in Preussen nach 
der Bauernbefreiung. Einsendungstermin : 1. März 1896. Für die S ersten 
Aufgaben sind je 2000, für die vierte 1000 M. ausgeworfen. Nähere Be- 
stimmungen enthält das diesbezügliche Ausschreiben von Rector u. Senat 
der Univ. Greifswald (abgedruckt z. B. CBl '92, 133 f.). [86 

Die Oberlausitzische Gesellschaft verlieh Dr. R. Jecht 
den Preis für LOsung d. Aufgabe üb. G. Emrich, u. wiederholt die Preis- 
ausschreibung für die beste Bearbeitung des Themas : die geistl. Brüder- 
schaften d. Oberlausitz. Termin: Ende Jan. 1894; Preis 800 M. [SOa 

Die Münchner Akademie hat dem Priv.-doc. Dr. E. Erumbacher 
den Zographos-Preis verliehen für die Lösung der 1889 gestellten 
Aufgabe (Herausgabe des Byzant. Meloden Romanos, mit krit. Einleitung) 
und gleichzeitig die neue Preisaufgabe ^Teztkrit. Ausgabe der Chronik von 
Morea' zur Bewerbung um diesen Preis (2000 M.) ausgeschrieben. Termin : 
31. Dec. 1894. [87 

Die philos. Facultät der Univ. Güttingen ertheilte dem Studi- 
renden Fr. Thimme aus Schmedenstedt einstimmig den 1. Preis der B e- 
nekestiftung für die Lösung der 1889 gestellten Preisaufgabe ,Die 
inneren Zustände Hannovers 1806— 1818". [87a 

Aus der Albrechtstiftung in Leipzig haben u. a. Verleihungen er- 
halten die Prof. B rieger u. Busch, sowie Priv.-doc. G e s s. [87,b 

Die Akademie zu Stockholm verlieh dem Prof. G. S t o r m 
in Christiania für die Abhandlung «Studier over Vinlandsreiseme'* den 
Loubat'schen Preis v. 3500 Er. (88 

Personalien. Akademien. Die Ges. der Wissenschaften zu GOt- 
tingen erwählte zu ausw. Mitgliedern ihrer philos.-hist. Cl. die Professoren 
L. Duchesne, Mitglied dos Instituts, in Paris und Max Müller in 
Oxford. [89 

Universitäten. Geh. R. v. Holst hat sich entschlossen, besds. mit 
Rücksicht auf seine Amerikan. Studien einen Ruf nach Chicago anzunehmen 
und wird im Herbst d. J. dauernd dorthin übersiedeln. Ernannt wurden: 
der a.0. Professor der Geschichte in Innsbruck, Ealtenbrunner, zum o. 
Prof. daselbst, der Privatdocent R. von Scala eben dort zum a.o. Prof. 
für alte G., der Staatsarchivar Dr. P. Schweizer in Zürich zum a.o. 
Prof. f. Paläographie u. Diplomatik daselbst. Der Priv.-Doc. Dr. H. Si- 
monsfeld in München erhielt einen Lehrauftrag für die histor. Vor- 
lesungen an der Akademie der Eünste; bisher hatte Prof. F. Stieve diese 
Vorlesungen gehalten. [90 



182 Nachricliten und Notizen Nr. 91—98. 

Prof. E. Maarer in München erhielt den Titel eines Geh. Baths. — In 
den Ruhestand trat Geh. B. Prof. W. Boscher in Leipzig. — G. Cohn, 
ord. Hon.-Prof. in Heidelberg, wurde als ord. Prof. nach Zürich berufen. — 
Zum a.o. Prof. f. Eirchenrecht in Ozernowitz wurde Priv.*Doc. Dr. L. Wahr- 
ni u n d ernannt. — Der ord. Prof. G. Heinrici in Marburg wurde als Nach- 
folger Zahn's als Prof. d.K-G. nach Leipzig berufen, der a.o. Prof. H. v. 
Schubert in Strassburg als ord. Prof. d. E.-G. nach Eid, der a.o. Prof. 
0. Brenner in München als ord. Prof. f. Dt. Philologie nach Würzbarg. 
Der a.0. Prof. E. Burdach in Halle wurde zum ord. Prof. d. Germ. 
Philobgie daselbst ernannt; desgl. der a.o. Prof. Bernh. Seuffert 
zum ord. Prof. d. Dt Sprache u. Lit. in Graz. Prof. B ran dl in Göttingen 
hat einen Buf nach Strassburg als Nachfolger ten Brink*s angenommen; 
an seine Stelle wurde der a.o. Prof. S. Morsbach ans Bonn berufen. 
Auch Prof. A. Stimming in Eäel nahm einen Buf nach Göttingen (als 
Nachfolger Gaspary's) an, nachdem er einen solchen nach Breslau aus- 
geschlagen ; ebenso folgt Prof. F. B 1 a s s in Eiel zum 1. Oct. einem Bufe 
als Prof. der class. Philologie nach Halle und der Bomanist Prof. E ö r - 
t i n g in Münster einem solchen nach Eael. Dagegen haben Prof. T h. 
Nöldeke in Strassburg und Prof. J. Wellhausen in Marburg eine Be- 
rufung nach Göttingen (an Lagarde*s Stelle) abgelehnt. Priv.-Doc. Dr. 
G. Appel in Eönigsberg, der in letzter Zeit das Fach d. Boman. Sprachen 
in Breslau vertrat, wurde zum a.o. Prof. dort ernannt; ebenso Priv.-Doc. 
Dr. E. E ö p p e 1 zum a.o. Prof. f. Engl. Philologie in München ; die für 
dieses Fach neugegründete a o. Professur in Münster wurde dem Priv.-Doc. Dr. 
£. Einenkel übertragen; dem Priv.-Doc. Dr. E. A. Wiedemann in 
Bonn ein Eztraordinariat f. Aegyptologie ; Prof. Dehio wurde für Eunst- 
G. an Janitscheks Stelle von Eönigsberg nach Strassburg berufen, der a.o. 
Prof. F. Wickhoff zum Ordinarius für Eunst-G. in Wien ernannt; 
ebenso der Priv.-Doc Dr. Jos. Strzygowski zum a.o. Prof. f. neuere 
Eunst-G. in Graz. [91 

J. A. Fronde wurde Nachfolger des verstorb. Freeman f. neuere G. in 
Oxford. — Zum Prof. d. Französ. Lit. u. G. an der Ecole polytechn. in Paris 
wurde George Duruy ernannt. Am College de France ist dnrch Decret 
vom 30. Jan. ein neuer Lehrstuhl für allg. G. der Wissenschaften geschaffen 
und dieser Hrn. P. Laffitte anvertraut worden. — Prof. G. Brandes 
in Eopenhagen hat einen Buf als Prof. d. Skandinav. Literatur nach Chi- 
cago erhalten. Es ist noch nicht entschieden, ob er annehmen wird. [92 

Es habilitirten sich in Strassburg Dr. £. Sackur, bisher in Berlin 
Mitarbeiter d. Mon. Germ., für mittlere und neuere G. ; in Berlin Dr. M. 
Sem r au für Eunst-G. - Lic. H. G. Voigt für Eirchen-G.. Dr. M. Des- 
soir für Philosophie, Dr. 0. Fleischer für Musik-G. und Dr. F. 
E p p für class. Philologie; in Würzburg Dr. A. S c h m i d für Eunst-G., 
in Leipzig Dr. H. Hirt für Germanistik; in Bonn Dr. A. Philippson 
fOr Geographie; in Budapest Dr. V. Euzsinssky, Hilfscustos am Ungar. 
Nat.-mus. f. Böm. Gultur-G. [98 

Archive , Bibliotheken^ Mu seen, Institute, In den Buhe- 
stand trat Geh. Hofrath Prof. L. Erehl, erster Oberbibliothekar d. Univ.- 



Personalien. 183 

Bibl. in Leipzig. Seine Geech&fte ttbemahm vorläufig der 2. Oberbibl. 
Hofrath Dr. J. H. F ör s t e m a n n. Der Senatssecreiär Dr. P. H ass e in 
Lflbeck ist als Nachfolger von Dr. C. Wehr mann, welcher in Ruhestand 
trat, zum Staatsarchivar ernannt. Versetzt wurde der Archivar 2. Gl. Dr. 
C Panzer in Königsberg in gleicher Eigenschaft nach Wiesbaden, ebenso 
A. -Assistent Dr. G. Liebe von Koblenz nach Magdeburg. Dr. W. Erben, 
bisher Mitarbeiter der Mon. Qerm., wurde zum Gustos am k. u. k. Heerss- 
moseum in Wien ernannt. Dr. E. B u r m e i s t e r ist als Yolontör bei d. 
legi. Gremäldegallerie zu Berlin eingetreten. Beim Römischen Histor. In- 
stitut der OOrresgesellschaft trat Dr. L. Schmitz an die Stelle Dr. 
Meisters (s. oben Nr. 76). [94 

Schulen. Der Director der st&dt. Oberrealschule zu Magdeburg, 
Prof. Dr. Fr. Junge, ist zum Director des städt. Realgymn. daselbst er- 
nannt, Oberl. Dr. W. Tobien am Realgymn. zu Schwelm zum Director 
dieser Anstalt befördert worden. Versetzt wurde Dr. W. Richter, Ober- 
lehrer am Realgymn. am Zwinger in Breslau, als Rector an die dortige 
I. evang. höh. Bürgerschule. [95 

Jubiläen, 6eh.-Rath Prof. H. v. Brunn in München feierte am 
2S. Jan. seinen 70. Greburtstag; die Univ. Dorpat ernannte ihn zu ihrem 
EhrenmitgUede. — Der Russ. Staatsrath und Livländ. Rechtshistoriker F r. 
G. von Bunge feierte am 12. März 1892 in Wiesbaden seinen 90. Ge- 
burtstag. [96 

Todesfälle. Deutschland mit Oeaterreich und Schweiz. 
Es starb am 12. Jan. inSondershausen der Pfarrer emer. u. Landesarchivar Fr. 
Apfelstedt,80J. alt. Das Feld seiner Thätigkeit war die Schwarzburgische 
Haus- u. Familien-G., seine letzte Schrift hierüber s. Bibliogr. ''90, 2456a. 

— Am 25. Jan. 1892 in Olgenstadt bei Magdeburg Pastor Karl Ottm. 
Ferd. Becker, 52 J. alt, Verfasser mehrerer die christl. Archaeologie 
betreffender Schriften. — Am 1. März in Magdeburg, 64 J. alt L. Gleri- 
cus, Verf v. Arbeiten aus d. Gebiet der provinzialen Familien-G. (Pütt- 
kamer) und Heraldik (y. Magdeburg). — Am 18. März in Berlin der 
soeben erst von Breslau nach GOttingen berufene Romanist und Lit.-Histo- 
riker Prof. Ad. Gaspary. Sein Hauptwerk ist die mit grosser und all- 
gemeiner Anerkennung aufgenommene G. d. Ital. Literatur, von der 2 Bände 
vollendet sind (1885 u. 88). Eine neuerdings erschienene Ital. üebers. 
derselben hatten wir erst im letzten Hefte aufzuführen. Voran ging im 
J. 1878 sein Buch üb. die Sicil. Dichterschule d. lÖ. Jh. — Am 12. Jan. 
in Wängi (Thurgau), 64 J. alt, Dekan H. J. H e i m , früher Pfarrer in Gais, 
25 J. lang Redacteur der Appenzellischen Jbb. ; aus der grossen Zahl s. 
Schrr. ist hervorzuheben „Dr. Titus Tobler, e. AppenzelL Lebensbild* (1879). 

— Am 20. Febr. in Heidelberg, 75 J. alt, Prof H. Kopp, der Historiker 
der ehem. Wissenschaften; sein bedeutendstes Werk ist die 4bändige G. 
d. Chemie. — Am 16. April der Germanist Prof. Matth. von L ex er 
dem wir weiter unten noch einige Worte widmen. [9? 

Am 1. März in München der Reichsarchivdirector a. D. Fr. v. Löher 
73 J. alt. Wenn wir von seinen poetischen Werk^i und Reiseschilderungen 



184 Nachrichten und Notizen Nr. 98—103. 

absehen, haben wir als seine hanptsächlichsten Schriften aufzuzählen: 
Fürsten u. Städte z. Zeit der Hohenstaufen (1846), 6. u. Zustände der 
Deutschen in Amerika (1849), Jacobaea v. Baiem u. ihre Zeit (2 Bde. 
NOrdlingen 1862 u. 69 , wissenschaftlich ^vielleicht sein wichtigstes Werk), 
Der Kampf um Paderborn 1597-1604 (1874), Beitrr. z. 6. u. Völkerkde. 
(1885 — 86), Archivlehre (1890), ausserdem zahlreiche akad. Abhandlgn. u, 
Aufsätze in Zeitschr. , von denen wir einige Abhandlungen zur G. Hein- 
richs I. (1857 u. 1858), sowie eine über E. Sigmund u. Hzg. Philipp von 
Burgund noch namhaft machen. In seiner letzten Zeit war L. mit der 
Abfassung und Herausgabe einer Oultur-6. der Deutschen im MA. be- 
schäftigt; er war auch der Gründer der Archv. Z. und gab deren erste 
18 Bde. (1876 — 88) heraus. — Sein Lebensweg hatte ihn gar seltsam nach 
Amerikanischen Wanderjahren in das politische Getriebe der 1848er Re- 
volution, dann nach kurzen Anfängen einer akad. Laufbahn in die nächste 
Nähe des Baierischen Königs Maximilian geführt, ursprünglich Jurist, dann 
Reiseschriftsteller und Culturhistoriker, war er so bald nach K. Maximi- 
lians Tod zu der Stellung des Beichsarchiv-Directors gelangt Ende 1888 
trat er von diesem Posten zurück. [98 

Am 8. Jan. in Kiel im 65. Lebens- J. der Prof. der Theologie Cons.- 
Rath Dr. W. Möller, Verf. einer G. d. Kosmologie in d. Griech. Kirche, 
einer Osianderbiographie u. neuerdings eines Lehrbuchs d. K.-G., das in 
zwei Bänden bis zum Schlüsse des MA. gelangt ist (s. Bibliogr. '90, 1805 
u. '91, 8011). — Am 7. Febr. in Ravensburg Prof. W. Müller, früher 
am Gymn. in Tübingen, 71 J. alt, bekannt durch seine seit 1868 alljähr- 
lich erscheinende G. d. Gegenwart und seine populären Darstellungen, 
bsds. aus der neuesten Deutschen Geschichte. Von ihm stammt auch die 
1886 vollendete Neubearbeitung der Becker'schen Welt.-G. u. eine Deutsche 
(beschichte (1880). — Am 20. März in Alsbach bei Zwingenberg in Hessen 
der Schriftsteller Ernst Pasque, 71 J. alt, Verfasser mehrerer Schrif- 
ten zur Theatergeschichte , wie G. d. Musik u. d. Theaters am Hof zu 
Darmstadt 1559--1710 (1850-54), Frankfurter Musik- u. Theater-G. (1852), 
Goethe's Theaterleitg. in Weimar (1868). — Am 20. Febr. in Passau, 84 
J. alt. Domprobst Dr. K. von S c h r ö d 1 ; er gab „ Ausgew. Briefe d. hl. 
Catharina v. Siena** (1888—35) heraus und schrieb: Das 1. Jh. d. Engl. 
Kirche (1840); Passavia sacra; G. d. Bisth. Passau bis z. Säcularisation 
(1879, Nachtr. 1888). — Am 29. Jan. in Strassburg, 50 J. alt, der Prof. 
d. Engl. Philologie Beruh, ten Brink. Seine Specialstudien galten 
der älteren Engl. Lit.-G., u. a. Ghaucer u. Beowulf , und auch sein clas- 
sisches Hauptwerk, die G. d. Engl. Lii, von der 1877 der 1. Bd., 1889 die 
1. Hälfte des 2. erschien, ist nun über das 15. Jahrh. kaum hinausgelangrt. 
Ten Brink war Mitherausgeber der Quellen u. Forechgn. z. Sprach- u. 
Cultur-G. d. Germ. Völker. [99 

Am 28. März in München der Prof. u. Univ.-Oberbibliothekar Paul 
von Roth, 71 J. alt. Schon Über ein Menschenalter liegen seine bahn- 
brechenden verf.-geschtl. Arbeiten hinter uns: Ueb. die Entstehung der 
Lex Bajuvariorum (1848), G. d. Beneficialwesens (1850), Feudalität u. 
Unterthanen verband (1868). Aber vieles in ihnen hat sich seine Geltung 
bewahrt wie am ersten Tage. Mit Rudorff u. a. begründete er (1861) die 



Todesf&Ue. 185 

Z. f. Bechts-G. Später wandte er sich privatrechtl. Stadien zn and be- 
iheiligte sich an der Aasarb eitang des bfirgerl. Oesetzbaches. Roth war 
in Nürnberg geboren, hatte sich in Mflnchen 1848 habilitirt, war dann 
schon 1850 als Extraordinarias nach Marbnrg, 1858 aaf s. G. d. Bene- 
ficialwesens hin als Ordinarius nach Rostock berafen; von dort ging er 
1858 nach Kiel, 1868 nach Manchen. [100 

England, Holland und Scan dinavien. Anfang April in 
Newcastle, 86 J. alt, der Archäologe J. C. Bruce; s. Lebensaufgabe war 
die Erforschung des Rom. Grenzwalls in Britannien, den er in vielen Auf- 
sätzen u. in seinem Hauptwerk ,The Roman Wall" (1851, 3. Aufl. 1867) 
behandelte. — Am 10. Apr. in Christiania, 78 J. alt, der Prof. d. Theol. 
G. P. Caspari, ein geborener Deutscher; von s. Werken liegen uns 
näher »Quellen z. G. des Taufsymbols* (1866—69, 1875, 1879), «Kirchen- 
histor. Anekdota" (1883) u. die in BibUogr. *91, 2180 erwähnte Ausgabe 
von Quellen zur älteren Eirchengeschichte. [101 

Am 16i März in Alicante, £. A. Freeman, Prof. in Oxford, 
69 J. alt. Von den Engl. Historikern der Ggw. war Freeman, der glän- 
zende Essayist, in Dtld. wohl der bekannteste. Er begann als Kunsthisto- 
riker (,A bist, of architecture* 1849, „Essay on window tracery" 1851); 
Sparen dieser Studien zeigen auch noch spätere Schriften von ihm, so 
,Hiflt. of the cathedral church of Wells" (1870), .Histor. and architect. 
Sketches' (1876), «Sketches from the subject and neighbouring land of 
Venice' (1881). Mit »The bist, and conquest of the Saracens' (1856) be- 
trat er das Gebiet der Sicilian. G. Damit berührte sich dann auch das 
Thema seines berühmten Hauptwerkes ,Hist. of tbe Norman conquest' 
(1867—76), welches ihn dann auf die ältere Engl. G. führte (.Old Engl, 
bist.' 1869, «Growth of the Engl. Constitution' 1872). Die Werke aus den 
beiden letzten Decennien s. Lebens tragen einen mehr universalhistor. oder 
g.-philoBoph. Charakter, betrachten wohl auch Verhh. der Ggw. von allg.- 
histor. Gesichtspuncten aus. Hievon seien angeführt: ,The unity of history' 
(1872), ,The Ottoman power in Europe, its nature, its growth, and its 
decline' (1877), «Lectures to American audieuce' (1883), .Methods of histor. 
study« (1886), ,Four Oxford lectures* (1888; s. DZG 4, 147). — Seine Auf- 
sätze sind z. Th. gesammelt in seinen »Historical Essays' (4 Bde. 1872 — 92). 
Sein letztes Werk, von dem ihn der Tod abrief, kehrt zu einer alten Nei- 
gung zurück : er begann eine gross angelegte Sicil. Geschichte, deren erste 
Bände wir weiter oben aufzuführen hatten. [102 

Am 19. Febr. in London 46 J. alt, Gh. Alan F y f f e , Politiker und 
Schriftsteller, Vicepräs. der Royal Histor. Society u. Verf. von ,Hist. of 
Greece' (1875), .Bist, of modern Europe' (Bd. I: 1880, 11: 1886, ril: 1890). 

— Am 15. Febr. in Lund 66 J. alt Prof. Dr. T h. W i s ^ n , Herausgeber 
des Altisländ. Homilinbök (Lund 1872), der Carmina Norroena (Lund 1886 
u. 1889), Verf. e. Biographie v. C. J. Schlyter (1890) und anderer Werke. 

— Am 8. Jan. in Wychen der Geograph u. Historiker P. H. Witkamp, 
76 J. alt; s. Hauptwerke sind: Gedenkboek van Neerland's 50jarig grond- 
wetüg Yolksbestaan (Dordrecht 1865), Geschiedenis der Zeventien Neder- 
landen (Amsterdam 1871 — 80), Aardrykskundig Woordenboek van Neder- 
land (Tiel 1871—85), Provinc. Atlas van Nederland ('s Hage 1886). [lOft 



186 Nachiichten und Notizen Nr. 104—106. 

Frankreich und Italien, Am 24. Jan. in Paris der Nat^Odko- 
nom H. Baudrillart, 70 J. alt. Von seinen zahlreichen Schriften liegt 
um am nächsten die Hist. da laxe (4 Bände 1878-80); zu seinen nat- 
ökon. Werken gehört ein Manuel d^^con. politiqne (1857. 5. Aufl. 1885). — 
Im Januar in Rom der Politiker u. Historiker Em. B r o g 1 i o im 78. 
Lebensj.; er schrieb erst, nachdem er sich aus dem polit. Leben zurück- 
gezogen, ein historisches Werk, nämlich e. Biographie Friedrichs des Gr.; 
die 2 ersten Bände erschienen unter d. Tit. «Vita di Federico II, rö di 
Prussia, detto il Grande** 1874 u. 76, die 2 letzten, ,11 regno di Federico 
II die Prussia*, 1879 u. 80. — Am 3. Jan. in Paris 48 J. alt. Ad. de 
Ohalvet de Rochemonteix, Mitgl. der Soc. fran9. d^archl., Verf. 
localhistor. Werke wie e. G. der Abtei v. Feniers (1882). — Am 8. März im 
73. Lebensj., G. B. di Crollalanza, Prof. in Pisa, Herausgeber des 
Giom. arald.-geneal.-dipl. ; von s. Werken sind herrorzuheben : Origine e 
gesta di Giov. d'Arco (1859), Storia milit di Francia deirantioo e medio 
670 (3 Bde. 1861), Dizionario stör, blasonico delle famiglie nobili e nota- 
biü ital. (8. Bibliogr. '89, 4483 u. '90, 4895). — Am 12. Jan. in Paris, 74 
J. alt, der Dichter G. Le Brisoys Desnoir esterres, welcher sich 
auch mit der Cultur-G. des 18. Jh. beschäftigte und u. a. schrieb: Vol- 
taire et la soci^tö fran9. ao 18. sidcle (7 Bde. 1867 — 75), La musique fran9. 
au 18. si^cle (1872), Iconographie voltairienne (1879). ^ Am 5. März in 
Paris der Akademiker Viceadmiral J. P. £. Jurien de la Graviore; 
seine histor. Schrr betrefPen die G. d. Seewesens: La marine d*autrefois; 
Les guerres maritimes de la rövol. et de Tempire; Les marins du 15. et 
du 16. siöcle; La marine des anciens et les campagnes d' Alexandre. — 
Am 2. Jan. in Lüttich, 69 J. alt, Emile de Laveleye, Prof. an d. dor- 
tigen Universität. A.ls angesehener Nat.-Oekonom u. Politiker, daneben 
auch als Historiker u. Lii- Historiker entfaltete er eine ausserordenti. literar. 
Thätigkeit. Wir führen auf: Hist. de la langue et de la litt. proYen9ale 
(1880), Hist des rois francs (1848), Etudes hist. et crit. sur la libert^ du 
commerce intemat. (1858), La Saga des Nibelungen dans les Eddas et 
dans le nord scandinaye (1886), De la propri^t^ et de ses formes primi- 
tires (1874; 4. Aufl. s Bibliogr. '91, 2159), Le socialisme contemporain (1881 ; 
4. Aufl. 8. Bibl. '89, 3426). — Am 12. Febr. in Paris der frühere Prof. am Col- 
lie de France u. Archivdirector Alfr. Maury, kurz vor VoUendg. s. 75. 
Lebens-J. ; das Gebiet seiner Studien war die Religions^G. und er schrieb ausser 
zahllosen Recensionen u. Z.-Aufsätzen : Essai sur les legendes pieuses du MA. 
(1843); Les f^s du MA. (1855); Hist. des fordts de la Gaule et de l'anc. 
France (1850); La magie et l'astrologie dans l'antiquit^ et au MA. (3. Aufl. 
1863); Hist. des religions de la Grdce antique (1857^68) etc. [IM 

Griechenland, Bussland. Anfang Dec. 1891 Dmitry Lebe- 
dev. Gustos d. Hsa. u. d. Altdrucke d. öfPentl. Bibl. in Moskau, auch als 
Archäologe verdient. — Am 2. Jan. in Warschau , 51 J. alt, Prof. Jos. 
P e r w o 1 f (Ossip Pervoljv) ; seine Forschungen galten d. Slav. Sprachen u. 
der G. d. SlaT. Völker. — Am 11. Dec. in Charkow, 58 J. alt, Prof. AI. l»o- 
tebnja, bedeutender Slav. Sprachforscher u. fruchtbarer Lit.-historiker. — 
Am 29. Jan. in Athen, 82 J, alt, der Dichter u. Staatsmann AI. R. Ran- 
gab^, früher Griech. Gesandter in Berlin, sehr verdient als eifriger Ver- 



Todesfälle. 187 

mittler zwischen westearop&ischer, besds. auch Deutscher, u. Griech. Lite- 
ratur. Seine eignen Wissenschaft]. Studien galten vomehmlich der Archäo- 
logie; ausserdem aber erschien von ihm eine G. d. Neugriech. Lit. , zu« 
erst 1877 in FranzOs., dann in Deutscher Sprache. — Am 21. März in 
Petersburg, im 55. Lebensj., der Historiker Mich. Semevskij, Redac- 
teur der Zeitschrift Bussk. Stiirina. [lOS 

Matthias von Lexer, Prof. der Deutschen Philologie an der 
Uniy. München, ist im Alter von 61 Jahren am 16. April in Nürnberg 
ganz unerwartet verschieden. L. stand durch seine Arbeiten den Histo- 
rikern, welche sich mit Deutscher Geschichte des späteren Mittelalters 
beschäftigen , besonders nahe. Nach Jahren des Studiums und der Schul- 
thätigkeit begann er seine wissenschaftl. Laufbahn im J. 1860 in Nürn- 
berg mit der sprachlichen Bearbeitung der Nürnberger u. Augsburger 
Chroniken für die Ausgabe der Münchener Conmiission. Daneben gab er 
1862 Endres Tucher's Baumeisterbuch der Stadt Nürnberg heraus und 
20 Jahre später (1882—86) für die Münchener Akademie die Baier. Chro- 
nik Aventin's. Weit wichtiger noch als diese Editionen sind uns seine 
lexikograph. Arbeiten. Im Mittelpunkt derselben steht sein Mittelhoch- 
deutsches Handwörterbuch (8 Bde. 1872—78), ein unentbehrlicher Rath- 
geber für jeden Deutschen Historiker der sich mit dem 13., 14. u. 15. 
Jahrh. beschäftigt Vorausgegangen war diesem Werk ein Wörterbuch 
seines Kärntischen Heimathsdialektes (1862); es folgte ein Mittelhoch- 
deutsches Taschenwörterbuch (1879) , das in 3. sehr erweiterter Auflage 
(1885) ein wahres kleines Juwel für den Handgebrauch ist. Seit ISSO ar- 
beitete L. auch an dem Grimmischen Wörterbuch mit. Kr übernahm da- 
für zunächt den 7. Bd. (N— Q) und führte ihn verhältnissmässig rasdi 
(1889) zum Abschluss, dann wandte er sich dem 11. Bande (T) zu, wo er 
beim Worte Todestag stehen blieb. Vor kurzem erst war L. dem Rufe 
nach München gefolgt Lange Jahre hindurch hatte er in Würzburg ge- 
lehrt. Von Freiburg aus, wo er 1863 Extraordinarius, 1866 Ordinarius 
geworden war, hatte man ihn dortbin gezogen, und verschiedene Beru- 
fungen nach auswärts lehnte er dann ab. Seit 1878 war er Mitglied der 
Münchener Akademie. Auch dem Obersten Schulrath f. Baiern gehörte 
er an, und wir hatten erst vor ^nem Jahre Gelegenheit der Verdienste zu 
gedenken, die er sich dort um die Förderung des Geschiohtsstudiums er- 
worben. [106 



Für die nicht geselchneten Nachrichten Ist auch in diesem Jahrg^ang: der Heraiis- 
Creber aliein yerantwortlieh. Bei Samminng nnd Sichtanff des Materials anterskütst 
denselben besonders Dr. Striedinger. Die Bearbeltnng der Literaturnotizen be- 
sorgt in der Begel Dr. Sommerfeldt, für die diesmaligen Italienischen lieh Dr. 
K aa f m a B in Born seine Hülfe. 



188 



Antiquarische Kataloge. 



Antiquarische Kataloge. 

Nach Mittheilungen von W. Koch in Königsberg. 



Max Anheisser, Stattgart. 
Kat. 54. Qeschichte etc. Englands. 
955 Nrn. 

J. Baer, Frankfurt a. M. Kat. 
290: Architektur, Sculptur a. Kunst- 
gewerbe. (Bibl. V. A. Springer. II.) 
Nr. 1989—4122. — Anzeiger 420. 
G. u. Lit. d. Renaissance (z. Th a. 
Bibl. Springer's). Nr. 2009—2603. 

Ludwig fi a m b e r g , Greifswald. 
Kat. 95. Geschichte nebst Hilfs- 
wissenschaften. 1563 Nrn. 

Richard Bertling, Dresden No. 
18. Kultur- und Sittengeschichte. 
1241 Nrn. 

A. Bielefeld, Karlsruhe. Kat. 
No. 161. Genealogie u. Heraldik 
etc. St&dtegesch. 1139 Nrn. - No. 
164. Auswahl bedeutenderer Werke. 
1461 Nrn. 

F. A. Brockhaus, Leipzig. 
Kat. 118. Staatswissenschaften. 1713 
Nrn. 

Adolf B u r w , Gotha. No. XXVL 
Sachsen und Thüringen. 463 Nrn. 

Otto Harrassowitz, Leipzif^. 
Kat. 177. Geschichte u. Geopraphie 
des neueren Griechenlands. Bjzant. 
Reich u. Osmanenherrschaft 483 
Nrn. 

Alb. Gohn, Berlin. Kat Nr. 200: 
Seltene u. werthv. Bücher aus allen 
Gebieten [ziemlich viel Gesch.]. 
1891 Nrn. 

Hugo Helbing, München. Kat. 
14. Städteansichten, Pläne, Histor. 
Flugblätter. 2138 Nrn. 

Karl W Hirsemann, Leipzig. 
Kat. 88. Russland. 1270 Nrn. 

ü. Hoepli, Milano. Kat. No 77. 
Geschichte. 1483 Nrn. 

S. Kende, Wien. No. 10. Auto- 
graphen und historische Urkunden 



Oesterr., Ung. und Deutscher Adels- 
familien etc. 1086 Nrn. 

List & F ran cke, Leipzig. Kat. 
No. 288. Storia e lett. itauana. 

Ad. M a m p e , Berlin. Kat. XXXI. 
Gesch. 2980 Nrn. 

M. Nijhoff, Haa^. Gatalogue 
d'un choix de pidces historiques cu- 
lieuses et cares des XV. XYI. et 
XVIIe. sidcle. 35 pages. 

J. S che ible , Stuttgart. Kat. 228. 
Kultur- und Sittengeschichte. II. Ab- 
theilung. 1324 Nrn. 

R. Seligsberg, Bayreuth. Kat. 
216. Geschichte und deren Hilfs- 
wissenschaften. Bayer. Landes- und 
Ortsgeschichte. 2510 Nrn. 

Josef Seyberth, München. Kat 
XL Geschichte, Geographie, Reise- 
beschreibungen. 489 Nrn. 

S i m m e 1 , Leipzig. £[at Nr. 146. 
Semitica, Hamitica. 2477 Nrn. 

M. Spirgatis, Leipzig. Nr. 4. 
Handschrr., Incunabeln, Univ.-G., 
Bibliogr. etc. 595 Nrn. — Nr. 5. Ro- 
manica. 727 Nrn. 

Stell & Bader, Freiburg i/B. 
Kat. Nr. 72. Rechtswissenschaft Th. 
III : Kirchenrecht etc. [auch Kirchen- 
G.l 737 Nrn. 

Schweizerisches Antiquariat Ün- 
f 1 a d & von M a a c k , Zürich. 
No. 156. Neueste Erwerbungen von 
Helvetica. 1874 Nrn. 

K. Th. V ö 1 c k e r , Frankfurta/M. 
Kat Nr. 185. Kriegsgesch. , Genea- 
logie 1156 Nrn. — 186. Ornament- 
Stiche u. -Werke. 468 Nrn. 

Osw. W ei gel, Leipzig. N. T. 
Kat. No. 55. Länder-, Völker-, Na- 
turkunde u. Gesch V. Asien, Africa, 
Australien u. Amerika. 1581 Nrn. j 



Die Anfönge Constantin's des Grossen. 

Von 

Otto Seeok. 

(Schluss.) 

Seit seiner Entstehung hatte das Kaiserthum daran gearbeitet, 
die Rechfcsunterschiede der Städte und Provinzen auszugleichen; 
doch die Privilegien der Stadt, welche sich einst den Weltkreis 
unterworfen hatte und ihn noch immer als ihr rechtmässiges 
Eigenthum betrachtete, hatte noch kein Herrscher ernstlich an- 
zutasten gewagt. Alljährlich wurden ungeheure Summen für die 
Fütterung und das Vergnügen des Römischen Pöbels verschleu- 
dert, aber das Geld dazu inussten fast ausschliesslich die Provinzen 
hergeben. Die Hauptstadt selbst war von jeder direkten Steuer 
befreit, wenn sie auch von den indirekten, deren Druck viel 
weniger empfunden wurde, einen gewissen Antheil zu tragen 
hatte. So ungerecht dieser Vorzug war, die Gewohnheit eines 
halben Jahrtausends Hess ihn Jedermann so natürlich und selbst- 
verständlich erscheinen, dass selbst die Provinzialen eine Be- 
steuerung Roms als Frevel betrachtet hätten. Galerius war frei 
von solchen Vorurtheilen ; er wies seinen Caesar Severus an, 
auch die Hauptstadt der Einschätzung zu unterwerfen, die eben 
damals mit einer Grausamkeit gehandhabt wurde, wie sie selbst 
unter Diocletian nicht erlebt worden war^. Auch gegen die 
Bürger der Weltbeherrscherin sollten jetzt Geissei und Folter 
wüthen, um ihnen Geständnisse über ihre Besitzthümer abzu- 
pressen. Man wusste, dass schon die Schatzungsbeamten ernannt 



* Lact, de mort. pers. 23. 
Deutsche Zeitechr. f. Geschichtsw. 1892. VII. 2. 13 



190 0. Seeck. 

wurden S und ein dumpfer, angstvoller Ingrimm gährte in den 
Gassen der Millionenstadt. 

Auch in der kleinen Schaar von Soldaten, die in ihren Mauern 
zurückgeblieben war, herrschte, obgleich sie von jenem Unheil 
nicht betroffen wurden, doch keine bessere Stimmung. Die Prä- 
torianer waren als Leibwache des Herrschers gedacht und hatten 
nur desshalb ihre Quartiere in Rom, weil hier seine ständige 
Residenz war. Seit die Kaiser in den Provinzen hausten, hätte 
ihnen auch die Garde dorthin folgen müssen. Diocletian hatte 
ihre Zahl vermindert ^, scheute aber vor ihrer Abberufung zu- 
rück, vielleicht weil er der Lösung des Kaiserthums von der 
weltgebietenden Stadt keinen so schroffen und unzweideutigen 
Ausdruck geben mochte^, vielleicht auch weil er zur Bändigung 
der ungeheuren Volksmenge, welche sich nur zu leicht zu Tumult 
und Aufruhr fortreissen Hess, eine ansehnliche Truppenmacht für 
erforderlich hielt. Galerius hatte Rom nie gesehn* und war 
mit den dortigen Verhältnissen gänzlich unbekannt; dem logi- 
schen Schlüsse, dass der Soldat die Grenzen zu vertheidigeu 
habe und folglich auch an die Grenzen hingehöre, nicht in das 
Centrum friedlicher Landschaften, stand also bei ihm kein hin- 
derndes Bedenken im Wege. So hatte er beschlossen, das Prä- 
torianerlager aufzulösen; der grösste Theil der Truppen war 
bereits weggerückt und der kleine Rest erwartete die Ordre 
dazu*. Der verwöhnten Soldaten, welche an allen öffentlichen Spen- 
den, an allen Freuden des Circus und Amphitheaters ihren vollen 
Antheil gehabt hatten, harrte jetzt im besten Falle die Lange- 
weile eines kleinstädtischen Garnisondienstes, vielleicht gar ein 
elendes Barackenlager an den kalten Ufern der Donau. Um dies 
Schicksal abzuwenden, wären sie zu jeder Tollkühnheit bereit 
gewesen; doch schien bei ihrer sehr geringen Zahl diese Stimmung 
keine ernste Gefahr zu drohen. 

Auch der höchste Magistrat der Stadt gesellte sich, wie es 



^ Lact, de mort. per». 26. " Vict. Caes. 39, 47. 

' Dass man im Jahre 289 die Trennung des Kaisers von der Reichs- 
hauptstadt noch nicht als definitiv betrachtete, zeigt Eumen. Paneg. II, 13 ff., 
vgl. III, 12. Die praetoriani, welche Lact, de mort. pers. 12 in Nicomedia 
erwähnt, sind die Officialen des Präfectus Prätorio. 

* Lact. 1. c. 27. 

•' Lact. 1. c. 26. 



Die Anfänge Constantin's des Grossen. |91 

scheint, zu den Unzufriedenen ^ Es war eine uralte PraxivS des 
Kaiserthums , diejenigen Beamten, deren Machtstellung sie ge- 
fährlich erscheinen Hess, durch concurrirende Gewalten beobachten 
und schwächen zu lassen. So wurde die Gardepräfectur meist 
collegialisch verwaltet, und jede Provinz, in der Truppen stan- 
den, besass schon seit Augustus einen kaiserlichen Finanzbeamten, 
dessen Competenzen mit denen des Statthalters sich so mannig- 
fach berührten und durchkreuzten, dass Conflicte unvermeidlich 
waren und sich in Folge dessen zwischen den beiden Beauf- 
tragten des Herrschers fast regelmässig ein erbitterter Hass ent- 
wickelte. Dies System des gegenseitigen Hemmens und Be- 
lauerns war von dem misstrauischen Diocletian noch sehr viel 
weiter ausgedehnt worden; namentlich war auch dem Stadtprä- 
fecten, welcher bis dahin in Rom die höchste Gerichtsbarkeit 
und die oberste Polizeigewalt allein besessen hatte, jetzt ein 
Vicar an die Seite gestellt, der ihn von einem Theil seiner Ge- 
schäfte entlasten sollte, ihn aber thatsächlich bei jeder Gelegen- 
heit zu chicaniren, mitunter wohl auch beim Kaiser zu denun- 
ciren pflegte. Diese Rolle war im Jahre 30G dem Präfecten Annius 
Anullinus gegenüber einem gewissen Abellius zugewiesen, der 
als ergebenstes Werkzeug der Kaiser galt*. Wahrscheinlich be- 
stand auch zwischen diesen Männern die übliche Feindschaft, 
und Anullinus scheute selbst vor einem halsbrechenden Wagnis» 
nicht zurück, um an dem verhassten Beobachter Rache zu 
nehmen und sich seiner zu entledigen. 

Da wurden auf Befehl des Galerius die Bildnisse Constan- 
tin's in Rom aufgestellt und seine Ernennung zum Cäsar officiell 
verkündigte Das Gerücht, dass der Sohn des Constantius von 
den Brittannischen Truppen mit dem Purpur bekleidet sei, hatte 



^ Nach dem Chronographen von 354 (Mommsen, Chronica minora 
I S. 66) ifft der Stadtpräfect Annius Anallinus, welchen Galerius ernannt 
hatte, von Mazentius nicht abgesetzt worden, sondern hat auch nach der 
Erhebung desselben noch zehn Monate lang sein Amt weiter verwaltet. Wenn 
ihn aber der Usurpator, wie man hieraus schliessen muss, als ergebenen 
Anhänger betrachtete, so wird auch der weitere Schluss berechtigt sein, 
dass er dem Aufruhr, durch welchen das neue Regiment in Rom begründet 
wurde, zum mindesten nicht sehr energisch entgegengetreten ist. Eine Be- 
stätigung bietet die zweideutige Rolle, welche sein Verwandter, der Prilfectus 
Prätorio des Severus, gespielt hat. Zos. II, 10, 1. 

* Zos. IT, 9, 3. » Zos. IT, 9, 2. 



192 0. Seeck. 

sich wohl schon früher verbreitet; man hatte die Entscheidung 
des Galerius mit Spannung erwartet, und als sie jetzt bekannt 
wurde, zweifelte keiner, dass der Augustus nur widerwillig und 
durch Furcht vor seinen eigenen Soldaten gezwungen die An- 
erkennung der vollendeten Thatsache ausgesprochen habe. Da 
die Rechte des einen Kaisersohnes sich hatten durchsetzen können, 
hefteten sich die Erwartungen der Unzufriedenen alsbald an den 
zweiten Jüngling, dem sein Blut mindestens ebenso hohe An- 
sprüche verlieh. Schnell bildete sich eine Verschwörung unter 
den Officieren der städtischen Truppen, der wohl auch der Prä- 
fect nicht ganz fern stand. Abellius, dessen Widerstand man 
befürchtete , wurde ermordet ^ und Volk und Soldaten , welche 
einer Anreizung kaum bedurft hatten, tobten in wildem Aufruhr ^. 
Ein Prätorianerhaufe zog auf die Labicanische Strasse hinaus, 
in deren Nähe das Landgut, welches Maxentius zum Aufenthalts- 
orte gewählt hatte, gelegen war^. Sechs Millien von Rom ent- 
fernt, in einem städtischen Meierhofe traf man den Prinzen an^, 
bekleidete ihn mit dem Purpur und rief ihn zum Augustus aus*'*. 
Dies geschah am 28. October 30(3, kaum drei Monate, nachdem 
die Rechte des kaiserlichen Blutes in Brittannien ihre erste An- 
erkennung gefunden hatten^. 

Marcus Aurelius Valerius Maxentius war um das Jahr 279 



* Zosim. II, 9, 3; Lact, de iiiort. pevs. 2(). 

2 Vict. Caes. 40, 5. » CIL. XIV, 2825; 2826. 

* Eutrop. X, 2, 3; Vict. epit. 40, 2. 

* Lact. L c: Zonar. Xll, 32; Socr. 1, 2. 

* Nach Eumen. Paneg. IX, 16 und Lact, de mort. pers. 44 hat Maxentius 
an demselben Tage, an welchem er zum Kaiser ausgerufen war, sechs Jahre 
später den Tod gefunden. Die Schlacht an der Milvischen Brücke fand 
nach CIL. 1 S. 352 am 28. Oct. statt. Diesem urkundlichen Zeugniss gegen- 
über kommt der Irrthum des Lactanz, welcher den 27. Oct. nennt, nicht 
in Betracht, namentlich da er sich mit dem zweiten Irrthum verbindet, 
dass die Regierung des Usurpators auf fünf statt auf sechs Jahre angesetzt 
ist. Den Ausgleichungs versuch Mommsen's (CIL. I S. 405) halte ich hier 
nicht für gelungen. Lactanz ist zwar eine ganz vorzügliche Quelle für 
alles, was die Orientalische Reichshälfte, namentlich Bithynien und seine 
Nachbarprovinzen, betrifft, aber in der (leschichte des Westens wimmelt 
seine Darstellung von den gröbsten Fehlern. Es ist besser, dies einfach 
anzuerkennen, als durch gezwungene Inteii)rctationen das Richtige in ihn 
hineinzucorrigiren . 



Die Anfange Constantin*s des Grossen. 193 

geboren ^ also wenig 'älter als Constantin. H'ässlich und un- 
ansehnlich von Gestalt ^ von ebenso viel Hochmuth wie Un- 
fähigkeit, grausam, wollüstig und abergläubisch, besass er ausser 
seiner hohen Geburt keine Eigenschaft, welche die Gemüther der 
ünterthanen an ihn zu fesseln vermocht hätte. Später hat er 
sich freilich auch durch die unsinnige Verschwendung, mit der 
er seine Soldaten wieder und immer wieder reich beschenkte, 
deren Treue und Anhänglichkeit zu erhalten gewusst, obgleich 
er militärisch ganz untüchtig war und seine Heere fast immer 
durch Andere commandiren liess. Einstweilen wusste man von 
ihm im Reiche kaum viel mehr, als dass er der Sohn des Ma- 
ximian und der Schwiegersohn des Galerius war^, aber dies ge- 
nügte, um ihn dem Legitimitätsgefühl der Massen zu empfehlen. 
Ob er mit seinem Willen auf den Thron erhoben ist, darf bei 
einem Menschen, der sich immer als Feigling erwiesen hat*, 
wohl bezweifelt werden; denn damals musste es scheinen, als 
wenn der Römische Aufstand kaum eine andere Folge haben 
könne, als seinen Erwählten auf die Schlachtbank zu liefern. 
Constantin's Unternehmen stützte sich auf ein starkes und sieg- 
gewohntes Heer; Maxentius dagegen besass keinen Schutz als 
eine Handvoll Stadtsoldaten, die ihre kriegerische Tüchtigkeit 
bisher nur.in Circusraufereien und Gassentumulten erprobt hatten. 
Keine andere Hoffnung, seinen Kopf zu retten, blieb ihm übrig, 
als dass sich im Lager des Galerius selbst Stimmen für die 
Rechte des zurückgesetzten Kaisersohnes erheben würden, und 
diese sollte ihn nicht täuschen. Aber er hatte nicht, wie 
Constantin, unter den Soldaten der Grenzheere gelebt. Seine 
Person als solche war ihnen gleichgültig, und welche Anschau- 
ungen über sein Thronrecht unter ihnen herrschten, darüber 
konnten höchstens unsichere Gerüchte zu ihm gedrungen sein. 
Auch ihm selbst mussten also seine Aussichten beinahe ver- 
zweifelt erscheinen, aber der Zwang der Verhältnisse riss ihn 
fort; denn die Krone abzulehnen war noch gefährlicher als sie 
zu behaupten. 



' Jahrbb. f. class. Philol. 1890, S. 025. 

^ Eumen. Paneg. IX, 4. 

3 Ephem. epigr. V ö. 463. 

* Vict. Caes. 40, 20; Julian. Caes. p. :J29A. 



194 0. Seeck. 

Zunächst bewarb auch er sich um die friedliche Anerkennung 
des Galerius. Er nahm daher weder den Augustus- noch den 
Cäsartitel an, sondern nannte sich einfach Princeps, was beides 
bedeuten konnte ^. So blieb es den anerkannten Herrschern über- 
lassen, über seine künftige Stellung innerhalb ihres Gollegiums 
frei zu entscheiden. In dem Diocletianischen Schema fand ein 
dritter Cäsar zwar keinen Raum^ aber im Grunde war die Zahl 
doch gleichgültig. Noch vor anderthalb Jahren bei der Ab- 
dankung Diocletian's hatte man drei der Kaiserlichen Verwaltungs- 
bezirke in ihrem Umfange verändert und damit ihre Begrenzung 
als etwas Unwesentliches anerkannt: warum hätte man also aus 
den vier vorhandenen nicht fünf neue zurechtschneiden können? 
Freilich bedurfte es dazu der Nachgiebigkeit und des guten 
Willens, und diese waren bei Galerius keineswegs zu finden. 
Die Person Constantin's war ihm zwar nicht genehm, aber auch 
nicht durchaus zuwider gewesen; trotzdem hatte er dessen Er- 
hebung nur zugestimmt, weil er musste. Maxentius dagegen 
war ihm tief verhasst und besass scheinbar kein Mittel, um seine 
Ansprüche durchzusetzen. Galerius schwankte daher keinen 
Augenblick^. Sogleich schickte er eilige Botschaft an Severus 
nach Mailand^, dieser solle mit den Truppen, welche er eben 
zur Hand habe, unverzüglich gegen Rom aufbrechen und den 
kindischen Aufruhr der fast waffenlosen Stadt schleunigst im 
Blute seiner Urheber ersticken*. 

Severus gehorchte, und schon nach wenigen Tagen stand 
ein ansehnliches Heer^ unter den Mauern der Hauptstadt, aber 
der Ausgang des scheinbar so leichten Unternehmens sollte 
alle Erwartungen täuschen. Die Hauptmacht des Severus be- 



* Cohen, Medailles imperiales VIP Maxence47; 48; 80; 87; 89; 134. 
Nacli der Besiegung des Severus legte er sich sogleich den Augustustitel 
bei, wie die Münze bei Eckhel VIII S. 26 beweist. 

' Lact, de mort. pers. 26: tres Caesarea facere non poterat. 

^ Lact, de mort. pers. 26 : quo nuntio allato aliquatUum rei novitate tur- 
latus est, nee tarnen nimium territus, Dass Galerius den Severus zu sich 
berief und dann erst gegen Maxentius entsandte, wie Lactanz erzählt, ist 
wegen der Kürze der Zeit, in welcher alle die folgenden Ereignisse sich 
abspielten, unmöglich. 

* Zos. II, 10, 1; vgl. Vict Caes. 40, 6. 

'• Eutrop. X, 2, 4; Vict. Caes. 40, 6; Soor. I, 2. 
® Eumen. Paneg. IX, 3: magnua exercitus. 



Die Anfänge Constantin's des Grossen. 195 

stand aus Afrikanischen Soldaten \ welche im Maurenkriege des 
Jahres 297 unter Maximian gefochten hatten und es für einen 
Frevel hielten, gegen den Sohn und Erben ihres siegreichen 
Kaisers die Waffen zu führen. Als sie nach jenem Kriege in 
Italien landeten (298), und später wieder im Jahre 303 hatten 
sie dem alten Kaiser bei seinen Besuchen in der Hauptstadt das 
Ehrengeleit gegeben, und die Spiele und Bewirthungen , mit 
welchen sie damals gefeiert waren, hatten sich tief ihrem Ge- 
dächtniss eingeprägt und Hessen ihnen Rom als das Paradies 
ihrer Hoffnungen erscheinen^. Dass die Krone des Severus 
eigentlich dem Maxentius gebühre und dieser in seinem Rechte 
sei, wenn er nach dem Beispiel Constantin's das ihm vorenthal- 
tene Erbtheil kühn ergreife, war die Ueberzeugung der ganzen 
Masse. Endlich war derjenige, welcher im Heere die erste Stelle 
nächst dem Kaiser bekleidete und mit den Soldaten in viel 
engerem und unmittelbarerem Verkehr stand als dieser selbst, per- 
sönlich an das Interesse des Maxentius geknüpft. Der Gardepräfect 
AnuUinus war, wie sein Name beweist, ein Verwandter, vielleicht 
gar der leibliche Bruder jenes Stadtpräfecten , der an der Er- 
hebung des Kaisersohnes einen kaum unwesentlichen Antheil 
gehabt hatte und durch den Sieg des Severus zweifellos dem 
Henker verfallen wäre. Da sich dem Maxentius ein solches 
Werkzeug darbot, fiel es ihm nicht schwer, im feindlichen Heere 
grosse Geldsummen unter seinem Namen vertheilen zu lassen ^ 
und so die ohnehin schon günstige Stimmung der Soldaten völlig 
für sich zu gewinnen. Der unvorsichtige Augustus musste er- 
leben, dass fast alle seine Truppen unter Führung des Garde- 
präfecten selbst in's Lager des Feindes übergingen*. Mit dem 
kleinen Reste, der ihm die Treue noch bewahrte, floh er eilig 
nach Norden, vermuthlich in der Absicht, sich über die Alpen 
auf die Macht des Galerius zurückzuziehen. Da aber Maxentius 
mit dem neugewonnenen Heere ihm auf den Fersen folgte, 
konnte er sein Ziel nicht mehr erreichen, sondern musste unter- 



> Zos. U, 10, 1. 

* Lact, de mort. pers. 26; vgl. Eumen. Paneg. VI, 8. 
^ Zos. II, 10, 1; Vict. Caes. 40, 7. 

* Eumen. Paneg. VI, 10; IX, .3; 15; Lact, de mort. pers. 26; Anon. 
Vales. 4, 9; Eutrop. X, 2, 4; Vict. Caes. 40, 7: Euseb. vita Const. I, 26; 
Socr. I, 2. 



196 0. Seeck. 

wegs hinter den Mauern von Ravenna Schutz suchen^. Die 
Festung war auf der Landseite durch ausgedehnte Sümpfe gegen 
jeden Angriff gesichert und beherrschte durch die Flotte, welche 
hier stationirt war, zugleich das Meer, so dass es den Ein- 
geschlossenen an der nöthigen Zufuhr nicht fehlen konnte. Mit- 
hin durfte Severus hoffen, sich so lange gegen die Belagerer zu 
halten, bis sein Mitaugustus zum Entsatz heranrücke. 

Als Maxentius die erste Nachricht erhielt, dass Severus auf 
Rom ziehe, musste ihm seine Lage so gut wie hofinungslos er- 
scheinen. Obgleich er sich durch trotzigen Hochmuth auch seinem 
Vater längst verhasst gemacht hatte ^, meinte er doch in diesem 
den einzig möglichen Retter zu erblicken. So sandte er ihm 
denn ein Purpurgewand und forderte ihn auf, die Herrschaft aufs 
neue zu ergreifen und kraft seiner alten Autorität dem Severus 
Einhalt zu gebieten ^. Dem rührigen Greise war die Unthätig- 
keit längst unerträglich geworden; seine Abdankung hatte er 
schon oft bitter bereut, doch war zunächst der alte Respect vor 
seinem früheren Mitregenten in ihm noch zu mächtig, als dass 
er sie ohne dessen Zustimmung rückgängig zu machen wagte. 
Als auf dem Landgute in Süditalien S wo er in missvergnügter 
Ruhe seine Tage hinschleppte, die Boten seines Sohnes an- 
langten, nahm er den Purpur aus ihren Händen nicht ohne 
Weiteres an, sondern schrieb zuerst an Diocletian und stellte 
ihm vor, in welche Verwirrung das Reich durch ihre Abdankung 
gestürzt sei und wie nur ihre gemeinsame Rückkehr auf den 
Thron ihm die Ruhe wiedergeben könne ^. Ohne die Antwort 
abzuwarten, eilte er dann nach Rom, wo er einstweilen noch als 
Privatmann für die Rettung seines Sohnes zu wirken gedachte®. 



* Lact. 1. c. 26; Anon. Vales. 4, 9; Zos. II, 10, 1; Eutrop. X, 2, 4; 
Vict. Caes. 40, 7. 

^ Lact. L c. 18; Vict. epit. 40, 14. 
' Lact. 1. c. 26; Anon. Vales. 4, 10. 

* Nach Lact. L c. 26 lag es in Campanien, nach Zos. II, 10, 2; Zon. XII, 
32; Eutr. IX, 27, 2; X, 2, 3 in Lucanien. Wahrscheinlich befand es sich 
an der Grenze der beiden Provinzen. Wenn Eumenius (Paneg. VI, 11) von 
einem Suburbanum spricht, so beruht dies wohl nur auf der geringen Kennt- 
niss des Galliers von der Italischen Chorographie. 

^ Eutrop. X, 2, 3; Zon. XII, 33. 

* Eumen. Paneg. VI, 10: cum ad sedandos animos auctoritatem privati 
prindpis adUdisses. 



Die Anfange Constantin's des Grossen. 197 

Noch ehe er ankam, war die Gefahr vorüber; Severus 
befand sich auf der Flucht, Maxentius auf der Verfolgung. Da 
dieser seines Vaters jetzt nicht mehr bedurfte, hätte er es gewiss 
viel lieber gesehen, wenn der Alte geblieben wäre, wo er war; 
denn wozu sollte er die Regierung, welche er allein hätte be- 
haupten können, mit einem herrischen Greise theilen ? Aber der 
Senat hatte einmal die Parole empfangen, dass Maximian zum 
Wiederergreifen der höchsten Gewalt veiranlasst werden solle, 
und da Maxentius abwesend war, konnte er nicht zu rechter 
Zeit hindernd eingreifen. So bestürmte denn die hohe Körper- 
schaft den früheren Kaiser mit ihren Bitten, erklärte es feier- 
lich für seine Pflicht, das Reich in so bedrohtem Zustande 
nicht länger seiner Fürsorge entbehren zu lassen, und bald durften 
es die officiellen Lobredner preisen, dass Maximian sich dem 
Rufe, welchen seine Mutter, die hehre Roma, durch ihre Ver- 
treter an ihn richtete, nicht in selbstischem Ruhebedürfniss ent- 
zogen habe^ Volk und Senat brachten den Göttern feierliche 
Gelübde dar, damit sie dem Kaiser auch das dritte Jahrzehnt 
seiner Herrschaft glücklich zu vollenden gestatteten ^, und die 
Vorschrift, dass jede Regierung mit ihren Vicennalien enden 
müsse, war damit in aller Form zu Grabe getragen. Aufs neue 
mit dem Purpur geschmückt, erschien Maximian im Lager vor 
Ravenna, wo er die Entscheidung herbeiführen sollte. 

Severus war durch seine kampflose Niederlage tief entmuthigt. 
Der Winter war hereingebrochen und hatte wahrscheinlich die Alpen- 
pässe ungangbar gemacht, wodurch der Anmarsch des Galerius 
Monate lang verzögert werden konnte. Waren seine meisten 
Truppen zu Maxentius übergegangen, nur weil dieser sich den 
Sohn Maximian's nannte, wie konnte Severus auf die Treue der übrig 
gebliebenen rechnen, wenn ihr alter Herrscher selbst ihnen ent- 
gegentrat? So liess er sich zu Unterhandlungen bereit finden, 
und als Maximian ihm eidlich versprach, dass sein Leben nicht 



* Enmen. Paneg. VI, 10 ff. Wenn Roma redend and bittend eingeführt 
wird, 80 kann damit hier, wie bei allen andern Schriftstellern dieser Zeit 
(vgl. Forsch, z. Dt. Gesch. XXIV S. 177), nur der Senat gemeint sein. Denn 
dieser war die einzige Körperschaft, welche im Namen der Hauptstadt zu 
sprechen befugt war. 

^ Die Münze, auf welcher der felix ingressus 8en(iori8) Aug(u8ti) zu- 
gleich mit dessen vota tricennalia gefeiert wird, bei Eckhel VIII S. 26. 



198 0. Seeck. 

angetastet werden solle, lieferte er die Festung und sich selbst 
in die Hände seiner Feinde aus ^ Maxentius stellte den Mann, 
der eben noch den Purpur getragen hatte, in höhnischem Ueber- 
niuthe dem Pöbel Roms als Gefangenen zur Schau und inter- 
uirte ihn dann in einem Dorfe an der Appischen Strasse ^, um 
ihn gegen Galerius als Geissei benutzen zu können. Denn diesen 
fürchtete er noch immer und hütete sich wohl, ihm gegenüber 
jede Brücke zu einer Verständigung abzubrechen. Noch am 
1. Januar 307 hatte er an Stelle des Severus, der diesem Jahre 
gemeinsam mit Maximinus im Orient den Namen gab, in Rom 
den Galerius als Consul verkündigen lassen und annullirte diese 
Ehrenbezeugung nicht früher, als bis mit dem Anbruch des 
Frühlings das Donauheer sich gegen Italien in Bewegung. setzte^. 
Die Truppen des Orients und der Donaüprovinzen hatten 
theils gar nicht, theils nur sehr vorübergehend unter dem un- 
mittelbaren Befehl des alten Maximian gestanden. Sie konnten 
gewissermassen als die Hausmacht des Galerius gelten, unter 
dessen Führung die einen den grossen Perserkrieg, die anderen 
zahlreiche Sarmatenkämpfe ausgefochten hatten. Dass sie sich 
ebenso unzuverlässig erweisen würden, wie das Heer des Severus, 
war also durchaus nicht zu erwarten. Maxentius und sein Vater 
waren jetzt in Italien die unbestrittenen Gebieter, aber so an- 
sehnlich die Macht auch war, welche sich hier in ihren Händen 
befand, den vereinigten Legionen der ganzen östlichen Reichs- 
hälfte hätte sie unter normalen Verhältnissen gewiss nicht wider- 
stehen können. Da es zum mindesten zweifelhaft war, ob Ga- 
lerius sich durch die nichtssagenden Höflichkeiten der Römischen 
Machthaber zum Nachgeben werde bestimmen lassen, so musste 
man gegen ihn nach einem Bundesgenossen suchen, und als 
solcher bot sich Constantin von selber dar*. War doch auch er 
gegen den Willen des Augustus, wenngleich nicht ohne dessen 
nachträgliche Zustimmung, auf den Thron erhoben, und das 
Princip des Erbrechts nach dem Blute, dem er selbst seine 



* Lact, de mort. pars. 26; Aoon. Vales. 4, 10; Zoe. 11, 10, 2. 
' Anon. Vales. 4, 10; Zos. II, 10, 2; Vict. epit. 40, 3. 

' Chronogr. v. 354, S. 66. Die Conauln, welche im Orient verkündet 
wurden, lehrt uns das Verzeichniss bei Dindorf, Ohronicon Paschale II 
S. 178 kennen. 

* Lact, de mort. pers. 27. 



Die Anfänge Constantin's des Grossen. 199 

Krone verdankte, musste er auch in der Person des Maxentius 
zu schützen geneigt sein. Wenn aber in dem bevorstehenden 
Bürgerkriege der ganze Westen gegen den Osten zusammenhielt, 
so standen die Chancen gleich. Während sein Sohn nach Rom 
zurückkehrte, eilte daher Maximian von Ravenna aus sogleich 
über die Alpen \ um Constantin, der noch immer im südlichen 
Gallien verweilte und die Entwicklung der Italienischen Ereig- 
nisse unthätig beobachtete, auf ihre Seite herüberzuziehen. 

Dieser schlug auch jetzt den Weg ein, der ihm am besten 
geeignet schien, das Princip der legalen Thronfolge aufrecht zu 
erhalten und zu befestigen. Ob Maximian befugt gewesen wäre, 
die Herrschaft, nachdem er sie freiwillig niedergelegt hatte, aus 
eigener Machtvollkommenheit wieder an sich zu reissen, konnte 
vielleicht bezweifelt werden; denn welche Rechte einem ab- 
gedankten Kaiser zustanden, liess sich weder durch Gesetze noch 
durch Präcedenzfälle entscheiden^. Aber der Senat, dessen Wahl- 
recht unbestritten war^ hatte ihm die Krone angeboten, und 
Constantin hätte es am wenigsten geziemt, dem Greise, der seinen 
Vater adoptirt und auf den Thron erhoben hatte, die Anerkennung 
zu versagen. Bestand aber die neuerworbene Gewalt des Maxi- 
mian zu Recht, so konnte auch kein Zweifel sein, dass ihm die 
erste Stelle im Herrschercollegium gebühre und alle anderen 
Augusti und Cäsares ihm Gehorsam schuldig seien. Wenn er 
die Wahl des Maxentius legalisirt hatte, war keiner mehr be- 
fugt, sie anzufechten. Constantin liess daher auch ohne Zögern 
Münzen schlagen, deren Umschrift die beiden Beherrscher Italiens 
als regierende Augusti anerkannte^. Als Maximian in Gallien 
eintraf, empfing ihn sein Enkel mit offenen Armen und gab ihm 
die Zusicherung, dass seine berechtigten Ansprüche des Schutzes 
der Rheinlegionen gewiss sein könnten. Zum Danke verlangte 
er nur, dass der Augustustitel, den er ja schon von den Truppen 
empfangen hatte, ihm durch den alten Kaiser aufs neue ver- 
liehen werde*, damit er hinter Maxentius, welchem er an that- 



* Zog. II, 10, 5. Dies Stück ist eine aus anderer Quelle entnommene 
Doublette der Ereignisse, welche zwischen der Gefangennahme des Severus 
und dem Congresse von Carnuntum liegen. 

2 Vgl. Eumen. Paneg. VI, 12. 

' Zeitschr. f. Numismatik XVII S. 48. 

* Eumen. Paneg. VI, 1; 5; 7. 



200 0. Seeck. 

sächlicher Macht weit überlegen war, auch an Würde nicht 
zurückstehe. Zugleich wünschte er die Familienbande, welche 
ihn mit dem Kaiserhause verknüpften, noch fester zu schlingen, 
indem er Fausta, die Tochter Maximian'«, die ihm schon als 
kleines Kind verlobt gewesen und jetzt zur Jungfrau heran- 
geblüht war, endlich als Gattin heimführte. Beide Forderungen 
erschienen billig und wurden ohne Weiteres zugestanden. 

Wäre der Plan, welchen Constantin damals wahrscheinlich 
hegte, unverändert zur Ausführung gekommen, so hätte die Ver- 
fassung des Reiches wohl folgende Gestalt gewonnen. Die Cäsaren- 
würde wäre ganz beseitigt gewesen. Vier jüngere Augusti hätten 
in derjenigen Vertheilung, welche thatsächlich schon bestand, 
das Reich verwaltet, aber die Einheit desselben hätte in einem 
fünften ältesten ihre Verkörperung gefunden, der ohne eigenes 
Gebiet über den Collegen thronte und ihnen seine Befehle aus- 
theilte^ Ihm hätte es auch obgelegen, den Ersatzmann zu be- 
stellen, falls einer der Viere mit dem Tode abgingt; doch wäre 
er, so lange Leibeserben der Kaiser vorhanden waren, in seiner 
Auswahl an diese gebunden gewesen-*. Starb er selbst, so wäre 
der Nächstälteste an seine Stelle getreten und hätte seinerseits 
die Zahl des CoUegiums vervollständigt. Dieser Verfassungsplan 
bewahrte von dem Diocletianischen System die Vierzahl der Ver- 
waltungsbezirke und mit ihr die Allgegenwart der Kaisergewalt 
an jeder gefährdeten Grenze, ferner den entscheidenden Grund- 
satz, dass der Herrscher nur durch den Herrscher, nicht durch 
die Truppen zu erwählen sei. Auch die Regel, dass jeder 
Augustus, der lange genug lebte, vor seinem Tode in den Ruhe- 
stand treten müsse , war in gewissem Sinne aufrecht erhalten. 
Denn wenn beim Abscheiden seines Vordermannes der älteste 
von den übrigbleibenden Kaisern jedesmal auf die Verwaltung 
seines Reichstheils verzichten und dafür ein allgemeines Recht 
des höchsten Befehls und der Oberaufsicht eintauschen sollte, so 
erhielt er im Vergleich mit seiner früheren Thätigkeit eine Art 
von Ruheposten, welcher freilich sein Ansehen und seine Macht 

^ Die Stellung dieses ältesten Augustus skizzirt Eumen. Paneg. VI, 14; 
vgl. 3. 

^ Eumen. Paneg. VI, 7: tu potes imperium, Maximiane j donave , non 
potes non habere. 

^ Eumen. Paneg. VI, 2. 



Die Anfange Constantin'H des Grossen. 201 

nicht minderte, sondern erhöhte ^ Dass Blutsverwandtschaft und 
Verschwttgerung wieder in ihre Rechte eingesetzt wurden, war 
nur ein Zurückgreifen auf Diocletian's frühere Pläne. Dagegen 
fiel der Termin der Vicennalien und die Künstlichkeit der vier- 
fachen Abstufung nach dem Alter der Augusti und Cäsares. 
Denn die vier jüngeren Herrscher sollten gleichstehen und ihre 
Bezirke selbständig von einander verwalten. Brach ein Conflict 
zwischen ihnen aus, so sollte nicht der jedesmal ältere der 
Streitenden zu befehlen haben, sondern die Entscheidung des 
obersten Augustus sollte angerufen werden. Da dieser durch 
»seine Loslösung von den einzelnen Reichstheilen von allen Parti- 
cularinteressen frei war, durfte man bei ihm Unparteilichkeit 
voraussetzen. Verweigerte ihm ein College den Gehorsam, so 
besass er zwar keine selbständige Macht, um ihn zu erzwingen, 
aber in der Kegel mussten ihm die übrigen drei Augusti mit 
ihren Heeren zur Verfügung stehen. Ohne Zweifel war auch 
dieses System etwas künstlich ausgeklügelt, doch wenn man die 
Theilung der Kaisergewalt als etwas Unvermeidliches betrachtete, 
so war es unter den gegebenen Umständen das denkbar beste. 
Die Reibungen zwischen den zahlreichen Herrschern konnte es 
zwar nicht ganz aufheben, musste sie aber wesentlich vermindern, 
und was die Hauptsache war, es schloss sich aufs engste an die 
bestehenden Zustände an und suchte diese nur in eine dauernde 
Form zu bringen. Denn vier Kaiser, von denen jeder seinen 
Reichstheil ohne Rücksicht auf den andern beherrschte und die 
alle mit Ausnahme Maximian's, bei welchem solche Wünsche noch 
nicht öffentlich hervorgetreten waren, den Augustustitel für sich 
in Anspruch nahmen, hatte man ja schon thatsächlich , und zu 
ihnen war kürzlich der fünfte hinzugetreten, welcher kein eigenes 
Gebiet besass, aber durch seine Vergangenheit zu einer Ober- 
herrschaft über die andern wohl befugt erschien. 

Dieser Plan wäre also nicht so übel gewesen, doch stiess 
er schon bei Maximian auf Schwierigkeiten. Die Stellung des 
beherrschenden Oberkaisers wollte er sich zwar gern gefallen 
lassen, im Uebrigen aber war er von der Trefflichkeit des 
Diocletianischen Systems zu fest überzeugt, um mehr, als 



* Dass für die Folgezeit von einer Abdankung der Kaiser nicht mehr 
die Rede sein sollte, sagt Eumen. Paneg. VI, 9. 



202 0. Seeck. 

• 
unumgänglich nöthig war, daran zu ändern. Namentlich das 

Institut der Cäsares, das sich durch die Fügsamkeit des Con- 
stantius für ihn selbst höchst bequem erwiesen hatte, wollte er 
nicht beseitigen. Dass Constantin nicht hinter Maxentius zurück- 
stehen könne, musste der Alte freilich einsehen. Denn einer- 
seits war er früher zum Kaiser ausgerufen, hatte also das Recht 
der Anciennität für sich, welches nach Diocletian's Ordnung 
über den Rang der Herrscher entschied; andererseits — und 
dies war die Hauptsache — schien seine militärische Hilfe da- 
mals noch unentbehrlich. So beschloss denn Maximian, seinen 
Sohn wieder zum Cäsar zu degradiren^, was dieser sich natür- 
lich nicht gefallen Hess. Es kam zu sehr gereizten Verhand- 
lungen und bald zum offenen Bruche. Als im Frühling 307 
gleichzeitig die Erhebung Constantin's zum Augustus und seine 
Hochzeit mit der Fausta gefeiert wurde*, wagte der Festredner 
den Namen des Maxentius vor den beiden Kaisern nicht einmal 
mehr zu nennend 

Auch von Galerius liess sich nicht erwarten, dass er die 
Oberherrschaft Maximian's, gegen welche er sich schon als Cäsar 
aufgelehnt hatte, jetzt, nachdem er selbst eine Zeitlang ältester 
Augustus gewesen war, gutwillig werde über sich ergehen lassen. 
Er hatte den Winter benutzt, um östlich der Alpenpässe eine 
sehr bedeutende Truppenmacht zusammenzuziehen*, und drang, 
sobald die Jahreszeit es erlaubte^, damit in Italien ein. Au'fs 
neue war Maxentius in der grössten Gefahr. Die Hilfe Con- 
stantin's hatte er verscherzt und das Heer, welches er dem Se- 
verus geraubt hatte, konnte sich mit dem des Galerius nicht 
messen. So wagte er nicht, ihm im offenen Felde entgegen zu 
treten, sondern hielt seine Macht hinter den Mauern Roms con- 



* Zeitschr. f. Numismatik XVII S. 125 Anm. 2. 

^ Eumen. Paneg. VI, 1. Die Zeit der Rede bestimmt sich dadurch, 
dass § 12 der Angriff des Galerius auf Italien noch als bevorstehend erwähnt 
wird. Vgl. Lact, de mort. pers. 27; Zos. II, 10, G; Vict. epit. 40, 12; Zon. 
XII, 83; XIII, 1. 

3 Zeitschr. f. Numism. XVII S. 48. 

* Eumen. Paneg. IX, 3; Anon. Vales. 3, 6. 

* Seit dem April 307 erkannte, nach dem Chronographen, Maxentius 
die Herrscher des Orients nicht mehr als Consuln an. Ohne Zweifel war 
es der Beginn der Feindseligkeiten durch Galerius, welcher ihn dazu vei> 
anlasste. 



^ 



Die Anfänge Constantin's des Grossen. 203 

centrirt. Einstweilen entlud er seinen feigen Zorn gegen den 
unglücklichen Severus und liess ihn den Eriegszug, welcher zu 
seiner Wiedereinsetzung unternommen war, mit dem Tode büssen^. 
Inzwischen gelangte der Feind ungehindert bis vor die 
Thore Roms, um erst hier wahrzunehmen, dass die Aufgabe, 
welche er sich gestellt hatte, mit den vorhandenen Mitteln un- 
lösbar sei. Von dem Umfange der gewaltigen Stadt hatte Qa- 
lerius keine Ahnung gehabt ; so gross sein Heer auch war, reichte 
es doch nicht entfernt aus, um den Mauerring einzuschliessen^ 
und einen Handstreich gegen die starken Befestigungen, die von 
einer mehr als ausreichenden Truppenzahl besetzt waren, mochte 
er nicht wagen. Denn die Wirkung, welche eine Schlappe auf 
die Stimmung seiner Soldat.en ausüben konnte, war unberechen- 
bar. Rathlos blieb er eine Zeitlang stehen, bis die Meuterei 
auch in seinen Truppen sich zu regen begann. Für diese war 
Maxentius ja legitimer Herrscher, und dass der Schwiegervater 
sich gegen die Rechte des Eidams auflehnte, der Römische Kaiser 
Rom mit Mord und Brand bedrohte, erschien ihnen frevelhaft. 
Schon gingen einzelne Abtheilungen zum Feinde über^ und auch 
die Masse des Heeres war missvergnügt und schwankend. 6a- 
lerius sah mit Entsetzen das Schicksal des Severus vor sich. 
Durch Weinen und fussfälliges Flehen suchte er das Mitleid der 
Soldaten wachzurufen, durch grosse Versprechungen ihren Eigen- 
nutz an sich zu fesseln, und sein Bemühen war nicht ganz ver- 
geblich. Als sie die unförmliche Gestalt des alten Mannes, der 
sie so oft zum Siege geführt hatte, sich vor ihnen im Staube 
krümmen sahen und sein klägliches Bitten hörten, sie möchten 
ihn nicht einem unerbittlichen Feinde zu sicherem Tode preis- 
geben, da wurden auch die Herzen der harten Söldner von Rüh- 
rung ergriffen. Sie stellten sich willig wieder in seine Dienste* 
und liessen sich von ihm einige Meilen rückwärts nachTerni führen. 

* Die Zeit seines Todes gibt Anon. Vales. 4, 10; Hydat. fast. a. 307; 
die Umstände desselben werden sehr verschieden überliefert; Lact, de mort. 
pers. 26; Zos. II, 10, 2; Eutrop. X, 2, 4; Vict. Caes. 40, 7; epit. 40, 3; 
Chron. von 354 S. 148. Wahrscheinlich drangen darüber nur unsichere 
Gerüchte in die Oeffentlichkeit. 

' Lact, de mort. pers. 27. 

* Eumen. Paneg. IX, 3; 15; Lact, de mort. pers. 27; Anon. Vales. 3, 
7 Zos. II, 10, 3; Vict. Caes. 40, 9; Zon. XII, 34; Euseb. vit. Const. I, 26. 

* Lact, de mort. pers. 27. 



204 0. Seeck. 

Als seine Soldaten der unmittelbaren Berührung mit den Ver- 
führern in der Hauptstadt entzogen waren, wagte es Galerius, 
aufs neue Halt zu machen und mit Maxentius in Unterhandlung 
zu treten. Er verlangte jetzt nichts weiter, als dass dieser ihn 
zum zweiten Male um seine Anerkennung bitte, und indem er 
die Krone aus seiner Hand entgegennehme, das Ansehen des 
ohne Schwertstreich Geschlagenen vor dessen eigenen Truppen 
wiederherstelle. Doch was vor Kurzem noch das höchste Ziel 
von Maxentius' Wünschen gewesen war, wurde jetzt mit Hohn 
zurückgewiesen ^ 

Der herrschgewohnte Augustus musste sich auch diese 
Demüthigung gefallen lassen. Als die Verhandlungen gescheitert 
waren, setzte er schleunigst den Rückzug fort, in heller Angst, 
dass er, wie Severus, verfolgt werden könne. Denn in seinem 
Heere war jede Mannszucht, jede Achtung vor den Befehlen des 
Herrschers geschwunden; es bildete nur noch eine wüste, ord- 
nungslose Masse, die trotz ihrer grossen Zahl selbst dem Angriff 
einer kleinen Macht nicht hätte widerstehen können. Aber 
Maxentius war zu feige, um seinen Vortheil auszunutzen. Dem 
Severus hatte er nachgesetzt, weil seine Ohnmacht augenschein- 
lich war; ein Heer, das an Kopfzahl dem seinen immer noch 
überlegen blieb, griff er ohne Noth nicht an. Er freute sich, 
dass es ihm persönlich nichts mehr that, und überliess Italien 
ohne jede Vertheidigung einem ganz unmenschlichen Plündern, 
Morden und Sengen. Denn den Ausschreitungen seiner auf- 
gelösten Banden Einhalt zu thun, hätte Galerius nicht gewagt, 
selbst wenn er es gewollt hätte. Zudem hielt er es für das 
beste Mittel , einer Verfolgung vorzubeugen , wenn alles Land, 
das der Feind durchziehen musste, vorher zur Wüste gemacht 
war, und der Römische Kaiser gab ohne Bedenken weite und 
blühende Landschaften Italiens dem Verderben preis, nur um 
seine dicke Person vor einer eingebildeten Gefahr zu schützen '^. 

Wie anders Constantin, den die moderne Geschichtschreibung 
als gewissenlosen Egoisten zu charakterisiren liebt! Maximian, 
seines alten Hasses gegen Galerius eingedenk, trieb und drängte, 
dass er diesen auf dem Rückzuge überfallen und sich seines 
Reichstheils bemächtigen solle ^. Das Unternehmen wäre aus- 

^ Anon. Vales. 3, 6 ff. * Lact. 1. c; Anon. Val. 1. c. 

« Zosim. II, 10, 6. 



Die Anfänge Constantin's des Grossen. 205 

sichtsreich im höchsten Grade gewesen. Da die zuchtlos plün- 
dernde Masse des Donauheeres sich nur sehr langsam vorwärts 
wälzte, so hätte Gonstantin, der in Südgallien stand, mit seinen 
wohldisciplinirten und leistungsfähigen Truppen wahrscheinlich 
früher am Fusse der Julischen Alpen eintreffen können als Ga- 
lerius. Denn vorher grosse Massen zu concentriren , war un- 
nothig; auch eine kleine, aber gut geführte Schaar hätte genügt, 
um jene aufgelösten Banden in alle vier Winde zu zerstreuen, 
und Gonstantin hat sich vor dem Angriff auf weit überlegene 
Heere bekanntlich nie gescheut. Aber selbst wenn er sich Zeit 
Hess und den Fliehenden nicht abschnitt, sondern erst im Gebiet 
der Save oder der Donau einholte, war ihm der Sieg so gut wie 
gewiss. Denn die Hauptmacht der Illyrischen Provinzen war ja 
nach Italien geführt und dort beinahe kampfunfähig geworden, 
und der kleinere Rest stand in weit zerstreuten Quartieren am 
ganzen Laufe der Donau vertheilt, konnte also schwerlich noch 
zu rechter Zeit zusammengezogen werden. Und wenn das Wag- 
niss auch grösser gewesen wäre, der Preis war seiner werth. 
Nach Vernichtung des Galerius hätte Gonstantin ausser seinen 
alten Provinzen den Lauf der Donau von der Quelle bis zur 
MünduDg, die ganze Balkanhalbinsel und ausserdem noch Ober- 
italien beherrscht. Da Afrika dem alten Maximian blind ergeben 
war, v^äre Maxentius auf die Italische Halbinsel südlich des 
Appennin beschränkt geblieben, und hier konnte er sich kaum 
ein paar Monate halten. Denn die Komproduction dieses Landes 
genügte schon seit Jahrhunderten nicht mehr, um seine Bewohner 
zu ernähren; nach den Verwüstungen des Galerius musste dies 
erst recht der Fall sein. Der Afrikanischen Zufuhren beraubt, 
wäre das Heer in Rom ohne Belagerung ausgehungert worden 
oder es hätte sich zu einem Verzweiflungskampfe den weit über- 
legenen Massen der vereinigten Rhein- und Donautruppen ent- 
gegenstellen müssen. Dann wäre nur noch Maximinus Daja zu 
besiegen übrig geblieben, falls er sich nicht, die Uebermacht des 
Gegners erkennend, freiwillig unterwarf. Wäre also Gonstantin 
dem Rathe seines Schwiegervaters gefolgt, so hätte er die Allein- 
herrschaft, um welche er noch siebzehn Jahre ringen sollte, 
schon jetzt gewinnen können, und dass es ihm nicht an Muth 
zu einem so kühnen Vorgehen fehlte, hat er genugsam bewiesen. 
Trotzdem blieb er als unthätiger Zuschauer in Gallien stehen 

Deutsche Zeitschr. f. Geschichtsw. 1892. VII. 2. 14 



206 0. Seeck. 

und hat auch die nächsten fOnf Jahre an dieser passiven Rolle^ 
die seiner feurigen Natur so wenig entsprach, entschlossen fest- 
gehalten. Und während dieser ganzen Zeit, d. h. so lange noch 
ein älterer Augustus als er selbst vorhanden war, hat er sich 
nicht einmal das Recht einer selbständigen Gesetzgebung an- 
gemasst, sondern diese Prärogative in hochherziger Bescheiden- 
heit immer demjenigen überlassen, welchem sie nach dem Dio- 
cletianischen System zukam ^. In dem damaligen Stadium seiner 
politischen Entwicklung wünschte er also die Alleinherrschaft 
noch gar nicht, sondern betrachtete die Mitregentschaft als eine 
Nothwendigkeit. 

Um diese in eine geregelte und Dauer versprechende Form 
zurückzuführen, war es vor allem nöthig, dass Maxentius, welcher 
der jüngste der Augusti war, aber nach seinen neuesten Erfolgen 
sich weniger denn je einer Autorität fügen wollte, endlich zur 
Vernunft gebracht werde. Dieser Aufgabe unterzog sich Maxi- 
mian. Besass er doch, wie er meinte, in der Treue seiner alten 
Truppen, die sie durch den Abfall zu seinem Sohne bewiesen 
hatten, nöthigen Falles auch die Macht zu befehlen, wo er kein 
gutwilliges Nachgeben fand^. Der Uebermuth des Maxentius 
war so hoch gestiegen, dass er seinem Vater nicht einmal die 
leere Höflichkeit erwiesen hatte, das Consulat, welches dieser 
kürzlich mit Gonstantin gemeinsam angetreten hatte, in Ilom 
verkündigen zu lassen ^. Dem alten Kaiser die Aufnahme zu 
versagen, wagte er zwar nicht, doch musste dieser gleich von 
Anfang an wahrnehmen, dass er entweder gar keinen oder nur 
zögernden Gehorsam fand. Eine Zeitlang versuchte er es, die 
Bolle des obersten Augustus, wie Gonstantin sie ihm zugetheilt 
hatte, in Rom zu spielen, das als Mittelpunkt des Reiches für 
ihn ja die gegebene Residenz schien; doch bald überzeugte er 
sich, dass sein Sohn am wenigsten zu ihrer Anerkennung geneigt 
war. Keine Unterhandlung mit ihm wollte zum Ziele führen,, 
und in Kurzem stieg die Erbitterung zwischen dem heftigen und 
anspruchsvollen Greise und seinem Sprössling, der ihm leider nur 
zu ähnlich war, bis zum höchsten Gipfel. 

* Zeitschr. f. Rechtsgesch. X S. 177 ff. 
' Lact, de mort. pars. 28. 

' Dies beweist die Liste des Chronographen S. 67 und De Rossi» 
Inscript. Christ, urbis Romae I, 29; 30. 



Die Anfänge Constantin's des Grossen. 207 

In Maximian reifte unter diesen Umständen der Plan, den 
undankbaren seines Thrones wieder zu berauben, was auszuführen 
ihm ein Leichtes schien. Ohne den Zweck anzugeben, berief er 
das lleer zu einer Versammlung. Auch sein Sohn wollte der 
Staatsaction, deren Grund er nicht kannte, beiwohnen; denn da 
er nichts Gutes ahnen mochte, konnte er auf das Geltendmachen 
seines persönlichen Einflusses bei den Soldaten nicht verzichten. 
Auf erhöhtem Platze standen die beiden Kaiser vor den er- 
wartungsvollen Truppen, die von einer neugierigen Volksmenge 
dicht umdrängt waren. Maximian nahm das Wort. In bewegter 
Rede schilderte er die Verwirrung, welche seit seiner Abdankung 
über das Reich hereingebrochen war; dann rief er, plötzlich zu 
seinem Sohne gewandt, dieser sei der Urheber alles Unglücks, 
seine Erhebung sei der Grund der Leiden, welche den Staat be- 
troffen hätten, und risa bei diesen Worten den Purpur von den 
Schultern des Maxentius. Starr vor Staunen blickte die Menge 
auf diese bedeutungsvolle Handlung. Aber der Alte hatte sich 
das Publikum für seine Expectorationen schlecht gewählt. Die 
Verwirrung, welche er beklagte, war ja keinem willkommener 
gewesen, als den Soldaten, denen sie die Taschen mit unend- 
lichen Geldspenden gefüllt und eine Garnison verschafft hatte, 
wie keine bessere zu denken war. Wenn er seinen Sohn ver- 
drängte, wer schützte sie davor, dass er nicht wieder seine Resi- 
denz in Mailand nahm, und dann war es für die Mehrzahl von 
ihnen, wenn nicht gar für alle, mit dem lustigen Lotterleben der 
Hauptstadt vorbei. Als daher Maxentius vom Tribunal herab 
sich in die Arme der ihn auffangenden Soldaten stürzte, wurde 
er mit Jubelgeschrei empfangen, in das sich wilde Zornrufe 
gegen den unnatürlichen Vater mischten. An den geheiligten 
Leib des alten Kaisers Hand anzulegen, scheute sich die Menge 
noch; doch blieb sein Leben in der Nähe des gewissenlosen 
Sohnes und der aufgeregten Truppen so gefährdet, dass er bald 
aus Rom entwich und zu Gonstantin zurückkehrte^. Die Zeit 
seiner Flucht, durch welche auch die letzten Beziehungen zwischen 
den Beherrschern von Gallien und Italien abgebrochen wurden, 
scheint Mitte April 308 gewesen zu sein*. 

' Eoraen. Paneg. VII, 14; IX, 3; Lact, de mort. pers. 28; 29; Anon. 
Vales. 3, 8; Zob. II, 11; Eutrop. X, 3, 1; Zon. XII, 33; Soerat. I, 2. 

* Am 20. April trat, nach dem Chronographen, Maxentius mit seinem 



208 0. Seeck. 

Die nächste Folge dieser Ereignisse war der Abfall Afrikas. 
Seit Maximian im Jahre 297 die Diöcese von den Einfällen der 
Mauren befreit hatte, hingen Volk und Soldaten des Landes 
treu an dem alten Kaiser ^. Auf sein ausdrückliches Geheiss 
hatten sie Maxentius als Cäsar anerkannt ^; als jetzt dessen Bild- 
nisse mit dem Augustustitel in der Inschrift anlangten und zu- 
gleich wahrscheinlich die seines Vaters entfernt werden sollten, 
war das Afrikanische Heer zum äussersten Widerstände ent- 
schlossen. Ohne Führer und ohne Unterstützung wagte es zwar 
nicht, der Uebermacht des Römischen Tyrannen in offenem Kampfe 
entgegenzutreten; doch wollten die Soldaten wenigstens sich 
selbst ihrem rechtmässigen Herrscher erhalten oder doch seinem 
Feinde entziehen. Sie bestiegen Schiffe, anfangs wohl' um nach 
Gallien überzusetzen; da aber die Fahrt an Italien vorbei, das 
mit der Flotte von Misenum diesen Theil des Meeres völlig be- 
herrschte, zu gefährlich schien, wandten sie sich nach Osten, um 
an der Küste von Afrika entlang nach Alexandria zu rudern. 
Aber auch hier fanden sie den Weg durch eine übermächtige 
Flotte verlegt und mussten nothgedrungen umkehren. Maxentius 
hatte die Thorheit begangen; dem Heere, dessen feindliche Ge- 
sinnung ihm über kurz oder lang den Besitz der wichtigen Korn- 
provinz rauben musste, den freien Abzug, welchen es einzig er- 
sehnte, nicht zu gestatten. Jetzt rüstete er einen Kriegszug zur 
Unterwerfung Afrikas, und bei der allgemeinen Niedergeschlagen- 
heit, welche hier herrschte, wäre dieser kaum erfolglos gewesen. 
Doch im entscheidenden Augenblick wollten seine Wahrsager 
schlechte Zeichen erblicken, und der Feigling bheb zu Hause. 
Nichtsdestoweniger war das entmuthigte Heer, so lange es zum 
Widerstände keinen Führer hatte, bereit, sich zu fügen, und der 



Sohne Romulus das Consulat an. Bis dahin nannte man das Jahr in Rom: 
constUibus quos iusserint domini nostri Augusti, So lange hatte also der 
Usurpator die Consuln noch nicht selbständig zu ernennen gewagt, sondern 
die Entscheidung eines älteren Augustus, dessen Autorität er anerkannte, 
abwarten zu müssen geglaubt. Dies kann nur Maximian gewesen sein, da 
der Römische Tyrann auf den besiegten Galerius keine Rücksicht mehr zu 
nehmen brauchte. 

* Zos. II, 12, 1, wo die beiden Maximiane verwechselt sind. 

* Die seltenen Münzen, auf welchen Maxentius nohÜisHmus Caesar ge- 
nannt wird, sind alle in Carthago geschlagen. Eckhel VIII S. 55. Vgl. 
CIL. VIll 1220. 



Die Anfänge Constantin^s des Grossen. 209 

einzige Beamte, welcher das Ansehen besass, um sich an seine 
Spitze zu stellen , der Vicar L. Domitius Alexander ^, war ein 
schwacher Greis von ruheliebender und furchtsamer Natur. Trotz- 
dem wagte Maxentius, durch seine Orakel geschreckt, es nicht, 
ihn abzuberufen; doch forderte er von ihm als Geisel für sein 
Wohlverhalten die Auslieferung seines Sohnes. Der Vater, welcher 
den schönen Jüngling nicht den unsauberen Begierden des Wüst- 
lings preisgeben wollte, leistete Widerstand. Bald darauf wurden 
ein paar gedungene Mörder ergriflFen, welche der würdige Kaiser 
gegen seinen Vicar ausgesandt hatte. Jetzt sah Alexander, dass 
er sein Leben nur mit den Waffen beschützen könne, und Hess 
sich von den Truppen, welche gern dazu bereit waren, mit dem 
Purpur bekleiden. Afrika war für den Beherrscher Italiens einst- 
weilen verloren ^. 

Die Folgen liessen nicht auf sich warten. In Italien, das 
jetzt von jeder äusseren Zufuhr abgeschnitten war, brachen 
furchtbare Hungersnöthe aus ^ und, wie immer, waren sie in der 
Hauptstadt von Tumulten der verzweifelten Volksmassen begleitet. 
Der rohe Tyrann erstickte das Geschrei des hungrigen Pöbels, 
indem er 6000 Menschen durch seine Prätorianer hinschlachten 
Hess "*. Auch unter den Truppen war die Mannszucht gelockert, 
was sich in Aufständen und Strassenkämpfen kundgab''. Bei 
all dem Blut und Jammer dachte Maxentius nur daran, seine 
Herrschaft zu genifessen. Kein schönes Weib, kein blühender 
Jüngling war vor brutalem Zwange sicher ^; ungeheure Summen 
wurden in Spielen und Belustigungen aller Art verschleudert. 
Da auch die Soldaten durch stets erneute Geschenke bei guter 



» Der volle Name CIL. VIII, 7004; das Amt auch CIL. VIII, 962 
vgl. p. 1070. 

» Zo8. II, 12; Vict. Caes. 40, 17; 28; epit. 40, 2; 20. Ich habe in diese 
sehr verwirrten Berichte so viel Sinn hineinzubringen gesucht, wie dies eben 
möglich war, hoffe aber kaum, das Richtige ganz getroffen zu haben. 

^ Eumen. Paneg. IX, 4; Euseb. bist. eccl. VIII, 14, 6; vita Const. I, 
.36; Chron. v. 354 S. 148. 

* Nazar. Paneg. X, 8; Vict. Caes. 40, 24; Euseb. hist. eccl. VIII 14, 3; 
vita Const. I, 85; Chronogr. v. 8o4 S. 148. 

•^ Zos. II, 18. 

^* Eumen. Paneg. IX, 4; Nazar. Paneg. X, 8; Vict. Caes. 40, 19; Euseb. 
bist. eccl. VIII, 14, 2; 16; vita Const. I, 83; 34; Socr. I, 2. 



210 0. Seeck. 

Laune erhalten werden mussten ^ und die regelmässigen Staats- 
einkünfte in den Hungerjahren natürlich nur sehr sparsam ein- 
liefen, war der Schatz in kurzer Zeit bis aufs äusserste erschöpft. 
Maxentius hatte seine Regierung schon gleich damit eingeleitet, 
dsÄS er das Geld leichter schlagen Hess, und in den fünf Jahren 
seiner Herrschaft sank es allm'ählig bis auf ein Drittel seines 
normalen Gewichtes herab ^. Doch solche Künste konnten nur 
für den Augenblick helfen ; durch das schnelle Steigen aller Preise 
wurde der Vortheil, welchen die Vermehrung des Geldes anfangs 
gebracht hatte, in Kurzem weit überwogen. Als auch die Geld- 
geschenke, welche er von den wohlhabenderen Unterthanen er- 
zwang », für die Befriedigung der Staatsbedürfnisse und der un- 
ersättlichen Lüste des Kaisers nicht mehr ausreichten, blieb kein 
anderes Mittel als Plünderung der Tempelschätze ^ und ausge- 
dehnte Confiscationen ^, verbunden mit den Justizmorden, welche 
sie voraussetzten. Da sich zur Geldnoth bald auch das Miss- 
trauen gesellte, welches keinem Tyrannen auf die Dauer fremd 
bleiben kann, so wüthete das Schwert des Henkers furchtbar 
unter den Häuptern der Römischen Aristokratie ^. So knirschten 
Hoch und Niedrig unter dem harten Joche; nur der Soldat, 
dessen Taschen immer voll waren und der an den Freuden seines 
Herrschers seinen reichen Antheil geuoss, fand, dass er niemals 
lustigere Tage gehabt habe, und war entschlossen, den letzten 
Blutstropfen daranzusetzen, damit diese unvergleichliche Regierung 
kein zu frühes Ende finde ^. Und fest genug schien sie zu stehen. 
Nachdem Maxentius drei Kaiser, von denen zwei mit weit über'- 
legener Heeresmacht herangezogen waren und der dritte gegen 
ihn die Autorität des Vaters geltend machen konnte, fast spielend 
hatte abthun können, hielt Jeder ausser Gonstantin ihn für un- 
angreifbar ®. Dieser brauchte zwar keinen Abfall seiner Truppen 



* Eumen. Paneg. IX, 3. 

« Zeitschr. f. Numismatik XVII S. 125. 

' Vict Caes. 40, 24; vgl. Zon. XII 33; Chronogr. v. 354 S. 148. 

* Eumen. Paneg. IX, 4: apoliatorum templorum. 

* Nazar. Paneg. X, 8; 33; Zon. XII, 33. 

® Eumen. Paneg. IX, 3; 4; Nazar. Paneg. X, 31; Eutrop. X, 4, 3; 
Zon. XII, 33; Euseb. hist. eccl. VIII, 14, 4; vita Const. I, 35. 
^ Eumen. Paneg. IX 2; 3; 5. 

* Euseb. vita Const. I, 26. 



Die Anfänge Constantin's des Grossen. 211 

zu fürchten, aber es erschien ihm als Todsünde, Bürgerblut zu 
Tergiessen, ohne dass er dazu gezwungen war. Doch so fest 
er auch daran hielt, immer nur auf gesetzlichem Wege vorzu- 
gehen und seinen älteren CoUegen alle schuldige Achtung zu 
erweisen, die Thorheiten der letzteren sollten auch ihn in die 
Opposition hineinzwingen. 

Als Galerius seinen Angriff gescheitert, sein Ansehen bei 
dem eigenen Heere tief erschüttert sah; als er fürchten musste, 
dass ein Einfall des Maxentius in seinen Reichstheil ihm auch 
den letzten Rest seiner Macht und vielleicht das Leben rauben 
werde: da wusste er sich keinen andern Rath, als bei seinem alten 
Gebieter Hilfe zu suchen. An Diocletian, den er einst selbst zur 
Abdankung getrieben hatte, wandte er sich jetzt mit der flehenden 
Bitte, die Herrschaft aufs Neue zu übernehmen und dem Reiche, 
wie er es schon einmal gethan, die Ruhe wiederzugeben. Wie 
dieser früher die gleiche Aufforderung Maximian's zurückgewiesen 
hatte, so blieb er auch jetzt standhaft ^, doch sagte er Rath und 
Vermittlung zu. InCamuntum*, dem Hauptquartier der Panno- 
nischen Heere, einige Meilen donauabwärts von Wien, traf er 
mit Galerius zusammen. Auch Maximian, der wahrscheinlich zu- 
gleich im Namen Constantin's unterhandeln sollte, fand sich hier 
ein '. Diocletian hatte in den drei Jahren, die er still in seinem 
Dalmatinischen Ruhesitze zugebracht hatte, nichts gelernt und 
nichts vergessen. Wie er an seiner Abdankung trotz der er- 
neuten Bitten seiner GoUegen hartnäckig festhielt, so wollte er 
auch im Uebrigen den Zustand, welchen er dem Reiche hinter- 
lassen hatte, unverändert wieder herstellen. Maximian sollte in 
das Privatleben zurückkehren, und zwei Augusti sollten mit zwei 
Cäsares das Reich in der alten Weise theilen. Galerius und 
Maximinus Daja sollten den Platz, welchen Diocletian selbst ihnen 
früher angewiesen hatte, natürlich behalten. Auch Gonstantin 
hatte genügende Proben einer guten Gesinnung abgelegt, um ihn 
aus dem Gollegium nicht ganz auszuschliessexi; aber zum Augüstus 
war er noch zu jung *. Er konnte ruhig die fünf Jahre warten, 

» Zos. n, 10, 4; Vict. epit. 89, 6. 

2 Zos. II, 10, 4; Hydat. fast. a. 308; Chron. Pasch, a. 307. 
' Lact, de mort. pers. 29; Vict. epit. 39, 6. 

* Daas er wieder zum Cäsar degradirt wurde, ergibt sich mit Sicher- 
heit aus der Reihenfolge der Namen bei dem Gonsulat von 309. Dindorf, 



212 0. Seeck. 

welche bis zu den Vicennalien des Galerius, die ja der Termin 
von dessen Abdankung sein sollten, noch übrig waren. Unter- 
dessen sollte er Cäsar bleiben und die Stelle des zweiten Au- 
gustus dem alten Licinius überlassen^, der schon früher dafür 
in Aussicht genommen war. Mit Maxentius, dessen rohe Tyrannen- 
natur deutlich hervorgetreten war, wollte Diocletian kurzen Pro- 
cess machen. Hatte er selbst doch so viele Usurpatoren abgethan: 
warum sollten seine Nachfolger nicht mit diesem einen fertig 
werden ? Licinius, welchem Pannonien * und der Italische Reichs- 
theil zugewiesen wurden, erhielt mit diesem zugleich die ange- 
nehme Aufgabe, der Eatz die Schelle anzuhängen^; um der 
Krone willen übernahm er sie, hat sich aber immer vor ihrer 
Ausführung weislich in Acht genommen. Am 11. November 308 
wurde er feierlich mit dem Purpur bekleidet*. Dies und die 
erneute Abdankung Maximian's, der zum zweiten Male der Au- 
torität seines alten Mitregenten nicht zu widerstehen vermochte ^, 
waren aber auch die einzigen Resultate des Congresses von Gar- 
nüntum. Diocletian sah mit hoher Genugthuung sein System 
bis in die kleinsten Einzelheiten gerettet, aber er hatte es dies- 
mal völlig in die Luft gebaut, ohne auf die Zustände, welche 
sich auf Erden entwickelt hatten, irgend welche Rücksicht zu 
nehmen. 

Constantin hatte er mit väterlichem Wohlwollen zu be- 
handeln gemeint ; aber so sehnlich dieser auch die Eintracht im 
flerrschercoUegium aufrecht erhalten wünschte, den Beschlüssen 
von Carnuntum konnte er sich gar nicht fügen, selbst wenn er 
gewollt hätte. Er wäre bei seinen Truppen, auf deren Zuneigung 
seine ganze Macht beruhte, zum Gespötte geworden, falls er den 
Augustustitel , welchen er sich bei seiner Vermählungsfeier mit 
so grossem Prunk hatte verleihen lassen, zum zweiten Male klein- 
laut bei Seite gethan hätte. Nicht einmal das Gonsulat, welches 



Gbron. Pasch. II S. 178. Wäre Constantin als Au^stas anerkannt worden, 
so hätte er nach der AncienniiAt dem Licinius vorangehen müssen; nur als 
Cäsar konnte er die zweite Stelle zugewiesen erhalten. 

* Lact, de mort. pers. 29; Anon. Vales. 3, 8; Zos. II, 11; Eutrop. X, 
4, 1; Vict. Caes. 40, 8. 

2 Anon. Vales. 3, 8. ' Anon. Vales. 5, 13; Zos. II, 11. 

* Hydat. fast. a. 308; vgl. Jahrbb. f. class. Philol. 1889, S. 627 ff. 

* Eumen. Paneg. VIF, 16; Lact, de mort. pers. 29. 



Die Anfänge Constantin's des Grossen. 213 

man ihm gnädig für das Jahr 309 mit Licinius gemeinsam 
übertragen hatte \ konnte er sich gefallen lassen, ohne sich selbst 
zu desavouiren. Denn wie Diocletian alle Begierungshandlungen 
Maximian 's, welche hinter dessen erster Abdankung lagen, einfach 
als nichtig behandelte, so auch das Consulat, das dieser sich selbst 
und Constantin im Jahre 307 beigelegt hatte. Letzterer sollte 
also wieder Consul zum ersten Male werden, eine neue Lächer- 
Uchkeit, die er nicht über sich ergehen lassen konnte. Doch 
ging er nicht über eine passive Ablehnung hinaus und gestattete 
sich auch femer keinen Uebergriflf in die Rechte, welche dem 
ältesten Augustus vorbehalten blieben. Weder erliess er Gesetze 
noch bestellte er Consuln, obgleich er die von Galerius ernannten 
auch noch im nächsten Jahre nicht in seinem Reichstheil ver- 
kündigen liess^. 

Zu diesem bescheidenen, aber darum nur um so wirksameren 
Widerstände gesellte sich unerwartet ein neuer aus dem eigenen 
Lager des Galerius. Maximinus Daja war es müde geworden, 
die Rolle des artigen Kindes zu spielen, welches nicht fragt, 
aber darum auch nichts kriegt. Alle anderen Kaiser waren jetzt 
Augusti, nur er, der nächst Galerius die ältesten Rechte besass 
und sich immer fügsam gezeigt hatte, sollte hinter ihnen zurück- 
stehen. Vergebens ermahnte ihn sein Augustus durch wieder- 
holte Botschaften zur Geduld; seine Forderung wurde immer 
drohender. Da der Cäsarentitel Keinem mehr gefallen wollte, 
suchte Galerius das Princip zu retten und zugleich seine jungen 
Collegen zu befriedigen, indem er ihn abschaffbe und sie statt 
dessen zu „Söhnen der Augusti" (filii Augustorum) ernannte *. 

* Dies legen ihm die Orientalischen F^ten bei Dindorf, Chron. Pasch. 
11 S. 178, bei. Auch die in Thessalonica, also im Reichstheil des Galerius^ 
geprägte Münze (Cohen, Constantin 115) mit Constantinus Fil(iu8) Augg. 
und con8ul(atu8) d(ominorum) n(o8trorum) bezieht sich darauf. 

^ Die von Constantin anerkannten Fasten, welche später die allgemein 
verbreiteten wurden, bezeichnen die Jahre 309 und 310 als poat consulcUum 
X et VII und anno II post conaulatum X et VIL Sie nennen also gar keine 
Consuln. In den drei Orientalischen Reichstheilen hiessen diese Jahre : Licinio 
A, et Constantino C. coas, xindi Andronico et Frobo coss. (Dindorf a. a. 0.; 
CIL. 111, 3335; 5565), im Herrschaftsgebiete des Maxentius: Maxentio II 
et Romido II und Maxentio III 8olo con8. Chronogr. S. 67; Hydat. fast. a. 
309; 310; De Rossi, Inscr. christ. urb. Romae I, 31. 

* Eckhel VIII, S. 52 u. 72; CIL. III, 6174. Vgl. Graf C. von West- 
phalen bei Schiller, Gesch. d. Rom. Kais. II S. 172. 



214 0. Seeck. 

Doch mit einer blossen Aenderung der Titulatur war ihnen be- 
greiflicher Weise nicht gedient. Eines schönen Tages traf von 
Maximin die trockene Meldung ein, seine Soldaten hätten ihn 
bei ihrer letzten Versammlung zum Augustus ausgerufen. Ga- 
lerius musste dies schweigend hinnehmen ^ und die Anordnungen 
Diocletian's, welche ihm so genehm gewesen waren, endgültig zu 
den Todten werfen (310) \ 

Unterdessen war Maximian nach Gallien zurückgekehrt, wo 
er kaum sehr freundlich, aber ehrenvoll, wie immei*, empfangen 
wurde*. Nur wurde seine Abdankung, die er wieder freiwillig 
ausgesprochen hatte, diesmal natürlich für Ernst genommen. 
Alle äusseren Ehren des Kaiserthums blieben ihm im vollsten 
Masse bewahrt, sein Rath wurde höflich angehört, aber that- 
sächlich in seine Regierung dreinreden liess sich Constantin von 
ihm nicht mehr. Dieser Schein der Macht ohne ihr Wesen wurde 
dem unruhigen Greise bald noch unerträglicher, als die frühere 
Ruhe auf seinem stillen Landgute. Etwa ein Jahr lang hielt er 
ihn aus; aber schon schmiedete er neue Pläne, die plötzlich zu 
seinem eigenen Verderben hervorbrechen sollten. 

Aus guten Gründen hielt Constantin seine Hauptmacht noch 
immer in der Nähe der Alpenpässe concentrirt. Am Rhein, 
dessen barbarische Anwohner er durch einige schnelle und kühne 
Schläge in einen heilsamen Schrecken versetzt hatte ^, standen 
nur die nothwendigsten Garnisonen; Arles war seine ständige 
Residenz und zugleich der Mittelpunkt seiner Truppenaufstellung. 
Hier traf ihn im Frühling 810 ^ die Nachricht, dass die Grenze 
aufs neue bedroht sei, doch schien die Gefahr nicht so gross, 
um ein bedeutendes Heeresaufgebot nöthig zu machen. Mit 



' Lact, de mort. pars. 32; Euseb. bist. eccl. VIII, 13, 15. 

'^ Vict. epit. 40, 18: Cctesar quadrienniOf dehinc per Orieniem Augustus 
triennio fuit. Wenn Victor (Caes. 41, 1) sagt, Maximinus sei post biennii 
augustum imperium gestorben, so rechnet er seine Augustusgewalt erst vom 
Tode des Galerius an, was zweifellos ein Irrthum ist. 

• Eumen. Paneg. VII, 14 flf.; Lact, de mort. pers. 29. 

* Eumen. Paneg. VI, 4; VII, 10; Nazar. Paneg. X, 16-20; Eutrop. 

^ In einer Rede, welche kurz nach den Quinquennalien Constantin's 
(25. Juli 310) gehalten ist (VII, 2), erzählt Euroenius alle die unten folgen- 
den Ereignisse bis zum Tode Maximian's. Das Jahr überliefert auch Hydat. 
fast. a. 310. 



Die AnfsLBge Constantin's daa Grossen. 215 

kleiner Macht ^ zog Constantin selbst ins Feld. Sein Schwieger- 
vater hatte ihm eine Strecke das Geleit gegeben und kehrte 
jetzt langsam mit der Leibwache und dem zahlreichen Gefolge, 
welches seinem Range gebührte, nach Arles zurück, wobei er bei 
allen Magazinen, welche an der grossen Militärstrasse nach dem 
Norden angelegt waren, so lange Halt machte, bis ihre Vorräthe 
aufgezehrt oder yerschleudert waren. Auf diese Weise hofiFte 
er den Rückmarsch Gonstantin's aufzuhalten^. In der Residenz 
angelangt, nahm er plötzlich wieder den Purpur und sandte 
Briefe an alle Heere des Westens, in denen er sie zum Anschluss 
aufforderte und ihnen zur Belohnung ungeheure Geldgeschenke 
in Aussicht stellte ^. Diese Verführungskünste blieben wirkungs- 
los. Nur die Truppen, welche in Arles und in seiner nächsten 
Umgebung standen und von Constantin selbst daran gewöhnt 
waren, dem alten Kaiser Achtung und Gehorsam zu zollen^, 
liessen sich zum Theil von ihm gewinnen. Da drang die Nach- 
richt von dem Geschehenen auch an den Rhein, und mit bei- 
spielloser Schnelligkeit marschirte Constantin zurück ^. Als die 
ermatteten Soldaten an die Saöne gelangt waren, wurden sie 
auf vorher bestellte Boote und Flösse gesetzt und im Fluge ging 
es die grosse Wasserstrasse hinunter ^. Da auf diese Weise die 
nothwendigen Lebensmittel leicht mitgeführt werden konnten, 
hielt auch die Ausleerung der Magazine das Heer nicht auf. 
Nach wenigen Tagen war es in Arles, aber Maximian wurde 
dort nicht mehr vorgefunden. Die Macht, welche sich ihm an- 
geschlossen hatte, war zu klein gewesen, um Constantin ernst- 
lichen Widerstand zu leisten. Er hatte sich in das feste Mar- 
seille geworfen ^ und wahrscheinlich seinem Sohne die Gewinnung 
Galliens als lockenden Preis gezeigt, um von seiner Flotte Ent- 
satz und Beistand zu erhalten ®. Denn seinen Versuch , sich 
wieder eine selbständige Herrschaft zu verschaffen, musste er 
schon jetzt als gescheitert betrachten, und bei Maxentius konnte 



* Lact, de mort. pers. 29. 

* Eamen. Paneg. VlI, 16. 

" Eumen. Paneg. VII, 16; Lact, de mort. pars. 29; Zos. II, 11. 

* Eomen. Paneg. VII, 15. ' Lact, de mort. pers. 29. 
« Eumen. Paneg. VII, 18. 

' Eumen. Paneg. VII, 18; Vict. epit. 40, 5. 

» Eutrop. X, 3, 2. 



21 ü 0. Seeck. 

er, wenn auch nicht die Macht, so doch das nackte Leben retten, 
das ihm bei einem Siege Constantins verfallen schien. Aber 
schon stand dieser auch vor Marseille und im ersten Ansturm 
bemächtigte er sich des Hafens, wodurch für ihn die dringendste 
Gefahr abgewandt war. Auch die Maliern der Stadt selbst ver- 
suchten seine Truppen sogleich zu ersteigen, doch erwiesen sich 
die mitgebrachten Sturmleitern als zu kurz für ihre Höhe ^ 

So liess denn Constantin zum Rückzug blasen. Eine Stadt 
seines eigenen Reiches dem Unheil preiszugeben, das eine Ein- 
nahme mit stürmender Hand ihr bereiten musste, wäre ihm selbst 
nicht lieb gewesen ^. Maximian wurde zu Verhandlungen ein- 
geladen und von der Mauer herab redete er mit seinem unten- 
stehenden Schwiegersohn. Den Versprechungen desselben wollte 
der heftige Greis, welcher selbst so oft die Treue gebrochen 
hatte, nicht Glauben schenken, und die Unterredung schien er- 
gebnisslos bleiben zu wollen. Da öffneten die abgefallenen 
Soldaten, welche bei dem Anblick ihres Kaisers schnell von Reue 
erfasst waren, selbst die Thore, und ungehindert drang das Heer 
Constantin's hinein. Maximian wurde als Gefangener vor den 
Sieger geschleppt, und dieser schenkte ihm grossmüthig sein ver- 
wirktes Leben ^. 

Kurze Zeit darauf fand man ihn in einem Gemache des 
Palastes erhängt^. Die Verantwortung für seinen Tod lehnte 
Constantin ab ^ , aber schon damals haben ihm weder Freund 
noch Feind Glauben geschenkt. Wer ohne Erfolg nach der Krone 
gegriffen hatte, der musste den Versuch mit seinem Kopfe be- 
zahlen. Dieser Satz galt den Zeitgenossen für so selbstverständ- 
lich und ausnahmslos, dass sie die ofiiciell verbreitete Nachricht^ 
Maximian habe freiwillig seinem Leben ein Ende gemacht, nur 
mit ungläubigem Kopfschütteln aufnehmen konnten. Nichtsdesto- 
weniger haben sie Constantin von jedem moralischen Verschulden 



' Eumen. Paneg. VII, 19. « Eumen. Paneg. VII, 20. 

' Lact, de mort. pers. 29. 

* Lact, de mort. pars. 80; Vict. epit. 40, 5; Zon. XII, 33; Euseb. hi^t. 
eccl. Vni, 13, 15; append. 3; vita Const. I, 47. 

^ Eumen. Paneg. VII, 20: sibi imputet, quisquis uii noluü heneficio tuo 
nee se dignum vita iudicarit , cum per te liceret, ut viveret. Der Lobredner 
gibt natürlich die officiellc Auffassung wieder, welche Constantin selbst 
vertrat. . 



Die Anfänge ConstanÜn's des Grossen. 217 

einstimmig frei gesprochen ^ Wenn er einem gefährlichen Hoch- 
verräther, dessen Leben nach den Gesetzen verwirkt war, die 
Wahl des leichtesten Todes und die eigenhändige Vollziehung 
der Strafe gestattete, so war dies in ihren Augen ein Act der 
Milde, nicht der Grausamkeit. Dies Urtheil der Geschichte haben 
die neueren Schriftsteller auf Grund ihres modernen Sittenkodex 
umstossen zu müssen geglaubt und auch bei dieser Gelegenheit 
schaudernd von den Verwandtenmorden Constantin's geredet. Wie 
mich dünkt, hängt die Entscheidung einzig und allein von der 
Frage ab, ob Maximian noch als gefährlich gelten konnte oder 
nicht; denn dass er unverbesserlich war, stand durch vielfache 
Proben fest. Bejaht man sie, so wird man es als eine Pflicht 
des Kaisers gegen sein Reich anerkennen, wenn er dem Rechte 
freien Lauf liess und den Urheber künftiger Bürgerkriege aus 
dem Wege räumte. Höchstens dass er von den gesetzlichen 
Formen des Processes absah, wird man ihm zum Vorwurf machen 
können; doch diese waren gegen Usurpatoren auch vorher nie 
zur Anwendung gekommen. Hält man dagegen Maximian für 
ungefährlich, so liegt kein Grund vor, warum man der eigenen 
Versicherung Constantins nicht Glauben schenken sollte, um so 
mehr, als er zu seiner Rechtfertigung vor den Zeitgenossen einer 
Lüge nicht bedurfte. Ein freiwilliger Selbstmord des erregbaren 
Greises, dem zu einem schnellen Entschlüsse der Verzweiflung 
der Muth wahrlich nicht fehlte, ist doch psychologisch nichts 
weniger als unwahrscheinlich. Er, der als Soldat emporgekommen 
war und dessen Andenken bei den Truppen auch nach seinem 
Rücktritt noch Kaiser gemacht und Kaiser vernichtet hatte, sah 
jetzt jeden Einfluss bei seinem geliebten Heer und damit jeden 
Rest der altgewohnten Macht dahingeschwunden. Die Truppen 
seines Sohnes hatten ihn zornig aus Rom getrieben; von denen 
seines Schwiegersohnes war selbst der kleine Theil, den er anfangs 
hatte verführen können, wieder von ihm abgefallen. Jede Hoff- 
nung auf künftigen Erfolg, jede Möglichkeit eines neuen Ver- 
suches sah er sich abgeschnitten ; er selbst fühlte sich ungefähr- 
lich und konnte dies Bewusstsein nicht ertragen. Der dreimal 

* Eutrop. X, 3, 2: HercuUua — poenas dedit iustissimo exitu. Vict. 
Caes. 40, 22: iure iandem interierat. Wenn Lactanz es nöthig findet, den 
Tod des Maximian noch durch ein erfundenes Geschichtchen zu rechtfertigen, 
80 spricht sich darin nur die überstrenge Moral des Christen aus. 



1 



218 0. Seeck. 

erhobene und dreimal abgesetzte Herrscher, welcher aus allen 
Wechselfällen doch immer sein elendes Leben gerettet hatte, war 
zum Spott und Hohn der Unterthanen geworden; selbst die 
kaiserlichen Ehren, welche ihm Gonstantin noch immer erweisen 
Hess, mussten ihn beleidigen. Bei seinem Schwiegersohn und 
seiner Tochter, die ihm mit höflicher Kälte begegneten, unter 
den Hofbeamten, deren knechtische Mienen ihre Verachtung des 
schimpflich Begnadigten kaum verbergen konnten, erlitt er stete 
Qualen der Reue und des ohnmächtigen Zornes. Es blieb ihm 
nur übrig, seine Schmach in ländlicher ZurOckgezogenheit zu 
begraben oder ein noch tieferes Grab zu suchen. Er hatte Selbst- 
gefühl genug, um das Zweite zu erwählen. 

Die Pläne und Ideen Constantin's wurden durch den Tod 
seines Schwiegervaters aufs Empfindlichste durchkreuzt. Die 
Aufrechterhaltung und Festigung der dynastischen Thronfolge 
war bisher das leitende Princip seiner ganzen Politik gewesen, 
und jetzt sah er den Gründer seiner Dynastie und damit seine 
eigene Legitimität mit einem unauslöschlichen Makel befleckt. 
Wäre Maximian erst nach einigen Jahren erzwungener Ruhe ge- 
storben, so konnte man seine Verbrechen und Thorheiten ver- 
gessen und seinem Andenken die göttliche Verehrung, welche 
dem Grossvater des regierenden Kaisers zukam, angedeihen lassen. 
So aber war sein Tod fast unmittelbar seinem Aufruhr gefolgt, 
und kein Mensch im Reiche zweifelte daran, dass Gonstantin ihn 
herbeigeführt habe. Jedes Leugnen war nutzlos; die einzige 
Rechtfertigung des Herrschers, welche man anerkennen musste, 
lag in der Verurtheilung Maximian's. War er kein Tyrann und 
Usurpator, der sein Leben rechtlich verwirkt hatte, so wurde 
Gonstantin in den Augen des Volkes zum Mörder. So konnte 
dieser nicht umhin, die Verfluchung des Andenkens, welche bei 
Verbrechen dieser Art regelmässig die Todesstrafe zu verschärfen 
pflegte, auch über seinen Grossvater auszusprechen, seine Statuen 
umstürzen, seine Inschriften tilgen zu lassen K Damit aber waren 
nach dem Staatsrecht jener Zeit alle seine Regierungshandlungen 
für nichtig erklärt, und zu diesen gehörte sowohl die Erhebung 
des Constantius, als auch die Verleihung des Augustustitels an 



* Lact, de mort. pers. 42; Euseb. bist. eccl. VIII, 13, 15; vita Const. 
I, 47; Ephem. epigr. I, S. 128 ff.; CIGr. II, 2743. 



Die Anfänge Constantin's des Grossen. 219 

dessen Sohn. So war das formelle Thronrecht, dessen strenge 
Aufrechterhaltung Gonstantin in diesem Zeitalter der Soldaten- 
willkür als der einzige Rettungsanker erschienen war, für ihn 
selbst in Nichts zerfallen und das ganze System, welchem er 
bisher mit Ueberzeugung und Entsagung gedient hatte, rettungs- 
los zusammengestürzt. Der böse Schwiegßrvater hatte ihm mit 
seinem Tode einen schwereren Streich versetizt, als je in seinem 
Leben; wahrlich, es war nicht nur Grossmuth gewesen, wenn 
er dem grauhaarigen Thoren die verdiente Strafe geschenkt hatte. 
Aber Gonstantin pflegte nicht um Mittel verlegen zu sein. Schnell 
entschlossen setzte er an die Stelle seiner untergegangenen Legi- 
timität eine neue, die freilich fadenscheinig genug war, sich aber 
doch allmählig einbürgern und ein Princip für die Zukunft 
schaffen konnte. Einer seiner Hofgelehrten machte plötzlich die 
glückliche Entdeckung, dass sein Vater Gonstantius aus einer 
unehelichen Verbindung des Divus Glaudius herstamme ^, eines 
der wenigen Kaiser, welche im dritten Jahrhundert weder ent- 
thront noch ermordet waren. Auch Gonstantin selbst war ja 
einem Goncubinat entsprossen, und wie wir schon dargelegt haben, 

^ Eumen. Paneg. VII, 2; VIII, 2; 4; Anon. Vales. I, 1; Eutrop. IX, 22; 
2^n. XII, 31; Euseb. bist. eccl. X, 8, 4; vita Const. I, 50; Julian, or. I, p. 
6D; II, p. 51 C; Caes. p. 313 D; Vita Claud. 1 ff.; Tyrann. 31, 6; Aurel. 
44, 4; Heliog. 2, 4; 35, 2; Gall. 7, 1; 14, 3; CIL. II, 4844; III, 
3705; 5207; XI, 9; Notizie degli scavi 1881, S. 320. Nach der ältesten 
Version, welche sich bei Emnenius (VII, 2 avita cognatio) und in der Mehr- 
zahl der Inschriften findet, war Claudius Grossvater Constantin's, also Vater 
des Constantius. Da dessen legitime Abstammung von einem Kaiser nicht 
so lange hätte verborgen bleiben können, muss eine illegitime gemeint ge> 
wesen sein. Dies war wohl auch der Grund, warum die Claudiuslegende 
bei den Christen, welche den Concubinat verdammten, so wenig Anklang 
fand. Lactanz schweigt ganz darüber, Eusebius erwähnt sie nur sehr 
schüchtern, ja Constantin selbst hat nur dem ersten Sohne ^ welcher ihm 
nach der Erfindung jenes Stammbaumes geboren wurde, den Namen Claudius 
beigelegt Bei Constantius und Constans unterdrückte er ihn wieder, wahr- 
scheinlich weil zur Zeit ihrer Geburt die christlichen Sittlichkeitsbegriffe 
sich auch bei ihm schärfer ausgebildet hatten. Später ist jener Stamm- 
baum in der mannichfachsten Weise umgestaltet worden, aber immer so, 
dass die Herkunft des Constantius vom Divus Claudius zu einer legitimen 
gemacht wurde. Dessau, Ueber Zeit und Persönlichkeit der Scriptores 
Historiae Augustae, Hermes XXIV, S. 342 ff. Klebs, Das dynastische Ele- 
ment in der Geschichischreibung der Rom. Kaisevzeit. Histor. Zeitsehr. N. F. 
XXV, S. 227. 



J 



220 0. Seeck. 

galten zwar nicht nach dem Rechte, wohl aber nach der An- 
schauung der Soldaten Bastarde dieser Art den rechtmässigen 
Söhnen gleich. Wenige Monate nach dem Tode Maximian's rief 
es schon ein Lobredner laut in die Welt hinaus, dass Constantin 
seine Krone nicht der Wahl des Heeres oder der zufälligen 
Gunst irgend eines Menschen verdanke, sondern nur den unver- 
lierbaren Rechten seiner kaiserlichen Abstammung ^. Dass das 
Blut allein den Herrscher mache, sollte die neue Theorie der 
Legitimität werden, und ohne Zweifel war sie natürlicher und 
versprach eine grössere Dauer, als das ausgetiftelte System Dio- 
cletian's. Freilich stempelte sie alle Mitregenten Gonstantin's zu 
Usurpatoren und stellte ihn allein als den berechtigten Herrscher 
hin. Derselbe Mann, welchen früher seine Bewunderung für die 
Diocletianische Reichsordnung zur äussersten Fügsamkeit gegen 
die älteren Augusti veranlasst hatte, war jetzt durch die Macht 
der Ereignisse, vor allem durch die Thorheiten des Congresses 
von Camuntum dazu getrieben worden, seinen Mitkaisern ofifen 
den Handschuh hinzuwerfen und eine Parole auszugeben, die in 
ihren Consequenzen zwar nicht nothwendig zu seiner Alleinherr- 
schaft, wohl aber zur Herrschaft seiner Familie führen musste. 
Ganz verliess er darum sein früheres System noch nicht*; einst- 
weilen war es nur eine Forderung, die er theoretisch an die Zu- 
kunft stellte. Aber bald sollte er ihr auch praktische Folgen 
geben können, obgleich er noch immer sein Verhalten darauf 
einrichtete, jeden Bürgerkrieg so lange als möglich zu vermeiden. 

Denn schon bereitete sich ein Ereigniss vor, das den Zuständen 
des Reiches eine ganz neue Gestalt geben sollte. Noch ehe den 
älteren Maximian sein Schicksal ereilte, war dessen Namens- 
genosse und bitterster Feind von einer Krankheit befallen worden, 
die ihn unter furchtbaren Qualen langsam, aber unaufhaltsam 
dem Tode entgegenführte. Die geschicktesten Aerzte erschöpften 
vergebens ihre Kunst; das Orakel des Apollo gab neue Heil- 
verfahren an, die das Uebel noch schlimmer machten; endlich 
wurde sogar den Christen, deren eifrigster Verfolger Galerius bis 
dahin gewesen war, gesetzliche Duldung gewährt, damit sie zu 



* Eumen. Paneg. VII, 2; 3. 

' In einer Rede, welche Eumenius in dieser Zeit hielt, werden die 
Rechte der Mitkaiser noch ausdrücklich anerkannt. Paneg. VII, 1. 



Die AnfUnge Constantin's des Grossen. 221 

ihrem Gotte für die Genesung des Kaisers beten könnten. Es 
war die letzte Regierungsthat des Sterbenden; wenige Tage nach 
Erlass des Toleranzedictes wurde er von den Schmerzen befreit, 
die ein ganzes Jahr lang seinen Leib verzehrt hatten (Mai 311) ^ 
Die Zurüstungen für seine Yicennalien, zu deren prächtiger Be- 
gehung er unter grausamem Steuerdruck die Summen zusammen- 
getrieben hatte, waren vergebens gewesen^. 

Der Unglückliche, welcher nach einem ruhelosen Leben jetzt 
endlich Frieden fand, hatte sich übermüthig in der Macht, klein- 
müthig in der Bedrängniss erwiesen. Er hatte durch Aberglauben 
und Selbstsucht viel Blut und Elend über das Reich gebracht; 
aber in seinen letzten Jahren war er doch der Einzige gewesen, 
der die auseinanderfallenden Theile desselben noch einigermassen 
zusammenhielt. Die Autorität ihres Aeltermannes hatten wenig- 
stens drei Augusti anerkannt; jetzt stand jeder auf sich allein 
und spähte, wie er seine Macht auf Kosten der anderen ver- 
grössere. Kaum war die Nachricht von dem Tode des Galerius 
in den Orient gedrungen, so durchflog Maximinus mit der Eil- 
post die Provinzen von Asien und Pontus, um sie fUr sich in 
Besitz zu nehmen. Die Unterthanen gewann er durch Steuer- 
nachlässe; den Soldaten gegenüber wird er es an Geschenken 
nicht haben fehlen lassen. Licinius, dem mit dem Augustustitel 
nur ein TheU der Donauprovinzen und die leere Anwartschaft 
auf das Gebiet des Maxentius zugefallen war, hatte jetzt die 
Erbschaft des Galerius antreten zu können gemeint, als er sich 
plötzlich die reichere Hälfte derselben vorweggenommen sah. 
Mit dem Donauheere eilte er herbei, um seine Rechte zu wahren. 
Die Creaturen des Verstorbenen standen sich an beiden Ufern 
des Bosporus kampfbereit gegenüber. Aber jeder scheute den 
Uebergang und zum Schlüsse wurde ein Vertrag auf Grund des 
thatsächlichen Besitzstandes geschlossen, den keiner der Con- 
trahenten dauernd aufrecht zu erhalten gedachte^. Die Theile 
des Reiches, welches noch immer als ein einheitliches gelten 
sollte, verhielten sich auch ferner zu einander wie kriegführende 



' Lact, de mort. pers. 33-35; Anon. Vales, 8, 8; Zos. II, 11; Vict. 
Caes. 40, 9; epit. 40, 4^ Zon. XH, 84; Euseb. hiet. eccl. VIII, 16, 4if.; vita 
Const. I, 57; Hjdat. fast. a. 311. 

' Lact, de mort. pers. 31; 35. 

^ Lact, de mort. pers. 86; 43; Euseb. h. e. IX, 10, 2. 
Deutsche Zeitsclir. f. Oescfaichtsw. 1898. VII. 2. 15 



222 0. Seeck. 

Staaten. Selbst der Handelsverkehr zwischen ihnen war gänz- 
lich unterbrochen, weil jeder Kaufmann, der aus dem Gebiete des 
feindlichen Mitregenten kam, Gefahr lief, als Spion betrachtet zu 
werden und der Folter oder gar der Todesstrafe zu verfallen^. 
Licinius grollte ob der geraubten zwei Diöcesen; Maximinus^ 
lauerte nur auf die Gelegenheit, um auch lUyricum an sich zu 
reissen , und seiner rührigen Begehrlichkeit sollte es gelingen, 
auch die träge Natur des Maxentius endlich in Bewegung zu 
setzen. 

So günstig für diesen schon mehrmals die Chancen gewesen 
waren, hatte er doch niemals den Ehrgeiz gehabt, über Italien 
hinaus, das ihm von selbst in den Schooss gefallen war und zur 
Befriedigung seiner Lüste vollauf genügte, die Grenzen seines 
Machtbereiches auszudehnen. Auch die Provinzen zwischen Alpen 
und Donau, welche bis zum Wiener Wald noch zur Norditali- 
schen Diöcese gehörten , überliess er kampflos dem Licinius ^, 
ja er brüstete sich sogar, dass er die anderen Kaiser an den 
Grenzen für sich kämpfen lasse, während er im Centrum des^ 
Reiches mühelos die Herrschaft geniesse '. Selbst nach dem unent- 
behrlichen Afrika scheint er seine Hand nicht mehr ausgestreckt 
zu haben, seit böse Vorzeichen seinen ersten Kriegszug auf- 
gehalten hatten. Jetzt aber bedurfte Maximin der Bundesgenossen- 
schaft des römischen Tyrannen ^. Nach seinem Plane sollte dieser 
den Theil der Donauprovinzen, welcher zu Italien gerechnet 
wurde und dem Beherrscher desselben von Rechtswegen zukam, 
zu besetzen versuchen^, und indem er so die Heeresmacht lUy- 
ricums auf sich zog, für Maximinus selbst den Uebergang über 
den Bosporus freimachen. Licinius wäre dann von zwei Seiten 
zugleich angegriffen und wahrscheinlich erdrückt worden. Später 

* Euseb. bist. eccl. VIII, 15. 

* Der sicherste Beweis dafür ist die Norische Inschrift CIL. III, 5565^ 
welche, im J. 811 gesetzt, den Maxentius nicht in der Reihe der legitimen 
Herrscher nennt and sich zur Datirung der Consulnamen bedient, welche 
nur in der Orientalischen Reichshälfte anerkannt waren. Vgl. S. 213 Anm. 2. 

' Eumen. Paneg. IX, 14. 

* Lact, de mort. pers. 43; 44; Euseb. bist. eccl. VIII, 14, 7. 

^ Zos. II, 14, 1. Diese etwas confuse Nachricht wird dadurch bestätigt, 
dass beim Ausbruch des Krieges die Hauptmacht des Maxentius thatsäch- 
lich in Verona, also auf der grossen Strasse nach den Donaulandschaften,, 
nicht nach Gallien stand. 



Die Anfänge Constantin's des Grossen. 223 

sollte Constantin an die Reihe kommen, und endlich das ganze 
Reich zwischen Maxentius und Maximinus allein getheilt werden. 
Der Plan war nicht schlecht entworfen und der Siegespreis hoch 
genug, um selbst einen Maxentius aus seiner trägen Ruhe auf- 
zustören , um so mehr, als er ja den Freuden der Hauptstadt 
keinen Augenblick den Rücken zu wenden brauchte, sondern 
alles durch geschickte Feldherren abmachen konnte. Dass er zum 
Schlüsse wahrscheinlich der Uebertölpelte gewesen wäre, blieb 
seinem stumpfen Geiste verborgen. Denn wenn Maximin erst 
einmal Ulyricum in seiner Hand hielt, so stand es ihm ja frei, 
ob er sich mit Maxentius gegen Constantin oder mit Constantin 
gegen Maxentius verbünden wolle, und er war treulos genug, um 
lieber Italien für sich, als Gallien für seinen Bundesgenossen zu 
erobern. Doch dies waren Sorgen der Zukunft; einstweilen stand es 
fest, dass man in Rom an einen AngriflPskrieg nicht denken könne, 
ehe durch Wiederherstellung der Afrikanischen Komzufuhr die 
Verpflegung des Heeres sicher gestellt war. So schiffte denn 
Rufius Yolusianus, der tüchtige Gardepräfect des Maxentius, einen 
kleinen Theil der Römischen Truppen ein und setzte nach Afrika 
über. Das Unternehmen gelang überraschend schnell und glück- 
lich. Der schwächliche Alexander verfiel seinem Geschick, furcht- 
bar wüthete der Henker unter seinen wirklichen oder vermeint- 
lichen Anhängern, und Ueberfluss herrschte wieder in der 
Hauptstadt \ 

Die nächste Sorge hätte jetzt sein müssen, Constantin so 
lange in ünthätigkeit zu erhalten, bis man mit Licinius fertig 
war, und er selbst machte seinen Feinden, deren Pläne er noch 
nicht kannte, diese Aufgabe leicht genug. Aber Maxentius 
war zu unklug und leidenschaftlich, als dass er seine augenblick- 
lichen Stimmungen irgend welcher Rücksicht hätte unterordnen 
können. 

Bis dahin hatte er Constantin als legitimen Herrscher an- 
erkannt. Dessen Statuen standen auf den öffentlichen Plätzen 



* Zos. II, 14; Vict. Caes. 40, 18; 19. Die einzige Inschrift des Maxentius 
aus Afrika, welche sich datiren lässt (Ephem. epigr. Y, 980), nennt den 
Galerius schon Divus, ist also nach dem Mai 311 gesetzt. Ausserdem haben 
sich von ihm nur noch folgende Inschriften in Afrika gefunden: CIL. VIII, 
10382; Ephem. epigr. V, 693. 



22 t 0. Seeck. 

Roms^ und mit seinem Bildniss wurden fortdauernd in Italien 
Münzen geschlagen, Höflichkeiten, die der Gallische Imperator 
bisher nicht erwidert hatte. So lange der älteste Augustus, als 
welcher ihm zuerst Maximian, nach dessen zweiter Abdankung 
Galerius gegolten hatte, Maxentius die Anerkennung verweigerte, 
glaubte auch er diesem Beispiel gehorsam folgen zu müssen. 
Jetzt war die erste Stelle im Collegium nach der Reihenfolge 
der Anciennität auf Maximinus übergegangen, und da dieser sich 
dem Römischen Tyrannen freundlich zeigte, kam ihm auch Con- 
stantin entgegen. Die Reichseintheilung Diocletians hatte sich 
mit einer unbedeutenden Veränderung von selbst wiederhergestellt; 
wenn es gelang, diesen Zustand zu einem dauernden zu machen 
und zugleich ein freundliches Verhältniss zwischen den Beherrschern 
der einzelnen Theile herbeizuführen, so konnte das Reich ungefähr 
in derselben Weise friedlich verwaltet werden, wie vor dem 
Jahre 306. Denn dass die Cäsaren verschwunden waren, schien 
unwesentlich, sobald den älteren Augusti den jüngeren gegen- 
über ein legitimes Befehlsrecht eingeräumt wurde. Der Besitz 
Italiens lockte Constantin nicht; denn er konnte sich nicht ver- 
hehlen, dass ein Reichstheil, welcher von Anfang an dem Licinius 
zugewiesen war und von dem dieser noch immer ein Stück 
besetzt hielt, zwischen ihnen alsbald zum Zankapfel werden 
musste. Es schien ihm daher für den Frieden des Reiches das 
Angemessenste, wenn dieses Land seinen gesonderten Herrscher 
behielt; nur auf diese Weise konnte das nothwendige Gleich- 
gewicht der Macht zwischen den Kaisern erhalten bleiben. So 
trat er denn in Unterhandlungen mit seinen drei Mitregenten ^; 
aber nur bei Licinius hatten sie gedeihlichen Fortgang, weil 
dieser die Gefahr über seinem Haupte schweben sah und eine 
Anlehnung au den mächtigen Gebieter Galliens ihm sehr will- 

' Nazar. Paneg. X, 12. 

^ Von den Unterhandlungen mit Maxentius berichtet Nazar. Paneg. 
X, 9 ff. Gleichzeitig müssen die mit Licinius geführt sein, da dessen Ver- 
lobung mit der Schwester Constantin's schon vor dem Kriege bekannt wurde. 
Lact, de mort. pers. 43; Zos. II, 17, 2. Wenn Constantin zugleich mit zweien 
seiner Mitregenten verhandelte, so ist es nicht wahrscheinlich, dass er den 
dritten, welcher nach dem Rechte der Anciennität der vornehmste war, 
ganz unbeachtet gelassen habe. Auch dass er nach der Eroberung Roms 
den Maximinus zugleich mit sich selbst zum Consuln für 313 ernannte 
(CIL. VI, 507), lässt auf vorhergegangene Annäherungsversuche schliessen. 



Die Anfänge Constantin's des Grossen. 225 

kommen sein musste. Er verlobte sich mit dessen Schwester 
Coustantia und erwarb so nach Constantin's neuer Legitimitäts- 
theorie das Recht auf einen Antheil an der Erbschaft des Divus 
Claudius. Der Bruder der Fausta gehörte bereits zur Ver- 
wandtschaft, und auch mit Maximin hätten sich bei einigem guten 
Willen ähnliche Bande knüpfen lassen, so dass alle Kaiser wieder 
eine Familie gebildet hätten. Aber die Beiden, welche sich 
nicht bedroht wussten, hatten keinen guten Willen. Maxentius 
hatte mit seinem Vater stets in Feindschaft gelebt; als aber 
dieser, wie das Gerücht sagte, auf Constantin's Befehl gestorben 
war, erhob er den Aufrührer, dessen Andenken in Gallien mit 
dem Fluche belegt war, in Rom unter die Götter, liess Münzen 
zu seiner Erinnerung schlagen und forderte Genugthuung für 
seinen Tod \ Dass der pietätvolle Sohn nur deshalb seine edle 
Entrüstung zur Schau trug, um einen anständigen Kriegsgrund 
zu gewinnen, konnte Constantin nicht lange verborgen bleiben. 
Immer noch suchte er den Frieden, doch die Unterhandlungen 
wurden bald scharf und gereizt und endeten damit, dass Maxen- 
tius in seinem Reichstheil die Statuen Constantin's umstürzen liess 
und ihn officiell als Tyrannen brandmarkte*. Dies war die 
förmliche Erklärung des Krieges; ihm auszuweichen war nicht 
mehr möglich; das Heil des Reiches lag jetzt in seiner ener- 
gischen Führung und schnellen Beendigung. 

So sehr Constantin auch bemüht gewesen war, den Kampf 
zu vermeiden, hatte er ihn doch schon lange kommen sehen und 
auf das sorgfältigste vorbereitet. Ueber die Truppen des Maxen- 
tius war er genau unterrichtet und hatte die seinen durch lang- 
wierige Exercitien darauf eingeübt, gerade diesen Soldaten und 
ihrer eigenthümlichen Kampfart wirksam entgegenzutreten '. 
Trotzdem war die Zeit für ihn die denkbar ungünstigste. Denn 
eben gährte es wieder unter den Germanen, und ein neuer An- 
griff von ihnen schien nahe bevorzustehen. Da Constantin pflicht- 
treu genug war, sein Gallien nicht schutzlos den Barbaren preis- 
zugeben , so konnte er kaum ein Viertel seiner Truppenraacht 



» Lact, de mort. pars. 43; Zos. II, 14, 1; Eckhel VIII, S. 26; Henz. 5562a. 

^ Nazar. Paneg. X, 12. 

' Dies ergibt sich aus dem Manöver, durch welches er die Schlacht 
bei Turin gewann. Dasselbe ist so complicirt und schwierig, dass es nur 
nach langer Uebung gelingen konnte (s. unten). 



22(3 0. Seeck. 

gegen Maxentius führen, im Oanzen etwa 25 000 Mann ^ Dem 
gegenüber hatte sein Feind mit dem Heere, welches er dem 
Severus abtrünnig gemacht und dann noch durch die zahlreichen 
üeberläufer des Galerius verstärkt hatte, jetzt das Afrikanische 
des Alexander vereinigt und diese Doppelmacht durch umfang- 
reiche Aushebungen in Italien und Afrika bis auf 170000 Mann 
und 18000 Rosse vermehrt*. Dazu brauchte er keine bedrohte 
Grenze zu schützen, sondern konnte sämmtliche vorhandenen 
Truppen im Bürgerkriege verwenden. Alle Officiere Constantin's 
waren voll banger Sorge ; auch die Haruspices, welche bei dieser 
Gelegenheit noch befragt wurden, verkündeten schlimme Zeichen ^. 
Aber er selbst traute es sich zu, durch Schnelligkeit und Feld- 
herrngabe auszugleichen, was ihm an Truppenzahl fehlte, und als 
seine Feinde ihn noch am Rheine wähnten, wo er eben erst den 
Grenzschutz gegen die Barbaren geordnet hatte *, stand er schon 
jenseits des Mont Genfevre vor dem festen Susa (Frühling 312). 
Auch Maxentius hatte den Feldzug bereits eingeleitet. Ob- 
gleich er einen Angriffskrieg zu führen gedachte, hatte er doch 
das Gros seines Heeres zum Schutze seiner werthen Person in 
Rom behalten und die Stadt mit Eornvorräthen auf ungemessene 
Zeit ausgestattet^. Ein Corps, das kleiner, aber der Macht 
Constantin's noch überlegen war, stand unter dem Gardepräfecten 
Pompejanus Ruricius ^ in Verona, um demnächst über die Brenner- 
strasse in das Gebiet des Licinius einzufallen^; vielleicht hatte 
eine starke Vorhut sogar schon den Pass überschritten. Gegen 
Gallien war das kleinste der drei Heere in Marsch gesetzt, ver- 
muthlich weil man hier in Folge des drohenden Germaneneinfalls 
leichtes Spiel zu haben meinte. Doch ist es auch möglich, dass 



' Wenn Zosiftius (II, 15, 1) dem Constantin 90000 Mann und 8000 Pferde 
zuschreibt, so meint er damit wahrscheinlich die ganze Macht, über welche 
er in seinem Reichstheil verfügte. Gegen Maxentius führte er davon etwa 
dün vierten Theil (Eumen. Paneg. IX, 3), und dieser war kleiner als das 
Heer Alexander's des Grossen, welches 40 000 Mann stark war (Eumen. 
Paneg. IX, 5). 

' Lact, de mort. pers, 44. Die Truppenzahl bei Zosim. II, 15, 2; vgl. 
Euseb. hist. eccl. IX, 9, 3; vita Const. I, 37. 

' Eumen. Paneg. IX, 2. * Eumen. Paneg. IX, 5. 

'' Eumen. Paneg. IX, 16. 

* Eumen. Paneg. IX, 8; Naz. Paneg. X, 25. 

' Zos. II, 14. 1. 



Die Anfänge Constantin's des Grossen. 227 

man einstweilen nur von dem Passe des Mont Genevre Besitz 
ergreifen wollte und den entscheidenden Schlag für die Zeit auf- 
sparte, wo man mit Licinius fertig war. Diese immer noch 
sehr ansehnliche Truppenmacht war bis Turin gelangt und hatte 
«ine Abtheilung nach Susa vorgeschoben, das den Ausgang der 
Oebirgsstrasse sperrte. 

Hier wurde sie von Gonstantin überrascht und zur Ueber- 
gabe aufgefordert. Ihr Commandant, der meinte, er habe es 
nur mit einer Vorhut zu thun und der Kaiser und sein Heer 
seien noch weit zurück in Gallien, weigerte sich. Sogleich wurde 
Feuer an die Thore gelegt und die Mauern mit Sturmleitern 
angegriffen, und in kurzem war die kleine, aber wichtige Festung 
in den Händen Constantin's. Bei dieser Gelegenheit gab sein 
Heer Beweise einer Mannszucht, wie sie damals fast unerhört 
war. Die in Sturm genommene Stadt blieb nicht nur von jeder 
Plünderung bewahrt, sondern die Soldaten löschten sogar selbst 
die Feuersbrunst, welche sich von den angezündeten Thoren aus 
weiter verbreitet hatte ^. Die Folge war, dass später alle Städte, 
die nicht mit feindlichen Truppen belegt waren, dem Kaiser ihre 
Thore freiwillig öffneten und ihn mit Jubel und Festlichkeiten 
begrüssten ^. Da sie dadurch die Rache des Tyrannen heraus- 
forderten, mussten die Bürger selbst bedacht sein, sich gegen 
diesen aufs Aeusserste zu vertheidigen. Gonstantin brauchte 
^o nirgends Besatzungen zurückzulassen und konnte sein kleines 
Heer ungeschwächt mit sich führen. 

Schon wenige Meilen weiter traf er auf eine Macht, die der 
seinigen gewachsen war und ihr im freien Felde entgegentrat. 
Den Kern derselben bildete eine Schaar Panzerreiter, die, von 
Kopf bis zu Fuss mit Eisenschuppen bedeckt und selbst die 
Leiber ihrer Rosse durch eine gleiche Umhüllung schützend, für 
jede Waffe unverwundbar schienen. Sie pflegten der Art ver- 
wendet zu werden, dass man sie an die Spitze eines Keiles 
stellte; dieser durchbrach langsam vordringend das Gentrum des 
Feindes, welches gegen die unangreifbare Schaar machtlos war, 
und theilte sich dann in der Mitte, um die zerrissene Schlacht- 
reihe nach den beiden Flügeln hin aufzurollen. Gegen diese 



^ Eumen. Paneg. IX, 5; 6; Nazar. Paneg. X, 17; 21. 
* Eumen. Paneg. IX, 7; Zos. II, 15, 1. 



228 0. Seeck. 

Kampfweise, welche er genau kannte, hatte Constantin seine 
Truppen auf ein sehr schwieriges Manöver eingeübt, das die 
alten Söldner jetzt so exact, wie auf dem Exercierplatze , aus- 
führten. Als der Keil vordrang, wich sein Centrum langsam 
zurück, ohne darum den Zusammenhang mit den Flügeln zu 
lösen, so dass die ganze Schlachtordnung aus einer geraden Linie 
sich allmählich in einen einspringenden Winkel verwandelte, der 
den Keil auf zwei Seiten dicht umschloss. Als der Feind, welcher 
im muthigen Vorgehen die Gefahr nicht bemerkte, fest in der 
Zange sass, Hess Constantin zum Angriff blasen, und zwischen 
den Schenkeln des Winkels eingepresst, wurde das Heer fast 
aufgerieben. Auch die Eisenreiter vermochten nicht durch- 
zudringen; denn ihnen war eine erlesene Schaar von Keulen- 
tr'ägern gegenübergestellt, welche mit wuchtigen Schlägen unter 
dem biegsamen Panzerhemd die Knochen zermalmten. Ein kleiner 
Rest der feindlichen Truppen konnte sich aus der tödtlichen 
Umklammerung lösen und rückwärts nach Turin fliehen, fand 
aber hier die Thore verschlossen und wurde noch angesichts der 
Rettung verheissenden Mauern niedergehauen ^. Die Bürgerschaft 
hatte die zuchtlose Soldateska des Maxentius zur Genüge kennen 
gelernt und beeilte sich, die Gunst eines Siegers zu gewinnen^ 
der in Susa so viel Grossmuth und so gute Disciplin gezeigt 
hatte. 

Wie im Triumphe durchzog Constantin Oberitalien. Die Städte^ 
welche mit schwerem Steuerdruck die Prasserei des Maxentius 
hatten bezahlen müssen und unter der Einquartierung seiner 
durchmarschierenden Banden schwer gelitten hatten, schickten 
ihrem Retter Festgesandte entgegen und überboten sich in jeder 
Art freiwilliger Leistungen für die Unterstützung seines Heeres- 
In Mailand verweilte er kurze Zeit und versuchte Unterhand- 
lungen mit den in Verona stehenden Truppen zu eröffnen *. Aber 
die Soldaten sahen ihr Interesse mit dem ihres freigiebigen 
Kaisers zu eng verknüpft, um zum Abfall Lust zu verspüren. 
Ruricius rüstete sich sogar, Constantin entgegenzuziehen, und hatte 
seine starke Reiterei bereit-s bis Brescia vorgeschoben. Hier aber 
wurde sie überrascht und nach kurzem Kampfe auf Verona 



* Eumen, Paneg. IX, 6; Nazar. Paneg. X, 7; 22-24. 

* Eumen. Paneg. IX, 7. 



Die Anfänge Constantin's des Grossen. 229 

zurückgetrieben ^. Dort war man jetzt zu entmuthigt , um eine 
Entscheidung im freien Felde zu wagen. Die Truppen, welche 
noch in der Umgegend der Stadt zerstreut lagen, wurden hinter 
ihren Mauern zusammengezogen und alles zum Aushalten einer 
Belagerung vorbereitet. 

Da Keiner dies vorausgesehen hatte und Verona nur als 
Durchgangsstation für das Ueb erschreiten der Brennerstrasse 
hatte dienen sollen, konnten dort kaum so grosse Vorräthe auf- 
gehäuft sein, um ein ansehnliches Heer längere Zeit zu erhalten. 
Aber da die Stadt auf beiden Ufern der . Etsch liegt und die 
Angreifer nur das rechte hatten besetzen können, vermochte 
man von der andern Seite noch eine Zeitlang Korn in die 
Mauern zu bringen. Endlich gelang es Constantin, bei Nacht 
die Hälfte seines Heeres überzusetzen und den Feind gänzlich 
einzuschliessen, doch waren jetzt die beiden Theile seiner Truppen 
durch den reissenden Strom getrennt und konnten sich bei Aus- 
fällen der Belagerten nicht unterstützen. Trotzdem wurde ein 
grosser Angriff siegreich zurückgeschlagen ; aber bald darauf 
schlich sich Ruricius mit einer kleinen Schaar durch den Ring 
der Feinde, um Entsatz herbeizuholen. Mit einer bedeutenden 
Macht kehrte er wieder; wahrscheinlich waren es die Vortruppen, 
welche den Brenner schon überschritten und bis dahin von der 
Bedrängniss ihrer Genossen nichts gewusst hatten. Constantin 
sah sich vor die Alternative gestellt, entweder die Einschliessung 
von Verona zu lösen, und indem er der halbausgehungerten 
Stadt eine neue Verproviantirung erlaubte, die Frucht langer 
Kämpfe zu verlieren, oder mit der geringen Truppenzahl, welche 
vor den Mauern entbehrt werden konnte, dem weit überlegenen 
Feinde entgegenzuziehen. Kühn wie immer wählte er das Zweite. 
Erst am späten Nachmittage traf er auf Ruricius und beeilte 
sich, die dargebotene Schlacht anzunehmen. Verlief sie ungünstig, 
so erlaubte ihm wohl die Nacht, sie abzubrechen und von Verona 
her Verstärkungen heranzuziehn. Anfangs hatte er eine doppelte 
Schlachtreihe gebildet, doch als er wahrnahm , dass der Feind 
ihn auf beiden Seiten weit überflügelte, zog er auch seine Re- 
serven in's erste Treffen. Er selbst kämpfte mit Löwenmuth unter 
den Vordersten, und die Soldaten liessen ihren Kaiser nicht im 



* Nazar. Paneg. X, 25. 



230 0. Seeck. 

Stich. Ihre dünne Schlachtlinie warf die tiefen Rotten der Feinde; 
Ruricius selbst fiel, und das Oemetzel währte bis tief in die Nacht 
hinein. Ehe der Morgen anbrach, war das Entsatzheer zer- 
streut, und die siegreichen Truppen wieder unter die Mauern 
Veronas zurückgeführt ^. 

Die Belagerten waren jetzt so eingeschüchtert, dass Constantin 
eine Abtheilung seines Heeres detachiren konnte, um Aquileja zu 
berennen. Als Beherrscherin des Julischen Alpenpasses, welcher 
die nächste Verbindung Italiens mit dem Reichstheile des Licinius 
herstellte, hatte diese wichtige Stadt wahrscheinlich eine kleine Be- 
satzung des Maxentius aufnehmen müssen. Aber sehr bald 
schickte sie Gesandte an Constantin und ergab sich^; yermuthlich 
hatte die Einwohnerschaft dies von den Soldaten erzwungen. 
Endlich konnte auch Verona sich nicht länger halten; voll fin- 
steren Trotzes streckte die ausgehungerte Besatzung die Waffen. 
Doch ihre Zahl war so gross und ihre Anhänglichkeit an Maxen- 
tius so unerschütterlich, dass Constantin entweder einen sehr 
ansehnlichen Theil seines Heeres zu ihrer Bewachung verwenden 
oder gefährliche Aufstände der Gefangenen befürchten musste. 
Um sie sicher hüten zu können, musste er sie in Fesseln 
schlagen, die eilig aus dem Eisen ihrer abgelieferten Schwerter 
geschmiedet wurden^. Noch wurde einige Zeit verwandt, um 
alle Städte Oberitaliens in Besitz zu nehmen, wobei eine kurze 
Belagerung Modenas nöthig wurde ^. Doch der kaiserliche Feld- 
herr scheute keinen Aufenthalt; für den schweren Kampf, der 
ihm noch bevorstand, musste seine Rückzugslinie und seine Ver- 
bindung mit Licinius völlig gesichert sein. So war der Herbst 
herangekommen, ehe der entscheidende Marsch auf Rom beginnen 
konnte^. 

Wenn Maxentius auch nur ein Drittel der grossen Armee, 
die er zu seinem Schutze in Rom festhielt, zum Entsätze Veronas 
geschickt hätte, so wäre Constantin's Verderben allem Anscheine 
nach besiegelt gewesen. Aber die Unthätigkeit des Tyrannen, 
welche für den ersten Theil des Feldzuges die unerlässliche Be- 



» Eumen. Paneg. IX, 8-10; Nazar. Paneg. X, 25-26. 
' Eumen. Paneg. IX, 11; Nazar. Paneg. X, 27. 
' Eumen. Paneg. IX, 11 ff. 
* Eumen. Paneg. IX, 14; Nazar. Paneg. X, 27. 
^ Anon. Yales. 4, 12. 



Die Anfänge Constantin's des Grossen. 231 

dingung des Erfolges gewesen war, liess den zweiten, der jetzt 
bevorstand, so gut wie hoffnungslos erscheinen. Das kleine 
Heer, welches Constantin über die Alpen geführt hatte, war 
durch seine blutigen Siege nicht grösser geworden. Mit 20000 
Mann aber lassen sich 100000 vielleicht unter besonders gün- 
stigen Umständen in offener Feldschlacht besiegen, doch liegt 
eine solche Uebemiacht in einer festen Stadt, so ist jeder Ver- 
such eines Angriffs offenbarer Wahnwitz. Dass Maxentius, 
der sein ganzes Reich dem vordringenden Feinde schutzlos preis- 
gab, durch eine Schlacht die Mauern Roms werde schützen 
wollen, welche sich selbst schon genügend schützten, lag ausser 
aller Berechnung. Und blieb er ruhig stehen, wie er es in den 
Kriegen gegen Severus und Galerius gethan hatte , so musste auch 
Oonstantin's Unternehmen zweifellos scheitern ^. Anfangs hatte 
dieser gehofft, Rom auch ohne Belagerung durch Hunger zu 
zwingen. Zu diesem Zwecke hatte er eine starke Flotte aus- 
gerüstet, welche die drei grossen Inseln und einige Häfen des 
Italienischen Festlandes schon besetzt hatte und von hier aus 
den Afrikanischen Eornschiffen auflauerte^. Doch unterdessen 
war ihm gewiss schon durch Gefangene oder Spione bekannt 
geworden, dass in den Speichern der Hauptstadt Vorräthe auf- 
gehäuft lagen, welche die Verpflegung von Volk und Heer auf 
lange hinaus sicher stellten '^ Langte er also vor Rom an, ohne 
vorher die Armee des Feindes vernichtet zu haben, so boten 
sich ihm, da an einen Handstreich kaum zu denken war, nur 
zwei Möglichkeiten, die beide zum sicheren Untergange führten. 
Entweder er versuchte eine Belagerung oder er zog thatlos 
wieder ab. Im ersten Falle musste sein kleines Heer, um einen 
Befestigungsgürtel von zwei und einer halben Meile vertheilt, 
durch die Ausfälle weit überlegener Massen in Kurzem aufgerieben 
werden; im zweiten hätte ein so schmähliches Misslingen die 
Stimmung seiner Soldaten tief herabgedrückt und eine Verfolgung, 
vollends eine solche, welche mit 100 000 Mann siegesfreudiger 
Truppen ausgeführt werden konnte, den Rückzug bald in wilde 



* Alle Zeugen stimmen darin überein, dass Constantin nichts mehr 
gefürchtet habe, als dass Maxentius es auf die Belageruog ankommen lasse, 
und dass Jedermann dies für wahrscheinlich hielt. Eumen. Paneg. IX, 14-16; 
Nazar. Paneg. X, 27; Euseb. hist. eccl. IX, 9, 3-4; vita Const. I. 37-38. 

' Eumen. Paneg. IX, 25. ^ Kumen. Paneg. IX, 10. 



232 0. Seeck. 

Flucht verwandelt. Und gesetzt, Maxentius stellte sich wirklich 
zur Schlacht, was sehr unwahrscheinlich war; gesetzt, er wurde 
besiegt und liess die ganze Hälfte seiner Armee auf dem Felde 
liegen, was noch weniger Wahrscheinlichkeit hatte: sobald er 
nur die zweite Hälfte nach Rom zurückzuführen vermochte, stand 
die Sache genau wie vorher. Im Schutze sicherer Mauern hätte 
sein geschlagenes Heer den Muth wiedergefunden; der Macht 
Constantin's wäre es noch immer überlegen gewesen, und eine 
Belagerung blieb nach wie vor unmöglich. 

Aber der Zug nach Rom war nicht nur ein verzweifeltes 
Unternehmen; er war auch keineswegs nothwendig. Endlich 
mussten die Kornvorräthe des Maxentius doch verbraucht sein, 
und sobald dies eintrat, zwang ihn der Hunger, selbst nach Ober- 
itaJien vorzubrechen. Wurde er aber hier, fem von seinen un- 
einnehmbaren Befestigungen, geschlagen, so konnte sein Heer 
vielleicht abgeschnitten oder durch die Verfolgung aufgerieben 
werden, ehe es nach Rom zurückgelangte. Und siegte er, so 
war Constantin seiner Operationsbasis näher, konnte also schneller 
und leichter Gallische Reserven herbeiziehen, welche das Kriegs- 
glück vielleicht wendeten. Er brauchte also nur stehen zu 
bleiben, um den Kampf unter viel günstigeren Bedingungen auf- 
nehmen zu können. Freilich hätte er noch Monate darauf warten 
müssen; aber da er mit Licinius im Bündniss stand, drohte ihm 
damals von Osten ja kein Angriff, und die Gefahr an der 
Rheingrenze, so sehr sie den pflichttreuen Kaiser zu schleuniger 
Entscheidung antreiben mochte, war doch auch kein ernstliches 
Hindemiss. Denn durch die gefangenen Soldaten des Maxentius, 
welche zwar nicht zum Kampfe gegen ihren Herrn, wohl aber 
gegen die Barbaren zu brauchen waren und später thatsächlich 
dazu gebraucht worden sind ^, konnte das Rheinheer eine Ver- 
stärkung erhalten, die an Zahl, wenn auch nicht an Güte, 
den in Italien abwesenden Truppen wahrscheinlich gleichkam. 
Der einzige Kriegsplan, welchen die gesunde Vernunft billigen 
konnte, hiess also abwarten; wenn Constantin, der sonst seine 
Mittel sehr klug zu wählen wusste, trotzdem in tollkühner Un- 
geduld auf ein Ziel losstürmte, das nach menschlichem Ermessen 
unerreichbar war, so liess er sich eben nicht von gesunder Ver- 
nunft leiten, sondern von visionärer Eingebung. 

^ Eumen. Panesf. TX, 21. 



Die Anfänge Constantin's des Grossen. 233 

Jedes Kind kennt die Geschichte, wie Constantin im Traum 
geoffenbart wurde, dass er unter dem Zeichen Christi siegen 
werde ^. Für Träume lassen sich nicht die gesetzlichen zwei 
Zeugen beibringen, durch deren Mund jede Wahrheit kund wird ; 
die historische Kritik ist ihnen gegenüber machtlos. Doch dass 
sie in einem Zeitalter hoher religiöser Erregung auch geschicht- 
lich ihre Rolle gespielt haben, kann keinem Zweifel unterliegen. 
Träume und Weissagungen jagten später den MaxentAis in sein 
Verderben ^ ; warum sollen sie nicht auch seinen Gegner zum 
Siege geführt haben ? Dass Constantin's Jugend von christlichen 
Einflüssen nicht unberührt geblieben war, haben wir schon dar- 
gelegt. Er hatte die Verfolgung erlebt und hatte gesehen, dass 
ihre Urheber seit dem Beginn derselben vom Unglück heim- 
gesucht wurden. Im Jahre 303 war das Edict gegen die Christen 
publicirt ; unmittelbar nach seinen Vicennalien , die er im 
selben Jahre gefeiert hatte, wurde Diocletian von monatelanger 
Krankheit ergriffen. Es folgte der Zwist zwischen Galerius und 
Maximian, der die ursprüngliche Thronfolgeordnung zu vernichten 
zwang und den Keim zu allem künftigen Unheil legte ; dann die 
Abdankung und die tiefe Zerrüttung des Reiches, deren Ursache 
sie war. Von den Verfolgern schleppte nur Diocletian noch ein 
sieches Dasein hin, um alle Früchte seiner Lebensarbeit um sich 
her untergehn zu sehen; Maximian hatte durch schmählichen 



^ Lact, de mort. pers. 44. Die Geschichte von der Himmelserscheinung 
bei Euseb. vita Const. I, 28 sammt dem £ide Constantin's, der sie beglaubigen 
soll, ist natürlich erlogen; denn wenn sie wahr wäre, könnte sie auch 
dem Lactanz und dem Eusebius selbst, als er die Kirchengeschichte schrieb, 
nicht unbekannt geblieben sein. Vgl. Crivellucci, Della fede storica di 
Eusebio. Livomo, 1888. Der Traum dagegen muss unmittelbar nach der 
Schlacht im ganzen Reiche erzählt worden sein. Denn schon im Herbst 313 
spricht der heidnische Rhetor Eumenius in Gallien geheimnissvoll von 
einer lyromissa divinitus victoria und von dem unmittelbaren Verkehr der 
Gottheit mit Constantin (Paneg. IX, 2-4). Aehnliche Andeutungen finden 
sich dann auch in der 321 gehaltenen Rede des Nazarius (Paneg. X, 7; 
12; 16). Endlich dürfte wohl auch das instinctu divinitcUis des 315 errich- 
teten Constantinsbogens , welches nicht, wie man früher annahm, über ein 
ausradirtes nutu Jovis optimi maximi gesetzt ist, sondern schon von Anfang 
an auf der Inschrift gestanden hat, auf den Traum anspielen (CIL. VI, 1139). 
Vgl. Keim, der Uebertritt Constantin's des Grossen zum Christenthum. 
Zürich, 1862, S. 26 ff. 

' Eumen. IX, 4; 16; Lact, de mort. 44; Zos. II, 16, 1. 



234 0. Seeck. 

Selbstmord geendet, Galerius durch eine Krankheit von unsäglich 
schmerzvoller und ekelhafter Art, die ihm noch kurz vor seinem 
Tode die Ueberzeugung aufdrängte, dass der angefeindete 
Christengott an ihm seine Rache genommen habe. Gallien, 
welches nie von der Verfolgung ernstlich berührt worden war, 
hatte allein von allen Reichstheilexi bis jetzt einer vielbeneideten 
Ruhe genossen. Sollte dies nicht Constantin zu dem Glauben 
veranlassen, dass der Gott der Christen über alle Heidengötter 
Gewalt habe? Bei seinem Auszuge hatten ihm die Haruspices 
Unheil geweissagt. Als Antwort darauf scheint er christliche 
Bischöfe zu sich geladen zu haben, um sich von ihnen über 
ihren Glauben näher unterrichten zu lassen ^. Der Erfolg seines 
kühnen Unternehmens hatte jeden Augenblick auf des Messers 
Schneide geschwebt ; während der langen Belagerung von Verona 
musste er täglich erwarten, dass das Heer aus Rom anrücke und 
seinem Siegeslauf ein schreckliches Ende bereite. Aber beispiel- 
loses Glück hatte ihn bisher überall begleitet, und die heidnische 
Unglücksdrohung war vor den Gebeten seiner Bischöfe zu Schanden 
geworden. 

Auch Maxentius hatte bei seinem Regierungsantritt der 
Christenverfolgung in Rom Einhalt gethan und das confiscirte 
Eigenthum der Kirchen zurückgegeben^. Damals haschte er 
eben noch nach Popularität und erkannte diese Massregel als 
ihr förderlich. Aber immer war er ein eifriger Heide geblieben 
und liess jeden seiner Schritte von den Aussprüchen der Ein- 
geweideschauer und Wahrsager bestimmen^. Und diese hatten ihn 
bis dahin nicht schlecht geleitet. War doch das Glück, mit dem 
er alle seine Feinde einen nach dem andern niedergeworfen hatte, 



* Euseb. vita Const. I, 32; vgl. 42. Diese Nachriebt des Eusebius wird 
dadurch bestätigt, dass laut Zeugniss einer zweifellos echten Urkunde (Euseb. 
bist. eccl. X, 6, 2) unmittelbar nach Constantin's Ankunft in Rom Hosius 
von Cordova sich in seiner Umgebung befand. Da dessen Bischofssitz im 
Gallischen Reichstheil lag und er während des Krieges kaum etwas im Ge- 
biete des Maxentius zu thun haben konnte, so ist es wohl mehr als wahr- 
scheinlich, dass er mit dem Heere Constantin's nach der Hauptstadt ge- 
kommen war. 

« Euseb. bist. eccl. VIII, 14, 1; Capit. coUat. Carthag. HI, 499-515; 
August, brevic. Collat. III, 18, 34-86; ad Donat. post coli. 13, 17. 

» Emnen. Paneg. IX, 4; 14; 16; Euseb. bist. eccl. VIII, 14, 5 ff.; IX, 
9, 3; vita Const. I, 27; 86; Zos. II, 12, 2; 16, 1; Lact, de mort. pers. 44. 



Die Anfänge Constantin's des Grossen. 235 

SO unerwartet und erstaunlich gewesen, dass es in jener aber- 
gläubischen Zeit gewiss von den Meisten dem Eingreifen über- 
natürlicher Mächte zugeschrieben wurde. Aber die Dämonen, 
welche den Tyrannen schützten, hatten ihre Gewalt bisher nur 
gegen Götzendiener gezeigt; es lohnte wohl des Versuches, ob 
sie auch gegen einen Christen etwas vermöchten oder ob der 
Gott des neuen Glaubens ihnen überlegen sei. Solche Gedanken 
mochten Constantin damals beschäftigen ; was aber den wachenden 
Geist erfüllt, das geht auch in die Träume über, und in der 
körperlichen Erscheinung, mit welcher sie das Gedachte um- 
kleiden, gewinnt es den Charakter göttlicher Offenbarung. So 
zog denn der Kaiser blindlings seinem Sterne nach; er wusste, 
dass er siegen werde, nicht weil dies nach menschlicher Be- 
rechnung wahrscheinlich oder selbst nur möglich gewesen wäre, 
sondern weil seine Soldaten das Monogramm Christi auf ihren 
Schilden trugen und, wie die Stimme eines Höheren verkündet 
hatte, an dieses Zeichen der Sieg geheftet war. Und seine heid- 
nischen Landsknechte blickten vertrauensvoll auf den neuen 
Schmuck ihrer Waffen, dessen Bedeutung sie kaum verstanden. 
Sie hielten ihn für ein magisches Zeichen, an dessen Wunder- 
kraft sie nicht zweifelten, da ihr grosser Feldherr bis jetzt auch 
unter den schwierigsten Umständen immer siegreich gewesen 
war. Und sein Vertrauen liess das Glückskind auch diesmal 
nicht zu Schanden werden: das ganz Unerwartete, ja fast Un- 
glaubliche geschah. Maxentius, der sich bisher vor jedem An- 
griff hinter seinen unbezwinglichen Mauern verkrochen hatte, 
führte diesmal sein Heer in's freie Feld und lieferte es in einer 
Stellung, welche seine Niederlage schon im Voraus entschied, 
dem kühnen Gegner zur Vernichtung aus. 

Bis zum letzten Augenblick hatte er an dem Plane festge- 
halten, den Angriff an der Aureliansmauer zerschellen zu lassen ; 
noch während der Feind herannahte, hatte er begonnen, sie mit 
einem Graben zu umziehen, der freilich nie vollendet wurde \ 
Um den Muth seiner Soldaten nicht zu lähmen, hatte er zwar 
alle Nachrichten vom Kriegsschauplätze unterdrückt, zugleich 
aber öffentlich den höhnischen Wunsch ausgesprochen, dass Con- 
stantin nur vor den Thoren erscheinen möge, wo ihm sein Unter- 



> Chronogr. v. 354, S. 148. 



236 0. Seeck. 

gang ja doch gewiss sei ^. Plötzlich schlug sein Entschluss um. 
Am 26. Oktober 312 verliess er mit seiner Familie das Palatium 
und siedelte in eine Privatwohnung über; ein Traum hatte ihm 
verkündet, dass er am bisherigen Orte seiner Freuden und Er- 
folge nicht mehr verweilen dürfe ^. Er liess die Sibyllinischen 
Bücher befragen und erhielt die Weissagung, am Feste seines 
Regierungsantritts, das in zwei Tagen bevorstand, werde den 
Feind Roms sein Verderben ereilen ^. Da ein so schneller Er- 
folg bei einer Belagerung unmöglich eintreten konnte, so com- 
binirte der abergläubische Mann diese Prophezeihung mit der 
Weisung des Traumes, dass er seinen Wohnsitz verlassen solle, 
und beschloss, vor die Thore hinauszuziehn und am 28. Oktober 
eine Schlacht zu liefern. Noch ein weiteres Omen fügte er 
hinzu : Hatte er unter der Stadtpräfectur eines Annius Anullinus 
die Krone erhalten und die Angriffe des Severus und Galerius 
abgeschlagen, so ernannte er auch jetzt, noch am Vorabend der 
Schlacht, einen andern Annius Anullinus, wahrscheinlich den ehe- 
maligen Gardepräfecten des Severus, zum höchsten Beamten 
Roms ^, damit dieser Name des Heils auch seinem dritten Ent- 
scheidungskampfe Glück bringe. So waren alle Mächte des 
Aberglaubens aufgeboten. Beide Gegner hatten das denkbar 
Unzweckmässigste gethan, denn beide Hessen sich nicht durch 
klugen Rathschlag und strategische Erwägung, sondern durch 
Träume und Zeichen leiten. Wer jetzt den Sieg gewann, der 
gewann ihn nicht nur für sich, sondern vor allem für seine 
Götter \ 



* Eumen. Paneg. IX, 15. ^ Eumen. Paneg. IX, 16. 

' Zos. 11, 16, 1; Lact, de mort. pars. 44; vgl. Eumen. Paneg. IX, 16. 

* Chronogr. von 354 S. 67. 

^ Die folgende Schilderung der Schlacht beruht in erster Linie auf 
der Kenntniss des Geländes, welche ich theils Moltke's Karte der Campagna, 
theils eigener Anschauung verdanke. Da meine Erinnerung ein wenig ver- 
blasst war, hat mein Schwager Otto Jessen, der sich eben in Rom aufhält, 
meine Darstellung an Ort und Stelle einer sorgfältigen Controle unterzogen 
und mir einige wichtige Gesichtspunkte zu ihrer Vervollständigung mit- 
getheilt. Das Terrain ist so beschaffen, dass es, sobald man die Andeutungen 
der Quellen sorgsam beachtet, über den Verlauf des Kampfes keinen Zweifei 
lässt. Die Darstellung Moltke's in seinem , Wanderbüchlein' steht in zwei 
Punkten zu den Quellen im Widerspruch. Erstens ist es durch zahlreiche, zum 
Theil von einander ganz unabhängige Zeugnisse sicher beglaubigt, dass die 
Schlacht vor der Milvischen Brücke stattfand (Eumen. Paneg. IX, 17; Lact. 



r" 



Die Anfänge ConBtantin*s des Grossen. 237 

Um die grossen Massen, welche ihm zu Gebote standen, 
schneller an den Feind zu bringen, liess Maxentius neben dem 
steinernen Pons Milvius eiligst eine SchifiFbrticke schlagen^; 
dann führte er sein Heer über den Tiber und liess es etwa eine 
Meile stromaufwärts vorgehen, bis die Spitze Saxa Rubra, das 
heutige Prima Porta, erreichte. Hier, wo die Flaminische Strasse 
aus der Enge hervortritt, welche durch den Fluss und eine Kette 
steil abfallender Felsen gebildet wird, fand er seinen Vormarsch 
wahrscheinlich schon durch den Feind gehindert, als die Nach- 
hut seiner langen Kolonne, bei welcher der Kaiser selbst sich 
befand, kaum die Brücken überschritten hatte. Die Heere standen 
sich jetzt in einer Stellung gegenüber, welche die Möglichkeit 
eines erfolgreichen Kampfes auf beiden Seiten ausschloss. Ver- 
suchte Maxentius unter den Augen der feindlichen Armee aus 
dem engen Passe zu debouchiren, so war seine Niederlage ge- 
wiss ; aber auch Constantin konnte auf der Flaminischen Strasse, 
welche jetzt durch 100000 Soldaten gesperrt war, nicht weiter 
vordringen. Es ist ein Verdienst, das ihn seines Glückes würdig 
zeigt, wenn er nicht, wie sein Gegner, zaudernd stehen blieb, 
sondern schnell entschlossen einen Ausweg suchte und fand. 

Eine kleine Schaar zurücklassend, welche zur Schliessung 
des Passes eben genügte, tiberschritt Constantin ohne Weg und 



de mort. pers. 44; CIL. VIII, 9356; Hydat. fast. a. 312; Chronogr. v. 354 
S. 148; Vict. epit. 40, 7; Eutrop. X, 4, 3; Zon. XIII, 1), nicht, wie Moltke 
azmimiüt, bei Saxa Rubra. Diesen Ort nennt einzig Vict. Caes. 40, 23, aber 
nicht um dadurch die Gegend des Schlachtfeldes zu bestimmen, sondern 
nur als den äussersten Punkt, welchen Maxentius* Heer bei seinem Vor- 
marsch aus Rom erreichte. Zweitens stand die Schlachtordnung des Tyrannen 
nicht mit dem rechten Flügel an den Fluss gelehnt, sondern mit dem Rücken 
gegen das Wasser. Auch dies ist durch zwei Zeitgenossen, die nichts von 
einander wissen und von denen der eine in Rom selbst lebte, also die 
genauesten Nachrichten einziehen konnte, ganz unzweideutig bezeugt (Eum. 
Paneg. IX, 16; 17; Nazar. Paneg. X. 28). Zudem bleibt es bei Moltke's 
Auffassung ganz unverständlich, warum die Fliehenden sich alle zur Mil- 
vischen Brücke drängten. Stand die Linie des Heeres senkrecht auf dem 
Tiber, so musste die grössere Masse über das Hügelgelände auf den vati- 
canischen Stadttheil zurückgeworfen werden, hinter dessen Mauern sie leicht 
Schutz gefunden hätte. Dies Bedenken scheint übrigens auch Moltke selbst 
gekommen zu sein. 

^ Euseb. bist. eccl. IX, 9, 5; vita Const. I, 88; Zos. II, 15, 3; Vict. 

epit. 40, 7. 

Deuteche Zeitschr. f. Geschichtaw. 1892. VII. 2. U) 



238 0. Seeck. 

Steg den Rücken der Hügel, unter deren schroffem Absturz seine 
Feinde standen. Diesen unerreichbar, zog er an ihrer Flanke 
hin, bis er auf die Gassische Strasse gelangte, welche, von Nord- 
westen kommend, bei der Brücke in die Flaminische einmündet^» 
Zu beiden Seiten derselben dehnt sich ein sanft hügeliges Ge- 
lände aus, gerade breit genug, um ihm die Entwicklung seiner 
Schlachtordnung zu gestatten, gerade schmal genug, um seinem 
kleinen Heere rechts und links durch steile Abhänge die nöthige 
Flankendeckung zu bieten. Hier nahm er seine Aufstellung den 
beiden Brücken gegenüber, deren Besitz das Ziel des Kampfes 
sein musste. Denn gelang es ihm, sie in seine Oewalt zu bringen^ 
so wurde Maxentius, dem der Vormarsch in den Pässen von Saxa 
Rubra schon gesperrt war, auch im Rücken abgeschnitten und 
musste sich mit seinem ganzen Heer ergeben. Als dieser den 
Feind plötzlich in der Flanke seiner Nachhut aufmarschieren sah^ 
konnte er ihm die Schlacht nicht verweigern, da angesichts des 
kühnen Oegners ein Rückzug über die Brücken unausführbar 
war. So wusste er keinen andern Rath, als stehen zu bleiben,, 
wo er war, und die linke Seite seiner Marschkolonne einfach in 
die Front der Schlachtordnung zu verwandeln, wodurch die 
Vorhut bei Prima Porta zum rechten Flügel, die Nachhut, welche 
noch immer vor den Brücken stand, zum linken wurde. Auf 
diese Weise blieb aber ein grosser Theil seines Heeres zwischen 
Berg und Tiber eingeklemmt und sah sich jeder Möglichkeit be- 
raubt, an den Feind heranzukommen^. Zwar blieb, auch wenn 
nur sein linker Flügel zum Schlagen gelangte, seine Uebermacht 
immer noch erdrückend, aber selbst diese sollte ihm zum Ver- 
derben gereichen. Denn auf dem engen Räume konnte er sie 
nicht anders verwerthen, als indem er die Rotten so tief stellte^ 
dass die hinterste Reihe bis unmittelbar an den Fluss heran- 
reichte ^ So mussten die Soldaten bei jedem auch nur zeit- 

^ Dass ohne einen solchen Marsch Constantin's die Schlacht nicht an 
der Milvischen Brücke hätte stattfinden können, hat Jessen bemerkt. 

' Wenn die Schlachtordnung des Maxentius, wie Nazarius (Paneg. X, 
28) sagt, sich weiter dehnte, als das Auge reichte, so kann sie nicht nur 
auf dem engen Raum, welcher hier einen Kampf gestattet, aufgestellt ge- 
wesen sein, sondern muss sich tief in die Engpässe hineingezogen haben. 

' Nazar. Paneg. X, 28 : aput Tiben'm igitur 8uos inslruit sie ripae loeatos, 
ut idtimorutn vestigia unda fatalia adlueret, ita vero multitudine auppeditante, 
ut ultra quam vistis agi posset, extenta acies pef*tineret; non qtio frone imhe- 



Die Anfl,nge Constantin's des Grossen. 239 

weiligen Zurückweichen, wie es in einer grossen Schlacht ja 
kaum zu vermeiden ist, in den Tiber gedrängt werden ^ dessen 
braune Fluthen, von den Herbstregen geschwellt, in wilden Strudeln 
dahinschossen ^. Hoch zu Rosse und mit den Abzeichen der 
Kaiserwürde geschmückt, so dass er weithin kenntlich war^ stürzte 
sich Gonstantin selbst, seinen Reitern voransprengend, auf die 
dichten feindlichen Massen ^. Gleich der erste Anprall brachte 
die vordersten Reihen in's Wanken; um nicht in's Wasser zu 
stürzen, drängten die hintersten vor, und es entstand im Heere 
des Maxentiua die furchtbarste Verwirrung*. Noch kämpften 
die Prätorianer für den Kaiser, welchen sie gemacht hatten, mit 
wilder Verzweiflung; wo sie standen, da fielen sie*. Aber diese 
heldenmüthige Aufopferung konnte das Verhängniss nicht ab- 
wenden. Die grosse Masse drängte angstvoll nach den Brücken 
hin, deren Enge ihre ungeheure Zahl nicht zu fassen vermochte. 
Da noch dazu die eine, welche erst ganz kurz vorher eilig und 
schlecht hergestellt war, unter dem Gewicht der Rettungsuchenden 
zusammenbrach ^, wurde der ganze linke Flügel in den Fluss 
gesprengt. Der rechte stand unterdessen unberührt, aber völlig 
machtlos, in seinen Engen, deren Auswege ihm jetzt nach beiden 
Seiten versperrt waren; ihm blieb nichts übrig als bedingungs- 
lose Uebergabe, umsomehr als jeder weitere Kampf gegenstandslos 
geworden war. Denn unter dem Gewühl von Männern und Rossen, 
die sich, mit dem Tode ringend, in den lehmigen Fluthen wälzten, 



ciUa traciu invalido duceretur, sed tanta stihsidiorum atque ordinum confir' 
matione, ut acies non porrectior quam rohustior mirum utrumque praeherety 
quod eam non constipatio contraxtsset nee longiUido tenuaret, 

^ Eomen. Paneg. IX, 16: at quomodo instruit aciem tot annorum vernula 
purpuratus? Ua proi'sus ne quis evadere, ne qiiis, ut fit, loco motus referre 
ffradutn et instaurare proelium posset, cum a fronte armis, a tergo Tiberi 
amne premeretur. 

* Naz. 1. c. ut uUimorum vestigia — unda faialis adlueret. Da die Ufer 
an der Brücke steil und ziemlich hoch sind, ist dies nur möglich, wenn 
der Fluss sehr stark angeschwollen war. — Nach Nissen, Italische Landes- 
kunde I, S. 398, ist der October in Rom der regenreichste Monat. 

' Nazar. Päneg. X, 29; Zos. 11, 16, 2. 

^ Eumen. Paneg. IX, 17 : ad primum igitur aspectum maiestatis tuae 
primumque impetum totius tut victoris exercitus hostes territi fugatique. 

^ Eumen. 1. c. exeeptis latrocinii illius primis auctorihus qui desperata 
renia locum quem pugnae sumpserant texere corporibus, 

* Lact, de mort. pers. 44; Zos. II, 16, 4; Euseb. hist. eccl. IX, 9, 7. 



240 0, Seeck. 

war auch der Usurpator selbst verschwunden. Die näheren Um- 
stände seines Todes wurden sehr verschieden erzählt ^ ; wahr- 
scheinlich war kein Augenzeuge, der sichere Kunde hätte geben 
können, mit dem Leben davon gekommen. 

Der Sieg war ebenso schnell, wie vollständig gewesen; ein 
einziger, alles vor sich niederwerfender Ansturm auf die Brücken 
hatte die Schlacht begonnen und beschlossen ^. In ein paar 
Stunden hatte sich ein Ereigniss vollzogen, das der Weltgeschichte 
auf Jahrtausende ihre Bahnen vorzeichnen sollte. Denn was der 
28. October des Jahres 312 entschied, war nicht etwa die Herr- 
schaft Constantins über Italien — diese bedurfte noch eines neuen 
schweren Kampfes — , wohl aber der Sieg des Christenthums 
im Römischen Reiche. Seine unmittelbaren Erfolge, so wichtig 
sie auch waren, wurden an historischer Bedeutung weit über- 
trofiFen durch die psychologische Wirkung, welche er auf den 
Sieger ausübte. Dass den Dämonen, welche sich unter den Namen 
des Jupiter und Apollo versteckten, Gewalt gegeben sei, unterlag 
für ihn, wie für seine ganze Zeit, keinem Zweifel. Hatten doch 
noch die Weissagungen, welche durch sie dem Maxentius er- 
theilt waren, sich als richtig erwiesen, wenn gleich in anderem 
Sinne, als er gemeint hatte. Constantin hat es daher nicht ver- 
schmäht, noch lange nachher bei Blitzschlägen, welche öffentliche 
Gebäude trafen, die Deutung der Haruspices einholen zu lassen ^ 
Da der Gott der Christen nur selten die Zukunft verkündete und 
ihre Kenntniss dem Herrscher nicht zu entbehren schien, hat er 
die heidnischen Weissagekünste ebensowenig ganz bei Seite ge- 
schoben^, wie Krieg und Blutgericht, welche der christlichen 
Moral gleichfalls für verwerflich galten. Auch in dieser Be- 



* Eumen. Paneg. IX, 17; Nazar. Paneg. X, 30; Lact, de mort. pars. 44; 
Anon. Vales. 4, 12; Vict. Caes. 40, 23; epit. 40, 7; Zon. XIII, 1; Eus. h. e. 
IX, 9, 7; vitÄ Const. I, 38. 

' Nazar. Paneg. X, 30: ne pugna raptim gesta diutius narrata quam 
confecta videatur, Eumen. Paneg. IX, 17. 

' Cod. Theod. XVI, 10, 1. Allerdings befiehlt der Kaiser hier nicht 
80 sehr, als er geschehen lässt. Kurz vorher hatte er seine Missbilligung 
der heidnischen Mantik deutlich und klar in einem Gesetze ausgesprochen 
(v. Schnitze, Zeitschr. f. Kirchengesch. VII, S. 517 ff.); doch halb schüchtern 
und nicht ohne ein gewisses Schuldbewusstsein blieb er filr*s Erste noch 
dabei, auch den Teufel in den Dienst des Staates zu zwingen. 

* Zos. II, 29, 1. 



Die AnHlnge Constantin^s des Grossen. 241 

Ziehung ging ihm der Vortheil des Reiches, wie er ihn verstand, 
über seinen Glauben. Aber dass alle Dämonen, so stark sie 
auch waren, vor der Macht des höchsten Gottes nichts vermöchten, 
ja dass selbst ihre Künste den Zwecken desselben dienen müssten, 
das hatte die Schlacht an der Milvischen Brücke für Constantin 
unzweideutig erwiesen. Durch ein Wunder war sein Feind aus 
den sicheren Mauern Roms herausgescheucht worden, und das 
Zeichen Christi auf den Schilden seiner Soldaten hatte die über- 
mächtigen Schaaren der Gegner niedergeblitzt. Wer konnte da 
zweifeln, wem die Ehre des Sieges gebühre? Es heisst, dass 
Constantin sich, auf das Kreuz gestützt, auf einem öffentlichen 
Platze der Hauptstadt habe darstellen und durch die Inschrift 
des Standbildes der Welt verkündigen lassen, dies heilbringende 
Zeichen habe Rom befreite Jedenfalls war nach dem Siege 
eine seiner ersten Regierungshandlungen, dass er die christ- 
liche Priesterschaft von allen municipalen Leistungen befreite, 
ihren Unterhalt auf seine Kasse übernahm und damit das Christen- 
thum unter die anerkannten Staatskulte einreihte ^. 

In der seltenen Kette von Glücksfällen, welche diesen Feld- 
zug begleiteten, war es ein neues Glied, dass der Körper des 
Maxentius nicht von den reissenden Wassern in's Meer geschwemmt 
wurde oder unter den Leichenhaufen, welche den Grund des 
Tiber bedeckten, spurlos verschwand, sondern an der Stelle, wo 
er versunken war, aufgefischt werden konnte. Sein Anblick über- 
zeugte alle Anhänger des Todten, dass für sie jede Hoffnung 
vorüber sei ^, und nach Afrika geschickt, eroberte das abgeschlagene 
Haupt die wichtige Diöcese ohne Schwertstreich für Constantin*. 



» Euseb. h. e. IX, 9, 10; X, 4, 16; de laud. Const. 9, 12; vita Const. I, 40. 
Vgl. V. Schultze, Zeitschr. f. Kirchengesch. VII, S. :343 ff. 

» S. die Urkunden bei Euseb. bist. eccl. X, 6; 7; Cod. Tlieod. XVI, 
2, 1; 2; 7. Die vielfach aufgeworfene Frage, ob Constantin das Chiisten- 
thnm zur Staatsreligion gemacht habe, ist ganz falsch gestellt, da das Alter- 
thum diesen Begriff überhaupt nicht kennt. Eine einheitliche Staatsr^ligion 
hatte es in Rom zu keiner Zeit gegeben, sondern nur eine Menge einzelner 
Staatskulte, deren unterscheidendes Merkmal eben kein anderes war, als 
dass sie aus öffentlichen Mitteln besorgt wurden. — Ueber das Edict von 
>Iailand habe ich nicht geredet, da ein solches meiner üeberzeugung nach 
überhaupt nicht existirt hat. Vgl. Zeitschr. f. Kirchengesch. XII, S. 881. 

* Eumen. Paneg. IX, 17 ff.; Anon. Vales. 4, 12. 

* Nazar. Paneg. X, 32. 



242 0. Seeck. 

Einstweilen wurde es in dem Triumphzuge, der am 29. October 
die Strassen der ewigen Stadt mit frohem Getümmel füllte ^, auf 
einer Stange vor dem Sieger hergetragen, und der Pöbel ergötzte 
sich daran, nach dem Antlitz, vor welchem er sechs Jahre lang 
gezittert hatte, mit Steinen und Koth zu werfen *. Keiner aber 
empfing den neuen Herrscher freudiger als der lang unterdrückte 
Senat, dessen Mitglieder endlich von der Furcht vor Confiscationen 
und Todesurtheilen aufathmeten. Gonstantin erwies ihm alle 
Ehrfurcht, welche seine grosse Vergangenheit beanspruchte', 
aber er that es nicht umsonst. Endlich schien ihm der Augen- 
blick gekommen, um sich durch eine friedliche Macht, deren 
Befugniss unbestreitbar war, nicht durch die tumultuarischen 
Zurufe der Soldaten, aus der untergeordneten Stellung des jüngeren 
Augustus emporheben zu lassen. Der Senat ertheilte ihm auf 
seinen Wink bereitwillig die erste Stelle im HerrschercoUegium 
und damit das Recht der Gonsulnemennung und der Gesetz- 
gebung *. Von jener machte er sogleich Gebrauch , indem er 
sich selbst und Maximinus Daja für das nächste Jahr designirte ^. 
Für das Reich sollte dies ein Zeichen sein, dass zwischen den 
überlebenden Kaisem die vollste Eintracht herrsche, für Maxi- 
minus selbst, dessen Umtriebe Gonstantin gewiss nicht mehr un- 
bekannt waren, eine Aufforderung, den dargebotenen Frieden 
ehrlich anzunehmen. 

Das erste Gesetz, welches aus der Kanzlei Gonstantin's hervor- 
ging, verlieh der aufgeregten Bevölkerung Roms die Sicherheit, 
dass sie keine neuen Hinrichtungen und Gonfiscationen zu be- 
ftirchten habe. Gleich nach seinem Einzüge hatte sich der 
Kaiser von Angebern umdrängt gesehen; selbst der Senat forderte 
gegen einige Greaturen des Maxentius, unter deren Willkür er 
besonders schwer gelitten hatte, Recht und Gericht ®. Aber Gon- 
stantin war entschlossen, die Diener, welche den Befehlen ihres 



* CIL. 1, S. 352; Euseb. h. e. IX, 9, 9; vita Const. I, 39. 

' Eumen, Paneg. IX, 18; Nazar. Paneg, X, 31; Zos. II, 17, 1; Praxag. 
bei Phot. bibl. 62. 

' Eumen. Paneg. IX, 20; Nazar. Paneg. X, 35; Cod. Theod. XV, 14, 4, 
ein Gesetz, das in diese Zeit gehört. Vgl. Zeitschr. f. Rechtsgeschichte X, 
S. 207. 

* Lact, de mort. pers. 44. Vgl. Zeitschr. f. Rechtsgesch. X, S. 179. 
^ CIL. VI, 507 mit Mommsen's Anmerkung. 

« Eumen. Paneg. IX, 20; vgl. S. 197 Anm. 1. 



Die AnfäDge Constantin's des Grossen. 243 

Herrn, wenn auch mit verbrecherischem Uebereifer, gehorcht 
hatten, nicht dafür büssen zu lassen. Nur wenige der aller- 
schlimmsten traf die verdiente Strafe ^ ; dagegen erhob er zahl- 
reiche Magistrate, die durch Maxentius ernannt waren und sich 
jetzt, da alle Regierungshandlungen desselben für nichtig er- 
klärt wurden, der Ehren ihres ehemaligen Amtes beraubt sahen, 
zu denselben Stellungen, welche sie unter dem Tyrannnen be- 
kleidet hatten, und legalisirte so ihre frühere Würde*. Von 
denjenigen, welche einer solchen Restitution nicht würdig schienen, 
wehrte er wenigstens die Ankläger ab, indem er durch sein erstes 
Edict alle criminellen Denuntiationen mit der Todesstrafe be- 
drohte ^. Dies Gesetz war auf die Dauer juristisch unhaltbar 
und hat auch noch durch Gonstantin selbst vielfache Beschrän- 
kungen erfahren ; aber für den Augenblick gab es der angstvollen 
Stadt, in der jeder dem Maxentius geschmeichelt hatte und jetzt 
fürchten musste, dass ihm dies zum Verbrechen werde, die heiss 
ersehnte Ruhe wieder. Nachdem der Kaiser noch seinen Con- 
sulatsantritt am 1. Januar 313 mit prächtigen Festen und Spielen 
begangen hatte ^, verliess er Rom wieder, um mit Licinius in 
Mailand zusammenzutreffen und dort dessen Vermählung mit seiner 
Schwester Gonstantia zu vollziehen ^. 

Maximinus hatte die Verabredungen, welche mit Maxentius 
getroffen waren, auch seinerseits nicht in's Werk setzen können. 
Im Winter 311/12 waren im Orient die gewohnten Regengüsse 
ausgeblieben ; eine Hungersnoth war die Folge gewesen, und an 
diese hatte sich eine furchtbare Pest angeschlossen®. Während 
so die Naturgewalten jede kriegerische Operation hemmten, er- 
hoben sich noch dazu die Armenier und zwangen den Kaiser, 



» Zos. n, 17, 2. 

* Vict. Caes. 41, 3. Ein Beispiel bietet Rufius Volusianus. Seeck, 
Symmachus S. clxxvj. 

» Cod. Theod. X, 10, 2; vgl. Zeitachr. f. Rechtegesch. X, S. 207; Vict. 
epit 41, 14; Nazar. Paneg. X, 38; Eumen. Paneg. IX, 4. 

* Eumen. Paneg. IX, 19. Zeitschr. f. B^chtegesch. X, S. 182. 

' Lact, de mort. pers. 45; 48; Anon. Vales. 5, 13; Zos. II, 17, 2; Eutr. 
X, 5; Zon. XII, 34; XIH, 1; Vict. Caes. 41, 2; epit. 39, 7; 41, 4; Euseb. 
bist, eccl. X, 5, 3; 8, 2; 4; vita Const. 49; 50; Petr. Patric. ed. Bonn. p. 129; 
8ozoni. I, 7. 

® Euseb. bist. eccl. VIII, 15, 2\ IX, 8, 1; 4; Lact, de mort. pers. 37. 



244 0. Seeck. 

sein Heer vom Bosporus weg nach Süden zu führen^. Licinius 
brauchte also im Sommer und Herbst 312 keinen Angriff zu 
fürchten; als Constantin seinen schweren Kampf ausfocht, hatte 
er die Hände frei. Trotzdem hatte er zur Unterstützung seines 
Bundesgenossen und künftigen Schwagers nicht einen Finger ge- 
rührt ^ obgleich diesem eine Verstärkung seines kleinen Heeres 
durch die Donautruppen ohne Zweifel sehr erwünscht gewesen 
wäre. Vermuthlich beabsichtigte er im Streite seiner beiden Mit- 
kaiser den tertius gaudens zu spielen. Wenn er zum Schlüsse 
über den geschwächten Sieger, wer dies auch sein mochte, mit 
seiner ganzen Macht herfiel, so konnte er vielleicht die Reichs- 
theile des Maxentius und Constantin beide an sich bringen. Aber 
falls er solche Pläne gehegt hatte, waren sie gründlich zu Schanden 
geworden ; denn der Sieger war nicht geschwächt, sondern mäch- 
tiger als je. Doch lag diesem zur Zeit nichts ferner, als an dem 
treulosen Verbündeten Rache zu nehmen. Bei Constantin wurde 
jede andere Rücksicht durch den Wunsch zurückgedrängt, der 
bedrohten Rheingrenze, welche im vorigen Sommer wider Er- 
warten nicht durchbrochen war, ihre Sicherheit persönlich wieder- 
zugeben. Zudem hofite er noch immer in Verbindung mit Li- 
cinius, den er als tüchtigen Krieger schätzen musste, das Ge* 
sammtregiment, wie es Diocletian geschaffen hatte, einigermassen 
wiederherzustellen. So wurde denn die Hochzeit begangen und 
gleichzeitig die Verhandlungen zwischen den beiden Kaisern nach 
Möglichkeit gefördert. 

Constantin's erste Sorge war, dem Christenthum auch in der 
östlichen Reichshälfte gesetzliche Anerkennung zu verschaffen, 
und hierin stiess er bei seinem Bundesgenossen, wie es scheint, 
auf keinen Widerstand^. Der alte Landsknecht verehrte die 
Qötter in erster Linie als Schlachtenhelfer und Siegbringer. Da 
an der Milvischen Brücke auch für ihn der Beweis geführt war^ 
dass Christus mehr vermöge, als die Dämonen, zu welchen 
Maxentius gebetet hatte, so war er nicht dawider, die Hilfe einer 
so mächtigen Gottheit auch für sich zu gewinnen^, ohne dass 

^ Eußeb. h. e. IX, 8, 2; 4; Symm. epist. I, 2, 7. 
" EumeD. Faneg. IX, 2. 

' Lact, de mort. pers. 48 = Euseb. bist. eccl. X, 5, 3. 
* Von dem Wohlwollen des Licinius für die Christen spricht Sozom. 
I, 2; 7. Auch Lactanz preist in der Einleitung seiner Schrift de mortibus 



Die Anfänge Constantin's des Grossen. 245 

er darum das Verhältniss zu seinen alten Schutzpatronen aufge- 
geben hätte. Als Gegengabe forderte er die Anerkennung der 
Thronfolge für den einzigen Spross seines Blutes, welchen er 
besass. Kürzlich hatte ihm eine Sklavin einen Sohn geschenkt, 
und da er bei seinem hohen Alter von Constantia keine Kinder 
mehr erwarten konnte, wollte er jenen unverhofften Spätling als 
seinen Erben bestätigt sehen. Constantin selbst war vor der 
Ehe seines Vaters geboren und ebenso sein eigener Sohn Crispus, 
aber das gesetzliche Concubinat, dem beide entsprossen waren, 
stand in seinen Augen und in denen der Welt unendlich hoch 
über dem rohen Verhältniss eines Herrn zu seiner Magd. Trotz- 
dem willigte er ein, das Sklavenkind durch kaiserliches Rescript 
zum Adoptivsöhne seiner Schwester zn machen^. 

Schwieriger gestaltete sich die Frage nach der Stellung des 
ältesten Augustus, welche jetzt Constantin, gestützt auf den Be- 
schluss des Senates, für sich in Anspruch nahm. Dass man das 
ausschliessliche Recht der Gesetzgebung nicht in den Händen eines 
Maximinus lassen dürfe, war klar; ging man aber einmal 
von der Rangfolge ab, welche durch die Zeit der Thronbestei- 
gung gegeben war, so kam Licinius , der an Jahren fast doppelt 
so alt war, wie seine Mitregenten, unstreitig der Vorrang zu. 
Wenn der zufallige Umstand, dass ein Kaiser Rom in seiner 
Gewalt hatte und in Folge dessen jedes beliebige Votum von 
dem Senate zu erpressen vermochte, ein so wichtiges Recht ver- 
leihen konnte, so war Maxentius legitimer gewesen, als irgend 
einer der anderen Herrscher. Freilich hatte Constantin diesem 
die Rechte des Blutes, auf denen sein eigenes Legitimitätsprincip 
beruhte, jetzt absprechen lassen, indem er die Mutter des Ver- 
storbenen zu der Lüge zwang, Maxentius sei nicht der Sohn 
Maximians, sondern ein untergeschobenes Kind gewesen ^. Aber 
wenn dem Senat die Befugniss zustand, die höchste Stelle im 
Kaisercollegium und folglich auch das Kaiserthum selbst durch 
seine Beschlüsse zu verleihen, so war mit jenem Betrüge nichts 
gewonnen. Diese Gründe dürfte Licinius geltend gemacht haben, 
obgleich er nicht soweit ging, die Umstossung des Senatusconsultes 



persecutorum beide Kaiser durchaus in gleichem Sinne als Schützer der 
christlichen Religion, und entsprechend Euseb. h. e. IX, 9, 1; X, 4, 16. 

^ Zeitschr. f. wissensch. Theolog. XXXIII, S. 73 ff. 

* Eumen. Paneg. IX. 3; 4; Anon. Vales. 4, 12; Vict. epit. 40, 13. 



246 0. Seeck. 

zu verlangen. Das rein formelle Vorrecht, seinen Namen in 
Urkunden und öflFentlichen Denkmälern denen der anderen Herr- 
scher vorzusetzen, Hess er Constantin gern, nicht aber das Recht 
der Gesetzgebung. Dieses sollte beiden Kaisern selbständig zu- 
stehen, und obgleich jedes Gesetz und jede Verordnung nach 
wie vor die Namen sämmtlicher Mitregenten an der Spitze trug, 
sollten sie doch nur fQr den Reichstheil Gültigkeit besitzen, durch 
dessen Beherrscher sie erlassen waren. Um die Einheit des 
Reiches nach Diocletians Princip wenigstens im Rechte zu wahren, 
hatte Constantin sechs Jahre lang auf jede Neuorganisation in 
grossem Stile verzichtet und sich entsagungsvoll den Beschlüssen 
seines ältesten Collegen gebeugt. Jetzt, wo er endlich dessen 
Rang selbst gewonnen und schon mit hastigem Feuereifer die 
Umgestaltung des Römischen Rechtes in Angrifif genommen hatte, 
konnte er auf dessen Einheitlichkeit nicht verzichten. Wahr- 
scheinlich gab es heftige Auseinandersetzungen zwischen ihm 
und Licinius, welche in der kurzen Zeit, die sie in Mailand zu- 
sammen waren, kaum zu einem Ergebniss geführt haben werden. 
Als sich dann die Kaiser getrennt hatten, fragte der Beherrscher 
Illyricums natürlich nicht mehr um Erlaubniss, wenn er ein 
Gesetz erlassen wollte, und um Bürgerkriege zu vermeiden, musste 
Constantin es dulden ^. Wieder war ein Stück des Diocletianischen 
Systems, um dessen Aufrechterhaltung er so ängstlich bemüht 
war, dem Zwange der Umstände zum Opfer gefallen. 

Noch grössere Schwierigkeiten musste die Theilung von 
Maxentius' Erbschaft machen, da es sich hier nicht um blosse 
Rechte, sondern um sehr reelle Macht&agen handelte. Constantin 
zeigte sich nachgiebig bis zur Unvorsichtigkeit, vielleicht weil 
er dadurch sein Gesetzgebungsprincip zu retten vermeinte. Den 
wichtigsten Bestandtheil der Kriegsbeute, das grosse Heer, theilt« 
er ohne Zögern zwischen sich und Licinius', und auch das er- 
oberte Land wollte er nicht behalten, sondern einem Cäsar über- 
geben, auch hierin auf die Diocletianische Ordnung zurückkom- 
mend^. Für diese Entsagung musste er freilich verlangen, dass 



^ Zeitschr. f. Rechtsgeach. X, S. 179 ff. 

' Eumen. Paneg. IX, 21: Rheno Danuvioque praetendunt. Da der Donau- 
lauf in seiner ganzen Länge dem Licinius gehörte, muss hiernach ein Theil 
des Maxentianischen Heeres schon vor dem Herbst 313, wo diese Rede ge- 
halten wurde, ihm übergeben sein. ' Anon. Vales. 5, 14. 



Die Anfange Gonstantin's des Grossen. 247 

auch Licinius diejenigen Provinzen, welche er seinerseits von dem 
ehemaligen Reichstheil des Severus im Besitz hatte, d. h. Rätien, 
Noricum und die Pannonische Diöcese, dem Gebiete des neu zu 
schaffenden Cäsar hinzufüge. Hierüber waren die Verhandlungen 
noch nicht zum Abschluss gediehen, als Mitte Februar 313 eine 
unerwartete Nachricht den Licinius plötzlich zur Heimkehr zwang 
und die Festversammlung zu Mailand nach kaum zwei- bis drei- 
wöchentlicher Dauer ^ jählings auseinandersprengte. 

Seit Maximinus durch den Tod des Galerius zum ältesten 
Augustus geworden war und keine Autorität mehr über sich 
anzuerkennen brauchte, hatte er allen Tyrannenlaunen mit noch 
grösserer Frechheit als bisher die Zügel schiessen lassen. In 
Asien hatte er sein Regiment damit begonnen, in thörichtem 
Haschen nach Popularität alte Steuern aufzuheben*: bald musste 
er sogar Steuervorschüsse für künftige Jahre mit unerträglicher 
Härte eintreiben *. Was ihm von dem Eigenthum seiner Unter- 
thanen gefiel, nahm er an sich, ohne ängstlich nach Vorwänden 
zu suchen ; selbst den Rechtstitel der Confiscation, der, wenn auch 
grausam, doch immerhin ein Rechtstitel war, glaubte er sich 
sparen zu können. Seine Werkzeuge zogen in den Städten des 
Reiches umher, um nicht nur die Gesichter, sondern auch die 
Leiber schöner Weiber und Jünglinge der sorgfältigsten Ocular- 
inspection zu unterziehen, ob es lohne, sie ihrem Herrscher zu- 
zuführen; wer sich weigerte, seiner Wollust zu dienen, wurde 
als Majestätsverbrecher mit dem Tode bestraft. Das Jus primae 
noctis nahm er alles Ernstes für sich in Anspruch, und an den 
Freuden des zügellosen Tyrannen erhielt die Schaar seiner Günst- 
linge reichen Antheil. Denn an Freigiebigkeit mit fremdem Gute 
Hess er es nicht fehlen : Gold und Mädchen, Landgüter und reiche 
Frauen vertheilte er nach Lust und Laune *. Während im Lande 
Pest und Hungersnoth wütheten, wurden ungeheure Summen in 
Geschenken verschleudert; namentlich die Soldaten, welche dem 
Allverhassten als seine einzige Stütze erschienen, suchte er ganz 
in der Art des Maxentius an sich zu fesseln ^. 



^ Zeitschr. f. Rechtsgeschichte X, S. 182; 208. 

^ Lact, de mort. pers. 86. 

' Lact, de mort. pers. 37; Euseb. hist. eccl. VIII, 14, 10. 

* Lact. 1. c. 38; Zon. XII, 32; Euseb. VIII, 14, 10 ff. 

^ Lact, de mort. pers. 37; Euseb. hist. eccl. VIII, 14, 11. 



248 0. Seeck. 

Schmerzlich empfand er es, dass er nicht, wie dieser, auch 
durch kaiserliche Abstammung das Legitimitätsgefühl der Truppen 
gewinnen konnte, und suchte diesem Mangel abzuhelfen, so gut 
es eben ging. Valeria, die Tochter Diocletians, hatte sich nach 
dem Tode ihres Gatten Galerius mit ihrer Mutter in seinen 
Reichstheil begeben, weil sie bei dem Neffen ihres Mannes am 
sichersten zu sein wähnte. Noch ehe ihr Trauerjahr abgelaufen 
war, verlangte er von derjenigen, welche erst kürzlich nach dem 
Rechte der Adoption seine Mutter gewesen war, dass sie ihm 
die Hand zur Ehe reichen solle, zu welchem Zwecke er seine 
Gattin zu Verstössen bereit sei. Die edle Frau wies dies An- 
sinnen zurück, worauf ihre Güter eingezogen, ihr Gesinde unter 
Foltern ermordet, ihre Freundinnen auf schmähliche Anklagen 
hin zum Tode verurtheilt wurden. Sie selbst und ihre Mutter 
wurden verbannt; die Briefe Diocletians, der um die Rücksendung 
seiner Gattin und Tochter bat, hatten keinen Erfolg ^. Der un- 
glückliche Greis, welcher den Zusammensturz aller seiner Schö- 
pfungen mit angesehen hatte, sollte auch noch die Ausrottung 
seiner ganzen Familie erleben, ehe er fünf Jahre später in das 
ersehnte Grab sank (3. Dezember 316) 2. 

Nachdem dieser Plan, durch den Maximin sich auch nach 
dynastischem Rechte über seine Mitkaiser erheben wollte, an dem 
Widerstände Valeria's gescheitert war, klammerte er sich nur 
um so fester an seine Götter an, auf deren Gunst er alle seine 
abergläubischen Zukunftshoffnungen gründete. Ihren Gegner, 
den Christengott, verfolgte er mit geradezu persönlichem Hasse, 
der wohl nicht zum wenigsten durch eine heimliche Furcht her- 
vorgerufen wurde. Denn er kannte das Christenthum zur Ge- 
nüge, um zu wissen, dass sein wüstes Leben ihm nicht erlaubte^ 
die himmlische Macht, wie Constantin es vermocht hatte, sich 
auch für seine Zwecke dienstbar zu machen. Mit den heidnischen 
Dämonen, die nur reiche Opfer und Gelübde beanspruchten und 
an die Sittlichkeit keine Anforderungen stellten, liess sich jeden- 
falls besser auskommen. 



^ Lact, de mort. pars. 39-41. 

' Hydat. Fast. 316. Ueber die abweichenden Datirungen bei Lact, de 
mort. pars. 42; Vict. epit. 39, 7 und Zos. II, 8, 1 vgl. Jahrbb. f. class. 
Philol. 1889, S. 628. Dass er an einer Krankheit gestorben sei, sagt aus- 
drücklich Euseb. bist. eccl. VIII, append. 3; vgl. Socr. I, 2. 



Die Anfange Constantin's des Grossen. 249 

Als Galerius ihm sein Toleranzedict zuschickte, hatte Maximin 
nicht gewagt, dem Befehl des ältesten Augustus den Gehorsam 
zu versagen. Seiner Unzufriedenheit gab er nur dadurch Aus- 
druck, dass er das Oesetz in seineni Reichstheil nicht durch 
öffentlichen Anschlag publiciren Hess und nur durch ein 
Rundschreiben seines Präfecten, nicht durch eigene Verordnung, 
den Provinzialbeamten die Einstellung der Christenprocesse an- 
befahlt Aus Bergwerken und Kerkern entlassen, wurden die 
Märtyrer jubelnd von den Glaubensgenossen in ihren Heimath- 
städten eingeholt; wieder füllten sich die Kirchen, und die Ab- 
gefallenen suchten demüthig um Vergebung nach^. Da kam die 
Nachricht von dem Tode des Galerius, und alsbald reute den 
Maximin seine Nachgiebigkeit; doch wollte er sich nicht die 
Blosse geben, die eben erst erlassene Verordnung ohne Weiteres 
zurückzunehmen. Um sich dazu einen Vorwand zu schaffen, 
veranlasste er schon im Herbst 311* den Stadtrath von Nico- 
media, wo er sich damals aufhielt^, dass er durch eine Depu- 
tation dem Kaiser die Bitte vortragen liess, er möge die Christen, 
welche die Opfer und Culthandlungen der Götter durch ihre 
Anwesenheit befleckten, aus dem Stadtgebiete ausweisend Mit 
Freuden kam der Kaiser diesem Wunsche entgegen und über- 
häufte zum Danke seine Residenz mit Wohlthaten, was natürlich 
entsprechende Bittgesuche auch von anderen Gemeinden hervor- 
rief*^. So brach die Verfolgung aufs neue über den unglück- 
Uchen Orient herein. Das Verbot, die Christen um ihres Glaubens 
willen hinzurichten, blieb zwar bestehen, doch wurden sie nicht 
nur aus dem Umkreis zahlreicher Städte verbannt, sondern vielen 
Hess man ein Auge ausreissen, andern einen Fuss oder eine 
Hand, die Nase oder die Ohren abschneiden^. Eifrige Diener 
des Kaisers nahmen es auch mit dem Verbote der Tödtung nicht 
gar zu genau, und Uebertretungen desselben wurden nicht ungern 



1 Euseb. bist. eccl. IX, 1, 1. ^ Euseb. 1. c. IX, 1, 9 ff. 

• Die Toleranz dauerte nach Eusebius (h. e. IX, 2) nicht volle sechs 
Monate. 

* Euseb. h. e. IX, 6, 3. 

' Brief des Maximin bei Euseb. h. e. IX, 9, 4. 
® Lact, de mort. pers. 36; Euseb. h. e. IX, 2-4; 7, 2; 6. 
' Lact de mort. pers. 36; Euseb. bist. eccl. VIII, 12, 10; 14, 13; vita 
Const. I, 58. 



250 0. Seeck. 

gesehen ^ Sehr ernste Briefe Constantin's, der, während er unter 
dem Zeichen Christi gegen Maxentius focht, auch den Schutz 
seiner fernen Olaubensgenossen für seine Pflicht hielt, machten 
diesem Treiben zwar ein Ende. Maximinus, dessen Reichstheil 
eben von Pest, Hunger und Krieg heimgesucht war, fühlte sich 
zu schwach, um der Forderung seines Mitregenten, der auch 
Licinius Unterstützung gewährte, in dieser Zeit Widerstand zu 
leisten. Er erliess also eine neue Verordnung, durch welche er 
seine Beamten anwies, sie sollten nicht mehr durch Oewalt, 
sondern nur noch durch Lockungen und Versprechungen die 
Christen zu bekehren suchen, aber heimlich dauerten die Morde 
noch immer fort' und die eingeschüchterten Gemeinden schenkten 
diesem Toleranzerlasse mit Recht keinen Glauben mehr^. 

Auch auf die öffentliche Meinung suchte der Tyrann zu 
Gunsten der alten Götter zu wirken. Gefälschte Acten des Pro- 
cesses, der gegen den Heiland vor Pilatus geführt worden war, 
wurden in allen Städten und Dörfern durch Maueranschläge ver- 
breitet und sollten sogar den Kindern beim Schulunterricht ein- 
geprägt werden*. Die Nichtswürdigkeit desjenigen, zu welchem 
die Christen beteten, war darin mit den schwärzesten Farben 
dargestellt. Durch einen Militärbeamten wurden ein paar Dirnen 
zu der Aussage veranlasst, dass sie ehemals Christinnen gewesen 
seien und in den Zusammenkünften der Gemeinde grobe Aus- 
schweifungen und Gottlosigkeiten mit angesehen hätten, und 
auch hierüber wurde das Protokoll zur allgemeinen Kenntniss 
gebracht^. Um dem Heidenthum neue Stützen zu gewähren, 
wurde in jeder Stadt und jeder Provinz ein Oberpriesterthum 
geschaffen, dessen Inhaber, durch glänzend weisse Gewänder vor 
der Menge ausgezeichnet; die Aufsicht über die Opfer zu führen 
und den Cultus der Christen zu hindern hatten*^. Der Kaiser 



* Euseb. h. e. IX, 6. 

* Lact, de mort. pers. 37; Euseb. h. e. IX. 9, 12 ff. Von einem Toleranz- 
gesetze des Constantin und Licinius kann freilich nicht die Rede sein, da 
ein solches ja schon durch Galerius gegeben war und im ganzen Reiche, 
mit Ausnahme des Orients, in voller Krafl bestand. Wahrscheinlich also 
meint Eusebius jene Briefe, von denen Lactanz redet. 

» Euseb. h. e. IX, 9, 10 ff. 

* Euseb. h. e. IX, 5, 1; 7, 1. 

* Euseb. h. e. IX, 5, 2. 

* Lact, de mort. pers. 36; Euseb. bist. eccl. VIII, 14, 9; IX, 4, 2. 



Die Anfänge Constantin's des Grossen. 251 

selbst genoss bei jeder Mahlzeit Opferfleisch und fütterte seine 
Soldaten damit so reichlich, dass sie die üblichen Brotrationen 
kaum mehr anrühren mochten. Zu seiner sonstigen Verschwen- 
dung trat ein unglaublicher Verbrauch an Opferthieren hinzu, 
welche man von den Feldern und Wiesen, wo man sie eben 
fand, den Bauern wegtrieb^. Natürlich wurden auch Orakel und 
Eingeweideschau bei jeder wichtigen Angelegenheit zu Rathe 
gezogen*. Wie in allem, so wetteiferte auch hierin der Tyrann 
des Orients mit seinem würdigen Bundesgenossen in Rom^. 

Nach Beendigung des Armenischen Ejrieges, in welchem sein 
geschickter Feldherr Verinus ihm den Sieg gewonnen hatte*, 
stand Maximinus im Winter 312 in Syrien, jetzt endlich im 
Stande und bereit, in die Verwicklungen des Westens thätig ein- 
zugreifen. Da wurde ihm gemeldet, dass Maxentius wider alles 
Erwarten besiegt und selbst im Kampfe umgekommen sei. Aber 
diese Schreckenskunde begleiteten hoflfnungsvollere Nachrichten. 
Die Germanen an der Rheingrenze schienen endlich Ernst zu 
machen; man erwartete, dass der Sieger ihnen entgegenziehen 
und in der nächsten Zeit nicht die Hände frei haben werde, um 
seinen Bundesgenossen Licinius wirkungsvoll zu unterstützen. 
Und dieser selbst hatte seinen Reichstheil verlassen, um in Mai- 
land Feste zu feiern; sein Heer lag in weit zerstreuten Garni- 
sonen vertheilt; nichts war in Illyricum gegen einen Angriff vor- 
bereitet. Für Maximin schien der letzte Augenblick gekommen, 
in dem er eine Verwirklichung seiner stolzen Pläne noch erhoffen 
konnte. Er wusste, dass Licinius das Qeld sehr zu Rathe hielt; 



* Lact, de mort. pars. 37. 

^ Zon. Xn, 32; Euseb. hist. eccl. VIII, 14, 8. 
« Euseb. hist. eccl. VIII, 14, 7; 8. 

* Symmach. epist. I, 2, 7. Diejenigen, welche in diesen Epigrammen 
gefeiert werden, sind alles Grössen der Römischen Aristokratie. Folglich 
muss auch Verinus ihr angehört haben. Da Gonstantin, indem er auch die 
Prftfectur zu einem reinen Givilamt machte, die Senatoren aus allen mili- 
tärischen Stellangen verbannte, kann jener seinen Sieg über die Armenier 
nicht nach dem Jahre 318 (Zeitschrift für Rechtsgeschichte X, S. 199) 
erfochten haben. Andererseits rechnet ihn aber der ältere Symmachus, 
welcher 375 starb, noch zu seinen Zeitgenossen (boni aetatis meaej. Hier- 
nach glaubte ich mich berechtigt, die Kriegsthat des Verinus, welche das 
Epigramm rühmt, mit dem Armenieraufstand des Jahres 312 in Zusammen- 
hang zu bringen. 



252 0. Seeck. 

oft mochten die Soldaten lUyricums mit Neid auf ihre glück- 
licheren Kameraden im Osten hingeblickt haben, die immer von 
Neuem mit Geschenken tiberhäuft wurden und fast täglich Opfer- 
braten schmausten. Mit denselben Mitteln, durch welche sich 
Maxentius die Treue des Römischen Heeres erkauft hatte, meinte 
sein Nachahmer die des Illyrischen erschüttern zu können. Er 
vergass dabei nur, dass auch die Seelen gesinnungsloser Lands- 
knechte nicht nur durch Geld zu gewinnen sind und dass Lici- 
nius ein Krieger war, zu dessen Energie und Feldhermtalent der 
Soldat mit hoher Verehrung aufblickte. So stand es ihm denn 
fest, dass, sobald er mit Spenden und Versprechungen vor das 
Donauheer hintrete, dieses ohne Weiteres zu ihm übergehen 
werde; es galt nur, die Abwesenheit des Licinius auszunutzen, 
damit die ersten Garnisonen, ohne durch die persönliche Autorität 
ihres Kaisers gehemmt zu sein, den weiter zurückstehenden 
Kameraden ein Beispiel geben könnten. 

So brach denn Maximinus mitten im Winter aus Syrien 
auf und durchzog in doppelten Tagemärschen die schneebedeckten 
Gebirge Kleinasiens. In Regen und Schneegestöber blieben auf 
den durchweichten Strassen die Lastthiere des Heeres massenhaft 
liegen ; aber er stürmte unaufhaltsam weiter. Was kam es darauf 
an, ob seine Ausrüstung vollständig blieb, wo er doch alles Heil 
vom Abfall der feindlichen Truppen erwartete? Mit 70000 Mann 
gelangte er nach Byzanz und versuchte seine Künste zuerst an 
der kleinen Besatzung dieses wichtigen Ortes. Wider Erwarten 
scheiterten sie; elf Tage hielten sich die Licinianer und über- 
gaben dann die Stadt, nicht um der Versprechungen des Ty- 
rannen willen, sondern weil sie seinem übermächtigen Heere nicht 
länger widerstehen zu können meinten. Unterdessen war Bot- 
schaft nach Mailand gelangt, und Licinius eilte zurück in seinen 
Reichstheil. Was er unterwegs an Truppen aufraffen konnte, 
nahm er mit sich, und stand mit einem Heere von 30 000 Mann 
schon bei Adrianopel, als Maximinus eben erst mit der Belage- 
rung von Heraclea, wohin er sich von Byzanz aus gewendet 
hatte, fertig geworden war. Von hier zog dieser auf der grossen 
Heerstrasse, welche durch Thrakien an die Donau führte, noch 
18 Millien weiter nach der Poststation Tzirallum. Dort musste 
er Halt machen, weil Licinius schon die nächste Station Drizi- 
para besetzt hatte. Jetzt lagen die beiden Heere nur drei deutsche 



Die Anfänge Constantin's des Grossen. 253 

Meilen von einander entfernt; in den nächsten Tagen musste die 
Entscheidung erfolgen^. 

Licinius wusste, mit welcher Siegeszuversicht die Soldaten 
Constantin's durch das Traumbild ihres Herrn erfüllt worden waren, 
mit welcher Begeisterung sie unter dem Zeichen Christi gefochten 
hatten. Dass Maximinus sich ebenso, wie vor Kurzem der Rö- 
mische Tyrann, mit Ostentation unter den Schutz der alten 
Götter gestellt hatte, war allbekannt. Selbst wenn Licinius den 
Aberglauben seiner Landsknechte nicht getheilt hätte, musste 
ihm doch der Qedauke kommen, die Mittel, welche sich an der 
Milvischen Brücke bewährt hatten, auch auf dem neuen Schlacht- 
felde zu versuchen. Das heilige Monogramm auf den Schilden 
der Soldaten anzubringen, reichte die Zeit nicht mehr; aber 
seinen Traum hatte auch Licinius, und noch in der Nacht dictirte 
er einem Schreiber das Gebet, welches ihm angeblich ein Engel 
als siegbringende Zauberformel vorgesagt hatte. Alsbald wurde 
es in vielen Exemplaren abgeschrieben und im Heere verbreitet. 
Selbst darin suchte er Constantin nachzuahmen, dass er anfangs 
die Schlacht auf den Thronbesteigungstag seines Feindes an- 
setzte ; aber das Omen, welches Licinius suchte, schreckte Maxi- 
min. Er rückte schon am Tage vorher, den 30. April 313, in's 
Feld, und sein Gegner wies die angebotene Schlacht nicht zurück. 
Zwischen Tzirallum und Drizipara, auf einem flachen, unbebauten 
j Felde, das den Namen Campus Serenus führte, trafen die Heere 

auf einander; 30000 sollten sich mit 70000 messen. 

Den Soldaten Maximin's war es oft gesagt, dass die Armee 
des kargQn Licinius nur der Gelegenheit harre, um einen frei- 
giebigeren Kaiser zu gewinnen, und gleich beim Beginn des 
Kampfes übergehen werde; sie erwarteten gar keinen ernst- 
lichen Widerstand. Da sahen sie, wie die feindlichen Reihen vor 
ihnen aufmarschierten und wie jeder Soldat, als sie in Schlacht- 
ordnung standen, seinen Schild neben sich stellte und sein Haupt 
entblösste. Ein dumpfes, unheimliches Gemurmel tönte herüber; 
es war das Zaubergebet des Engels, welches nach Licinius' Be- 
fehl von allen dreimal hergesagt wurde. Dann setzten sie ihre 
Helme vneder auf, ergriffen ihre Schilde und machten sich zum 
Angriff bereit. Die orientalischen Truppen, deren Aberglauben 



* Lact, de mort. pars. 45; 46; Anon. Vales. 5, 13. 
Deatsche Zeitschr. f. Oeschichtsw. 1898. VII. 2. 17 



254 0. Seeck. 

von ihrem Herrscher geflissentlich genährt war, Überkam bei 
dieser ungewohnten Ceremonie ein Grauen. Sie sahen darin eine 
magische Beschwörung, deren seltsam fremde Art eine ganz be- 
sondere Kraft ahnen Hess. Noch versuchte Licinius dem un- 
gleichen Kampfe auszuweichen; zwischen den beiden Heeren 
trafen sich die Kaiser zum Zwiegespräch, doch Maximin wies 
alle Anerbietungen zurück ^ So war die Schlacht denn unver- 
meidlich ; die Tuben gaben das Zeichen zum Angi*iff, und todes- 
muthig stürzten sich die Licinianer auf den Feind. Maximinus 
hielt noch vor der Front der Seinen und rief seine Lockungen 
und Versprechungen den andringenden Schaaren entgegen; aber 
keiner hörte auf ihn. Von tausend Schwertern bedroht, musste 
er hinter seine Schlachtreihe zurückweichen. Seine Soldaten, 
welche bis zum letzten Augenblicke gemeint hatten, die feind- 
lichen Truppen würden kampflos zu ihnen übergehen, wurden 
durch deren wüthenden Ansturm höchlichst überrascht. Die 
abergläubische Furcht, mit welcher sie das Massengebet ihrer 
Gegner erfüllt hatte, wirkte mit, um ihnen völlig die Sinne zu 
verwirren. Nach kurzem und mattem Widerstände lösten sie 
sich in wilder Panik auf. Maximinus selbst warf den Purpur 
von sich und floh mit dem Mantel, welchen er einem Sklaven 
abgerissen hatte. Von seinem Heere ergab sich ein Theil dem 
Licinius; die Uebrigen wurden theils zerstreut, theils nieder- 
gemacht*. 



^ Lact de mort. pers. 46. Die Erzählung von dem Gebet wird jetzt 
fast allgemein für Fabel gehalten. Einen Bericht, der ganz kurze Zeit nach 
der Schlacht und nur wenige Meilen vom Schlachtfelde entfernt aufgezeichnet 
ist, hätte man nicht so leicht verwerfen dürfen. Wenn Lactanz dem Publi- 
cum von Nicomedia, welches über das Ereigniss aufs Genaueste unterrichtet 
war, so unverschämte Lügen aufgetischt hätte, wie man annimmt, so wäre 
er nur zum Gespötte geworden. Ueberdies redet Licinius in dem Erlass, 
welchen er am 13. Juni 313 in Nicomedia verkündigen liess, selbst von der 
Hilfe des Christengottes, die er kurz vorher erprobt habe. Lact. 48: ut 
possit nobis summa divinitaSj cuius religioni liheris mentibus obaequitnuKt. 
solitum favorem auum benevolentiamque praestare, — hactenus fiet, ut — 
divinu8iuxta tioa favor, quem in tantis sumus rebus experti, per omne 
tempus prospere successibus nostris cum beatitudine publica perseveret. Denn 
dass dieses Gesetz von Licinius, nicht von Constantin heiTührt, habe ich 
in der Zeitschr. f. Kirchengesch. XII, S. 381 bewiesen. 

* Lact., de mort. pers. 47; Zos. II, 17, 3; Euseb. h. e. IX, 10, 2-4; 
vita Const. I, 58. 



Die Anfänge Constantin s des Grossen. 255 

Jetzt war auch der verstockteste unter den Verfolgern be- 
kehrt. Die Priester und Wahrsager, welche ihm den Sieg ver- 
kündet hatten, liess er als Betrüger hinrichten. Dann suchte 
auch er, wie Galerius, in der letzten Stunde noch den Christen- 
gott zu versöhnen, indem er nicht nur seine Toleranzedicte in 
der entschiedensten Weise erneuerte, sondern auch den Kirchen 
ihr confiscirtes Eigenthum zurückgeben liess ^. In Cappadocien 
hatte er wieder ein Heer zu vereinigen vermocht*, doch als Li- 
cinius ihm entgegenrückte, zog er sich hinter die Pässe des 
Taurus nach Tarsus zurück. Hier wurde er von einer äusserst 
qualvollen Krankheit befallen, die ihm den Tod brachte, ehe er 
zum zweiten Male die Entscheidung der Waffen anrufen konnte'. 

So beherrschte denn Licinius jetzt den ganzen Orient, und 
seine erste Sorge war. Jeden, der ihm oder seinem Sohne in 
künftigen Zeiten den Thron hätte streitig machen können, aus 
dem Wege zu räumen. Selbst die Frauen schonte er nicht, 
deren Hand einem dereinstigen Usurpator irgend einen Schein 
der Legitimität verleihen konnte. Nicht nur Gattin, Sohn und 
Tochter seines todten Gegners*, sondern auch den Sohn des Se- 
verus und alles, was von der Familie seiner Wohlthäter Diocle- 
tian und Galerius noch übrig war, liess er ohne Rücksicht und 
Dankbarkeit hinmorden ^. Der eben noch als Kämpfer Christi 
aufgetreten war, befleckte sich jetzt mit dem unschuldigen Blute 
von Weibern und Kindern. Dem Reiche war es vielleicht zum 
Heil, dass jeder Keim eines zukünftigen Prätendententhums aus- 
gerottet wurde ; aber Licinius selbst bracht-en diese Morde in einen 
unversöhnlichen Gegensatz zu den Forderungen der Religion, auf 
deren Seite jetzt sein gegebener Platz war, und eben hierin 
dürfte die Lösung des psychologischen Räthsels liegen, dass wir 
später auch ihn unter den Verfolgern finden. 

Ueberhaupt waren die beiden Verbündeten, welche jetzt ihre 
Gegner im Westen und Osten siegreich niedergeschlagen hatten 



^ Euseb. h. e. IX, 10, 6 ff.; vita Const. I, 59. 

' Lact, de mort. pers. 47. 

» Lact. L c. 49; Eutrop. X, 4, 4; Vici Caes. 41, 1; epit. 40, 8; Euseb. 
bist eccL IX, 10, 14; vita Const. I, 58 ff.; Zos. ü, 17, 3. Bei Zos. 11, 11 und 
Soor. I, 2 ist Maximinus mit Maxim ianus verwechselt. 

* Euseb. h. e. IX, 11, 7. 

* Lact, de mort. pers. 50; 51; Zon. XIII, 1; Euseb. h. e. X, 1, 7; 4, 29. 



25(5 0. Seeck. 

und sich anschickten, das Reich gemeinsam zu beherrschen, zu 
verschieden an Sitten, Anschauungen und Temperament, als dass 
ihre Freundschaft hätte von Dauer sein können^. Constantin ein 
noch junger, hitziger Mann, schnell in seinen Entschlüssen bis 
zur Uebereilung, ehrlich und vertrauensselig bis zur Unvorsichtig- 
keit, Licinius ein besonnener Greis von zäh festhaltender Energie 
und tückischer Hinterhältigkeit. Während jener in grossmüthigem 
Leichtsinn mit dem Gelde um sich warf, so dass seine Finanzen 
nie in Ordnung waren, scharrte dieser gierig Schätze zusammen, 
scheute dabei weder Erpressungen noch Justizmorde und konnte 
sich kaum zu den kargen Geschenken an sein Heer entschliessen, 
welche für seine Sicherheit eben unentbehrlich waren ^. Aber 
trotz seines Geizes und trotz der scharfen Disciplin, welche er 
mit unerbittlicher Strenge aufrecht erhielt^, hingen seine Soldaten 
an ihm nicht minder treu, als an seinem freigiebigen Mitregenten ; 
denn auch er war ein Feldherr, mit dem sich damals nur Con- 
stantin messen konnte. Aber wenn dieser dem kühnen Angriff 
alle seine Erfolge verdankte, wusste zwaf auch Licinius, wo es 
noth that, schnell entschlossen drein zu fahren, doch fand er 
seine eigentliche Stärke in der zähen Yertheidigung. Dass diese 
auf die Dauer immer die schwächere bleibt und man durch kluge 
Auswahl fast unangreifbarer Stellungen einen Krieg nicht ent- 
scheidet, musste er freilich auch an sich erfahren. Beide Neben- 
buhler waren ohne Bildung, aber wahrend Constantin dies als 
Mangel empfand und in der Protection von Kunst und Wissen- 
schaft eine Herrscherpflicht erkannte, verachtete sein Mitregent 
mit cynischer Offenheit, was er nicht verstand. Namentlich die 
Rechtskunde, welche sich seiner Willkür, nicht praktisch, aber 
doch theoretisch entgegenstellte, war ihm bitter verhasst^. Denn 
eine zügellose Selbstsucht, die sich durch kein Pflichtbewusstsein, 
kein Gefühl der Dankbarkeit hemmen liess, beherrschte sein 
ganzes Thun ebenso, wie bei seinem ehemaligen Freunde Gale- 
rius. Zwar war er klug genug, den Bauern vor Bedrückung zu 
schützen und die Landwirthschaft nach Kräften zu heben, gewiss 



» Vict. Caes. 41, 2. 

* Lact, de mort. pers. 46; Vict. Caes. 41, 2; epit. 41, 8; Euseb. bist, 
eccl. X, 8, 12; vita Const. I, 55; III, 1, 7. 

» Vict. epit. 41, 9. 

* Vict. epit. 41, 8; Caes. 41, 4. 



Die Anfange Constantin's des Grossen. 257 

nicht nur, weil er als Bauemsohn für den Stand seiner Väter 
eine natürliche Vorliebe hegte \ sondern mehr noch, weil nur ein 
reicher Bodenertrag ihm den Unterhalt seiner Heere und die 
Füllung seines geliebten Schatzes möglich machen konnte. Aber 
dass auch ein gesicherter Rechtszustand für die Wohlfahrt des 
Staates nöthig ist, blieb ihm immer ein Geheimniss. Geld und 
Weiber seiner Unterthanen betrachtete er als sein Eigenthum 
und nahm davon, was ihm gefielt Niemals hat er sich, wie 
Constantin oder auch Diocletian, als Vertreter und Vorkämpfer 
einer- Idee gefühlt. Abergläubisch gleich allen Kaisern seiner 
Zeit suchte auch er den Schutz höherer Mächte für sich zu ge- 
winnen', aber ob er unter dem Banner Christi oder der Heiden- 
götter focht, war für ihn nur eine Frage der Opportunität. Die 
Einheit des Reiches, welche Constantin mit solcher Opferwillig- 
keit aufrecht zu erhalten suchte, hat er leichten Herzens seiner 
grösseren Selbständigkeit geopfert; nie hat er gezaudert, wo 
es die Sache seiner Person und seiner Herrschaft galt, die 
Grenzen von ihren Vertheidigem zu entblössen, und ihren Schutz 
durch seinen Mitregenten fasste er sogar als Beleidigung auf, 
weil dieser dabei auf sein Gebiet übergreifen musste. So war 
er in jeder Beziehung ein würdiger Genosse des Maximian und 
Galerius. Der letzte Kaiser, den Diocletian eingesetzt hatte, 
sollte an Rohheit und Grausamkeit*, an wüster Genusssucht und 
selbstischer Gewissenlosigkeit nicht hinter den übrigen zurück- 
stehen. 

Doch wie dem immer sein mochte, Constantin konnte seine 
Mitherrschaft nur durch einen Bürgerkrieg beseitigen und wollte 
sie daher ertragen, so lange es ging. Nach dem Sturze des 
Maximinus, während dessen er seine Abrechnung mit den Ger- 
manen der Rheingrenze gehalten hatte ^, sandte er einen Ver- 
trauten an Licinius, um die in Mailand unterbrochenen Verhand- 
lungen jetzt zu Ende zu führen. Noch einmal kam er auf die 
Diocletianische Reichstheilung zurück. Auch nach der Schlacht 



^ Vict. epit. 41, 9. 

* Anon. Vales. 5, 22; Vict. epit. 41, 8; Euseb. h. e. X, 8, 13; vita 
Const. I, 52; 55. 

» Euseb. vita Const. II, 4; 11, 2. * Vict. Caes. 41, 4. 

» Eumen. Paneg. IX, 21 ff.; Anon. Vales. 5, 13; Zos. II, 17, 2; 3; 
Zeitschr. f. Rechtsgesch. X, S. 208. 



258 0. Seeck. 

bei Tzirallum hatte er Daja noch als Mitregenten anerkannt^ 
und Licinius gehindert, die Absetzung des Besiegten auszu- 
sprechen^. Die Legitimität eines Herrschers, dem einst der 
Gründer der Dynastie den eigenen Purpur um die Schultern ge- 
schlungen hatte, sollte trotz seiner Thorheiten und Verbrechen 
nicht angefochten werden. Wahrscheinlich sollte er nur die 
beiden Diöcesen, welche er sich nach dem Tode des Qalerius 
eigenmächtig unterworfen hatte, an Licinius abtreten. Blieb 
seine Gewalt auf die Länder südlich vom Taurus beschränkt, so 
war sie schwach genug, um eine wirksame Controle der beiden Mit- 
regenten zu gestatten, namentlich falls er, wie dies vielleicht be- 
absichtigt war, wieder zum Cäsar degradirt wurde. Bei der 
Absendung des Unterhändlers war sein Tod entweder noch 
nicht eingetreten oder doch in dem fernen Gallien noch un- 
bekannt. So richteten sich dessen Vorschläge, wie es scheint, auf 
unveränderte Wiederherstellung des Zustandes, welcher nach der 
Abdankung Diocletian's geherrscht hatte. Licinius sollte das alte 
Gebiet des Galerius in vollem Umfange beherrschen und im 
Orient den Maximin als untergeordneten Mitregenten dulden. 
Dafür verpflichtete sich Constantin, Italien und Afrika, denen 
Licinius noch die Pannonische Diöcese hinzufügen sollte, einem 
Cäsar zu übergeben, so dass, falls diese Anträge angenommen 
wurden, auch der Reichstheil des Severus in seiner früheren 
Umgrenzung hergestellt war. Zum Beherrscher desselben hatte 

^ Die Zahl der erhaltenen Denkmäler, welche noch nach der Besiegung 
des Maxentius den Maximin im Reichstheil Constantid^s als Mitregenten 
nennen, ist zu gross, als dass sie alle in den kurzen Zeitraum vom 28. Oct. 
312 bis zum 30. April 313 fallen könnten. Cohen VII^ Maximin 184; 185, 
beide Münzen in Rom geschlagen ; auch mehrere andere Münzen Maximin's, 
welche aus Italischen Prägstätten hervorgegangen sind , weist Graf C. von 
Westphalen dieser Zeit zu (Schiller, Gesch. d. Rom. Kais. II, S. 193). 
CIL. V, 8021; 8060; 8963; VI, 507. Auch redet Eumenius in einer Anrede 
an Constantin (Paneg. IX, 2) noch im Herbst 313 von imperii tui sociis im 
Plural, was er gewiss nicht gethan hätte, wenn der eine der beiden Mit- 
regenten damals schon für illegitim erklärt worden wäre. Diese Stelle ist 
auch insofern interessant, als das Bündniss, welches zwischen Maximinus 
und Maxen tius bestanden hatte, hier geflissentlich ignorirt wird. 

* Das Toleranzgesetz, durch welches Licinius am 13. Juni 313 die 
christenfeindlichen Verordnungen Maximin's aufhob (Lact, de mort. pers. 48), 
tiug noch den Namen des Besiegten neben dem des Siegers und seines 
Bundesgenossen an der Spitze. Zeitschr. f. Kirchengesch. XII S. 383. 



Die Anfänge Constantin's des Grossen. 259 

Constantin einen gewissen Bassianus ausersehen, von dem er 
wusste, dass seine Persönlichkeit dem Licinius genehm sei. Um 
auch ihn an das Haus des Divus Claudius anzuknüpfen, war 
die zweite Schwester Constantin's , Anastasia, bereits mit ihm 
vermählt worden. So sollte auch in diesem Falle zugleich mit 
den Grundsätzen Diocletian's das neue dynastische Princip ge- 
wahrt bleiben. 

Die Voraussetzungen dieses Planes hatten sich durch den 
Tod Maximin's in etwas geändert, doch schien dies seine Aus- 
führung nur zu erleichtern. Konnte man jetzt doch auch im 
Orient zur Wahl eines geeigneten Cäsars schreiten und brauchte 
sich nicht den verrückten. Tyrannen, bloss weil er legitim war, 
gefallen zu lassen. Auch Licinius strebte nicht nach der Allein- 
herrschaft ; auch ihm erschien die Mitregentschaft unentbehrlich; 
was er dadurch bewiesen hat, dass er jedesmal, wenn er mit 
Constantin im Kriege lag und dessen Absetzung ausgesprochen 
hatte, einen anderen Augustus an seiner Statt ernannte. Dass 
sein Mitherrscher sich auf die Treue des Bassianus nicht verlassen 
konnte, wusste er. Die Vorschläge Constantin's, welche dessen 
Macht beträchtlich geschwächt, seine eigene aber bei Auswahl 
eines passenden Cäsars für den Orient kaum beeinträchtigt hätten, 
konnten ihm also sehr willkommen sein, wenn ihm nur die 
Person Constantin's nicht zuwider gewesen wäre. In den Reichs- 
theilen, die er nicht unmittelbar unter sich hatte, wollte er ge- 
fügige Werkzeuge haben, nicht einen Kaiser von eigenem, ener- 
gischem Willen, der noch dazu gegen ihn die Rechte des älteren 
Augustus in Anspruch nahm. Er wies die Anträge des Unter- 
händlers also nicht zurück, suchte aber heimlich durch den 
Bruder des Bassianus, Senecio, welcher sich in seiner Umgebung 
befand, auf den künftigen Cäsar einzuwirken. Dieser sollte das 
Ansehen, welches er durch seine Verschwägerung mit Constantin 
bei den Truppen des Westens besass, dazu benutzen, um sie 
völlig für sich zu gewinnen und denjenigen, welcher ihn erhoben 
hatte, vom Throne zu stossen. Bassianus ging auf den sauberen 
Plan ein; er versuchte wirklich eine Militärrevolte anzuzetteln, 
wurde aber noch in den Anfängen seines Unternehmens ertappt 
und niedergehauen. 

Constantin war tief empört über die Treulosigkeit seiner 
Creatur; dass Senecio der Anstifter war, ergab sich wahr- 



260 0. Seeck. 

scbeinlich aus den Papieren des Todten. So verlangte er denn 
die Auslieferung des Schuldigen. Aber Licinius wies diese ge* 
rechte Forderung zurück und bekannte damit auch seine eigene 
Mitschuld. Da er jetzt mit den Truppen der Donaugrenze die 
des Orients vereinigte und noch dazu einen ansehnlichen Theil 
des Heeres besass, welches früher unter Maxentius gefochten 
hatte, meinte er sich seinem Gegner so weit überlegen, dass er 
ohne Furcht den Entscheidungskampf aufnehmen könne. Aus 
seiner feindlichen Gesinnung machte er gar kein Hehl mehr ; an 
der Italischen Grenze, wo der Gegensatz der beiden Reichshälften 
in Folge ihrer nahen Berührung am schärfsten zum Ausdruck 
kam, begannen seine Unterthanen schon die Statuen Constantin's 
umzuwerfen ^. Da erkannte dieser, dass ein Bruch unvermeidlich 
sei. Um das Diocletianische System zu erhalten oder wieder 
herzustellen, war er bis zur äussersten Grenze der Nachgiebig- 
keit gegangen. Er hatte sich selbst in grossmüthigem Leicht- 
sinn geschwächt und seinem Mitregenten ein Uebergewicht ge- 
währt, das dieser jetzt gegen ihn aufzubieten im Begriffe war. 
Endlich sah er ein, dass mit diesem Genossen ein Zusammen- 
wirken in der Reichsregierung nicht möglich sei, und schweren 
Herzens ergriff er die Waffen, um zum ersten Male für seine 
Alleinherrschaft zu kämpfen. 

Sobald der Bürgerkrieg beschlossen war, dachte Constantin 
nur noch daran, ihn schnell zur Entscheidung zu bringen. 
Das Hauptheer des Licinius stand wahrscheinlich noch im 
fernen Orient, wohin es den fliehenden Maximinus verfolgt 
hatte. Ehe der Feind es heranziehen konnte, musste die ver- 
hältnissmässig kleine Truppenzahl, welche in lUyricum zurück- 
geblieben war, über den Haufen gerannt und, wenn möglich, alles 
Land bis zum Bosporus gewonnen werden. Dort angelangt, 
konnte man auch einen selir überlegenen Gegner am üebergange 
hindern und gewann Zeit, um sowohl aus den alten als auch 
aus den neueroberten Provinzen Verstärkungen heranzuziehen 
und dann mit grösserer Macht den Kampf nach Asien hinüber- 
zuspielen. So eröffnete denn Constantin den Krieg mit einem 
Heere von nur 20 000 Mann, weil eine stärkere Masse die Schnellig- 
keit der Bewegung, auf welche alles ankam, gemindert hätte. 



' Anon. Vales. 5, 14; vgl. Euseb. h. e. X, 8, 5; vita Const. I, 47, 2; 50. 



Die Anfänge ConstaDtin's des Grossen. 261 

Der Herbst hatte schon begonnen, und .wie es scheint, 
beabsichtigte Licinius den Feldzug erst im folgenden Frühling 
anzutreten. Er wurde daher vollkommen überrascht, als Con- 
stantin plötzlich diesseit der Alpen erschien und die Save ab- 
wärts auf die Garnisonen der Donaulinie losmarschierte. Trotz- 
dem gelang es ihm noch bei Cibalae, dem heutigen Vinkovcze, 
südöstlich von Vukovar, eine Macht von 35000 Mann zu con- 
centriren, sehr wenig im Vergleich zu dem, was er bei längerer 
Frist hätte aufbieten können, sehr viel im Vergleich zu dem 
Häuflein seines Gegners^. Aber wie schwach dieser war, wusste 
Licinius wohl kaum; er hatte daher eine Stellung gewählt, 
die mehr darauf berechnet war, jenen aufzuhalten, als zu 
schlagen*. Der Weg, auf welchem Constantin heranzog, führte 
unmittelbar vor Cibalae zwischen Sumpf und Berg durch ein 
Defilde von noch nicht einem Kilometer Breite. Gleich dahinter 
dehnte sich am Fusse des Bergrückens, den die Stadt krönte, 
eine weite Ebene aus, und hier hatte Licinius sein Lager ge- 
schlagen. Indem er vor demselben, mit der rechten Flanke an 
den Höhenzug gelehnt, Stellung nahm, gewährte er Constantin 
nicht den Raum, sein Heer, wenn es aus der Enge hervorgetreten 
war, ungestört zu entwickeln. Ein vorsichtiger Feldherr hätte 
also stehen bleiben oder auf weiten Umwegen die Stellung des 
Feindes umgehen müssen; beides aber hätte diesem die Zeit 
gewährt, sein ohnehin überlegenes Heer noch bedeutend zu ver- 
stärken. So beschloss denn Constantin, auch unter diesen un- 
günstigen Bedingungen eine Schlacht zu wagen. 

Am 8. October 314^ brach er vor Tagesanbruch* mit der 
Reiterei aus dem Defil^e hervor und überrannte den rechten 
Flügel des Licinius. Dadurch schaffte er sich Luft, um am Fuss 
der Berge seine Schlachtordnung in der Flanke des Gegners zu 
entfalten. In der Zeit, welche damit verloren wurde, konnte 
aber auch dieser seine Front wechseln, und während er vorher 
senkrecht auf dem Höhenzuge gestanden hatte, sich jetzt parallel 
demselben Constantin gegenüber aufstellen. Das Zeichen zum 
Angriff wurde gegeben und es entspann sich ein Kampf, der 

^ Anon. Vales. 5, 16; Eutrop. X, 5. 

* Die Schilderung des Geländes und der ganzen Schlacht gibt Zos. II, 18. 
' Das Datum bei H5'dat. fast. 814. 

* Vict. epit. 41, 5: nocte. 



262 0. Seeck. 

mit unerhörter Erbitterung und Standhaftigkeit bis zum späten 
Abend fortgesetzt wurde. Nur auf dem rechten Flügel, den 
Constantin am Sumpfe Hiulca^ entlang persönlich gegen den 
Feind führte, war der Sieg entschieden ; aber dass Licinius, alles 
verloren gebend, sich auf sein Ross schwang und eiligst nach 
Sirmium, dem jetzigen Mitrovitza, floh, vollendete seine Nieder- 
lage. Denn jetzt zog sich auch der bisher unbesiegte Theil 
seines Heeres ins Lager zurück und floh; nachdem er hier die 
nothwendigsten Lebensmittel für die Nacht an sich genommen 
hatte, in wilder Eile gleichfalls nach Sirmium, die reichen Vor- 
räthe des Lagers in Constantin's Händen zurücklassend. Schlacht 
und Verfolgung sollen dem Licinius 20000 Mann gekostet haben, 
also ebenso viel, wie die ganze Armee seines Gegners zählte*. 

Auch hinter den Mauern der Stadt, deren Belagerung 
einem so kleinen Heere gewiss nicht leicht geworden wäre, 
wagte der Besiegte nicht Stand zu halten, sondern nahm nur 
seine Familie und seinen Schatz, welche er bei dem Zuge nach 
Cibalae hier, in der Haupstadt lUyricums, zurückgelassen hatte, 
wieder zu sich und floh über die Save weiter, die Brücke hinter 
sich abbrechend^. Bald darauf rückte auch Constantin in Sir- 
mium ein und schickte gleich einen Vortrab von 5000 Mann 
auf der grossen Strasse nach der Donau vor. Denn den Weg, 
welcher zu den Kastellen der Grenzlinie führte und das Heer 
des Licinius, indem es deren Besatzungen an sich zog, bei jedem 
Schritte verstärken musste, hielt er für die gegebene Rückzugs- 
strasse seines Feindes. Durch unausgesetzte Verfolgung hoflFte 
er hier dessen Armee völlig aufzureiben oder wenigstens auf der 
Flucht nicht zu Athem kommen zu lassen. Aber bald musste 
er sich überzeugen, dass Licinius nicht, wie er erwartet hatte, 
nach Westen, sondern nach Süden über die Save zurückgewichen 
sei. So liess er denn die Brücke wiederherstellen und zog ihm 
eiligst nach*, aber die Fühlung mit dem Feinde war und blieb 
verloren. 

Der Aufenthalt, welchen Constantin in Sirmium erlitten hatte, 
gewährte, so kurz er auch war, seinem Gegner doch die Zeit, ein 
neues Heer aus den Garnisonen Thrakiens bei Adrianopel zusammen- 

* Vict. epit. 1. c. 

* Anon. Vales. 5, 16. ' Anon. Vales. 5, 17; Zos. II, 18, 5. 

* Zos. IT, 19, 1. 



Die Anfänge Constantin's des Grossen. 263 

zuziehen. Auch dieses war der kleinen Schaar der Sieger bedeutend 
überlegen, und aus dem Orient rückten noch Truppenmassen heran, 
deren Marsch durch den beginnenden Winter freilich sehr gehemmt 
war, die aber nach einigen Monaten die Uebermacht des Lici- 
nius ganz erdrückend machen mussten. Seine erste Niederlage 
hatte daher weniger seinen Muth gebeugt, als seinen Haas ge- 
steigert. Erst nach der Schlacht bei Cibalae hatte er die Absetzung 
seines Mitregenten officiell ausgesprochen, indem er an dessen 
Statt den Grenzcommandanten Gajus Aurelius Valens zum Augustus 
ernanntet Wenn er mit Constantin Friedensverhandlungen er- 
öffnete, als dieser auf seiner Verfolgung nach Philippopolis ge- 
langt war*, so geschah dies wohl nur, um dessen Vormarsch 
aufzuhalten und unterdessen seine Concentration zu vollenden. 
Da aber die Gesandten zurückgewiesen wurden und der Feind 
unaufhaltsam vordrang, hielt auch Licinius es für bedenklich, 
den Muth seiner Soldaten durch fortgesetztes Rückwärts weichen 
zu erschüttern, und wagte eine zweite Schlacht. Selbst wenn 
sie verloren wurde, blieb ihm der Rückzug auf Byzanz und die 
Vereinigung mit den Truppen des Orients ja immer noch un- 
benommen. 

Etwa im November 314 trafen sich die beiden Heere bei 
Castra Jarba, in der Nähe des heutigen Harmanly, auf dem 
Theilungspunkt der Strassen, welche von Adrianopel aus westlich 
nach Philippopel, nordwestlich nach Beroea führten. Wieder zog 
sich der Kampf vom frühen Morgen bis in die Nacht hinein, 
und diesmal blieb er unentschieden^; aber am nächsten Tage 
fand Constantin sich keinen Feind mehr gegenüber. Sogleich 
liess er seine Truppen zu energischer Verfolgung ausrücken, 
selbstverständlich in der Richtung auf Adrianopel und Byzanz; 
doch die Fühlung mit dem Feinde wollte sich auch diesmal nicht 
wiederfinden lassen. Da wurde man über die Stellung desselben 
in sehr unerwarteter Weise belehrt, indem er plötzlich den Tross 
mit dem Hofgesinde des Kaisers hinter dem Rücken des Heeres 



* Anon. Vales. 5, 17; Zos. II, 19, 2; Vict. epit 40, 2. Dass Valens 
nicht Cäsar, sondern Augustus wurde, beweisen seine Münzen. Cohen 
VIP S. 223. 

* üeber den Fortgang des Krieges vgl. Zeitschr. f. Rechtsgeschichte 
X, S. 183 ff. 

» Zos. II, 19, 2 ff. 



264 0. Seeck. 

wegfing ^. Licinius hatte in der Nacht, welche der Schlacht bei 
Jarba folgte, nicht seine natürliche Rückzugsstrasse nach Süden 
eingeschlagen, sondern war von dem Dreiwege, auf welchem der 
Kampf stattfand, nordwestlich nach Beroea gegangen, so dass er 
jetzt zwischen Constantin und der Donau stand ^. 

Dieser Zug schnitt den gar zu hastigen Verfolger von seiner 
Operationsbasis und von allen Verstärkungen, welche er etwa 
aus Gallien oder Italien erwarten mochte, vollständig ab und 
brachte ihn, falls das orientalische Heer endlich heranrückte, 
zwischen zwei Feuer. Aber andererseits führte er auch für Li- 
cinius selbst sehr ernste Gefahren mit sich, welche dieser im 
Augenblicke des schnell gefassten Entschlusses übersehen oder 
zu gering geschätzt haben mochte. Wenn Constantin sich nach 
Byzanz hineinwarf und vielleicht auch die starke Flotte, welche 
er vor zwei Jahren gegen Maxentius aufgestellt hatte, herbei- 
kommen Hess, um mit ihr den Bosporus und Hellespont zu 
sperren, so waren die Truppen des Orients von Europa ab- 
geschnitten und Licinius konnte seinerseits von Italien aus im 
Rücken gefasst werden. Zudem mochte sein Heer, das durch die 
Schlacht hart mitgenommen war und nachher noch manchen 
anstrengenden Marsch durch bergige Gegenden mitten im tiefsten 
Winter hatte ausführen müssen, nicht im besten Zustande sein. 
Aber andererseits hinderte die Jahreszeit auch Constantin, seine 
Flotte schnell heranzuziehen, und ob er das feste Byzanz werde 
einnehmen können, war für ihn, der die Stärke der Besatzung 
nicht kannte, wohl zweifelhafter, als für Licinius, der wahr- 
scheinlich von hier wie aus den anderen thrakischen Städten die 
Truppen zur Verstärkung seines Feldheeres an sich gezogen 
hatte. So fanden sich beide Gegner durch jenen kühnen Schach- 
zug in eine äusserst gefährliche Lage versetzt, und keiner sah 
daraus einen anderen Ausweg, als den Friedensschluss. Da aber 
Licinius zuerst einen Gesandten schickte und dieser eine höchst 
gedrückte Sprache führte, so merkte Constantin, dass jenem in 
der von ihm selbst geschaffenen Situation keineswegs wohl sei, 
und trat trotz seiner eigenen Besorgnisse von Anfang an als der 
stolze Sieger auf. Zur Verzweiflung durfte er seinen Feind 
allerdings nicht treiben und musste daher auf die Alleinherrschaft 



* Petr. Patric. ed. Bonn. p. 129. * Anon. Vales. 5, 17; 18. 



Die Anfänge Constantin's des Grossen. 265 

verzichten. Doch forcierte er die Absetzung des Valens und die 
Uebergabe von ganz lUyricum, wogegen Licinius Thrakien und 
die östlichen Provinzen behalten sollte. Der Gesandte, welcher 
durch Drohungen und langes Hinhalten mürbe gemacht war, 
willigte in alles, imd auch sein Auftraggeber wagte nicht, Nein 
zu sagen ^. Licinius selbst Hess seinen kaum ernannten Mit- 
regenten hinrichten, was Constantin gar nicht verlangt hatte ^, 
und dieser gebot unbestritten über dreiviertel des Römerreiches ^. 
Ob und wann er das vierte auch noch erobern wolle, blieb jetzt, 
wo die erdrückende üebermacht auf seiner Seite war, seinem 
Willen anheimgegeben. Dass er beinahe zehn Jahre damit ge- 
wartet hat und nicht früher zum Schwerte griff, als bis die 
Christenverfolgung des Licinius seine heiligsten Gefühle verletzte, 
ist wahrlich kein geringes Zeichen seiner Friedensliebe. 

Im December wurde der Vertrag abgeschlossen* und am 
1. Januar 315 verkündete wieder ein gemeinsames Consulat der 
beiden Kaiser den Unterthanen des Reiches die wiederhergestellte 
Eintracht*. Der Preis dafür war die vollständige Zerreissung 
der Reichseinheit, welche Constantin bisher mit so viel Opfern 
aufrecht zu erhalten gesucht hatte. Jeder Kaiser gab Gesetze, 
doch galten sie nur in seinem Reichstheil ^; jeder prägte sein 
Geld nach einem andern Münzfusse*^; jeder hatte sich verpflichtet, 
die Grenzen des andern nicht mit Heeresmacht zu überschreiten, 
so dass sogar Unterstützung gegen BarbareneinfäUe ausgeschlossen 
war. Das Römische Reich hatte sich in zwei gesonderte Staaten 
aufgelöst, die sich gegenseitig misstrauisch beobachteten. Freilich 
war dies nur private Verabredung der Herrscher; officiell kam 
es nicht zum Ausdruck. Die Statuen Constantin s standen überall 
noch neben denen des Licinius; alle Münzstätten prägten mit 
den Bildnissen von beiden; dieselben Consuln wurden in den 



* Anon. Vales. 5, 18; Petr. Patric. ed. Bonn. p. 128. 

* Vict. epit. 40, 9 : Valens a Lieinio morte multatur. Dass Constantin 
nor die Absetzung, nicht den Tod des neuen Gegenkaisers gefordert hatte, 
berichten übereinstimmend der Anoymus Vaiesianus und Petrus Patricius, 
die einzigen Zeugen, welche wir für diese Verhandlungen besitzen. 

' Zos. n, 20, 1; Eutrop. X, 5; Sozom. I, 6. 

* Zeitschr. f. Rechtsgeschichte X, S. 183. 
^ Anon. Vales. 5, 19. 

* Cod. Theod. XV, 14, 1. Zeitschr. f. Rechtsgesch. X, S. 179. 
^ Zeitschr. f. Numismatik XVII, S. 45; 149 ff. 



266 0. Seeck. 

Städten vom Hadrianswall bis zum Euphrat alljährlich verkündet; 
die Gesetze trugen beide Kaisemamen an der Spitze und ihr 
beschränkter Geltungskreis verrieth sich nur darin, dass sie im 
andern Reichstheil nicht publicirt wurden. Aber dass dies alles 
leere Formalitäten waren, wussten die Unterthanen ebenso gut 
wie die Herrscher selbst^. 

So wenig dieser Zustand den politischen Anschauungen Con- 
stantin's auch entsprach, war er doch entschlossen, ihn einst- 
weilen zu dulden. Licinius war ja ein alter Mann; für das Ver- 
meiden eines Bürgerkrieges war es kein zu grosses Opfer, wenn 
die Herstellung der Reichseinheit bis zu seinem Tode verschoben 
blieb. Nicht einmal den Erben seines Gegners, der jung genug 
war, um gefügig zu sein, gedachte Constantin von der Thron- 
folge auszuschliessen. Am 1. März 317 ernannte er nach Ueber- 
einkommen mit seinem Mitregenten seine Söhne, den etwa zwölf- 
jährigen^ Crispus und den neugeborenen Constantinus, zugleich 
mit dem vierjährigen Bastard des Licinius zu Cäsaren^. Diese 
Bestellung der künftigen Thronfolger hatte für ihn selbst gar 
keine Eile. Wollte er den Adoptivsohn seiner Schwester über- 
gehen, so brauchte er mit der Regelung der Nachfolge nur bis 
zum Ableben seines Nebenbuhlers zu warten, der ja seinerseits 
nicht mehr die Macht besass, eine Beschleunigung zu erzwingen. 
Wenn er es also zuliess, ja vielleicht gar selbst anregte, dass 
der kleine Licinius den Truppen als ihr zukünftiger Kaiser ge- 
zeigt wurde, und ihm damit ein Prestige verlieh, das, wie er 
aus eigener Erfahrung wusste, keineswegs von geringer Bedeu- 
tung war, so kann dies nur ein Ausfluss seines guten Willens 
gewesen sein. Auch sonst vermied er jeden Conflict mit seinem 
Grenznachbarn und erhielt sorgfaltig zwischen den beiden Reichs- 
theilen, wenn auch nicht mehr die Einheit, so doch ein freund- 
liches Verhältniss. 



^ In dem Panegyrikus des Nazarius und in den Lobgedichten des 
Porphyrius Optatianus werden nur Constantin und seine Söhne gepriesen, 
die Existenz des Licinius dagegen mit keinem Wort erwähnt. Damit ver- 
gleiche man, wie achtungsvoll Eumenius noch im Jahre 310 von den Mit- 
regenten seines Herrschers redet. Paneg. VII, 1. 

* Zeitschr. f. wissensch. Theologie XXXIII, S. 70. 

» Anon. Vales 5, 19; Zos. II, 20, 2; Vi ct. Caes. 41, 5; epit. 41, 4; 
Hydat. fast. a. 317; Chron. Pasch, a. 317. 



Die Anfönge Constantin's des Grossen. 267 

Minder friedfertig war Licinius. So lange der Eindruck seiner 
Niederlagen noch frisch war, hielt auch er sich ruhig; aber je 
mehr die Wunde verharschte, desto klarer wurde in ihm der 
Entschluss, lieber Thron und Leben noch einmal zu wagen, als 
das drückende Uebergewicht des Verhassten dauernd zu erdulden. 
Durch harten Steuerdruck und gewissenlose Gonfiscationen presste 
er sich einen ungeheuren Schatz zusammen und schuf sich mit 
dem Gelde allmählig ein Heer und eine Flotte, mit welchen er 
Constantin trotz der viel geringeren Ausdehnung seines Reiches 
wohl die Spitze bieten konnte. Aber wovor der abergläubische 
Landsknecht die meiste Furcht hatte, das war der göttliche 
Schutz, unter dem sein Gegner seit der Schlacht an der Milvi- 
schen Brücke zu stehen schien. Wie Constantin jedem Principe 
welches er zu dem seinen machte, mit heissem Eifer und pflicht- 
bewusster Gonsequenz zu dienen pflegte, so hatte er sich auch 
mehr und mehr zum Ideal des christlichen Herrschers, wie seine 
Zeit es auffasste, auszubilden bemüht. Der Ausgangspunkt seines 
Christenthums war das Bedürfniss nach einem starken Helfer in 
einer Gefahr gewesen, der er mit seinen menschlichen Mitteln 
sich nicht gewachsen fühlte ; aber nachdem er durch die wunder- 
bare Gottesfü^ng, welche ihm das Haupt des Maxentius zu 
Füssen gelegt hatte, einmal zum Proselyten des neuen Glauben» 
geworden war, erfüllte er auch dessen sittliche Forderungen mit 
strenger Selbstbeherrschung. Zwar hatte er das Heidenthum 
noch nicht gänzlich abgethan, aber nur weil er es nicht durfte. 
Bestand doch das Heer, von welchem seine Existenz abhing^ 
fast ausschliesslich aus Heiden. Zwar kämpften die barbarischen 
Söldner ebenso gern unter dem Kreuze, wie unter dem Hammer 
des Thor oder dem Hundskopfe des Anubis. Ihnen war Ghristus 
nur ein Gott mehr in der bunten Göttermenge, welche von den 
mannichfachen Nationen, die im Feldlager zusammenströmten, in 
tausendfach verschiedenen Gultformen geehrt wurde. Erwies 
seine Kraft sich stärker, als die der anderen Gottheiten, so war 
er ihnen als Schlachtenführer hoch willkommen. Aber wenn sie 
neben all' den fremdartigen Religionsbräuchen, welche sie um- 
gaben, auch das opferlose Gebet ihres Kaisers gelten liessen, so 
verlangten sie doch auch Respect für ihre Schutzpatrone. Doch 
dies verstand auch die christliche Geistlichkeit; sie erkannte es 
freudig an, dass Gonstantin für ihren Glauben that, was er konnte» 



268 0. Seeck. 

und niemals sind die Gebete für das Wohl der von Gptt ein- 
gesetzten Obrigkeit in allen Kirchen aus aufrichtigeren Herzen 
emporgestiegen, als in jener Zeit. Aber eben diese Gebete, an 
deren Zauberkraft er festiglich glaubte, fürchtete Licinius. Für 
ihn, das wusste er wohl, wurden sie nicht in dem gleichen Sinne 
dargebracht^. War er doch der Tyrann, welcher jedes reiche 
Besitzthum und jedes schöne Weib, das die Begierden des greisen 
Wüstlings reizte, mit brutaler Gewalt an sich brachte. Auch er 
hatte zwar bei Tzirallum unter dem Zeichen des Kreuzes ge* 
kämpft; aber dass sein Verhältniss zum Christenthum kein anderes 
war, als das seiner Landsknechte, war Jedermann wohlbekannt. 
Um sich vor dem Zauber der Heiligkeit, welcher seinen Gegner 
umgab, zu schützen, griflF er, sobald er zum Kriege fest ent- 
schlossen war, zu einem echt heidnischen Mittel. In allen an- 
tiken Religionen findet sich der Glaube wieder, dass ein Gebet 
oder ein Gelübde seine Kraft verliert, wenn es nicht in der vor- 
geschriebenen Form dargebracht wird. Licinius machte sich also 
um das Jahr 321^ daran, die Formen des christlichen Gottes- 



^ Euseb. h. e. X, 8, 9; vita Const. II, 2, 1. 

* Die Meinung Keim's, dass der Beginn der Christenverfolgung im 
Jahre 315 „zweifellos feststehe" (Protestantische Kirchenzeitung 1875, S. 900), 
stützt sich nur auf mehr als zweifelhafte Zeugnisse. Orosius und der Ano- 
nymus Valesianus sind schon von Elebs (das Valesische Bruchstück zur Ge- 
schichte Constantin's. Philologus N. F. I, S. 57 und 60) beseitigt. Die 
Zeitbestimmung des Sozomenus (I, 7) ist zu allgemein und beruht auf zu 
flüchtiger und ungenauer Kenntniss der Geschichte Constantin's, als dass 
sie irgend welche Beachtung verdiente. Die Stelle des Eusebius (vita Const. 
I, 48) ist von dem Autor selbst gar nicht als Zeitbestimmung gemeint, 
sondern nur als stilistische Ueberleitung von einem Gegenstande zu einem 
andern. Er hat zuerst von den Decennalien Constantin's erzählt und reiht 
daran den letzten Krieg gegen Licinius nebst der Christenverfolgung, welche 
ihn einleitete. Irgend ein Ereigniss von Wichtigkeit, welches zwischen 
jenen beiden läge, kennt er nicht. Er verknüpft sie daher in folgender 
Weise: „Constantin feierte seine Decennalien. Darüber freute ersieh, nicht 
aber über die Nachrichten, welche er aus dem Orient erhielt. Denn dort 
begann Licinius die Verfolgung. " Aus einem Satze dieser Art zu schliessen, 
dass der Beginn der Verfolgung unmittelbar auf die Decennalien gefolgt 
sei, wäre selbst bei einem Schriftsteller, der im Chronologischen zuverlässiger 
ist, als Eusebius, nicht gestattet. Es bleibt also nur der Satz der Kirchen- 
geschichte X, 8, 8, aus welchem vita Const. I, 50, 2 abgeschrieben ist. Hier 
aber sagt Eusebius, Licinius habe, sobald der Krieg gegen Constantin be- 
schlossen war (o|x63£ Kcüvotavttvo) noXejislv hicc^'^oo^), die Christenverfolgung 



Die Anfönge Constantin's des Grossen. 269 

dienstes nach Möglichkeit zu verwirren. Zunächst wurden alle 
Zusammenkünfte von Bischöfen, namentlich aber die Synoden 
Terboten^, in denen die Organisation der Kirche ihren Ausdruck 
und ihre Fortbildung fand; dann folgte ein Gesetz, dass die 
Frauen von den Versammlungen der Gemeinde auszuschliessen 
seien und ihre Andachten künftig unter der Leitung weiblicher 
Priester halten sollten*; die Kirchen wurden niedergerissen oder 



begonnen. Wollte man dies auf den Krieg von 314 beziehen, so müsste 
man also die Massregeln gegen die Christen schon in das Jahr 313 setzen, 
was Keim selbst als unmöglich erkennt. Mithin kann nur der zweite Krieg 
der beiden Mitregenten gemeint sein, eine Annahme, die schon dadurch 
geboten ist, dass Eusebius von dem ersten in keiner seiner Schriften redet. 
Sein Zeugniss vereinigt sich also hier mit dem des Uieronymus, nach welchem 
die Verfolgung im Jahre Abraham's 2337, d. h. 321, also nicht sehr lange 
vor dem zweiten Kriege begann. Dem scheint auch Sozom. 1, 2 zuzustimmen ; 
denn es ist gar nicht abzusehen, warum er sein Werk mit dem Consulat 
des Crispus und Constantinus (321) beginnt, wenn dieses nicht ein Epochen- 
jahr für die Geschichte der christlichen Kirche darstellte. Ein solches aber 
konnte es nur insofern sein, als damals die letzte Christen Verfolgung ihren 
Anfang nahm; denn irgend ein anderes hervorragendes Ereigniss ist unter 
diesem Jahre nicht überliefert. Hierzu kommt dann noch eine wichtige 
Bestätigung. Nach Eusebius (vita Const. I, 51) war eine der ersten Mass- 
regeln, durch welche sich die neue Religionspolitik des Licinius ankündigte, 
das gesetzliche Verbot der Synoden. Diese Angabe hat so viel innere 
Wahrscheinlichkeit, dass wir sie selbst einem Eusebius glauben dürfen. 
Denn wenn das Christenthum überhaupt gefährlich schien, so mussten diese 
grossen Versammlungen seiner berufenen Vertreter das Auge des miss- 
trauischen Tyrannen in erster Linie auf sich ziehen. Nun hat aber noch 
im Jahre 320 in Alexandria eine Synode getagt, bei welcher hundert ägyp- 
tische Bischöfe sich einfanden. Eine Zusammenkunft von solchem Umfange 
konnte unmöglich gegen das Gesetz in aller Heimlichkeit stattfinden; öffent- 
lich wagte man aber während der Christenverfolgung des Licinius nicht 
einmal Gottesdienste (Soz. I, 2), geschweige denn Coucilien zu halten. Da- 
mit ist meines Erachtens die chronologische Frage vollkommen entschieden, 
falls nicht noch, was allerdings nicht ganz ausgeschlossen ist, sich fiir die 
Synode von Alexandria eine andere Zeitbestimmung finden sollte. Doch 
auch in diesem Falle würden die Übereinstimmenden Zeugnisse des Hiero- 
nymos, Sozomenus und Eusebius übrig bleiben. 

* Euseb. vita Const, I, 51: ^ ^ip icapaßatvovxa^ töv vojiov syp-^jv ötco- 
ßd^Xsa^ai Ti)JLU)pia, ^ icetO-ap^^oövxftc "Ctp «apaYYsX}j.axt icapaXosiv exxXYjatac 
^s^oDC' £XX(uc Yocp oh $ovat6y xa ^t.i'^aXoi xü>y 3xs}jL{jLax(uv ^ Bca auvo^cuv 
xaxopd-woaod-at. Vgl. III, 1, 5; Sozom. I, 2. 

* Euseb. vita Const. I, 53. \ 
Deutsche Zeitschr. f. Oeschichtsw. • 1892. YII. 2. Xg 



270 0. Seeck. 

geschlossen^ und den Christen nur noch unter freiem Himmel 
ausserhalb der Stadtmauern die Ausübung ihres Cultus gestattet^. 
Da man den Werken der Barmherzigkeit eine ganz besondere 
Heilskraft beilegte, wurde das augenfälligste derselben, der Be- 
such und die Speisung von Gefangenen, bei den härtesten Strafen 
untersagt^. Am wenigsten wollte der Kaiser Leute, die für seinen 
Widersacher beteten, in seiner Umgebung dulden; so wurde denn 
zuerst der Hof von den Christen purificirt, bald auch der ganze 
Beamtenstand und das Heer^. Es dauerte nicht lange, so be- 
gannen die Blutgerichte wieder gegen die Bischöfe zu wüthen^. 
Beim fünfzehnjährigen Regierungsjubiläum des Licinius (11. Nov. 
323) wagten es selbst im Reichstheil Constantin's einzelne Be- 
amte, gegen die Christen Zwang anzuwenden, damit sie sich an 
den Opfern für das Heil des Kaisers betheiligten ^. 

Schon bei den ersten Symptomen der Christenverfolgung 
hatte Constantin erkannt; dass ihm ein neuer Bürgerkrieg bevor- 
stehe, und seine Rüstungen begonnen '. Im Winter 322/23 legte 
er in Thessalonica einen Kriegshafen an, liess mehr als 2000 
Transportfahrzeuge zusammenbringen und 200 Schlachtschiffe 
bauen, welche er mit 10 000 Matrosen bemannte. Denn da der 
Kampf jedenfalls einen Uebergang über den Bosporus nöthig 
machen musste, so forderte er eine starke Machtentfaltung zur 
See. Dazu wurden an Landtruppen 120 000 Mann Fussvolk und 
10 000 Reiter aufgeboten, ein Heer, wie Constantin es noch nie 
zu einem Feldzuge concentrirt hatte®. Der Gegner war freilich 
wieder trotz seines dreimal kleineren Gebietes noch stärker, denn 
er scheute sich nicht, um seiner persönlichen Händel willen die 
Grenzen zu entblössen und den Barbaren preiszugeben^. Seine 
Flotte bestand aus 350 Segeln, sein Heer aus 150 000 Mann 

* Easeb. bist. e. X, 8, 15; laud. Const. 9, 13; vita Const. II, 2. 
^ Easeb. vita Const. I, 53. 

' Euaeb. h. e. X, 8, 11; vita Const. I, 54, 2. 

* Euseb. h. e. X, 8, 10; vita Const. I, 52; 54; Hieron. chron. 2387. 

* Euseb. h. e. X, 8, 14; 17; vita Const. II, 1 ff.; Hieron. 1. c. Wie 
gross die Zahl der Opfer war, ist eine Frage, die sich nie wird beantworten 
lassen; auch scheint sie mir historisch ganz gleichgültig. 

« Cod. Theod. XVI, 2, 5; vgl. Zeitschr. f. Rechtsgesch. X, S. 230. 
^ Euseb. vita Const. II, 3. 
« Zosim. II, 22, 1. 

* Anon. Vales. 5, 21: neglectos limites. 



Die Anfänge Constantin*8 des Grossen. 271 

und 15 000 Pferden^. Einstweilen war er allerdings mit seinen 
Rüstungen noch zurück. Denn da nach ihrem Vertrage, welcher 
jedem Herrscher die volle Freiheit des Handelns innerhalb seines 
Reichstheiles wahrte, Constantin die Christenverfolgung nicht zum 
Eriegsgrunde machen konnte, war Licinius noch auf keinen An- 
griff gefasst. Doch hatte er schon 323 begonnen, die Besatzungen 
von den Grenzen abzurufen und in den Asiatischen Provinzen, 
wo der Aufmarsch durch die Meerengen gedeckt war, um seine 
Person zu versammeln. 

Da benutzten die öothen an der unteren Donau die Ver- 
minderung der Grenzflächen und fielen in die Thrakische Diöcese 
ein. Licinius war zu fern, um ihren Plünderungen Einhalt zu 
gebieten, und Constantin, der in nächster Nähe zu Thessalonica 
verweilte, durfte in das Gebiet seines Mitregenten nach dem 
Vertrage von 314 nicht übergreifen. Aber die Aufrechterhaltung 
desselben war ihm jetzt gleichgültig, da er den Krieg ja doch 
kommen sah; und Römisches Gebiet vor den Barbaren zu schützen 
war eine Eaiserpflicht, welche private Verabredungen der Herrscher 
nicht aufheben konnten. So rückte denn im Sommer 323 Con- 
stantin in Thrakien ein, schlug die Gothen über die Donau zu- 
rück und zwang sie zur Auslieferung der weggeschleppten Ge- 
fangenen^. Aber nach dem Siege kehrte er alsbald in seinen 
Reichstheil zurück; keine Stadt von dem Gebiete seines Gegners, 
nicht einmal das wichtige Byzanz, von wo aus er den Feldzug 
gegen die Barbaren eingeleitet hatte ^, behielt er in seiner Hand. 
Den Vertrag hatte er zwar formell gebrochen, aber nur in Er- 
füllung einer Aufgabe, deren Dringlichkeit kein Unparteiischer 
leugnete. Dem Reichstheil des Licinius den Frieden wiederzu- 
geben, war ein Recht, das ihm keine Verträge rauben konnten; 
doch wenn er zugleich für den sicher bevorstehenden Bürger- 
krieg günstige Positionen erobert hätte, so wäre dies allerdings 
ein Eidbruch gewesen, vor welchem der fromme Christ zurück- 
schreckte. 

Aber Licinius sah in dem Geschehenen nur den Eingriff in 
seine Rechte und forderte drohend Genugthuung. Mehrere Ge- 
sandtschaften gingen hin und her, doch der Streit der Kaiser 



* Zos. II, 22, 2. ^ Anon. Vales. 5, 21. 

' Zeitschr. f. Rechtsgesch. X, S. 230. 



272 ö- Seeck. 

schärfte sich nur in den Verhandlungen. Dazwischen über- 
kam den hasserfüllten Greis wohl auch die Furcht vor seinem 
von höheren Mächten beschützten Gegner; dann unterbrach er 
seine Drohungen durch Bitten und Versprechungen ; aber immer 
kehrte er wieder zu der kriegerischen Tonart zurück *. Zum 
Schlüsse kam, was Jedermann vorausgesehen hatte, und im Früh- 
ling 324 setzten sich die Heere in Marsch*. 

Licinius nahm eine äusserst feste Stellung bei Adrianopel 
ein^, dessen Umgegend er von seinem früheren Feldzuge her 
sehr genau kannte. Am Ufer des Hebrus entlang zog sich seine 
Armee über eine Linie von fünf Meilen Länge hin, dem Feinde 
den Uebergang verwehrend. Mehrere Tage lang standen die 
Heere an beiden Ufern des Flusses einander gegenüber, ohne 
dass Constantin, der, wie immer, vorwärts drängte, zum Schlagen 
hätte kommen können. Endlich gelang es ihm, den Gegner zu 
täuschen. Während er dessen Aufmerksamkeit durch scheinbare 
Zurüstungen zu einem Brückenbau fesselte, überschritt er an 
weit entlegener Stelle mit einer kleinen Schaar in einer Furt den 
Fluss, schlug die dort aufgestellte, wenig zahlreiche Bewachung 
zurück und führte, nachdem er das jenseitige Ufer besetzt hatte, 
sein ganzes Heer hinüber. Aber auch jetzt machte ihm der An- 
sturm auf die Höhen, welche Licinius besetzt hielt, noch harte 
Arbeit*. Nur dass sein Heer dem des Feindes, welches wahr- 
scheinlich zum grossen Theil aus neu ausgehobener, wenig ge- 
übter Mannschaft bestand, an Tüchtigkeit und Disciplin weit 
überlegen war, entschied die Schlacht zu seinen Gunsten. Wieder 
hatte er persönlich unter den Vordersten gekämpft und selbst 
eine leichte Verwundung davongetragen ^. Aber war der Kampf, 
welcher am 3. Juli 324 bei Adrianopel ausgefochten wurde ®, 
auch schwer genug, seine Früchte entsprachen den Mühen. Das 
orientalische Heer löste sich in wilder Flucht auf; am andern 
Tage ergab sich der grösste Theil der zerrissenen Massen dem 
Sieger'. — Doch war der Rest, welcher Licinius blieb, noch 



» Anon. Vales. 5, 21-22. 

* Ueber die Zeit dieses Krieges s. Zeitschr. f. Rechtsgesch. X, S. 188 ff. 
» Anon. Vales. 5, 24; Zos. II, 22, 3. 

* Zos. II, 22, 4 ff. * Anon. Vales. 5, 24. 

« Das Datum bei Hydat. fast. a. 324; CIL. I, S. 346; Cod. Theod. VII, 
20,1; Chron. Pasch, a. 325. ^ Zos. II, 23, 1. 



Die An ränge Constantin'8 des Grossen. 273 

immer ansehnlich. Nachdem er für Byzanz eine sehr starke 
Besatzung gestellt hatte, wurde noch ein Theil nach Asien über- 
gesetzt ^, wo sich die Streitkräfte aus Norden und Süden zu einem 
letzten Entscheidungskampfe sammeln sollten '. Damit ihre Ver- 
einigung nicht gestört werde, wollte Licinius die Stadt, welche 
den üebergang von Europa nach Asien beherrscht, bis aufs 
Aeusserste halten ^. Gonstantin rückte unter ihre Mauern und 
rüstete Belagerungsthürme und Sturmwidder*. Aber gegen die 
starken Befestigungen, hinter denen eine so grosse Zahl von Ver- 
theidigem sich barg, bot ein Sturm wenig Hoflnung auf Erfolg. 
Man musste den Hunger wirken lassen, und dies war nicht mög- 
lich, so lange der Hafen von Byzanz oflFen lag. In den Flotten 
ruhte also einstweilen die Entscheidung. 

Gonstantin hatte seine Schiffe im Piräus versammelt ^ und 
unter den Befehl seines Sohnes Grispus gestellt, der schon in 
Gallien, kaum dem Knabenalter entwachsen, gegen die Franken 
und Alemannen glänzende Siege erfochten hatte ^. Dieser erhielt 
jetzt die Ordre, in die Meerengen einzurücken und die Belagerung 
von der Seeseite zu unterstützen. Vorher aber musste die Flotte 
des Licinius geschlagen werden, welche unter dem Gommando 
des Abantus den nördlichen Ausgang des Hellespont gesperrt 
hielt ''. Als Grispus am Eingange der Dardanellenstrasse anlangte, 
erkannte er alsbald, dass in diesem schmalen Fahrwasser ihm 
die Menge seiner Schiff'e nur hinderlich sein könne. Er liess daher 
den grösseren Theil zurück und zog mit nur 80 auserlesenen 
Fahrzeugen dem Feinde entgegen. Abantus stellte 200 zur 
Schlacht, doch diese drängten und störten einander und erleich- 
terten durch ihre Anzahl dem Feinde nur den Kampf. Als aber 
die Nacht die Streitenden trennte, hielt es Grispus trotz mancher 
errungenen Vortheile doch für gerathen, sich vor der Uebermacht 

» Zos. II, 24, 2. * Zos. II, 25, 2. 

* Anon. Vales. 5, 25; Zos. II, 23, 1; Vict. epit. 41, 5. 

* Zos. U, 25, 1. ^ Zos. II, 22, 3; 23, 2. 

« Nazar. Paneg. X, 17; 36 ff.; vgl. Zon. XIII, 2; Euseb. h. e. X, 9, 4; 6. 

^ Anon. Vales. 5, 23. Der Feldherr des Licinius wird vom Zosimus 
Abantus, vom Anonymus Amandus genannt. Offenbar ist das eine nur Ver- 
stümmelung des andern. Ich bin der Version des Griechen gefolgt, weil 
man den geläufigeren Namen mit mehr Wahrscheinlichkeit für interpolirt 
halten kann als einen solchen, der nur noch in einer einzigen Inschrift 
(CIL. III 2137) nachweisbar ist. 



274 0. Seeck. 

zurückzuziehen und bei Elaius am Eingange des Hellespont mit 
dem Gros seiner Flotte zu vereinigen ^. Am andern Morgen 
setzte ihm Abantus nach, war aber sehr erstaunt, als er statt 
der wenigen Schiffe, gegen die er am Tage vorher geschlagen 
hatte, eine so grosse Anzahl vorfand. Er zögerte mit dem An- 
griff, und auch Crispus blieb ruhig im Hafen. Da drehte sich 
gegen Mittag der Wind, welcher vorher von Norden geblasen 
und die Fahrt des Abantus unterstützt hatte, und verwandelte 
sich in einen furchtbaren Sturm aus Südwesten. Die Schiffe 
Constantin's, welche im Schutze des Hafens lagen, wurden dadurch 
nicht geschädigt; die des Licinius dagegen erfasste er in der 
freien Meerenge und schleuderte sie gegen die Felsen des Asia- 
tischen Ufers. 130 Fahrzeuge gingen zu Grunde, 5000 See- 
soldaten ertranken ; nur mit Mühe rettete sich der Feldherr selbst ^. 
In diesem Kampfe, der mehr als' einer der vorhergehenden 
den Charakter eines Religionskrieges an sich trug^, war wieder 
einmal der Christengott in Sturm und Wetter für seinen Schütz- 
ling eingetreten, und die moralische Wirkung davon musste noch 
bedeutender sein, als der unmittelbare Erfolg, so gross dieser 
auch war. Licinius, der jetzt auch vom Meere abgeschnitten 
werden konnte, verliess, noch ehe die feindliche Flotte heran- 
kam, mit den besten und zuverlässigsten seiner Truppen Byzanz 
und setzte nach Asien über, um sich an die Spitze der dort an- 
gesammelten Macht zu stellen *. Seiner ohnmächtigen Wuth über 
die Niederlage gab er auch jetzt wieder dadurch Ausdruck, dass 
er Constantin's Absetzung aussprach und an dessen Statt seinen 
Hofmarschall Martinianus zum Augustus ernannte ^. Noch immer 



1 Zo8. II, 23, 2 ff. 2 2os. 11, 24; Anon. Vales. 5, 26. 

' Euseb. vita Coust. II, 5. Die Geschichte ist freilich erfunden, zeigt 
aber trotzdem, wie die Zeitgenossen diesen Krieg auffassten. Vgl. Keim, 
Der üebertritt Constantin's S. 53. 

* Anon. Vales. 5, 27; Zos. II, 25, 1; Vict. Caes. 41, 7. 

* Anon. Vales. 5, 25; Zos. II, 25, 2; Vict. Caes. 41, 8; epit. 41, 6. 
Auch hier wieder werden die Schriftsteller, welche den Martinianus Caesar 
nennen, durch die Münzen widerlegt. Cohen VII', S. 224. Die Zeit der 
Ernennung Martinian's, über welche die Quellen schwanken, wird dadurch 
bestimmt, dass seine Münzen alle in Nicomedia, keine in der Prägstatte 
von Cyzicus geschlagen sind; denn auf die Lesung des halbbarbarischen 
Stückes bei Cohen, Martinien 2, ist kein Verlass. Wenn aber jene Insel 
nicht mehr in den Händen des Licinius war, so muss er die Seeherrschaft 



Die Anfänge Constantin's des Grossen. 275 

hoffte er den Feind am Uebergange hindern zu können, und 
während er selbst zu diesem Zwecke bei Chalkedon stehen blieb, 
sandte er seinen neuen Mitregenten nach Süden, um durch ihn 
auch den Hellespont beobachten zu lassen \ Aber Constantin 
täuschte diesmal seinen Gegner ganz ebenso, wie er es bei 
Adrianopel gethan hatte. Während dieser alle Aufmerksamkeit 
auf die Belagerungsarmee von Byzanz richtete, liess er hier nur 
ein kleines Cemirungscorps zurück und marschirte unbemerkt 
mit dem Gros seines Heeres nach Norden bis zum Einfiuss des 
Pontus in den Bosporus. Dort setzte er auf Kähnen und kleinen 
TransportschiflFen über, da er auch die Flotte, um den Argwohn 
des Licinius nicht zu erregen, aus dem Goldenen Hörn nicht 
wegziehen konnte. So stand Constantin ganz unerwartet auf 
Asiatischem Boden; kaum blieb seinem Gegner die Zeit, vom 
Hellespont das Corps der Martinianus noch an sich zu ziehen. 
Auch jetzt hatte er trotz seiner Niederlagen wieder 130 000 Mann 
beisammen ^, freilich wohl zum grössten Theil neuausgehobene 
Truppen, welche in jener Zeit des langen Solddienstes, wo die 
höchste Ausbildung von den Soldaten gefordert wurde, kaum 
brauchbar waren. Doch befand sich darunter auch ein bedeu- 
tendes Hilfscorps tapferer Gothen, welche, nachdem ihre Stammes- 
genossen im Jahre vorher von Constantin geschlagen waren, dessen 
Feinde gern ihre Unterstützung boten *. Bei Chrysopolis in der 
Nähe von Chalkedon kam es am 18. September 324 zur Schlacht*, 
in welcher Constantin wieder den vollständigsten Sieg errang. 
25 000 Feinde deckten das Feld, die meisten üebrigen ergaben 
sich oder hatten sich in wilder Flucht zerstreut*^; mit kaum 
30 000 rettete sich Licinius nach Nicomedia ^ Jetzt zögerte auch 
Byzanz nicht mehr mit der Uebergabe, und seinem Beispiel 
folgte Chalkedon '. Die beiden Brückenköpfe des Bosporus waren 
in der Hand des Siegers und dadurch seine Verbindung mit 



schon verloren haben, d. h. der Flottensieg des Crispus und die Räumung 
\on Byzanz hatten schon stattgefunden. 

> Zo8. n, 25, 2. » Zos. II, 26. 

' Anon. Vales. 5, 27; Euseb. Tita Const. II, 15. 

* Bas Datum bei Hydat. fast. a. 324; Chron. Pasch, a. 325 ; CIL. I, S. 350. 

» Anon. Vales. 5, 27; 28; Socr. I, 4. 

« Zos. II, 26, 3. 

' Zos. II, 26, 3; Zon. XIII, 1; Anon. Vales. 5, 27. 



276 0. Seeck. 

Europa gesichert. Von dieser Basis aus konnte er furchtlos die 
Unterwerfung Asiens in Angriff nehmen. 

Doch ein weiterer Kampf sollte nicht mehr erforderlich sein. 
Bald nach der Entscheidungsschlacht erschien Constantia im 
Lager ihres Bruders, um die Friedensbedingungen ihres besiegten 
Gatten zu überbringen ^. Noch hoffte Licinius , der oft miss- 
brauchten Nachgiebigkeit seines Gegners vertrauend, dass ihm 
die Mitregentschaft erhalten bleibe; doch diese Forderung wies 
Constantin ohne Weiteres zurück. Schnell rückte er auf Nico- 
media vor und begann die Stadt, welche die Reste des geschlagenen 
Heeres barg, zu belagern^. Mit seiner entmuthigten Schaar, 
welche sich durch seine Auslieferung leicht die Gnade des Siegers ge- 
winnen konnte und, bis aufs Aeusserste getrieben, gewiss zu diesem 
Rettungsmittel gegriffen hätte, wagte Licinius keinen neuen Wider- 
stand. Er verzichtete auf jede stolzere Hoffnung und suchte nur 
noch das nackte Leben zu retten. Wieder entsandte er Con- 
stantia, doch diesmal kam sie nicht als Vermittlerin, sondern als 
Gnadeflehende. Constantin konnte ohne Gefahr bedingungslose 
Uebergabe fordern; denn die eine Stadt, welche Licinius noch 
sein eigen nannte, hätte der gesammten Macht des Römerreiches 
unmöglich widerstehen können. Nur ob die Belagerung Wochen 
oder Monate dauern würde, konnte fraglich sein, und auch dieses 
kaum. Wenn also der Sieger den Bitten seiner Schwester Gehör 
gab und ihr das verwirkte Leben ihres Gatten schenkte, so ge- 
schah dies gewiss nicht aus Gründen einer hinterlistigen Politik, 
sondern einfach aus christlicher Milde und Barmherzigkeit. Li- 
cinius, dem diese That freier Gnade schier unbegreiflich war, 
wagte noch die Bitte, dass ihm seine persönliche Sicherheit durch 
einen Eid Constantin's bekräftigt werde, und gern gewährte dieser 
seinem misstrauischen Sinne die Beruhigung ^. Jetzt brachte 
Constantia das Purpurgewand des ehemaligen Kaisers als Zeichen 
seiner Abdankung in's Lager ^, und bald folgte er selbst ohne 
die Insignien der Herrschergewalt ^. Er wurde achtungsvoll 
empfangen, und um zum öffentlichen Ausdruck zu bringen, dass 
alles vergeben und vergessen sei und der Besiegte auch künftig 

» Anon. Vales. 5, 28; Zon. XUI, 1. 

» Zo8. II, 28, 1; Praxag. bei Phot. bibl. 62. 

' Anon. Vales. 5, 28; Zos. II, 28, 2; Eutrop. X, 6, 1. 

* Vict. epit. 41, 7. •' Zonar. XIII, 1; Sozom. I, 7. 



Die Anfänge Constantin's des Grossen. 277 

zwar nicht mehr die Ehren des Kaisers, wohl aber die des kaiser- 
lichen Verwandten geniessen solle, zog ihn Constantin an seine 
Tafel ^ Dann wurde Licinius nach Thessalonica gesandt *, einer 
Stadt, die nach ihrer damaligen Bedeutung mehr als Residenz, 
denn als Verbannungsort betrachtet werden musste. Auch Mar- 
tinianus hatte Verzeihung empfangen; er erhielt seinen Wohn- 
sitz in Eappadokien angewiesen^. 

Licinius konnte nicht lange Ruhe halten. Schon im nächsten 
Jahre (325) vernahm man^, dass er mit den Donaubarbaren 
Verbindungen angeknüpft habe, um unter ihnen Söldner zu werben 
und mit deren Hilfe einen neuen Aufstand zu versuchen^. Den 
Soldaten Constantin's war der Mann, welchen sie so oft bekämpft 
hatten und der, immer besiegt, ihnen immer auf's Neue furchtbar 
geworden war, tief verhasst. Schon vor Nicomedia hatten sie 
seine Begnadigung mit stillem Ingrimm hingenommen ; als jetzt 
das Gerücht von neuen Umtrieben zu ihnen drang, machte ihr 
Zorn sich in wilden Tumulten Luft. Sie waren fast alle Heiden ; 
nach ihrer Moral war Rache Mannespflicht, und dass ihr Kaiser 
nach dem Gebote seiner Religion dem Feinde verzieh, erschien 
ihnen unnatürlich. Hatten sie sich vorher schweigend dem Be- 
fehl des Herrschers gebeugt, so forderten sie nun mit aufrühreri- 
schem Geschrei den Tod des unverbesserlichen Unruhstifters. 
Auch Constantin musste jetzt in dem entthronten Kaiser eine 
Gefahr für den Frieden des Reiches, in seiner unnützen Schonung 
eine gutherzige Thorheit erkennen, und seines Eides war er durch 
den erneuten Hochverrath des Begnadigten zweifellos entbunden ^. 
Trotzdem war er zu gewissenhaft, um dessen Tod auf seine eigene 
Verantwortung zu nehmen, und setzte deshalb die höchste Be- 
hörde des Reiches, den Römischen Senat, zum Richter ein ''. Wie 



* Anon. Vales. 5, 28; vgl. Soor. I, 4. 

* Zo8. n, 28, 2; Eutrop. X, 6, 1; Vict. epit. 41, 7; Zon. XIII, 1; Anon. 
Vales. 5, 29; Socr. I, 4; Jord. Get. 21, 111; Sozom. I, 7. 

» Anon. Vales. 5, 28; 29. 

* Das Jahr bei Hydat. fast. a. 325. * Socrat. I, 4; Zon. XIII, 1. 

« V. Schnitze, Zeitschr. f. Kirchengesch. VII, S. 539. Alle Schrift- 
steller, welche Constantin des Eidbruchs zeihen, gehen auf eine und die- 
selbe heidnische und deshalb parteiische Quelle zurück. 

' Zonar. XIII, 1. Dieser hat hier den Bericht derselben Quelle voll- 
ständiger erhalten, welche im Anon. Vales. 5, 29 durch ein Einschiebsel 
aus Orosius verstümmelt ist. Vgl. Klebs, Das Valesische Bruchstück zur 



278 0. Seeck. 

dessen Spruch lauten würde, konnte man freilich voraussehen, 
und auch sein Oeschöpf, Martinianus, wurde in den Untergang 
des Licinius mit hineingezogen \ 

Das Leben des jungen Licinius tastete Constantin einst- 
weilen nicht an; er fühlte sich jetzt auf dem Throne zu sicher, 
um das Prätendententhum eines Knaben zu fürchten. Erst eine 
Erfahrung seiner allerletzten Jahre sollte ihn belehren, wie heiss 
noch immer der Boden unter seinen Füssen war und wie leicht 
der Friede des Reiches gestört werden konnte. Ein gewisser 
Calocerus, welcher nur die unbedeutende Stellung eines Aufsehers 
der kaiserlichen Eameelherden bekleidete, brachte es noch um das 
Jahr 335 fertig, sich zum Kaiser ausrufen zu lassen und einen 
Aufstand auf der Insel Cypern anzuzetteln. Schnell ereilte ihn 
die verdiente Strafe ^, aber das Misstrauen Constantin^s war durch 
diese unerwartete Erhebung wachgerufen und wandte sich jetzt 
auch gegen Licinius, der unterdessen zum Jüngling herangereift 
war. Wenn schon ein niederer Beamter dies vermocht hatte, 
welche Oefahr drohte dann erst von dem Kaisersohne, der als 
Kind selbst den Purpur der Cäsaren getragen hatte! Zwar konnte 
sich in dem militärisch schwachen Afrika, wo Licinius lebte, ein 
Usurpator nicht auf die Dauer behaupten und, durch Meer und 
Wüste von dem übrigen Reiche getrennt, vermochte er auch die 
Empörung nicht über die anderen Provinzen zu verbreiten. Für 
seine Person also brauchte Constantin nichts zu fürchten, um so 
mehr aber für die unglücklichen Landschafken, welche sich dem 
Aufstande anschlössen. So erklärte er denn gleich nach der 
Erhebung des Calocerus (Anfang 336) durch ein Oesetz die 
Legitimation von Kindern, welche Standespersonen mit Sklavinnen, 
Freigelassenen oder übelberüchtigten Weibern erzeugt hatten, 
selbst wenn sie durch kaiserliches Rescript erfolgt war, für un- 
gültig, beraubte die Bastarde jedes Erbrechts und wies sie dem 
Stande ihrer Mutter, welchem sie nach dem gemeinen Recht 
angehörten, wieder zu. So machte Constantin den jungen Li- 



Gescbichte Constantin'ß. Philologus N. F. I, S. 53 ff. Dass die Gerichts- 
barkeit des Senats in ähnlichen Fällen angerufen wird, ist auch sonst im 
vierten Jahrhundert nicht selten. Amm. XXVIII, 1, 23; Zos. Y, 11, 1; Symm. 
epist. IV, 5, 2. 

^ Anon. Val. 5, 29; Zos. II, 28. 2; Vict. epit. 41, 7. 

' Vict. Caeg. 41, 10; Hieron. chron. a. 2350. 



Die Anfänge Constantin's des Grossen. 279 

cinius, der ja auch von einer Sklavin geboren war, wieder zum 
Sklaven und konnte sich doch zugleich vor der Welt und seinem 
Gewissen darauf berufen, dass er nur den Folgen anstössiger 
Verbindungen, welche auch seine Religion verdammte, entgegen- 
getreten sei und das alte Römische Recht wieder zur Oeltung 
gebracht habe. Um die gemeine Geburt des Prätendenten der 
Menge recht grell vor die Augen zu rücken, sollte der unglück- 
liche Jüngling, wie es einem entlaufenen Knechte zukam, in 
Fesseln gelegt und ausgepeitscht werden. Er entfloh, wurde 
aber eingefangen und zur Fabrikarbeit in einer kaiserlichen 
Manufactur verurtheilt ^. Das Mitleid mit dem Schicksal des 
Kaisersohnes hat vielleicht im Volk eine Gährung hervorgerufen, 
welche Constantin bedenklich erschien. Da er sich eben zum 
Perserkriege rüstete und erwarten musste, die Grenzen des Reiches 
zu überschreiten und vielleicht gar längere Zeit von ihnen ab- 
geschnitten zu sein, hielt er es für gerathen, den elenden Sklaven 
abthun zu lassen ^. 

Wir haben bei dieser Episode verweilt, weil sie uns für 
Constantin ganz besonders charakteristisch erscheint. Die Ge- 
wissenhaftigkeit des Christen und Regenten tritt darin ebenso 
deutlich zu Tage, wie die kühle Grausamkeit des Landsknechts. 
Der Kaiser schont seinen Feind, so lange er in ihm keine Ge- 
fahr für den Staat erblickt. Als der Eindruck einer trüben Er- 
fahrung ihn plötzlich mit Besorgniss erfüllt, nicht für sich, 
sondern für seine Provinzen, da will er noch immer das formelle 
Recht wahren und das Gebot: „Du sollst nicht tödten** aufrecht 
erhalten. Er schreitet ein, nicht durch einen Gewaltakt oder 
eine Ausnahmebestimmung, sondern durch ein allgemeines Gesetz, 
das ihm auch abgesehen von seinem besonderen Zwecke recht 
und billig erscheint, und tastet das Leben des Prätendenten nicht 
an. Doch dass er diesem ein Schicksal bereitet, tausendmal 
schlimmer als der Tod, lässt ihn völlig kalt. Als dann aber die 



' Cod. Theod. IV, 6, 2; 3. Vgl. Zeitschr. f. wissenschaftl. Theologie 
XXXIII, S. 73. 

* Eutrop. X, 6, 3. Die Notiz bei Hier, chron. 2341 hat gar keinen 
QueUenwerth, da sie aus Eutrop abgeschrieben und nach Gutdünken einem 
beliebigen Jahre beigesetzt ist. Ihre Datirung muss schon deshalb falsch 
sein, weil der jüngere Licinius (geb. 312) im J. 325 noch nicht iuvenis war, 
wie ihn Eutrop nennt. 



280 0. Seeck. 

Gefahr ernster wird, muss auch das fünfte Gebot vor der Sicher- 
heit des Reiches zurücktreten. 

So weit er vermochte, hat Constantin die Reichseinheit immer 
gewahrt, aber die Alleinherrschaft hatte er nie erstrebt, sondern 
sie war ihm aufgedrungen. Dem Verfassungsgedanken Diode- 
tians, den er als Knabe sich zu eigen gemacht hatte, ist er auch 
als Greis treu geblieben. Noch kurz vor seinem Tode hat er 
das Reich unter seine Söhne und Neffen fast ganz in derselben 
Weise vertheilt, wie es einst von Diocletian und seinen Genossen 
verwaltet worden war. Aber sich selbst einen gleichberechtigten 
Mitregenten zuzugesellen, wagte er nach den traurigen Er- 
fahrungen seiner Jugendjahre denn doch nicht mehr. Die All- 
gegenwart des Kaiserthums, welche der Grundgedanke des Diocle- 
tianischen Systems gewesen war, suchte er dadurch zn erreichen, 
dass er seine Söhne als Cäsaren in die verschiedensten Provinzen 
entsandte und dort den kaum erwachsenen Jünglingen nicht 
selten Aufgaben von hoher militärischer Wichtigkeit anvertraute ; 
aber die Stellung des Augustus und damit die Oberaufsicht über 
das ganze Reich bewahrte er für sich allein. Zwar der Sultanis- 
mus, dessen man ihn beschuldigt hat, lag seiner Natur gänzlich 
fern; seine jüngeren Brüder, gegen welche er sich doch in erster 
Linie hätte äussern müssen, hat Constantin in ehrenvollen Stel- 
lungen an seinen Hof gezogen und in der Staatsverwaltung viel- 
fach beschäftigt, ja sogar ihre Söhne den seinen als Mitregenten 
zugesellt. Wenn er sie nicht als Augusti sich selbst zur Seite 
stellte, so geschah dies, weil er sich die Kraft zutraute, den Frieden 
des Reiches allein aufrecht zu erhalten, vielleicht auch weil er 
sie für zu unbedeutend hielt. Doch zur Erfüllung jener schweren 
Pflicht schien ihm nur seine eigene machtvolle Persönlichkeit 
befähigt; das Princip der dynastischen Erbfolge durfte er nicht 
antasten, und für das schwächere Geschlecht, welches ihm dann 
nachfolgen sollte, stellte er die Diocletianische Vielherrschaft 
wieder her. Hatte diese Regierungsform auch ihn selbst aus einem 
Bürgerkriege in den andern gestürzt, so hoffte er doch, dass die 
enge Blutsverwandtschaft, welche seine Nachfolger verband, 
zvnschen ihnen die Einigkeit besser erhalten werde. Er sollte 
sich auch diesmal täuschen; die höchste, allumfassende Gewalt 
ist eben ihrem Wesen nach nicht theilbar, selbst unter Brüdern 
nicht. Aus der Vielherrschaft erstand unter furchtbaren Kämpfen 



Die Anfänge Constantin^s des Q-rossen. 281 

aufs Neue die Alleinherrschaft; aber kaum sah sich diese wieder- 
hergestellt, so fühlte sie sich ihrer Riesenaufgabe abermals nicht 
gewachsten und kehrte freiwillig zur Vielherrschaft zurück. In 
den früheren, ruhigen Zeiten hatten auch mittelm'assige Menschen 
den Thron zu behaupten und das gewaltige Reich in seinen Fugen 
zu halten vermocht; unter den Wirren des vierten Jahrhunderts 
war dies nur ganz aussergewöhnlichen Männern, und auch solchen 
nur auf kurze Zeit möglich. Hochschotten und Germanen, Sar- 
maten und Perser, Isaurer, Araber und Mauren bedrohten immer 
aufs Neue die Grenzen, und von Jahrzehnt zu Jahrzehnt wurden 
ihre Angriffe und Plünderungen häufiger und frecher. Und nicht 
nur diese äusseren Feinde mussten auf einem Gebiete, das von 
Schottland bis nach Mesopotamien, von der Donau bis an die 
Sahara reichte, alle zugleich im Schach gehalten werden, sondern 
daneben erhob auch die Usurpation immer wieder ihr Haupt. 
Wer das Unglück hatte, unter diesen Verhältnissen zur Herr- 
schaft berufen zu werden, der stand seiner unlösbaren Aufgabe 
bald rathlos gegenüber und schaute verzweifelt nach Helfern 
aus. So ist der Diocletianische Irrthum, obgleich wieder und 
wieder ad absurdum geführt, doch immer lebendig geblieben, und 
die Vielherrschaft hat fortbestanden, bis sie die Einheit des 
Reiches völlig aufgelöst hatte und in seinen Theilen aufs Neue 
zur Alleinherrschaft wurde. 



Fehrbellin. 

Von 

Georg Sello. 

Der Tag von Fehrbellin, an welchem in tobender Reiter- 
schlacht der neue Brandenburgisch-Preussische Staat geboren 
wurde, hat stets und mit Recht als eine der glorreichsten WaflFen- 
thaten des Preussischen Heeres gegolten \ und ist als solche in der 
vaterländischen Literatur gefeiert worden. Insbesondere liess der 
zweihundertjährige Gedenktag des Sieges eine Reihe von Jubel- 
schriften und historischen Arbeiten entstehen, welche entweder 
das bekannte Material vom kriegswissenschaftlichen Standpunkte 
behandelten, oder, damit sich nicht begnügend, werth volle, bis- 
her unbekannte Quellen erschlossen*. 

* Wie die Erinnerung daran im Volke lebt, zeigt die Sage bei Haas e. 
Sagen der Grafschaft Ruppin, 1887, S. 93; vgl. auch W. Schwartz, Sagen 
und alte Geschichten aus der Mark Brandenburg, 1871, S. 123; ders., 
Bilder aus der Brandenb.-Preuss. Geschichte S. 59. 

^ Die in diesen Publicationen niedergelegten , gesicherten Ergebnisse 
geschichtlicher Quellenforschung" (soweit von solchen ohne Eenntniss der 
gleich zu erwähnenden Schwedischen Berichte die Rede sein kann) sind in 
der neuesten , Geschichte des Preuss. Staates' von E. Berner nicht genügend 
berücksichtigt worden. Es finden sich dort (S. 194 ff.) positiv irrige An- 
gaben und eine Anzahl rhetorischer üebertreibungen, welche das historisch- 
richtige Bild entstellen. Auf letztere werde ich späterhin gelegentlich zu- 
rückkommen ; erstere bestehen hauptsächlich darin, dass der Kurfürst nur mit 
den Truppen, welche ihn von Magdeburg in die Mark begleiteten, den Rück- 
marsch aus Franken durch Thüringen ausgeführt haben soll, während er 
doch seine gesammte im Felde stehende Armee bei sich hatte ; sodann darin, 
dass der bei Fehrbellin geschlagene Wolmar Wrangel nur ein Schwedisches 
Detachemeut geführt, das Hauptheer aber, mit welchem jenes die Verbindung 
suchte, unter dem Reichsmarschall Wrangel irgendwo anders gestanden 
hätte, während gerade das Umgekehrte der Fall ist. 



Fehrbellin. 283 

Dass die Forschung damit jedoch nicht abgeschlossen, lehrt 
eine durch jene Brandenburgischen Untersuchungen veranlasste, 
im Jahre darauf (1876) erschienene Schwedische Publication 
J. Mankell's in C. Silfverstolpe's „Historiskt bibliotek**^ Der 
Verf. bietet in derselben 11, oder richtiger 12 (Nr. 9 ist Doppel- 
nummer), bis auf das Schreiben des Reichsmarschalls Carl Gustav 
Wrangel vom 23. Juni 1675 bisher völlig unbekannte Akten- 
stücke : Berichte des Feldmarschalls Mardefeld, des Oenerallieute- 
nants Wolmar Wrangel, des Generalmajors StaSl-Holstein , des 
Obersten Wangelin, des Oberstlieutenants von der Artillerie Beton 
und einiger Artillerie-Subalternofficiere, „zum grössten Theil aus 
dem Schwedischen Reichsarchiv'', welche entweder den ganzen 
Zeitraum von der Beschiessung der Festung Löcknitz bis zum 
Gefecht bei Wittstock umfassen, oder im Speciellen die Schlacht 
bei Fehrbellin behandeln. Die Originale sämmtlicher Berichte 
(bis auf die beiden unter Nr. 9) sind Deutsch; merkwürdigerweise 
gibt sie Mankell aber in Schwedischer Uebersetzung, mit Aus- 
nahme des Schreibens des Reichsmarschalls, ein bei Publicirung 
historischer Quellen ungewöhnliches, hier aber um so misslicheres 
Verfahren, als der Umstand, dass der Herausgeber aus seinem 
Schwedischem Texte verschiedene imzweifelhaft irrige Folgerungen 
zieht, den Wunsch, den ursprünglichen Wortlaut kennen zu lernen, 
immer wieder weckt. Ausserdem hat Mankell einige nicht gut- 
zuheissende Kürzungen vorgenommen ; die fortgelassene zweite Hälfte 
des ebengenannten Wrangerschen Schreibens findet sich freilich 
in V. Witzleben's und Hassel's Buch ^ ; empfindlicher ist die Aus- 
lassung in Wangelin's Bericht, welche die Zeit vom 10. — 14. Juni 
Abends umfasst und durch andere Nachrichten nicht ersetzt wird. 

Detaillirte Angaben über den Marsch des Kurfürsten von 
Schweinfurt bis Magdeburg, sowie über die Stärke seines Heeres 
finden sich in einigen Actenstücken des Staatsarchivs zu Magde- 
burg; Einzelnes daraus ist von v. Mülverstedt (die Kriegsmacht 
des grossen Kurfürsten, S. 573 — 597), Anderes von mir in der 
Montagsbeilage der Magdeburgischen Zeitung^ publicirt und in 
einem Artikel der Magdeburgischen Zeitung „Der grosse Kur- 

^ Neue Folge I, 2, S. 237—305: nHandlingar rörande 8ommarfö.lttäget 
i Brandenbarg 1675 och striden vid Fehrbellin". 

« V. Witzleben u. Hassel, Fehrbellin. Berlin 1875, Beilagen S. 60**. 
• 1889, Nr. 36—43. 



284 G. Sello. 

fürst und seine Familie in Magdeburg" (1888 Nr. 116 und 117) 
darstellend verwerthet worden. 

Die Vorgänge in der Mark bis zur Einnahme von Rathenow 
durch den grossen Kurfürsten, über welche, nach den Andeu- 
tungen in V. Witzleben's und Hassel's Buch, das geheime Staats- 
archiv in Berlin noch mancherlei bieten muss^, sind von den 
Brandenburgischen Forschern, auch in der eben genannten be- 
deutendsten Monographie, fast völlig unberücksichtigt geblieben ; 
nur eines ist niemals vergessen worden: die Grausamkeiten der 
Schweden gegen die unglücklichen Bewohner der Mark. Man 
pflegt diese Vorwürfe so zu stellen, als seien Plünderung, Ver- 
wüstung und Grausamkeiten, wie in den Zeiten des dreissig- 
jährigen Krieges, mit Wissen und in vollem Einverständniss der 
Generale und Officiere — nur der Reichsmarschall wird davon 
ausgenommen — durch die Soldaten verübt worden ; ja, v. Gans- 
auge* und, ihm folgend, v. Witzleben und Hassel^ behaupten, 
dies Verfahren habe recht eigentlich im Plane der Schwedischen 
Heeresleitung gelegen, um durch die Verheerung des Landes den 
Kurfürsten zu zwingen, dem Bündniss gegen Frankreich zu ent- 
sagen. Dieser schwere Vorwurf, welcher mit der Schwedischen 
Kriegspolitik zugleich die Schwedische Nation treffen müsste, ist 
durchaus ungerechtfertigt. Denn einmal waren es nur Zufällig- 
keiten — die Erkrankung des Reichsmarschalls, die Schwierig- 
keit der Verpflegung, die dadurch bedingte Verlangsamung des 
Marsches — , welche den längeren Aufenthalt des Heeres ver- 
ursachten; und ausserdem waren, wohl mit der einzigen Aus- 



^ Ich habe mich auf die Schwedischen und Magdeburgischen Quellen 
beschränkt; denn die Hauptzüge des aus diesen und den bei v. Witzleben 
und Hassel abgedruckten Materialien gewonnenen Bildes werden durch 
weitere Detailforschung schwerlich verändert, höchstens abgerundet und hier 
und da vervollständigt werden können. Wo auf den folgenden Blättern 
Berichte und Briefe citirt werden, geschieht dies unter dem Namen des 
Berichterstatters oder Schreibers, und zwar bei den aus Mankell ent- 
nommenen mit Beifügung der Seitenzahl nach der Separatpaginirung seiner 
Abhandlung, bei den in v. Witzleben's und HasseFs Buch gedruckten, der 
Paginirung der dortigen Beilagen entsprechend, mit Seitenzahl und bei- 
gefügtem Sternchen; die in der Montagsbeilage der Magdeburgischen Zeitung 
mitgetheilten Actenstücke werden mit „Montagsbl/ und Seitenzahl citirt. 

*v. Gansauge, Veranlassung - • - d. Krieges — i. J. 1675 (Berlin 1834) 
S. 29. » S. 60. 



1 



Fehrbellin. 285 

nähme des 6en.-Lt. Wolmar Wrangel, die höheren Schwedischen 
Officiere, in erster Linie der commandirende General-Feldmarschall 
Mardefelt, schon im eigenen Interesse des Heeres, mit Ernst be- 
müht, die Härten und Lasten, welche der Durchmarsch einer 
feindlichen Armee stets mit sich bringt, nicht durch Freyelmuth 
noch drückender werden zu lassen; die Tagebücher Mardefelt's 
und StaSl's, welche ehrliche Wahrhaftigkeit athmen, geben dafür 
um so vollgültigeren Beweis, als ihnen von Brandenburgischer Seite 
gleichwerthige Zeugnisse nicht entgegengestellt werden können. 
Der Feldmai'schall hielt strenge Disciplin; die geflüchteten 
Landbewohner sollten dadurch zur Rückkehr in ihre Wohnsitze 
bewogen werdend Privateigenthum wurde möglichst geschützt: 
die geflüchteten Einwohner Nauens hatten ihre Habseligkeiten in 
die Kirche gebracht; die Schweden stellten Schild wachen davor*; 
Vieh wegzunehmen war verboten; nur Pferde, Korn und Bier 
wurden mit Rücksicht auf den schlechten Zustand der Armee, 
welche in unzureichender Ausrüstung ausmarschirt war, requirirt; 
da in den Gegenden, deren Bewohner mit ihrer ganzen Habe 
geflüchtet waren, die Pferde des Heeres aus Mangel an Futter 
fast zu Grunde gingen, griff man zu dem äussersten Mittel, die 
junge Saat abzumähen oder abweiden zu lassen^, ein Nothbehelf, 
zu welchem sich, dem Bericht der Magdeburgischen Einquartirungs- 
commission zufolge, auch die Brandenburgische Cavallerie ge- 
zwungen sah*. Einige Beispiele strafender Gerechtigkeit bei 
Uebertretungen dieser Befehle sind überliefert. Soldaten, die um 
Löcknitz Ackervieh geraubt hatten, wurden gezwungen, dasselbe 
zurückzugeben^; die Bewohner von Zehdenick erhielten ihre von 
Marodeuren weggeführten Schweine, soweit dieselben nicht schon 
verzehrt waren, zurück^. Als das damals Kursächsische Dorf 
Briesen geplündert war, wurden mehrere der Thäter standrecht- 
lich erschossen, 8 oder 9 gehängt; 10 Fahrer von der Artillerie 
hatten zu Brüssow zwischen Löcknitz und Prenzlau eine Kirche 
erbrochen; vom Pfarrer irgendwelcher schwerer Excesse be- 
schuldigt, wurden 3 von ihnen standrechtlich zum Galgen resp. 



> Befehl Mardefelt'a an W. Wrangel vom 13. Mai, Mardefelt 1 1 ; Stagl 39. 
I » Staei 33. 

' Was den Thieren übrigens schlecht bekam, Stael 33. 

* Montagsbl. 339« 

* Mardefelt 10. ^ Mardefelt 14. ' Montagsbl. 298. 
Deatsche Zeitschr. f. Gesohichtsw. 1892. Vn. 2. Ij 






286 G. Sello- 

zum Spiessrutheiilaufen verurtheilt; da jedoch die Pfarrersfrau 
ihre Unschuld bekundete, wurden sie zwar zum Leben begnadigt, 
mussten aber dennoch Spiessruthen laufen, weil sie Brot aus der 
Kirche gestohlen^. 

Freilich wurden die Befehle des Höchstcommandirenden 
nicht überall befolgt; K. Ö. v. WrangeP musste selbst zuge- 
stehen, dass während seiner Abwesenheit die Officiere nicht die 
beste Disciplin gehalten, wodurch „das Land zur Herreichung 
fernerer Subsistence fast inutil gemachet**. Vornehmlich scheint 
dies bei der Cavallerie der Fall gewesen zu sein, welche des 
Reichsmarschalls Bruder, Gen.-Lt. Wolmar Wrangel befehligte^ 
dem man von jeher den grössten Theil der Verantwortung bei- 
gemessen, freilich unter der irrthümlichen Voraussetzung, dass 
er damals die ganze Zeit hindurch das Obercommando geführt 
habe. Mardefelt^ machte ihm Vorwürfe, dass ein Theil der 
Reiterei sich ganz „wild" aufführe und die Einwohner ver- 
scheuche ; damit er nachdrücklich einschreiten könne, schickte er 
ihm den General-Profoss-Lieutenant. Ebenso constatirte der 
General-Proviantmeister, dass die Cavallerie mit den vorgefun- 
denen Vorräthen übel Haus gehalten, was sie nicht verzehrt» 
verdorben, insbesondere das Bier weglaufen lassen*; man kann 
danach die von Brandenburgischen Edelleuten gethane Aeusserung^» 
dass die Schweden in der Mark verdarben, was sie nicht mit- 
nehmen konnten, das Vieh todtgestochen, das Korn auf den Mist 
geschüttet hätten, auf ihr richtiges Mass zurückführen. 

Die Schwierigkeit, die Armee ausreichend regelmässig zu 
verpflegen, wurde Veranlassung zum Marodiren und Desertiren,. 
insbesondere anscheinend auch wiederum bei der Reiterei; 
W. Wrangel wurde am 29. Mai von Mardefelt^ ermahnt, Mass- 
regeln dagegen zu trefl'en; obwohl man noch keinen feindlichen 



* Stael 33. 39. 

* V. Wrangel 24*. Die von Pufendorf auszugsweise und in Lateini- 
scher Uebersetzung mitgetheilten Briefe desselben an seinen Bruder und 
an den Obersten v. Maltzahn, von denen der erstere aufgefangen, der andere 
bei der Leiche des Gefallenen gefunden sein soll, werden mit Rücksicht auf 
die tendenziöse Darstellung des Berichterstatters ausser Betracht zu bleiben 
haben, bis etwa ihre Originale wieder ermittelt werden. 

8 Mardefelt 11. -• Mardefelt 12. . * v. Heimburg 45*. 

« Mardefelt 20. 



Fehrbellin. 287 

Soldaten gesehen, fehlten doch schon so viele Reiter, dass bald 
kein einziger mehr bei der Fahne sein werde. Die Bewohner 
der bedrohten Gegenden waren, theils aus eigenem Antriebe, 
theils auf Veranlassung der Behörden, welche dem Feinde durch 
diese Verödung des Landes zugleich Schwierigkeiten zu bereiten 
beabsichtigten, mit ihrer beweglichen Habe geflohen ^ Wo die 
Truppen in die menschenleeren Ortschaften kamen, werden sie 
mit dem Vorgefundenen gewiss nicht allzu schonend umgegangen 
sein — wird doch Aehnliches selbst aus dem letzten Kriege gegen 
Frankreich berichtet — ; über ihr Wohlverhalten im Allgemeinen 
da , wo ihnen das Geforderte willig gereicht wurde , wie in 
Brandenburg, stellt Fromme als Augenzeuge ein günstiges Zeug- 
niss aus. Traurig und lehrreich zugleich ist die Schilderung, 
welche v. StaöF von den ükermärkischen Dörfern gibt; „ich kann 
versichern, dass ich niemals einen von unseren Leuten plündern 
sah, ebenso wenig, ausser in den Städten, etwas, was überhaupt 
mitnehmenswerth war, abgesehen von etwas Heu und Stroh; das 
Vieh war in die Sümpfe getrieben, die Pferde nach Sachsen oder 
Magdeburg gesendet; die Häuser hatten keine Fenster, von Haus- 
geräth wurde in ihnen nichts als Tische, Bänke und zerschlagene 
Kasten gefunden*. Letzteres war doch gewiss das Werk der 
Marodeurs oder der vorausmarschirenden Reiterei, über welche 
StaSl sich vorsichtigerweise eines ürtheils enthält^, weil er mit 
ihr bis zum 15. Juni nicht zusammengetroffen sei. 

Dass es auch an Grausamkeiten gegen die Personen nicht 
gefehlt, ist nicht zu bestreiten, lagen doch solche Gewaltthätig- 
keiten zu sehr im Charakter der Zeit; man wird aber auch hier 
wieder biUig zwischen zügel- und führerlosen Marodeur-Banden 
und regulären Truppen zu unterscheiden haben; nur die Reiterei 
scheint abermals eine unrühmliche Ausnahme gemacht zu haben, 
— wie sich aus dem oben citirten Vorwurf Mardefelt's gegen 
Wolmar Wrangel entnehmen lässt. 

* „Die aus der Mark Durchfahrenden berichten, wie dass der Statt- 
halter zu Berlin Öffentlich ausschreiben und ablesen lassen, dass ein jeder 
das Seinige überseitschaffen und sich salviren möchte, so gut als er könnte' 
(Montagsbl. 305). — Am 26. Mai wird aus Zerbst geschrieben, das Flüchten 
aus der Mark sei grösser als in den verwichenen Eriegsjahren (ibid). — 
Eine lebendige Schilderung der Flucht gibt Fromme, Beschreibung der Stadt 
Alt-Brandenburg (hrsg. v. Gottschling S. 74). 

« V. Stagl 39. ' V. Stael 1. c. 



288 G. Selb. 

Viel trug zu diesen schrecklichen Vorkommnissen der vom 
Kurfürsten autorisirte kleine Krieg bei, welchen die Bauern 
aus dem Hinterhalt gegen ihre Bedränger führten. Allen Schwe- 
den, wo sie solche bekommen konnten, sollten sie die Hälse 
entzweischlagen, befiehlt der Kurfürst am 20. Mai^; Adel und 
Unadel soll todtschlagen , was sie finden*; wie dem Befehle 
nachgekommen, bezeugen v. Heimburg ^ und Vitry^, welch letz- 
terer am 23. Juni seinem König aus Demmin berichtet: il est 
quasi indubitable, qu'ils ne perdent beaucoup de gens, quand ce 
ne serait que des paysans qui les assommeront dans les bois, oü 
le desespoir de voir tous leurs biens ruinös les a fait retirer. Die 
Fama vergrösserte die Theilnahme der Bauern am Kriege in 
wunderbarer Weise. In Zerbst erzählte man am 17. Juni, die 
Drömling-Bauem — welche, militärisch organisirt, die Eibufer 
der Altmark eifrig bewachten — hätten an der Eroberung 
Rathenows theilgenommen und die gegen SchusswafiFen festen 
Schweden mit Aexten todtgeschlagen^; nach dem zum Theil höchst 
phantastischen Text zu Romeyn de Hooge's Radierung „Glorieuse 
Victorie* etc.^ hätten nach der Schlacht bei Fehrbellin 20000 
Bauern dem Kurfürsten ihre Dienste angetragen; bei Wittstock 
hätten sie 300 Mann, vor Oranienburg eine Compagnie Reiter 
niedergemacht. 

Gegen geschlossene Truppenkörper waren die Landbewohner 
natürlich machtlos ; Wehe aber kleineren Trupps oder Einzelnen, 
die in ihre Hände fielen; dass der Soldat, wo er ohne Aufsicht 
in der Ueberzahl, solches in vollstem Masse vergalt, ist begreif- 
lich; so steigerte sich naturgemäss der gegenseitige Hass zu 
immer grausamerer Bethätigung. 

Von Schwedischer Seite fehlt es, ausser dem erwähnten 
Schreiben Mardefelt's an Wolmar Wrangel, an Berichten hier- 
über; die mir vorliegenden gleichzeitigen Brandenburgischen 
Nachrichten sind durchgängig so allgemein gehalten, dass sie 
sich schon dadurch als Gerüchte kennzeichnen. 

Am 25. Mai wird aus Magdeburg geschrieben': „mit den 



* V. Witzleben und Hassel S. 61. * 1. c. 3*. 
» V. Heimburg 48*. * Vitry 57*. 

* Montagsbl. 338. 

® Reproduction in Berner's Gesch. des Preuss. Staates. 
' Montagsbl. 298. 



Fehrbellin. 289 

armen Leuten und Priestern gehen sie schändlich um, wie denn 
noch gestern anhero berichtet worden, dass sie vor etzlichen 
Tagen einem Priester Hufeisen aufgesclüagen ; dessen Frau, so 
das Elend mit ansehen müssen, hat um Gottes willen gebeten, 
sie möchten ihm nur das Leben nehmen, damit er nur der 
Marter loskomme, sie hätten sich aber daran nicht gekehret, 
sondern die Frau noch vor ihres Mannes Augen geschändet; sie 
sollen den Leuten auch Nasen und Ohren abschneiden und er- 
bärmlich mit ihnen verfahren ** ; in einem Schreiben aus der 
Gegend von Brandenburg wird berichtet^, die Schweden gingen 
mit Menschen und Vieh übel um; einem Brief vom 22. Mai zu- 
folge hätten sie bei der Plünderung Bemaus ^mit Erschiessung 
vieler Leute, auch sonsten, übel gehaüset* ^. 

Für die neueren Geschichtsschreiber ist vorwiegend Pufen- 
dorf Gewährsmann, der zu lange nach den Ereignissen schreibt, 
um unter dem unmittelbaren Eindruck derselben zu stehen, und 
noch nicht lange genug darnach, um eine unbefangene Würdi- 
gung der Quellen bei ihm voraussetzen zu lassen, der sich ausser- 
dem dadurch verdächtig macht, dass er, der Wahrheit entgegen, 
Wolmar Wrangel, den Anstifter alles Unheils, seit der Erkran- 
kung des Reichsmarschalls, also während der ganzen Occupations- 
dauer, den Oberbefehl über die Schwedische Armee führen lässt. 
Er erzählt mit emphatischer Rhetorik eine ganze Reihe ausge- 
suchter Scheusslichkeiten^, nur bei zwei Beispielen nennt er Ort 



' 1. c. 305. » 1. c. 298. 

' Ich setze die betr. Stelle aus Rer. Brandenb. lib. XJII p. 996 hierher: 
omnia diripere, pecora occidere, immaturas segetes proterere ; aedes sacras 
diripere easque ut et vasa usibus sacris destinata foedis dictu modis polluere ; 
tarn passim bomines contortis circa capita funibus cogere ad promendas, 
qnas obdiderant, peeunias: aliquos ad collum usque in terram defodere, 
quosdam pueros per petulantiam globis trajicere; aliquot foeminae mam- 
mellis ad parietem clavibus a£Bgebaiitur, nonnemo fune ad scrotum alligato 
trahebatur. Denique ad Tcortuos rapina porrigebatur, dum Gransoiae 
Gorgasii, turmae praefecti, uxor ante aliquot septimanas tumulata capulo 
excatitur vestibusque spoliatur; quod et in Trottium, summum dum 
viveret vigiliarum praefectum, Badingae sepultum patratum fuit. Atque 
ista omnia iubente aut connivente Woldemaro facta; quae tarnen Vi trio, 
legato Gallico, haut sufSciebant, quod incendiis abstineretur; cum iste omnia 
in cinerea redigenda subinde ingereret. — Vitry befand sich im Haupt- 
quartier, erst bei Mardefelt, dann beim Reichsmarschall, und traf mit 
Wolmar Wrangel nur gelegentlich zusammen. 



290 ö. Sello. 

und Personen ; in diesen beiden Fällen handelt es sich um Leichen- 
schändung, gerade wie bei dem Excess, den der Wittstocker 
Prediger WolflF aus Bechlin berichtet ^ den Bratring aber* „im 
dreissigjährigen Krieg ** geschehen Tässt. Schon StenzeP hat darauf 
aufmerksam gemacht, dass man von Brandenburgischer Seite 
„natürlich alles sammelte und vergrösserte , jedenfalls als all- 
gemein hinstellte, was nur den Einzelnen geschah, um die 
Schweden verhasstzu machen und das Volk gegen sie aufzuregen/ 
Diese generalisirende und darum übertreibende Tendenz muss 
auch den officiellen Brandenburgischen Berichten innegewohnt 
haben, denn sie lässt sich noch in der Fassung der gegen die 
Schweden gerichteten kaiserlichen Mandate erkennen*, in denen 
es heisst, der Kurfürst habe darüber Beschwerde geführt, dass 
die Schweden „verschiedene Städte ausgeplündert, das platte 
Land gänzlich verberget, ihre getreue Unterthanen durch grau- 
same und in der Christenheit unerhörte Exactiones und Pressuren, 
durch Biauben, Morden und Plündern dergestalt ruinirt, dass sie 
theils vor Kummer vergehen, theils, ihr Leben zu retten, in an- 
dere Länder fliehen mussten" ; es zeigt sich diese mehr diplo- 
matisch-gewandte als historisch-getreue Art der Berichterstattung 
auch in der Beschwerde des Brandenburgischen Gesandten beim 
Reichstag, dass die Schweden in der Schlacht bei Fehrbellin nach 
der geheiligten Person des Kurfürsten mit Kanonen geschossen ! 
Es lassen sich aber sowohl in den durch Briefe weiter ver- 
breiteten Gerüchten wie in den amtlichen Relationen auch that- 
sächlich Uebertreibungen und Unrichtigkeiten nachweisen, so 
dass etwas Vorsicht den übrigen Schauermären gegenüber wohl 
am Platze ist. In dem Schreiben vom 25. Mai aus Magdeburg, 
in welchem die Schandthaten gegen einen Prediger und seine 
Frau erzählt werden, heisst es auch, Oranienburg sei geplündert 
und verbrannt worden^; in einem anderen aus Brandenburg vom 
20. Mai*^ wird dies gänzlich widerrufen, in einem dritten vom 
29. Mai darauf beschränkt, dass eine Mühle vor der Stadt ab- 
gebrannt sei''; aller Wahrscheinlichkeit nach waren aber die hier 
von dem menschenfreundlichen Stael befehligten Schweden daran 



* Beckmann, Kurmark II, 2 Sp. 300. 

* Grafschaft Ruppin S. 415. 

' Preuss. Gesch. II, 348 Anm. 3. * Montagsbl. 321. 

5 Montagsbl. 298. « 1. c. 305. ' 1. c. 314. 



FehrbelliD. 291 

völlig unschuldig ; es war vielmehr das verabredete Zeichen, mit 
welchem der Brandenburgische Commandant den Vertheidigem 
von Kremmen und Fehrbellin kundgab, dass er sich nach Span- 
dau zurückziehe. 

Am 10. Mai berichtete der Statthalter in der Mark dem 
Kurfürsten: „Freienwalde und Wriezen a. 0. haben die Schweden 
ganz ausgeplündert '^ ^; Fischbach dagegen ^ welcher offenbar gute 
und detaillirte Local -Aufzeichnungen benutzte, berichtet, der 
Schwedische Oberst sei dem Magistrat von Freienwalde ganz 
höflich begegnet, habe Brot und Bier requirirt, die Getreidevor- 
räthe aufzeichnen lassen und beiden Städten eine Brandschatzung 
von je 400 Thlr. auferlegt. Gerüchtweise verlautete am 13., dass 
Neustadt-Eberswalde geplündert', und, wie der über alle Massen 
confuse Chronist Eberswaldes Kunger* weiss, „auf eine schreck- 
liche Weise verwüstet worden sei** ; aber auch hier hat der wie- 
derum recht ausführliche Fischbach ^ nichts Ausserge wohnliches 
mitzutheilen. 

So, wie gewöhnlich die Vorwürfe gegen die Schwedische 
Kriegführung von damals formulirt werden, muss ein Unbefangener 
die Vorstellung gewinnen, als sei ein ohne Berührung mit der 
Civilisation gebliebenes Barbarenvolk in die Thäler arkadischer 
Hirten eingebrochen. Es ist aber zu bedenken, dass ein grosser 
Theil des Schwedischen Heeres, Officiere wie Soldaten, nicht aus 
Schweden, sondern aus angeworbenen Fremden, auch Deutschen, 
selbst Brandenburgern, bestand; waren doch selbst während des 
feindlichen Durchzuges durch die Mark die Werbebureaux geöffnet, 
wenn schon ohne besonderen Erfolg, da der Adel sich widersetzte, 
die Bauern geflohen waren ^; Brandenburger befanden sich unter 
den nach v. StaSl's Klagen besonders schwer in Ordnung zu 
haltenden Artillerie-Fahrern, und rissen auf dem Rückzuge von 
Fehrbellin nach Wittstock mit oder ohne die Pferde zahlreich 
aus. Sodann mass man schon in jenen Tagen auch auf Branden- 
burgischer Seite die Hauptschuld nicht den regulären Truppen 
und den National-Schweden bei, sondern den „Freireutern und 



* V. Witzleben u. Hassel S. 61. 

^ Städtebeschreibungen der Mark Brandenburg S. 589 ; cf. auch v. d. 
Hagen, Freienwalde S. 40. 

ä Montagabi. 297. * S. 81. ' 1. c. 267. 

« v. Staäl 40. 



292 G. Sello. 

allerhand losem Gesindel von Franzosen, Italiänern und Andern, 
so der duc de Vitry zur Armee gebracht und solches ihnen an- 
befohlen" ^ ; waren es doch ebenfalls Französische Abenteurer, 
welche bei Wittstock die erst unvorsichtig vorgegangene, dann 
schleunig retirirende Brandenburgische Generalität besonders toll- 
kühn durch die Stadt verfolgten, um vornehme Gefangene zu 
machend 

Nicht die Schwedische Heeresleitung, nicht das Schwedische 
Heer als solches, sondern den in den Söldnerheeren jener Zeit 
überhaupt herrschenden Geist müssen wir vor den Richterstuhl 
der Humanität laden, und bei der Urtheilsfällung berücksichtigen, 
dass auf der andern Seite nicht minder gefehlt wurde. Es wäre 
übel angebrachter Patriotismus, hier verschweigen zu wollen, 
welch schlechten Ruf die „Brandenburger** sich 1659 in Jütland 
erwarben^, mit welchem Bangen man im Frühling 1675 in 
Thüringen, wo man sie im Jahre vorher bei ihrem Ausmarsch 
ins Reich kennen gelernt, ihrer Rückkehr entgegensah, und wie 
man dort aufathmete, als Dörffling am 14. Mai schriftlich ver- 
sicherte, man werde „bei erfolgendem Rückmarsch besserer Raison 
und Disciplin sich zu versehen haben"*. Am Tage der Schlacht 
bei Fehrbellin berichteten die Magdeburgischen Einquartierungs- 
commissarien ihrem Herzog- Administrator: „es hat aber die 
Soldatesque solcher Ordre nicht präcise nachgelebet, auch sind 
hin und wieder Exorbitantien vorgegangen . . . und obgleich an 
Haltung guter Ordnung bei einigen nicht ermangelt, so ist doch 
die Last an sich sehr gross gewesen . . . wie dann anstatt des 
mangelnden Futters und Grases viel Orte grünes Korn zu noth- 
dürftigen Unterhalt der Pferde abgemeiet**, ein Verfahren, wel- 
ches den Schweden verschiedentlich zu bitterem Vorwurf gereichte. 
Auch möge nicht übersehen werden, dass das, was Brandenbur- 
gische Lieutenants und Soldaten in Rathenow mit der wehrlosen 
Gemahlin des gefangenen Obersten Wangelin, einer Deutschen, 
und ihrer Kammerjungfer im Schilde führten^, sachlich dem, was 
man den Schweden nachsagte, sehr verwandt ist. Schliesslich 

^ Montagebl. 298. * v. Heimburg 49'* 

' J. M. Thiele, Danmarks Folkesagn I, 90. 96. 104. 

* Montagsbl. 298. 

* V. Buch, 25*; W. Schwartz, Bilder aus der Brandenb.-Preuss. 
Geschichte 104. 



Fehrbellin. 293 

sei noch daran erinnert, dass z. B. Oberst de la Roche, wie die 
Schweden, bei seinem Handstreich auf Brandenburg in der Nacht 
vom 14. zum 15. Juni die Artilleriepferde, welche er nicht fort- 
bringen konnte, obwohl sie zum Theil wenigstens Brandenburgi- 
sches Eigenthum waren, ohne Bedenken niederstechen liess^ 

Wir werden unser Urtheil dahin zusammenfassen, dass ein 
grosser Theil der Mark, insbesondere die ohnehin schon er- 
schöpfte Ukerraark, ausserdem der Barnim, das Land Ruppin, 
einzelne Striche der Priegnitz und das Havelland bei den Kreuz- 
und Querzügen der Schweden durch Einquartierungen, Fouragi- 
rungen, Requisitionen und Contributionen schwer litten, dass ein- 
zelne Truppentheile, vor allem aber die sehr zahlreichen Deser- 
teurs und Marodeurs, an sich zu Gewaltthätigkeiten geneigt, und 
erbittert durch den von den Bauern gegen sie geführten kleinen 
Krieg, in den Grausamkeiten,. die sie begingen, . sich als gelehrige 
Schüler der alten Troupiers des dreissigjährigen Krieges zeigten 
— die in ihrer Kürze und Allgemeinheit unrichtige und unge- 
rechte Conventionelle Phrase, wie sie noch neuerdings in Berner's 
Preussischer Geschichte zu lesen, dass „die Schweden" Schand- 
thaten verübten „die kaum hinter denen des dreissigjährigen 
Krieges zurückstanden**, sollte aber allmählig aus den Geschichts- 
büchern, vornehmlich solchen, welche bestimmt sind, den gebil- 
deten Laien zu belehren, verschwinden. 



Im December 1674 war die Schwedische Armee in die üker- 
mark eingerückt; sie stand dort vornehmlich in und um Zehde- 
nick, sah sich aber, nachdem alle von den Einwohnern nicht 
fortgeschafften Vorräthe aufgezehrt, gezwungen, im Februar 1675 
Quartiere in Hinterpommern und der Neumark zu beziehen*; 
über ihren Aufenthalt in der letzteren finden sich einige brauch- 
bare Angaben bei Wedekind ^. Mit Anbruch des Frühlings 
schickte man sich an, über Neu-Ruppin nach Havelberg zu gehen, 
dort die Elbe zu überschreiten und mit dem Herzog von Han- 
nover sich zu vereinigen^. Die Führung des Invasionsheeres 

^ V. Buch 25*; , Bericht über die Action* 36*. 
2 Mardefelt 12. 14; Stagl 33. 

• Geschichte der Neumark Brandenburg S. 428. 429; das Friedeberger 
Programm des ßectors Dr. Brock ist mir unzugänglich gewesen. 

* Vgl. V. Witzleben u. Hassel S. 52. 



294 G. Sello. 

übernahm vorläufig, da der Reichsmarschall Karl Gustav Wraugel 
in Stettin krank lag, der Feldmarschall Mardefelt, ein gewissen- 
hafter, aber kränklicher und unselbständiger Mann, der eigent- 
lich Fortifications-Officier war. Am 2. Mai überschritten die 
CavaUerie, die Dragoner und zwei Geschütze unter Gen.-Lt. Wol- 
mar Wrangel die Ukermärkische Grenze bei Stendal ; schon am 4. 
kam Oberst Buchwald mit seinem Schonenschen Reiterregiment 
und 100 Dragonern nach Freienwalde, schrieb dort und in Wriezen, 
wo er bis zum 6. stand, Contributionen aus — von Streifpartien 
wurde u. a. das naheliegende Dorf Welsickendorf gebrandschatzt ^, 
bis zum 10. lagerte eine Compagnie Dragoner in und um Ebers- 
walde ^, am 13. war Wrangel in Zehdenick, in dessen Nähe 200 
Brandenburgische Dragoner den Reiterregimentern Buchwald und 
Liewen ein Gefecht lieferten, am 16. in Rheinsberg, wo die 
Kirche geplündert wurde*, am 17. Nachmittags 4 Uhr rückte 
zuerst ein „Regiment** Dragoner in Neu-Ruppin ein, dessen Ein- 
wohner vergeblichen Widerstand versucht hatten*. 

Inzwischen hatte das Gros der Armee, die Infanterie unter 
Gen.-Maj. Delwig, die Artillerie unter Gen.-Maj. Jacob v. StaSl- 
Holstein, sich den Zugang zur Mark durch die Einnahme der 
kleinen Festung Löckenitz, welche am 5. Mai, Morgens durch 
zwei Batterien Zwölf- und SechspfÜnder beschossen, am Abend 
überging, erzwungen. Man brach am 9. von Plöwen auf, mar- 
schirte hart an der Mecklenburgischen Grenze entlang über Sege- 
low, Boitzenburg, Rutenberg, Himmelpfort; am 18. war das 
Hauptquartier in Mildenberg* bei Zehdenick. Schon am 14. 
hatte Mardefelt dem Reichsmarschall seinen Plan, sich des Havel- 
landes zu bemächtigen, dargelegt. Da der Pass bei Rhino w 
wegen Morastes schwierig, und der nach Fehrbellin führende 
Weg des Regens wegen sehr schlecht, sollte gegen letzteren Ort 
nur demonstrirt, der Zugang dazu aber von rückwärts durch 

* Fischbach, St'ädtbeschreib. S. 589; v. d. Hagen, Freien walde 
S. 40; Montagsbl. S. 329. 

* Fischbach 267. ' Bratring 548. 

* Montagsbl. 297. Nach Bratring (Grfsch. Ruppin287) wäre Neu-Ruppin 
am Tage vor Pfingsten (Mai 22) eingenommen worden ; er meint jedenfalls 
den Sonntag vor Pfingsten, da er gleich daraufsagt, Baron de Lieve (Oberst 
Liewen) habe vom 17 — 24. Mai in der Stadt in Quartier gelegen, was voll- 
kommen mit den Schwedischen Nachricliten übereinstimmt. 

* Mardefelt: Mühlenberg. 



Fehrbellin. 295 

Forcirung des von Geschützen vertheidigten Kremmer Passes 
geöfl&iet werden. Nachdem zu diesem Zwecke der bei Neu- 
Ruppin stehende Wolmar Wrangel durch Infanterie unter Gen.-Maj. 
Orothusen und einige Geschütze verstärkt, und die Besatzungen 
des schlecht vertheidigten Grüneberger Dammes, sowie der Leh- 
nitzer Schleuse vertrieben, marschirte Gen.-Maj. Delwig über den 
Papensteig gegen Kremmen, während Gen.-Maj. Staöl auf Oranien- 
burg entsandt wurde, um die Brandenburger in den Glauben zu 
versetzen, es gelte Berlin. Letzterem gelang es rasch, die bei 
Oranienburg postirten vier Schwadronen Reiter unter den Ritt- 
meistern Schack, Bauckow, Spitznase und Hitzacker, 80 Jäger zu 
Pferde und 136 Musketiere unter Hauptmann Bretsken, zum 
Rückzug nach Spandau zu zwingen, nachdem sie die Vorstadt 
angezündet. Stael besetzte nun, obwohl sein Aufkrag nicht dahin 
lautete, am 22. die Stadt, und liess schleunigst eine Nothbrücke 
über die Havel herstellen, um eventuell den Vertheidigern der 
Kremmer Schanze mit Artillerie in den Rücken gelangen zu 
können; diese aber hatten sich, ebenso wie die Besatzung von 
Fehrbellin, als sie den Brand der Oranienburger Vorstadt er- 
blickt, gleichfalls am 22. nach Spandau zurückgezogen. 

Obwohl nun das Havelland offen lag, liess Mardefelt, um 
rascher nach Neu-Ruppin zu gelangen, wo der Reichsmarschall 
bald einzutreffen gedachte, das Stael'sche und Delwig'sche De- 
tachement wider nach Gransee zurückkehren — nur Fehrbellin 
blieb besetzt — , und marschirte mit ihnen am 25. nach Neu- 
Ruppin, wo das Hauptquartier bis zum 11. Juni blieb. Am 27. 
wurde Oberst v. d. Noth mit seinem Infanterieregiment und zwei Ge- 
schützen entsendet, um Havelberg zu besetzen ; die Cavallerie und 
der grösste Theil der Infanterie rückte zu seiner eventuellen 
Unterstützung bis Wusterhausen vor ; da eine solche nicht nöthig 
wiurde, blieb die Reiterei bis gegen den 1. Juni an letzterem 
Ort und in der Umgegend von Kyritz; dann kehrte man wieder 
um, die Artillerie sammt der Infanterie nach Nauen, die Caval- 
lerie, deren Chef, Gen.-Lt. Wolmar Wrangel, nachdem der lange 
leidende Mardefelt in Ruppin schwer erkrankt, das Commando 
der Armee übernommen hatte, in die Gegend von dort bis Span- 
dau; am 5. Juni stand Wrangel in Hoppenrade. Am 4. Juni 
soll auch das Unternehmen auf Spandau stattgefunden haben, mit 
welchem der Festungscommandant Oberst du Plessis-Gouret dem 



296 (*• Sello. 

Kurfürsten gegenüber das Abbrennen der dortigen Oranienburger 
Vorstadt motivirte^. Aus der Dislocation der Schwedischen 
Truppen, aus dem vollständigen Schweigen der Schwedischen 
Berichte über den Plan eines solchen Angriffs, sowie aus dem 
Umstände, dass damals die Armee schon auf dem Sprunge stand, 
nach Brandenburg abzumarschiren — gerade am 4, traf dort der 
Ober-Commissarius (General-Proviantmeister) Oernstedt mit einer 
Escorte von Finnischen Reitern des Regiments Liewen ein, um 
die Verpflegungsverhältnisse zu untersuchen^ — ergibt sich aber, 
dass es sich höchstens um eine Recognoscirung gehandelt haben 
kann^, dass du Plessis etwas voreilig handelte, und dann, um 
sich zu entschuldigen, übertrieb. Als die Vorräthe im Havellande 
sehr bald aufgezehrt — am 29. Mai berichteten aus Berlin 
kommende Reisende, das Havelland vor Berlin sei ganz ausge- 
plündert* — , marschirte man am 7. resp. 8. auf zwei Wegen 
nach Brandenburg, wohin die Quartiermeister und Fouriere mit 
600 ausgesuchten Musketieren schon am 6. vorausgegangen 
waren, und kam daselbst am 9. Abends an^; Infanterie und 
Artillerie lagerten dicht bei der Stadt „an der Krünunung der 
Havel**, die Cavallerie unter Graf Wittenberg bezog ein Lager 
bei Pritzerbe, die Dragoner unter Oberst Wangelin gingen weiter 
nach Rathenow, welches sie am 10. besetzten. 

Während dessen war ebenfalls am 9. der Reichsmarschall 
endlich in Neu-Ruppin eingetroflPen, brach am 11. mit dem ganzen 
Hauptquartier, dem dort stehenden Dalekarli er- Regiment und 
seiner Escorte nach Havelberg auf und befahl von Neustadt aus 
den Aufbruch der bei Brandenburg stehenden Armee ebenfalls 
nach Havelberg, wo er selbst am 12. anlangte. Die Ordre traf 
am 13. in Brandenburg ein; am 14. wurde, da es an Brot fehlte, 
dieses erst gebacken, am Abend Proviant mit den zum Brücken- 



* Kuntzemüller, Gesch. von Spandau S. 322. 
2 Fromme S. 74. 

' Stael 35 u. 44 sagt: die Cavallerie zeigte sich vor Spandau. 

* Montagsbl. 314. 

* So übereinstimmend W. Wrangel und Stael; Fromme zufolge traf 
die Armee am 8. früh Morgens an; um 11 Uhr begann die Infanterie über 
den Grillendamm durch die Altstadt zu marschiren, um jenseits derselben 
an der «krummen Havel" ein Lager zu beziehen; ihr folgten Artillerie 
und Dragoner; am 9. in aller Frühe defilirte die Cavallerie. 



Fehrbellin. 297 

bau bei Werben bestimmten bereits angesammelten Fahrzeugen 
die Havel stromabwärts gesandt; am 15. in aller Frühe mar- 
scbirte man ab ; als man das Reiterlager bei Pritzerbe zu Gesicht 
bekam, meldeten Flüchtlinge, dass der Kurfürst Rathenow, wo- 
hin zunächst der Weg nach Havelberg führte, soeben eingenom- 
men habe. 

Dass dieses Ereigniss den Schweden völlig unvermuthet und 
überraschend kam\ wird in den Berichten der Generäle immer 
wieder betont, und lässt die militärische Umsicht der höheren 
Führer in einem eigenthümlichen Lichte erscheinen, umsomehr 
als es nicht an Warnungen gefehlt hatte. Schon am 18. Mai 
mahnte der Reichsmarschall zur Vorsicht, da sich die Branden- 
burger in Magdeburg sammelten*, am 26. hatte aber der Reiter- 
führer, Gen.-Lt. Wolmar Wrangel noch keine Patrouille dorthin 
gesandt, weil er meinte, das sei des Feldmarschalls Sache ^; am 
4. Juni schreibt der Reichsmarschall, der Kurfürst sei im An- 
züge, am 7. wiederholte er diese Mittheilung mit dem Hinzu- 
fügen, dass derselbe schon in Magdeburg vermuthet werde ^; 
trotzdem steht fest, dass nur am 27. Mai und 9. Juni Recognos- 
cirungs-Detachements über die Havel gesandt wurden*. Als 
V. Stael und Delwig ihre Bedenken äusserten, beruhigte sie 
Wolmar Wrangel, dass alles Noth wendige geschehe, die Reiter 
aber nicht noch mehr Patrouillen reiten könnten, als sie schon 
thäten; „dessen ungeachtet erfuhren wir nicht mehr, als dass 
einige Truppen nach Magdeburg gekommen seien ; vom Kurfürsten 
dagegen wussten wir gar nicht«, und ebensowenig, was in der 
Nachbarschaft vorging"^. Dies wird bestätigt durch die Mit- 
theilungen, welche Mardefelt's Diarium' über einen zu Neu-Ruppin 
am 26. Mai gehaltenen Kriegsrath macht. Der Feldmarschall 
empfahl dabei, Havelbergs sich zu bemächtigen, erstens, weil der 
Reichsmarschall es so angeordnet, und zweitens, „weil man nicht 



* Stael 42 schreibt ganz naiv : wesswegen wir uns alle wunderten, wie 
das zugegangen sei. 

« C. G. Wrangel 13. » Mardefelt 18. 

* Mardefelt 23. 

* V. fleimburg schreibt unterm 17. Juni aus Magdeburg (44*), es 
liessen sich .zuweilen einige kleine Schwedische Parteien diesseits Branden- 
burg sehen*. 

« V. Stael 45. ' Mardefelt 18. 



298 C^- Sello. 

die geringste Kunde vom Feinde besässe, welche man nothwendiger- 
weise haben müsse, und dadurch, dass man sich jenes Platzes 
versichere, leicht einholen könne/ Nachdem dies beschlossen, 
fragte es sich, „wie man sich Havelbergs bemächtigen könne, da 
man keine bestimmte Nachricht habe, ob oder wie der Ort be- 
setzt sei, oder ob sich überhaupt irgendwelche feindliche Truppen 
in der Umgegend desselben befänden*. Und dabei stand die 
Cavallerie seit beinahe 14 Tagen ca. 7 Meilen von Havelberg! 
Ganz ähnlich lagen die Dinge später, wo während der zur 
Schlacht bei Fehrbellin führenden Rückzugsgefechte Wolmar 
Wrangel entweder keine Nachricht von den Vorgängen bei seiner 
Arri^re-Garde oder kein Verständniss für deren Bedeutung hatte; 
V. Stael erklärt^, er sei am 18. Morgens von der Artillerie ab- 
commandirt worden, zu einer Zeit „da man noch nicht das Ge- 
ringste vom Feinde gehört hatte" ; seine Abcommandirung würde 
nicht stattgefunden haben, „wenn man nur das Geringste vom 
Feinde gewusst hätte, oder dass ein Kampf an diesem Tage statt- 
finden würde" ; Wolmar Wrangel würde sich nicht zweimal von 
der Armee weg nach Fehrbellin hinein begeben haben, „wenn er 
hätte ahnen können, dass ein Treffen bevorstünde". 

Es ist ganz wunderbar zu sehen, wie während dieses kurzen 
Feldzuges die Schwerfälligkeit der Schweden, deren Heeresleitung 
wie von Altersschwäche befallen erscheint, und eine Reihe über- 
aus glücklicher Zufalle dem strategischen Genie und dem kriege- 
rischen Muthe — um nicht zu sagen Verwegenheit — des Kur- 
fürsten in die Hände arbeiteten! 



Betrachten wir nun, wie es letzterem möglich geworden, 
noch in der zwölften Stunde die Pläne des Feindes so zu durch- 
kreuzen und zu verwirren, dass derselbe gezwungen wurde, in 
schleunigem, mit schwerem Verluste an Menschen und Kriegs- 
material verbundenem Rückzuge in sieben Tagen das Land zu 
räumen, mit dessen Occupation er schon im vergangenen Jahre 
begonnen, und in dessen eigentlich unbestrittenem Besitz er sich 
nun seit sechs Wochen befunden hatte. 

Schon am 6. Januar hatte der Kurfürst seinem Statthalter in 
der Mark, Fürst Johann Georg von Anhalt, geschrieben, er sei mit 



* V. Stael 46. 47. 



Fehrbellin. 299 

seiner ganzen Armee in vollem Anmärsche gegen die Mark be- 
griffen, und werde, sobald die Reiterei sich in Franken erholt 
habe, schleunigst dort eintreffen^; in demselben Monat ^ hatte er 
geheime Verhandlungen mit Erfurt angeknüpft, deren Folge war, 
dass im März die beiden Infanterieregimenter Dörffling und 
Schöning dorthin gelegt wurden, offenbar um seiner Armee die 
Entwicklung aus den Defil^'s des Thüringerwaldes zu sichern. 
Endlich am 26. Mai erfolgte der durch Reisen des Kurfürsten, 
dessen Erkrankung und diplomatische Verhandlungen verzögerte 
Aufbruch von Schweinfurt, wo das Hauptquartier lag. Dieses, 
die Infanterie, Artillerie und von der Cavallerie die Trabanten, 
das Leibregiment und das Regiment Kurprinz überschritten direct 
den Thüringerwald, von Schleusingen über Frauenwald nach 
Ilmenau. Die übrige Cavallerie umging das Oebirge; der linke 
Flügel, ca. fünf Regimenter unter Landgraf Friedrich von Hessen- 
Homburg, wurde auf Langensalza dirigirt, der rechte, ca. sechs 
Regimenter unter Gen. -Lt. Görtzke, auf Schleiz und Freiburg an 
der Unstrut. Am 10. Juni langte die ganze Armee in vortreff- 
lichem Zustande in der Nähe von Magdeburg an. Das Haupt- 
quartier war in Gr. -Ottersleben; rings um die Stadt lag zunächst 
die Artillerie von Benneckendorf bis Diesdorf, in den Dörfern 
zwischen Mühüngen, Gross- Wanzleben und Hohen-Dodeleben die 
Infanterie ; letztere umspannend, oberhalb und unterhalb aber an 
der Elbe hart bis an die Stadt stehend, die Cavallerie, mit dem 
linken Flügel nördlich bis Angern, mit dem rechten südlich bis 
Löbnitz bei Mönchen-Nienburg reichend; jeder dieser äussersten 
Punkte ca. vier Meilen von Magdeburg entfernt. Am 11. begab 
sich der Kurfürst mit dem Gefolge in aller Stille, ohne dass die 
gewöhnlichen Ehrensalven abgefeuert wurden, nachdem er in 
Kloster Berge zu Mittag gespeist, in die Stadt zum Gouverneur, 
wo er, wie üblich, vom Magistrat bewirthet wurde; der grösste 
Theil der Generalität folgte ihm. Da nach eingezogener Kund- 
schaft die Schweden noch nichts vom Eintreffen des Kurfürsten 
erfahren hatten, trug man Sorge, sie darüber möglichst lange im 
Ungewissen zu lassen ; das Brückthor wurde gesperrt, jeder Ver- 

^ V. Gansauge 1. c. S. 20. 

' Wo im Folgenden keine besonderen Citate gegeben werden, beruhen 
die Angaben auf den erwähnten Magdeburger Acten, welche Montagsbl. 
281. 290 beschrieben sind. 



300 ^' SeUo. 

kehr mit dem rechten Eibufer gehindert, was an Schififen und 
Booten aufzutreiben war, zusammengebracht ; die Cavallerie streifte 
unter Führung des als Volontair dienenden Oberst de la Roche 
schon bis Brandenburg, wo sie einen Rittmeister und einen Cornet, 
die zu den Schweden übergehen wollten, abfing und sammt ge- 
fangenen Schwedischen Soldaten nach Magdeburg brachte, während 
andere Gefangene von den zur Landesvertheidigung aufgebotenen 
Drömling-Bauern, mit denen der linke Flügel Fühlung hatte, 
eingeliefert wurden. Auch ein Spion war eingebracht worden, 
welcher, ein- oder zweimal auf die Folter gelegt, endlich am 12. 
gestand. Schwedische Briefe an den Stadtcommandanten, Oberst 
Schmid von Schmiedeseck (der seit fast zehn Jahren diesen Posten 
bekleidete) und dessen Wallmeister gehabt, aber ins Wasser ge- 
worfen zu haben; mündlich habe er ausrichten sollen, dass man 
der Abrede gemäss um eine gewisse Zeit kommen und die Stadt 
überrumpeln woUe^. Die beiden Verdächtigen wurden verhaftet, 
der Oberst, gegen den man auch sonst Argwohn geschöpft hatte, 
am Abend des 12. auf dem Walle vom Gouverneur selbst. Die 
Durchsuchung seiner Papiere ergab nichts Belastendes, er selbst 
leugnete, wohl aber wurde durch die Aussage seiner Ehefrau 
festgestellt, dass er ab und an Geldsendungen aus Schweden, 
angeblich Ratenzahlungen auf eine alte Forderung, erhalten habe*. 
Zufolge Urtheils vom 14. — bis zu diesem Tage zahlte die Stadt 
ihm seine Competenzen — ward er auf die Festung Peitz ge- 
bracht und starb dort fünf Jahre später; der Umfang seiner 
Schuld ist meines Wissens noch nicht bekannt geworden. 

Am Morgen desselben Tages war im Kriegsrathe der kühne 
Zug auf Rathenow festgestellt worden ; an demselben sollten die 
ganze Cavallerie (nach Abzug der bei dem Gepäck zurückbleiben- 

* Bern er 194: Es stand der Uebergang über die Elbe, die Vereinigung 
mit Hannover, die Besetzung Magdeburgs bevor. So ohne Weiteres 
wäre diese doch nicht ausführbar gewesen. Ausser dem Commandanten 
befand sich der Gouverneur, Herzog August von Holstein-Plön, in der Stadt, 
der zeitig Yertheidigurigsmassregeln traf. Schon im April zog er das 
Mikrander*8che Regiment zur Sicherung des Eibpasses heran (Montagsbl. 290); 
im Mai wurde ein Regiment auf dem Werder, eine Escadron in der Zoll- 
schanze (Friedrichstadt) untergebracht (1- c« 297); am 26. Mai wurde ein 
Infanterieregiment in der Stadt erwartet, während ein Gavallerieregiment 
auf dem (neuen?) Markt bivouakirte und 600 Mann die Zollschanze ver- 
theidigen sollten (1. c. 298). * v. Heimburg 44*. 



Fehrbellin. 301 

den etwa 6000 Mano), 600 Dragoner und 1350 ausgesuchte In- 
fanteristen (diese Zahl gibt der Bericht der Magdeburgischen 
Einquartierungscommissare an den Administrator, Herzog August 
von Sachsen, an) theilnehmen. Diese Truppen, unter ihnen auch 
das im Anhaltischen zurückgebliebene Regiment Lütke, standen 
um 6 Uhr Abends ohne Gepäck, mit Proviant und Futter für 
fünf Tage, marschbereit am Sudenburger Thor, dazu die 
Artillerie (die Angaben schwanken zwischen 13, 14 und 15 Ge- 
schützen) mit doppelter Bespannung und 100 (nach anderen An- 
gaben 120 oder nur 46) Bauerwagen, auf denen abwechselnd ein 
Theil der Infanterie fahren sollte, und die zugleich zum Fort- 
schaffen von Kähnen bestimmt waren. Zwischen 8 und 9 Uhr 
begann der Durchmarsch, voran die Avantgarde unter dem 
Landgrafen von Hessen-Homburg, dann die Geschütze, darauf 
die Wagen mit den Musketieren, welche der beste Infanterie- 
general, Gen.-Maj. v. Götze, commandirte, zum Schluss wieder Ca- 
vallerie, „alles wohlmundirtes Volk*. Um 1 Uhr in der Frühe 
des Sonntags (13.) wurde nach Passirung der Eibbrücken auf 
dem Krakauer Anger Halt gemacht; der Kurfürst, welcher bis 
2 Uhr geruht hatte, brach um ^jiS auf; mit ihm die ganze 
Generalität, ausser dem Gouverneur von Magdeburg (welcher die 
zurückbleibende Armee am 17. resp. 18. über die Clus und 
Hohen-Ziatz nach Brandenburg, von da weiter nach Havelberg 
und Perleberg führte, wo sie sich am 28. mit der Cavallerie 
wieder vereinigte. Der ganze Auf bruch erfolgte „ohne Trompeten- 
schall, Pauken- und Trommelschlag stillschweigende, dass also 
morgens frühe umb 4 Uhr aufn Gassen etwas still worden**. 

Berittene Diener des Raths geleiteten und führten den Kur- 
fürsten bis zur Biederitzer Brücke, von da nach Hohen-Seeden 
und bis in die Nähe von Genthin, wo das erste Nachtquartier 
gemacht wurde. Am 14. Mittags wurde weiter marschirt und 
im Morgengrauen des 15. der Sturm auf Rathenow ausgeführt, 
welcher die Dispositionen der Schweden in jähester Weise zer- 
trümmerte — waren dort doch schon die Quartiere iür die Offi- 
ciere der aus Brandenburg erwarteten Armee bestellt. 

Ueber die Einnahme der Stadt ^ liegt ein ausführlicher Be- 

* Sagenhafte Erinnerungen an die Eroberung bei W. Schwartz, Bilder 
aus der Brandenb.-Preuss. Gesch. 1875, S. 37 ff. 104; ders., Sagen und alte 
Gesch. aus der Mark Brandenburg 1871, S. 117, 2. AuÜ. (1886) S. 39. 
Deutsche Zeitschr. f. Oeschichtsw. 1892. YII. 2. 20 



302 G. Sello. 

rieht des dort comnmndirenden Obersten von den Dragonern 
Wangelin^ vor, der indessen erheblich Neues nicht bietet, und 
in seinen Einzelheiten nicht durchweg verständlich ist, weil der 
von ihm mit Buchstaben versehene Stadtplan ^ auf den er unaus- 
gesetzt Bezug nimmt, fehlte die mir vorliegenden neueren Pläne 
aber mit seinen Angaben nicht recht stimmen. Bemerkenswerth 
ist jedoch, dass Wangelin nichts davon weiss, dass (wie neuer* 
dings allgemein angegeben wird) die unter Oberst-Lt. Kanne und 
Generaladjutant Eanowski entsandte Abtheilung Musketiere an 
der Südseite der Stadt gelandet, die steil zur Havel fallenden 
Gärten dort erstiegen, die Stadtmauer angegriffen habe, und an- 
fanglich der Havel wieder zugetrieben worden sei^. 

Ihm zufolge hätte vielmehr dieses Detachement die Havel 
eine halbe Meile oberhalb der Stadt bei Döberitz ^ auf Kähnen 
überschritten, sei auf dem Wege Brandenburg-Rathenow vorgerückt,, 
habe hierbei seine nach Brandenburg geschickten Boten abge- 
fangen und dann direct das vom Hauptmann Taube vertheidigte 
Steinthor angegriffen^. 

Der Angriff sei schliesslich gelungen, weil ein anderer Trupp 
unter dem Schutz des Feuers von den Mühlen her, um dem 
genannten Gapitän näher auf den Leib zu rücken, über eine 

^ Vgl. über ihn Brode in Mark. Forsch. XX, 65 S. 

' Die Angabe bei Bergan, Inventar S. 621, dass sich im „Bär** 1875 
Nr. 6 ein „Plan der Stadt von 1675* finde, ist materiell falsch ; dieser Plan 
ist 80 gut wie die übrigen an jener Stelle auf Grund neuerer Karten vom 
damaligen Secundaner £duardMüller entworfen ; die Lokalbeschreibung^ 
welche v. Buch (28* ff.) gibt, stimmt ebensowenig damit überein wie die 
von der Südseite der Stadt aufgenommene Ansicht bei M er i an (Verkleinerte 
Reproduction in Berner's Gesch. d. Preuss. St. 195), welche z. B. die Wasser- 
läufe in dieser Gegend ganz anders darstellt. 

' V. Witzleben u. Hassel S. 75. 

* Döberitz liegt weit über eine Meile südlich von Rathenow; auch. 
V. Staäl nennt diesen Ort als Uebergangspunkt der Brandenburger; ich 
möchte eher einen Irrthum in der Entfernung als im Ortsnamen annehmen. 

* Vgl. , Fernere Relation" (38*. 39*): darauf wurden sofort 500 Mus- 
quetierer unter dem Commando des Gen.-A(yut. Canofsky und Oberat-Lt. 
Kannen oberhalb der Stadt ganz heimlich mit Kähnen über die Havel ge- 
setzet . . . Sobald der Gen.-Ac^ut. Canofsky, welcher mit den Seinen schon 
über die Havel gesetzet war, die Attaque bei der Brücke hörte, drang er 
von der Landseite auf das Thor zu, bemächtigte sich des kleinen Pf^rtleins,. 
und ob er zwar anfangs repoussirt ward, drang er doch durch und gewann 
das Thor. 



Fehrbellin. 303 

„Schleuse''^ gegangen sei; die Dragoner seien nun etwas vom 
Thore zurückgewichen, da seien die Angreifer sofort durch die 
„Ghmgporte", und gleich darauf durch die Mauer (genom muren) 
eingedrungen. Wangelin gibt noch an, dass er die erste Mel- 
dung vom Erscheinen des Feindes vor der äussersten Havelbrücke 
um 2 Uhr erhalten und dass der Kampf von ^/sS bis 6 gedauert 
habe; er selbst sei ca. ^j^l gefangen worden. 



Als der mit seiner Armee bereits auf dem Marsche begrifiFene 
Gen.-Lt. Wolmar Wrangel, wie schon gesagt, in der Frühe des 
15. bei Pritzerbe die Hiobspost vom Falle Rathenows empfingt, 
wurde sofort Kriegsrath gehalten und beschlossen, da der Reichs- 
marschall Havelberg nun aufzugeben gezwungen sei, sich um 
jeden Preis mit demselben über Fehrbellin zu vereinigen^. 

Man marschirte also an diesem Tage noch bis zwei Meilen 
vor Nauen*, am 16.^ bis Nauen, wo Mittags die ersten zehn 
Schwadronen eintrafen^; die Stadt und der Damm wurden Abends 
und in der Nacht passirt'; am 17. Morgens ereilten die Branden- 



^ Nach V. Buch (24*) lag an dem die Stadtmaaer umfliessenden Havel- 
arm, in der Nähe des nach Nauen führenden Thores, d. h. des Steinthors, 
eine Mühle, an deren Wehr man etwa hier denken könnte; auf Merian's 
Ansicht ist freilich von einer solchen Mühle nichts zu erblicken. 

' Ich habe es für zweckmässiger gehalten, im Folgenden nicht aus 
den Schwedischen und Brandenburgischen Berichten ein Gesammtbild zu 
construiren, welches nur unvollkommen hätte ausfallen können; ich gebe 
vielmehr im Text die Schwedische Darstellung, und bemerke dazu, wie 
weit dieselbe sich mit der Brandenburgischen deckt, oder von ihr abweicht. 

^ Dass dies vollkommen den Ideen des Marschalls entsprach, ergibt 
sich aus dessen Berichten. 

* V. Sta^l 35. Dazu stimmt sehr wohl, dass nach v. Buch 25* die 
Schweden am Morgen des 16. in Barne witz waren, wo der Kurfürst Abends 
9 Uhr desselben Tages anlangte, , Fernere Relation' 39'*'. 

^ Erst am Vormittag des 16. meldete der auf Streifpartie ausgesandte 
Oberst-Lt. Strauss dem Kurfürsten, dass die Schweden von Brandenburg- 
Pritzerbe nach Bamewitz marschirt seien (, Fernere Relation* 39*), worauf 
der Kurfürst nach der Mittagstafel aufbrach und bis Barnewitz vorrückte, 
wo man Abends 9 Uhr in strömendem Regen ankam (v. Buch 26*. „Fernere 
Relation" 39*). 

• Anhalt 11*. 

' Wrangel 29; Stael 35. 



304 G. Sello. 

burger „einige zurückgebliebene Trosswagen" ^ und es entspann 
sich ein Gefecht zwischen ihnen und der schwedischen Arriere- 
garde, zu welcher sechs Dreipfünder abcommandirt worden waren*. 
Auf mündliche, vom Prediger Kühne zu Wachow mitgetheilte 
Tradition und eine mit deren Hilfe falsch gedeutete Stelle im 
Theatrum Europaeum sich stützend, lässt y. Gansauge ^ an diesem 
17. ein Arri^regarden-Qefecht bei Gohlitz (1^/2 Meilen südöstlich 
von Bamewitz) stattfinden, welches er mit allen Einzelnheiten 
schildert*, und welches v. Witzleben und Hassel^ mit einigen 
Modificationen ihm nachgeschrieben haben. Aber abgesehen da- 
von, dass die officiellen Brandenburgischen ^ und Schwedischen 
Quellen von einem solchen Treffen nichts wissen, dass auch nicht 
zu verstehen ist, warum die Schweden, statt direct von Barne witz 
nach Nauen zu marschiren, den Umweg über Gohlitz gemacht 
haben sollten, ist aus dem Tagebuch v. Buch's mit Sicherheit 
zu ersehen, dass an diesem Tage ein solches Gefecht nicht statt- 
gefunden haben kann. Am 17. mit Tagesanbruch brach der 
Kurfürst von Barne witz auf; nach Verlauf von noch nicht einer 



* Der Text zu Romeyn de Hooge's Radirung der Schlacht bei Fehr- 
bellin beziffert den Verlust der Schweden vor und in Nauen auf 120 Todte, 
20 Gefangene und 40 Bagagewagen; da die beiden ersteren Zahlen richtig 
sind — nach dem Schreiben des Kurfürsten 5* : 100 Todte, etliche 20 Ge- 
fangene — könnte auch die dritte stimmen. 

» Wrangel 29; Stael 35; Gyllengranat 54. 

' S. 55 if.; auf S. 56 Anm. * sagt er: „auch erwähnt das Theatr. 
Europ. des Zusammentreffens bei Gohlitz' ; die Stelle daselbst (XI, 830) lautet 
aber: - - - und erwischten darauf dessen Anieregarde bei Bemewitz, von 
welcher dann, durch stetiges Chargiren des Kurfürsten, viele, im Stich 
blieben, also dass vor Nauen, in Nauen und auf dem ganzen Weg sehr 
viel todte Körper, zerbrochene Wagen und weggeworfene Kürasse lagen ; das 
Theatr. Europ. reproducirt hier ungeschickt, aber fast wörtlich den „Bericht 
über die fernere Action* (36*), welcher nur das Scharmützel kurz vor 
Nauen kennt, 

*• Insbesondere hätten die Schweden an der Nordspitze des Riewend- 
schen Sees eine Redoute aufgeworfen, und deren Geschütze beim siegreichen 
Andringen der Brandenburger in den See gestürzt; v. Staßl (47) gab vor 
der Untersuchungscommission die Zahl der Geschütze, mit welchen von 
Löcknitz aufgebrochen wurde, im Ganzen auf 38 an, und versicherte, dass 
alle, bis auf die 6 beiFehrbellin verloren gegangenen, wieder zurückgebracht 
worden seien. 

' S. 79. 

^ Vgl. Kurfürst 5**; Homburg 17*; „Bericht über die Action« 36*. 



Febrbellin. 305 

Stunde meldete die Vorhut, dass die Schweden sich bei Nauen 
zeigten; dorthin wurde Gen.-Maj. Lütke mit einer Avantgarde von 
1200 Pferden geschickt und meldete schon nach einer guten 
Stunde, dass der Feind zum grössten Theil den Damm über- 
schritten^, liess auch um Dragoner bitten, welche die in der 
Stadt postirte Schwedische Nachhut vertreiben sollten. Letztere 
wurde, nach Brandenburgischem Bericht, zum Theil niedergehauen, 
zum Theil rettete sie sich über den Pass, die Brücke, welche 
indess sofort wiederhergestellt wurde, hinter sich abwerfend; es 
begann nun ein kurzer Artilleriekampf, welchen die Schweden, 
sich zurückziehend, abbrachen — das oben erwähnte Arri^re- 
garden-Gefecht der Schwedischen Berichte am Morgen des 17.; 
die Zeit zu einem zweiten Gefecht bei Gohlitz oder sonstwo 
mangelt darnach unter allen Umständen, zumal der Kurfürst 
selbst, nachdem alles vorüber, in Nauen schon zu Mittag speiste*. 
Am Abend des 17. langte die Schwedische Armee bei 
Flatow an; die Avantgarde unter Gen.-Adjut. Isensee ging so- 
fort nach Fehrbellin weiter; in aller Frühe des 18. wurde von 
dort gemeldet, dass die Rhinbrücke, „auf welcher das Heil der 
Armee und ihre Vereinigung mit dem Feldherrn beruhte"^, zer- 
stört sei. Dies hatte am 16.* der von Rathenow zu diesem 
Zwecke ausgeschickte Oberst-Lt. Hennigs * vom Regiment v. Mörner 
ausgeführt®, welcher auf seinem Hinwege (den er wohl über 
Friesack genommen) bei Mancker (nordwestlich von Fehrbellin) 
ein vom Reichsmarschall aus Neustadt der Armee entgegen- 
gesandtes Detachement unter Oberst-Lt. Tropp überfiel, dann seinen 
Auftrag ausführend über Fehrbellin zurückkehrte und am 17. 
Nachmittags in Nauen wieder zum Kurfürsten stiess. Nach 
V. Witzleben und Hassel hätte dieses Rencontre bei Malchow, 
1 % Meilen von Fehrbellin, stattgefunden ; das dort liegende Dorf 
heisst aber Walchow (ein Dorf Molchow findet sich nördlich von 

' Dies war um 6 Uhr Morgens, Privatbrief 37*. 

« V. Buch 26* fF. » Worte Wrangel's, Sta6l 35. 

* Anhalt 11*. 

^ Vgl. über ihn und seine angebliche Nobilitirung auf dem Schlacht- 
felde von Fehrbellin Eamieth, Aus dem Leben des Kurbrandenb. Gen.-Maj. 
Joachim Hennigs v. Treffenfeld. (Programm des Louisenstädt. Gymnas. zu 
Berlin 1887.); G. A. v. Mülverstedt, Von Treffenfeld und seinen Nach- 
kommen, 22. Jahresb. d. Altmärk. Gesch. -Vereins, Heft 2 S. 1 ff. 

« C. G. Wrangel 25. 26. 



306 G. SeUo. 

Ruppin); als Ort des Gefechtes nennen v. Sta6l^ und Beckmann^ 
Mancker. 

y. StaSl, der schon Befehl erhalten hatte, mit der Artillerie 
wieder aufzubrechen, wurde nun schleunigst vorausgesandt, die 
Brücke zu repariren; Wolmar Wrangel ritt selbst mit ihm; vor 
der Stadt trafen sie vom Gen.-Adjut. Isensee entgegengesandte 
Bauern, welche über das Gefecht bei Mancker u. s. w. berich- 
teten. Während Wrangel mit diesen zurfickblieb, begab sich 
V. Sta^l nach Fehrbellin und traf, bis die zum Brückenbau com- 
mandirten Mannschafben ankamen, mit Reitern der Avantgarde 
und zur Arbeit gezwungenen Einwohnern der Stadt Vorbereitungen 
zur Wiederherstellung der sehr gründlich zerstörten Brücke. Als 
die gedachten Mannschaften anlangten, meldeten sie, bei der 
Arriferegarde würde Alarm geschlagen ; zugleich erhielt Wrangel, 
während er noch jene Bauern examinirte, die Meldung, dass der 
Feind ungefähr um 9 Uhr angegrifiPen habe, und begab sich zur 
Armee zurück*. 

Die Brandenburgischen Briefe und Relationen lassen den 
AngrüBT früher erfolgen, was dahin geführt hat, auch das Ende 
des Kampfes viel früher anzusetzen, als thatsächlich richtig, wäh- 
rend im Gegensatz dazu das Theatr. Europ. in einem selbstän- 
digen Zusatz zu der sonst hier benutzten „Ferneren Relation** 
ebenso irrig die Schweden erst »mit der Nacht* den Fehrbellin- 
schen Pass erreichen lässt. Den diesseitigen Beobachtern er- 
schienen die Vorgänge des Tages als eine zusammenhängende 
Kette von Ereignissen, die eines aus dem andern folgten, so dass 
ihre zeitliche Fixirung der einzelnen Momente, beeinflusst durch 
die Erregtheit des Kampfes, nur eine annähernde gewesen sein 
wird. Den in Fehrbellin weilenden höheren Schwedischen Offi- 
cieren dagegen, insbesondere dem am Kampf nicht betheiligten 
Gen.-Maj. v. Stael, markirten sich die bedeutsamen Phasen des 
Gefechtes viel unterscheidbarer. Und dennoch kommen im End- 
ergebniss die beiderseitigen Nachrichten ziemlich überein. Mor- 
gens um 5 Uhr war der Kurfürst noch in Nauen*; man brach 



' S. 36. 

* Kurmark II, 2 Sp. 298 nach gleichzeitiger Aufzeichnung des Pastors 
Wulf in Wittstock. 

« Wrangel 29. 30; Stael 35. 36. 45. 
^ 40*. * 6*. 



Fehrbellin. 307 

,de bon matin'* auf, überschritt den die Cavallerie sehr aufhalten- 
den Nauener Damm^; dann trabte der Landgraf von Hessen- 
Homburg mit der Avantgarde voraus und bekam gegen 6 Uhr 
»des Feindes ganze Armee zu Gesicht** *. Nachdem der Kurfürst 
, ungefähr eine Stunde ** marschirt, meldet Homburg ^qu'il avait fait 
s'arrfeter l'ennemi malgre-lui*, und bittet um die Erlaubniss, an- 
greifen zu dürfen; dies wird ihm vorläufig untersagt^. Nach 
gehaltenem Kriegsrath beschliesst der Kurfürst, schleunigst zu 
avanciren, man ist indessen genöthigt, wiederholt Halt zu machen. 
Nach „plus d'une grande heure'' meldet Homburg wiederum, der 
Feind habe hinter der Landwehr Posto gefasst, und bittet um 
Dragoner, die ihm gesandt werden und die Schweden zum Auf- 
geben dieser Stellung zwingen. Wenn nun der Kurfürst am 
Abend der Schlacht schreibt, „dass ich heut gegen 8 an den 
Feind gekommen, da ich selbigen in voller Battallie gefunden, 
welcher sich an seinem linken Flügel an einem Dorfe gesetzet **, 
so scheint er hier zwei räumlich und zeitlich getrennte Momente 
in eins zu fassen, die Eröffnung des Kampfes bei der Landwehr 
und sein persönliches Eintreffen bei Linum ; dass letzteres schon 
um 8 Uhr geschehen, ist bei der Entfernung von Nauen (fast 
2^/2 Meilen) und den verschiedenen eben geschilderten Unter- 
brechungen und Erschwerungen des Marsches nicht gut denkbar. 
Nach „Fernere Relation*** näherte sich der rechte Brandenbur- 
gische Flügel um 9 Uhr dem Feind, und nun habe das scharfe 
Gefecht auf dem linken Flügel (welcher die Avantgarde hatte) 
begonnen. Wichtig ist die Bemerkung Homburgs^, dass, nach- 
dem er mit seinen Vortruppen, von Dörffling „mit einigen Regi- 
mentern" unterstützt, ein hartes Treffen begonnen, „nach 4 bis 
5 Stunden'*, „nach langem Gefechte", der Feind gewichen sei. 
Dörffling kann aber nicht gut früher als gegen 8 Uhr zu Hom- 
burg gestossen sein, so dass das Gefecht zwischen 12 und 1 Uhr 
entschieden gewesen wäre, was recht wohl zu v. Sta^Fs Zeit- 
angabe, von der weiterhin die Rede sein wird, passt. v. Gans- 
auge ^ lässt „nach der Angabe des Bauers Liepe** das Gefecht 
um 10 Uhr beendigt sein; v. Witzleben ^ schreibt dies nach; 
denn dass er aus Homburg's Mittheilungen sich das Rechenexempel: 

* «Fernere Relation'* 40*. 

2 19*. « V. Buch 27*. 

* 40*. * 19*. « S. 69. ' S. 89. 



308 G. Sello. 

6 Uhr + 4 Stunden Gefecht = 10 Uhr gebildet haben sollte, 
ist kaum glaublich. 

Zu der Schwedischen Hauptarmee war, während sie noch 
bei Flatow stand, die am Morgen des 17. bei Nauen engagirt 
gewesene Schwedische Arri^regarde nach einem Nachtmarsch 
(durch welchen sie dem Umgehungs versuch des Gen.-Maj. Lütke^ 
entgangen war) in frühester Morgenstunde gestossen. Nach einer 
Stunde Rast erhielt der Führer der 6 Arri^regardegeschütze, 
Lt. Gyllengranat, Ordre, mit dem Gros der Artillerie nach Fehr- 
bellin voraus zu marschiren, schon nach einer Stunde Weges aber 
den Befehl, schleunigst zur Armee. zurückzukehren^. Dies wird zu 
der Zeit gewesen sein, als Oberst-Lt. Beton, der an Stelle Stagl's 
das Commando der Artillerie übernommen hatte, nach Ueber- 
schreitung eines „Abzugsgraben** — des so viel genannten Land- 
wehrgrabens? — Halt machte, um die Infanterie zu erwarten'. 

Als Gyllengranat mit 7 Dreipfündem zurückkehrte, traf 
er die Armee haltend*; in der Ferne zeigten sich kleine feind- 
liche Truppenmassen ^; auch Wolmar Wrangel dürfte jetzt an- 
gelangt sein; er fand, dass einzelne feindliche Truppen die Arri^re- 
garde angegriffen hatten, aber so zurückgewiesen waren, dass 
nichts mehr von ihnen zu sehen war. Er kehrte darum wieder 
nach Fehrbellin zurück, ertheilte unterwegs Beton den Auftrag, 
ohne Aufenthalt dorthin zu marschiren, da er vor der Stadt die 
Armee in Schlachtordnung aufstellen woUe, inspicirte den Brücken- 
bau, beruhigte Staöl wegen des feindlichen Angriffes mit den 
Worten: man hat ohne Grund nach mir geschickt; einige de- 
tachirte Abtheilungen hatten die Arri^regarde angefallen, sind aber 
wieder verjagt^!** gab der Artillerie sammt dem zu ihrer Be- 
deckung commandirten Infanterieregiment Herzog von Gotha 
Anweisung zur Aufstellung vor der Stadt und verfügte sich in 

» Homburg 18*; v. Buch 27*. ^ Gyllengranat 54. 

» Beton 53. 

^ Ich möchte dies ftür die in den Brandenburgischen Relationen so 
viel genannte Aifaire an der Linumer Landwehr halten^ die ungefähr zwischen 
8 und 9 Uhr Morgens anzusetzen wäre. Dass Schwedische und Branden- 
bnrgische Berichte für das Zurückgehen der Schweden an dieser Stelle 
geradezu entgegengesetzte Gründe angeben, ist vollkommen verständlich. 

* Gyllengranat 54. 

® Homburg 19*: «es hielt anfänglich sehr hart, wie dann meine Vor- 
truppen zum zweiten Mal brav gehetzet wurden." 



Fehrbellin. 309 

sein Quartier im Amtshause; da auch der Tross angelangt, be- 
gann man die Quartiere in der Stadt auszutheilen^. 

Die Armee, nachdem sie noch eine Weile gehalten, mar- 
schirte weiter, die 7 Geschütze voran; nun aber überfiel sie der 
Feind in grosser Anzahl diesseits (d. h. von der Schwedischen Stel- 
lung bei Fehrbellin aus gerechnet) des „Abzugsgrabens*^; sie fasste 
daher Stand ^; öen.-Maj.Delwigliess die Infanterie zwischen Linum^ 
und Hakenberg aufmarschiren , wies 3 Geschütze dem rechten 
Flügel derselben zu und liess die übrigen 4 auf einer Höhe bei 
Hakenberg aufstellen, wo die Brandenburger zuerst am heftigsten 
gegen Liewen's Reiterregiment andrängten^. Auf dem rechten 
Schwedischen Flügel hatte das Infanterieregiment Delwig einen 
Hügel besetzt'^, neben welchem 4 Reiterschwadronen (Wittenberg^?) 
standen. 

Als dies geschehen — nach v. Stael's Angabe' war es 
zwischen 11 und J2 Uhr — und der Artilleriekampf begonnen 
hatte, sandte Delwig den Conducteur Willensens an W. Wrangel 
ab. Derselbe traf den General (welcher seiner eigenen Angabe 
zufolge eine Viertelstunde nach seiner Rückkehr nach Fehrbellin 
durch einen Regimentsquartier meister benachrichtigt war, dass 
starke feindliche Massen sich sehen liessen, und darauf zu Pferde 
gestiegen war*) kurz vor dem Städtchen, machte seine Meldung, 
erhielt den Befehl, schleunigst Artillerie zu beordern, und sah 
noch, vrie jener auf den' Hügel bei Hakenberg zu galoppirte, 
gerade als das Regiment Wittenberg avancirte^. Durch diese 
Angabe Tässt sich der Moment fixiren, in welchem Wrangel das 
Commando persönlich übernahm. Wir folgen hier Wrangel's 
Gefechtsbericht, der freilich die Sache so darstellt, als habe er 
von Anbeginn die Leitung in Händen gehabt. 



» W. Wrangel 30; Beton 53; Staöl 36. 37. * Willensens 56. 

' , Fernere Relation" 40*: die Brandenburgischen Vortanippen ereilten 
die Schwedische Armee eine Meile vor Fehrbellin, so dass dieselben nicht 
weiter fortkonnten. Es ist sehr zu bedauern, dass nicht auch Berichte des 
Gen.-Maj. Delwig, welcher die Infanterie führte, und von Cavallerieofficieren 
vorliegen; wir würden dann einen viel besseren Einblick in die Entwicklung 
nnd den Gang der Schlacht haben. 

* Gyllengranat 55. 

* Vgl. V. Buch 29*: l'ennemi descendait vers notre canon les piques 
baisses. 

« W. Wrangel 30. ' 46. « W. Wrangel 30. ' Willensens 56. 



310 6. SeUo. 

Etwa 200 Schritt vor der Höhe, welche, wie gesagt, das 
Regiment Delwig besetzt hatte, lag ein kleiner, mit Eichengebüsch 
bewachsener Hügel, auf dem die Brandenburger 4^ Geschütze 
aufstellten — die berühmten Kanonen, um welche sich der ganze 
Kampf drehte — , mit denen sie, obwohl die Anhöhe keineswegs 
die SteUung der Schweden überhöhte^, den Gegnern grossen 
Schaden zufügten. Gen.-Maj. Delwig Hess daher 4 Compagnien 
seines Infanterieregiments dieselben angreifen ; Wrangel's Angabe 
nach wurden sie sammt ihrer aus Dragonern bestehenden Be- 
deckung dadurch veranlasst, zurückzugehen; 2 Brandenburgische 
Escadrons suchten den Angreifem in den Rücken zu kommen, 
wurden aber durch 2 Escadrons vom Gavallerieregiment Graf 
Wittenberg geworfen*. 

Dies ist also der Moment, in welchem Wolmar Wrangel 
selbst in die Action eingrifiP. Da er fand, dass ein vorliegender 
langgestreckter Höhenzug ihm den Ueberblic^ über die gegneri- 
schen Streitkräfte unmöglich machte, liess er das erste Treffen seines 
rechten Flügels* bis auf dessen Gipfel vorrücken; bei dieser Gelegen- 
heit ritt Oberst Adam Wachtmeister mit seinem Ost-Gothländischen 
Regiment ohne Befehl und ohne auf ihm nachgesandte Ordre zu 
hören, eigenmächtig aus der Linie heraus zur Attacke vor, trieb zwar 
die zunächst befindlichen Brandenburger bis in die Ebene zurück, 
wurde hier aber vom Regiment Mörner derartig geworfen, dass 
die Fliehenden Verwirrung in die Reihen der übrigen Schwadronen 



* Der bei v. Witz leben u. Hassel reproducirte, von Gottfr. Bartsch 
gestochene (also annähernd gleichzeitige) Gefechtsplan zeigt zwei Geschütze ; 
ebensoviel e nennt der Text za dem Plan im Theatrum Europaeum. 

' V. Buch 28*: notre canon — etant ä peu-pres aussi haut qu'eux, 
mais nos troupes Tetaient point. Die Ortstradition nennt den jetzt ab- 
getragenen „Grasberg** oder „Kurftirstenberg", um den hauptsächlich der 
Kampf tobte, W. Schwartz, Sagen und alte Geschichten, 1871, S. 123. 

* V. Buch 28*: zum Schutz der Kanonen waren eine Escadron Tra- 
banten und drei Escadrons vom Regiment Anhalt aufgestellt; der Text 
zum Stich von Bartsch erwähnt unter Nr. 6: „die erste Attaque des An- 
haltischen Regiments, welches zuerst auf die Delwig'schen gegangen und 
poussiret worden"; nach dem Stich selbst stiess das Regiment Anhalt auf 
das Regiment Wittenberg; vgl. auch das Schreiben des Kurfürsten (7*), 
welches der Flucht des Anhaltischen Regimentes gedenkt. 

* V. Buch 28* : Tennemi voyant que nos canons Tincommodaient fort — 
faisait avancer de ce cöt^-lä un regiment d'infanterie, en mSme temps qu^il 
faisait aussi marcher Taile droite de sa cavallerie. 



Fehrbellin. 311 

brachten; bei dem Zusammenstoss fielen sowohl Wachtmeister 
als Mörner^. Nun griffen 10 Brandenburgische Schwadronen die 
10 Schwadronen von Wittenberg, Bünau und Bülow an, wobei 
das Regiment Kurprinz stark mitgenommen, dessen Oberst-Lt. 
Strauss schwer verwundet wurde*. Da immer frische Branden- 
burgische Reiter anrückten^, sah sich der rechte Schwedische 
Flügel, wie Wrangel sagt, genöthigt, auf Kanonenschussweite 
zurückzugehen^; während dieser „Unordnung" (under hvilken 
oreda) wurde das Regiment Delwig ,, fast vollständig** aufgerieben^; 
je zwei Schwadronen der Regimenter Liewen und Buchwald eilten 
vom linken Flügel herbei, und es glückte ihnen, den völlig um- 
zingelten Wrangel herauszuhauen. 

Wrangel fährt nun fort : mit Hilfe der sich näher ziehenden 
Infanterie sei es ihm möglich geworden, den weichenden rechten 
Flügel wieder zum Stehen zu bringen. Die feindlichen Linien hätten 
so gCin Paar Stunden** sich gegenüber gestanden^; dann hätte 

* Nach des Landgrafen von Hessen-Homburg (19*) Mittheilung wurde 
Momer an seiner Seite Knall und Fall erschossen; dies erscheint glaubwürdiger 
als E. G. Wrangel's Angabe (62*), Wachtmeister habe denselben mit dem 
Degen durchstossen ; es ist hier von dem bei v. Buch 29* etwas verworren 
geschilderten Zusammenstoss die Rede; aus letzterem Bericht geht, den 
Schwedischen bestätigend, hervor, dass die Bedeckung der Geschütze (deren 
erste Attaque abgewiesen) nun ihrerseits vor Schwedischer Cavallerie (Wacht- 
meister) zu fliehen begann, und dass letztere durch Dörffling, Mömer, Götze 
wieder geworfen wurde. 

^ V. Strauss führte das Regim. Kurprinz (v. Mülverstedt, die Kriegsm. 
d. Gr. Kurf. 118); speciell seine Escadron ,kam sehr zu kurz*^, da sie um- 
zingelt wurde; er erhielt fünf Wunden (v. Heimburg 47*; Homburg 19*). 

' V. Buch 29*: car tous nos gens ne pouvant point combattre tout ä 
la fois, y allant seulement a mesure qu'ils arrivaient. 

■* Vgl. «Fernere Relation* (40*): darauf (d. h. nach der Vernichtung 
des Regiments Delwig) wiche der Feind und retirirte sich in Eil, jedoch 
in guter Ordnung, nach dem Dorfe (Hakenberg). 

* V.Buch 29*: les notres, ayant repoussä touteleur aile droite, 
prenaient le dit regiment tant en flancq qu'en t^te, et alors ils le renversaient 
tout-ä-fait u. s. w. — Nach Stael 42 wäre noch ein Stamm von 200 Mann 
übrig geblieben, welcher dem Regiment Herzog von Gotha einverleibt worden 
sei. Der Gommandeur des Regiments, „dem man kein Quartier geben 
wollen* (K. G- Wrangel 62*), Oberst-Lt. v. Maltzahn, fiel hier. — Bei Bemer 
(S. 195) hat sich dies folgendermassen gestaltet: ^Mit gewaltigen Stössen 
drang die Schwedische Infanterie vor^ musste aber nach heissem Kampf zum 
Theil vollständig aufgerieben, weichen*. 

* Hierauf stützt Man kell S. 65 seine Angabe, W. Wrangel habe nach 



312 ö. Sello. 

er Befehl zum Marsch nach Fehrbellin gegeben, die Branden- 
burger aber wären 1 Meile vom Schlachtfelde zurückgegangen. 

Diese letzteren Behauptungen werden widerlegt durch die 
Worte der Einleitung, welche Weimar Wrangel seinem Berichte 
vorausschickt, und durch die Specialberichte anderer Officiere. 

In ersterer heisst es: „Ew. Kgl. Maj. Armee würde ohne 
Zweifel einen unersetzlichen Verlust erlitten haben, wenn nicht 
der allerhöchste Gott auf wunderbare Weise uns aus der Situa- 
tion, in der wir uns hier und da befanden, gerettet hätte; doch 
ausser Gottes Allmacht, welcher wir im weitesten Masse und 
ausschliesslich unsere Rettung zuzuschreiben haben, muss man 
den Officieren Gerechtigkeit angedeihen lassen, u. s. w.** Die vor- 
liegenden Berichte der letzteren gewähren aber ein weit weniger 
günstiges Bild, als Wrangel's Schilderung. 

Nachdem Conducteur Willensens in der Nähe von Haken- 
berg sich, wie wir gesehen, vom General getrennt, um nach 
der Stadt zu reiten, traf er unmittelbar darauf, ^/i Meilen von 
Fehrbellin, ebenfalls nicht weit von Hakenberg ^ entfernt, den 
Oberst-Lt. Beton , der , ohne Befehl , mit 4 Sechs- und 
4 Dreipfündern auf den Kanonendonner losmarschirte. Nachdem 
letzterer noch einen Büchsenschuss weiter avancirt war — der 
Marsch ging langsam, da die Pferde seit dem Aufbruch von 
Nauen nicht ausgespannt und die Wege schlecht waren — , kam 
ihm bereits „der rechte Flügel in voller Flucht^, mit Pauken 
und Standarten** entgegen, v. Stael's Bemerkung^, dass die 
Niederlage der Armee schon entschieden gewesen, als Wolmar 
Wrangel hinauskam, oder richtiger, als Wachtmeister's fliehende 
Schwadronen Verwirrung und Schrecken in die Reihen der Ca- 
vallerie des rechten Flügels trugen, dürfte daher wohl richtig 
sein. Zwei andere Zeugnisse unterstützen dies. Der mehr- 
erwähnte Conducteur Willensens ritt, nachdem er Beton getroffen, 
erst zur Artillerie vor der Stadt, dann zu Gen.-Maj. Staöl, wo 

dem anfänglichen Zurückweichen seines rechten Flügels .zwei Stunden ** in 
der Umgebung von Tarmow Posto behalten. 

^ Beton, S. 53 sagt: als ich ca. '/^ Meilen oder bis zu dem zweiten 
Dorf gekommen; das erste Dorf von Fehrbellin aus ist Tarmow. 

* Vgl. „Fernere Relation** (40*): der Feind erreichte endlich halb 
laufend den Fehrbellin'schen Pass. 

» V. Stael 46. 



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Fehrbellin. 313 

zugleich mit ihm Gen.-Adjut. Zabell mit erneutem Verlangen nach 
Greschützen anlangte. Nachdem er diesen verlassen, um wieder 
auf das Schlachtfeld sich zu begeben, stiess er , sofort* auf 
Paukenschläger und einen grossen Haufen Cavallerie, worunter 
viele Verwundete, und fand die Armee „mehr als halbwegs vom 
Schlachtfelde auf dem Marsch nach Fehrbellin*'. 

V. Sta6l aber, der, nachdem er Willensens' Meldung empfan- 
gen, sofort zu Pferde gestiegen war, jedoch erst noch dem mit 
Abstecken des Lagers beschäftigten Quartiermeister Tyreson die 
weitere Beaufsichtigung des Brückenbaues übertragen und der 
Artillerie Verhaltungsmassregeln gegeben hatte, traf, als er 
kaum Zabell's Auftrag entgegengenommen, also unmittelbar 
vor der Stadt, Flüchtlinge vom rechten Flügel, welche ihm 
zuriefen, dass die Armee nicht weit zurück und der Feind ihnen 
dicht auf der Ferse sei. Den Weg, den die Fliehenden kamen, 
entlang auf eine Anhöhe reitend, sah er die Armee „am Morast 
zur Linken, den Feind aber weit zurück zur Rechten** ; und nach- 
dem er die Aufstellung der Truppen um die Stadt berichtet, 
hält er es für nöthig, hinzuzufügen: „der Feind hatte sich zurück- 
gezogen." 

Als StaSl hinausritt, war der Brückenbau noch nicht voll- 
endet; dies geschah erst zwischen 3 und 4 Uhr; es mag daher 
1 oder 2 Uhr gewesen sein, als die geschilderten Vorgänge sich 
abspielten. Doch kehren wir noch einmal auf das Schlachtfeld 
zurück. 

Als Beton die Flüchtigen an sich vorüberjagen sah, machte 
er den Versuch, sie aufzuhalten ; es gelang ihm, etwa 200 Mann 
zur Umkehr zu bewegen; „ein grosser Theil" eilte weiter nach 
Fehrbellin. Darnach traf er Wolmar Wrangel und Wittenberg; 
während er mit ihnen sprach, kamen 8 Brandenburgische Schwa- 
dronen von rechts über einen Hügelrücken, der Kurfürst persön- 
lich an der Spitze. Beton Hess abprotzen, richtete selbst zwei 
Sechspfünder auf den nächsten Haufen und traf mit dem ersten 
Schuss des Kurfürsten „Oberstallmeister" (Frohen*) und den 



^ Dass dies auf der Verfolgung des fliehenden rechten Schwedischen 
Flügels geschehen, bestätigt v. Buch 30* : ,le reste de leur arm^e se retirait 
vers le dit village (Hakenberg) '^ - - - nous les accompagnions toujours a 
cote, leur tirant continuellement des coups de canon, et ils nous faisaient 



314 G. Sello. 

Leibreitkiiecht (lifknekt), die neben dem Kurfürsten ritten; der 
zweite Schuss ging dem Pferd des Kurfürsten unter dem Bauch 
hindurch; auch die übrigen Geschütze feuerten. Der Kurfürst 
hätte nun seine Truppen auf die Ebene jenseits des Hügels 
zurückgezogen, und Beton's 8 Geschütze seien auf Wrangel's 
Befehl wieder nach Fehrbellin abgefahren. ^Nachdem die Action 
vorüber*, erhielten auch die übrigen 7 Kanonen, welche sich von 
vornherein am Gefecht betheiligt hatten. Ordre, zurückzugehen; 
da aber die Pferde müde, die Fahrer zum Theil ausgerissen und 
der Weg durch das Dorf Hakenberg sehr schlecht, wurden 100 
Infanteristen vom Regiment Schwerin commandirt, das eine zu 
ziehen, während dessen Bespannung und Officierspferde von 
Beton's Abtheilung zur Fortschaffung der übrigen verwendet 
wurden. 

Da „der Feind nachdrängte*, Hessen die wider willigen Sol- 
daten das unbespannte Geschütz „eine Viertelmeile vor Fehrbellin* 
in einen Graben stürzen, wo es später von den Brandenburgern 
gefunden wurde ^. 

Die Schwedische Armee sammelte sich um Fehrbellin, die 
Cavallerie ausserhalb, die Infanterie innerhalb der Yerschanzungen^, 
auf denen 3 sechspfündige und 2 dreipfündige Kanonen auf- 
gefahren wurden^. Die Brücke wxirde zwischen 3 und 4 Uhr 
fertigt; mit Anbruch der Dunkelheit ging die Avantgarde, das 
Infanterieregiment Hörn und der Tross, soweit er sich nicht in 
den Strassen der Stadt festgefahren hatte, hinüber, mit Tages- 

aatant, Tun desqnels etc. — Die Namen der Personen erfuhr Beton erst 
später von dem bei Wittstock gefangenen Gen.-Maj. Götze. — Der berühmte 
Gobelin im Berliner HohenzoUem-Mnseum zeigt, Betons Bericht entsprechend, 
zwei gestürzte Reiter in der Nähe des Kurfürsten (Abbildung bei Stacke, 
Deutsche Gesch. II, 340); der zweite wäre Uhle gewesen (v. Witzleben, 
Hassel S. 70*; W. Schwartz, Bilder aus der Brandenb.-Preuss. Geschichte 
1875, S. 104 ff. 107). 

^ Jedenfalls schon am Schlachttage, Schreiben des Kurfürsten aus 
Linum vom 18. (6*). Gyllengranat 55. Bengtson 55, 56. 

' Gen.-M£g. Grothusen hatte dieselben nach der Einnahme am 22. Mai 
anlegen lassen (v. Witzleben-Hassel 63, Anm. 2). 

» Sta61 37. Beton 54. 

* Im Hauptquartier des Kurfürsten hatte man davon keine Ahnung; 
zum 19. Morgens bemerkt v. Buch 31*: nous etions bien ^tonn^s de voir, 
qu'ils avaient refait le pont, et que presque toute leur arm^e etait pass^e. 
Stael 37. 



Fehrbellin. 315 

anbruch am 19. zuerst die Cayallerie, dann die Artillerie und 
Infanterie^, von welcher eine Brigade des Regiments Gotha in 
den Yerschanzungen den Rückzug decken sollte^. Da aber die 
Infanterie sehr eilte ^, und immer noch Trosswagen nach der 
Brücke drängten, entstand hier, zumal als die Brandenburger 
sich wieder sehen liessen, eine grosse Verwirrung, in der die 
Artillerieofßciere mit Hauen und Stechen einen Weg zu bahnen 
suchten ; da ausserdem Gen.-Adjut. Zabell von 6en.-Maj. Delwig 
den voreiligen Befehl zum Abreissen der Brücke brachte*, mussten 
die 5 Geschütze aus den Yerschanzungen, deren Bedienung sich 
gerettet hatte, in der Stadt zurückgelassen werden. Zwischen 
den eindringenden Brandenburgern und der auf dem andern Rhin- 
ufer befindlichen Schwedischen Nachhut entwickelte sich noch 
ein resultatloses Feuergefecht*; dann marschirte die Armee noch 
3 Meilen an diesem Tage, also etwa bis Rägelin^; y. Sta^F gibt 
an, Artillerie und Bagage hätten bei Dosse (Dossow, dicht bei 
Wittstock, diesseits des Scharfenberges) bivouakirt; dies ist mit 
Rücksicht auf die Ankunft in Wittstock am folgenden Tage und 
der Weite des Weges, ca. 5 Meilen, schwerlich richtig; entweder 
ist Rossow oder der Uebergang über die Dosse bei Fretzdorf 
gemeint. Am Sonntag den 20. Vormittags^ kam die Avantgarde 



* So V. StaSl (37); W. Wrangel (31) sagt, die ganze Armee Bei bis 
auf eine Brigade am 18. Abends über die Brücke gegangen. 

' V. Buch 31*: nous ponvions voir leur retranchements , que nous 
trouvions encore gaardes par des gens habilles rouge, qu'on disait @tre le 
regiment du prince de Gotha, et voyant k leur contenance^ qu'ils n'avaient 
pas trop grande resolution de tenir bon — car leurs piques mdlaient toi\joars 
confasement les uns avec les autres etc. 

' Die Artillerie wurde in ihrem Marsche sehr gehindert .von der nach- 
drängenden Infanterie und dem Tross" (Sta6'l 37). 

* Wrangel 31 ; Staöl 38. 46 ; Pavenfeld 57. v. Buch 31* berichtet, 
die Brücke wäre gebrochen gewesen, und die Schweden hätten versucht, 
sie wieder herzustellen, seien aber durch die andringenden Brandenburger 
daran verhindert worden. 

' Berner(196) schliesst seinen Schlachtbericht : Endlich zog sich der 
Feind nach Fehrbellin zurück, suchte am nächsten Morgen zu ent- 
kommen, aber der Rückzug artete zuletzt in volle Flucht aus, 
und die ganze Mark mussten die Schweden räumen. 

« W. Wrangel 31. W. Stael 38. 

' K. G. Wrangel 27: Morgens; Beckmann, Kurmark II, 2, Sp. 298: 
gegen 1 Uhr. 



316 G. Sello. 

vor Wittstock an, fand die Brücken durch den am Tage vorher 
abgezogenen Reichsmarschall abgeworfen, und musste sich die 
Oefl&iung der Thore, welche die zur Vertheidigung bereit stehen- 
den Bürger verschlossen hatten, durch einige Kanonenschüsse 
erzwingen^; am Abend desselben Tages bezog die Hauptarmee ein 
Lager auf dem Scharfenberge vor Wittstock, auf welchem 30 Jahre 
früher die Schweden einen so glänzenden Sieg über die Kaiser- 
lichen erfochten hatten*; Wrangel berichtet, dass während des 
Marsches dieses Tages Oberst Buchwald mit der Arrieregarde 
ein glückliches Gefecht beim Defil^ von Haberkow, 1 Meile vor 
Wittstock, bestanden habe ; der Herausgeber Mankell ändert den 
Namen in Daberkow; es* gibt aber in dieser Gegend kein Dorf, 
welches so oder so heisst ; Dabergotz, 1 V« Meilen von Fehrbellin, 
kann nicht gemeint sein, da dieses schon auf dem ersten Marsch- 
tage berührt wurde. Dass ein Gefecht an diesem Tage stattfand, 
ist übrigens zweifellos; als der Kurfürst, der am 20. Mittags von 
Fehrbellin aufgebrochen, Abends nach 8 Uhr jenseits Walsleben, 
2 kleine Meilen von Fehrbellin, angekommen war, erhielt er die 
Meldung, dass seine Vortruppen sich an den Feind gehängt; da 
man auch zwei Salven hörte, wurde beschlossen, sofort weiter 
und die Nacht hindurch zu marschiren^; nach v. Buch^ machte er 
jedoch in dem noch eine Meile weiter belegenen Rägelin um 
9 Uhr einen Halt von 3 — 4 Stunden. 

Am 21. Morgens^ 9 Uhr begann der Durchmarsch der 
Schweden vom Scharfenberg durch die Stadt^; kaum waren sie 
hindurch, so erschien der Kurfürst, doch nicht von der Seite des 

^ V. Stael 38; Beckmann 1. c. 

' W. Wrangel 31. Beckmann 1. c. — Vgl. R. Schmidt, Die Schlacht 
bei Wittstock, 1876, und meine Bemerkangen dazu «Bär" III, 49 ff. 
' V. Heimbrn-g 48*. * v. KeBseTs Ausgabe I, 130. 

* Von hier ab beginnt in W. Wrangel's Bericht ein eigenthümlicher 
chronologischer Irrthum hinsichtlich der Marschetappen, dem auch Mankell 
verfällt. Danach hätte die Armee am 21. auf dem Scharfenberg gerastet» 
und zugleich die Thore von Wittstock durch Artilleriefeuer geöffnet; am 
22. sei sie weiter marschirt und habe hinter Wittstock das kleine Arriere- 
gardegefecht, in welchem (xl.-Maj. Götze gefangen wurde, gehabt. Dass 
V. Sta^rs Relation, der ich oben gefolgt bin, richtig ist, ergibt sich, ausser 
aus Beckmann's bezüglicher Notiz, aus dem Bericht v. Heimburg's (48*) und 
dem Tagebuch v. Buch's (v. Kessers Ausgabe I, 131), wonach der Kurfürst 
am 22. bereits wieder in Garz bei Fehrbellin war. 

• Beckmann 1. c; Stael 38. 



Fehrbellin. 317 

Scharfenbergs, sondern auf dem andern Dosseufer, von Goldbeck 
her; Gen.-Lt. öörtzke und die Gen.-Maj. Götze und Lütke unter- 
nahmen eine Becognoscirung jenseits der Stadt, wurden aber von 
Truppen der Arri^regarde beim ^Besemerholz" überfallen^ und 
zurückgetrieben, wobei Gen.-Maj. Goetze in Gefangenschaft gerieth; 
T. Gansauge ^ lässt diesen Ueberfall am Scharf enberge, den er 
jenseits Wittstock verlegt, stattfinden, und v. Witzleben* schreibt 
ihm dies nach. Die DörfiPlinger' sehen Dragoner besetzten nun 
die Stadt; da aber Nachricht einlief, dass die Schweden um 
10 Uhr Abends sämmtlich abmarschirt, begab sich auch der 
Kurfürst am nächsten Morgen 3 Uhr zurück nach dem von den 
Schweden stark heimgesuchten Dorfe Garz (zwischen Fehrbellin 
und Wusterhausen), wo das Hauptquartier am 22. war, und auch 
F. Buch sich wieder einfand. 

Die Schweden marschirten in der Nacht vom 21. zum 22. 
bis Freienstein, und hatten auf dem Wege nach Plauen an 
letzterem Tage noch ein Gefecht mit 150 Brandenburgischen 
Reitern, die sich selbstverständlich mit Verlust zurückziehen 
mussten'^. ,» Während der Tage, die wir durch Mecklenburg 
marschirten, desertirten die Meisten, wni die Noth war sehr 
gross**, so schliesst v. Stagl's Diarium, soweit dasselbe von Man- 
kell mitgetheilt ist. 

Es erübrigt nun noch, sich nach dem Verbleib des Reichs- 
marschalls Carl Gustav Wrangel umzusehen, dessen Gebrechlich- 
keit den Feldzugsplan des eigenen Heeres vereitelt^, zugleich aber 
schreckliches Elend über die Mark gebracht, und der in diesen 
Tagen eine wenig beneidenswerthe Rolle spielte. Wann und wie 
er den Fall Rathenows erfahren, ist nicht bekannt; genug, am 
Tage darnach, am 16., brach er, nachdem verschiedene Boten 
mit dem Befehle an seinen Stiefbruder Wolmar, über Fehrbellin 
sich mit ihm zu vereinigen, abgesendet, von denen indessen keiner 
sein Ziel erreichte, nach Neustadt auf, seine beiden Infanterie- 
regimenter und die 1000 Reiter seiner Escorte in Havelberg 
zurücklassend. 



» Beckmann 299-, V. Heimburg 49*. « S. 77. ' S. 99. * Sta61 38. 

^ Vitry an den König (57*) : le malheur qui vient d'arriver ä cette 

arm^, qui n'a dt6 causa que par l'absence de Mr. le Grand-Conn^table et 

que ses incommodit^s ont retarde de quinze jours Texecution du passage 

de l'Elbe. 

Deutsche Zeitschr. f. Oeschichtaw. 1892. Vn. 2. 21 



318 G. Sello. Fehrbellin. 

Von dort sendete er Oberst-Lt. Trepp aus, die Verbindung 
mit der Armee über Fehrbellin zu suchen ; als dieser, bei Mancker 
von Oberst-Lt. Hennigs überfallen, unverrichteter Sache in der 
Nacht vom 16. zum 17. zurückkehrte, gab er den Truppen in 
Havelberg Ordre, ihm sofort nach Wittstock zu folgen. Er selbst 
machte sich am 18., dem Tage der Schlacht, auf den Weg, traf 
in. Kyritz den Feldmarschalllieutenant 6raf Eönigsmarck ^, gelangte 
mit diesem und dem im Hauptquartier befindlichen Französischen 
Gesandten de Vitry am Abend nach Wittstock und nahm im 
Amtshause Quartier*. 

Am 19. früh Morgens um 4 fand sich dort auch der, nach- 
dem er den Rhin durchschwömmen, aus Fehrbellin geflüchtete 
General-Kriegscommissarius Oernstedt ein', welcher eine so über- 
triebene Schilderung von der Schlacht machte, dass der Marschall, 
der sich bisher in einer Sänfte hatte tragen lassen, sogleich zu 
Pferd stieg, und schleunigst über Plauen und Malchin nach 
Demmin retirirte, wo er am 20. mit all seinen Leuten «wohl 
anlangte", höchlichst verwundert, von der Armee nicht die ge- 
ringste Nachricht erhalten zu haben, die er denn auch erst am 
22. empfing. 

^ Mit seinen Truppen? E5nigsmark hatte im Mai Befehl erhalten, 
mit seinen um Bremen liegenden Streitkräften zum Herzog von Hannover 
zu stossen (Mardefelt 19). 

^ Beckmann 1. c. Nach demselben Gewährsmann Sp. 183 wäre er 
erst in der Nacht des 18. von Kjritz nach Wittstock aufgebrochen. 

' qui s'etait sauvä k nage, tout rempli d*un frayeur qui n'est pas 
imaginable (Vitrj 56*); Text zu Romeyn de Hooge's Radirung: die door't 
water vlucht en de veldtheer Wrangel waerschout. 



Kleine Mittheilnngen. 

Die Handschriften der „Istorie pistolesi^^ In meinen ^Stadi 
pistoiesi** (Siena, 1889) habe ich mich eingehend mit den ,Istorie 
pistolesi" beschäftigt, jenem aach für Fiorentinische und Reichs* 
geschichte wichtigen Geschichtswerke des 14. Jahrhunderts, dessen 
Verhältniss znr übrigen Toscanischen Historiographie bisher wenig 
aufgeklärt war. Man kennt weder den Autor noch 'das Jahr der 
Abfassung dieser Chronik, deren hohe Zuverlässigkeit ich erwiesen habe 
and deren sprachliche Vorzüge allgemein anerkannt sind. Von ihrem 
materiellen Inhalt ganz abgesehen, haben die ^Istorie pistolesi" (ein 
Name, den ihnen Vincenzo Borghini beigelegt hat) angesichts 
des Streits um Dino Gompagni's Florentiner Chronik noch ein ganz 
besonderes Interesse dadurch, dass sie zweifellos vor das Jahr 1348 
zurückgehen und sohin, neben Giov. Villani, das älteste Italienische 
Geschichtswerk im modernen Sinne vorstellen. 

In meiner oben genannten Schrift konnte ich feststellen, dass der 
Text der Chronik auf eine einzige Papierhandschrift (Cod. Magliab. 
cl. XXV. cod. 28) zurückgeht; die Vincenzo Borghini, dem Prior der 
Innocenti, einem der vorzüglichsten Humanisten von Florenz, gehört 
hat, welcher sie denn auch selbst mit einer dieses trefflichen Mannes 
durchaus würdigen Einleitung im Jahre 1578 bei den Giunti in 
Florenz herausgegeben hat. Alle späteren Ausgaben ^ gehen bloss 
auf diesen Druck zurück; die Handschrift Borghini^s galt fGLr ver- 
schollen '. Dieselbe findet sich heute, wie gesagt, in der National- 
bibliothek zu Florenz unter der Signatur cl. XXV cod. 28. Sie ist 
durchwegs von einer einzigen Hand geschrieben, welche dem Ende 



* Firenze, Tartini e Franchi. 1738 in 4**; Muratori, Scriptores Rerum 
Italicarum, tom. XI; zuletzt: Prato, Guasti. 1835 in 8*^. 

* Letztgenannte Ausgabe, Prefazione p. III: ,^ perduta oggi di del 
tutio la notizia di quel teste, il quäle, capitato in mano di persona non 
conoscitrice del suo pregio, sarä stato per awentura lacerato o dato in 
preda alle fiamme* - • -. 



320 Kleine Mittheilungen. 

des 14., spätestens Anfang des 15. Jahrhunderts angehört und zum 
Schluss unter dem Datum des 22. Dezember 1396 einen Vermerk 
beigefügt hat, der einen Jacopus Franceschini de Ambrosiis 
als Schreiber (Ego--- scripsi) nennt. Es ist niemals jemandem 
eingefallen, diesen Jacopo für den Autor der Istorie pistolesi zu 
halten. Doch ist der Vermerk interessant, weil er beweist, dass die 
Handschrift schon am Ende des 14. Jahrhunderts in Pistoia selbst 
abgeschrieben worden ist. Die Ambrogi sind eine alt« Pistoieser 
Patrizierfamilie, welche auf der Sala, dem Marktplatz, einen ihrer 
Thürme^ und in der Cappella Sancti Anastasii ihre Häuser^ hatte. 
Ser Piero di Alessandro de* Ambrogi war, den Angaben der Prioristen 
nach, Gonfaloniere im Jahre 1348*. — Die Ausgabe, welche auf 
Grund dieser einzigen Handschrift Vincenzo Borghini veranstaltet 
hat, ist im Ganzen vortrefflich zu nennen ; doch entspricht sie natür- 
lich nicht den heutigen Anforderungen der Kritik, insbesondere dess- 
halb, weil indessen neue Handschriften des Werkes zum Vorschein 
gekommen sind, von denen ich' im Folgenden Eechenschaft geben will. 

unter den Codices palatini der Nationalbibliothek zu Florenz, 
welche im Auftrag der Regierung catalogisirt werden^, hat man eine 
bis jetzt unbekannte Handschrift der „Istorie pistolesi" gefunden, 
welche unter Nr. 683 beschrieben ist. Dieselbe ist verhftltnissmässig 
jung, denn sie stammt aus dem 16. Jahrhundert, und zwar höchst 
wahrscheinlich aus dem Jahre 1561, lohnt aber reichlich die Mühe 
einer Vergleichung mit dem Borghini'schen Texte, weil sie, wie ich 
im Folgenden zu zeigen versuchen will, auf eine von diesem ver- 
schiedene Handschrift zurückgeht. 

Auch der Copist des Palatinischen Codex nennt sich selbst und 
unterrichtet uns über seine Persönlichkeit. Er hiess Magni und ist 
Geistlicher in einem Flecken der Montagna pistoiese gewesen, Pupiglio, 
einem heute noch blühenden Städtchen, das an der Provinzialstrasse 
liegt, welche von S. Marcello nach den Bädern von Lucca führt. Allein 
auch er kennt den Autor der Schrift nicht. Der Name desselben war 
sohin in Pistoia selbst um die Mitte des 16. Jahrhunderts verschollen; 



^ Catasto del 1415, Archivio del Comune di Pistoia, filza 699. c. 118: 
,in Bulla Sala, sotto la torre delli Ambrogi**. 

* Ibidem C.109: „Una bottega o traffico nel presto dellaNave 
posto sotto casa delli Ambruogi nella cappella di S. Nastazio*. 

^ Im Allgemeinen vgl. über die ältere Geschichte der Familie: Michel- 
angelo Sal vi, Delle historie di Pistoia, tom. 2. (Pistoia, Fortunati. 1657), 
tavola di nomi, pag. 26 und besonders 164. 

* I Manoscritti della R. Biblioteca Nazionale Centrale di Firenze. 
Codici Palatini, vol. 2, fasc. 8. 



Die Handschriften der Istorie pistolesi (L. Zdekauer). 321 

eine auffallende Thatsacbe, wenn man bedenkt, dass Giovanni Villani 
höchst wahrscheinlich und Giannozzo Manetti sicherlich die „ Istorie 
pistolesi" gekannt habend ^L'autore di esso* (nämlich des Breve 
comentario de la divisione di Pistoia), sagt unser Copist, „non m' ^ 
noto; ma T ho ritratto da un libretto d'un cittadino Pistorese, quäle 
era la compositione stessa e scritto in penna". 

Das Auffallende an der Handschrift des Magni, deren Vorlage 
sich somit in Pistoia befand, liegt nun darin, dass dieselbe ein An- 
fangscapitel enthält, welches im Codex Borghini — und sohin in allen 
Ausgaben — fehlt; während sie bereits auf S. 211 des Borghini'schen 
Textes endet, also weder das Schlusscapitel über die Aerzte von Fans, 
noch jenes über den Tod des Papstes Bonifaz enthält, welche Jacopo 
de' Ambrogi seinem Texte zugefügt hat, ohne dass dieselben mit den 
, Istorie pistolesi* das Geringste zu thun hätten. 

Es lässt sich nun weiter mit Sicherheit darthun, dass die „Istorie 
pistolesi* den gelehrten Annalisten des 16. und 17. Jahrhunderts, 
welche die Geschichte von Pistoia geschrieben haben, eben in der 
Form des Codex palatinus vorlagen, und dass derselbe auf einer 
besseren Ueberlieferung ruht als die Handschrift Borghini*s. 

Das Eingangscapitel, von dem oben die Rede war, berichtet von 
grossen Erdbeben, die im Anfang des Jahres 1300 acht Tage lang 
gedauert haben sollen. Die Bevölkerung verliess die Wohnungen und 
übernachtete vor der Stadt auf der Piazza San Francesco. Das Ge- 
wölbe über dem Altar Sanct Martin 's im Dome stürzte ein; in ihrer 
Todesangst versöhnten sich alte politische Gegner und gaben sich auf 
offener Strasse, auf den Knieen, den Friedenskuss. Kaum aber war 
die Gefahr vorüber, so gingen die Parteiungen von Neuem an. — 
An diesem Punkte angelangt, knüpft die Erzählung an den Text 
Borghini's an. „Passato il pericolo , in che s' erano trovati , poco 
sterono li Pistolesi, che ritornarono a cozzarsi insieme, non obstante 
li segni, che Dio haveva lor mostrati. Ne la ditta cittä erano assai 
nobili e possenti cittadini, fra quali era una schiatta, quali si chia- 
mavano de* Cancellieri" und so fort. 

Der Text des Borghini hat eine von dieser ganz verschiedene 
Einleitung, welche dem Werk einen besonderen Charakter aufzudrücken 
sucht, indem sie erklärt, dass in den „Storie di questo scrittore" 
eben der Ursprung und die Geschichte der Pai*teiung der Weissen 
und Schwarzen solle beschrieben werden. Der Ton dieses ersten 

* Vgl. die Ausgabe von Prato (1835) auf pag. viij ff. der Einleitung. 
Machiavelli möchte eine uns verlorene Pistoieser Chronik vorgelegen haben, 
da er von den Storie pistolesi unabhängige Angaben macht. S. meine 
Studi pistoiesi, pag. 34. 



322 Kleine Mittheilangen. 

Capitels verräth m. E. die spätere Hand. Der Autor spricht in dritter 
Person von sich selbst, und trachtet zusammenzufassen, was er im 
Folgenden sagen will. Er fuhrt sich nicht selbstredend ein, wie Dino 
Compagni und Giovanni Villani es thun ; und was er als den angeb- 
lichen Inhalt seines Buches ankündigt, entspricht bloss dem Inhalt 
der ersten Capitel, während der Best sich mit ganz anderen Dingen 
beschäftigt ; vermuthlich desshalb, weil die Nachkommen sich für den 
Ursprung der Parteiung in Bianchi e Neri am meisten interessirten. 

Die Eingangsworte des Palatinischen Codex können keine Er- 
findung des Magni sein. Es finden sich die darin berichteten That- 
sachen Wort für Wort schon in dem Annalisten Pandolfo Arfa- 
ruoli (t 1636) dessen „Historie" sich handschriftlich im Gapitelarchiv 
befinden'; und auf ihn gehen Salvi (1. c. vol. I, pag. 259-— 260) und 
Fioravanti (Memorie storiche della citt4 di Pistoia. Lucca 1758. 
pag. 244, zum Jahre 1298) zurück. Die Sprache ist durchaus alter- 
thümlich und das Wort „bastö'^ hat dem Magni selbst zu denken 
gegeben. (»Questo flagello bastö otto di interi'* etc.) Die Einleitung 
der Palatinischen Handschrift entspricht auch besser dem Charakter 
des Werkes, das keineswegs bloss eine Geschichte der Bianchi e Neri, 
sondern der politischen Parteien überhaupt sein will, und folglich 
der Entstehung der ersteren vorgreift. Sie knüpft besser an die Er- 
zählung der Geschehnisse an als der Borghini'sche Text, und während 
das Eingangscapitel des letzteren , eben weil es eine allgemeine Ein- 
leitung der ganzen Schrift sein will, Zweifel erregt, trägt jenes der Pala- 
tinischen Handschrift alle Merkmale der Ursprünglichkeit. 

Eine Yergleichung der beiden Handschriften bestärkt diese Beob- 
achtungen. Der Copist des Palatinischen Codex hat den ihm vor- 
liegenden Text vielfach missverstanden, absichtlich geändert, und 
falsch corrigirt. An der Stelle, wo es heisst, Messer Bertacca sei ein 
cavalier gaudente gewesen, hat er aus diesem einen consigliere 
grande gemacht. Dennoch geht er auf einen Text zurück, der voll- 
ständiger und in mancher Beziehung besser gewesen sein muss, als die 
Vorlage der Borghini'schen Handschrift. Auf pag. 5 Zeile 2 v. u. hat 
Borghini mit Becht in seiner Handschrift eine Lücke vermerkt ; und in 



' In einer andern Handschrift des Arfaruoli, welche historische Notizen 
als Vorbereitung zu den Pistoieser Annalen enthält, und welche aus der 
Sammlung Conversini in den Besitz meines Freundes, des H. Guido Maccio 
in Pistoia, übergegangen ist, finden sich bereits zum Jahre 1300 die An- 
gaben des Palatinischen Codex. — Die älteren Pistoieser Schriftsteller, wie 
Dondori, Della Pietä di Pistoia, (Pistoia 1666) behaupten, dass eine Hand- 
schrift der Istorie pistolesi bis zum Jahre 1500 im Stadthause zu Pistoia auf- 
bewahrt wurde. Von derselben findet sich im städt. Archiv keine Spur mehr. 



Die Handschriften der Istorie pistolesi (L. Zdekauer). 323 

der That geben die Worte. dort schlechterdings keinen Sinn. Diese Lücke 
hilft nun unsere Handschrift in zufriedenstellender Weise ausfüllen, 
indem sie liest: ,de la cui morte [nämlich des Bertino dei Vergiolosi, 
der von der Hand des Vanni Fucci gefallen war] ne fu gran danno, 
peroche era di quelli a cui dispiaceva la cosa mal fatta per l'una 
parte e per Taltra. Li rettori fecono il processo contro acoloro, 
che Tuccisono" und so fort. Die gesperrt gedruckten Worte fehlen in 
der Handschrift des Borghini, finden sich dagegen im Texte des Magni. 

Diese wenigen Beispiele genügen um zu zeigen, dass die Vorlage 
des Magni, welcher um 1560 copirte, besser war als jene des Jacopo 
de' Ambrogi, der um 1396 schrieb. 

Es ergibt sich somit, dass in Pistoia selbst eine Handschrift der 
9 Istorie pistolesi" geblieben sein muss, welche von Generation zu 
Generation überliefert worden ist und eine von dem Borghini'schen 
Codex durchaus verschiedene Einleitung hatte. 

Der Text der Chronik hat sohin eine Entwicklung durchgemacht, 
von welcher uns der Borghini'sche Text die letzte Phase vorstellt. 
Das erste Capitel desselben ist nämlich ganz neu hinzugefügt, die 
Geschichte des Erdbebens und der Friedensschlüsse weggelassen; da- 
gegen ist zum Schlüsse mancherlei hinzugefügt, was in der Vorlage 
des Magni nicht stand: und eben in dieser Form hat Jacopo de' 
Ambrogi die Chronik abgeschrieben, welche so den Charakter einer 
literarischen Arbeit angenommen hatte. 

Aus alledem geht schliesslich hervor, dass beide Redactionen 
auf einen gemeinsamen Urtext zurückgehen, der uns verloren ist. 
Bedenken wir die Umwandlung, welche der Text schon vor 1396 er- 
litten hatte, die Veränderung der Einleitung und die mannigfachen 
Zusätze zum Schluss, so werden wir gegen die Mitte des Jahrhunderts 
hingeführt als gegen den Zeitpunkt der Abfassung der Schrift, welche 
mit dem März 1348 abbricht. 

Hiermit wäre die handschriftliche Ueberlieferung der „Istorie 
pistolesi" festgestellt y soweit sich dies ohne eingehende Erörterung 
des historischen Inhalts thun lässt. Auch dieser zeigt indessen ,• wie 
ich schon oben angedeutet habe, verschiedene Hände und verschiedene 
Redactionen; und ich behalte mir vor, auf die innere Bildung und 
auf die Autoren der Chronik bei anderer Gelegenheit zurückzukommen. 

Ludwig Zdekauer. 

König Sigmund und Filippo Maria Visconti im Jahre 1418. 

In seinem Buche „Filippo Maria Visconti und König Sigismund 1413 
bis 1431* ' gibt Ernst Kagelmacher im Gegensatze vor Allem zu 

^ Ein Beitrag zur Geschichte des 15. Jahrhunderts. Berlin 1885. 



324 Kleine Mittheilungen. 

Aschbacb ^ sein ürtheil über den Zug des Luxemburgers nach Italien 
i. J. 1413 dahin ab ': «sein Erscheinen in Italien war hervorgerufen durch 
seine Eirchenpolitik, nicht aber durch einen Kriegszug gegen das Haupt 
der Lombardei, Mailand/ Wahrend für Aschbach das Resultat des 
Zuges, die Berufung eines allgemeinen Concils nach Konstanz durch 
Papst Johann XXXIII., ein durch eine Kette von Zufälligkeiten her- 
beigeführtes ist ' und als der eigentliche Zweck der Heerfahrt von ihm 
die Unterwerfung des Mailänders betont wird ^, leugnet Kagelmacher 
letzteres aufs Entschiedenste und sieht in dem Zustandebringen des 
Concils den Hauptgrund für das Ueberschreiten der Alpen seitens des 
Römischen Königs ^. Diese Auffassung^ der die ganze Darstellung in 
der Berner Chronik des von Kagelmacher einfach bei Seite ge- 
schobenen Conrad Justinger widerspricht^, kann als abgethan 
gelten, nachdem Th. von Liebenau' aus dem Baseler Staatsarchiv 
zwei Briefe vom Juli und September 1413 veröffentlicht hat, in 
denen klar und deutlich von dem beabsichtigten Zuge Sigmunds gegen 
Mailand die Rede ist. 

Kagelmacher verweist zur Begründung seiner Ansicht einzig und 
allein auf eine Verordnung Filippo Maria's vom 20. Mai 1413, durch 
die Freudenfeste angesagt werden „wegen der Gunst und Gnade, die 
ihm Sigmund erwiesen" ^: „nam prefata regia serenitas - - - nos in 
proprium dignata est assumere filium" etc. Dies gute Yerhältniss, 
meint er, habe bis in den November hinein Bestand gehabt. — Es ver- 
lohnt der Mühe, jenes Actenstück näher anzusehen ". 

In dem an den Podestä etc. von Mailand gerichteten Schreiben 
des Herzogs heisst es: , Super omnia que mens nostra cordialiori semper 



^ Geschichte Kaiser Sigmund's Bd. I p. 367. 
' a. a. 0. p. 6 unten. 

' Aschbach a. a. 0. p. 890. Max Lenz, König Sigismund und Hein- 
rich der Fünfte von England, p. 48 oben neigt derselben Ansicht zu. 

* a. a. 0. p. 367. * Kagelmacher p. 5. 

® Die Bemer^Chronik des Conrad Justinger, ed. G. Stnder, p. 218 ff. 
Kagelmacher p. 5 oben. 

^ Im Anzeiger für Schweizerische Geschichte Bd. V (Jahrg. 1889) 
p. 822 — 828. Auch H. Finke (Forschungen und Quellen zur Geschichte 
des Constanzer Conzils, Paderborn 1889) wendet sich im 1. Cap. (zur Vor- 
geschichte des Konstanzer Concils) p. 9 gegen Kagelmacher und sagt p. 1 1 : 
, genug, neben den kirchlichen (sc. Concilsplänen) verfolgte Sigismund sehr 
weltliche Pläne (nach F. insbes. die Lombardische Frage), aber nur die 
ersteren verwirklichten sich". 

^ a. a. 0. p. 4 unten und p. 2 Note 8. 

* Gedr. Osio, Documenti diplomatici tratti dagli archivi Milanesi 
II p. 17, Nr. 15. 



König Sigmund u. Filippo Maria Visconti i. J. 1413 (K. Schellhass). 325 

appeteret desiderio continno qnesivimas et optavimas, nt Sacra Cesarea 
Majestas, a qua tot benefitia celeberrime memorie illnstris- 
simns dominus genitor noster honorandissimus susceperat, 
nt exinde tota domus nostra sit notabiliter et granditer sublimata, 
nos etiam filiali affectione respiceret et tractaret". Das sei endlich 
geschehen. ,Nam prefata regia serenitas inexausta sua dementia nos 
in proprium dignata est assumere filium et assumpsit disposita omnino, 
ne dum nos in nostris juribus et honoribus conservare atque protegere, 
sed suis semper continuis propitiis favoribus adaugere**. Er wünsche, 
,quod ob inde triduo fiert fatiatis luminosa falodia cum sonitibus 
campanarum'^. (Folgt Datum u. s. w.) 

Es drängt sich die Frage auf, von welchem Herrscher Johann 
Galeazzo, der Vater (genitor noster) des i. J. 1412 zur Regierung 
gelangten Herzogs, so viele Gnnstbezeugnngen erfahren hatte? Die 
Antwort lautet: von dem Römischen König Wenzel, der schon 1380 
dem Hause Visconti mit grossem Wohlwollen entgegengetreten war \ 
und der dann dem Johann Galeazzo durch die Erhebung zum Herzog 
am 11. Mai 1395 zu einer vom Reiche so gut wie unabhängigen 
Stellung verhelfen hatte ^. Gehörte doch die Entfremdung Mailands 
vom Reiche mit zu den Gründen der Absetzung WenzeFs. Der Rö- 
mische König, dessen Zuneigung Filippo Maria am 20. Mai 1413 
gewonnen zu haben sich iUhmen durfte, ist demnach nicht Sigmund, 
der auch gar nicht namentlich genannt wird, sondern der Bruder 
desselben, der 1400 abgesetzte Wenzel '. 

Dass Letzterer es verstanden hatte, zu jener fürstlichen Partei, 
die um 1413 nicht Sigmund, sondern ihn selbst als Römischen König 
anerkannte^, auch den Visconti hinüber zu ziehen, ist eine bisher 
völlig unbekannte Thatsache, die um so mehr Beachtung verdient, 
als sie auf den Gang der Ereignisse des Jahres 1413 neues Licht zu 
werfen geeignet ist. Die Sigmund von Justinger in den Mund ge- 
legten Worte, mit denen er am 24. August 1413 die Eidgenössischen 
Boten in Chur um Hilfe gegen Mailand bittet', gewinnen jetzt erst 

^ Th. Lindner, Geschichte des Deutschen Reiches unter König Wenzel 
Bd. I p. 182 n. 183. 

' Lindner a. a. 0. Bd. II p. 326-335; p. 350, 12 £F.; p. 351; p. 491, 8 ff. 
Kurze Inhaltsangabe resp. Abdruck der verschied. Privilegien s. bei Giulini, 
Memorie spettanti alla storia di Milane, nuova ed. Bd. VII Documenti 
p. 246; 258; 261; 264. 

' Auch Finke sieht noch a. a. 0. p. 10, 3 ff. in dem Römischen 
König, wegen dessen gnädiger Gesinnung Filippo Maria am 20. Mai ein 
Freudenfest feiert, Sigmund. 

* Aschbach a. a. 0. 1 p. 392 unten. 

' Justinger a. a. 0. p. 213 unten. 



326 Kleine Mittheilungen. 

rechte Bedeutung: ,»derselb von Meylan wil sich nit gen uns bekennen 
noch lechen von uns empfachen als er solte". Um dem Einfluss 
Wenzel's entgegenzuwirken und den Visconti zum Gehorsam gegen 
das wahre Oberhaupt des Reiches anzuhalten, ward demnach der 
Zug in die Lombardei angetreten. Nahegelegt war derselbe dem 
Könige schon durch Giovan Carlo Visconti, der, ebenso wie sein Vetter 
Estorre Visconti durch Filippo Maria aus der Herrschaft verdrängt, 
den Deutschen Herrscher für seine und Estorre's Interessen in Be- 
wegung zu setzen sich mühte. Man darf sagen, wenn sie beide dem 
Könige Lehenspflioht und Gehorsam gelobten*, so geschah es in be- 
wusstem Gegensatz zu Filippo. Wie dieser an Wenzel, so suchten 
sie an Sigmund ihren Halt. Es ist klar, dass, wenn nach solchen 
Vorkommnissen im Herbste d. J. 1413 der Heraog sich mit dem auf 
Italienischem Boden befindlichen Könige in Verhandlungen einliess' 
und ihm im Oktober durch Gesandte den Treueid und Versprechungen 
leistete', dies kein gering anzuschlagender Erfolg war. Er bedeutete 
das Aufgeben Wenzel's durch den Visconti und eröffnete, obwohl die 
Verhandlungen damals schliesslich^ scheiterten, zum ersten Male 
die Möglichkeit eines engeren Verhältnisses zwischen Filippo und 
Sigmund. Karl Schellhass. 

Die Ungarisch-Russische Allianz von 1482—1490. Obwohl 
die Bedeutung der diplomatisch-politischen Beziehungen des Königs 
Matthias Corvinus von Ungarn zu dem Russischen Grossfiirsten Jvan III. 
Wasiljevic mehrfach, so von Karamsin und Caro, richtig erkannt 



* Aschbach a. a. 0. p. 370. 

* Eagelmacher p. 8 f. Finke p. 10. Man darf annehmen, dass der 
Verordnung des Herzogs vom 13. Okt. 1413 (Osio a. a. 0. p. 24—25) bis 
in den September zurückreichende langwierige Verhandlungen zwischen 
Sigmund und Filippo vorangegangen sind. In der Verordnung heisst es, 
dass der König nur mit Erlaubniss des Herzogs Mailand betreten werde. 

' Finke p. 10. Auf p. 311 — 314 druckt er aus einem Codex des Frank- 
furter Stadtarchivs das Notariatsinstrument über Eid und Versprechungen, 
die beide inserirt sind; ab. Bei den Worten der Eidesformel (p. 312, 18 ff.): 
treu sein , contra omnem hominem mundi" - - - nicht im Einverständniss 
sein mit „proditoribus aut rebellibus vestris et ipsius sacri Romani imperii" 
mag man an Wenzel denken, desgl. bei den Worten der «promissiones* p. 313, 
15 ff.): in Sigmund's Abwesenheit von der Lombardei auf eigene Kosten 
und Verlangen „guerram facere, prout eidem mandabimus contra et adversus 
quoscumqne reges principes duces* [etc. etc.], „qui sunt essent vel erunt 
in futurum rebelies vel alias inimici quo vis modo^. 

* Kagelmacher p. 9 ff. Finke p. 10. » 



Die Üngarisch-Russiache Allianz von 1482—1490 (P. Karge). 327 

ist, so haben dieselben trotzdem keine Darstellung bisher gefunden, 
welche einen deutlichen Einblick in die Beweggründe des Ungarischen 
Königs, sowie in den Gang und den inneren Zusammenhang der 
Verhandlungen darböte. Bei Karamsin ^ bleiben diese Fragen mehr 
oder weniger dunkel. Strahl ' und Solovjev ' berühren die Beziehungen 
der beiden Herrscher überhaupt nur ganz flüchtig. Auch Caro^ 
kommt nicht viel über Karamsin hinaus. Fraknöi schliesslich, der 
neueste Bear1>eiter der Geschichte des Königs Matthias ^, schweigt völlig 
über die ganze Angelegenheit mit Moskau. Daher mag es gestattet 
sein, auf Grund der in der Russischen Publication der « Denkmäler 
der diplomatischen Beziehungen des alten Russlands mit den fremden 
Mächten" ^ veröffentlichten Protokolle und Aufzeichnungen des Russi- 
schen auswärtigen Amtes, sowie mit Berücksichtigung der übrigen 
bekannten Quellen und Thatsachen an dieser Stelle eine Darstellung 
jener Verhandlungen zu geben. 

Nach einem fast zehnjährigen Kampfe, den Matthias von Ungarn 
mit dem ältesten Sohn des Königs von Polen, Wladyslaw, um den 
Besitz der Böhmischen Krone geführt hatte, war zwischen ihnen im 
September des Jahres 1478 durch den Ofener Frieden und auf der 
Zusammenkunft in Ol mutz im Juli des folgenden Jahres endlich eine 
Einung dahin zu Stande gekommen, dass Wladyslaw Böhmen behalten, 
die Nebenlande, Mähren, Schlesien und Lausitz, aber an Matthias von 
Ungarn fallen sollten. Mit dem Frieden waren die beiden Herrscher 
zugleich in ein Frenndschafts- und AUianzverhältniss zu einander 
getreten. 

Die Verzichtleistung auf Böhmen war Matthias vornehmlich aus 
dem Grunde eingegangen, um mit dem Kaiser Friedrich III., der 
während des Böhmischen Krieges auf Wladjslaw's Seite gestanden 
hatte, Abrechnung zu halten und sich far diesen Kampf Rücken und 
Flanke gegen eine Diversion von Polen oder Böhmen her zu sichern. 
Denn nicht allein, dass er Wladyslaw an seine Politik zu ketten be* 
müht war, auch den König von Polen suchte er dadurch zu einer 
neutralen Haltung zu bewegen, dass er dem Deutschen Orden in 
Preussen seine Hülfe entzog. 



' Geachichte des Russischen Reichs, Deutsche Ausgabe VI, 136 u. 137. 

' Geschichte Russlands U, 365. 

' Geschichte Russlands. Moskau. 5. Ausg. 1882. V, 143 (russ.). 

* Geschichte Polens V, 2, 529. 

» Fraknöi, Matthias Corvinus König von Ungarn 1458—1490. (Deutsche 
Uebersetzung) 1891. 

' IlaiiaTHHRH xHiuoMaTHiecKHxi CHomeHifi xpeBHeft Poccin cb ^^epsasaMH 
HHOcrpaHHHHH. Petersburg 1851. Bd. I, 159—173. 



328 Kleine Mittheilungeik. 

Indessen war der Oegensatz zwischen ihm und den Jagiellonen 
zu tief, als dass er sich durch derartige Zugeständnisse dauernd hätte 
überbrücken lassen. Fast unmittelbar nach der Olmützer Zusammen- 
kunft begann Wladyslaw sich von Neuem seinem früheren Bundes- 
genossen, dem Gegner des Königs Matthias, dem Kaiser Friedrich III., 
zu nähern, und schloss mit ihm im October des Jahres einen Still- 
stand ab, der die folgenden Jahre hindurch mehrmals verlängert 
wurde ^ Ebenso wenig Hess Kasimir von seiner feindseligen Gesinnung 
gegen Matthias ab. Im Gegentheil scheint die politische Lage zwischen 
ihnen sich bald derart zugespitzt zu haben, dass Matthias ernstlich ein 
Eingreifen Polens fürchten zu müssen meinte. Sein ganzes Bemühen 
lief daher während des nächsten Jahrzehntes darauf hinaus, einen An- 
griff von Kasimir's Seite zu hintertreiben und seinen Streitkräften eine 
andere Richtung zu geben. 

So ist der Einfall Mengli-Girai's, des Khans der Krim, in das 
damals zu Polen-Litthauen gehörige Grossfiirstenthum Kiev und die 
Eroberung der Hauptstadt desselben im Jahre 1483 nicht allein auf 
Russischen Einfluss zurückzuführen, ohne Zweifel gebührt auch der 
Ungarischen Diplomatie ein Antheil an diesem Erfolg*. Aehnlich 
suchte Matthias auch am Hofe des Woiwoden der Wallachei, des 
mächtig emporstrebenden Stephan IV., der sogar den Türken mit 
Erfolg Widerstand entgegengesetzt hatte, die Polen feindliche Richtung 
zu stärken*. 

Um den Ring der Gegner Polens zu schliessen, knüpfte er im 
Jahre 1482 auch mit dem GrossfQrsten von Moskau, Ivan III. Wasil- 
jevic, Beziehungen an. Gewiss war es die Kunde von dem alt- 
überkommenen Gegensatz zwischen den Russischen und den Polnisch- 
Litthauischen Herrschern, welche ihm diesen Gedanken eingegeben 
und die Hoffnung in ihm erweckt hatten, dass ein gegen Kasimir 
gerichteter Anschlag den Beifall des Russischen Grossfursten finden 
werde. 

In der That nahm Ivan die Anträge des Ungarischen Gesandten 
überaus beifällig auf. Ein Allianzwerk kam leicht zu Stande. Dasselbe 
trug im Ganzen den Charakter eines Angriffs- und Vertheidigungs- 
bündnisses und begriff auch die Kinder der beiden Vertrag schliessenden 
Herrscher ein. Eine seiner Hauptbedingungen bestand in der Abrede 



» Chmel, Regesta Friderici IIL Abtheüung 2. Wien 1859. Nr. 7409. 
.7445. 7489. 7504. 7532 u. 7553. 

2 Vgl. Caro, Geschichte Polens V, 2, 548 n. 585—586 u. Karamsin, 
Geschichte des Rassischen Reiches, Deutsche Ausgabe VI, 147. 

» Vgl. Caro a. a. 0. V, 2, 585 u. ff. 



Die Ungariscli-RaBBische Allianz von 1482—1490 (P. Karge). 329 

eines gemeinsamen und gleichzeitigen Vorgehens gegen den König 
Yon Polen ^ Nachdem Ivan die Bündnissarkunde dem Bussischen 
Ceremoniell gemäss feierlichst durch den Kuss auf das Kreuz be- 
schworen hatte, übergab er sie dem Staatssecretär Fedor Kurizyn, 
der sie dem Ungarischen König überbringen und gleichzeitig dessen 
Bestätigung und Gegenurkunde in Empfang nehmen sollte. 

Ohne auf Schwierigkeiten zu stossen, entledigte sich der Gesandte 
am Ungarischen Hofe seines Auftrages. Auf seiner Heimkehr aber 
ward er in Belgrad von den Türken ergriffen und gefangen gesetzt, 
so dass der diplomatische Verkehr zwischen den beiden Herrschern 
eine Zeit lang unterbrochen wurde. 

Während dieser Monate tauchte nun das Gerücht auf, dass 
zwischen Moskau und Polen Friedensverhandlungen beständen, welche 
nach dem Bericht des Danziger Chronisten Weinreich im Sommer des 
Jahres 1483 auch wirklich zu einem Beifrieden gefuhrt haben sollen*. 
Gegen Ende des Jahres 1483 oder Anfangs 1484 scheint dasselbe auch 
nach Ungarn gedrungen zu sein und Matthias bestimmt zu haben, 
einen neuen Boten nach Moskau zu senden, der in der Bussischen 
Quelle Clemens genannt wird, um den Grossfürsten von einem der^ 
artigen Vorhaben abzubringen. Besonderen Eindruck versprach sich 
Matthias von der Versicherung, dass er den schon lange gehegten 
Plan eines Angriffs auf Polen in nächster Zeit ausfuhren werde. Die 
Polnischen Grossen, mit denen er gegen Kasimir im Einvernehmen 
stände, hätten bereits zu den Waffen gegriffen. * Indem er zugleich 
den Bündnissfall ankündigte, bat er den Grossförsten, einen Gesandten 
nach Ungarn zu schicken, mit dem er den Kriegsplan verabreden 
könne. 

Wenn jener Beifrieden, von dem der Danziger Chronist uns be- 
richtet, wirklich zu Stande gekommen ist, so hat ihn Ivan doch nur 
aus dem Grunde geschlossen, um den König von Polen so lange über 
seine wahren Pläne hinwegzutäuschen, bis er sichere Nachrichten über 
den Ausgang seiner Verhandlung mit Ungarn und über die Absichten 
des Königs Matthias erhalten habe. Das Erscheinen des Ungarischen 
Gesandten und seine Eröffnungen waren ihm daher äusserst willkommen. 
Wie er denselben von der Grundlosigkeit der umgehenden Gerüchte 
zu überzeugen bemüht war, so kam er auch dem Antrage des Königs 
Matthias nach und beantwortete dessen Botschaft durch die Absen- 



* Obwohl der Wortlaut des Bündnissvertrages in den „Denkmälern* 
nicht enthalten ist, lassen sich die Bestimmungen desselben doch deutlich 
aus den beiderseitigen Verhandlungen erkennen. 

* Weinreich in Scriptt. rer. Prussicarum 10, 749. 



330 Kleine Mittheilungen. 

düng eines gewissen Fedez Kuzminskij , welcher den Auftrag erhielt, 
in Ivan's Namen die Versicherang treuer Bundesgenossenschaft ab- 
zugeben und die Bitte daran zu knüpfen, dass Matthias auch seiner- 
seits keinen Sonderfrieden mit Polen eingehe und seine Absichten dem 
Bussischen Grossfürsten durch einen Boten nach Moskau mittheilen 
lasse; sobald Ivan dieselben erfahren habe, werde er unverweilt in 
den Kampf gegen Polen eingreifen. Zugleich sollte Kuzminskij den 
König Matthias von Kurizyn's Ausbleiben benachrichtigen und über 
dessen Geschicke Erkundigungen einziehen. 

Lange hatte der Gesandte den grossfnrstlichen Hof noch nicht 
verlassen, als Kurizjn, der auf die Verwendung des Königs Matthias 
hin inzwischen vom Sultan freigegeben und an den Bundesgenossen 
des Bussischen Grossfürsten, den Khan der Krim, Mengli-Girai , ent- 
lassen war, gegen Ende des Jahres 1484 oder in den Anfängen 1485 
nach Moskau zurückkehrte. Ivan trug sich gerade mit den Planen 
gegen das Grossfürstenthum Tver, einen der letzten Ueberreste aus 
der Epoche der Theilfürstenthümer , den er ähnlich wie kurz zuvor 
das mächtige Novgorod unter seine Gewalt bringen wollte *. Die 
Ankunft Kurizyn's beförderte seine Entschliessungen um so mehr, als 
er damit den unwiderleglichen Beweis für die Wahrhaftigkeit der 
Polen feindseligen Gesinnung des Ungarischen Königs, die von ihm 
selbst bestätigte Bündnissurkunde, in Händen hatte; bei einer solchen 
Haltung Ungarns brauchte er ein Eingreifen Kasimirs zu Gunsten des 
Tver'schen Grossfürsten nicht zu befürchten. Ja, wenn wir seinen 
Worten glauben dürfen , hatte er sogar erwartet , dass Matthias den 
Russischen Angriff auf den Bundesgenossen des Königs von Polen 
als Bündnissfall betrachten und gleichfalls zu den Waffen greifen 
werde. 

Der aber war weit entfernt, einen Kriegszug gegen Kasimir zu 
unternehmen, vielmehr lag er im Jahre 1485 in Nieder-Oesterreich 
gegen den Kaiser zu Felde, dem er eine Stadt nach der andern ab- 
nahm. Offenbar hatte Matthias bei seinen Verhandlungen mit Moskau 
ebenso wenig wie bei seinen Machenschaften mit dem Woiwoden der 
Wallachei und den Tataren der Krim daran gedacht, persönlich in 
einen Kampf gegen den König von Polen einzutreten, vielmehr jene 
Verhandlungen nur zu dem Zwecke gefuhrt, um Kasimir durch die 
Furcht vor feindlichen Einfällen von Osten und Süden her in Schach 
zu halten. Mit jenen Mächten verbündet, hoffte er ungestört den 
Kampf gegen den Kaiser, vor Allem aber, den Planen Kasimir's und 



^ Karamsin, Geschichte des Russischen Reiches (Deutsche Aasgabe) 
VI, 139 n. ff. 



Die Ungarisch-Russische Allianz von 1482—1490 (P. Karge). 331 

seiner Habsburgischen Gemahlin entgegen , die Begründung einer 
Corvinischen Dynastie in Ungarn aaszuführen ^ 

In der That bewährte sich diese Politik der Allianzen. Die 
drohende Haltung Ivan's und der südlichen Nachbarn Polens machten 
es Kasimir unmöglich, den Bestrebungen des Königs Matthias mit 
den Waffen entgegenzutreten, wenngleich das Verhältniss der beiden 
Herrscher zu einander natürlicher Weise das denkbar gespannteste 
war. Selbst die Annäherung, welche im Jahre 1486 zwischen Matthias 
und dem König von Böhmen in Folge des Ausschlusses desselben 
von der Wahl Maximilian 's zum Römischen König zu Stande kam 
und die im September des Jahres zu der Erneuerung des Olmützer 
Bündnisses führte', vermochte die feindselige Oesinnung zwischen 
Matthias und dem Vater Wladjslaw's in keiner Weise zu mildern. 
Im September des Jahres 1487 sehen wir denn auch von Neuem einen 
Ungarischen Gesandten, Namens Johannes, am Hofe von Moskau er- 
scheinen, der den GrosslÜrsten in seiner Feindseligkeit gegen den 
König von Polen bestärken sollte. Mag Matthias auch Ivan gegen- 
über behaupten, dass diese Mission vornehmlich auf Grund der Bitten 
Kuzminskij's erfolgt sei, der auch in Johannes' Begleitung nach Moskau 
zurückkehrte, so ist die wahre Ursache derselben doch zweifellos in 
politischen Momenten, besonders in seinem Verhältniss zum König von 
Polen zu suchen. 

Fast ein ganzes Jahr lang verweilte der Ungarische Gesandte, 
wahrscheinlich in Folge ungünstiger Witterungsverhältnisse, am Mos* 
kauischen Hofe. Erst am 29. Juli 1488 trat er, vom Grossfiirsten 
persönlich verabschiedet, über Reval und Lübeck den Heimweg an. 
Der Grossfurst hatte ihn mit der Versicherung entlassen, dass er 
niemals von dem mit Matthias geschlossenen Bündnisse abgehen und 
wie ein Mann mit ihm gegen ihren gemeinsamen Gegner, den König 
von Polen, stehen werde. Doch möge — so fügte derselbe hinzu — 
auch Matthias die eingegangenen Verpflichtungen halten und seiner- 
seits keinen Sonderfrieden mit Kasimir abschliessen. Ueberhaupt 
machte Ivan aus seinem Unwillen darüber, dass Matthias weder den 
von Clemens seiner Zeit gemachten Eröffnungen nachgekommen sei, 
noch den Bussischen Angriff gegen den Bundesgenossen des Polnischen 
Königs im Jahre 1485 für sich als Bündnissfall betrachtet habe, 
durchaus kein Hehl. Doch war ihm offenbar daran gelegen, solchen 
Vorwürfen sogleich wieder durch erneute Freundschafbsbetheuerungen, 



» Vgl. Caro a. a. 0. V, 2, 602. 

^ Ulmann, Maximilian]. Stuttgart 1884. 1,8, und Palacky, Ge- 
schichte von Böhmen V, 1, 287 u. ff. 



332 Kleine Mittheilungen. 

wie er sie bei der Abschiedsaudienz dem Gesandten gegenüber ver- 
nehmen liess, ihre verletzende Spitze zu nehmen. Wie sehr ihm an 
der Aufrechterhaltung guter Beziehungen zu Ungarn lag, beweist 
der Umstand, dass er an dem nämlichen Tage, an welchem er den 
Gesandten des Ungarischen Königs entliess, einen eigenen Boten, 
ätibor mit Namen, durch die Krim und Wallachei an Matthias 
entsandte. Das Schreiben, welches derselbe erhielt, bewegte sich ganz 
in der Richtung des dem Gesandten Johannes mündlich gewordenen 
Bescheides. Nachdem Ivan seinem Bundesgenossen den angeblichen 
Treubruch noch einmal gebührend vorgehalten hatte, kam er, den- 
selben zugleich in der feindseligen Gesinnung gegen Polen bestärkend, 
auf sein eigenes Verhältniss zu Kasimir zurück, das niemals einen 
dauernden Frieden zwischen ihnen ermöglichen werde und ihn zum 
natürlichen Bundesgenossen und Freunde Ungarns mache. Noch schien 
Ivan die Hoffnung eines gemeinsamen Ansturmes gegen Polen nicht 

V 

aufgegeben zu haben, wenigstens gab er Stibor die Weisung, für 
den Fall, dass Matthias kriegerische Absichten gegen Kasimir äussere, 
und nach der Kriegsbereitschaft des Grossfürsten frage, von ihm 
nähere Mittheilungen über seine Plane zu erbitten. 

Matthias konnte mit dieser Antwort des Grossfürsten, nachdem 
er im Jahre 1484 doch sichtbar mehr hatte zusichern lassen als er zu 
halten gewillt war, immerhin zufrieden sein. Diesem Gefühl der 
Freude und Befriedigung gab er denn auch in seinem Antwortschreiben 
vom 16. December 1488, welches er dem Bussischen Gesandten an den 
Grossfürsten mitgab, in erster Linie offenen Ausdruck. Dann suchte 
er ihn von Neuem von seiner Bundestreue zu überzeugen. Obwohl 
der König von Polen — so fUhrt Matthias fort — schon mehrmals 
durch Vermittlung des Böhmischen Königs oder anderer Persönlich- 
keiten bei ihm auf Frieden angetragen habe, so habe er solche Ver- 
suche doch stets zurückgewiesen, aus dem Grunde, da er ohne Wissen 
des Russischen Grossfürsten sich nie mit Kasimir einigen werde. Der 
Schluss des Schreibens sieht wiederum sehr kiiegerisch und feindselig 
aus. Denn nachdem er an Ivan die Aufforderung gerichtet hat, ihn 
von jedem feindseligen Vorhaben, das jener gegen Polen plane, zu 
unterrichten, damit er sogleich alle anderen Dinge bei Seite lassen 
und sich zum Angriff rüsten könne, gibt er die Absicht kund, un- 
mittelbar nach dem Aufbruch des Russischen Gesandten einen eigenen 
Boten nach Moskau zu senden, der nicht nur wegen der gegen Polen 
zu beobachtenden Politik, sondern auch wegen anderer wichtiger 
Angelegenheiten mit ihm verhandeln solle. Derselbe werde die weit- 
gehendsten Vollmachten behufs Vereinbarung und Feststellung eines 
Kriegsplanes gegen Kasimir haben. 



Die Üngarifich-Russische Allianz von 1482^1490 (P. Karge). 333 

Zu einer Verwirklichung dieses Versprechens ist es jedoch nicht 
gekommen. Wahrscheinlich hahen die Verhandlungen, welche im 
Frühling des Jahres 1489 unter Venedigs Vermittlung zwischen 
Matthias und dem Deutschen Kaiser begannen, und die nicht nur auf 
die Beilegung ihrer Zwistigkeiten, sondern auch auf die Begründung 
einer Habsburgisch-Gorvinischen Dynastie ausliefen \ Matthias* Ge- 
danken und 8trebungen in andere Bahnen gelenkt. Denn wenn die 
Einung mit Friedrich III. und Maximilian wirklich zu Stande kam, 
so hatte die Bussische Allianz für ihn ihren politischen Werth ver- 
loren, da ihm der Bund mit den Habsburgern genügenden Rückhalt 
gegen alle Anschläge des Königs von Polen auf die Nachfolge in 
Ungarn gewährte. Nachdem aber diese Verhandlungen gegen den 
Ausgang des Herbstes ^n dem Widerstände Kaiser Friedrich's ge- 
scheitert waren, sollte man annehmen, habe Matthias von Neuem den 
Gedanken einer Verbindung mit dem Russischen Grossfürsten erwogen 
und die im December 1488 in Aussicht gestellte Mission zur Aus- 
führung gebracht: um so mehr, als im April des Jahres 1489 zwischen 
den Königen von Polen und Böhmen ein gegen Ungarn gerichtetes 
Bündniss zum Abschluss gekommen war '. Ein plötzlicher Tod jedoch 
rief den Ungarischen König am 6. April 1490 vor der Zeit aus dem 
Leben und setzte allen seinen Entwürfen und Planen ein frühes Ziel. 

Ist es daher auch zwischen ihm und Ivan Wasiljevic nicht 
viel über gegenseitiges Aufreizen zum Kampfe gegen Polen hinaus- 
gekommen, so hat die Ungarisch-Russische Allianz von 1482 — 1490 
doch insofern ihre Bedeutung gehabt, als Kasimir inmitten zweier 
drohenden Gegner gelähmt war und Matthias seinen Streit mit den 

Habsburgern ungestört ausfechten konnte. 

Paul Karge. 

Nuntiaturberichte aus Deutschland. Band 1 und 2 bearbeitet 
von W. Friedensburg. Gotha, Fr. A. Perthes. 1892. — Wer diese 
beiden Bände® sorgfältig geprüft hat, wird dem Fleiss und der 
Genauigkeit des Herausgebers die wärmste Anerkennung nicht ver- 
sagen. Denn er weiss, ein wie gewaltiges, weit zerstreutes hand- 
schriftliches Material derselbe verarbeitet, wie er sich keineswegs auf 
die Herausgabe der Nuntiaturbericbte beschränkt, sondern zur Er- 
läuterung und Ergänzung derselben nicht nur die Gegenschreiben 
der Curie, sondern auch die Berichte anderer Diplomaten und die 

* Mon. HuDg. bist. Acta regia Matthiae IV, 24, 141 u. s. w. Vgl. 
Ulmann's Geschichte Maximilian's I, S. 75—81. Fraknoi S. 258—269. 

* Dogiel, Codex diplom. Regni Poloniae I, 28. 

' Nähere bibliogr. Angaben etc. s. in Bibliographie Nr. 570. 
Deutsche Zeitscfar. f. Geschichtsw. 1892. Vn. 2. 22 



334 Kleine Mittheilungen. 

Briefe zahlreicher Fürsten und anderer einflassreicher Personen heran- 
gezogen und in den umfassenden Einleitungen für das Yerständniss 
der von ihm publicirten Actenstücke einen werthvollen Beitrag ge- 
liefert hat. So bieten diese beiden Bände eine wahre Fundgrube mannig- 
faltiger und zum Theil bedeutender Nachrichten zur Geschichte der Jahre 
1683—1539, obwohl die beiden Nuntien Vergerio und Morone, deren 
Berichte den Grundstock bilden, an sich keineswegs in der Lage 
waren, vom Hofe König Ferdinand's aus sehr erhebliche Mittheilungen 
namentlich über die Deutschen Angelegenheiten zu machen. Denn 
dieser König Ferdinand stand mit dem Reiche, das er fär seinen 
Bruder regieren sollte, in einem merkwürdig geringen Verkehr und 
übte einen noch geringeren Einfluss auf dasselbe. Wenn Yergerio 
öfter aus Rom den Vorwurf hören muss, dass seine Berichte gar zu 
wenig enthielten, so lautet seine Antwort, an diesem Hofe erfahre 
man eben aus dem Reiche nicht viel. In der That beschäftigen sich 
-die Berichte der beiden Nuntien fast mehr mit Ungarn als mit Deutsch- 
land, wie denn für König Ferdinand Ungarn damals viel mehr 
Interesse hatte als Deutschland. Erst als sich Vergerio 1585 auf die 
Reise begibt, um die verschiedenen Deutschen Stände für die Con- 
cilspläne Paul's III. zu gewinnen, erst da tritt Deutschland entschieden 
in den Vordergrund. Nichtsdestoweniger sind die Berichte auch da, 
wo sie von dem schweigen, was wir zunächst in ihnen suchen, lehr- 
reich. Wie es eigentlich mit dem Regiment König Ferdinand's, mit 
seinen Beziehungen zum Reiche und den verschiedenen Ständen , wie 
es mit der damaligen Lage der katholischen Kirche im Reiche eigent- 
lich bestellt war, davon erhalten wir erst durch diese Berichte eine 
deutliche Vorstellung, welche uns ebenso in die Art, wie die Curie 
die Deutschen Angelegenheiten behandelte, manche bedeutsame Blicke 
thun lassen. 

In den eigentlichen Kern der damaligen päpstlichen Politik dem 
Reiche gegenüber gelingt es allerdings nicht einzudringen ; denn über 
das, was die Curie in der grossen religiösen Frage erstrebte, wurde 
nicht sowohl mit König Ferdinand, als mit Karl V. verhandelt, da 
sie sehr wohl wusste, dass die Entscheidung über alle wichtigen Dinge 
beim Kaiser ruhte. Es ist desshalb ein empfindliches Missgeschick, 
dass die Reihe der Spanischen Nuntiaturberichte erst mit dem Jahre 
1589 beginnt. Sollten aber nicht wenigstens einzelne Stücke in den 
Farnesianischen Papieren zu Neapel und Parma zu finden sein? Und 
wenn auch das nicht der Fall wäre, so müsste in Spanien nach- 
geforscht werden. Es lag das natürlich ausserhalb der Aufgabe des 
Herausgebers, aber wir dürfen uns nicht darüber täuschen, dass wir 
über den Gang der Kirchenpolitik in den dreissiger Jahren ohne 



Nuntiatnrberichte aus Deutschland (H. Baumgarten). 335 

die Kenntniss des Verkehrs zwischen dem Kaiser und der Curie nicht 
ins Klare konunen können. 

Während die Art der Behandlung in allen übrigen Beziehungen 
das wärmste Lob verdient, kann ich mich in einem wesentlichen 
Punkte mit dem Herausgeber nicht einverstanden erklären. Er sagt 
S. xj der allgemeinen Einleitung: ,Auch erfolgt die Mittheilung 
durchweg im vollen Wortlaut, selbst da, wo anscheinend Unwichtiges 
berichtet wird." Nach meiner Kenntniss des Quellenmaterials zur 
Geschichte der Reformationszeit ist dieses Princip weder zweckmässig 
noch ausführbar. Der zu bewältigende Stoff hat einen so gewaltigen 
Umfang, dass eine Auswahl des Wesentlichen durchweg geboten er- 
scheint, wenn nicht der Forscher von der Masse der Publicationen 
erdrückt und eine erschöpfende Publication überhaupt möglich werden 
soll. Selbst wichtige Actenstücke pflegen mehr oder weniger gleich* 
gültige Passagen zu enthalten, mit deren Leetüre der Historiker ver- 
schont werden muss. In unserem Falle aber lag es so, dass ein 
recht erheblicher Theil der Berichte, z. B. gleich die ersten vierzig 
Schreiben Vergerio's bei einer abgekürzten Wiedergabe nicht verloren, 
sondern gewonnen haben würden, und das gelehrte Publikum hätte 
es dem Herausgeber sicher Dank gewusst, wenn der beträchtliche Um- 
fang seines ersten Bandes wesentlich reducirt worden wäre. Da 
neuerdings auch bei den Venezianischen Depeschen vom Kaiserhofe, 
wo es noch viel weniger am Platze war, dieselbe Methode voll- 
ständigen Abdrucks Anwendung gefunden hat, so halte ich es für 
dringende Pflicht, vor diesem Verfahren zu warnen, welches eine un- 
erträgliche Belastung aller derjenigen herbeiführen würde, welche 
je in dieser Epoche zu forschen haben, und mit dem wir das massen- 
hafte Quellenmaterial niemals bewältigen können. Natürlich setzt 
die Anwendbarkeit der verkürzten Mittheilung voraus, dass uns der 
Heransgeber mit vollem Vertrauen in seine Einsicht und Sorgfalt er- 
fülle ; das ist aber hier in so hohem Grade der Fall, dass uns Friedens- 
bnrg mit voller Beruhigung in sehr vielen Fällen statt eines voll- 
ständigen Abdrucks einen kurzen Auszug hätte geben dürfen. Er 
selbst lässt es dahin gestellt sein, ob sich sein Grundsatz auch bei 
den späteren Bänden werde durchführen lassen. Nun zweifle ich 
keinen Augenblick, dass die späteren Berichte sehr viel gehaltvoller 
sein werden: weshalb dann da eine Kürzung zulassen? Es kommt 
doch nicht darauf an, dass sich jede Nuntiatur stattlich präsentire, 
sondern dass wir das historisch Wesentliche in der zweckmässigsten 
Weise erfahren. Aber in allen Dingen muss gelernt werden. Wenn 
wir erwägen, dass die in diesen zwei Bänden vorliegende sehr be- 
trächtliche Arbeit in kaum drei Jahren bewältigt wurde, so dürfen 



336 Kleine MittheilungeD. 

wir ihrer Fortsetzaog mit vollstem Vertrauen entgegensehen und der 
sicheren Zuversicht, dass die von Friedensburg herausgegebenen 
Nuntiaturberichte einst eine der wichtigsten Quellen zur Geschichte 
der Heformationszeit sein werden. 

H. Baumgarten. 

Der Struensee'sche Process. Eine vor wenigen Jahren gegrün- 
dete juiistische Zeitschrift für den Germanischen Norden bringt aus der 
Feder eines der tüchtigsten Dänischen Juristen, des Obergerichtsassessors 
Dr. Niels Lassen in Kopenhagen, eine Abhandlung über den 
Struensee'schen Process, welche auch für den Historiker von erheb- 
lichem Interesse ist (Tidsskrift for Retsvidenskab, IV. Jahrgang 1891, 
S. 218 — 308). Auf eigenem Studium der im Dänischen Eeichsarchiv 
aufbewahrten Acten beruhend, beabsichtigt diese Arbeit eine erneute 
Prüfung des Processes vom juristischen Standpunkt aus und behandelt 
daher gesondert den äusseren Gang des Processes, die einzelnen An- 
klagepunkte und die auf sie bezüglichen Beweisbebelfe, sowie die über 
den Angeschuldigten verhängte Strafe. Der zweite Abschnitt ist natür- 
lich der für den Historiker weitaus wichtigste, und wird auch vom 
Verfasser weitaus am ausführlichsten behandelt. 

Die Anklagepunkte hat der Verfasser in fünf Gruppen geordnet, 
von denen die erste die Anschuldigung eines widerrechtlichen Liebes- 
verhältnisses mit der Königin Karoline Mathilde umfasst 
(S. 224—28). Bezüglich ihrer liegt bekanntlich ein Geständniss so- 
wohl des Angeklagten selbst als auch der Königin vor, und kann 
somit, wie auch geschehen, nur etwa die Frage aufgeworfen werden, 
ob diese Geständnisse nicht erzwungen oder erschlichen seien. Der 
Verfasser verneint diese Frage, anscheinend aus guten Gründen; volle 
Gewissheit wird freilich nicht zu erreichen sein, so lange die auf 
diesen Punkt bezüglichen Verhörsprotokolle aus leicht begreiflichen 
Gründen der Oeflfentlichkeit entzogen bleiben. Die andere Frage aber, 
ob das Vergehen von dem Gerichte mit Recht unter D. L. 6, 4, 1 
subsumirt und somit als crimen laesae majestatis aufgefasst worden 
sei, kann hier, als nur von technisch juristischem Interesse, bei Seite 
gelassen werden. — Die zweite Anschuldigung geht auf die Usur- 
pirung und den Missbrauch der Staatsgewalt durch Struensee, 
und sie ist die weitaus wichtigste, aber freilich auch am schwersten 
zu behandelnde (S. 228—79). Bekannt ist ja, dass Struensee die 
ganze Ausübung der Staatsgewalt an sich zu reissen wusste, indem 
er zunächst eine Cabinetsregierung einführte, welcher gegenüber der 
Gebeimerath alle Bedeutung verlor, dann aber durch einen Erlass 
vom 27. December 1770 diesen völlig abschaffen und durch eine 



Der Struensee'sche Process (K. Maurer). 337 

Cabinetsordre vom 14. Juli 1771 sich geradezu die Ausfertigung der 
Cabinetsbefehle vorbehaltlich ihrer nachträglichen Vorlage an den König 
persönlich übertragen liess. Diese und eine Reihe anderer ähnlicher 
Massregeln, ja selbst eine Reihe reiner Verwaltungsanordnungen, 
wie z. B. die Entlassung einiger verdienter Beamten, qualificirte das 
ürtheil als Hochverrath ; der Verfasser aber erkennt zwar die ünhalt- 
barkeit des Spruches in diesem Punkte an, weil derselbe den König 
als geistig gesund behandle, während doch dessen Unterschrift Struensee 
decken musstc, wenn er dies war, und er widerlegt sogar sehr richtig 
die Sophistereien, mittelst deren die Commission diese Folgerung 
zu umgehen suchte, — er meint jedoch, das Urtheil sei nur formal un- 
haltbar, dagegen materiell vollkommen gerechtfertigt, weil der König 
eben doch geisteskrank gewesen sei, wenn auch die Commission dies 
auszusprechen nicht wagte. In diesem Punkte vermag ich mich mit 
dem Verfasser nur theilweise einverstanden zu erklären. Die Geistes- 
krankheit des Königs lässt sich freilich nicht bestreiten, und zumal der 
vom Verfasser mitgetheilte Bericht Struensee's selbst (S. 245—58) lässt 
über diese und ihre Gründe nicht den mindesten Zweifel; aber das 
Königsgesetz vom 14. November 1665, welches hier allein massgebend 
sein konnte, enthält keine Vorschriften für den Fall der Geisteskrank- 
heit eines Königs, sondern nur für den Fall seiner Unmündigkeit oder 
seines Aufenthalts im Auslande unter bestimmten Umständen (art. 9 
bis 14, dann 23). Mit Fug und Recht konnte da bezweifelt werden, 
ob die für die beiden letzteren Fälle gegebenen Vorschriften auch als 
für den Fall der Geisteskrankheit gültig zu betrachten seien, und 
doppelt zweifelhaft musste die Frage dadurch werden, dass jene Vor- 
schriften fiir den letzteren Fall augenscheinlich weder ausreichten 
noch auch völlig passten. Für den Fall der Unmündigkeit des 
Königs sollte in erster Linie die schriftliche Verfügung des unmittel- 
baren Vorgängers auf dem Throne massgebend sein, eventuell aber, 
wenn nämlich eine solche nicht vorlag, ein Regent eintreten, welcher 
gemeinsam mit den sieben höchsten kgl. Räthen und Bediensteten die 
Regierung in der Art zu führen hatte, dass ihm gegenüber je einer 
Stimme dieser letzteren deren zwei zukamen ; es sollte die Königin- 
Mutter Regentin werden, wenn sie des unmündigen Königs leibliche 
Mutter war, in Ermanglung ihrer aber der nächstverwandte Prinz 
des kgl. Hauses eintreten, der mündig und im Reiche anwesend war ; der 
Regent aber sammt allen seinen Mitvormündern sollte sofort dem König 
vereidigt werden und alsbald ein Inventar über alle Besitzungen der 
Krone aufnehmen. Einerseits also fehlte es an jeder Norm darüber, 
wie etwa die angebliche Geisteskrankheit eines Königs zu constatiren 
sei, und doch war eine solche Constatirung um so noth wendiger, als 



338 Kleine Mittheilungen. 

die geistige Krankheit König Christian's VII. sich nur sehr langsam 
entwickelt hatte und diesem auf lange hinaus noch lichte Momente 
liess; andererseits Hess sich wohl auch fragen, ob nicht für einen 
geisteskranken König in erster Linie ganz ebenso seine Königin als 
Regentin einzutreten habe, wie für den unmündigen dessen Mutter? 
Es begreift sich, dass bei diesem Zustand der Gesetzgebung Niemand 
wagte, den König für geisteskrank zu erklären. Nicht nur die Com- 
mission, welche über Struensee zu Gericht sass, behandelte ihn als 
geistig gesund, sondern auch die Palastrevolution, welche diesen 
am 17. Januar 1772 stürzte, wurde auf Grund von Cabinetsbefehlen 
durchgeführt, deren Unterschrift man dem König abgezwungen hatte, 
und selbst der Sturz des Guldberg'schen Regiments erfolgte noch am 
14. April 1784 ganz in derselben Weise. Scheute man sich aber, den 
König als geisteskrank zu behandeln, so bestand auch keine Möglich- 
keit, eine Regentschaft im Sinne des Königsgesetzes für ihn zu be- 
stellen. Wie konnte man einen Regenten einsetzen, ihn und seine 
Mitvormünder vereidigen und durch sie das vorgeschriebene Inventar 
aufnehmen lassen, wenn man den König selbst nach wie vor als geistig 
gesund und als regierenden Herrn behandeln zu müssen glaubte? 
Der Verfasser meint freilich, man hätte wenigstens „der Analogie' 
jener Vorschriften folgen und sich ,so nahe als möglich* an sie 
halten sollen ; aber damit betritt man einen Boden, dem jeder recht- 
liche Halt fehlt, und in der That ist denn auch, was der Verfasser 
meines Erachtens mit Unrecht leugnet, die Partei, welche Struensee 
stürzte, um nichts correcter verfahren als dieser. Dass der Staats- 
streich vom 17. Januar 1772 lediglich auf Grund von Cabinetsbefehlen 
gelang, zu deren Ausstellung man den König gezwungen hatte, ist 
bereits bemerkt worden; es ist aber jetzt noch beizufügen, dass nach 
demselben ebenso wenig wie zuvor ein Regent eingesetzt und eine 
Mitregentschaft angeordnet wurde, wie dies das Königsgesetz für den 
Fall der Unmündigkeit des Königs vorschrieb, — dass ferner diesen 
Vorschriften auch in materieller Beziehung ganz und gar nicht nach- 
gelebt wurde. Zwar wurde durch eine Verordnung vom 13. Februar 
1 772 ein geheimer Staatsrath gebildet, welcher aus dem Erbprinzen Fried- 
rich und sieben höheren Staatsbeamten sich zusammensetzte, und ohne 
dessen Mitwirkung der Regel nach keine Anordnungen erlassen werden 
sollten; aber thatsächlich wurde die Regierung nicht von diesem ge- 
führt, sondern von der verwittweten Königin Juliane Marie und dem 
Cabinetssecretär Guldberg, welche im Grunde auch die Revolution 
gemacht und jene Verordnung erlassen hatten, wenn diese auch des 
Königs Unterschrift trug, und überdies wurde bald mit offener Miss- 
achtung dieser Verordnung wieder zu dem System einfacher Cabinets- 



Der Siruensee'sche Process (K. Maurer). 339 

befehle zurückgekehrt, welche man ohne Vorlage an die Collegien 
und den Geheimerath durch den König unterschreiben Hess (vgl. 
was Gharl. Dor. Biehl dieserhalb mittheilt, in der Dan. Histor. Tidsskr. 
in. E. 5. Bd., S. 289). Mag ja sein, dass ein anderer Weg des Vor- 
gehens unmöglich war, wenn man nicht wagte, den König als unzu- 
rechnungs^ig zu bezeichnen und zu behandeln; aber dann durfte 
auch Struensee nicht als unberechtigte Usurpirung der Staatsgewalt 
ausgelegt werden, dass er im Namen des Königs fortregierte, so lange 
es ihm gelang, diesen zur Unterschrift der ihm vorgelegten Cabinets- 
befehle zu bestimmen, zumal da er sich dabei im vollsten Einver- 
ständniss mit der Königin befand. Zu beachten ist auch noch ein 
anderer Umstand. König Christian VII. hatte einerseits schon von 
früher Jugend an Spuren eines nicht normalen Zustandes gezeigt, 
andererseits aber doch lange Zeit soviel Herrschaft über sich bewahrt, 
dass er sich als vollkommen verständiger und selbst wohlveranlagter 
Mann geben konnte; erst durch masslose Ausschweifungen war er 
allmählig soweit herabgekommen, dass er für zurechnungsfähig nicht 
mehr gelten konnte. In welchem Zeitpunkte soll nun die Regierungs- 
nnflüiigkeit desselben eingetreten sein, und konnte man Struensee 
strafrechtlich dafür haftbar machen, wenn er den psychiatrisch rich- 
tigen Moment der beginnenden Unzurechnungsfähigkeit nicht erkannte? 
Man mag es missbilligen, aber man kann schwerlich dem Manne ein 
Verbrechen daraus machen, wenn er, nachdem einmal, wie der Verfasser 
S. 263 zugibt, auf des Königs eigenes dringendes Begehren das Con- 
seil aufgehoben worden war, sich nun auch fernerhin ohne dieses zu be- 
helfen suchte, obwohl der König immer mehr der geistigen Umnachtung 
verfiel, und es Hess sich hierfür sogar die Erwägung geltend machen, 
dass der Geheimerath, in welchem des Königs Halbbruder und durch 
ihn dessen ebenso gewissenlose als herrschsüchtige Mutter die Haupt- 
rolle zu spielen hatte, den Interessen des Landes sowohl als des un- 
glücklichen Königs in hohem Grade gefährlich werden konnte. Eine 
ganze andere Frage ist natürlich die nach der politischen Correctheit 
und Zweckmässigkeit der Regierungshandlungen Struensee's, bezüglich 
deren Legalität dieser durch des Königs Unterschrift gedeckt war. 
Nach dieser Seite hin lässt sich ja nicht verkennen, dass derselbe mit 
jugendlichem Leichtsinn, ohne jede Kenntniss von Land und Leuten, 
sowie ohne alle Schonung bestehender Gefühle und Anschauungen, 
überstürzt und unbesonnen daranging, den Dänischen Staat im Sinne 
der damaligen Aufklärung zu reformiren. Aber andererseits ist doch 
auch nicht zu bestreiten, dass sein Wille gut und dass auch seine Ziele 
im Ganzen richtig waren, wenn auch, zumal in religiöser Beziehung, 
manche Schiefheit mit unterlief, und vielfach die Zeit für deren Durch- 



340 Kleine Mittheilungen. 

fühmng noch nicht reif war. Nicht minder ist auch richtig, dass 
Struensee sich wiederholte Geldgeschenke durch den König machen 
Hess, welche r>eine Uneigennützigkeit nicht gerade in das heste Licht 
rücken; aher auch in dieser Richtung lässt sich wieder eine Ent- 
schuldigung aus den Sitten der Zeit entnehmen, welche derartige 
Geschenke als ganz gewöhnlich erscheinen Hessen. 

Die dritte Anschuldigung betrifft Struensee's angebliche Mitschuld 
an dem gewaltsamen Angriff, welchen dessen Mitangeklagter Brandt 
gegen den König gerichtet haben sollte (S. 279 — 92). Sie kann hier 
unbesprochen bleiben, da sie mehr Brandt als Struensee betrifft und 
überdies historisch wenig interessant ist; doch möchte ich bemerken, 
dass auch in diesem Punkte meine Ansicht von der des Verfassers 
etwas abgeht. Dieser hält den verurtheilenden Spruch der Commis- 
sion für gerechtfertigt, meint aber, dass bezüglich dieses Vergehens 
Begnadigung am Platz gewesen wäre ; mir dagegen scheint auch hier 
wieder die Frage nach dem Geisteszustand des Königs für die Be- 
urtheilung der Schuldfrage sehr bedeutsam zu sein. War dieser geistig 
gesund, so musste Brandt*s Handanlegen an seine Person als eine 
hochverrätherische Handlung in der That erscheinen; war er aber 
geisteskrank, so mochte dieselbe That als ein vielleicht ungeschicktes, 
aber doch jedenfalls nicht hochverrätherisches psychiatrisches Zucht- 
mittel gelten. — Bezüglich der Beschuldigung einer Urkundenfälschung, 
welche der Verfasser selbst als unerwiesen und vermuthlich unbegpründet 
ansieht (S. 292 — 96), kann ich mich seinem Urtheile völlig anschliessen, 
und dasselbe gilt auch von der letzten Anschuldigung, welche auf 
die harte Erziehung des Kronprinzen und die hierdurch bedingte 
Gefährdung seines Lebens begründet war (S. 296 — 97); mit dem 
Verfasser halte ich auch in dieser Beziehung den Angeschuldigten für 
unschuldig, da er nur im Sinne der damals auftauchenden neuen Er- 
ziehungsgrundsätze, wenn auch vielleicht allzu leichtsinnig verfuhr 
und jedenfalls von jeder unlauteren Absicht frei war. Endlich wird 
man wohl auch bezüglich des grausamen Strafvollzugs mit dem Ver- 
fasser die Entschuldigung gelten lassen müssen, dass derartig grau- 
same Strafen in der betreffenden Zeit ganz allgemein gang und gäbe 
waren, und dass der einzelne Fall eben nur mit dem Masse seiner 
Zeit gemessen werden darf. 

Trotz der Bedenken, welche gegen einen Theil der Ergebnisse 
des Verfassers erhoben wurden, ist doch seiner ebenso umsichtigen 
als unparteiischen Behandlung des Falles ein sehr erheblicher Werth 
beizumessen und ist seine Abhandlung der Beachtung auch der Ge- 
schichtsforscher dringend zu empfehlen. 

Nachdem Obiges geschrieben war, brachte der V. Jahrgang der 



Zur päpstlichen Feier der Barth olomftusnacht (0. Hartwig). 341 

Tidsskr. f. Retsv. S. 189—200 einen Aufsatz des Höchstegerichts- 
assessors J. H. Thoresen, welcher den Struensee'schen Process wesent- 
lich in demselben Sinne beurtheilt wie ich. 

Konrad Maurer. 

Zur pfipstlichen Feier der BartholomSasnacht. Manche Leser 
des Aufsatzes des Herrn Professor Dr. Philippson : Die Römische Curie 
und die Bartholomäusnacht, in dieser Zeitschrift YII S. 108 u. f. 
interessirt es wohl zu erfahren, dass über die päpstliche Feier der 
Bartholomäusnacht in Rom 1572 eine Brochure erschienen ist, in der 
auch die von dem bekannten Cardinal von Lothringen dem König 
Karl IX. in den Mund gelegte Rede (Inschrift), nach welcher der König 
in Folge der ihm vom Papste gegebenen Rathschläge (consiliorum ad 
eam rem datorum, auxiliorum missorum, duodecennalium precum, 
supplicationum, votorum, lachrymarum suspiriorumque ad Deum Opt. 
Max. etc.) bei der Vernichtung der Hugenotten gehandelt habe, ab- 
gedruckt ist. Von dieser sehr seltenen Brochure, die den Titel trägt : 
Ordine della solennissima | processione fatta dal | sommo pontifice 
neir alma | citta di Roma | per la felicissima nova della destructione 
della citta ügonotaria, und die in Rom 1572 bei den Heredi d' Antonio 
Blado Impressori Camerali erschienen ist, hat sich ein Exemplar in 
der Bodleiana in Oxford erhalten. Dasselbe ist zwar schon 1877 in 
dem Werke von Charles Poyntz Stewart, Vatican influence under 
Pius V. and Gregory XIII. abgedruckt worden, aber der Ober- 
bibliothekar der berühmten Oxforder Bibliothek, Herr Edward W. 
B. Nicholson, hat ganz recht gethan, das so seltene Pamphlet photo- 
iithographisch vervielfältigt herauszugeben, so dass es jetzt Jeder für 
1 M. 50 sich in einer dem Original ganz nahe kommenden Repro- 
duction verschaffen kann. Zur Sache vergleiche man noch die Schrift 
von Hector de la Ferriöre, La Saint Barthelemy, la vieille — le 
jour — le lendemain. (Paris 1892.) S. 143 u. f. 

0. Hartwig. 



Berichte und Besprechungen. 



Neuere Literatur zur Geschichte Frankreichs im Mittelalter. 

I. Bibliographie, Quellenkunde und Hilfswissenschaften. Der 

unter den Anspielen des Französischen Cultusministeriums erscheinende 
Handschriften-Katalog^ ist im Jahre 1890 um drei nene Bände 
(XIII, XIV und XVII) bereichert worden. Der erste verzeichnet den 
Inhalt von 30 mehr oder weniger bedeutenden Bibliotheken, unter 
denen die meisten, selbst die kleinsten, theils archivalische IJocumente, 
theils historische oder literarische Sammlungen von einer gewissen Be- 
deutung enthalten. Aus dem zweiten verdient das Verzeichniss der Be- 
stände der Bibliotheken von Clermont-Ferrand und Caen besonders her- 
vorgehoben zu werden. Band XVII endlich ist ausschliesslich den an- 
sehnlichen Sammlungen von Cambrai gewidmet. Historiker und Paläo- 
graphen werden hier viele Handschriften erwähnt finden, die entweder 
durch ihren Inhalt oder durch ihre Ausstattung von Interesse sind. Noch 
vier oder fiinf Jahre, und diese Publication wird abgeschlossen vor- 
liegen. Es werden dann in einem Zeitraum von zehn Jahren 
einige fünfzig Bände erschienen sein, gewiss ein bedeutendes Resultat 
für ein amtliches, mit recht bescheidenen Mitteln ausgestattetes 
Unternehmen. 

Die Inventaires sommaires des Archives döparte- 
mentales, communales et hospitaliäres ' schreiten gleich- 
falls rüstig vorwärts. Eine üebersicht über die bis zum 28. Februar 
1891 erschienenen Bände enthalten die Archives historiques, 
artistiques, et littöraires '. Darnach wurden im Laufe des 
Jahres 1890 und in den beiden ersten Monaten des vergangenen 
Jahres folgende Bände publicirt: Ardennes tome I (A — C); Cöte d'or, 
Serie C, tome IV; Eure-et-Loir , tome VI (G. Suppl.); Ome, Serie H, 



» Vgl. DZG V, 186 Note 3; Bibliogr. '91, Nr. 2042a u. '92, Nr. 47. 
» Vgl. DZG V, p. 186. « März 1891. 



Frankreich, Mittelalter (A. Molinier). 343 

tome I; Sarthe, tome V (Sappl. zu B). Für einige Departements — 
gross ist ihre Zahl freilich nicht — sind die Inventaires bereits voll- 
endet; für alle aber oder fast für alle ist mit dem Druck derselben 
begonnen worden. 

Von der Bibliographie des travaux historiques et archöo- 
logiques S herausgegeben im Auftrage der soci^t^s savantes de 
France von R. deLasteyrie und E. Lefövre-Pontalis, erschien 
1891 das 2. Heft des 2. Bandes, von Maine-et-Loire bis Niövre. 

Die Sammlungen der Nationalbibliothek gaben im verflossenen 
Jahre zu mehreren erwähnenswerthen Arbeiten Anlass. In erster 
Linie ist A. Corda's Catalogue des factums et d'autres 
documents judiciaires anterieurs ä 1790 ' zu nennen. Der erste 
Band desselben umfasst die Buchstaben A — 0. unsere Historiker 
werden in diesen nur zu oft vernachlässigten Urkunden reiche Aus- 
beute finden. Eine Anzahl alter Texte, welche man anderwärts ver- 
geblich suchen dürfte, sind hier abgedruckt. Für die neuere Zeit 
wird das Studium dieser äusserlich wenig anziehenden Documente 
namentlich der Cultur- und Verfassungsgeschichte zu gute kommen. 

Ch. de Grandmaison bietet in einer Abhandlung über Bog er 
de Gaignieres' eine Charakteristik dieses berühmten Sammlers, 
eines Mitbegründers ier archäologischen Wissenschaft. Die von ihm 
gesammelten und dem König vermachten Kunstwerke, Handschriften 
und Documente befinden sich jetzt zum Theil in der Nationalbibliothek, 
in den Abtheilungen für Handschriften und Kupferstiche. 

lieber die Collection Moreau * erschien ein von H. Omont be- 
arbeiteter Katalog. Diese von den Gelehrten viel benützte Samm- 
lung enthält Actenstücke zur Geschichte Frankreichs, welche zu den 
Zeiten Ludwig's XV. und Ludwig's XVI. von den damaligen Vor- 
ständen des Cabinet des chartes zusammengebracht wurden. Darunter 
befinden sich in Abschrift zahlreiche Acten zur Provinzialgeschiehte, 
femer umfangreiche Excerpte aus den Archiven Londons, der ehe- 
maligen Niederlande und des Vatican, endlich der für das Studium 
der altfranzösischen Literatur werthvoUe Nachlass Lacume's de Sainte- 
Palaye. 

Ebenfalls von Omont verfasst ist ein kurzes Verzeichniss der 
die sogenannte Collection du Parlement bildenden Bände \ Diese 

' Vgl. DZG V, 186 Note 1 ; Bibliogr. '91, 2038a. 

« Paris, Plön. 1891. 8^ xj568 p. 

» BECh 51, 573-617. 52, 181-219. 53, 5—76. 

* Inventaire de la collection Moreau. Paris, Picard. 1891. 8**. xiv 
282 p. 6 fr. 

* NRH de droit, Mai/Juni 1891. 



344 Berichte und Besprechungen. 

besteht aus Abschriften und Auszügen aus den Registern des Pariser 
Parlaments, wie sie von Fouquet, Lamoignon und Anderen ge- 
sammelt wurden. Bei der selbst heute noch so schwierigen Benutzung 
der Originalregister vermögen jene Sammlungen recht gute Dienste 
zu leisten. 

Im vorigen Jahrhundert hatte die Verwaltung des Cabinet des 
chartes dem Benedictiner D. Fonteneau den Auftrag ertheilt, die 
Archive von Poitou, Aunis und der Saintonge zu untersuchen. Die 
von ihm dort angefertigten Abschriften und Excerpte liegen jetzt in 
der Bibliothek zu Poitiers. Mit der Person dieses merkwürdigen 
Localforschers beschäftigt sich eine Abhandlung delaMarsonni^re's^; 
man ersieht aus derselben, welche Stellung noch im 18. Jahrhundert 
ein einfacher, mehr strebsamer als wirklich gelehrter Geistlicher ein- 
nahm. 

Der 2. Band von B. Hauröau'sNotices et extraits de quelques 
mss. latins de la Bibl. nationale ' enthält die ausführliche Beschreibung 
von 66 Handschriften. Auch dieser Band zeichnet sich gleich seinem 
Vorgänger aus durch eine Menge zuverlässiger Nachweise und interes- 
santer Details über Werke, die weit öfter citirt als gelesen zu werden 
pflegen. Wer immer sich mit der Geschichte der Lateinischen Literatur 
beschäftigt« wird dieses Buch zur Hand nehmen müssen, und auch 
die künftigen Herausgeber des schon seit vielen Jahren in Aussicht 
stehenden kritischen Katalogs über den Fonds latin der National- 
bibliothek werden Anlass haben, sich seiner dankbarst zu erinnern. 

Der Mangel an gedruckten Katalogen für die grösseren Fran- 
zösischen Bibliotheken lässt eine Arbeit zweier Beamten der Biblio- 
thek Ste. Genevi^ve, Poiröe und Lamouroux, um so nützlicher 
erscheinen. Unter dem Titel: Les ölöments d'une grande biblio- 
thöque. Catalogue abrege de la BibliothöqueSte. Genevi^ve' 
verzeichnen dieselben die wichtigeren im Besitz dieser Bibliothek be- 
findlichen Werke. Für die Benutzer der Bibliothek, Studenten sowohl 
wie Professoren, äusserst brauchbar, wird dieses Eepertorium, ist es 
erst einmal vollendet (von 12 Heften sind bis jetzt 4 erschienen), einen 
gedruckten Katalog des grösseren Theiles der Sammlungen einer 
det grossen Pariser Bibliotheken darbieten und die Vollendung des 
Catalogue g^n^ral, an welchem schon seit mehreren Jahren rührig 
gearbeitet wird, beschleunigen. 

Da hier von den Bibliotheken die Rede ist, so erwähnen wir gleich 



1 



Les amiti^ et les ^preuves de D. Fonteneau. Poitiers, Blais. 1890. 
'' Vgl. DZG V, 187 Note 1 ; Bibliogr. '92, 46. 
■ Paris, Didot. 



Prankreich, Mittelalter (A. MoHnier). 345 

noch eine Broschüre J. Loiseleur's: Les Bibliothöques com- 
munales, historiqne de leur formation, examen des droits respectifs 
de l'Etat et des villes sur ces coUections \ Verfasser behandelt hier 
die viel umstrittene Frage des Eigenthumsreohtes an gedruckten 
Büchern und Handschriften, welche aus den Depots der Eevolutionszeit 
stammen ; er beantwortet dieselbe unter gewissen Einschränkungen zu 
Gunsten des Staates, wünscht jedoch, und in diesem Sinne werden 
ihm alle Einsichtigen beistimmen , dass der Staat seine unantastbaren 
Rechte nicht allzu rücksichtslos geltend mache. Den Anlass zur Ver- 
öffentlichung der Broschüre bot der Streit um den durch die National- 
bibliothek vom Lord Ashburnham erworbenen Fonds Libri, auf 
welchen einige Gemeindebehörden ziemlich schlecht begründete An- 
sprüche erhoben haben. 

Ferner erwähnen wir zur Literaturgeschichte bezw. Bibliographie 
noch einen langen und interessanten Aufsatz L. Delisle's über Bilder- 
bücher, die religiösen Zwecken dienten*, eine Untersuchung 
von Ch. V. Langlois über yerschiedene Formelbücher des 12., 
13. und 14. Jahrhunderts % und Roserot's noch unvollendete Biblio- 
graphie historique de la Haute-Marne^ 

Das von Ch. V. Langlois und H. Stein unter dem Titel: 
yLes Archives de l'hist. de France^' herausgegebene Buch 
wird sich sicher als äusserst brauchbar erweisen. Seinen Inhalt bilden 
Notizen über die hauptsächlichsten Bestände von Staats-, Stadt- 
und Privatarchiven, sowie Französischer und fremder Bibliotheken. 
Durch Zufälligkeiten bei Verkauf und Tausch und durch die 
Revolutionen sind die Quellen zur Französischen Geschichte dermassen 
überallhin zerstreut worden, dass man manchmal Mühe hat, den Ort 
zu ermitteln, an welchem diese oder jene alte Sammlung jetzt ver- 
borgen ist. In dieser Beziehung dürfte das neue Buch vielfach werth- 
voUen Aufschluss geben. Nimmt man nun dazu noch die beiden 
1847 und 1848 erschienenen Bände über die Departemental-Archive, 
so hat man ein nahezu vollständiges summarisches Inventar der 
archivalischen Quellen zur Französischen Geschichte beisammen. Syste- 
matische Register werden den Gebrauch des Buches wesentlich er- 
leichtern. 



' Vgl. Bibliogr. '91, 3146. 

' Livres d'images destines ä Tinstraction religieuse et aux exercices 
de pietä des la'iques. (Sep. a. Hist. litt^raire T. XXXI.) 

' Formulaires de lettres du 12., 18. et da 14. siecle. (Sep. a. Notices 
et eztraits des mss. XXXIV.) 

* B. de Champagne et Brie 1890 u. 1891. 

* Vgl. Bibliogr. '91, 3148 u. Nachrr. '91, 131. 



346 Berichte und Besprechungen. 

n. Allgem. VerfassuDgs- u. Cultop-Gesehichte. Die von Fnstel 
deCoulan^es selbst noch vorbereitete und von einigen seiner Schüler 
veröffentlichte neue Auflage seiner Verfassungsgeschichte hatten wir 
schon voriges Jahr zu erwähnen. Es erschienen seitdem zwei von C. 
Juli i an besorgte Bände (die den früher besprochenen vorangehen) 
unter dem Titel: ^^La Gaule romaine'' und „L'invasion germanique et 
la fin de l'Empire^ ^ Auf Fustel's Beispiel kann man diejenigen ver- 
weisen, welche den Werth der Kritik leugnen. Nur scheinbar nämlich 
wies der grosse Gelehrte die wider seine Ansichten erhobenen Ein- 
wendungen schroff ab, in Wahrheit verwerthete er sie sorgfältig. 
Wissenschaft und Literatur haben auf diese Weise ein ebenso treff- 
lich wie geistreich geschriebenes Werk gewonnen; man wird dasselbe 
in Zukunft ganz besonders berücksichtigen müssen. 

Nicht zu vergleichen mit Fustel's Werk ist eine Abhandlung 
R. P e t i e t's, betitelt : Du pouvoir legislatif en France depuis Tavöne- 
ment de Philippe le Bei jusqu'en 1789 *. Der Verfasser ist Jurist 
und kennt den Text der Gesetze offenbar besser als historische 
Documente; trotzdem wird seine Arbeit von einigem Nutzen sein. 

Nebenbei erwähnen wir die neue Auflage von A. Luchaire's 
Histoire des institutions monarchiques de la France 
sous les Premiers Capetiens (987 — 1180) '. Das Werk wird 
mit Recht geschätzt; der Verfasser hat bei diesem Neudruck die in 
den letzten Jahren erschienene einschlägige Literatur gebührend be- 
rücksichtigt. 

Von durchweg geringerer Bedeutung dagegen ist die Unter- 
suchung des Abbe L. Bourgain über das Kirchengut vor der 
Revolution ^ Sein Stand erschwerte dem Verfasser die unbefangene 
Beurtheilung der Frage. Die Behauptung, die Kirche sei Eigen- 
thümerin und nicht bloss Nutzniesserin ihrer Güter gewesen, erscheint 
kaum annehmbar. Man kann den Verfasser einfach auf die Juristen 
der alten Monarchie verweisen, welche fast alle dieselbe Ansicht ver- 
treten haben, von der die Gesetzgeber des Jahres 1790 ausgingen. 

J. Baissac's Les grands jours de la sorcellerie^ ist 
kein eigentlich wissenschaftliches Buch. Der Verfasser hat bisweilen 
verschiedene Zeiten durcheinandergeworfen und ist in der Benutzung 
der Quellen nicht sehr wählerisch. Gleichwohl kann man die Leetüre 

* Bibliogr. '91, 1437 u. 2158. '92, 205. Vgl. DZG V, 189. 
' Paris, Rousseau. 1891. 8°. xxviij295 p. 

» Paria, Picard. 2 Vol. 1891. 8^ xiv342 u. 383 p. 15 fr. 

* Etudes sur les bieus ecclesiastiques avant la r4volution. Paris, 
Viväs. 1891. 8°. 406 p. 6 fr. 

* Paris, Klincksieck. 1890. 8«. 740 p. 10 fr. 



Frankreich, Mittelalter (A. Molinier). 347 

des ßncbes empfehlen. Man wird hier viele interessante Notizen 
über Teufelsglanben und Hexenprocesse, welche so lange das ganze 
christliche Europa ohne Unterschied der Confession mit Schmach be- 
deckten, zusammengestellt finden. 

Mit Dank wird man die neue Auflage von Ul. Bobert's Auf- 
satz über 'die Schandmale im Mittelalter^ aufnehmen. Der 
Vei*fasser hat über diesen Gegenstand viel merkwürdiges Material 
gesammelt, welches auf dieses Gebiet der mittelalterlichen Sittenge- 
schichte ganz neues Licht wirft. 

Ebenfalls in neuer Auflage erschien L. Gautier's Buch über 
das Ritterthum ^ Aenderungen des Textes konnte der Verfasser 
nicht vornehmen, dafür aber entschloss er sich, ein ausführliches 
Register beizugeben. So werden nun auch Gelehrte das Werk sich 
nutzbar machen können. Sehr zu bedauern ist nur die etwas veraltete 
Form, welche Gautier der Frucht seiner langjährigen Forschungen 
gegeben hat. Wesshalb musste er ein auf ernsten Studien beruhendes 
Geschichtswerk zu einer Art von Dichtung gestalten? 

Der von den Brüsseler Jesuiten im Jahre 1890 veröffentlichte 
Band der Analecta Bollandiana' enthält eine stattliche An- 
zahl wichtiger Quellen zur Französischen Geschichte. In erster Linie 
das Leben und die Wunder des hl. Petrus von Murrone (Cölestin V.) ; 
sodann die Passion des hl. Desiderius, Bischofs von Yienne, das 
Leben des hl. Ludwig von Toulouse, verfasst von seinem Zeitgenossen 
Johannes de Orto, Pierre Guillen's Wunder des hl. Aegidius, die Auf- 
findung der Reliquien des hl. Eligius (1183) und endlich die Wieder- 
herstellung des Klosters Saint Mölaine von Rennes im 11. Jahr- 
hundert: alles Quellen, welche bisher gar nicht oder ungenügend 
edirt worden waren. 

In den Analecta liturgica, herausgegeben vonW.H. J. Weale^ 
sind liturgische Kalender Französischer Kirchen ebenfalls zahlreich 
vertreten : durch üzös, Langres, Angers, Ronen etc. Bekanntlich ent- 
halten diese nur zu oft geringschätzig behandelten Quellen viele be- 
acbt-enswerthe Nachrichten zur älteren Kirchengeschichte. 

Zur Geschichte der Universitäten im Mittelalter sind im Jahre 1891 
zwei wichtige Bücher erschienen: zunächst der zweite Band von 
M. Fournier's Statuten und Privilegien der Franzö- 
sischen Universitäten'. Derselbe betrifft die Universitäten 

^ Signes d'infamie au moyen-äge. Paris, Champion. 1891. 16^. 
194 p. 5 fr. 

« Vgl. BibHogr. '91, 3398. 

» Vgl. Bibliogr. '90, 3705. * Lille, Desclee. 

* Vgl. DZG V, 197 Note 2; Bibliogr. '91, 3124. 



348 Berichte und Besprechangen. 

Montpellier, Avignon, Cahors, Perpignan, Orange und Grenoble; so- 
wie die »Studia*' oder Schalen von Reims, Lyon, Narbonne, Gray, 
Alais, Pamiers, Gaillac, Albi und Nlmes, die theils nur kurze Zeit 
bestanden, theils von untergeordneter Bedeutung waren. Die am 
ersten Bande gemachten Ausstellungen hat der Herausgeber als zum 
Theil berechtigt anerkannt ; er hat grössere Sorgfalt auf die Correctur 
des Druckes verwendet, hat eine gewisse Anzahl Urkunden zweiten 
Hanges, von denen höchstens der Inhalt angegeben zu werden ver- 
diente, gekürzt und hat langathmige und ganz werthlose Formeln 
weggelassen. Mit einem Worte, dieser neue Band wird sich weit 
bequemer benutzen lassen, als sein Vorgänger, und bietet ganz ebenso 
viele bisher unbekannte Stücke und neue Nachrichten. — Der umfang- 
reiche Band, welchen der Senat der Universität Montpellier anlässlicb 
der 600jährigen Gründungsfeier dieser berühmten Universität veröffent- 
licht hat, trägt zwar die Jahreszahl 1890, ist aber erst 1891 zur 
Ausgabe gelangt; er bildet den ersten Band desUrkundenbuchs 
der Universität Montpellier * und umfasst die Zeit bis zum 
Jahre 1400. Er enthält ausgedehnte und interessante bibliographische 
Notizen, eine umfangreiche geschichtliche Einleitung aus der Feder 
des verstorbenen Akademikers A. Germain und zahlreiche Ur- 
kunden, von denen viele ungedruckt oder wenig bekannt waren. 
Leider trägt der Band die Spuren einer gewissen Ueberstürzung ; das 
lange Druckfehlerverzeichniss am Schluss beweist dies, und auch die 
Textgestaltung ist nicht gegen jeden Tadel gefeit. Bei vielen der 
abgedruckten Urkunden hätte eine kurze Erwähnung genügt, und 
durch Weglassung weitschweifiger und langweiliger Formeln hätten 
die Herausgeber den Band beträchtlich erleichtern können. Hoffentlich 
wird der zweite Band mehr befriedigen. 

Anknüpfend hieran erwähnen wir als auf das Studium der 
Medicin an den mittelalterlichen Universitäten bezüglich die schöne 
Ausgabe, welche E. Nicaise von dem Handbuch der Chirurgie 
des Gui de Chauliac^ eines der bedeutendsten Professoren Mont- 
pelliers während des 14. Jahrhunderts, veranstaltet hat. Der Heraus- 
geber hat keine Mühe gescheut, um möglichste Vollständigkeit zu 
erreichen, und hat zu diesem Zwecke alle Handschriften und Aus- 
gaben des Buches eingesehen. Seine Einleitung bietet einen trefflichen 
Ueberblick über die allmählichen Fortschritte der medicinischen und 
chirurgischen Wissenschaft vom Ende des Römischen Kaiserreiches 



* Vgl. Bibliogr. '90, 3772. 

' La grande Chirurgie de Gui de Chauliac. Paris, Alcan. 1891. 8^ 
CXCJ753 p. 28 fr. 



Frankreich, Mittelalter (A. Molinier). 349 

bis auf die Zeit Ohauliac's herab. Mag er auch vielleicht den Ein- 
fiuss der Araber etwas überschätzen, seine Ausgabe mit den werth- 
vollen Beigaben, wie sie eben nur ein Arzt bieten konnte, ist gleich- 
wohl ein schönes Buhmesdenkmal für einen der grössten Chirurgen 
des Mittelalters. 

Zur Geschichte des Bechtsstudiums verdient ein Aufsatz von 
O. Digard über Papstthum und Bechtsstudium im 13. Jahr- 
hundert ^ Erwähnung. Verfasser weist überzeugend nach, dass 
die Bulle, durch welche Innocenz lY. den Vortrag des Bömischen 
Hechtes an den Universitäten verboten haben soll, gefälscht ist. Sonst 
wird man sich jedoch den allgemeinen Schlussfolgerungen gegenüber, 
welche der Verfasser zieht, vielfach reservirt verhalten müssen. — Eine 
Dissertation von L. Stouff, De formulis secundum legem 
Bomanam a 7. saec. ad 13. saec. ' untersucht die in Frankreich 
mehrere Jahrhunderte währende Verschmelzung des Bömischen mit 
dem Fränkischen Becht: eine Verschmelzung, von welcher Spuren 
in den Formelbüchern zu finden sind und aus welcher in der Folge 
das Staatsrecht des 18. und 14. Jahrhunderts hervorging. — Die 
Abhandlung F. Au bert's über die Quellen zur Geschichte des 
Processes beim Pariser Parlament von der Zeit Philipp's 
des Schönen bis zu derjenigen Karls VTI. ^ ist ein Bruchstück aus 
dem zur Zeit in Vorbereitung befindlichen dritten Bande von des 
Verfassers Geschichte des Pariser Parlamentes im 14. Jahrhundert. 
Aubert untersucht hier nacheinander den Stilus parlamenti des Guil- 
laume de Breuil, die Ordonnances de plaidoiries von Pierre und Guil- 
laume Maucrueux und von Montagu, die Questions Jean Lecoq's, 
die Somme rurale Bouteiller's , das Grand coutumier des Jacques 
d'Abl^ges, die Practica forensis Masuer's u. a. m. Die Abhandlung ist 
werthvoU und berechtigt zu hohen Erwartungen betreiFs des zu er- 
wartenden Bandes. Für den auf Bouteiller bezüglichen Abschnitt 
konnte Aubert die von 0. de Meulenaere veröfi'entlichten Docu- 
mente benutzen, die schon im Belgischen Bericht dieser Zeitschrift 
erwähnt wurden *. Der Herausgeber selbst verwerthete sie seitdem 
auch für einen Artikel der Nouvelle Bevue historique de droit ®. 

Als zur Geschichte der Gerichtsverfassung gehörig, wären noch 
zu erwähnen eine Abhandlung von M. Deloche über den bürge r- 



» Vgl. Bibliogr. '91, 365. 
^ Vgl. Bibliogr. '92, 291. 
» BECh 51. 477. Vgl. DZG V, 191. 

* Vgl. DZG VI, 384 Note 3; Bibliogr. '91, 468. 

* Jahrg. 1891, Nr. 1. 

Deutsche Zeitschr. f. Oeschichtsw. 1892. VH. 8. 28 



350 Berichte und Besprechungen. 

liehen Tag und die Berechnungsweise der gesetzlichen 
Frist in Gallien und Frankreich von den ältesten Zeiten bis zur 
Gegenwart* und eine solche von L. de Valroger über das 
Consulat des Meeres im MA. ^ Letzteres, ans Italien stam- 
mend, fand von dort aus in Frankreich und Spanien Eingang und 
ging seit dem Ende des 14. Jahrhunderts allmählich in das Handels- 
consulat über. Die Competenz dieser Behörde erstreckte sich auf 
bürgerliche, administrative und commercielle Angelegenheiten. 

Archäologie föllt zwar eigentlich nicht in den Bereich unserer 
Aufgabe, doch möge es gestattet sein, hier wenigstens das grosse 
Werk L. Gonse's über die Gothik ^ anzuzeigen. Der Verfasser ist 
in der neueren Literatur wohlbewandert und hat es verstanden, die 
neuesten Werke über die Anfänge der Französischen Kunst im 
13. Jahrhundert geschickt zu verwerthen. Von besonderem Werth 
sind in diesem Falle die durch künstlerische und treue Wiedergabe 
ganz unvergleichlichen Illustrationen des Bandes. 

A. Blanchet's Handbuch der mittelalterlichen Münz- 
kunde * wird den Historikern wohl von Nutzen sein, ist aber Lücken* 
haft und nicht frei von Fehlern. Die Anlage des Werkes ist 
zum mindesten für die Feudalzeit verfehlt. Der Verfasser wird gut 
thun, bei einer neuen Auflage diesen ganzen Theil umzuarbeiten. 
— Zum Schluss sei noch der zur CoUection des Instructions du Comitö 
des travaux historiques zugehörigen Schrift A. de Barthelemy's 
über das Französische Münzwesen bis zur Karolingerzeit ^ gedacht. 
Dieselbe orientirt gut über ältere Arbeiten und kann als ein für den 
Localforscher recht bequemes Handbuch bezeichnet werden. 

Geschichte der einzelnen Epochen: Entstehung des Christen- 
thums« Völkerwanderung, Merovinger. Die Abhandlung des Abbe 
Duchesne über den Ursprung der Bisthümer im alten 
Gallien * entspricht dem Rufe des Verfassers. Wenn man noch in 
unserem Jahrhundert viele Geistliche die lächerlichen, von mittel- 
alterlichen Compilatoren erfundenen Legenden eifrig vertheidigen 
sieht, so berührt es doppelt augenehm, die scharfsinnigen und echt 
kritischen Untersuchungen dieses trefflichen Nachfolgers Mabillon's 
und Tillemont's über den angeblich apostolischen Ursprung der 
Gallischen Kirchen zu lesen. Das Ergebniss derselben, welches jeder 
Verständige als ein endgültiges ansehen wird, ist, dass von 150 bis 

' Vgl. Bibliogr. '91, 4084 d. 

2 Vgl. Bibliogr. '91, 2965. « Vgl. Bibliogr. '91, 3244. 

* Vgl. DZG V, 421; Bibliogr. '91, 4115 b. 

* Vgl. Bibliogr. '91, 4111. « Vgl. Bibliogr. '91, 1408. 



Frankreich, Mittelalter (A. Molinier). 351 

250 Gallien nur eine einzige Diöcese mit dem Hauptort Lyon bildete, 
dass der erste Gallische Bischof der hl. Pothin war und dass die 
übrigen Bisthümer erst im 8., 4. und selbst 5. Jahrhundert gegründet 
wurden. 

Es ist bekanntlich viel darüber gestritten worden, in welcher Weise 
die Theilung von Land und Ertrag zwischen den Gallo-Roma- 
nischen Eigenthümern des Bodens und den fremden Eindringlingen, 
den Barbaren, erfolgt sei. B. Saleilles hat es nun versucht \ diesen 
Punkt bezüglich der Burgunder aufzuklären. Seiner Meinung nach 
fand nur eine Theilung des bebauten Landes, des ager, statt; und 
diese Theilung ward thatsächlich vollzogen. Dasselbe nimmt er auch 
von der Theilung in Aquitanien zwischen den Westgothen und den 
alten Bewohnern des Landes an. 

Wir kommen nochmals auf das Buch Max Bonnet's über die 
Sprache Gregorys v. Tours' zurück. Der Verfasser beseitigt hier 
endgültig die philologische Fabel von der unversöhnlichen Feind- 
schaft des classischen und des Vulgär-Lateins. Nicht Unterdrückung, 
sondern Durchdringung der einen durch die andere fand statt. Der- 
selbe Prozess vollzieht sich zu jeder Zeit. Zu den interessantesten 
linguistischen Phänomenen des heutigen Tages gehört in Frankreich 
das allmähliche Eindringen der gesprochenen in die Schriftsprache, 
üeber die Abfassungszeit der verschiedenen Werke Gregorys und über 
seine literarische und moralische Bedeutung wird man in Bonnet's 
Buch eine Fülle werthvoller Aufschlüsse , feiner und geistreicher 
Bemerkungen finden. 

Die weitläufigen und breiten Aufsätze B 1 a d ^*s über die P y r e- 
näische Gascogne bis zum Tode Dagobert's ' und bis zur Zeit 
König Eudo's verbreiten nur wenig Licht über den so dunkeln Ur- 
sprung des ehemaligen Herzogthums Aquitanien. Der Verfasser übt 
scharfe Kritik an der Arbeit Perroud's über das gleiche Thema. 
Letztere ist zwar nicht fehlerfrei, hat aber doch zum mindesten das 
Verdienst, den Weg zu weiterer Forschung geebnet zu haben. Jeden- 
falls werden Blad^'s breite und unklare Ausführungen sie nicht in 
Vergessenheit bringen. — Was man bei Blade vermisst, die Kritik, 
findet man in den Abhandlungen C. Pfister's über die Legende der 
hl. Odilie * und B. Krusch's über die Vita des hl. Gaugerich, 



' Vgl. Bibliogr. '92, 147. 

* Vgl. DZG V, 193 Note 2. Bibliogr. '91, 1419. 

' Annales de la faculte de Bordeaux, 1890 u. 1891. 

* Le dache m^rovingien d'Alsace et la legende de Ste.-Odile. Paris, 
Berger-Levrault. 1892. 8°. 270 p. Vgl. Bibliogr. '91, 1445b. 



852 Berichte und Besprechungen. 

Bischofs von Cambray ^ Jener weist nach, dass die Legende 
frühestens aus dem 10. Jahrhundert stammt; dieser hebt das Neue 
hervor, welches die Vita für die Geschichte der Merovinger bietet. 

Karolinger. Ein kleiner Aufsatz F. Lot's über Ursprung und 
Bedeutung des Wortes „Karolinger" ^ fuhrt aus, dass dieser seit 
dem 10. Jahrhundert auftretende Ausdruck in Deutschland gebraucht 
wurde, um König und Volk von Frankreich zusammen zu bezeichnen, 
und dass das Westreich bei seinen Östlichen Nachbarn stets das 
„Bregnum Karoli" hiess. 

Die Abhandlung Ilwof's über Karl d. Grossen als Volkswirth' 
erscheint auf den ersten Blick befremdend, da ja zur Zeit des grossen 
Kaisers die Volks wir thschaftslehre noch unbekannt war. Der Ver- 
fasser bringt jedoch aus gleichzeitigen Quellen und aus den Capitu- 
larien eine Menge Thatsachen bei, aus denen hervorgeht, dass Karl in 
Verwaltung und Wirth Schafts wesen wohlerfahren war. Eine ähnliche 
.Arbeit versuchte seiner Zeit Guerard über das Capitulare „de villis*. 

E. Dümmler's Abhandlung über die Briefe Alcuin's* prüft 
diese werth vollen Documente in chronologischer und historischer 
Beziehung; sie ist des gelehrten Herausgebers dieser Briefe ganz 
würdig. 

Vor einigen Jahren hatte der Geograph Levasseur in einer 
Studie über die Rechnungsbücher des Abtes Irmino von 
St. Germain-des-Pr^s ziemlich paradoxe Ansichten geäussert : jetzt 
gesteht er seinen Irrthum bereitwillig ein^ Der Hauptschuldige ist 
aber Guerard, welcher in Folge fehlerhafter Berechnung den Umfang 
der Besitzungen der berühmten Abtei im 9. Jahrhundert viel zu 
gross angegeben hatte. Man muss zugeben, dass die Bevölkerungs- 
ziffer Frankreichs im 9, Jahrb. eine höhere war, als Levasseur früher*' 
angenommen hatte. 

Das Werk von Imbart de la Tour über die Bischofs- 
wahlen vom 9. bis 12. Jahrhundert^ ist eine tüchtige Arbeit, 
die Frucht reiflicher Erwägung und ausgedehnter Forschung. Der 
Verfasser ist dem Papstthum gegenüber vielleicht etwas zu nach- 
sichtig gewesen und hat das Masslose in den Ansprüchen Gregor's VII. 
nicht sehen wollen. Zwar muss man ihm darin beistimmen, dass 
dem Anschein nach dieser Papst und seine Nachfolger die durch 
Eingriffe der feudalen Regierung beschränkte Freiheit der Wahl 
wieder herzustellen trachteten ; aber er hat, sei es bewusst, sei es 



' Vgl. Bibliogr. '91, 1420b. « Vgl. Bibliogr. '91, 2151m. 

3 Vgl. Bibliogr. '91, 2151h. -* Vgl. Bibliogr. '91, 2146. 

^ CR 1890. « Vgl. Bibliogr. '91, 2170. ' Vgl. Bibliogr. '89, 1977. 



Frankreich, Mittelalter (A. Molinier). 353 

nnbewusst, nicht tiefer geschaut, hat es namentlich unterlassen zu 
zeigen, dass das Verfahren der Staatsgewalt bis zu einem gewissen Grade 
und trotz der daraus erwachsenen Missbräuche ein berechtigtes war. 
Ohne diesen Eingriff hätte sich wohl die bürgerliche Gesellschaft nie 
entwickeln können, und wäre wohl die christliche Welt für immer 
der Herrschaft einer internationalen Theokratie anheimgefallen. 

10. Jahrhundert. K. Schultess' „Papst Silvester IL als 
Lehrer und Staatsmann" ^ bietet eine gute Biographie Gerbert 's. 
Der Verfasser schliesst sich in den meisten strittigen Fragen den 
Ansichten J. Havet's, des letzten Herausgebers der Briefe des be- 
rühmten Staatsmannes, an. Nur in einem Punkte, der Zeit der Er- 
öfiuung der Feindseligkeiten zwischen Hugo Capet und Karl von 
Lothringen, weicht er von ihm ab. Doch hält Havet in einer Anzeige 
des Buches in der Revue Historique * seine Ansicht darüber aufrecht. 

Im Jahre 972 liess Erzbischof Adalbero von Reims durch seine 
auf dem Concil zu Mont-Notre-Dame en Tardenois versammelten 
Prälaten eine Urkunde bestätigen, die er für das Kloster Mouzon 
ausgestellt hatte. Den Text dieser Urkunde kannte man bereits aus 
dem Portsetzer des Flodoard und dem Chronicon Mosomense. Kürz- 
lich hat nun P. Lot eine alte Abschrift davon in der Nationalbiblio- 
thek * aufgefunden. Eine sorgfältige Untersuchung führte jedoch 
zu dem Resultat, dass hier nicht eine genaue Uebertragung des 
Originals, sondern nur eine unzuverlässige und von einem Fälscher 
beliebig geänderte Abschrift vorliege. Der Aufsatz enthält ausserdem 
treflliche Bemerkungen zu Richer's Bericht über das Concil zu Mont- 
Notre-Dame sowie einen Versuch, denselben mit dem des Chronicon 
Mosomense in Einklang zu bringen. 

Das Datum der Krönung der Könige Hugo und Robert war 
bisher nicht genau bekannt. Eingehendes Quellenstudium veranlasst 
jetzt J. Havet, die Angaben der seiner Zeit von Pithou heraus- 
gegebenen Chronique de Pleury zu verwerfen und die Krönung 
Hugo's zu Noyon auf den 1. Juni 987 und diejenige Robert's in 
Orleans auf den 30. Dezember desselben Jahres anzusetzen *, 

Für das 11. Jahrhundert erwähnen wir die von Wattenbach* 
herausgegebenen Latein. Gedichte einiger Französischer Geistlichen 
(Odo d'Orlöans, Bischof von Tournai, Gottfried von Reims, Baudri 
von Dol, Paganus von Angers). Es ist bekannt, dass solche schein- 
bar ganz unbedeutende literarische Erzeugnisse nicht selten werthvoUe 
historische Nachrichten enthalten. 



» Vgl. ßibliogr. '91, 2187. * RH 47, 155. « Vgl. Bibliogr. '91, 2179i. 
* Vgl. Bibliogr. '91, 2179 d. * Vgl. Bibliogr. '91, 1520. 



354 Berichte und Besprechungen. 

Eine Arbeit W. Bröcking's über die Französische Politik 
Papst Leo's IX. ^ liefert scbätzenswerthe Beiträge zur Geschichte des 
Concils von Reims und anderer Zusammenkünfte, welche im Fran- 
zösischen Reiche zum Zweck der Ausrottung der Simonie und der 
Herstellung des Landfriedens stattfanden. — Die beiden dicken 
Bände Pater Ragey's über den hl, Anselm v. Canterbury* 
haben wir früher wohl etwas zu günstig beurtheilt. Sie sind mehr 
eine Art Apologie als ein wirklich historisches Werk und die schon 
getadelte Weitschweifigkeit wirkt ermüdend. Auf die philosophische 
Seite seines Themas ist der Verfasser nicht besonders eingegangen. 
Und doch hätte S. Anselm dadurch nur gewonnen ; denn während 
das grosse Publicum für die Kämpfe des berühmten Primas von 
England mit den zeitgenössischen Fürsten nur wenig Interesse besitzt, 
kennt doch jeder Gebildete, wenigstens dem Namen nach, zwei der 
Werke dieses hervorragenden Gelehrten, das Monologion und das 
Proslogion. — Weit mehr Neues und Interessantes bringet die 
Schrift Compain's über Geoffroi de Vendöme*. Der leider 
frühzeitig verstorbene Autor entwirft ein anschauliches Bild von 
dieser eigenartigen, rechthaberischen und unruhigen Persönlichkeit. 
Geoffroi de Vendörae ist der vollendetste Typus jener Führer der 
grossen Mönchsorden , welche im 11. Jahrhundert das Papstthum in 
seinem Kampfe gegen die Staatsgewalt und auch den Weltklerus so 
eifrig unterstützten. 

12. Jahrhundert. Vacandard's Aufsatz über den hl. Bern- 
hard und das Französische Königthum^ schildert in an- 
ziehender Weise die Zwistigkeiten des Heiligen mit den Königen 
Louis VI. und Louis VII., welche die Freiheit der kirchlichen Wahlen 
beschränkten. — Von G albert's de Bruges Histoire du meurtre 
de Charles le Bon* ist eine neue Ausgabe durch H. Pirenne, 
Professor an der Universität Gent, veranstaltet worden. Der Text 
ist nach den bekannten Handschriften revidirt worden; am meisten 
Neues aber bieten die ebenso vollständigen wie genauen Anmer- 
kungen. Noch nie ist dieses ungekünstelte, eigenartige Werk des 
Flämischen Chorherrn so sorgfältig studirt und nachgeprüft worden. 

In einem kurzen Aufsatze® fuhrt A. Saint Paul aus, wie Suger 
ungeachtet der Mahnungen des Reformators von Clteaux den künst- 



* Vgl. Bibliogr. '90, 112. « Vgl. DZG V, 195 Note 3. 

' Bibl. de recole des hautes etudes^ fasc. 86. Paris, Bouillon. 1891. 
XVJ296 p. 

* Vgl. Bibliogr. '91. 2213m. » Vgl. Bibliogr. *91, 2199. 

* Comite des travaux historiques, buUetin arch^ologique, 1890, Nr. 1. 



Frankreich, Mittelalter (A. Molinier). 355 

lerischen Neigungen seiner Zeit nachgab, als er die Basilika von 
S. Denis erbaute und ausschmückte. — Sehe ffer-Boic borst ^ 
berichtet auf Grund ungedruckter Urkunden über einen bisher un* 
bekannten Feldzug Friedrich Barbarossa's gegen Burgnnd (1167 
bis 1168). 

H. Delahaye verdanken wir eine Biographie des Peter von 
Pavia, Cardinais S. Ghrysogoni und sp&ter von Tasculum, Legaten 
Papst Alexander's III. in Frankreich und Deutschland, welcher in 
Languedoc gegen die Albigenser predigte'. 

A. Cartellieri ' weist nach, dass Philipp August nicht, wie 
Delisle glaubte feststellen zu können, zu Gonesse, sondern in Paris 
selbst und zwar wahrscheinlich im Stadtschloss geboren wurde. — 
Endlich veröffentlicht L. Delisle eine Abhandlung über eine jüngst 
in London entdeckte und von der Pariser Nationalbibliothek er- 
worbene Französische Chronik \ Dieselbe wurde um 1216 in Nord- 
frankreich geschrieben und darf jener interessanten Normannischen 
Chronik, welche einst Fr. Michel herausgab, wohl an die Seite ge- 
stellt werden. Ihr Verfasser scheint ein einfacher Bürger, vielleicht 
aus B^thune, gewesen zu sein. Sie wird demn&chst im 24. Bande der 
Historiens de France abgedruckt werden. 

Die Geschichte des 13. Jahrhunderts wird zur Zeit ziemlich 
vernachlässigt; die Vorliebe der Forscher wendet sich den beiden 
folgenden Jahrhunderten zu. Zur Geschichte Ludwig's des Heiligen 
haben wir nur einige kurze Aufsätze zu erwähnen : an erster Stelle 
einen solchen P. Viollet's über die Verordnung vom Jahre 1245 
wegen der Schulden der Kreuzfahrer*, sodann eine Untersuchung 
von Schuermans ° über A m y o t auf dem Concil zu Trient, in 
welcher nachgewiesen wird, dass diese Versammlung die sogenannte 
pragmatische Sanction Ludwig's des Heiligen für vollkommen rechts- 
gültig erklärte. Ferner veröffentlichte R. Sternfeld ' einen inter- 
essanten Bericht des Gui Foucois, des späteren Clemens IV., an 
Alphons von Poitiers über Lehenszugehörigkeit des Gebietes von Sault 
in der Provence (1251). — Weiter erschien von P. Delalain eine 
Schrift über die Pariser Buchhändler des 13. und 14. Jahr- 



1 In den MIÖG. Vgl. Bibliogr. '91, 1482. 

2 Vgl. Bibliogr. '91, 1484. 

' La naissance de Philippe-Augnste. RH 47, 309. 

* Sur un ms. acquis ä Londres pour la Bibl. nat. CR '91, 3. April. 

* Vgl. Bibliogr. '91, 2213 n. 

^ Amyot au Concile de Trente. R. de Belgique 1891. 

' Ein ungedr. Bericht aus d. Arelat vom J. 1251. NA 17, 214—9. 



356 Berichte und Besprechungen. 

hunderts\ die aber lediglich das von H. Denifle und Chätelaia 
herausgegebene Quellenmaterial verwerthet; erwähnenswerth ist ein 
Verzeichniss der bisher bekannt gewordenen Stationarii von Paris. — 
Der Abbö Douais veröffentlichte einige Urkunden aus dem 13. Jahrh., 
verschiedene Albigenser betreffend ^, und M. Perrod druckte 
nach mehreren modernen Abschriften (das Original ist schon lange 
verloren) das Testament des berühmten Guillaume des Saint-Amour 
ab^ H. Moranville endlich behandelte in einem kurzen Artikel die 
verkürzte Ueber arbeitung der Chronik des Guillaume deNangis^. 
Eine Handschrift dieses Auszuges, der übrigens kein besonderes histo- 
risches Interesse besitzt, hatte schon L. Delisle im Vatican aufge- 
funden. Moranvillö entdeckte eine zweite, genauere, die nicht so wie 
die Römische durch grobe Schreibfehler entstellt ist, in der Pariser 
Nationalbibliothek. 

Sanesi's Abhandlung über Johann von Procida und die 
Sicilianische Vesper"' lässt diesen vermeintlichen Italienischen 
Freiheitshelden in einem recht seltsamen Lichte erscheinen ; im Grunde 
war er nur ein gewissen- und ehrloser Abenteurer. Es ist eine Freude, 
eine Italienische Arbeit über die Sicilianische Vesper verzeichnen zu 
können, die sich von Verherrlichungstendenzen freihält. — Sehr sorg- 
fältig gearbeitet und, wie es scheint, abschliessend, ist ein Aufsatz 
Lecoy's de la Marche über den Feldzug der Franzosen 
nach Aragonien im Jahre 1285 ^ Leider hat der Verfasser den 
unglücklichen Gedanken gehabt, diesen unklugen und lächerlich durch- 
geführten Feldzug um jeden Preis rechtfertigen zu wollen, und er 
zeigt eine auffällige Schärfe gegen einen der tüchtigsten Gelehrten 
aus der jüngeren Französischen Schule, Ch. V. Langlois. Die recht 
unbedeutenden Irrthümer, die er in dessen Geschichte Philipp's III. 
rügt, vermögen den Werth dieses ausgezeichneten Werkes nicht 
nennenswerth zu mindern. — Zu erwähnen ist hier endlich noch ein 
Aufsatz V. Zeidler's über eine Deutsche Redaction der Legende 
des hl. Ludwig von Anjou, Bischofs von Toulouse \ 



> Vgl. Bibliogr. '92, 483. 

' Les heretiques du Midi au 13. s. ; cinq pieces inedites. Annalee du 
Midi, Juli 1891. 

• Testament de Quill, de Saint-Amour 1272. Archives historiques, 
artistiques et litt^raires, Mai 1891. 

^ Le texte latin de la ehren, abr^gee de Guill. de Nangis. BECh 51, 
652-659. 

* Vgl. Bibliogr. '91, 400. 

« L'exp^dition de Philippe le Hardi en Catalogne. RQH 49, 62—127. 
' Vgl. Bibliogr. '91, 544. 



Frankreich, Mittelalter (A. Molinier). 357 

Ueber die Regierungszeit Philipp*s des Schönen sind im Be- 
richtsjahr^ mehrere wichtige Arbeiten erschienen: zunächst Ch. V. Lang- 
lois* Aasgabe von Pierre Dubois' Abhandlung De recuperatione 
terre sancte *. Diese Denkschrift, die sich in der grossen Bongars- 
sehen Sammlung ganz verlor, handelt weniger vom heiligen Land 
als von der Beform der Europäischen Gesellschaft. Pierre Dubois 
war seiner Zeit weit voraus geeilt und musste daher seinen Zeit- 
genossen als ein Schwärmer erscheinen; keine der von ihm vorge- 
schlagenen Reformen war für die Fürsten des 14. Jahrhunderts an- 
nehmbar. Seine Abhandlung liest sich darum nicht weniger inter- 
essant. Darf man Dubois auch nicht als einen Vorläufer der Fran- 
zösischen Revolution bezeichnen, so kann man ihn doch einigen der 
Reformatoren des 16. Jahrhunderts vergleichen. 

Den cursus bonorum eines der Räthe Philipp's des Schönen gibt uns 
Langlois' kleiner Aufsatz über Po ns d'Aumelas*. Die administrative 
Laufbahn desselben können wir hier ziemlich gut verfolgen. Bisher hatte 
man aber auf eine Angabe Boutaric's hin angenommen, dass er auch 
schriftstellerisch, und zwar über dieselben Gegenstände wie Pierre 
Dubois thätig gewesen sei. Langlois erklärt jedoch, von solchen 
Schriften bisher nicht die geringste Spur gefunden za haben. Eben- 
falls aus Langlois' Feder stammt ein werth voller Artikel über die 
Templer', in welchem die Anklagen gegen den berühmten Orden 
einer kritischen Prüfung unterzogen werden. Ohne die Opfer Philipp's 
des Schönen von jeder Schuld freisprechen zu wollen, besteht doch 
Langlois mit Recht darauf, dass das Process verfahren, welches ihre 
Verurtheilung zur Folge hatte, ein gewaltthätiges war. 

14. Jahrhundert. In unserem letzten Literaturbericht zeigten wir 
eine Arbeit Pirenne's über die Schlacht bei Courtrai an *. Die 
Ergebnisse, zu denen dieser Belgische Gelehrte gelangt ist, sind jetzt 
von Fr. Funck-Brentano ^ einer gründlichen Kritik unterzogen 
worden. Nach eingehendem Studium aller Chronisten und nach Ver- 
gleichung ihrer Berichte mit einigem urkundlichen Material glaubt 
der junge Gelehrte behaupten zu können, dass General Köhler und 
der ihm folgende Pirenne auf einen ganz falschen Weg gerathen 
sind und man zu der von Pirenne als Sage bezeichneten Französischen 
Version wieder zurückkehren muss. Demgemäss würden die Flamänder 
dadurch gesiegt haben , dass sie die Französischen Ritter in die 



» Vgl. Bibliogr. '91, 2266. 

" Pens d'Aumelas. BECh 52, 259—64. 

» Vgl. Bibliogr. '91, 1510. * Vgl. DZG V, 197. 

* Vgl. Bibliogr. '92, 372 a. 



358 Berichte und BesprechungeB. 

Gräben bei Courtrai lockten. Die BeweisföhruDg Funck-Brentano*s 
scheint schlagend und unwiderleglich zu sein. 

Für diejenigen Historiker, welche sich mit den Anfängen des 
hundertjährigen KriegesheschlSkfügienf dürfte die von M.Thompson 
in Bolls-Series veranstaltete neue Ausgabe^ des Adam von 
Murimuth, des Robert von Avesbury und des Geoffroi Le 
Baker de Swynebroke von nicht geringem Nutzen sein. Diese 
Chroniken, ganz besonders aber die zweite, sind äusserst wichtig für 
die Geschichte der ersten Feldzüge Eduard's III. und seiner Befehls- 
haber auf dem Festlande. Adam^s Bericht endigt schon mit dem 
Jahre 1346, diejenigen Bobert's und Gottfried's dagegen reichen bis 
1356. 

Derselben Zeit gehören die interessanten Processacten an, mit 
denen sich Lecoy de la Marche beschäftigt hat^; es handelt sich 
um eine gerichtliche Untersuchung, welche Peter IV. von Aragonien 
gegen seinen Schwager Jakob IL, König von Majorka und Grafen von 
BoussilloD, einleiten Hess, indem er ihn beschuldigte, inPerpignan 
eine Falsch münzer Werkstatt errichtet zu haben. Dies war übrigens 
nur eine Episode aus dem scandalösen Process, welchen der Spanische 
Monarch gegen seinen unglücklichen und ungeschickten Verwandten 
anstrengte, ein Process, welcher schliesslich mit der Entthronung 
König Jakob's endigte. 

Manche bemerkenswerthe Notiz zur Französischen Geschichte 
bieten auch die von A. Gabrielli herausgegebenen Briefe Cola*s 
di Rienzi'. Es ist bekannt, wie dieser berühmte Tribun feierlichst 
die Rechtmässigkeit der Ansprüche eines gewissen Abenteurers Giannino 
di Guccio anerkannte, welcher behauptete, der in jungen Jahren ver- 
storbene König Johann I., Sohn des Louis le Hutin, zu sein. 

In einer Mittheilung an die Acad^mie des Inscrr. *■ macht S. Luce 
einige nähere Angaben über Longueil Sainte -Marie, einen Ort 
bei Compiögne, der durch die heldenmüthige Vertheidigung des Gull- 
laume Laloue und seiner Gefiihrten nach der Niederlage von Poitiers 
berühmt geworden ist. — M. Prou*^ veröflFentlicht einige Urkunden 
über den sogenannten „Erzpriester", jenen Banden führer, dessen 
Geschichte Cherest vor einigen Jahren geschrieben hat. — Die von 



' Vgl. DZG II, 495. IV, 166; ßibliogr. *90, 940. 
' L'atelier monetaire de Jacques II. etc. a Pergignan. Acad^mie des 
inscriptione 24. April 1891. 

» Vgl. Bibliogr. ^90, 2938 u. '91, 412. 

* Note 8ur le ,lieu fort* de Longueil Ste.-Marie, pres de Comi)iegne 
14. August 1891. 

* Docc. nouveaux sur l'Archipretre. Annales du Midi Juli 1891. 



Frankreich, Mittelalter (A. Molinier). 359 

E. Teilhard ^ untersuchte und z. Th. abgedruckte Registratur des 
Bartheiemi de Noces (1374 — 1377) und die von A. Joubert * 
herausgegebenen Bechnungsbücher des Mace Dame liefern einige 
Details über die Verwaltung der Auvergne durch Jean de Berry und 
Anjou's durch Louis d'Anjou. Welche politische Rolle diese beiden 
Brüder KarVs V. zu ihrer Zeit spielten, ist hinlänglich bekannt. — 
In dieselbe Zeit fallen auch die meisten der von J. A. Brutails 
publicirten Aetenstücke '. Viele derselben sind Secousse unbekannt 
geblieben. Sie werfen einiges Licht auf die politischen Beziehungen 
des Französischen Hofes zu König Karl dem Bösen von Navarra. 

Von N. Valois wurde ein wichtiger Tractat des berühmten 
Honor^ Bonet, Priors von Salon, entdeckt und untersucht *. Unter 
dem Titel ,Somnium super materia scismatis" gibt der Verfasser 
Mittel und Wege an, welche nach seiner Meinung eine Beseitigung 
der unheilvollen Spaltung, unter der die Christenheit leidet, herbei- 
führen könnten. Der Name des Verfassers, eines Freundes und Ver- 
trauten hervorragender Persönlichkeiten seiner Zeit, verleiht dem 
Werk ein gewisses Interesse. 

Für die Regierungszeit Karl's VL können wir diesmal nur zwei 
Publicationen anführen: Erstens die Ordonnance cabochienne 
(Mai 1413), welche A. Coville nach einer bisher nicht benutzten 
Handschrift veröflPentlichte * , und zweitens Remontrances de 
Tuniversit^ et de la ville de Paris k Charles VL, deren 
Herausgeber H. M o r a n v i 1 1 ^ ist *. Erstere trat zwar nie in Kraft, 
doch liefern die Vorschriften und Verbote, welche sie enthält, manchen 
Nachweis über die Organisation der Verwaltung und die politische 
Lage Frankreichs zu Beginn des 15. Jahrhunderts. Die Bemon- 
trances sind um einige Monate älter (sie wurden Karl VI. am 
9. Febr. 1413 vorgelesen) und legen die Ideen dar, welche die hohe 
Pariser Geistes- Aristokratie von der Durchfühning der Reformen hatte. 
Diese Reformen wurden durch die vom Pöbel hervorgerufenen Un- 
ruhen bald wieder in Frage gestellt. 

Grösser ist die Zahl der Werke über Karl VII. Hier ist zu- 
nächst die Ausgabe der Chronique d'Arthur de Richemont des 

1 liECh 52, 220-58; 517—72. 

' Etüde 8ur lee comptes de Mac6 Dame, maitre des ceuvres de Louis I. 
(1367—76). Angers, Germain et Grassin. 1890. 97 p. 

' Docc. des archives de la chambre des comptes de Navarre [1196 
bis 1884]. (Bibl. de Tecole des hautes ^tudes, fasc. 84). Paris, Bouillon. 
1890. XXXVJ204 p. 6 fr. 

* Annuaire-Bull. de la soc. de Thist. de France 27, 193. 

^ Paris, Picard. 1891. xij207 p. 3 fr. 50. « BECh 51, 420—42. 



360 Berichte und Besprechungen. 

Guillaume Gruel, fiir die Soci^te de Thistoire de France von A. Le- 
vavasseur besorgt ^ zu erwähnen. Der dargebotene Text ist besser als 
derjenige Th. Godefroy's, aacb machen reichhaltige Anmerkungen und 
eine gute Einleitung die Ausgabe empfehlenswerth. — Unter dem 
Titel: Die La Tremoille während fünf Jahrhunderte* ver- 
öffentlichte der Herzog von La Tremoille den 1. Band eines 
Werkes, welches bestimmt ist, die Lebensweise seiner Vorfahren vom 
Ausgange des Mittelalters bis zur Gegenwart zu schildern. Hier 
werden Gui VL und Georg L (1343 — 1436) behandelt. Von beson- 
derem Interesse ist die Persönlichkeit des Letzteren. Georg war be- 
kanntlich der Günstling KarPs VII. und übte im Kath desselben 
einen Einfluss aus, der nur zu oft verhängnissvoll wirkte. Der 
Herausgeber hat nicht den Versuch gemacht, die Fehler seines Vor- 
fahren zu bemänteln. Die von ihm mitgeth eilten Actenstücke werden 
Allen, welche sich mit der Geschichte des 15. Jahrhunderts beschäftigen, 
von Nutzen sein. 

Die Sendung der Jeanne d^Ärc bildet nach wie vor den Gegen- 
stand gelehrter Forschung ; gleichwohl können wir diesmal nur eine 
allgemeine Geschichte der Helden Jungfrau verzeichnen: M. Sepet's 
Buch, das 1885 zuerst erschien und jetzt iu 3. Auflage vorliegt '. 
Gegenüber der stark apologetischen Tendenz, welche das Werk ver- 
folgt, wird man sich wohl einige Zurückhaltung auferlegen müssen ; den 
Verfasser hindert eben seine sonst höchst achtungswerthe Üeberzeugung, 
Ereignisse unbefangen zu beurtheilen, welche nach seiner Ansicht 
wunderbare sind. Sonst aber kann man das Buch als eine inter- 
essante Zusammenstellung dessen, was über die Herkunft und die 
Thaten der Jungfrau bekannt ist, bezeichnen. 

Was von Englischer Seite über Johanna gesagt ist, fasst 
Dronsart in einem im Correspondant * abgedruckten Artikel zu- 
sammen. 

De Pimodan stellt in der E. de Champagne et de Brie * Un- 
tersuchungen an über den Weg, welchen die Jungfrau am ersten 
Tage nach ihrem Aufbruch von Vaucouleurs nahm. 

Endlich lieferten J. C. Chapellier*' eine historisch-geographische 



* Paris, Laurens. 1891. xc322 p. 9 fr. 

2 Nantes, Grimaud. 1890. 4^ xxiij 318 p. 

= Tours, Marne. 1890. 600 p. 15 fr. * 25. August 1891. 

^ Januar 1891. Auch sep. u. d. Titel: La premiere etape de Jeanne 
d'Arc. Paris, Champion. 59 p. 2 fr. 50. 

® Etüde bist, et geogr. sur Domremy. (Sep. a. Bull, de la soc. philo- 
math. vosgicnne.) St.-Die, Humbert. 49 p. 



Frankreich, Mittelalter (A. Molinier). 361 

Arbeil über Domremy, C. de Vassal ^ eine anzieheDde Darstellung 
der Schlacht von Patay (1429), und M"* de Villaret* einen kleinen 
Aufsatz über den Pagen Johanna's, Louis de Coutes, bisher Louis 
de Contes genannt , der einer angesehenen Familie aus der Gegend 
von Chartres entstammte. 

Die Zeit Karl's VII. betrifft auch eine in der Academie des Inscrr.' 
gemachte Mittheilung S. Luce's über Louis d'Estouteville, den 
Bastard von Orleans, und die Vertheidigung von Mont-Saint-Michel ; 
ferner eine Abhandlung von M. Perret * über die Gesandtschaft des 
Abtes von St. Antoine de Viennois und des Alain Chartier nach 
Venedig im Jahre 1425, und endlich ein Aufsatz DelachenaTs über 
die Bückkehr der Burgundischen Räthe in das von Karl VII. in 
Paris wieder errichtete königliche Parlament. Diese Rückkehr war 
eine Folge des Friedens von Arras ^. 

Regierung Ludwig*s XL Die für diese Periode so wichtige 
Ohronique scandaleuse wurde früher einem sonst unbekannten 
Jean de Trojes, später dem Greffier des Pariser Stadthauses Denis 
Hesselin zugeschrieben. Kürzlich hat nun B. de Mandrot^ diese 
beiden Annahmen als unhaltbar verworfen und mit Hilfe der von 
ihm entdeckten Originalhandschrift des Werkes nachgewiesen, dass 
der wahre Verfasser Jean de Roye, Secretär des Herzogs von Bourbon, 
war. Eine Ausgabe dieses werthvollen, bisher schlecht gedruckten 
Werkes bereitet M. fiir die Societe de Thistoire de France vor. 

Ein Aufsatz Perret's über Boffile de Juge, Grafen von Castres^ 
vervollständigt das, was bislang über diesen Italienischen Abenteurer, 
den Günstling und bösen Geist Ludwig's XL, bekannt geworden ist. 
Boffile war eine Persönlichkeit ohne alle Moral. Der König liebte 
es, ihn mit der Ausführung böser Pläne zu beauftragen. Sein Lebens- 
abend ward ihm verbittert durch Zwistigkeiten mit seiner Tochter 
Louise de Juge; seine Familie verlor zuletzt auch die Gra